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jungen Werthers
Leiden und Freuden
erthers des Mannes
Voran und zuletzt ein Geſpraͤch. |
Berlin, 25 bey Friedrich Nicolai, 177 5. | a
4 18 A
Sefpräß.
Perſonen: Sanns. Ein Juͤngling.
Martin. Ein Mann.
Geſpraͤch.
's, der Henker hohl ein Buch, die Lei⸗ den des jungen Werthers, ſagte Hanns, 's dringt dir durch Mark und Bein, jede Ader ſchwillt dir, und 's Gehirn funkelt dir, daß du gleich auf moͤchteſt —
Ja freylich, 's fo ein Buch, ſagte Mar⸗ tin, wer es geſchrieben hat, kann ſich ruhig. auf's Haupt legen, und fürchten nicht, daß über hundert Jahr 'n beleſner Toͤlpel davon ſchwatze: s iſt euch ein rar Buch, ihr Leute, ſeit neun und neunzig Jahren, hat kein Menſch davon was gehoͤrt und geſehn.
A 3 Hanns
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Hanns war ein und zwanzig Jahr alt, und Martin zwey und vierzig.
Hanns fuhr fort: Was das fuͤr n Junge war, der Werther. Gut, edel, ſtark. Und wie fie in verkannt haben. Da kamen die Schmeisfliegen, festen ſich auf 'n, be ſchmitzten alles was er that. Und auch Al⸗ bert, fein Freund, verkannt 'n, konnt ' eifer⸗ füchtig werden. Ach was hat der Albert nicht auf ſich! Moͤcht nit Albert fein, um al ler Welt Güter nit!
mM. Du nicht Albert? Hör Hanns, du khaͤt ſtn groſſen Sprung wenn du Albert wuͤrd'ſt. War Albert nicht der redlichſte, unbeſcholtenſte, nuͤtzlichſte Mann, der Lotten von ganzer Seele liebte? Sollt' er etwan ganz geruhig zuſehen, daß ein andrer bey ſeiner Frau den ſterblich verliebten ſpielte, ihr den
Kopf
Kopf umkehrte, und ſie in der Leute Maͤu⸗ ler brachte. Was hat denn wohl Albert ge⸗ than, warum du nicht Albert ſeyn moͤchteſt?
2 's ja en Greuel, haſk nicht geleſen, wie 'r eiferſuͤchtig war, wie er Lotten ſpitze Reden ) gab, als er den armen Werther in aller Unſchuld bey er fand.
M. So? haſt niemanden ſpitze Reden gegeben, wenn dir der Kopf warm war? Hatt Werther nicht auch 'n Kopf? Und gabs ihm 's ſchwarze Blut nicht gar ein, daß er Alberten ermorden wollte,) und Lotten dazu? Darf Werther alles, und Al⸗ bert nichts? das wollt Werther felbft nicht. ) Ne, Hanns! Dein Held mag Werther ſeyn, mein Held iſt der Autor. 325 i ee ee
S. die Leiden des jungen Werthers S. 134. 9 S. 187: ſ. auch S. 147. 12 S. 73.
8 — —
5. Da fieht man's, biſt 'n alter, kalter, weiſer Kerl, der mit Werthern und mit ſei⸗ nen Leiden nicht ſympathiſiren kann, liebſt nit in jungen braven Buben, voll Feu'r und Leben, und wilſt 'n ſteifen, trocknen Aktenkraͤmer loben, wie Albert.
‚HT. Alſo bin ich fo kalt? Hab' dir g'ſagt, daß ich 'n Autor bewundere, und ſollt' nicht Werthers Charakter bewundern, der des Au⸗ tors Meiſterſtuͤck iſt? Wer kann dieſem feu⸗ rigen edlen Charakter Bewunderung und Liebe, und ſeinem Schickſal, zumahl, wenns fo meiſterhaft erzählt, fo lebhaft dargeſtellt wird, feine Thraͤnen verſagen? Meinſt' nicht, daß ſich mir das Blut im innerſten Herzen bewegt hat, als ich las, wie er neben Alber⸗ ten gieng „pflückte Bluhmen am Wege, fügte »fie ſehr forgfältig in einen Strauß und — „warf fie in den vorüberfließenden Strom,
„und
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„und ſah ihnen nach, wie ſie leiſe ae N „walften N *) *
5. Wenn du denn Werthern liebſt, ſiehſt nicht, wie gut's war, wir waren alle fo wie Werther, unſerer Kraͤfte uns bewuſt, und brauchten unſere Kräfte fo weit's gienge, und keiner ließe ſich durch n und Wobiſtand modeln. 5
M. Schau Hanns, dazu hat, wenn ich's recht ſehe, der Autor die Leiden des jun⸗ gen Werthers nicht geſchrieben, dir und dein 's Gleichen nicht. Er kennt euch beſſer, ihr jungen Burſchen (Hanns, biſt auch einer davon,) die ihr itzt eben pfluͤcke ſeyd, und an⸗ fangt, aus der hohen Schule in d' Welt zu gucken. Euch Kerlchen iſt nichts recht, alls wißt ihr beſſer, was der Welt nüt moͤgt
“ S. 78.
10 — 0)
ihr nicht lernen, denn 's wäre Brodwiſſenſchaft, eingefuͤhrter guter Ordnung wollt ihr euch nicht fügen, denn's wäre Einſchraͤnkung, was andre thun moͤgt ihr nicht, wollt Originale ſeyn, wollt 's anders haben, 's lange gnug fo geweſen, was kuͤmmern euch Geſetze und Ord⸗ nungen und Staaten und Reiche und Koͤ⸗ nige und Fuͤrſten; praͤtorianiſche Garden wollt ihr haben, und 'n biß'l Fauſtrecht, und Keulen und Voͤlkerwanderungen, da waͤr noch 'ne Selbſtſtandigkeit ine n Menſchen, gaͤng' doch fein kunterbunt. Sa! Sa! waͤrs nicht n Leben, wenn ihr denn ſo zuſehn koͤnntet, wie das alles paſſirte, und ließt eure winzige Seel: chen drob erſchuͤttern, und koͤnnt t ſchreyen: He! da iſt Kraft und That! Ja traun zu⸗ ſehn und drob ſchreyen wuͤrdet ihr Bürſch⸗ chen, und nichts weiter! Denn was auch in der Welt vorgienge, ihr thaͤtt nichts, s 111 in euren lappigen Maͤußlein keine
Schnell⸗
11
Schnellkraft, noch Feſtigkeit in euren leeren Geiſtern. Plaudert da viel von Kraft und Staͤtigkeit, und ſeyd arme laͤßige herumtrol⸗ lende Flittchen. Habt en weidlich Geſchwaͤtz, von Einſchraͤnkung und Modelung, und Po⸗ lirung und Nachahmung, und doch gaͤbt ihr nicht in Polſterchen von eurem Sorgeſtuhle, noch 'n Schleifchen von eurem Haarbeutel weg, daß 's anders wuͤrde. Euch Pupp⸗ chen wuͤrd's auch frommen, wenn's Fauſt⸗ recht gaͤlte, muͤſt't ja ausm Lande laufen. Daß ihre Springinsfelde, Werther wurdet, damit hat's nicht Moth, dazu habt er n Zeug nicht. Aber wohl könnt am guten Wer⸗ ther von weitem ſehen, wohin's führen muß, wenn einer auch beym beſten Kopfe und beym edelſten Herzen, immer einzeln fuͤr ſich ſeyn, immer Kräfte anſtrengen, und immer dabey außerm Gleiſe ziehen will. Wenn dabey Kraft und Staͤtigkeit in der Seel iſt, (iſt die
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aber nicht da, fo ifts eitel laͤcherlichs) und ein Ungluͤck ſtemmt ſich dawider, wo will da Troſt oder Entſchluß herkommen, muß da nicht, wie der Autor vortrefflich ſagt: „die „ganz in ſich gedraͤngte, ſich ſelbſt ermangelnde, „und unaufhaltſam hinabſtuͤrzende Creatur, in „den innern Tiefen ihrer vergebens aufarbei⸗ „tenden Kraͤfte knirſchen? .,) Das würd’ euch nicht frommen, ihr Füllen die ihr Roſſe wollt ſeyn, eh's Zeit iſt! Zieht denn nur ruhig am Seil wo ihr geſpannt ſeyd und laßt euch füttern, waͤhnt nicht, daß 's euch im Walde beſſer wär.
BH. Haft ausgeredt, Prediger? dir deuchts wohl, jeder gienge geblendet im Zirkel wie 'n Roß in 'r Muͤhle, und daͤcht' nicht eins: Auf und davon, jenſeit iſt Licht und 'n freyer Spring So dacht' Werther, und ließ die Welt,
„) S. 160.
13 Welt, wie's nicht mehr gieng. Wars nicht 'n großer Streich? He? ö
mM. n großer Streich? wenn du en thaͤt ſt Hanns, ich ſagt', hättſt dich uͤbertroffen!
H. Geh, haſt nur ne halbe Seele, 's lo⸗ dert nur n ſchwaches Fünkchen himmliſchen Feuers in dein r engen Bruſt. Spott ſt uͤber Edelthat. „Daß ich dieſen Kerker ver⸗ laſſen kann, wenn ich will) iſts nicht 'n ſuͤſ⸗ ſes Gefuͤhl von Freyheit? Kannſt's laͤugnen?
m. Waͤr der Koͤrper der Seele ein Ker⸗ ker, nicht ein noͤthiges Werkzeug, jo moͤchts drum ſeyn, aber —
B. Aber Menſch, biſt kalt wie n Stein. Muſt nicht Werthern betauern, inniglich im Herzen betauern? M.
) S. 19. |
14 — —
mi. Betauern? Ja. Lieben und betauern! Wo ſo viel’ edle Kräfte, bloß zur unruhigen Laͤßi gkeit?) verwendet, ungenutzt ver: modern,“) wenn, der ſo viel wichtige Zwecke ſehn und erfüllen konnte, tobender endloſer Leidenſchaft ) folgt, bis Natur unter Anſtrengung erliegt, wer wird da nicht be⸗ tauern! — Aber bloß betauern? Was meinſtu, Wenn Werther den Menſchen im ſchlechten grunen Rocke f) der zwiſchen den Felſen Bluhmen ſuchte, anſtatt der Bluhmen, mit der Piſtole in der Hand gefunden haͤtt', wie er fich eben die Mündung übers rechte Aug an die Stirn druckte, rt) haͤtt' er da ruhig war⸗ ten ſollen, bis der Schuß geſchehen waͤre, hernach die Achſeln zucken, und ſagen: „der „Menſch hat das Maaß ſeines Leidens nicht „ausbauen konnen tf). |
5 S. 96. 9 S. 14. 2.9 S. 100, *) S. 183. ++) S. 80. 47 S. 25.
een er 5. Ey nu ja freylich —
M. Ey nu ja freylich! Was Werther einem andern ſchuldig war, war ers nicht vielmehr ſich ſelbſt ſchuldig? —
S. Steht er nicht da, und ſpricht weiſe wie 'n Buch! Als wenn Werther beym Sturme ſeiner Leiden haͤtte ſo vorſichtig han⸗ deln koͤnnen. Da ſtirbſt einer am hitzigen Fieber. Sagſt nicht auch Menſch, wie Lu⸗ as in der Komödie: Warum hat er ſich doch nicht kuriren laſſen! Haͤtt der Thor nicht warten koͤnnen, er ſtarb ſo ſchnelle.
M. Gut, daß du geſtehſt, daß der Menſch, der feinen Körper zerſtoͤren will, ſich in einem eben ſo unnatuͤrlichen Zuſtande befindet, als der ein hitziges Fieber hat. Aber ich ſage dem Kranken nicht, warte, eh du ſtirbſt, bis ſich
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16 — —
deine Saͤfte verbeſſert, dein Blut gekühlt,
deine Kraͤfte erhohlt haben.) Ich ſage: Freund! liegſt in einer engen Stube voll fau— ler Duͤnſte, oͤfne's Fenſter, draußen iſt's lie⸗
ben Gottes reine Luft die alle Creaturen er quickt, trink 'n Julep der dein Blut ab: fühle, nimm in Chinatrank, der Faͤulniß hindert und Kraft giebt. Dieß war Wer⸗ ther auch ſich ſelbſt ſchuldig. Die ganze
Welt lag ja vor ihm. Und war er, der edel⸗
ſten einer, der Welt nichts zu leiſten ſehul⸗ dig? Warum wollt' er einzeln ſeyn. Wenn
ihn Menſchen haben mochten, ſich an ihn haͤngten, deren Weg nur ſo eine kleine
Strecke mit ſeinem gieng, ) warum
ſchlendert' er nicht ihren Weg mit ihnen eine Strecke weiter, bloß weils Menſchen, eine rechte gute Art Volks waren. Er
wuͤrde viel beſſer mit ſich geſtanden ha⸗
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S. 88. 0 8) S. 14.
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ben.“) Die vielerley Menſchen, die al⸗ lerley neue Geſtalten, die dem in ſich und in ſeine Leidenſchaften eingeſchloßnen gleich⸗ guͤltigen Werther, ſonſt nur ein buntes Ma⸗ rionettenſpielꝰ) machten, würden ein heil⸗ ſames Kuͤhlungs⸗ und Staͤrkungsmittel wor⸗ den ſeyn, wenn er Theil genommen und be⸗ dacht haͤtte: Sie ſind ja, was ich bin, Men⸗ ſchen. Die Kraͤfte die in ihm ungenutzt ruhten ), haͤtt' er fie entwickelt und ger braucht, ſo wuͤrd' ihm in kurzen die Welt wenigſtens ſo gefallen haben, wie der kleine Knabe, den er ungeachtet ſeines Roznaͤschens kuͤßte t), und die Welt wuͤrd' ihm die Hand geboten haben, eben wie's freymuͤthige Kind. S. s alles ſchoͤn und gut; aber 's war mit Werthern zu weit, 's konnt nun nicht an⸗ ders werden, muſt' nothwendig fo kommen. GA idle el 1 . 968.16. M)6,117.6.125, )&,14. S. 31. 8 |
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m. Verſteh mich. Wenn du Werthern betrachteſt, wie den Thon in der Hand des Toͤpfers, wie einen Charakter in der Hand des Dichters, ſo muſt 's ſo kommen. Der Autor hat freilich, mit ſeltner Kenntniß, alle Zuͤge dieſes ſchwaͤrmeriſchen Charakters ſo zuſammengeſetzt, mit bewundernswuͤrdiger Feinheit, alle Begebenheiten, auch die kleinſten, ſo eingeleitet, daß die ſchreckliche Kataſtrophe natuͤrlich erfolgt, die uns das herbe Ach! aus⸗ preſſen ſoll.) Stellſtu dir aber Werthern vor, als einen Menſchen, der in der Geſellſchaft lebt, fo hatt’ er unrecht, daß er einzeln ſeyn, und die Menſchen um ſich, als Fremde an⸗ ſehn wollte. Er hatte, ſeit er an der Mutter Bruſt lag, die Wobhlthaten d der Geſellſchaft genoſſen, er war ihr dagegen Pflichten ſchul⸗ dig. Sich ihnen entziehn war Undank und Laſter; fie n würde Tugend und Be⸗ 106 | BEN ruhi⸗
J S. 159. n
— 19 enhigung geweſen ſeyn. Selbſt, nachdem er ſchon die hofnungsloſen Todesbriefe geſchrie⸗ ben hatte, ſelbſt da noch, haͤtt er gedacht, daß er noch, Sohn, Burger, Vater, Haus: vater, Freund, ſeyn koͤnnte, ſeyn muͤſte, ſo konnte noch Troſt und Zufriedenheit, von vie⸗ len Seiten her, auf ſeine bedraͤngte Seele flieſſen, wenn er nicht mit einem ee die Thür zuroarf. S
ar Wif’ warlich nit, wie Werther da noch glücklich hätt werden koͤnnen; war ja fein 8 Leidens kein Ende zu finden.
M. Wollens mal ſehn. Die wa Veraͤnderung thuts wohl; giebt Freaden, Lei⸗ den, wieder Freuden und allerley. Setze z. B. den einzigen kleinen Umſtand: Als Albert, des lang verſchobenen Geſchaͤfts wegen, weg⸗ ritt, und Werther Lotten zuletzt beſuchte 95 ih B 2 war 3 S. 190 |
20 —
war Albert und Lotte noch nicht verheirathet, nur fo gut als verlobt,) die Hochzeit ſollt in Weihnachten ſeyn. Du ſiehſt, ich denk mir's fo, weil die Scene um Worms liegt, wo man ſich nicht ſo leicht ſcheiden kann, wie in Brandenburg. Waͤr es da, aͤndert' ich auch dieß nicht. Lotte mag in einem Hauſe mit Albert wohnen, oder dicht neben, bey ihrer Tante, oder bey wem du ſonſt willt.
Albert iſt wiederkommen“), hat gehört, daß Werther feine Zeit wohl nahm, und
geſtern eine Stunde da war.
Und nun — —
2 S. 40. 9 S. 214.
Freuden
Freuden
des
jungen Werthers.
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Freuden
des jungen Werthers.
ſammelt, # feine ER OR 5 kam er wieder zu Lotten, und fragte laͤchelnd:
„Und was wollte Werther? Sie wuſten ja ſo „gewiß, daß er vor Weihnachtsabends nicht wie⸗ „derfommen würde! ,
Nach Hin- und Wiederreden geſtand Lotte, auf⸗ richtig wie ein edles deutſches Mädchen, den ganz. B 4 zen
—
S. die Beiden des jungen Werthers zweyter Theil. D. 214. 5 2 9
24 —
zen Vorgang des geſtrigen Abends ). Indem fie. 's aber gejagt: hatte, bangte fie auch ſchon, fie moͤchte, aus Unkunde zu a. ihm Wermuth ges reicht haben.
Nein, ſagte Albert, ſehr ruhig: Sie haben Balfım in meine Seele gegoſſen. Sie verlaͤugnen auch hierin Ihr edles Herz nicht. Aber ein wenig unuͤberlegt haben Sie gehandelt meine Lotte. Sie hatten ihm, wie ich merke 1 in 2 rechen abgezwungen, daß er vor Weihnach sabends nicht wieder kommen wollte. Sie wollten mich dadurch beruhigen, weil Sie wuſten, daß ich verreiſen muſte, weil Sie, liebſte Lotte, meine Eiferſucht ge⸗ merkt hatten, die ich gern vor mir ſelbſt verborgen hatte. Ich danke Ihnen dafuͤr (er kuͤßte ihr die Hand) Aber da nun Werther wiederf ſein Ver⸗ ſprechen fish eindrang, fo. hätten Sie ſich nicht fo vertraulich mit ihm aufs Kanapee ſetzen, und un⸗ ter vier Augen in Büchern leſen ſollen. Sie vers ließen ſich auf die Reinheit Ihres Herzens. ”)
| Dieß
® S. 190 — 207. 20) S. 192.
Dieß iſt für ein Mädchen ein ſehr edles Bewuftſeyn. Aber da denkt der beſte Kerl nicht dran, zumahl wenn die Liebe Hinderniſſe find't und die Zeit koſtbar iſt. O Weiber! Machts dem beſten Bu⸗ ben weiß, daß er euch Ein Verſprechen ungeſtraft brechen darf, und er wird mehrere brechen wol an — So haben Sie 's, liebſte Lotte, ohn 's
/ ſelbſt ſo 8 daß Sie ſich ins 0 aßen muſten. — Die Scene war
Lotte weinte bitterlich.
Albert nahm fie bey der Hand, und ſagte fehr ernſthaft: Beruhigen Sie ſich, liebſtes Kind. Sie lieben den Jungen, er iſts werth daß Sie ihn lieben, Sie haben 's ihm geſagt, mit dern Munde oder mit den Augen, s iſt einerley.
Lotte fiel ihm ſchluchzend in die Rede, Bis theuerte, daß ſie ihn nicht liebe, daß er vielmehr 8 S 7 1 nach
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nach der letzten Scene ihren Haß verdiene, daß fe tn verabſcheue. — — ben
Verabſcheuen? das iſt etwas, liebſtes Potts chen, das lautet ſo, als ob Sie ihn noch liebten. Hätten Sie ganz gelaſſen geſagt, der Durſch waͤre ihnen gleichguͤltig, do hätte ich ganz ſtill geſchwie⸗ gen, ſo haͤtte ich Ihnen nicht geſagt, daß ich wechſelſeitige Liebe nicht ſtoͤhten wü, f ich alle
dee , , 2 Anſprüch j '
Großer Gott! rief Lotte laut ſchluchzend, in⸗ dem ſie ſich das Geſicht mit dem Schnupftuche bedeckte, wie koͤunen Sie meiner fo grauſam ſpot⸗ ten! Bin ich nicht Ihre Verlobte? Ja er ſoll mir ſeyn was Sie wollen, gleichgültig! , verab⸗ en ürdig! ſo gleichguͤlt 9 als - ak
Als ich ſelbſt? rief Albert. Das waͤre r
ah ak ® unter * Auntänden — nn yo 0
8 a Indem
— 27
Indem kam der Knabe, der Werthers Zettel: hen *) brachte, worinn er Alberten um die Piſto⸗ en bat. ö
Albert las den Zettel. Murmelte vor ſich: der Juerkopf! gieng in fein Zimmer, ergriff die Pl⸗ tolen, lud fie ſelbſt, und gab fie dem Knaben: Da! bring fie, ſagt' er, deinem Herrn. Sage hm, er fell ſich wohl damit in Acht nehmen, fie waͤren geladen, Und ich ließe ihm eine gluͤckliche Reiſe wuͤnſchen. j
Lotte ſtaunte — Albert erklärte ihr nun weit läufig, er gebe nach reifer Ueberlegung alle An⸗ ſpruͤche an fie auf. Er wolle eine zärtliche wech⸗ felfeitige Liebe nicht ſtoͤhren. Er wolle ſie beide und ſich ſelbſt nicht unglücklich machen. Aber er wolle ihr Freund bleiben. Er wolle ſelbſt Wer⸗ thers wegen ſogleich an ihren Vater ſchreiben, das ſolle ſie auch thun, und Werthern eher nichts ſagen, bis fie Antwort erhalten habe,
N f E Cotte, S. 13,
28 ——
Lotte, nach vielen umſchwelfen „nach vieler weiblichen Zuruͤckhaltung, geſtand ihre herzliche Liebe zu Werthern, nahm Alberts Vorſchlag dankbar an, und gieng in ihr Zimmer um zu ſchreiben.
Im Weggehen kehrte ſie noch um, und auß ſert eine ängftliche Beſorgniß wegen der Piſtolen.
»Seyn Sie ruhig, Kind! Wer ſich von feis „nem Nebenbuhler Piſtolen fodert, erſchießt ſich „nicht. Und wenn er allenfalls — —
So ſchieden ſie von einander.
Werther erhielt indeſſen die Piſtolen, ſetzt' eine vor den Kopf, druͤckte loß, fiel zuruͤck auf den Bo⸗ den. Die Nachbarn liefen zu, und weil man noch Leben an ihm verſpuͤrte, ward er auf ſein
Indeſſen
szene 29
IJIndeſſen wurden Werthers zwey letzte Briefe“) an Lotten, und der Brief an Alberten ) dem letztern gebracht, und zugleich erſcholl die Nachricht von Werthers trauriger That. Albert ließ dieſelbe vor Lotten verbergen, las die ſaͤmmtlichen Briefe, und gieng ungeſaͤumnt nach Werthers Wohnung.
Er fand ihn auf dem Bette liegend, das Geſicht und das Kleid mit Blut bedeckt. Er hatte eine Art von Convulſi onen gehabt und nun. lag er ruhig mit ſtillem Roͤcheln.
Die Umſtehenden traten weg, und ließen beyde allein. |
Werther hob die Hand ein wenig empor, und bot ſie Alberten. Nun triumphire, luer er, 80 bin nun aus deinem Wege!
Ich komme nicht zu triumphiren, ſprach Albert ruhig, ſondern dich zu betauern, und wenns moͤg⸗
; - f JS. 188. 29. S. 273. 10
30 | —
lich iſt, dich zu troͤſten. Aber du biſt raſch gewo ſen Werther — 2 wer — Werther ſtieß, fur einen fo hartverwundeten beinahe mit zu heftiger Stimme, viel unzuſammen⸗ haͤngendes garſtiges Gewaͤſche aus, zum Lobe ) des ſuͤſſen Gefühle der Freyheit dieſen Kerker zu verlaſſen, wenn man will. 8
A. Dieß iſt, lieber Werther, eben ſo wie die Freyheit dieß Glas zu zerbrechen, eine Freyheit, der man ſich nicht bedienen muß, weil ſie nicht nützt, ſondern ſchadet. W. Heb dich von mir, vernünftiger Menſch ! du biſt zu kaltbluͤ tig, To einen Entſchluß 852 nur von fern zu denken! g
A, Ja freilich, fo kaltbluͤtig bin ich, und dabey {fe mir recht wohl zu Muthe! Meinſt etwa 's wäre 'n edler großer Entſchluß? Bild'ſt dir ein, 's
8 5 waͤre
) S. 19.
Eee 31 >
fohre Kraft und That drinn? Geh! biſt 'n weich licher Zärtling. Kannſt aus der Mutter Natur Schublade wenns dir einfällt, nicht eben Zucker⸗ werk gnug naſchen, ') jo wilt gleich aus 'r Haut fahren, denkſt, fie giebt dir nie wieder Zucker.
W. O des weiſen Vernuͤnftlers! Und doch weiſt du 's Menſch. 's war keine Huͤlfe da. Ich konnte nicht beſizen, was ich liebte. Und nun, Cer ſchlug die Hand uͤbers Geſicht) was kuͤmmert mich Welt und Natur.
A. Armer Thor, der du alles ſo gering achteſt, weil du fo klein biſt! ») Konnt'ſt nicht? 's war keine Huͤlfe da? Konnt' nicht ich, der ich dich liebe, weil eln braver Junge biſt, dir Lotten abtreten. Faß u Muth, Werther! ch will's noch it thun.
Werther richtete ſich halb auf: Wie? Bas? in i du wollteſt! — Schweig Ungluͤckli⸗
*
5 cher! — S. 18. * S. 93.
32 —
cher! — dein' Arzney iſt Gift. — Denn was balfs 2 — (er ſank wieder zuruͤk) Nein! s iſt auch nichts. — Du biſt ein boshafter. — Wer kalt iſt, iſt boshaft — Haſt dirs abſtrahirt, wie du mich bis aufs Ende quälen willt. —
A. Guter Werther, biſt 'in Thor! Wenn doch kalte Abſtraktion nicht kluͤger waͤre, als verſengte Einbildung. — Da laß dir 's Blut abwiſchen. Sah' ich nicht, daß du 'n Querkopf warſt, und mwürd’ft deinen böfen Willen haben wollen. Da lud ich dir die Piſtolen mit 'ner Blaſe voll Blut, 's von 'em Huhn, das heute Abend mit Lotten
verzehren ſolt.
Werther ſprang auf: Seligkeit — Wonne — u. ſ. w. — Er umarmte Alberten. Er wollte es noch kaum glauben, daß ſein Freund ſo groß⸗ muͤchig gegen ihn handeln koͤnne.
Albert 2
RETTEN
2 — e 5 iR ee 33
—
Abet ſagte: Sprich nicht von Gloßmuth; ein Bischen kalte Vernunft thut 8 weiſe, und den Rest thut 's, daß ich n Juugen liebe, wie du, in dem s liegt, noch viel zu ſchaffen. Das Ding mit dir und Letten hat mir ſchon lang « gewurmt. s gefiel mir ſchon nicht, als du in dem geſchloßnem Plaͤtz⸗ chen, hinter den hohen Buchenwaͤnden, dich zu von apa * ſo erer du en Ding „das nem Bräutigem nicht in Kopf will. Darüber habe ich denn alleriey hin und her ger dacht. Du wirſt dich noch erinnern, wie ſich im muth und Unwillen aneinander vermehrten **) * als du am Sountage ſo ungebeten dablelßen woll⸗ tet "Sen ſann 1 auch nach, und mache mir die
leidige e „„ 0 6.444
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34 —
leidige Abſtraction, daß meine Braut dich liebte. Du haͤlſt mich fuͤr kalt, Werther, und ich bin's auch, wenns Zeit iſt, aber jo warm bin ich doch, daß ich herzlich liebe, und herzliche Gegenliebe verlange. Ich ſah' alſo, ich konnte mit Lotten nicht gluͤcklich ſeyn. Mein Entſchluß war ſchon unterweges ge⸗ faſt, euch glücklich zu machen, weil ich ſelbſt nicht gluͤcklich ſeyn konnte. Nun kam noch die geſtrige | Scene dazu. Lotte hat fie mir erzaͤhlt! Hoͤr Wer⸗ ther, 's ſt ne ſtarke Scene! Und ich hab auch
deinen Brief an Lotten *) druͤber, geleſen. Hr Werther, s Ding ſt nu ſo! ſo!
ehen rief: Was meinſtu? Meine Liebe if rein wie die Sonne — Lotte iſt ein Engel — vor |
dem alle Begierden ſchweigen. —
Alkert
*) S. 209 4 21%
e 35 Albert ſagte: Ich glaub s ja! Aber, : Hör Werther, haͤtt ſtos auch wohl ſchreiben koͤnnen,
in dem letzten Briefe, worauf du ſterben wollteſt. Und fo giengen ſie zum Abendeſſen. ;
In wenigen Monaten ward Werthers und Lottens Hochzeit vollzogen. Ihre ganze Tage waren Liebe, warm und heiter wie die Fruͤhlingstage, in denen ſie lebten. Sie laſen auch noch zuſammen Oſſians Ger dichte, aber nicht Selma 's Geſang, ) oder den traurigen Tod der ſchoͤnaͤugigten Der: Thule, fon: dern ein wonniglich Minnelied von der Siehe der ceizenden Colne : Dong, „deren Biden rollende „Sterne waren, ihre Arme weiß wie Schaum
C 2 „ des
) S. 193. und folg.
BER — ͥ — | „des Stroms, und deren Bruſt ſich ſanft hob,
„wie eine Welle aus dem kuhigen Meere.
Nach zehn Monaten war die Geburt eines Sohns, die Loſung unausſprechlicher Freude.
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Leiden
Leiden
Werthers des Mannes.
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Leiden
Werthers des Mannes.
Di Geburt war ſehr beſchwerlich geweſen, lleß empfindliche Nachwehen nach ſich, die Lotten an den Rand des Grabes brachten. Werther war fuͤr Schmerz auſſer ſich. Dieß war aber nicht der ſelbſtſuͤchtige Schmerz eines Meuſchen, der ſich ver⸗ nichten will, weil er unmoͤgliches wuͤnſcht, und nicht erlangen kann, es war der geſelkige Schmerz, der Mitleid zum Grunde hat, der Troſt geben und empfangen will.
Lotte, eine zaͤrtliche Mutter, konnte bey ihrer Schwaͤche, ihr Kind nicht ſaͤugen. Eine Amme c 4 ward
ward geholt. Ein Ungeheuer durch viehiſche Luft mit verborgner Peſt angeſteckt, vergiftete den zar⸗ ten Saͤugling, und der Unſchuldige vergiftete, ung wiſſend, die Mutter die ihn muͤtterlich liebkoſete,
Als Werther vom Arzte die ſchreckliche Wahr⸗ heit vernahm, ſtieß er ſein Haupt gegen den Erd⸗ boden, und rief: Gott! wozu haſt du mich auf behalten! Ehmals glaubt' ich, der Schmerz Lotten nicht zu erhalten, wäre der größte, und für menſch⸗ liche Natur zu ertragen zu ſtark!
Und dieſen ſtaͤrkern Schmerz kanſt ertragen! ſprach Albert; Freund! warſt ein Weichling, biſt nun ein Mann worden! Geſelligkeit, ſonſt von dir verachtet,) giebt auch Kraft. Du duͤnkteſt dich einzeln, als du den Hahn losdruͤckteſt, unelnges denf daß du deiner Mutter das Herz each,
Lotte ward, durch eine langwierige und ſchmerz⸗ hafte Kur kaum dem Tode entriſſen, das Kind war nicht zu retten. Auch
S .
— 41
Auch dieſen Schmerz ertrug Werther, zum a gewöhnt, nun aber ſollt er auch Sram und Sorgen ertragen lernen. Vaͤteklich Eibtheil ö war gering, gewirthſchaftet hatt’ er nie. Seine Mut, ir war erſchoͤpft, von ihr zu verlangen, konnt er nicht uͤber ſich bringen. Die Krankheit ſeiner ral brachte Mangel herbey. | x
*
Werther muſt alſo ein Amt annehmen, und wohl wars ihm, daß Albert ihm eins ſchafte, und Anleitung gab, wie 's zu treiben waͤr. Ob ein Bindwoͤrtchen ) mehr da waͤr', oder eine In⸗ verſion weniger, muſt' ihn itzt nicht kammern. Nun galts, daß er ſich nach andern beqguemte, andere nicht nach ihm. Auch fand er hewaͤhrt, was er ſchon wuſte, daß zum Laviren *) Kraft gehöre, wie zum Segeln und daß man oft weiter kam. Auch ſah er, was er ſonſt nicht wuſte, daß mehr Staͤrke des Geiſte es dazu gehöre, buͤrgerliche unvermeidliche Verhoͤltniſſe ertragen m als, wenn tobende endloſe Leidenschaft ruft, i
Eb einen *) S. 119, 0 S. 117.
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einen gaͤhen Berg (ohn' Abſicht) klettern, durch einen unwegſamen Wald, einen Pfad, (der zu nichts fuͤhrt,) durcharbeiten, durch Dorn und Hecken.) Doch thats weh, dem, der mit belebender Kraft Welten um ſich ſchaffen mochte ) daß er finden folld, er ſey ein Geſchoͤpf. Dieß ſchnitt ins Herz, und machte gute Laune ſeltuer.
Lotte nahms hoch auf, daß er ſo mismuͤthig war, und wollt', daß ihms Herz folk’, aufgehen wie ſonſt, wenn er in ihre ſchoͤne Augen ſah', dacht' nicht, daß ſich untern ſchoͤnen Augen itzt woht ein feines Naͤschen ruͤmpfte, wie ſonſt nicht. Wer⸗ ther muſt' oft, Geſchaͤfte wegen, verreiſen, auf ſeiner Arbeitsſtube den Tag verſitzen, und denn gieng er wohl weg, weil er Aerger hatte, der feine Frau nicht kraͤnken ſollte.
Lotte, ſonſt ein gutes Weib, aber, die ihn nicht durchſah, ſchmollte, weil er nicht bey ihr war, Ä und
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2 S. 100. 10 . 9 S. 157 a *
und drohte aus verliebtem Verdruß: Traun Wer⸗ ther, wilt mir nicht fleiß' er Geſellſchaft aun Ins ich he ie mir 10 8
's war da ein junges e leicht und luftig, hatt’ allerley geleſen, ſchwaͤtzte drob kreuz und quer, und plaudert viel, neuſt aufgehrachtermaßen, vom er⸗ ſten Wurfe, von Volksliedern, und von hiſto⸗ riſchen Schauspielen, zwanzig Jaͤhrchen lang, jed's in drey Miuuten zuſammengedruckt, wie ein klein Teufelchen im Pandaͤmonium. Schimpft' andy allewell auf u Batteur, Werther ſeibſt konnte ſchier nicht beſſer. Sonſt konnte der Fratz bey hundert Ellen nicht an Werthern reichen, hatte kein Grüß’ im Kopf, und kein Mark in 'in Bei⸗ neu. Sprang ums Weibſen herum, fiſpelte hier, faſeſte da, ſtreichelte dort, gab's Pfoͤtchen, holt ein Fächer, ſchenkt' in Büͤchschen, und fo geſelle er ſich auch zu Lotten.
Nun hatt's wohl keine Noth, daß der Laffe Lot: zen gefallen hätte, aber fig wollte Werthern weh
thun,
44 ——
thun, daß er ihr hofieren ſollt', wie ſonſt, bei doch nicht mehr Zeit war. Und 's Kerlchen ward dreiſt, und dacht' er hatt Lotten, und Werther grisgramte, daß Lottchen ſolch 'nen Lumpen litt, ſo hatten ſie Worte, und Lotte ließ nicht ab 1 und neckten ſich fo fort, bis Uebel ärger ward, und ſie ſchieden ſich von Tiſch und e DR zog zu a Barın 411 414430 Lotte weinte Tag und Nacht, liebte Werthern in der Seele, und wolt' doch nicht Unrecht gehabt haben. Werther ſchlug ſich mit der Fauſt wider die Stirn; Hut! ſchrie er: uubeſchreiblich freßen⸗ der iſt der Gram, weder je ſonſt einer! Ich habe Lotten, und ſoll ſagen, fie liebt mich nicht, beſſer war's da ſie mich liebte, und hatte ſie nicht.
——
Freu⸗
Freuden
Werthers des Maͤnnes.
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Freuden Werthers des Mannes.
Albert war in Geſchaͤften feines Fuͤrſten acht Monden in Wien geweſen, und kam zuruͤck, kurz drauf, als Werther und Lotte ſich getrennt hatten.
Er traf Werthern, mit dem Geſicht' auf dem⸗ ſelben Kanapee liegen, worauf er ehmals mit Lot; ken den Oſſtan laß.)
Und nun? wie iſts mit deiner Frau? ſagt' Al⸗ bert.
Ha! rief Werther, als er ihn ſah', 's mit den Weibſen nichts, alle ſind falſch, wankelmuͤthig! — und SIE ſich die Nägel, A.
9 S. 192.
23 en
A. Nur wieder fein mit dem Kopf durch die Wand, Werther! Als wenns nicht von dir ſelbſt kaͤme! biſt 'n Thor Werther, und haft die arme Lotte auch bethört. Ich hab' ſie gekannt, ein gu⸗ tes Landmädchen, luſtig und fromm, konnte kleine Spiele ſpielen, konnte frohen Muths tanzen, aber
auch den Kindern Brod ſchueiden, ) liebte herzlich haͤusliches Leben,) ob ’s gleich wuſte, daß 's kein Paradieß, aber doch im Ganzen eine Aruelle unſaglicher Glückſeligkeit iſt. Da liebt lch Madchen, und wollt' ſie haben, denn ſolche Frau braucht' ich. Drauf kamſt du, und ſtimm⸗ teſt die Weiſe viel Töne Höher: Da ſollt 's lauter winige Empfindung ſeyn, lauter ſtarke Anſpannung, keine Einſchraͤnkung, keine Ueberlegung, wir hielten 's Zerzchen wie ein krankes Kind, geſtatteten f ihm all ſeinen Willen, ) lebten immer in der Zukunft, wo ein großes daͤmmerndes Ganze vor unſerer Seele ruhte, wo wir unſer gan: & weſen hingeben mochten, uns mit der Wonne
2 1 ä * [U *
S. ze. 9 S. 3% 0 S. 1.
— men] 49 Wonne eines einzigen großen herrlichen Ge fuͤhls ausfüllen zu laſſen. ) Dieß verſchluckte das weibliche zaͤrtliche Geſchoͤpf begierig, und hielt ſich am gluͤcklichſten, wenn 's im freundlichen Wahne ſo hintaumeln konnte.) Ja wohl, guter Werther, waͤr der Wahn beſſer als die die Wahrheit, wenn er nur nicht aufhoͤren muͤßte. Nun hat er bey dir aufgehoͤrt, das gute Weibchen taumelt noch driun fort, und du wunderſt dich, daß ihr nicht zuſammen kommen koͤnnt? Hohe uberſchweiſende Empfindung, lieber Werther, ſteht gut im Gedicht, aber macht ſchlechte Haushaltung. Feiner junger Serr! Lieben ift menſchlich, nur müßt ihr menſchlich lieben, ) berechnet euer Vermoͤgen zu lieben, und haltet die guͤldne Mit telſtraße, ſonſt wenn ihr 's Mädchen gierig macht, ſo wird ſie mitten im Genuſſe darben! Wer hätte dir das vor zwey Jahren ſagen dürfen, und doch iſts itzt nicht anders.
w. 9 S. 6. BE 0 G. 22
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— 1
w. Geh zum Teufel mit deinen unbedeutenden Gemeinſpruͤchen! 2 Se
A. Wenn ſie nicht wahr wären, ſchickt' ich be auch dahin. & 4
Albert reiſete zu Lotten; die weinte bitterlich und rief: Alle Mannſen find treulos, hätte ich je ge e daß mich Werther verlaſſen koͤnnte 1 11! ! Bitz . gutes Kind, ſagte Albert, und en: ob du nicht auch dran ſchuld biſt. Werther wollt keinen Geelſchnabel um dich leiden; weiſt noch, obs mir auch behaglich war, da Werther ſo um dich buhlee? Und doch war Werther ein ehrlicher guter Kerl, und dein Lecker iſt n Popanz. Haſt unrecht gehabt Lottchen. Necken geht wider n Mann, und gerümpfte Naſe bringt nicht verlohrne Liebe zuruck. Wars nicht beſſer, du liebteſt Wer⸗ thern wie zuvor, und er dich auch? Liebſt 'n noch ?
* 8 5 N Lott
———— 51
Lottchen weinte abermahl bitterlich: Ob ihn liebe? Gott! — a
Albert holte Werthern auf den Jagdhof, der alte Amtmann hieß Werthern kurz und lang, Lotte weinte, und entſchuldigte ihn. Werther um— armte Lotten, und fie reiſeten völlig verſoͤhnt zuruͤck.
Ikzt, durch kleine Ueberetlungen vorſichtiger ges macht, genoſſen ſie, in reichem Maaße, die Ver, gnuͤgungen des haͤuslichen Lebens, die ſich ſo tief empfinden, und ſo wenig beſchreiben laſſen. Wech⸗ ſelſeitige Liebe und Zutrauen befeligte fie. Wer⸗ ther hieng wieder, mit Gott weiß wie viel Wonne, an dem Arme und Auge ſeiner Frau, das voll vom wahrſtem Ausdrucke des offen ſten reinſten Vergnuͤgens war. Er wartete ſeine Geſchaͤfte ab, ſie erzog ihre Kinder, und ſo floß ihr Leben wie ein ſtiller Bach dahin, — ein nicht ſo poetiſches Bild, als reißende Stroͤme, aber deshalb Gluͤcklichen nicht weniger angemeſſen.
pri | 2, Durch 2 S. 39» * i 4 2)
52 —
Durch Fleiß und Sparſamkeit wurden ſie nach etwa ſechszehn Jahren wohlhabend. Werther konnte nun wieder des muͤhſamen Arbeitens ent— behren, und fo kauft er ſich ein klein Bauerguͤt— chen. Am Abhange eines Berges mit hohen Ul⸗ men und bejahrten Eichen beſetzt, lag es. Nur ein klein Haͤuschen war da, aber fruchtbare Aecker und ein Garten ums Haus, darinn, unter hohen Bäumen, ein Brunn’, wohl zwanzig Stufen tief in den Selfen gehauen,) wie ihn Werther liebte. Hier ließ er fich nieder, und genoß aber⸗ mahl, die ſimpel harmloſe Wonne eines Men⸗ fchen, der ein Krauthaupt auf feinen Tiſch bringt, das er ſelbſt gezogen, und nun nicht den Kohl allein, ſondern all die guten Tage, den ſchoͤnen Morgen, da er ihn pflanzte, die lieblichen Abende, da er ihn begoß, und da er an dem fortſchreitenden Wachsthume ſeine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wie⸗ der mit genießt.) Denn Lotte zog auf den Keen Gemuͤſe und Wurzeln, die den under
g ſcholtenen — ©. 40. 4 S. 48:
— 53 ſcholtenen laͤndlichen Tiſch fuͤllen. Der Obſtgarten war Werthers Beſergung, und die Kinder, pflanz⸗ ten ſich Beeten voll Tulpen und lieblicher Ane⸗
mouen.
Das war all gut, bis n Kerl kam, der war in England geweſt, hatte des Herzogs von Bridg⸗ water Kanal befahren, unterm Berg weg, und uͤber n Irwell, hatte die Gaͤrten zu Stowe ge⸗ ſehn, und hatte ſich von Chambers erzehlen laſ⸗— ſen, was der Kaiſer von China fuͤr Gaͤrten habe, wunderbar und ſchrecklich, daß 's 'ne Luſt iſt. Sonſt war der Kerl nicht kluͤger wieder kommen, als er war weggereiſt, hatt' aber Geld wie Heu, wolt' was originales haben, bauen nen orientali⸗ ſchen Garten, wo kein Orient iſt, hätt! er bey Dsjidda gewohnt, würd’ er ein Verſailles ange⸗ legt haben, nach le Notre 's Riſſen. Der kauft' den Berg uͤber Werthers Huͤttchen, legt darauf große Dinge an, ſonderlich und wunderlich, Schlan⸗ gengänge, Abgruͤnde, Tempel, Pagoden und Wild⸗ 23 niſſe.
1
niſſe. Als er fertig war, wolt' er den Garten auch bevoͤlkern, wie der Kaiſer von China, daß 's recht naturlich wär'. Da ſchaft' er ſich Hunde, die verkleidet er in Wölfe, Cyperkatzen in Tieger, Laͤmmer gelb und braun gefaͤrbt in Leoparden, und Spitzmaͤuſe in Hermeline. Das Vieh lief uͤber, in Werthers eee und ſtreifte ſich, zwiſchen den Baͤumen, die hoͤlzernen wilden Larven ab, die ihm vorgebunden waren. Doch weil ſich 's noch ſcheuchen ließ, achtet 's Werther nicht. Aber nun wolte der reiche Fratz was großes beginnen. Er hatte jenſeits des Berges einen ziemlichen Fluß, den leitet“ er mit Mühlen in die Höhe, daß er biſſelts einen Waſſerfall haben wollte, am Häfen Abſturz des a Da frohlockte das Kerlchen, und ſeine Seele ward erſchuͤttert wie das Map ſer in hohen F uthen herabbrauſte, zwiſchen den hundertjaͤhrigen Eichen, und uͤber die Felſenſtuͤ⸗ cken weg ſchäumte, aber eh' man 's ſich verſah, wars in Werthers Garten, ſpuͤhlt' die Bäume aus, riß das kleine Gartenhäuschen um, und verheert', die
A 2, die fruchtbaren Krautfelder, und die lieblichei dul penbeete.)
Lotte raufte ſich die Haare, die Kinder weinten, aber Werther. war durch Erfahrung gelaſſen ge⸗
worden. Er ſtaunte elne Teile, und ſagte zu ſich
t
ſelbſt:
Der Kerl iſt traun in Genie, aber ch merks wohl, ein Genie iſt ein ſchl echter Nachbar. Wenn's einem ſelbſt anch wohl thut, als ein Genie ſpre⸗ chen, ſo thut's andern oft ſchier uͤbel, wenn man als ein Genie handelt. Der. Waſſerfall iſt warlich keck, aber das kleine Häuschen, in dem ich mit meinen Lieben mein fröͤliches Butterbrod aß „ meine Krantfelder, meine Obſtbaͤume, meine Tupeubecte
waren gut. Sonſt wohl war mir die Loſung: Keckheit ohne Graͤnzen, Schwingen bis in den Aether, Anſpannung ohne Erſchlaffung, Brauchen
der Kräfte ohne Einſchraͤnkung. Alles ſchoͤn! Wir ne e 84 „D 4 3 | wol-
55 —
wollens Genie auch nicht einſchraͤnken, denn der Kerl, der ſein'm Geck; ſo Zucker gieb't, iſt reich und mächtig, und Klagen thuts nicht. Aber wenn wir dem Genie aus dem Wege gehen koͤnnten!
Er gieng zum reichen Nachbar, führe ihn an der Hand herab und ſagte ganz gelaſſen:
Hier ſeht Nachbar, was euer Waſſerfall in mei⸗ nem Garten angericht't hat. Ich koͤnnt' euch ver⸗ klagen „aber was hilfts; wollt ihr mir 's Guͤt⸗ chen abkaufen ‚ fo zieh' ich weg, und fo moͤcht ihr fallen und laufen laſſen, wie's euch deucht.
se n' Wort, ſchrie der Nachbar, ch ſeh 'r ſeyd 'n: Kerl der 's Große liebt. Schaut wie die Ba me mit n, Wurzeln empor liegen, und wie 8 Dach vom Haͤuschen auf d' Seite hängt, und die Krautköpfe drüber rollen! He! Nachbar! Natur im Warten geht weit Über die verdammte Kuunſt, ſolch inne Anſicht, hätte mir nun keine Theorie,
wie
— „sun
57 wie ſ' den Quark nennen, ausſinnen koͤnnen Und ſo gab er Wertheru, ungefodert, mehr, als 8 Guͤtchen werth war. | Ä
Werther nahm's Geld, dacht' in ſich: 's doch auch Natur, wenn Wurzeln in der Erde ſtehen, und Aepfel an 'n Baͤumen haͤngen. So kauft' er ſich ein ander Güͤtchen „ein wohlgebaut Nan, vorm Hauſe ein Platz mit zwo Linden, tie zu Wahiheim 1 vor der Kirche. Hier lebt er noch, glücklich und vergnügt, mit Lotten und ſeinen acht Kindern. Erfahrung und kalte gelaſſne Ueberle⸗ gung hat ihn gelehrt, ferner nicht, das bißchen
uebel, das das Schickſal ihm vorlegte, zu
wiederkaͤuen, ) dagegen aber, die Wonne, die Gott über ihn ausgoß, mit ganzem, innig dankbarem Serzen aufzunehmen. 0 Nach⸗ denken uͤber die Wege der Vorſehung, die kein blin⸗
1 des * D. 29, * S. 6. * S. 158.
des Schickſal, ) ſondern Güte und Gerechtigkett ſind, hat ſeine ausgetrocknete Sinnen wieder i heiter gemacht, die uͤberpannten Nerven abgeſpannt, ihm die Fuͤlle des Herzens “) zuruͤck gegeben, die
er vormals genoß. Er kann wieder, im hohen
Graſe am fallenden Bache liegen, und naͤher 4 en der Erde, zwiſchen Salmen und tauſend mannichfaltigen Graͤschen, die unzahlichen. unergrundlichen Geſtalten, all der Wiens chen, der Muͤckchen, naher an ſeinem Ser⸗ J zen fuͤhlen, fuͤhlen die Gegenwart des All⸗ mächtigen, der uns all nach ſeinem Bilde ſchuf, das Wehen des Allicbenden, der uns in ewiger Wonne ſchwebend trägt und er⸗ halt. Und was noch mehr > er geht nicht daruͤber zu Grunde, erliegt nicht unter der
Herrlichkeit dieſer Erſcheinungen; f) denn
3 | Lotfe 5) S. 159 *) S. 125. ** S. 9. 2 7) S 10. * z N ME 3 Fit
59 Lotte und ſeine acht Kinder, die beſten Gaben die ihm Gott gegeben hat, liegen neben ihm, und fuͤh⸗ len geſellig, was er fuͤhlt. Wenn je in ſeinem few rigen Gemuͤthe ein Tumult au'ſteigen will, ſo lin⸗
dert ihn, unverzüglich, der Anblick der gluͤcklichen
Gelaſſenheit 5) dieſer geſunden liebenswuͤrdigen
Geſchoͤpfe, d er Abdrücke der Starke und Edelmuth
des Vaters, und der Munterkeit und Schoͤnheit
der Mutter. Sie haben ſchon wieder andere Ber ten gepflanzt, wo Tulpen mit Nareiſſen und Hyaein⸗ then abwechſeln, und durch ihre arbeitſamen Spiele, werden di Krautfelder umfaßt, mit Roſenhecken und Jesmiligängen, das Gartenhaͤuschen, mit duf⸗ tendem Geißblatt', des Wohnhauſes Mittagsſeite,
#
mit Traubengelaͤndern.
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Hm! fagte Hans, hol' mich 'r Henker, 's haͤtte doch auch ſo kommen koͤnnen.
Ey freylich wohl! ſprach Martin, auch noch auf hundertley andere Art. Erſchießt man ſich aber einmahl im Ernſt', weg ſind ſie. 5
g. Haft traum recht, ch ſchieß mich nit!
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