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Die Frau in der Karikatur

Die erften zweihundert Exemplare dieſes Werkes wurden auf feinſtem Kunſt⸗ druckpapier abgezogen und handſchriftlich nummeriert. Der Preis eines Exemplars dieſer Liebhaberausgabe in koſtbarem Ganzledereinband beträgt fünfzig Mark.

Fliegende Blätter

Eduard Fuchs

die Frau in der Karikatur

Mit 446 Textilluſtrationen und 60 Beilagen

Erſtes bis zehntes Tauſend

Albert Langen

Verlag fuͤr Litteratur und Kunſt Muͤnchen 1906

Weil. Deutſche Karikatur auf die hohen Haarfriſuren. 1780

Vorwort

Man kann das Thema „Die Frau in der Karikatur“ zweifellos von den ver— ſchiedenſten Seiten anfaſſen. Vor allem iſt die Verſuchung ſehr groß, die ſchellen— verzierte Narrenkappe aufzuſetzen und luſtig und uͤbermuͤtig in den froͤhlichen Chor mit einzuſtimmen, den tagaus, tagein der Witz, die Satire und der Humor, ſei es zur Verſpottung, ſei es zum Ruhme der Frauen, erklingen laſſen. Die Verſuchung dazu iſt wirklich ſehr groß, denn es gibt wohl kein Motiv, das mehr zum Lachen und Geſichter ſchneiden verlockte; ſchon bei dem bloßen Gedanken zuckt und prickelt es einem in den Fingern.

Wenn man aber in der Karikatur mehr ſieht als wirkungslos aufſteigende und ſpurlos wieder untertauchende Seifenblaſen geiſtreicher Laune, wenn man in ihr echoweckende und einflußreiche Demonſtrationen des oͤffentlichen Gewiſſens erblickt, Manifeſtationen des Weltgeiſtes, einzigartige Kommentare zur Sittengeſchichte der verſchiedenen Entwicklungsſtadien um nur dieſe drei Seiten zu nennen —, wenn man weiter in der Frauenfrage das wichtigſte Problem der großen ſozialen Frage erblickt, an deſſen Loͤſung in ſeiner Art mitzuarbeiten Pflicht jedes einzelnen iſt, ſowie man ſich auf dieſen Standpunkt ſtellt, iſt fuͤr die Loͤſung der Auf— gabe nur eine einzige Form moͤglich, und das iſt dieſe: Es gilt, den Begriff „Frau“ ſtreng wiſſenſchaftlich zu faſſen und zu zergliedern und an charafteriftifchen Proben ebenſo ſtreng hiſtoriſch zu zeigen, wie ſich alle Fragen und Streite, die dieſer Begriff umſpannt, in der Karikatur der verſchiedenen Laͤnder und Zeiten geſpiegelt

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haben. In dieſem Sinne habe ich meine Arbeit aufgefaßt und zu loͤſen verfucht. Muß das darum langweilig ſein? Nein. Die Schellenkappe des Schelmen kann man ſich auch dabei aufſetzen, nur muß man ſie recht tief in den Nacken ſchieben, daß ſie einem nicht fortwaͤhrend um die Ohren baumelt. So hab' ich's gemacht; wer Ohren hat, wird ihr Laͤuten ſchon zwiſchen den Zeilen hören.

Auch bei dieſem Buche iſt mir die Unterſtuͤtzung von Freunden, privaten Samm— lern und oͤffentlichen Sammlungen in reichem Maße zuteil geworden, und ich darf die Feder nicht aus der Hand legen, ohne dieſen Mitarbeitern hier an dieſer Stelle herzlichen Dank zu ſagen. Von oͤffentlichen Sammlungen ſind es in erſter Linie das Musée Carnevalet in Paris, deſſen uneingeſchraͤnkte Benutzung mir vom franzoͤſiſchen Miniſterium für Kunſt und Wiſſenſchaft geſtattet wurde, das Cabinet d’Estampes der Bibliothöque nationale in Paris, die Großherzogliche Kupferſtichſammlung in Gotha und das Muͤnchner Kupferſtichkabinett. Von den Direktoren dieſer Samm— lungen wurde mir jede gewuͤnſchte Unterſtuͤtzung zuteil. Von privaten Sammlern ſchulde ich beſonderen Dank: Monſieur Armand Dayot in Paris, der mir eine Reihe Originale von Conſtantin Guys zur Verfuͤgung ſtellte, Herrn J. Model, Berlin, dem Beſitzer einer herrlichen Farbſtichſammlung aus dem 18. Jahrhundert, und vor allem dem großen Praktiker des Humors in Deutſchland, Konrad Dreher. Reiche Buͤcherſchaͤtze fand ich in der von Dr. Buchholtz ſo vortrefflich angelegten Berliner Stadtbibliothek.

Berlin-Zehlendorf, Sommer 1906 Eduard Fuchs

Bruno Paul. Der Burenkrieg

Inhaltsverzeichnis

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Das Korfett : Friſur, Hüte, Schuhe

Die Revolutionsmode

Die praktiſche Modereform

IV. Des Weibes Leib iſt ein Das phyſiſche Portraͤt der

Gedicht Frau.

Das geiſtige Portraͤt der Frau

Bei der Arbeit . Am häuslichen Herd . Die Fabrifarbeiterin . Die weiblichen Dienftboten Frauenberufe Ä

Zweiter Teil

Im Dienſte bei Frau Venus

Die Proſtitution

Vom Kothurn zum Überbrettl .

Der Unterrock in der Weltgeſchichte

Buͤrgerin, Heroine und Megäre .

Kuͤnſtlerverzeichnis

Stauber.

Fliegende Blaͤtter

376— 394 380 381 384 391

395423

424— 443

444—460

461—485

486—487

Verzeichnis der Beilagen

Maison de la Modiste von Bourdet. 1830

IX

neben Seite

Die ungleichen Liebhaber. 16. Jahrhundert 50 Das Weiberregiment von Hans Baldung Grien. 1513 184 Vom Ehebruch von Hans Hofer. 16. Jahrhundert 176 Der Tod und die Frau von Nikolaus Meldemann. 1522. 8 Das Weib macht jeden zum Narren. 16. Jahrhundert 264 Der Jungbrunnen von Hans Sebald Beham. 16. Jahrhundert. 64 Die alte Rofette von Peter Paul Rubens f 376 Das Gefühl von Abraham Boſſe. 18. Jahrhundert. . %% Herumziehende Romödiantinnen in einer Scheune von William 1 1738 424 Long Thomas ... 18. Jahrhundert. 352 Am Auslug von J. B. Coclers. 18. Jahrhundert XII La Correction Conjugale. 18. Jahrhundert 80 Die Korſettanprobe von P. A. Wille. 1750 272 Die gefällige Zofe von Schall. 18. Jahrhundert 0 Les Hazards Heureux de L’Escarpolettes von Fragonard. 18. Jahrhundert 200 Der Triumph der Roketterie. Um 1780 280 In Rlein-Daurball von P. A. Wille. 1780 „„ 400 Auf die Mode der großen Damenhüte von Thomas Noteton den 1786 288 Foyerbummler von Thomas Rowlandſon. 1786 . a 384 Die Vorbereitung zum Geburtstag von Thomas Rowlandſon. 17 85 208 Les Payables von Charles Vernet. 1795 408 Les Merveilleuses von Charles Vernet. 1795 456 Des Bruders Hoſen von Richard Newton. 1796 b 464 Die geiſtliche Prüfungskommiſſion bei der Arbeit. 1798 432 Ah] sin y voyon! von Vincent. 1709 . 304 Wer kauft Liebesgötter? von Heinrich Ramberg. 1799 „„ Parisian Ladies in their Winter Drees for 1800 von Iſaak Cruikſhank. 1799 296 Mademoiselle Parisot von R. Newton. 1802. 448 Ein Parifer Tee. Um 1805 ee ? ' 96 Die kleinen Unannehmlichkeiten . . von Thomas Rowlandſon. 1807 16 Bäuerliche Scherze von Thomas Rowlandſon. 1812 212 Die kokette Mutter und ihre Töchter von Debucourt. 1815 AO Jack Tar bewundert das ſchöne Geſchlecht von Thomas Rowlandſon. 1815 360

Mode de l'annèe prochaine von Charles Philippon. 1832 . La Boite aux Lettres von Gavarni. 1840 . So wie dich, du ſchöner Mann.. von Honoré Daumier. 1840 Das galante Debut von Honoré Daumier. 1850

Flugblatt auf die politiſierenden Frauen. 1848

Die Nacht. Um 1835

Karneval! Gavarni. Um 1850 DEE

Auf der Jagd von Conſtantin Guys. Um 1860 .

Die Krinoline. Um 1860. i

Das Erwachen des Löwen von André Gill. 1870.

Die Kokotte von Monet. 1875

Unter Rolleginnen von Steinlen. 1898 .

Im Damenbad von Th. Th. Heine. 1896 .

Die Dirne von Toulouſe-Lautrec. 1896 . Der Predigtamtskandidat von Thomas Theodor e 1897 Die wilde Frau von Wilhelm Schulz. 1898

Aus guter Familie von Bruno Paul. 1901

Je nachdem von Bruno Paul. 1901. i Frauenſtudium von Thomas Theodor Heine. 1901

Starke Zweifel von Rudolf Wilke. 1901 |

Der unſchlüſſige Büßer von Adolf Willette. 1903 .

Vor der Schlacht von Charles Maurin. 1903

La fortune qui danse von Jean Veber. 1904

Saharet von F. v. Reznicek. 1904

Liebe von E. Thoͤny. 1904 Rn,

Die G'ſchamige von F. v. Reznicek. 1905 .

neben Seite 512

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Die Frau in der Karikatur

E. Poitevin.

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Am Auslug

Hollaͤndiſche Karikatur von J. B. Coclers auf die galanten Damen. 18. Jahrhundert

Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen

1. Auguſt Raſſenfoſſe. Franzoͤſiſche Karikatur. 1896

Einleitung

Der beſte Witz, den der liebe Gott bei der Erſchaffung der Welt gemacht hat, war die Erſchaffung des Weibes. Aber die Menſchen haben gleich ſchlechten, ein— gebildeten Redakteuren, die jeden Witz ſelbſt gemacht haben muͤſſen, an dieſem goͤtt— lichſten der Witze zu allen Zeiten ſo lange und ſo gruͤndlich herumredigiert und „gefeilt“,

bis der letzte Funken ſeines goͤttlichen Urſprungs verwiſcht und er zur grotesken 1

Karikatur feiner urſpruͤnglichen Schön: heit und Koͤſtlichkeit herabgeſtuͤmpert war. So geſchieht es heute, ſo geſchah es geſtern, vorgeſtern, vor zehn Jahren, vor hundert Jahren, zu allen Zeiten.

Das iſt vielleicht der tragiſchſte Akt in der Tragoͤdie der Menſchheit, denn er wickelt ſich ab wie eine tragiſche Poſſe: Das tragiſche daran iſt, daß immer ungezaͤhlte Millionen zu dem Ver— fahren Beifall klatſchen, das poſſenhafte, daß die Betroffenen ſtets ungemein ſtolz auf jede neue Verpfuſchung ſind, die man an ihnen vornimmt.

Wenn es einen Teufel gaͤbe, und dieſem waͤre die Aufgabe geſtellt, mit aller Gewalt und allem Raffinement

en, dahin zu wirken, alle natürliche Har—

2. Deutſche Karikatur aus dem 16. Jahrhundert

monie des Geiſtes, der Seele und des

Koͤrpers der Frau zu verzerren, zu zerſtoͤren und ins Gegenteil zu verkehren, er haͤtte ſeine Aufgabe nicht zyniſcher, nicht niedertraͤchtiger, mit einem Wort nicht teufliſcher loͤſen koͤnnen, als es z. B. die oberſten und ſteten Freunde und Bundes— genoſſen der Frau: Sitte, Moral und Anſtand mit Hilfe von Mode und Erziehung in aller Freundſchaft und ſchmeichelnden Liebenswürdigkeit zuſtande gebracht haben.

Das iſt nun freilich ein altes und in allen Tonarten geſungenes Lied, aber ein leider noch lange nicht ausgeſungenes Lied, und darum wird gar manche Strophe noch oftmals pointiert und repetiert, und gar manche neue Note wird noch eingefuͤgt werden muͤſſen, bis es eines Tages verklungen und durch eine ſtolzere Melodie ab— geloͤſt ſein wird. Eine einzige neue Note in dieſes alte Lied einzufuͤgen, das iſt der Ehrgeiz dieſes Buches. ..

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Die bekannteſte und darum immer am meiſten und am lauteſten geſchmaͤhte Ver— brecherin an der koͤſtlichen Schoͤnheit des Weibes iſt zu allen Zeiten die Mode ge⸗ weſen. Es enthaͤlt leider nicht eine Spur von Phraſe, wenn man ſagt, daß der opferreichſte Feldzug nicht ſoviel Maͤnner hingemordet hat, als zahlreiche wahnwitzige Moden im Verlaufe ihrer Herrſchaft Frauen zur Strecke gebracht haben. Gewiß gibt es hier kein Blut, aber um ſo mehr unheilbare Verwundungen, die ein nie endendes Siechtum im Gefolge haben. Gerade darum aber iſt die Wirkung der Modefrevel barbarifcher als der fofortige Tod: die folgenden Generationen werden

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N ct. ex,» 3. J. D. Geyn. Symboliſch-ſatiriſche Karikatur auf die Allmacht des Weibes

mitgeſtraft, Zehntauſende voͤllig Unſchuldiger muͤſſen durch ein vergaͤlltes Leben die Rechnung der Eltern begleichen. Das entſetzlichſte an dieſer Frage jedoch iſt, daß es in der ganzen langen Geſchichte der Mode wohl kaum eine einzige Mode gegeben hat, die nicht in irgend einer Weiſe freventlich gegen die Geſundheit, zum mindeſten gegen die wirkliche Schoͤnheit gefrevelt haͤtte. Der augenfaͤllige und unwiderlegliche Beweis fuͤr dieſe Behauptung iſt der vollſtaͤndig korrumpierte Schoͤnheitsbegriff, wie er ſich allmaͤhlich gegenuͤber der bekleideten Frau herausgebildet hat und heute ſo fern wie je von der klaſſiſch harmoniſchen Schoͤnheitsvorſtellung iſt. Formeln wie „ſchick“ erſetzen heute bei der bekleideten Frau den Begriff ſchoͤn; eine „ſchicke“ Dame, entkleidet, das iſt aber ungefaͤhr der abſchreckendſte Gegenſatz zum Schoͤnheitsideal der Frau, wie es uns in der Mediceiſchen Aphrodite der Florentiner Tribuna immer noch am reinſten verkoͤrpert iſt. Ein lebendes Ebenbild dieſer Mediceiſchen Aphrodite wiederum, angekleidet, das hat in den meiſten Epochen fuͤr alles, nur nicht fuͤr ſchoͤn gegolten.

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Syſtematiſch war ſtets das Verfahren der Mode, das zu vernichten, was die Natur in ihrer unerſchoͤpflichen Kraft immer wieder von neuem an wunderbarer Schoͤnheit erſtehen ließ; das erſtreckte ſich uͤber den ganzen weiblichen Koͤrper vom Kopf bis zum Fuß, von der Sohle bis zum Scheitel. Schon die knappſte uͤberſicht iſt ein ausreichender Beweis dafuͤr. Der Fuß iſt eine der Hauptſchoͤnheiten des Weibes, ſeine natuͤrliche Vollendung verleiht anmutigen, ſicheren und grazioͤſen Gang, und als ſchoͤn gilt mit Recht ein kleiner Fuß. Da aber Schoͤnheit gewahr werden ſoll, dekre— tierte der Schoͤnheitskodex, eine beſondere Schoͤnheit ſeien nicht kleine, ſondern auf— fallend kleine Fuͤßchen. Alſo lautet das Geſetz fuͤr alle Zeiten und fuͤr alle Frauen: abnorm kleine Fuͤßchen. Und neun Zehntel der Frauen zwaͤngen ihre Fuͤße ihr ganzes Leben lang in zu enge Schuhe. Die Fuͤße werden in ihnen ſo unnatuͤrlich zuſammengedruͤckt, daß es rein unmoͤglich iſt, richtig zu gehen, geſchweige denn ohne Qualen einige Stunden tuͤchtig zu marſchieren. Aus dem ſchoͤnen Rhythmus des Gehens wird ein unſicheres Taͤnzeln und Balanzieren. Daß die harmoniſche Schoͤn— heit der Geſamterſcheinung ſchon allein durch zu kleine Füße vollig aufgehoben wird, das iſt dem Nichtmarfchieren-fönnen gegenüber freilich bloß das geringſte Übel. Aber wozu ſoll eine Dame auch marſchieren? Der Anſtandskodex ziſchelt einer jeden zu, daß es fuͤr eine Dame hoͤchſt unpaſſend ſei, Fußtouren zu machen. Es gab bekanntlich Zeiten, in denen dies geradezu als unweiblich galt. Weil aber abnorm kleine Fuͤße jedem Blick verraten, daß ihre Beſitzerin unfaͤhig iſt, damit der normalen Funktion des Gehens zu genuͤgen, ſo ſind kleine Fuͤße zu gleicher Zeit zum Symbol der Vornehmheit erhoben worden.

Schön entwickelte Hüften in freier, ungehemmter Entfaltung verleihen Elaſtizitaͤt der Bewegung und wirkliche Eleganz der Haltung. Aber ſchoͤne Huͤften uͤben auch auf die Sinne einen beſonderen Zauber aus; und darum wird dieſer Reiz auch als das Wichtigſte erklaͤrt. Um ihn zu ſteigern, wird die Huͤftenwoͤlbung ins Ungeheuer— liche getrieben, die Mode dekretiert Wulſtenroͤcke und Reifroͤcke, die die Frauen zu wandelnden Ungetuͤmen machen, und unter deren Laſt ſich die Frauen nur mit groͤßter Kraftentfaltung fortzubewegen vermoͤgen. Dieſelbe Erwaͤgung, die zur uͤber⸗ treibung der Huͤftenwoͤlbung fuͤhrt, verleitet zur ſtaͤrkeren Einſchnuͤrung der Taille. Eine ſtark geſchnuͤrte Taille laͤßt die Woͤlbung des Buſens deutlicher ſehen und macht die Rundung der Lenden wolluͤſtiger. Alſo entwickelt ſich die Taillenenge zur be— ruͤchtigten Weſpentaille, die in jedem Falle alle natuͤrliche Schmiegſamkeit und Bieg— ſamkeit des Koͤrpers aufhebt. Aber darum, daß der ganze Koͤrper in einen uner— bittlichen Panzer gezwaͤngt iſt, der jede freie Bewegung hemmt, kuͤmmert man ſich nicht, wird doch durch dieſen Panzer am deutlichſten zutage gebracht, „daß man etwas hat“. Nichts iſt ſo koͤſtlich wie die geſunde Friſche, das duftige, bluͤhende Rot der

Wangen; aber fo ſieht ja jede Bauernmagd aus. Und andererſeits: die Dame, die der Geſellſchaft lebt, die nicht marſchieren kann, die in den Salon und in die kuͤnſtliche

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Aon einem hüpſchen Weyb/

Das LX VI. Capitel. Freud.

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Ch hab ein hüpſche haußfrawen vberkom̃en. Ber. nunfft. Aa du haſt ein ſchweres ampt erkriegt / wache / yetzt hab ich ge gęſagt / es ſey ſchwer behůtten / das von vilen begert wyrdet Freud, ch hab ein weyb / vnd fr geſtalt iſt fürtreffenlich. Vernunfft. Die geſtalt des leibs pfligt ſich / wie vil andere ding der gleichfoͤꝛmigkayt erfrewen / aber vn⸗ gleychfoͤꝛmigkayt verſchmehen / haſt du nun gleych ein ſchoͤne / würdeſt geuͤbet werden / on das wyrdeſt verſchmecht / iſt baydes arbaytſam. Freud. Die ſchoͤne meynes weybs iſt groß. Ver nunfft. Auch iſt die hoffart groß / es iſt kaum etwz anders / das fo gleych das gemüt erhaben / vnd auff blaſent macht / als die ſchoͤ⸗ ne. Freud. Die geſtalt meyns weybs iſt groß. Vernunfft. Schaw das nicht die keuſchayt klein ſey / wiſſentlich iſt der ſpꝛuch Juuenalis / Selten iſt einhelligkayt zwiſchen der ſchoͤne vnd ſchamhafftigkayt / alſo das der beſte / wer / wolt leydẽ vngeſtůme der ſitten / vnd dergleychen verdꝛuß. Freud. Ganntz hüpſch iſt meyn weyb. Vernunfft. So haſtu dahaymen ein zierlichs vnd geſchaͤfftigs bild / wyr deſt dergleychen ſehen frembde goͤſt / vnd newe klaydung / lobe zům feil geſchick ligkayt des leibs / die hochſynnigkayt der erfynderin allenn e wendig / Vnd als dann nenne den ſchaden deines erbgůts / einn gew ynn. Freud. Ich hab ein wolgepildes weyb. Vernunfft. Du haft ein bild Kriegiſch vnd vngeſtuͤme / das du vberflüſſig eereſt / das du dich auß dir ſelbs gezuckt / verwunnderſt / das du anbetteſt an dem du gar hangeſt / vnnderwirffeſt deinenn halß dem ſoch / vnnd

Von einem hübſchen Weib

4. Holzſchnitt von Hans Burgkmair. 16. Jahrhundert

Beleuchtung gebannt iſt, kann unmöglich andere als bleiche, fahle Wangen haben. Alsbald wird blaſſer, zarter Teint, wie ihn Boudoir, Salon und Ballſaal hervor: bringen, als vornehm auspoſaunt; das Krankheitsmerkmal wird zur Schoͤnheitsregel erhoben, die Farbe der Geſundheit als veraͤchtlich geſtempelt: rot iſt baͤuriſch. Das find, kurz gefaßt, die vier Hauptſuͤnden der Mode; fie genügen an dieſer Stelle als Beweis fuͤr die aufgeſtellte Behauptung von der Vernichtung der urſpruͤnglichen Schoͤnheit des Weibes.

Aber nicht nur in der aͤußeren Erſcheinung iſt die natuͤrliche Schoͤnheit der Frau aufgehoben, ſie iſt meiſtens auch in der Wirklichkeit durch die andauernden Gewaltkuren der Mode fuͤr immer vernichtet. Der Koͤrper jeder Frau, die dauernd groͤßere Konzeſſionen an die drakoniſchen Geſetze der Mode macht, weiſt unvergaͤng— liche Spuren der Verwuͤſtung auf; ſie iſt tatſaͤchlich fuͤr ihr ganzes Leben gezeichnet. An den Fuͤßen reihen ſich die Zehen nicht mehr regelmaͤßig nebeneinander, ſondern ſie ſchieben ſich haͤßlich verkruͤppelt uͤbereinander. Die Huͤften werden durch die furcht— bare Laſt der Wulſtenroͤcke abgeflacht, ſie verlieren ihre urſpruͤngliche natuͤrliche und ſchoͤne Woͤlbung, der Bauch wird ſchlaff und muskellos, und die inneren Organe des Unterleibes verkuͤmmern oder verſchieben ſich krankhaft; an zahlloſen qualvollen Frauenleiden iſt das rechneriſch nachzuweiſen. Was die Wulſten- und Reifroͤcke im 16., 17., 18. und 19. Jahrhundert verſchuldet haben, das verſchuldete zu allen Zeiten bis auf unſere Tage die Taillenſchnuͤrung. Sie füllt täglich die Säle der Frauen—

5. Deutſche Karikatur auf die Sinnlichkeit der Frauen. 1648

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Wozu auf die Hecke drücken, wenn das Tor offen iſt?

6. Hollaͤndiſche ſomboliſch-ſatiriſche Karikatur aus dem 17. Jahrhundert

kliniken mit einem endloſen Heer von Opfern; und alle tragen das Kainszeichen der Mode, die furchtbare Korſettfurche. Gerade hier ſcheint es, als ob teufliſcher Wahn: witz alle Vernunft in ihr Gegenteil verkehrt haͤtte. Des jungen, heranwachſenden Maͤdchens groͤßter Stolz iſt der Buſen; Hunderte der reinſten Frauen haben dieſes geheime Hochgefuͤhl ſchon geſchildert. Schuͤchtern gewahrt die heranwachſende Jung— frau die erſte Rundung, mit heimlich-bangender Neugierde verfolgt ſie die Zunahme, als ob ploͤtzlich uͤber Nacht alle Schoͤnheit hervordringen muͤſſe. Endlich iſt jeder Zweifel gehoben, und mit ſteigender Wonne ſieht ſie die beiden Huͤgel ſich heben zu ſtrotzender jungfraͤulicher Fuͤlle. Sie weiß: das iſt der erhabenſte Schmuck des jungen Weibes, das macht ſie taͤglich neu begehrenswert in den Augen des Geliebten, und im Geiſte genießt ſie ſchon die Wonnen ſeiner ſeligen Begeiſterung. Kein Traum iſt fuͤr die Jungfrau duftiger als dieſer und doch ſchnuͤrt ſie ſich, preßt ſie ſich widernatuͤrlich zuſammen. Tag fuͤr Tag, Woche fuͤr Woche, Monat fuͤr Monat. Die Folgen ſind unvermeidlich, und fie werden ihr ſchon bald offenbar. Sie fühlt die feſte Kraft und die Elaſtizitaͤt des ſtaͤndig und mit Gewalt aus feiner natuͤr—

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lichen Lage gedrängten jungen Buſens ſchwinden, noch ehe er ſich uͤberhaupt zur vollen Reife und Schoͤnheit entfaltet hat. Aber ſie ſchnuͤrt ſich weiter, weiter: die Mode— moral gebietet es. Und wenn ihr die warnende Vernunft eines Tages die Folgen vor— hält, hat fie nur den einen Einwand und den einen Troſt: „Gott, das ſieht man auf der Straße doch nicht!“ Und das iſt die Hauptſache (Bild 28). Die unerbittliche Logik dieſer Modemoral aber iſt hier die grauſamſte, die ſich denken laͤßt: Um den Schein der Schoͤnheit eines ſchoͤnen Buſens augenfaͤllig zu machen, wird die urſpruͤng⸗ lich vorhandene Wirklichkeit der Schoͤnheit unbarmherzig zerſtoͤrt. ..

Die Mode iſt ein grimmiger Feind der Frau, aber er iſt leider nicht der grimmigſte. Es gibt einen, der noch viel gruͤndlicher zerſtoͤrt und wuͤrgt die Arbeit, d. h. die uͤbermaͤßige Arbeit. Wider dieſen Zermuͤrber des göttlichen Schoͤpfungswunders ſind noch niemals allzuviel Stimmen laut geworden, und doch ſucht er die große Maſſe der Frauen heim, waͤhrend die Mode ſchließlich immer nur einen kleineren Bruchteil mit ihren ſchrecklichſten Folterungen angeht. Aber gerade das iſt der Grund, warum man nicht ſo laut lamentiert, weil der Wuͤrger Arbeit „die Wenigen“ verfchont, und weil die Arbeit „der Vielen“ die Genuͤſſe der Wenigen ermoͤglicht.

Die Arbeit, die ſegensreiche, ſie iſt fuͤr die Mehrzahl der Frauen zum Fluch geworden, zum Fluch, der wie eine feindliche Kettenkugel an den zarten Frauenleib geſchmiedet iſt und ohne Unterlaß an ſeiner voͤlligen Zerſtoͤrung arbeitet.

Man ſtelle ſich einmal eine Reihe von Abenden in irgend einer großen Fabrik— ſtadt in eine Straßenniſche, wo der Zug der heimkehrenden Arbeiterinnen voruͤber muß, und pruͤfe ſorgfaͤltig die haſtend und draͤngend aus den Fabriktoren her— vorquellenden Maſſen. Keinem, der zu ſchauen vermag, wird der beißende Hohn verborgen bleiben, den dieſe Geſtalten einzeln und in ihrer Geſamtheit allem bieten, was echte weibliche Schoͤnheit bedeutet. Wo iſt natuͤrliche Anmut, Eleganz der Linie, geſunde, feſte Fuͤlle der Formen, ſtolzes Ebenmaß? Wo iſt Kraft und Elaſtizitaͤt der Bewegung, Hoheit der Haltung? Nirgends! Nirgends! Zum ent— ſeelten, der Individualitaͤt beraubten Maſchinenteilchen iſt jede der Dahineilenden von der Arbeit Einerlei degradiert worden. Zuſammen und beieinander ſind die Hunderte tagsuͤber eine einzige, großartig funktionierende Maſchine; jetzt fuͤr die Zeit der Pauſe auseinandergenommen, ſind ſie weſenlos, charakterlos. Erſt morgen in der Fruͤhe wieder, wenn ſie ſich mit dem Schlage der Fabrikuhr in wenigen Sekunden von neuem zuſammenformen, dann werden ſie wieder ein Weſen mit Charakter, Geiſt und ſchoͤpferiſcher Kraft. Aber das Wichtigſte iſt hier: die ſaͤmtlichen Teile dieſer genial organiſierten Maſchine, die hier Millionen Naͤhnadeln durch raffiniertes Hand— in⸗Hand⸗arbeiten in kuͤrzeſter Zeit fabriziert, dort ebenſo raſch Berge von Spiel⸗ waren aller Art aufhaͤuft, ſie haben erſt einen großen Teil ihrer natuͤrlichen Schoͤn— heit aufgeben muͤſſen, um als brauchbare Maſchinenteilchen zu gelten und es zu

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Der Tod und die Frau

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Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“

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7. Franzoͤſiſche Modekarikatur auf die hohen Haarfriſuren. Um 1780

ermöglichen, daß die Gefamt- maſchine tadellos funktioniere und Tag fuͤr Tag ohne Stoͤrung das vorgeſchriebene Arbeitsquantum leiſte. Hier iſt bei einer ganzen Anzahl Frauen der linke Arm hager, dort bei einer ebenſo großen der rechte, hier ſind es die Beine, dort die Finger, hier beherrſcht eine eigentuͤmliche Bewegung die Geſamt⸗ bewegung, dort hat ſich eine beſondere, einſeitige Haltung,

die niemals mehr zu uͤber—

winden iſt, herausgebildet uſw. uſw. Alle dieſe Abnormitaͤten entſprechen der beſonderen

Taͤtigkeit, die den betreffen—

den im Arbeitsprozeß zuge—

wieſen iſt. Mit anderen

Worten: erſt wenn der goͤtt—

8. Franzoͤſiſche ſymboliſche Karikatur. 1319 liche Schoͤpfungswitz in einer

ganz beſtimmten Richtung

voͤllig ausgerenkt iſt, dann erſt zaͤhlt er als Weſen in der Armee der Arbeit

fuͤr voll: die koͤrperliche Deformierung iſt die Grundbedingung der Exiſtenzmoͤglich— keit der Arbeiterinnen. a

Und die Verwundungen find wahrlich nicht harmloſer als die, welche die Mode

ſchlaͤgt. Die Phraſe vom Schlachtfeld der Arbeit iſt leider keine Phraſe. Gewiß,

die Korſettfurche iſt hier ſelten oder gar nie in fo beaͤngſtigendem Maße vorhanden:

beim Arbeiten muß man ſich bewegen koͤnnen. Leider aber ſchafft dieſes „ſich bewegen

koͤnnen“, der Verzicht aufs Korſett, auch eine Kleiderfolter: die Rockfurche, die, wie

zahlreiche Arzte mit Recht gegenuͤber der Reformphraſeologie nachweiſen, ebenſo

moͤrderiſch auf Schoͤnheit und Geſundheit wirkt. Aber die wenigſten Koͤrper von

arbeitenden Frauen gelangen uͤberhaupt zur Vollreife. Krankheit, Siechtum und

Unterernaͤhrung machen die Koͤrper fruͤhzeitig eckig, flach und widerſtandslos. Und

darum iſt auch alle Schoͤnheit, die ſich hier offenbart, nur ſcheinbar: eine Schoͤnheit,

die jaͤh aufbluͤht und ebenſo jaͤh dem Erſchlaffen weicht; dazwiſchen liegt meiſtens

nur eine ganz kurze Zeit des Zeniths.

Das ſei der Fluch des Maſchinenzeitalters und der Fabrikarbeit, wird von verſtaͤndigen Menſchen immer und immer wieder betont. Die ſo ſprechen, haben zweifellos nur zu ſehr recht. Die Farben koͤnnen bei ſolchen Schilderungen nicht duͤſter genug gewählt werden, jeder roſige Ton, der echte Lebensfuͤlle ausſtrahlen wuͤrde, iſt kategoriſch zu tilgen, wenn man von der verheerenden Wirkung der Fabrik— arbeit zu reden hat. Trotz aller Arbeiterſchutzgeſetze klingt der duͤſtere Kehrreim des Liedes vom Hemde, das Thomas Hood vor ſechzig Jahren der Not der Fabrik— arbeiterin geſungen hat, noch wenig gemildert durch jede Stadt, durch jedes Land der ziviliſierten Welt:

O Maͤnner, denen Gott Stich! Stich! Stich!

Weib, Mutter, Schweſter gegeben: Das iſt der Armut Fluch:

Nicht Linnen iſt's, was ihr verſchleißt Mit doppeltem Faden naͤh' ich Hemd, Nein, warmes Menſchenleben! Ja, Hemd und Leichentuch!

Und trotzdem: gemach, gemach, noch iſt kein Punkt zu ſetzen, die Hoͤlle der Arbeit, in der die Frau geopfert wird, iſt damit erſt in ihrem augenfaͤlligſten Teil durchmeſſen. Taͤuſchung waͤre es, allergroͤbſte Taͤuſchung, | zu wähnen, draußen im Feld, wo die Bauerndirne ſich müht, und daheim im Buͤrgerhauſe hinter dem Herd, wo die Hausfrau waltet, von dieſen Orten waͤre der Fluch der Arbeit gebannt, hier tue ſich die Arbeit wirklich auf als das goͤttliche Geſchenk, das den Geiſt entfalte und loͤſe und den Koͤrper zur Voll— kommenheit reife.

Die Tragik des Haus— frauenloſes iſt nicht fo augen- faͤllig, ſie vollzieht ſich ſtiller, unauffaͤlliger, heimtuͤckiſcher, und darum ſetzt ſie noch weniger Federn in Bewegung,

aber dieſe Tragik iſt darum ebenſo unerbittlich. Wird ſie

3 8 Der weibliche Lancier einmal in ihrem Weſen be—

9. Engliſche Modekarikatur. 1796 2 *

griffen, dann wirkt fie auch erſchuͤtternd. Der allerzahmften einer, Gerhard v. Amyn— tor, ſchreibt einmal uͤber die Sklaverei des Herdes:

„Nicht die erſchuͤtternden Ereigniſſe, die fuͤr keinen ausbleiben und hier den Tod des Gatten, dort den moraliſchen Untergang eines geliebten Kindes bringen, hier in langer ſchwerer Krankheit, dort in dem Scheitern eines warm gehegten Planes beſtehen, untergraben ihre Friſche und Kraft, ſondern die kleinen, täglich wiederkehrenden, Mark und Knochen auffreffenden Sorgen . .. Wie viele Millionen braver Hausmuͤtterchen verkochen und verſcheuern ihren Lebensmut, ihre Roſenwangen und Schelmengruͤbchen im Dienſte der haͤuslichen Sorgen, bis ſie runzliche, ver— trocknete, gebrochene Mumien geworden ſind. Die ewig neue Frage: Was heute gekocht werden fol, die immer wiederkehrende Notwendigkeit des Fegens und Klopfens und Buͤrſtens und Abſtaͤubens iſt der ſtetig fallende Tropfen, der langſam aber ſicher Geiſt und Koͤrper verzehrt. Der Kochherd iſt der Ort, wo die traurigſten Bilanzen zwiſchen Einnahme und Ausgabe gezogen, die deprimierendſten Betrachtungen uͤber die ſteigende Verteuerung der Lebensmittel und die immer ſchwieriger werdende Beſchaffung der noͤtigen Geldmittel angeſtellt werden. Auf dem flammenden Altar, wo der Suppentopf brodelt, wird Jugend und Unbefangenheit, Schoͤnheit und frohe Laune geopfert, und wer erkennt in der alten, kummergebeugten, tiefaͤugigen Koͤchin die einſt bluͤhende, uͤbermuͤtige, zuͤchtig-kokette Braut im Schmucke ihrer Myrtenkrone.“

Das iſt nur zu wahr; fuͤr „die Dame“, die ſorgenlos uͤber Dienſtboten ge— bietet, gilt das freilich nicht.

Und wie ſteht es mit der laͤndlichen weiblichen Bevoͤlkerung? Was? Auch hier, wo die Geſundheit zu Hauſe iſt, ſoll zu maͤkeln ſein? Jawohl, auch hier! Gerade hier ſieht man auf Schritt und Tritt die groteske Verhunzung des goͤttlichen Schoͤpfungswunders durch die Arbeit. Ohne Zweifel ſtrotzen Zehntauſende von Bauerndirnen und Bauernfrauen foͤrmlich von Geſundheit; aber ſoll ihre koͤrperliche Erſcheinung vielleicht die menſchliche Vollendung ſein? Auf Koſten aller Harmonie iſt das animaliſche Wohlbefinden erreicht worden; dieſes animaliſche Wohlbefinden iſt aber auch der einzige Unterſchied. Von zehn Bauernweibern ſind mindeſtens acht buchſtaͤblich groteske Karikaturen der menſchlichen Geſtalt. Vom Kopf bis zu den Fuͤßen vollſtaͤndige Miß- und Verbildungen. Gewiß, eine nicht zu uͤber— ſehende Harmonie iſt vorhanden: die Harmonie des Ungeſchlachten in allen Teilen. Das gilt ſowohl fuͤrs Gebirge, wie fuͤr die Niederungen des Flachlandes. Man vergleiche z. B. ohne Voreingenommenheit die Typen, die Bruno Paul von den oberbayriſchen Baͤuerinnen geſchaffen hat, mit der Wirklichkeit, und das Ergebnis jeder ernſten Pruͤfung wird ſein, daß ſie verbluͤffend richtig geſchaut ſind, und gerade die groteske karikaturiſtiſche Behandlung offenbart das Weſen ihrer Geſamterſcheinung.

Und dieſe beleidigende Verbildung des Koͤrpers hat auch einzig und allein die Arbeit

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Vorbereitung zum Schmuggel

Groteske engliſche Karikatur

Rowlandſon.

10.

vollbracht, fie hebt durch ihre Schwere und durch das uͤbermaß ſtets in wenigen Jahren das jugend— liche Ebenmaß auf, aber ſie formt hier im Gegenſatz zur Fabrikarbeit den Menſchen nicht zum Maſchinen— teilchen, ſondern jeder einzelne iſt eine ganze Maſchine, und zwar eine Maſchine, die plump und ungeſchlacht iſt wie die zu bewaͤltigende Arbeit... So ſtellt ſich alſo in Wahr— heit fuͤr die große Mehrzahl der weiblichen Bevoͤlkerung die „Re— generation“ durch die Arbeit dar. An dieſer Stelle wird ſicher von manchem Leſer der Einwand erhoben werden: „ach dieſe Schil— derung iſt ja ſelbſt uͤbertreibung, groteske Karikatur“ der bekannte, 1 a ſo haͤufig hervorgeholte Troſt, um la, damit über die peinliche Wirklich— Die moderne Veſtalin keit hinwegzuturnen. Wenn der 11. Goͤz. Deutſche Karikatur aus dem 18. Jahrhundert tiefere Sinn in dem heiteren Ge⸗ wande, das der Karikatur eignet, bei dem hier vorgefuͤhrten Bildermaterial richtig erfaßt werden ſoll, dann waͤre es leichtſinnig, die Moͤglichkeit dieſes Troſtes beſtehen zu laſſen. Dieſe Moͤglichkeit wird vernichtet, wenn man auf die poſitiven Zahlen, zu denen die Wiſſenſchaft in dieſer Richtung gelangt iſt, hinweiſt. Der verdienſtvolle C. H. Stratz beantwortet auf Grund von vielen tauſend Meſſungen und eigenen aͤrztlichen Unterſuchungen die Frage „wie viel Frauen haben einen normalen Koͤrper und wieviele erhalten ihren Koͤrper nor— mal?“ mit folgenden Zahlen: „Wir haben ungefaͤhr unter hundert jetzt lebenden Frauen verunſtaltet durch engliſche Krankheit 35, durch Skrofuloſe uſw. 15, durch ſtarkes Schnuͤren 20, durch unzweckmaͤßige Behandlung bei Geburt und Wochenbett 25, der Reſt iſt normal“. D. h. alſo: unter hundert Frauen befinden ſich fuͤnf völlig normale Frauen. Zu denſelben Reſultaten kamen noch eine Reihe anderer Spezialforſcher. Fuͤnf von hundert Frauen ſind ſchön, ſoferne ſie koͤrperlich normal, koͤrperlich vollkommen ſind. Damit iſt jedoch nicht geſagt, daß auch nur eine dem Schönheitsideal entſpraͤche, denn koͤrperliche Schoͤnheit allein genuͤgt dafuͤr nicht. Das leitet uns denn auch zu etwas anderem uͤber.

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Wir find nämlich mit dem bis jetzt Geſagten noch lange nicht zu Ende mit den Suͤnden wider den heiligen Geiſt der koͤſtlichen Schoͤnheit des Weibes. Es waͤre auch eine hoͤchſt brutale Auffaſſung von der Frau, ſie nur nach ihrer rein koͤrper— lichen Vollkommenheit zu werten, d. h. ſich nur auf die Schilderung der Vernichtung ihrer koͤrperlichen Schoͤnheit zu beſchraͤnken und Seele und Geiſt ganz außer Betracht zu laſſen, zumal gegen dieſe beiden, wie fchon eingangs geſagt wurde, zu allen Zeiten mit gleichem Fanatismus gewuͤtet worden iſt und leider mit demſelben durch— ſchlagenden Erfolge. Vielleicht iſt hier ſogar noch gruͤndlicher zu Werke gegangen worden. Die Verkruͤppelung des Geiſtes und der Seele des Weibes iſt der Verkruͤppelung des Koͤrpers zum mindeſten durchaus ebenbuͤrtig. 8

Die Erziehung der Frau nach den Geſetzen von „Sitte und Anſtand“ erfordert die erſte Wuͤrdigung, denn ſie iſt auf geiſtigem und ſeeliſchem Gebiet ungefaͤhr das Gegenſtuͤck zur Mode und iſt wie dieſe ſanktioniert von der allgemeinen geſellſchaft— lichen Moral.

Um ſo mehr nach Hohn klingt es darum aber auch, wenn als Grundzug der Erziehung der Frau der folgende Satz aufgeſtellt und als fuͤr die meiſten Zeiten geltend erklaͤrt werden muß: Alles, was den Menſchen groß und frei an Geiſt, Seele und

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12. Deutſche Karikatur auf die Graͤfin Lichtenau, die Maitreſſe Friedrich Wilhelms II.

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13. Nowlandſon. Engliſche Karikatur auf das Schnuͤren

Gemuͤt macht, freies, unabhaͤngiges Denken, gluͤhendes Empfinden, offenes, deutliches Wort, Geradheit, Echtheit, Wahrhaftigkeit, Mut der uͤberzeugung alledem, d. h. den hervorſtechendſten und ſtolzeſten menſchlichen Tugenden, iſt von der Erziehung gegenuͤber der Frau ununterbrochen der Krieg erklaͤrt worden. An deſſen Stelle trat einzig und allein, geltend fuͤr alle Kategorien des Lebens, die Dreſſur. Der Zirkusgaul, der keinen einzigen Schritt zu viel, keinen zu lang und keinen zu kurz macht, war und iſt das Ideal aller Frauenerziehung. Und dieſem Ideal iſt unter der jedem Zeitalter gelaͤufigen Deviſe: „Es ſchickt ſich nicht!“ nachgeſtrebt worden. Keine Formel gibt es, die leichter zu begruͤnden geweſen waͤre, und darum hat ſie ſtets den haͤrteſten Widerſtand uͤberwunden.

„Es ſchickt ſich nicht!“ iſt der kategoriſche Imperativ im Leben jeder Frau, und nicht nur der vornehmen; ſelbſt auf dem Dorfe ertoͤnt er. An dieſes

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1807

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Albert Langen, Muͤnchen

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Zu viel und zu wenig oder die Sommermode im Jahre 1556 und im Jahre 1796

14. Woodward. Engliſche Modekarikatur

Wort gekettet, wird die Frau durchs ganze Leben gefuͤhrt. „Es ſchickt ſich nicht!“, damit wird die Kleine im Fluͤgelkleide unbarmherzig zuruͤckgehalten, wenn fie ſich von der Hand der Mama oder der des Kindermaͤdchens losmachen will, um den johlenden Buben nachzulaufen, die einen Schmetterling haſchen wollen. „Es ſchickt ſich nicht!“ toͤnt es mahnend dem heranwachſenden Maͤdchen entgegen, wenn es einen Augenblick der guten Lehren vergißt und mit ungedaͤmpfter Stimme plappert und lacht. „Es ſchickt ſich nicht!“, das wird dem Backfiſch mit ſtrafender Verweiſung entgegengehalten, wenn er dabei ertappt wird, wie er verſtohlen nach einem ſchmucken maͤnnlichen Alters— genoſſen ſchielt; und „Es ſchickt ſich nicht!“ klingt es ſelbſt noch der Matrone wie eine

innere Stimme ins Ohr, wenn die Eile ſie draͤngt, z. B. einen kurzen Weg uͤber 3 17

die Straße ohne Extra⸗ toilette zu machen. „Schickt es ſich?“, das gebietet andererſeits jede Mutter ihrer Tochter, ſich ſtets bei jeder Gelegenheit zu fragen;

das allein und nichts an— deres ſoll ihre Leitſchnur im Leben ſein, und mit „Es ſchickt ſich nicht!“ wird dann jede auftauchende Frage erledigt, alles wider— legt und alles begruͤndet, jeder Drang nach geiſtiger Befreiung und das ſoge— nannte ewige Geſetz: „Er ſoll dein Herr ſein!“ Die Formel „Es ſchickt ſich nicht!“ iſt ſchließlich fuͤr die große Mehrzahl aller Frauen zu dem Schutz⸗ wall geworden, den ſie ſich ſelbſt in jedem Augenblick und bei jeder Zumutung,

Merk dir das eine: immer recht ſtraff! > 8 15. Francisco Goya. Spaniſche Karikatur die an ihren Intellekt und

ihr Gefuͤhl geſtellt wird, aufrichten. In der erhabenſten Stunde ihres Lebens, wenn der bewunderte Geliebte ſie zum erſtenmal in feine Arme ſchließt und den erſten Kuß von ihren Lippen pfluͤckt, da findet ihre Verlegenheit gewoͤhnlich nur das eine Wort: „Es ſchickt ſich nicht!“ Biedere Salbaderer erklaͤren wuͤrdevoll, das ſei der ſelbſtgewaͤhlte Zuͤgel, den ſich die Frau anlege, um ſich ſicher zu machen und ſich davor zu bewahren, jene Schranken zu uͤberſchreiten, die „edle Wuͤrde der Frau einzuhalten gebietet“. Leider iſt es ganz etwas anderes. Es iſt in Wahrheit die unſichtbare, aber jedem fuͤhlbare, von der egoiſtiſchen Maͤnnerwelt im Intereſſe der Herrſchaft des Mannes aufgerichtete Wand, die das große Frauengefaͤngnis faſt unuͤberſteiglich umſchließt; nur ſehr wenige ver— moͤgen dieſe Mauern zu uͤberklettern und dieſem Gefaͤngnis zu entfliehen. Und das Reſultat? Auf Schritt und Tritt wird es durch die ganze Kulturgeſchichte offenbar. Welche ungeheuerliche Banalitaͤt des Denkens, der Sprache, des Ausdrucks iſt in den meiſten Epochen der großen Maſſe der Frauen eigen! Ihr Weſen iſt Unnatuͤrlich—

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keit, Halbheit und Unwahrheit. Gedanken, Sprache, Worte, Gang, Geſte, Bewegung, alles iſt losgeloͤſt von urſpruͤnglicher Natuͤrlichkeit, iſt dafuͤr poſiert, gewaͤhlt, gezwungen, gefeilt, lackiert, poliert. Nirgends eine Beziehung zum Ganzen, nur zu ſich, das Ich ſteht allein im Mittelpunkt; waͤhrend raffiniert das Gegenteil geheuchelt wird, iſt alles nur ſeinen Inſtinkten untergeordnet. Alles Derbe, Kraͤftige iſt aus der Phyſiog— nomie der Durchſchnittsfrau ausgetilgt, das Charakteriſtiſche iſt nivelliert. Jedes Geſicht iſt weich, rundlich, unterſchiedslos. Mienen, aber keine Zuͤge, die Charakter anzeigen. Und die Mienen, ein Spiegel der Seele? Nein, eine einzige, große, in die Laͤnge gezogene, kontinuierliche Luͤge. Beweiſe! Beweiſe! O, ſie ſind zu Hunderten zur Hand, ob man nach links, nach rechts, nach vorn oder nach hinten greife, nie bleibt die Hand leer. Sie ſpringen in die Augen beim erſten Schritt auf die Straße,

Die Morgenpromenade

16. Dutailly. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Mode der durchſichtigen Frauenkoſtuͤme unter dem Direktorium. 1796 3 19

Am häuslichen Herd 17. Galante franzoͤſiſche Karikatur. Um 1820

in den Salon, ins Buͤrgerhaus. Man kann ſie zu Dutzenden mit dem Finger zeigen, wenn man im Theater an die Rampe tritt, wenn man die Schwelle der Kirche uͤber— ſchreitet oder auch nur einen Kirchhofweg entlang wandelt. Ein einziges ſei her— vorgeholt, eins von geſtern, von heute, von morgen und von uͤbermorgen, das ſelbſt der Duͤmmſte und Kurzſichtigſte ſehen muß, wenn er die Augen eine Minute offen hält: dort geht eine zuͤchtige, deutſche Jungfrau aus guter Familie über die Straße, ihr Geſichtchen iſt ſo ſtrahlend unſchuldig und naiv wie der Ausdruck eines acht Tage alten Kaͤlbchens, es iſt Tatſache: ihre Sitten und Gebärden find tadellos, fie ſpricht kein Wort, das ſich nicht ſchickte, ſie tut nichts, was ſich nicht ſchickte, makellos iſt ihr ganzes Leben wie die Friſche des eben aus der Hand der Plätterin kommenden weißen Unterrocks, der beim Raffen ihres Kleides leiſe ſichtbar wird, und dieſelbe keuſche deutſche oder franzoͤſiſche oder engliſche oder italieniſche Jungfrau traͤgt einen Rock, von dem ſie weiß, daß die Schneiderin dabei ihren ganzen Scharfſinn darauf verwendet hat, vor aller Welt ſo pikant wie nur irgend moͤglich das Ge— heimnis an den Tag zu bringen, daß ſie, die eben erbluͤhte Blume der Unſchuld und der Reinheit, in hervorragender Weiſe die Reize der Venus Kallipygos beſitzt. Sie weiß, daß dieſe Reize in allen Details ſo plaſtiſch wie moͤglich herausgearbeitet ſind

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zur Augenweide aller Männer, damit jeder, der ihren Weg kreuzt, ſich daran ergoͤtze; ſie weiß es, und ihr Geſicht ſtrahlt dennoch unſchuldige Heiterkeit, Zuͤchtigkeit und holde Naivitaͤt. Wahrhaftig, der Teufel muß ſich in Lachkraͤmpfen winden ſchon ob dieſes einen Reſultates von der Erziehung des Weibes.

Die Verwuͤſtungen, die die Arbeit, die Haus- und Fabrikſklaverei, an Geiſt, Seele und Gemuͤt der Maſſe der Frauen angerichtet hat, ſind anderer Art, aber ſie ſind nicht weniger deprimierend. Die Monotonie der Arbeit hat bei den meiſten alle Driginalität des Denkens verwiſcht. Eine nie nachlaſſende Müdigkeit und ſtumpfe Gleichguͤltigkeit gegen ernſtere Gegenſtaͤnde liegt wie ein Schleier uͤber ihrem ganzen Leben. Kein ſtolzes Aufleuchten der Augen uͤber erfuͤllte Pflicht kroͤnt die vollbrachte Arbeit, und kein behagliches Dehnen in der Freiheit beſchließt den Tag man iſt uͤbermuͤdet. Man iſt haſtig ſelbſt in den Stunden der Ruhe und der Erholung. Alle Freude iſt nichts Natuͤrliches, ſondern nur ein krampfhaftes Zucken der Seele. Aus dem geiſtigen und ſeeliſchen Leben iſt ein bloßes geiſtiges und ſeeliſches Vegetieren geworden, und die Spannkraft wird meiſtens nur von der Sorge und der truͤgeriſchen Hoffnung aufrecht erhalten ...

Zur grotesken Karikatur iſt der goͤttliche Schoͤpfungswitz faſt zu allen Zeiten herabgeſtuͤmpert worden, ſo lautet der erſte Satz dieſer Einleitung. Nur knapp und in großen Umriſſen iſt die Wahrheit dieſes Satzes hier ſkizziert, aber wohl aus— reichend zur Begruͤndung der Tatſache, daß die Frau in allen Zeiten zum unerſchoͤpf— lichen, niemals abgedroſche— nen, immer neue Seiten darbietenden Thema der Satire in Wort und Bild geworden iſt.

Nun hat aber jedes Ding in ſich ſeine eigene geheime Ironie. Was iſt nun in dieſem Falle die Ironie der Geſchichte der Frau in der Karikatur? Die Karikatur der Karikatur der Frau, das iſt nur ſcheinbar bloß die boshafte und zweck— Romantiſches Koſtüm loſe Rache der beleidigten 18, C. Roqueplan. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Mode im Jahr 1830

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Die Unſchuld

19. Aus den „Teufeleien“ von Poitevin. Tranzöfifche Karikatur. 1832

und vergewaltigten Natur, in Wirklichkeit manifeſtiert ſich in der Karikatur der Frau etwas viel Bedeutſameres, ſie iſt ein Teil des Gewiſſens der Menſch⸗ heit. Und das iſt die geheime Ironie: in der ſatiriſierenden Steigerung aller aͤſthetiſchen und moraliſchen Entgleiſungen am Bilde der Frau zur vollendeten Haͤßlichkeit und Unnatur wirkt im letzten Grunde der Drang, den goͤttlichen Schoͤpfungswitz nicht untergehen zu laſſen, ihm im Gegenteil zu ſeinem angeborenen Rechte zu verhelfen, d. h. das doch noch eines Tages in ganzem Umfange zu werden, was er ſeiner ganzen Anlage nach iſt: ein erhabenes Wunder voll Reichtum und unvergaͤnglicher Schönheit. Mit anderen Worten: die wahre Schoͤnheit hat keinen zaͤrtlicheren Foͤrderer als die bewußte Haͤßlichkeit der Karikatur.

Erkennt man dieſes geheime Geſetz, dieſen ernſten Hintergrund im ausgelaſſen— ſten Lachen, dann erheben ſich die tauſend und abertauſend Karikaturen, die die Rolle der Frau in Familie, Geſellſchaft und Staat im Laufe der Jahrhunderte ge— zeitigt hat und taͤglich neu zeitigt, zu weit mehr als zu bloßen Seifenblaſen der momentanen Heiterkeit; die Karikatur erhebt ſich in ihrer Beharrlichkeit und ihrer

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ewigen Unermuͤdlichkeit zum Schrittmacher einer höheren Vernunft, einer echten und reineren Schoͤnheit, einer tiefgruͤndigen Sittlichkeit.

Die Frau ſteht im Leben eines jeden geſunden und normalen Mannes min— deſtens fuͤr eine Reihe von Jahren im Brennpunkt ſeines geſamten Fuͤhlens und Denkens. Sie iſt fuͤr ihn die erſte große Offenbarung des Lebens, das Wunder voll tauſend Raͤtſeln von dem Tag an, wo er die Schwelle zum bewußten Geſchlechts— empfinden überſchreitet. Fuͤr manche, nein fuͤr viele, fuͤr unendlich viele ſogar, bleibt ſie waͤhrend ihres ganzen Lebens die einzige Sonne, die ihnen den Tag bedeutet, das Licht und die Wärme, ohne die ſie es nicht vermoͤgen, taͤglich jene Summe von Mut, Spannkraft, Energie und Selbſtbewußtſein auszuloͤſen, deren fie unbedingt be> duͤrfen, um ihre Rolle im Leben auch nur halbwegs mit Anſtand zu ſpielen. Es tut gar nichts zur Sache und hat im letzten Grunde nur nebenſaͤchliche Bedeutung, ob dieſe Rolle auf der großen politiſchen Weltbuͤhne oder nur in der dumpfen Enge der weltabgeſchiedenen Provinzſtadt agiert wird. Und dieſe treibende Kraft des Weiblichen iſt naturgemaͤß viel weniger Ausnahme als Regel, denn das iſt die Erfuͤllung des wichtigſten Naturgeſetzes. Jedes organiſche Lebeweſen ſtrebt nach Vollendung. Das iſt das Ziel des Lebens, beim Einzelindividuum wie bei der Gattung. Und zwar iſt das nicht ein willkuͤrlich nur von einer hoͤheren Vernunft konſtruierter Lebenszweck, ſondern es iſt der in ſeiner unabaͤnderlichen Geſetzmaͤßigkeit empiriſch erkannte Lebenszweck. Die geiſtige, gemuͤtliche und phyſiſche Vollendung

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20. Karikatur auf die Leichtglaͤubigkeit der Frauen. Deutſche Reichsbremſe. 1850

23

kann aber beim Menfchen nie vom Einzelweſen in ſich allein erreicht werden, es bedarf dazu ſtets des andersgeſchlechtlichen Gegenpols. Kant hat dieſe alte Er— kenntnis in den einfachen Satz formuliert: „Mann und Frau bilden erſt zuſammen den vollen und ganzen Menſchen, ein Geſchlecht ergaͤnzt das andere.“ Aus dieſem Grunde iſt es denn auch eine ebenſo natuͤrliche wie ſelbſtverſtändliche Erſcheinung, daß Individuen, aus deren Leben gewaltſam, wider ihren Willen, der eine von beiden Teilen, ſei es Mann oder Weib, ausgeſchaltet wird, ſich faſt immer zu Per— ſönlichkeiten entwickeln, die in irgend einer Weiſe phyſiſch oder ſeeliſch verkruͤppelt ſind. Das iſt die Strafe, die von der Natur auf Zweckverfehlung geſetzt iſt.

Die hoffnungsſchwangere Germania Deutſche ſymboliſche Karikatur aus dem Mai 1849

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Sonntag. 25. Juni. Ra Abonnement bei allen Königl.

Saag 2 Dieſe Zeitſchrift erſcheint wö⸗ 5 = chentl. mindeſtens einmal, und 8

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mit dem Besen. No. 1. Miſſionsblatt zur Bekehrung der politiſchen Heiden. 1848.

Titelvignette der „Tante Voß mit dem Beſen“

22. Berliner Witzblatt aus dem Jahre 1848

Dieſelbe uͤberragende Rolle, die die Frau im Leben des einzelnen ſpielt, ſpielt ſie auch im Rahmen der Geſamtheit. Die Frauenfrage iſt naͤchſt der Arbeiter— frage das wichtigſte Problem der Gegenwart. Aber ſie iſt in einer Hinſicht weit mehr noch als das, ſie knuͤpft ſich nicht nur an die Gegenwart, ſie iſt das erſte, aͤlteſte und wichtigſte ſoziale Problem jeder auf dem Privateigentum begruͤndeten Geſellſchaftsordnung. Die Entſtehung des Privateigentums ſchuf die Monogamie, die Einehe. Mit dem Privateigentum wurde aber auch das Problem vom Unter— druͤcker und vom Unterdruͤckten geboren. Es mußte mit ihm geboren werden, denn dieſe Inſtitution war ja, politiſch ausgedruͤckt, der oͤkonomiſche Fortſchritt, den die menſch— liche Geſellſchaft machte, als fie ſich aus der kommuniſtiſchen Urgeſellſchaft heraus— entwickelte. Die Frauenfrage iſt nun die erſte Faſſung dieſes Problems, die Frau iſt hiſtoriſch der erſte Unterdruͤckte. „Die erſte Klaſſenunterdruͤckung iſt die des weib— lichen Geſchlechtes durch das maͤnnliche.“ Naturnotwendig. Der erſte Sklave mußte der Schwaͤchere ſein, innerhalb der Stammesorganiſation war die Frau infolge der ihr von der Natur zugewieſenen Gebärfunftionen ſtetig der phyſiſch ſchwaͤchere Teil.

Die Frau iſt dieſer Unterdruͤckte durch alle Jahrtauſende geblieben, denn es hat ſich 4

ſeither wohl die Form, nicht aber die Baſis der Geſellſchaftsordnung geändert. Aus dieſem Grunde iſt die Frauenfrage keine Frage, die ſich nur an beſtimmte, enger zu begrenzende Epochen unſerer Geſchichte geknuͤpft haͤtte, ſie iſt im Gegenteil mit jeder Epoche verknuͤpft, iſt in jedem Zeitalter aktuell, auch wenn ſie ſich nicht in die Form von programmatiſchen Forderungen verdichtet hat oder als agitatoriſches Aktions— programm auf der politiſchen oder der geſellſchaftlichen Tagesordnung erſchienen iſt. Sie iſt eben der nicht abzutrennende Schatten unſerer Geſellſchaftsordnung.

In den wirtſchaftlichen Vorausſetzungen der monogamiſtiſchen Familienform wurzelt die geſamte Stellung der Frau von altersher bis auf den heutigen Tag. Die Einzelehe war, wie Engels an der Hand der bahnbrechenden Forſchungen von Bachofen und Morgan nachweiſt, ohne Zweifel ein großer hiſtoriſcher Fortſchritt, aber ſie eroͤffnete neben der Entſtehung des Privatreichtums auch zugleich jene bis heute dauernde Epoche, in der jeder Fortſchritt zugleich ein relativer Ruͤckſchritt iſt, in dem das Wohl und die Entwicklung der einen ſich durchſetzt durch das Wehe und die Zuruͤckdraͤngung der anderen; die Einehe tritt auf als Unterjochung des einen Geſchlechts durch das andere. Die Einehe iſt gegruͤndet auf die Herrſchaft des Mannes, mit dem ausdruͤcklichen Zweck der Erzeugung von Kindern mit unbeſtrittener Vaterſchaft; und dieſe Vaterſchaft wird erfordert, weil dieſe Kinder dereinſt als Leibeserben in das vaͤterliche Vermoͤgen eintreten ſollen: Um die Treue der Frau, alſo die Vaterſchaft der Kinder, ſicher zu ſtellen, wird die Frau der Gewalt des Mannes unbedingt uͤberliefert.

Auf dieſer Baſis beruht das Herrenrecht des Mannes: daß der Mann allein die Geſetze diktiert, daß die ſozialen, geſchlechtlichen und politiſchen Vorrechte aus— ſchließlich auf ſeiner Seite ſind, daß nur, was er tut, und auch alles, was er tut, wohlgetan iſt. Kurz geſagt, daraus reſultieren alle die moraliſchen Ungeheuerlich—

keiten der doppelten Moral fuͤr Mann und Frau: daß bei der Frau Verbrechen iſt,

was dem Mann als unbedingtes Recht, ja, mehr noch: als Ruhm, zugebilligt iſt. Als das menſchliche Gewiſſen anfing, moraliſche Einwendungen gegen das

uneingeſchraͤnkte Herrenrecht des Mannes zu machen, da zimmerte ſich dieſer ſofort ſeine Rechtfertigung, natuͤrlich auch moraliſch:

Weib, Eſel, Nuß darf ich es ſagen?

Tun nie etwas ungeſchlagen. So lautet ein vom Herrenrecht dem Manne eingegebenes Sprichwort des Mittels alters. Und zur Entſchuldigung für die Brutalität, mit der der Mann feine Sklaven— halterrechte ausuͤbte, formte er zur gleichen Zeit das Wort: Die Frauen ſind wie die Katzen, ſie haben neun Leben und koͤnnen manchen Streich vertragen. Mit dieſem Troſt im Sinne konnte der Mann ſorglos weiter drauflos ſuͤndigen, und er hat es bis auf den heutigen Tag der Frau gegenuͤber auch auf allen Gebieten in edler Beharrlichkeit getan.

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Chez. Aubert Pl.de Ja Bourse

Imp. Aubert & Cie

Als Kandidat zur Nationalverſammlung bin ich zuruͤckgewieſen; da bleibt mir nur noch ein

Weg offen .. . laß mich allein, Zenobia ... ſtoͤr mich nicht in meinen Gedanken .. . ich bin eben im Begriff, ein Manifeſt an Europa abzufaſſen.

Die politiſierenden Frauen

23. Honoré Daumier. 1848

Die Frau hat ſich freilich nicht widerſtandslos in dieſe Rolle gefuͤgt. Das laͤßt ſich muͤhelos hiftorifch belegen. Es iſt eine geſchichtlich hinreichend begruͤndete Erſcheinung, daß, ſobald eine Staats- oder Geſell— ſchaftsordnung ihre Ruhe aufgibt und irgendwie in Fluß kommt, ſobald ſich politiſche oder ſoziale Umwaͤlzungen irgendwelcher Art vorbereiten oder andeuten, daß dann regelmaͤßig alle irgend— wie Unterdruͤckten wach werden, ſich auf ihre Anrechte beſinnen, die ihnen Familie, Staat oder Geſellſchaft eigenſuͤchtig vorent— halten, ſie proklamieren und ſie als die ebenfalls zu loͤſenden Aufgaben der Zeit propagieren,

d. h.: fie alle fühlen ſich ſoli— dariſch „mit der Revolution“. Wenn man an der Hand dieſes geſchichtlichen Erfahrungsſatzes die Geſchichte der Frau uͤberſchaut, ſo ergibt ſich die muͤhelos nachweisbare Tatſache, daß die Frauen— frage immer und uͤberall in irgend einer Form „brennend“ wird, wenn auf politiſchem oder ſozialem Gebiet ſich Umwälzungen vorbereiten und vollziehen. Aus dieſen Gruͤnden iſt es auch ganz folgerichtig, daß z. B. in der Gegenwart, in der ſich fuͤr jeden hiſtoriſch auch nur maͤßig geſchulten Kopf klar erkennbar eine bis auf den Grund gehende Umwaͤlzung unſerer geſamten Geſellſchaftsordnung vorbereitet, daß heute die Frauenfrage ebenfalls im Vordergrunde der öffentlichen Diskuſſion ſteht, daß ſie ſeit mehr als fuͤnfzig Jahren in keinem der modernen Kulturſtaaten auch nur fuͤr die kuͤrzeſte Zeit völlig von der Tagesordnung verſchwunden iſt. Das iſt weiter der Schluͤſſel dazu, daß die Frauenbewegung von Tag zu Tag immer groͤßere Kreiſe zieht, ſo daß allmaͤhlich ſchon dem verbohrteſten Philiſter eine Ahnung davon aufdaͤmmert, „daß hier etwas vorgeht“. Freilich darf man dabei nicht in den Irrtum verfallen, daß die ſo erheiternde Damenfrage den Begriff der Frauenfrage erſchoͤpfte.

Die eben ſkizzierte Erſcheinung iſt aber auch in einer anderen Beziehung wichtig. In den großen Konfliktszeiten der Voͤlker vor allem wird es deutlich offenbar, welche gewaltige und ſtolze hiſtoriſche Aufgabe von der Frau trotz

Verläumdung

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Les dames au salon!

25. Conſtantin Guys. Franzoͤſiſche Karikatur aus der Zeit des zweiten Kaiſerreichs

ihrer unterdruͤckten Stellung in der Menſchheitsgeſchichte erfuͤllt wird. Es iſt eine beweisbare Wahrheit, daß keine große geſchichtliche Aktion ſich abgewickelt hat, ohne daß die Frau einen bedeutſamen und imponierenden Anteil daran gehabt haͤtte. Keine große Idee gibt es im Leben der Voͤlker, keine Weltanſchauung von den vielen, die ſich auf politiſchem, religioͤſem und ſozialem Gebiete im Laufe der Zeit abgeloͤſt haben, die nicht in der Frau ihre kuͤhnſten Propheten, ihre opferwilligſten Maͤrtyrer und ihre fanatiſchſten Apoſtel gefunden haͤtte. Vieles von dem Allergrößten, was die Weltgeſchichte zu melden hat, iſt deshalb ruhmreiche Tat geworden, weil die gluͤhende Frauenſeele im entſcheidenden Augenblick den Willen geſtaͤhlt hat. Freilich iſt der beſtimmende Einfluß der Frau nicht nur in der Richtung des Bewunderns— werten zu ſuchen: auf die Abwege, auf denen die Tuͤchtigſten und Genialſten ſich verirrt haben und untergegangen ſind, ſind unzaͤhlige von der Frau geleitet und gedraͤngt worden. N

Iſt die Frau in allen Abſchnitten des Zeitalters der Ziviliſation auch ſtets die Unterdruͤckte geweſen, ſo iſt ihre Stellung doch jeweils ſehr verſchieden. Die je— weilige Stellung der Frau iſt fuͤr die Kulturgeſchichtsſchreibung zu einem uͤberaus wichtigen Gradmeſſer der Reife, Unreife oder Überreife, der Freiheit oder der be— ſonderen Unfreiheit einer Epoche, eines Landes, einer Klaſſe uſw. geworden. In der Stellung der Frau im privaten und öffentlichen Leben, in ihrer Wertung als Menſch

29

Pierrette zu Hauſe

26. Gavarni. Franzoͤſiſche Karikatur

ſpiegelt ſich immer ſehr praͤgnant das Kulturniveau, der Aufgang oder der Niedergang einer Geſellſchaft. In der privatrechtlichen und ſtaatsrechtlichen Stellung der Frau kulminieren alle Schaͤden unſerer privaten und oͤffentlichen Moral. Die Mittel, mit denen die Frau um ihre Anerkennung oder um eine Herrſchaft im Rahmen der Familie, der Geſellſchaft oder des Staates buhlt, ringt und kaͤmpft, ſind ein Teil der wichtigſten Zeugniſſe und Dokumente fuͤr die Geſchichte der oͤffentlichen Sittlichkeit. Man vergegenwaͤrtige ſich hier, als einziges Beiſpiel, nur jene Zeiten, in denen die Frau auf dem Throne ſaß und das alles beherrſchende Zepter ſchwang. Wir meinen hier natuͤrlich nicht die Frau als ſtaatsrechtliche Regentin eines beſtimmten Landes, ſondern die Frau als den oberſten Kultus, den Goͤtzen einer Zeit. Kann es nun einen teufliſcheren Hohn geben als den, daß ſolche Zeiten, in denen die Geſellſchaft zu jeder Stunde bereit iſt, den tollſten ihrer Wuͤnſche wie ein heiliges Geſetz zu erfuͤllen, in Wirklichkeit die denkbar tiefſte Degradierung der Frau darſtellen? Aber es iſt ſo.

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Es geht nicht!

27. Deutſche Karikatur auf die Krinoline

In ſolchen Zeiten ſcheidet aus der Wertung der Frau alles menſchlich Edle, alles Geiſtige und Seeliſche aus, ſie iſt erniedrigt zum bloßen Luſtobjekt. Genuß zu be— reiten, d. h. zu „lieben“ im rein animaliſchen Sinn, das iſt ihr einziger Lebenszweck. Den Maßſtab, an dem man ſie mißt: ob man veraͤchtlich an ihr voruͤbergeht, oder ob alle Rücken ſich vor ihr beugen und ihr Ruhm durch alle Saͤle der Geſellſchaft widerhallt, dieſen Maßſtab gibt in ſolchen Zeiten einzig die Frage, welchen Grad von Raffinement fie entwickelt, „pour faire naitre des desirs“ ..

Steht die Frauenfrage heute mehr denn je im Vordergrunde des oͤffentlichen Intereſſes, jo iſt die Frage nach der Moͤglichkeit ihrer endguͤltigen Loͤsbarkeit natuͤrlich ein Hauptbeſtandteil der Diskuſſion; ſie iſt die Grundfrage aller Theorie. Der kon—

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fervative Gaſſenwitz, der ſich die Organiſation der menschlichen Geſellſchaft nie anders zu denken vermag, als daß ſtets ein Teil Vorrechte auf Koſten des anderen hat, fuͤhrt gegenuͤber der Frauenfrage immer die einzige Formel im Munde: Die dem Manne untergeordnete Stellung der Frau iſt in der Natur begruͤndet, alſo wird die Frauenfrage nie „geloͤſt“ werden. Und die Begruͤndung dieſer Formel lautet: Die Frau iſt von Natur phyſiſch der ſchwaͤchere Teil, darum wurde der Mann ihr „Herr“, und weil die Natur ſich nicht aͤndert und der Mann immer als der Staͤrkere geboren werden wird, darum wird der Mann immer der Herrſchende bleiben, und ſeine Vorrechte

koͤnnen nur von der zunehmenden Moral zugunſten der Frau eingeſchraͤnkt werden.

Dieſe Beweisfuͤhrung iſt ebenſo geiſtreich wie jene weltbekannte Formel, mit der dieſelben Leute die Arbeiterfrage abzutun gedenken: es hat immer Reiche und Arme

Die Erbſchaft des Jahres 1870

Daumier. Franzoſiſche Karikatur auf den deutſch-franzoͤſiſchen Krieg. 1871

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gegeben, alſo wird es in alle Zeit und Ewigkeit Reiche und Arme geben. Dieſe Beweisfuͤhrung iſt aber auch ebenſo unredlich, zum mindeſten iſt ſie ganz unwiſſen— ſchaftlich. Sie war noch vor hundert Jahren zulaͤſſig, heute iſt ſie es nicht mehr. Die Geſetze, denen eine ſoziale Inſtitution folgt, entſchleiern ſich ſtets erſt bei einer beſtimmten Hoͤhe der Entwicklung dieſer Inſtitution. Die Geheimniſſe der Entwick— lung der Familie zu entſchleiern war dem 19. Jahrhundert vorbehalten. Dieſes Jahr— hundert hat die Entſchleierung auch vorgenommen; und wenn auch noch unendlich viele Seiten dieſer Frage aufzuhellen ſind, ſo ſind doch die Vorfragen geloͤſt. Unter ernſthaften Leuten wird laͤngſt nicht mehr daruͤber diskutiert, daß die heutige Eheform etwas ebenſo Gewordenes iſt wie alle organifchen und ſozialen Gebilde. Es ſteht

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29. Titelvignette eines ſatiriſchen Flugblattes auf die Anklagen der Kommunardin Louiſe Michel gegen Gambetta. 1876 5 33

aber weiter unwiderleglich feſt und das ift im gegebenen Fall das wichtigite —, daß es Entwickelungsſtadien in der menſchlichen Geſellſchaft gegeben hat, in denen die Frau trotz ihrer phyſiſchen Schwaͤche nicht die Unterdruͤckte war. Damit iſt zwar wenig fuͤr die Zukunft bewieſen, aber die Behauptung von der ewigen, in der Natur begruͤndeten Vernunft der Unterdruͤckung der Frau, die Behauptung, daß die Frau immer erſt in zweiter Reihe rangiere, iſt damit voͤllig und fuͤr alle Zeiten entkraͤftet.

Alles, was geworden iſt, iſt aber auch bekanntlich ein Werdendes, und fo konnte Morgan auf die Frage, ob die heutige Form der Ehe fuͤr die Zukunft von Dauer ſein koͤnne, wohl folgern: „Die einzige moͤgliche Antwort iſt die, daß ſie fort— ſchreiten muß, wie die Geſellſchaft fortſchreitet, ſich veraͤndern in dem Maße, wie die Geſellſchaft ſich verändert, ganz wie bisher.“

Und wenn man nun zur Urſache der Unterdrückung der Frau zurücgreift, zu der oͤkonomiſchen Wurzel, ſo iſt auch der Tag der Loͤſung der Frauenfrage fixiert. Die Geſtaltung des Ringens von Mann und Frau widereinander zu einem ſtreng harmonifchen Ringen miteinander, kurz, die Aufloͤſung der Frauenfrage in eine einzige Menſchheits— frage, das wird ſich an dem Tag erfuͤllen, an dem die oͤkonomiſchen Vorausſetzungen, die die Frauenfrage geſchaffen haben, ausgeſchaltet und einer hoͤheren Stufe der menſch— lichen Geſellſchaftsorganiſation gewichen ſind. Mit der zunehmenden Moral der braven und vernuͤnftigen Leute werden wohl unterdeſſen Härten gemildert werden,

Die Romanleſerin

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Die Dame und der Affe 31. Aubrey Beardsley. Engliſche ſymboliſch-ſatiriſche Karikatur auf die Macht des Weibes uͤber den Mann

aber am Weſen wird ſich nichts Entſcheidendes aͤndern. Die Frauenfrage iſt kein Problem des boͤſen Willens und der angeborenen Schlechtigkeit der Maͤnner, ſondern ein Problem der hiſtoriſchen Bedingnis.

In dieſem Sinne ſtehen alle die zur Löſung der Frauenfrage, die ſo anſpruchs— voll ſind, in der Geſchichte mehr innere Logik zu erblicken, als die: Um juſt auf die Hoͤhe zu klimmen, auf der die ziviliſierte Menſchheit heute ſteht, dafuͤr haben die Gehirne der Beſten aller Zeiten gerungen und geblutet. Nein, ſo bloͤdſinnig iſt das große Geheimnis der Menſchheitsentwicklung denn doch nicht.

1. Ye

99 35

Daß die Karikatur gegenüber der Frau in allen Zeiten eine große Rolle ge— ſpielt hat, iſt bereits am Schluß des erſten Abſchnittes geſagt worden. Fuͤr den oberflächlichften Beobachter iſt es wohl ebenſo klar, daß gemäß den zahlreichen Kon— flikten, die die Frau im Leben des einzelnen wie in dem der Geſamtheit provoziert, das Kapitel „die Frau in der Karikatur“ in jeder Richtung auch beſonders auffaͤllig im Geſamtrahmen der Geſchichte der Karikatur ſteht. Es iſt in der Tat das um— fangreichſte Kapitel in der Geſchichte der Karikatur, und man wird wahrſcheinlich ohne Übertreibung ſagen koͤnnen, daß mehr als die Haͤlfte aller jemals erſchienenen Karikaturen mehr oder weniger Bezug auf die Frau hat. Da dies eine uͤberall gleiche Erſcheinung iſt, ſo duͤrfte es angebracht ſein, das, was im allgemeinen uͤber dieſe Fuͤlle und dieſen Reichtum der Karikatur zu ſagen iſt, zuſammenfaſſend ſchon hier in der Einleitung hervorzuheben.

Im allgemeinen iſt zu ſagen: Es gibt kaum ein Zeitalter, in dem die Frau nicht exzeptionell in der Karikatur figurierte, es gibt kein Kulturvolk, das an ſie nicht am meiſten Witz verſchwendet haͤtte, und es gibt drittens ſehr wenig ſatiriſche Kuͤnſtler, die ihr nicht verſchwenderiſchen Tribut abgeſtattet haͤtten; dagegen gibt es eine ganze Reihe, die ſich ausſchließlich mit ihr beſchaͤftigt haben. Das gilt von früheren Jahrhunderten, vom 16., 17. und 18, vielleicht noch ungleich mehr als von der Gegenwart. Gewiß produziert Paris oder Berlin allein heute in einem einzigen Jahre viel mehr Karikaturen, die ſich auf die Frauen beziehen, als ehedem ein ganzes Volk in einem ganzen Menſchenalter. Aber bei der Beurteilung der jeweiligen Wichtig— keit oder Vorherrſchaft eines Gebietes kommt es auf die Verhältniszahl an; dieſe aber ergibt, was wir eben behauptet haben. Und das iſt eine ganz natuͤrliche Er— ſcheinung, das Widerſpiel des engeren geiſtigen Horizontes der Maſſen von ehedem und des erweiterten von heute.

Je enger der Kreis, in dem ſich das Leben abſpielt und die Konflikte aus— gefochten werden muͤſſen, um ſo enger iſt die Intereſſenſphaͤre, d. h. um ſo groͤßere Wichtigkeit erlangt nicht nur das geringſte perſoͤnliche Erlebnis, ſondern uͤberhaupt das Naheliegende im Urteil der in Frage kommenden Allgemeinheit. Und das Nächſtliegende waren doch z. B. die Intereſſengegenſaͤtze zwiſchen Mann und Frau, die jeder Tag in irgendwelcher Form von neuem heraufbeſchwor. So groß auch die Bedeutung einer Stadt wie Nuͤrnberg, Augsburg, Baſel z. B. im 16. Jahrhundert war, in allen dieſen Staͤdten herrſchte im Vergleich zu heute eine idylliſche Ruhe: meiſtens ſchwirrte nur der kleine Laͤrm des Alltags durch die Luft, und in der er— eignisreichſten Zeit lebte man ungeſtoͤrter, weltabgeſchiedener als heute in den Tagen der ſommerlichen Stille. Ja, wenn ſelbſt die Kunde von ſaͤmtlichen großen Staats— aktionen in dieſe Staͤdte gedrungen waͤre, waͤhrend man in Wirklichkeit nur von den wenigſten etwas erfuhr, ſo waͤre die Wirkung gering geweſen gegen heute. Aus verſchiedenen Gruͤnden. Erſtens war die Bevoͤlkerungszahl ganz unverhaͤltnis—

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mäßig niedrig gegenüber unferer Zeit; und angeſichts dieſer Tat— ſache darf man nicht uͤberſehen, daß die Wirkung jeder Sache im gleichen Verhaͤltnis mit der Zahl des vorhandenen „Publikums“ waͤchſt. Zweitens hatte man ge— meinhin nicht viel mitzureden, meiſtens gar nichts, das wußte man; und wenn man durch die Entwicklung der Dinge auch ſpaͤter ſehr oft in die Rolle des Leid— tragenden kam, ſo war man trotz— dem in der Zeit des Geſchehens meiſtens in der des immer weniger aufgeregten Unbeteiligten. Ein dritter Grund iſt vielleicht am wichtigſten. Das allermeiſte, was in der Welt vorging, entbehrte laͤngſt der Aktualitaͤt, wenn es endlich als „neue Zeitung“ in 3j einer Stadt kund wurde; es konnte ſomit die Wellen unmoͤglich mehr beſonders hoch treiben, ſo daß man die naheliegenden Intereſſen länger als eine Stunde voͤllig daruͤber haͤtte vergeſſen koͤnnen. Nur die nahe bevorſtehen— den, die handgreiflich drohenden Gefahren regten die Gemuͤter auf. Aus alledem reſultierte der langſame, monotone Gleichklang des Tages. Unter ſolchen Umſtaͤnden uͤberwucherte dafür das Einzelintereſſe, wuchſen die Fragen und Streite des taͤglichen, privaten, buͤrgerlichen Lebens zur Wichtigkeit von Staatsaktionen an. Weil das Echo der großen Fragen einem nur in matten, gedaͤmpften Wellenſchlaͤgen zum Ohr drang, war „man“ die Welt und ſprach mit Vorliebe immer wieder von ſeinen kleinen Sorgen.

Mit groͤßter Sachkenntnis, freilich ſtets als Partei. Den großen Konkurrenz— kampf der Frau um den Mann erlebte man taͤglich; die Einfachheit, das Unkomplizierte der Verhaͤltniſſe ermöglichte es, daß man oft alle ſeine kleinlichen, haͤufig ge— haͤſſigen Winkelzuͤge, die zum Ziele fuͤhren ſollten, ſah; man ſah die Siege und ſah

die Niederlagen, wie ſie ſich langſam vollzogen, meiſtens nur ſchlecht verhuͤllt vor ſich

voruͤberziehen. Man konnte weiter im einzelnen kontrollieren, welchen Schaden be— ſondere Untugenden: Klatſchſucht, Streitſucht, Leichtſinn, Liederlichkeit, Eitelkeit,

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Jillanne

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Eu sandwich!

34. A. Guillaume. Galantsſatiriſche Karikatur

Prunkſucht uſw. anrichteten. Die Enge der Verhältniſſe ſteigerte ebenſoſehr die Folgen, wie ſie es dem einzelnen unmoͤglich machte, ſich auszuſchalten; jeder war mehr oder weniger Objekt, faſt jeder war mehr oder weniger in Mitleidenſchaft ge⸗ zogen. Da einen ſonſt nichts auf der Welt annaͤhernd in dieſem Maße alterierte, war es wahrlich kein Wunder, daß man dieſe Kaͤmpfe und Erſcheinungen peinlicher und aufmerkſamer regiſtrierte.

Alles das ſchwand und aͤnderte ſich, natuͤrlich nur ſchrittweiſe, mit den Erwei— terungen des Intereſſenkreiſes. Je groͤßer der Bruchteil der Maſſe wurde, der ſich politiſch oder ſozial betaͤtigte, um ſo mehr traten die Intereſſen des privaten Lebens als Gegenſtaͤnde der allgemeinen oͤffentlichen Diskuſſion zuruͤck. Und das iſt auch das Hauptergebnis aller kulturellen Errungenſchaften. Die Summe von Kultur, die wir heute gegenuͤber den vergangenen Jahrhunderten aufzuweiſen haben, beſteht in ihrem entſcheidenden Inhalt darin, daß heute die große Maſſe des Volkes in eine uͤberall mitbeſtimmende Bewegung gekommen iſt, und daß das Ziel der Volkserziehung: die uͤberwiegende Mehrheit zur ſittlichen Pflicht zu erziehen, ſie taͤtig mitarbeiten zu lehren am Weiterbau von Staat und Geſellſchaft, laͤngſt keine Utopie mehr iſt . . .

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Aber nicht nur am meiften Witz, auch der beſte Witz iſt an die Frau ver— ſchwendet worden. In der humoriſtiſch-ſatiriſchen Behandlung der Frau und alles deſſen, was mit ihr zuſammenhaͤngt, haben Ge— nie, Witz, Humor und Satire einen großen Teil des Allerbeſten geſchaffen, was ſie je hervorgebracht haben. Hier haben ſich ſtets die köſtlichſten Strahlen ſchoͤpferiſcher Laune geſam— melt, hier haben immer die reichſten Quellen geſprudelt, die tollſten und ausgelaſſen— ſten Orgien ſind hier gefeiert worden. Eine Reihe von

ſatiriſchen Kuͤnſtlern hat, wie ſchon angedeutet, ihr geſamtes kuͤnſtleriſches Schaffen ausſchließlich der Frau gewidmet. Sie war

g ihnen die einzige befruch—

„Er liebt mich .. . er liebt mich nicht .. . er liebt mich!“ tende Sonne, und ihr Stift

Der Gockel als Gänſeblümchen wurde farbig und glänzend,

35. A. Oberlaͤnder. Fliegende Blätter. 1893 ſowie es ſie galt, waͤhrend

ihre Schoͤpfungen matt und

reizlos wurden, wenn ſie ſich von der Frau abkehrten. Das belegen eine Reihe von

Prachtſchoͤpfungen aus jeder Zeit, von denen freilich dasſelbe gilt wie vom Geſamt—

gebiete der Karikatur, daß ſie in ihrer Mehrzahl bis heute unbeachtet in den Mappen

der Sammler und Sammlungen ruhen. Freilich, nicht nur eitel köſtliche Heiterkeit

bietet die Geſchichte der Frau in der Karikatur: in ihr findet auch ein Teil des

Duͤſterſten Ausdruck und Spiegel, was der einzelne und die Geſamtheit an Lebens—

tragik zu erdulden hatten; eine Geſchichte der Frau in der Karikatur rollt naturgemaͤß auch einen Teil der ſchwerſten Anklagen gegen Staat und Geſellſchaft auf ...

Die Frau in der Karikatur iſt in großen und wichtigen Abſchnitten natur—

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Symboliſch-ſatiriſche Ka

Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“

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n Jean Veber. 1904

Albert Langen, Muͤnchen

„Mit der verdammten Schnuͤrerei wirft du dir noch die ganze Leber verquetſchen.“ „Gott, das ſieht man doch nicht auf der Straße!“

36. F. von Rezunicek. Simpliziſſimus 1902

gemaͤß ein Stoff, bei dem das geſchlechtliche Moment beſonders haͤufig im Vorder— grunde ſteht. Das folgt aus der beſchaͤmenden Tatſache, daß eben die Frau in ihrer Geſamtwertung auch heute noch in erſter Linie nicht als Menſch, ſondern als Ge— ſchlechtsweſen angeſehen wird. Erwieſen wird das ſchon allein durch die allerkuͤrzeſte Unterhaltung, deren Gegenſtand eine Frau bildet: „Iſt ſie huͤbſch?“ Das iſt unbedingt die erſte Frage, die laut wird. Als Geſchlechtsweſen tritt ſie aber auch ausſchließlich in Erſcheinung, denn einzig auf dieſe Art zeigt jede Mode die Frau den Blicken

in der Offentlichkeit. Nicht als rein menſchliche Geſamterſcheinung praͤſentiert ſich 6

41

die einzelne Frau dem Blick, ſondern fie zeigt hauptfächlich, daß fie über die Körper— teile verfuͤgt, die ſie als Geſchlechtsweſen „genußwert“ machen, uͤber Bruͤſte, Huͤften, Lenden, Schenkel. Ja noch mehr, ſie fuͤhrt dieſe Koͤrperteile ſo vor, daß die Frau einzig als eine Zuſammenſetzung von Buſen, Huͤften und Lenden erſcheint. Nicht die innere und aͤußere Harmonie, das geiſtig und ſeeliſch Weſentliche der Frau wird in der Kleidung offenbar, wohl aber haͤlt die Mode dem Fremdeſten ſozuſagen einen begeiſterten Vortrag uͤber die intimſten koͤrperlichen Qualitaͤten jeder Frau. Unter einer ſchoͤnen Frau wird in erſter Linie eine Erſcheinung verſtanden, die in hervor— ragender Weiſe für die Liebe geſchaffen iſt, die geeignet iſt: faire naitre des desirs. Gemaͤß der Erziehung der Frau und der dadurch unabhängig von ihrem Willen herausgebildeten Inſtinkte hat ſie ſelbſt dies auch zu allen Zeiten akzeptiert und agiert ſomit meiſtens mit Bewußtſein in der Rolle des Nur-Geſchlechtsweſens. Die meiſten Frauen werden es einem viel weniger veruͤbeln, wenn man an ihren geiſtigen Qualitaͤten Kritik uͤbt, als wenn man gleichgültig an der ſchoͤnen Linie ihrer Buͤſte voruͤberſieht. Die groͤßte pſychiſche Venus will auch als phyſiſche Venus gelten. Ihr ganzes Genie haͤtte Frau von Stael darum gegeben, einen Teil der lasziven Schoͤnheit der Madame Recamier dafuͤr eintauſchen zu können; und Frau von Stael war nicht einmal haͤßlich. Man muß aber gerade an dieſer Stelle immer von neuem wieder— holen, daß Sitte, Moral, Geſetzgebung, geſchrieben und ungeſchrieben, die Frau un— unterbrochen in dieſe Rolle gedraͤngt haben; und hinzuzufuͤgen iſt, daß gerade das Mehrſeinwollen als nur dieſes, das Menſchwerden, der Frau die heftigſten und anhaltendſten Angriffe zugezogen hat.

Jede Sklaverei, die lange getragen wurde, hat ſich allmaͤhlich zur „gott— gewollten Ordnung“, zur „ewigen Vernunft“ ausgewachſen. Und zwar in den Hirnen aller Beteiligten, d. h. alſo nicht nur in denen der Sklavenhalter, ſondern auch in denen der Sklaven. Es iſt daher nicht bloß ruſſiſche Frauenlogik, wenn es heißt: mein Mann pruͤgelt mich nicht mehr, alſo liebt er mich nicht mehr. Aber jeder Sklave weiß ſich trotzdem auch zu raͤchen, und das ſind die beſonderen Genüſſe des Sklaven— lebens. In das Wort des Alltags gekleidet, lautet es: Wer ſein Weib ſchlägt, ſchlaͤgt ſich drei Faſttage. Im hoͤheren, geſchichtsphiloſophiſchen Sinne aber iſt die große Rache der Frau darin formuliert: Mit dem, wodurch im letzten Grunde das menſchliche Sklaventum der Frau begruͤndet wurde, hat ſie ſich zum heimlichen Kaiſer

emporgeſchwungen, der gleich einem aſiatiſchen Deſpoten mit gebieteriſcher Gebaͤrde die Welt vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne beherrſcht und die Groͤßten wie die Kleinſten gleich Marionetten zappeln und tanzen laͤßt.

„Die ganze angewandte Mathematik vermag kein Werkzeug zu erfinden, das ſo— viel vermöchte, als das, was die Mediceiſche Venus mit der linken Hand bedeckt.“ Das iſt keine neue Weisheit, keine neue Wahrheit, ſogar eine alte Formel, aber eine ewige Wahrheit, und die Geſchichte jedes Zeitalters, jedes Landes, jeder Stadt,

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Ob fie ein Herz hat? Ich höre abſolut nichts!

38. C. D. Gibſon. Amerikaniſche Karikatur. Life 1900

jedes Dorfes, ja jeder Familie notiert das mit den deutlichſten Worten. „Frauen- gunſt macht guten Willen,“ „Ich hab' mit meiner Gret erheyratet ein Decret zu meinem Aufkommen.“ Newton wurde endlich nach langem Muͤhen engliſcher Obermuͤnzmeiſter. Aber beileibe nicht, weil ſein Genie das Gravitationsgeſetz entdeckt hatte, ſondern par la bagatelle durch eine artige Nichte. Das Gluͤck hatte den großen Denker außer mit ſeinem Genie auch noch mit einer huͤbſchen Nichte begabt, die nicht allzu ſproͤde tat, als ein maͤchtiger Jemand eines Tages das un— ſtillbare Verlangen trug, das enge Mieder dieſer ſchönen Dame neugierig aufzuneſteln. Das iſt in drei Zitaten fuͤr tauſend, die ſich muͤhelos aneinanderreihen ließen eine Seite des Cherchez la femme. „Solange euch euer Mann nicht verſpricht, den Zentrumskandidaten zu wählen, . .. ſolange er das liberale Blatt nicht aus dem Haus tut,“ ſo erklaͤren jahraus, jahrein Hunderte von ſtreitbaren Kaplaͤnen den glaͤubigen Frauen in der Beichte, „ſolange duͤrft ihr ihm das und das nicht bewilligen“ Anzengruber hat in den Kreuzlſchreibern eine ſchneidige ſatiriſche Komoͤdie daraus gemacht. Das iſt in einem Beiſpiel eine zweite Seite des Cherchez la femme. Im ſtillen Wald in abgeſchiedener Schonung ſind jaͤh zu gleicher Zeit zwei Schuͤſſe ge⸗ fallen; im duͤrftigen Mooſe verblutet der eine der beiden Schuͤtzen an der ſicheren Kugel ſeines Duellgegners. Geſtern noch formten ſich im Gehirne des Sterbenden Gedanken und Ideen, die in ihrer Höhe bis an den Himmel ſtießen und in ihrer dereinſtigen Vollendung die Menſchheit um ein betraͤchtliches Stuͤck auf ihrem Ent⸗

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wicklungsgange vorwärts geleitet hätten. Das ift eine dritte Seite des Üherchez la femme. Dieſes Cherchez la femme hat aber ebenſoviel verſchiedene Seiten als das Leben Seiten hat, und jeder Tag reiht neue daran, die den einen empor zu den Sternen fuͤhren, den anderen hinab in den klebrigſten Schmutz, den nichts mehr ab— zuwaſchen vermag. Das iſt im höheren Sinne die Sklavenrache.

So iſt das Geſchlechtliche untrennbar von vielen Abſchnitten eines Buches uͤber die Frau. Und da weiter die innere Unmoral von Ruhm, Erfolg, Anſehen hier am augenfaͤlligſten zutage tritt, fo iſt dieſe Seite ſelbſtverſtaͤndlich immer ein Hauptreiz und ein Hauptgegenſtand fuͤr die geſchriebene und gezeichnete Satire ge— weſen. Und es iſt hinzuzufuͤgen, daß gerade dieſe Seiten der Karikatur von beſon— derem ſittengeſchichtlichem Intereſſe ſind. Degradiert wird durch die ſatiriſche Geiße— lung wohl die gekennzeichnete Tat, nicht aber das ſatiriſche Dokument, das ſie meldet.

Hier iſt wohl der geeignetſte Ort, einzuſchalten: es wäre ganz falſch gefolgert, wuͤrde man waͤhnen, die Satire habe ſich immer mit beſonderer Vorliebe gegen die Frau gewandt, die Satire ſei ſozuſagen ſtets der eingefleiſchte, der geſchworene Feind der Frau geweſen, ſie habe ihre Schwaͤchen und Fehler boshafter und zaͤher gegeißelt als alles andere, ſie habe ſozuſagen mit einer gewiſſen Schadenfreude immer wieder die geringſte Entgleiſung, wenn ſie gerade ihr paſſierte, ſatiriſch gloſſiert das

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„Empoͤrend, was dieſes Fraͤulein Muͤller als Paſtorstochter fuͤr einen ſtarken Buſen hat!“ Unpaſſend

39. Olaf Gulbranſſon. Simpliziſſimus. 1904

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trifft weder im allgemeinen zu, noch ſpeziell in der geſellſchaftlichen Karikatur. Ja, hier vielleicht am allerwenigſten. Die große Mehrzahl ſaͤmtlicher geſellſchaftlichen Karikaturen, die ſich entweder auf die Frau direkt beziehen oder in denen die Frau zur Illuſtration dient, ſind teils direkte, teils indirekte Huldigungen an die Frau. Nie und nirgends iſt auf irgend einem Gebiete mit ſoviel Begeiſterung, Jubel und Ausdauer das hohe Lied auf die Frau geſungen worden wie gerade hier. Jede Strophe dieſes Liedes iſt tauſendfach geſungen, tauſendfach variiert worden. Man denke nur an Willette, an Gibſon, an Reznicek, um aus der Gegenwart nur die in dieſer Richtung bekannteſten und bezauberndſten zu nennen. Wenn dieſe drei die Frau auch ſatiriſch geißelten, ſo klingt in ihrer Zuͤchtigung doch ſtets der Hymnus auf das ſuͤße Wunder mit, das die Frau iſt und ſein ſoll.

An dieſe Seite ſtoͤßt freilich ſehr nahe die offene oder verſteckte Spekulation; denn nichts findet ein ſo neugieriges und ſo dankbares Publikum wie die Ent— ſchleierung dieſer Geheimniſſe, darum iſt ſchon mancher unterlegen und hat ſich zum

bloßen Spekulanten auf gemeine Inſtinkte erniedrigt. Ganze, lange Epochen haben ſich in dieſer Bahn der Nur-Spekulation bewegt. In dieſe Kategorie faͤllt darum nicht nur kuͤnſtleriſche Marktware, ſondern auch ein Teil der allerhervorragendſten ſatiriſchen Kunſtwerke, die es gibt. So rangieren z. B. hierher ſehr viele der beruͤhmten galanten Blätter des 18. Jahrhunderts. Bei dieſen iſt die ſatiriſche Note meiſtens zum ganz leiſen, koketten Lachen herabgemildert, die Satire iſt faſt nur der untergeordnete

Nebenzweck, um die Behandlung pikanter und lebendiger zu machen. Wenn man dieſen letzten Punkt gebuͤhrend in Rechnung zieht, ſo degradiert das unbeſtreitbar die aus ſolchem ſpekulativem Geiſte geborenen Schoͤpfungen; hiſtoriſch betrachtet ſind ſie jedoch nichtsdeſtoweniger ſehr wertvoll, es ſind ſehr wichtige Beweisſtuͤcke der öffentlichen Sittlichkeit.

Faßt man alles dieſes zuſammen, ſo kann man von der Frau in der Karikatur wohl in jeder Hinſicht mit ausreichendem Grunde als erſtes und wichtigſtes ſagen: ſie iſt geeignet, kulturgeſchichtlich, voͤlkerpſychologiſch und auch kunſthiſtoriſch eine ganze Reihe wichtiger Anregungen und Aufſchluͤſſe zu geben. Dieſe Tatſache hebt den Gegenſtand hoch uͤber das Niveau des bloß Unterhaltenden empor. Aber ſie raubt ihm andererſeits niemals auch nur ein Teilchen von dem Charme, der aus der Mehr— zahl dieſer Blaͤtter immer noch blitzend und funkelnd hervorbricht. Dieſer unver— welkliche Zauber und Reiz aber iſt es, der gerade dieſes Kapitel aus der Geſchichte der Karikatur zu einem macht, von dem man mit beſonderem Rechte ſagen kann: Arbeit und Studium ſind hier Vergnuͤgen, Freude und Genuß.

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Frau Minne!

l. Toulouſe-Lautreece.

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Zum Schluſſe diefer Einleitung eruͤbrigt ſich nur noch, einiges über den Rahmen zu ſagen, der dieſer Arbeit geſteckt iſt. Unſere Schilderung ſoll ſich ausſchließlich auf die europaͤiſche Karikatur beſchraͤnken, und ſie ſoll die Zeit vom 15. Jahrhundert bis zur neueſten Gegenwart umfaſſen, d. h. alſo das buͤrgerliche Zeitalter in Europa. Im 15. Jahrhundert entſtand der Kapitalismus im modernen Sinne; er ſchuf die buͤrgerliche Geſellſchaftsordnung, in der wir heute noch leben, der aber freilich die Sterbeglocken bereits gelaͤutet werden. Mit der wirtſchaftlichen Abloͤſung des Feudalismus im 15. Jahrhundert kamen die Maſſen in Fluß und hatten die Maſſen mitzureden. Die erſte große Erfindung des neuen Zeitalters war das Mittel, zu den Maſſen zu reden: die Buchdruckerkunſt. Die Buchdruckerkunſt ſchuf als erſte Errungenſchaft das wichtigſte Maſſenagitationsmittel aller Zeiten: das Flugblatt, damals „Fliegendes Blatt“ genannt. Das fliegende Blatt iſt die erſte Form, in der die Karikatur zu den Maſſen redete, d. h. Ideen, Anſchauungen und Perſonen propagierte und bekaͤmpfte, womit ſie aufhoͤrte, nur von den Kapitaͤlen der Kirchen herab oder aus den Miniaturen dicker Folianten heraus immer nur einigen wenigen ſatiriſch Moral zu predigen. Um die Karikaturen, die ſich an die Maſſen richteten, d. h. die veroͤffentlicht wurden, iſt es uns in der vorliegenden Arbeit allein zu tun; denn nur dieſe haben kulturhiſtoriſche Bedeutung und kommen

als Dokumente zur Geſchichte der oͤffentlichen Sittlichkeit, zu der dieſe Arbeit einen Beitrag darſtellen ſoll, in Betracht. Aus dieſem Grunde legen wir auch nur ganz geringen Wert auf plaſtiſche Kari— katuren, denn dieſen iſt begreif— licherweiſe immer ein groͤßeres Abſatzgebiet verſchloſſen, und darum ſchließen wir ſogenannte Kuͤnſtler— ſcherze voͤllig aus, die nur fuͤr enge Freundeskreiſe beſtimmt ge— weſen ſind, ſo intereſſant ſie auch

ſein moͤgen, und ſo groß ihr kuͤnſt—

leriſcher und dokumentariſcher Perſoͤnlichkeitswert zur Beurteilung ihres Schoͤpfers auch einzuſchaͤtzen ſein mag. Die Einteilung und der arbeitslos und auch noch haͤßlich ... Aufbau des Buches ſind organiſch 41. Lefevre. Assiette au beurre gegeben. „Die Frau“ als Geſamt—

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begriff bildet das Thema. Dieſer Begriff, in ſeine einzelnen Beſtand— teile zerlegt, aus denen er ſich zu— ſammenſetzt, d. h. die ſeine Exiſtenz charakteriſieren, das ergibt: die Frau in der Ehe, die Mode und die Frau, den Kultus der Frau, die Proſtitution, die Emanzipations— beſtrebungen der Frau uſw. Darum konnte die Gliederung des Buches nicht hiſtoriſch fein, etwa in der Art: die Frau in der Renaiſſance, die Frau im 18. Jahrhundert, die

Frau in der großen Revolution uſw. Ein Beiſpiel begruͤndet das am beſten: die Elemente, die die Mode bilden und ihr Weſen ausmachen, ſind im 15. und im 20. Jahrhundert genau dieſelben. Eine einheitliche Charakteriſierung der Modekarikaturen kann alſo nur erreicht werden, wenn die Modefragen und -tendenzen zuſammenfaſſend in ihrer Geſamtentwicklung dargelegt werden. Das gilt fuͤr alle Abſchnitte des Buches. Durch dieſe Gliederung laſſen ſich auch am eheſten die bei jeder Monographie unvermeidlichen Wiederholungen auf das geringſte Maß ein— ſchraͤnken. In ſich ſind freilich die einzelnen Kapitel hiſtoriſch aufgebaut und arran— giert. Aus der Einteilung ergab ſich der Ausgangspunkt und die Entwicklung des Buches ganz von ſelbſt. Die Frau iſt in der heutigen Wertung, wie ſchon oben geſagt wurde, nicht Menſch, ſondern Geſchlechtsweſen. Den Ausgangspunkt des Buches mußte daher die Ehe ab— geben, denn in ihr allein findet die Maſſe der Frauen ein geregeltes Geſchlechts— leben; zur Ehe ſtreben zielbewußt die meiſten Frauen, dieſem Ziele: den Kon— furrenzfampf um den Mann erfolgreich zu fuͤhren, dienen im letzten Grunde alle Fineſſen der Mode, der Koketterie uſw. die weitere Fortſetzung iſt damit vor—

gezeichnet. I und II. moderne Metamorphoſe Ebenſo wie die Einteilung und der 42 u. 43. Hermann Schlittgen. Fliegende Blätter 7

49

Die ſatiriſche Runft

44. Adolf Willette. Courrier Trancaisd. 1896

Aufbau des Buches natuͤrlich gegeben ſind, ſo iſt auch die textliche Loͤſung der Auf— gabe gegeben. Damit man den kultur- und ſittengeſchichtlichen Wert der vorgefuͤhrten Karikaturen erkenne, damit man feſtzuſtellen vermöge, ob und wie im einzelnen Fall ein tieferer Sinn walte, iſt die Entſchleierung und Darſtellung der wirkenden Geſetze und Tendenzen ſtets eine Hauptaufgabe jedes einzelnen Kapitels. Als zuverlaͤſſiges Hilfs— mittel zur Ergaͤnzung der von der gezeichneten Satire beim Beſchauer angeregten Vor— ſtellung kann wohl beſſer denn irgend etwas anderes die zeitgenoͤſſiſche literariſche Satire dienen, dieſer wird daher bei jeder Gelegenheit der gebuͤhrende Platz eingeraͤumt werden,

Zur Wahl der Bilder iſt zu bemerken: da das Werk die Frau als Geſamtbegriff faßt und es ſich ſomit um keine Pamphletgeſchichte handelt, fo ſteht das Typiſche natuͤrlich an erſter Stelle, das Perſoͤnliche Karikaturen auf beſtimmte Frauen dagegen erſt an letzter. Weiter iſt hier zu bemerken: der Begriff der „Frau in der Karikatur“ darf nicht ſo eng gefaßt ſein, daß man darunter nur Karikaturen auf die Frau verſteht; wir glauben, es bedarf keiner weiteren Begruͤndung, daß der Begriff ſo zu faſſen iſt: der ſtoffliche Inhalt einer Karikatur hat uͤberhaupt die Frau zum Gegenſtand zu haben. Ahnliches gilt fuͤr die Frage: Was iſt alles unter

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Karikatur zu verſtehen? Der Begriff Karikatur iſt hier nicht fo eng gedacht, daß nur ſolche Blaͤtter vorgefuͤhrt werden ſollen, die im ſtrengen Wortſinne, alſo wegen der zeichneriſchen uͤbertreibung des Charakteriſtiſchen, als Karikaturen anzuſehen ſind. Der Rahmen dieſer Arbeit iſt im Gegenteil in dieſer Richtung ſo weit als möglich gezogen, er ſoll alles das umſpannen, was im weiteren Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs durch ſeine Tendenz als Karikatur angeſehen wird, alſo alle Formen, deren ſich die Satire im Bilde, und weiter: die pointiert tendenzioͤſe Perſonen-, Sitten- und Zuſtandsſchilderung im Bilde, ſei es zum Ruhme, ſei es zum Tadel der Frau, bedient hat und noch heute bedient.

Als letztes ſei noch hervorgehoben, daß das Beſtreben darauf gerichtet iſt, in jedem Kapitel einen Reichtum an charakteriſtiſchen Stuͤcken zu geben, und daß dagegen auf den Ehrgeiz, mit moͤglichſt viel Kuͤnſtlernamen zu prunken, mit Abſicht verzichtet wurde: kein Lexikon derer, die ſich in der Karikatur mit der Frau beſchaͤftigt haben, wohl aber eine Sammlung deſſen, was bedeutſames und aufhellendes auf dem Gebiete der Karikatur uͤber die Frau geſchaffen worden iſt, ſoll dieſes Buch in ſeinem bildlichen Inhalte darſtellen.

45. Felicien Rops. Belgiſche Karikatur

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46. Deutfche ſymboliſche Karikatur. 1648

Erſter Teil

Der Kampf um die Hoſen

Unſere ſozialen und geſchlechtlichen Verhaͤltniſſe weiſen die Frau mit allen Faſern ihrer Exiſtenz auf die Ehe hin. Die Ehe iſt unbeſtreitbar die Baſis unſerer geſamten Geſellſchaftsordnung, aber ſie iſt fuͤr die Frau in ungleich höherem Grade als fuͤr den Mann die Grundlage des ganzen Lebens. Nicht nur in der Vergangenheit, ſondern auch in der Gegenwart bietet die Ehe der uͤbergroßen Mehrzahl von ihnen die einzige Moͤglichkeit eines geregelten Geſchlechtsverkehrs und ſichert ihnen die relativ guͤnſtigſte materielle Lage; die Ehe iſt fuͤr die meiſten Frauen immer noch die beſte Verſorgungsanſtalt. Immer noch aber zweifellos gilt dies nicht für alle Ewigkeit; denn man muß ſchon blind ſein, um zu verkennen, daß ſich gerade in dieſen Fragen gegenwaͤrtig die tiefgehendſte Umwaͤlzung vollzieht. Die moderne

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induftrielle Entwicklung, die der Frau auf keinem Gebiet zu entraten vermag, führt zur wirtſchaftlichen Selbſtaͤndigkeit der Frau; es iſt ſtatiſtiſch nachweisbar, daß die Zahl der vom Manne wirtſchaftlich unabhaͤngigen Frauen Tag fuͤr Tag groͤßer wird. Das muß in logiſcher Konſequenz unbedingt einmal zur Aufloͤſung des ſeitherigen Zuſtandes fuͤhren; und in letzter Konſequenz wird es eines Tages die heutige Form der Ehe uͤberhaupt ſprengen. Daß dieſe unaufhaltſam vor ſich gehende Umwaͤlzung ſchon laͤngſt zur ſozialen Inſtitution geworden iſt, tritt deutlich in den veraͤnderten Anſchauungen in Erſcheinung; ſie hat ſchon die meiſten Koͤpfe revolutioniert. Noch vor zwanzig Jahren galt es den buͤrgerlichen Kreiſen fuͤr eine Schande, wenn eine Frau ihrer Klaſſe „in Stellung ging“; die betreffende ſchied dadurch foͤrmlich aus den Reihen des honetten Buͤrgertums aus. Heute gilt das als ſelbſtverſtaͤndlich, zum mindeſten aber als etwas, woran man keinen Anſtoß mehr nimmt. Man geht aber laͤngſt noch unendlich viel weiter: ſelbſt die ſittlichen Anſchauungen in Fragen der geſchlechtlichen Moral beginnt man zu revidieren. Der voreheliche Geſchlechtsverkehr der Frau, die erſte natürliche Folge der wirtſchaftlichen Selbſtaͤndigkeit der Frau und das unwiderlegliche Symptom der allmaͤhlichen Aufloͤſung der ſeitherigen Eheform, wovor die buͤrgerliche Moral ſich ehe— dem dreimal bekreuzigte, und was man fruͤher nur als ſitt— liche Verwahrloſung anſah, das hoͤrt ebenfalls in der Anſchauung immer weiterer Kreiſe auf, ein todeswuͤrdiges Verbrechen zu ſein. Die Valentinmoral, wie ſie im Fauſt klaſſiſch gepraͤgt iſt: „Du fingſt mit einem heimlich an, Bald kommen ihrer mehre dran, Und wenn dich erſt ein Dutzend hat, So hat dich auch die ganze Stadt“ dieſe klaſſiſche buͤrgerliche Moral— philoſophie gilt heute fuͤr das großfEnbtiiche Wiege e rs 47. Israel von Meckenem. Blämifche Karikatur haupt als uͤberwunden; ſie 15. Jahrhundert

Der Kampf um die Hoſen

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Der Kampf um die Hoſen

48. Deutſche Karikatur. 15. Jahrhundert

friſtet ihr Daſein nur noch in den kleinbuͤrgerlichen Koͤpfen der Provinz. Hier duͤrfte es uͤbrigens gut ſein, Folgendes einzuſchalten: indem man ſich mit dem vorehelichen Geſchlechtsverkehr der Frau nicht nur als mit etwas Unabaͤnderlichem abfindet, ſondern indem auch immer weitere Kreiſe dahin gelangen, die freiere Geſchlechts— moral ſozuſagen hiſtoriſch zu verſtehen, hoͤrt damit auch das Anpaſſen an das Gegebene auf, ein ſittliches Faͤulnismerkmal zu ſein.

Ergibt ſich aus der hier kurz angedeuteten Umwaͤlzung mit abſoluter Sicherheit, daß der erſte Satz dieſes Kapitels keine ewige Guͤltigkeit hat, ſo bleibt darum doch der zweite beſtehen: daß fuͤr die uͤbergroße Mehrzahl der Frauen auch heute noch die Ehe das Inſtitut iſt, das ihren materiellen und gemuͤtlichen Beduͤrfniſſen die ſicherſten Chancen dauernder Befriedigung bietet. Da es ſich bei der vorſtehenden theoretiſchen Begruͤndung deſſen „was ſein wird“, hier nur inſoweit um etwas zur Sache gehoͤriges handelt, als ſich daraus das Geheimnis deſſen, „daß es und wie es geworden iſt“, klarer enthuͤllen laͤßt, ſo iſt dieſer zweite Satz fuͤr das vorliegende Kapitel natuͤrlich die Hauptſache.

In der Einleitung iſt bereits von der Frau in der Ehe die Rede geweſen; was dort im allgemeinen geſagt iſt, erfordert aber hier, in dem Kapitel, das ſpeziell der Frau in der Ehe gewidmet iſt, einige erweiternde Darlegungen.

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Was die oͤkonomiſche Entwicklung in der Einehe zum harten und unbeug- ſamen Geſetz gegenuͤber der Frau erhoben hat, das uneingeſchraͤnkte Herrenrecht des Mannes, iſt in der Religion zum goͤttlichen Geſetz erhoben worden, und zwar in allen Religionen und Philoſophien, die ſich in der Zeit, wo die Einehe herrſchte, entwickelt haben. In dem heiligen Buch der Inder, dem Geſetzbuche Manus, dem aͤlteſten uns bekannten Religionsbuche, in dem ſich auch viele Wurzeln des Chriſtentums

finden, iſt das Herrenrecht des Mannes als goͤttliches Geſetz in der markanteſten Form proklamiert. Es heißt dort:

„Das Weib ſoll keinen andern Gott auf Erden kennen als ſeinen Mann. Mag dieſer noch ſo widerlich und boͤsartig und mit allen Gebrechen und Laſtern behaftet ſein, ſo hat ſie ihm doch göttliche Verehrung zu erweiſen und ihm in Demut zu dienen. Beſchimpft oder ſchlaͤgt er fie, fo ſoll fie feine Hände kuſſen und ihn um Verzeihung bitten, daß fie jo unglücklich war, feinen Zorn zu erregen. Stirbt der Mann, ſo bleibt der Witwe kein anderer Troſt auf Erden, als ſich mit dem Toten verbrennen zu laſſen.“

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49. Hans Burgkmair. Deutſche ſymboliſche Karikatur. 16. Jahrhundert

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Im Morgengebet der Inder findet ſich ſogar eine befondere Formel für den Mann und eine beſondere fuͤr die Frau. Der Mann betet: „Gelobet ſeieſt du Gott, Herr der Welt, daß du mich nicht zur Frau werden ließeſt!“ Die Frau betet: „Gelobet ſeieſt du Gott, Herr der Welt, daß ich das geworden bin, was deinem Willen entſprochen hat!“

Die griechiſche Philoſophie gelangte zu den gleichen Reſultaten. Ariſtoteles begruͤndete ausfuͤhrlich die Minderwertigkeit der Frau: Zweck und Mittelpunkt der irdiſchen Natur iſt nicht der Menſch, ſondern der maͤnnliche Menſch. Ein weib— liches Kind iſt ihm nur ein geringerer Grad von Mißgeburt, und das Weibliche iſt uͤberhaupt etwas Verſtuͤmmeltes im Vergleich zum Maͤnnlichen. Das Chriſten— tum lehrt in ſeiner Tendenz die Sklaverei der Frau. Der Apoſtel Paulus ſagt z. B.: „Ihr Weiber ſeid untertan euren Maͤnnern.“ Jeſus hat in den ihm zu— geſchriebenen Lehren mehrere Male aͤhnliches geſagt. Die katholiſche Kirche hat ſchließlich die Degradierung der Frau am weiteſten getrieben; ſie hat die Verſklavung des Weibes förmlich fyftematifiert: Das Weib ift die Suͤnde. Dieſer Lapidarſatz iſt eines ihrer Hauptdogmen. Gewiß iſt dieſe Auffaſſung in ihrem Urſprunge ſehr be— greiflich; es iſt die natuͤrliche Reaktion auf die roͤmiſche Ausſchweifung, aus deren Sumpfboden das Chriſtentum emporgewachſen iſt. In der Asketik hatte das Chriſtentum logiſcherweiſe urſpruͤnglich auch ſeine ſtaͤrkſte Wurzel. Aber daruͤber darf man nicht uͤberſehen, daß die katholiſche Kirche aus der urſpruͤnglichen Tugend

allmaͤhlich die raffinierteſte Feſſel gedreht hat; in ihrem Herrſchaftsintereſſe ſelbſt— verſtaͤndlich. Es gibt in der katholiſchen Literatur eine ganze Bibliothek, in der an der Hand von vielen tauſend Gruͤnden nachzuweiſen verſucht worden iſt, daß die Frau

Auf dem Männerfang

50. Hans Holbein !?). Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert

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Die ungleichen Liebhaber

Deutſche Karikatur aus dem 16. Jahrhundert

Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“

Albert Langen, Muͤnchen

nicht nur minderwertiger als der Mann, ſondern daß ſie uͤberhaupt kein Menſch ſei. Ein klaſſiſches Beiſpiel dieſer Wiſſenſchaft iſt die mit Recht beruͤch— tigte Summa Theologica

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URS von dem Dominikaner a 3 üb Antonius aus Florenz, die 1477 erſchien. Das ganze Werk iſt ein einziges, fort—

laufendes Lexikon der und Die Ehebrecher

Frauenverachtung Frauenverhoͤhnung. „Die Frau iſt ein Abgrund von tieriſcher Unvernunft, denn Salomo hat in ſeinen Spruͤchen geſagt, daß ein ſchoͤnes, aber toͤrichtes Weib einem Goldring im Ruͤſſel eines Schweines gleiche.“ Das iſt eine Probe dieſer „Beweiſe“ von der Minderwertigkeit des Weibes. In alphabetiſcher Reihenfolge zaͤhlt Antonius aus Florenz alle die ſcheußlichen Merkmale und verbrecheriſchen Eigen— ſchaften auf, die dem Weibe angeblich eigen find. Er beginnt mit Avidum animal = begehrliches Tier, Bestiale baratrum beſtialiſcher Abgrund, und bis zum 3 fehlt kein einziger Buchſtabe, und jeder iſt aͤhnlich kommentiert. Der wahnſinnige Gipfel der Lehre von der Minderwertigkeit des Weibes war ſchließlich der beruͤchtigte Hexen— hammer, der um 1490 erſchien, und deſſen ungeheuerliche Logik ſozuſagen alles an der Frau zum perſoͤnlichen Verbrechen ſtempelte: Schoͤnheit und Haͤßlichkeit, helle und dunkle Haare, große und kleine Geſtalt, Jugend und Alter, Geſundheit und Krankheit, bluͤhende und bleiche Wangen uſw. Und der einfache Feuertod galt fuͤr jede dieſer Eigenſchaften als die mildeſte Strafe. Und Hunderttauſende von unſchuldigen Frauen ſind im 16. und 17. Jahrhundert auf Grund dieſer Lehre, dieſer „Beweiſe“, geraͤdert, geſtaͤupt, mit gluͤhenden Zangen gezwickt, erdroſſelt und verbrannt worden.

Wenn ſolcher hoͤlliſche Wahnſinn nun auch laͤngſt uͤberwunden und beſiegt iſt, und wenn er auch nur fuͤr einzelne Epochen der wirtſchaftlichen Entwicklung den grauſigen Gipfel der Lehre von der Minderwertigkeit der Frau darſtellte, ſo baut ſich doch auf denſelben Lehren die ſittliche Rechtfertigung der Eheſklaverei auf, die ſeit Jahrtauſenden Millionen Frauen zu der Rolle von Kindergebaͤrapparaten und arbeituͤberbuͤrdeten Haustieren degradiert hat. Demoſthenes ſagte uͤber die Maͤnner Athens: „Wir heiraten das Weib, um eheliche Kinder zu erhalten und im Hauſe eine treue Waͤchterin zu beſitzen; wir halten Beiſchlaͤferinnen zu unſerer Bedienung

und taͤglichen Pflege, die Hetaͤren zum Genuß der Liebe.“ Die Herrenmoral diktiert 8

51. Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert

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Unreine Liebe

52. Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert

heute noch ungezaͤhlten Maͤnnern dieſelbe Anſchauung; und die landlaͤufige Moral findet daran hoͤchſt wenig auszuſetzen und geht in den meiſten Faͤllen mit bloßem Achſelzucken daruͤber hinweg, denn: „Er“ hat ja das „Recht“. Und er hat es in der Tat: es iſt in klaren Paragraphen formuliert.

Was die Religion, ihre Ausdeuter und ihre Lehrer zum Willen der Vorſehung, zum goͤttlichen Geſetz geſtempelt haben, das hat ſich in der weltlichen Geſetzgebung uͤberall zum materiellen Recht verdichtet. Das Herrenrecht des Mannes iſt uͤberall juriſtiſch feſtgelegt, und dementſprechend auch die untergeordnete Stellung der Frau. Es gibt kein Land und keine Geſetzgebung, in der die Frau nicht als unmuͤndig behandelt waͤre, in der ihr nicht im Manne ſtets der Vormund geſetzt waͤre. Die Frau iſt uͤberall erſt die Gegenwart hat einige Ausnahmen zu regiſtrieren, gemaͤß den obengenannten, langſam ſich durchſetzenden Umwaͤlzungen wirtſchaftlich und politiſch rechtlos. Sie kann über ihr perſoͤnliches Eigentum nicht in dem Maße frei verfuͤgen wie der Mann; in dem Augenblick, wo ſie ſich verheiratet, iſt ihr im Gatten der Vormund geſtellt, und die oͤffentlichen und politiſchen Rechte, die ſich an ihr Eigentum knuͤpfen, gehen ohne weiteres auf dieſen uͤber. In der Familie iſt der Mann das Oberhaupt, er hat zu entſcheiden und kann allein entſcheiden; und

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wiederum für das, was die Frau tut, hat der Mann in den meiſten Fällen die Verantwortung zu tragen: der praͤgnanteſte Ausdruck der Unmuͤndigkeit der Frau! In der Geſetzgebung verſchiedener Laͤnder ſteht oder ſtand dem Manne ſogar ein gewiſſes koͤrperliches Zuͤchtigungsrecht gegenuͤber der Frau zu. Das preußiſche Land— recht, um nur ein einziges Beiſpiel zu nennen, war mit dieſem edeln „Recht“ geziert. Bekanntlich iſt das preußiſche Landrecht erſt im Jahre 1900 durch die Ein— fuͤhrung des neuen Buͤrgerlichen Geſetzbuches außer Kraft geſetzt worden. Und dieſes Recht ſtand nicht nur auf dem Papier, ſondern es wurde froͤhlich angewandt; haͤufig mußte ein eheherrlicher Puff mehr als bloß eine Rippe entzweiſchlagen, um Frau Juſtitia zu veranlaffen, darin „eine Überfchreitung des geſetzlichen Zuͤchtigungsrechtes“ zu erblicken. Ein einzige gebrochene Rippe wurde dagegen viel haͤufiger als Aus— druck beſonderer eheherrlicher Zaͤrtlichkeit eingeſchaͤtzt; in Anlehnung an das ſchon zitierte ruſſiſche Sprichwort. Die Frau hat in der offiziellen Politik der Gemeinde, der Stadt, des Landes nicht mitzureden, d. h. ihre Stimme wird nicht mitgezaͤhlt; ſie hat weder das politiſche Wahlrecht, noch kann ſie in eine politiſche Koͤrperſchaft gewaͤhlt werden; jedes politiſche Amt iſt ihr verweigert. Alle Materien, in denen die Frau einzig und allein kompetent iſt, fuͤr die dem Manne, als dem anders—

Die mannstolle Witwe

53. Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert 8 *

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gefchlechtlichen Individuum, einfach jeder Sinn, zum mindeſten aber die klare Vor— ſtellung abgeht, ſie werden dennoch einzig nach dem Ermeſſen des Mannes geregelt, es wird uͤber den Kopf der Frau hinweg dekretiert. Der Frau bleibt nur eines: die Pflicht, ungefragt zu erfüllen. Das alles iſt aber innerlich ganz logiſch: es iſt die einzige mögliche Logik der oͤkonomiſchen Baſis der Ehe. Die wirtfchaftliche und politiſche Gleichberechtigung der Frau haͤtte dem Zweck der Ehe widerſprochen. Darum iſt es auch ganz folgerichtig, daß dies alles ſtets den unverſchleiertſten Ausdruck in den Rechts⸗ ordnungen der buͤrgerlichen Staaten gefunden hat. Im antiken Rom hat das buͤrger— liche Recht zuerſt feine klaſſiſche Form gefunden; denn im alten Rom findet man den klaſſiſchen Boden unſerer bürgerlichen Eigentumsbegriffe. Ein roͤmiſcher Rechtslehrer konnte darum auch den folgenden Satz uͤber die verſchiedene Beurteilung des Ehe— bruchs beim Manne und bei der Frau aufſtellen, der nur ſcheinbar ungeheuerlich iſt: „Wenn du deine Gattin beim Ehebruche betriffſt, fo kannſt du fie ohne richter— liches Urteil ſtraflos toͤten. Wenn ſie dagegen dich beim Ehebruch ertappt, ſo darf ſie es nicht wagen, dich auch nur mit dem Finger anzuruͤhren. Und ſo iſt es recht und billig.“ Eine ſolche nackte Brutalitaͤt des Herrenrechtes laͤßt zwar das geſchriebene Geſetz heute nicht mehr zu, und es hat dieſes Recht auch zu den meiſten Zeiten verneint; aber die Praxis hat dieſes Recht ebenſo oft gewaͤhrt und tut es auch noch heute. Die Geſchichte der modernen Rechtſprechung aller Laͤnder weiſt zahlreiche Freiſprechungen in Faͤllen auf, wo der hintergangene Mann gehandelt hatte, wie er nach dem alten roͤmiſchen Rechte handeln durfte. Ja, man kann ſogar ſagen: Faſt alle Verurteilungen in ſolchen Sachen, die wirklich ſtattgefunden haben, ſind eher Freiſprechungen zu nennen.

Das materielle Recht iſt die zweite Feſſel, durch die die Frau zur Unter— ordnung unter den Mann verdammt iſt. Dreifach aber iſt die Mauer, die die Frau gefangen haͤlt. Und die letzte Mauer iſt die wichtigſte: die Frau muß ſelbſt von der Rechtmaͤßigkeit dieſes Zuſtandes uͤberzeugt ſein, ſie muß ihn als die ewige Vernunft der Dinge anſehen das garantiert die beſte Sicherung der Vorrechte des Mannes, die er durch die auf das Privateigentum gegruͤndete Einehe erlangt hat. Dieſe dritte Mauer hat die geſchlechtliche Sittenlehre errichtet, die zu einem raffinierten Ausnahme— geſetz gegen die Frau geworden iſt; das geſchah freilich ganz folgerichtig, ſie konnte ſich nicht anders geſtalten, gemaͤß den Faktoren, die jedes Sittengeſetz beſtimmen.

Die ideologiſche Geſchichtsauffaſſung, die ſolange die Koͤpfe verwirrt hat und auch heute noch ſo viele verwirrt, lehrt die Entwicklung der geſchlechtlichen Morallehre wie uͤberhaupt aller Sittlichkeit natuͤrlich auf die umgekehrte Weiſe, als wie hier der Beweis zu fuͤhren iſt. Die ideologiſche Geſchichtsauffaſſung lehrt, daß allen Menſchen ohne Ausnahme eine gleiche moraliſche Grundanſchauung gemeinſam angeboren ſei, d. h. daß es ewig unveraͤnderliche Moralgeſetze gebe, daß zu allen Zeiten dieſelbe Sache gut oder boͤſe geweſen ſei, und weiter, daß ſich aus dieſer moraliſchen Grund—

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Der Ungetreuen Strafe

54. Italieniſche Karikatur. 16. Jahrhundert

anſchauung die geſchriebenen Geſetze, die jagen, was gut und boͤſe iſt, herleiteten. Da nun unter Gut und Boͤſe das verſtanden wurde, was unſere heutige Kultur als gut und boͤſe, als ſittlich und unſittlich bezeichnet, ſo ergab ſich als Konſequenz die Anſchauung, daß z. B. die Ziviliſation im letzten Grunde nichts anderes iſt als der fortlaufende Sieg des angeborenen Guten uͤber das in der Unwiſſenheit begruͤndete Schlechte. Die moderne Geſchichtswiſſenſchaft enthuͤllte uns, daß dies alles unhaltbare Trug— ſchluͤſſe ſind, daß die Ideologie Wirkung und Urſache verwechſelt. Der hiſtoriſche Materialis— mus hat uns den Nachweis geliefert, daß die Vorſtellungen von Gut und Boͤſe, was Tugend und was Verbrechen ſei, im Gegenteil nichts vom Uranfang her im Menſchen Schlummern— des ſind, ſondern daß ſie zu jeder Zeit anders ſind, d. h. daß ſie in jeder Geſellſchaftsordnung, in jeder Phaſe der menſchlichen Entwicklung anders ſein muͤſſen, und zwar einfach deshalb,

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55. Hans Burgkmair weil dieſe Vorſtellungen nichts ſind als die VVV ideologiſche Verklaͤrung der jeweiligen materiellen e Intereſſen der betreffenden Geſellſchaftsordnung.

Ringt man ſich zu dieſer Erkenntnis durch

daß in der menſchheitlichen Entwicklung ſtets die wirtſchaftlichen Intereſſen im letzten Grunde entſcheidend ſind ſo folgt bei konſequenter Logik hinſichtlich der Entſtehung der Moralgeſetze daraus nichts anderes als der Satz: Was den Tendenzen und Intereſſen einer beſtimmten Geſellſchaftsordnung dient, das wird zur Tugend und zum Moralgrundſatz erhoben; was dieſe Tendenzen und Intereſſen ſchaͤdigt oder in Gefahr bringt, wird dagegen als unmoraliſch und zum Verbrechen geſtempelt. Dieſe Logik iſt denn auch das Geſetz, das ſaͤmtliche Moralanſchauungen bildet. Dieſes ſozuſagen immanente Geſetz war es auch, was die voreheliche Keuſchheit der Frau und die eheliche Treue der Frau zu den wichtigſten Tugenden der weiblichen Geſchlechtsmoral erhob und andererſeits jeden außerehelichen Geſchlechts— verkehr der Frau unter allen Umſtaͤnden als unſittlich und verbrecheriſch ſtempelte. Dieſe Anſchauung mußte ſich in den Koͤpfen bilden, mußte ſich konſolidieren, mit einem Worte: ſie mußte die Grundlage aller geſchlechtlichen Moral werden, ganz einfach deshalb, weil eben die voreheliche Keuſchheit der Frau und die eheliche Treue der

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Frau die Grundpfeiler der Ehe find, deren Zweck die Erzeugung legitimer Erben iſt. Man darf hierbei naͤmlich eins nie vergeſſen: jede Inſtitution bedarf nicht nur der materiell ſichern— den Garantieen, ſondern auch der ideologischen Verklaͤrung ihrer Exiſtenzbeduͤrfniſſe, alles muß als ſittlich gerechtfertigt erſcheinen das iſt die beſte Garantie. Freilich muß hier gleicher— weiſe eingeſchaltet werden, daß ſich die berufenen Lehrer dieſer weiblichen Geſchlechtsmoral nie— mals mit dem bloßen Predigen dieſer Moral— grundſaͤtze begnuͤgt haben. Indem die Geſell— ſchaft den vorehelichen Geſchlechtsgenuß der Frau zum Verbrechen ſtempelte, behandelte ſie ihn auch als Verbrechen, und zwar als eines, worauf die entehrendſten kirchlichen und welt— lichen Strafen ſtanden. Das Maͤdchen, dem der voreheliche Geſchlechtsverkehr nachgewieſen war, galt, auch wenn der Verkehr mit dem eigenen Braͤutigam ſtattgefunden hatte, als „gefallen“, und es wurden ihm die kirchlichen Ehren verweigert. Es mußte mit einem Stroh— 5% Hans Bürgin r

kranze ſtatt mit einem Myrtenkranze zur Trauung Symbolische Karikatur der trägen Frau gehen, und im 18. Jahrhundert wurde es gar N

zum Prangerſtehen verurteilt. Ahnlich erging

es den Ehebrecherinnen. Alſo durch Androhung der Auslieferung an die allgemeine oͤffentliche Verachtung wurde der ſittlichen Kraft der moraliſchen Lehren der gehoͤrige Nachdruck verliehen. Man ſieht: die Kirche traute der ſittlichen Kraft ihrer Lehren nicht allzuſehr; der ſolid geflochtene Polizeiknuͤppel erſchien ihr immer eindrucksvoller, ſie legte ihn daher mit zaͤrtlicher Beſorgnis neben ihre Traktaͤtchen.

Es bedarf keiner naͤheren Begruͤndung, wenn man hieran Folgendes anſchließt: Dieſelben Elemente, die die voreheliche Keuſchheit der Frau und die Treue der Frau in der Ehe zum oberſten Geſetz der weiblichen Geſchlechtsmoral erhoben, formulierten den geſamten Moralkodex, nach dem die Frau zu denken, zu fuͤhlen, zu handeln hat, bis hinab in die kleinſte Anſtandsregel, die mit der Dreſſurformel „es ſchickt ſich nicht“ eingedrillt wird. Die Anſtandsregeln, die zu Beſtandteilen der „Sitte“ er— hoben werden, ſind nur die von den verſchiedenen Klaſſenintereſſen redigierten Kommentare zu den Grundgeſetzen der geſchlechtlichen Moral; und bekanntlich hat jede Klaſſe auch ihre eigenen Anſtandsregeln.

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Aus den materiellen Intereſſen und Tendenzen unſerer Geſellſchaftsordnung leiten ſich aber nicht nur die ſtrengen Moralforderungen gegenuͤber der Frau her. Aus ganz denſelben Urſachen ergibt ſich als ſehr leicht verſtaͤndliche Logik, daß die Geſellſchaft fuͤr den Mann zu allen Zeiten ein ganz entgegengeſetztes Sittengeſetz, wenn nicht proklamiert, ſo doch ſtillſchweigend und wohlwollend ſanktioniert hat, d. h. daß ſie dem Manne das Recht auf vorehelichen Geſchlechtsverkehr faſt ohne Einſchraͤnkung zubilligt, und daß ſie die Untreue des maͤnnlichen Ehegatten ſtets ſehr mild beurteilt: beide Dinge alterieren die in Frage ſtehende Ehe prinzipiell nicht, es kommen durch ſie keine fremden Elemente in die Familie, die Legitimitaͤt iſt nicht in Gefahr ...

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Die reiche alte Witwe

57. Franzoͤſiſche Karikatur. Um 1580

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Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“

So ungefähr ſtellt ſich die Entwicklung des moralifchen Aus— nahmegeſetzes dar, unter das die Frau geſtellt iſt.

Ein Zitat, dem man den klaſſiſchen Wert nicht wird abſprechen koͤnnen, mag noch illuſtrieren, wie unverhuͤllt dieſes Ausnahmegeſetz vor aller Welt vertreten wird. Hippel, der Du ſollſt nicht ehebrechen geiſtreiche Freund und 58. Hans Baldung Grün. Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert taͤgliche Tiſchgaſt Kants, beginnt ſein Kapitel uͤber die Treue der Weiber in ſeinem Buche „Über die Ehe“ mit folgenden Sätzen:

„Wenn ein Mann untreu iſt, ſo iſt es unrecht; wenn es aber eine Frau iſt unnatuͤrlich und gottlos. Die Polygynie iſt nicht ratſam; die Polyandrie aber eins der ſchwaͤrzeſten Laſter in der Welt. Es iſt nichts leichter, als Kinder zu erzeugen; allein nichts ſchwerer, als ſie zu erziehen: und welch ein Frevel, einem Manne fremde Kinder aufzubuͤrden! Die Verletzung uͤber die Haͤlfte hebt einen Kauf auf; die allergeringſte Verletzung der ehelichen Treue aber ſollte die Ehe aufheben. Bedenke, Ungetreue, daß dein Mann, da er um dich warb, dich aus der Sklaverei befreite, in der du dich in dem Hauſe deiner Eltern befandeſt. Die Weiber werden durch die Heirat manumittiert, und find ihrem Befreier zeitlebens operas officiales (Liebesdienſte) ſchuldig.“

Gewiß iſt die Pflicht der Treue der Frau in der Ehe auch noch anders begründet worden, immerhin genügt aber ſchon dieſes eine kurze Zitat, um zu be— weiſen, daß die vorſtehenden Ausfuͤhrungen und Schlußfolgerungen nicht willkuͤrlich konſtruiert find.

Die Jungfraͤulichkeit des Weibes iſt ſicher das erhabenſte Wunder, und die auf der Liebe begruͤndete unverbruͤchliche Treue des Weibes iſt eine ihrer ſtolzeſten Tu— genden das mag man begeiſtert anerkennen, aber damit wird die ernſte Forſchung natuͤrlich nicht der Pflicht enthoben, auch dieſe Dinge in ihrem wahren Weſen zu entſchleiern, und es gibt daher kein Umgehen: die hohe moraliſche Einſchaͤtzung, die dieſen Eigenſchaften zuteil wird, iſt im letzten Grunde nichts anderes, als die aufs hoͤchſte geſteigerte ideologiſche Verklaͤrung der oͤkonomiſchen Baſis, auf der die Ehe aufgebaut

iſt. Es iſt „der ideologiſche Überbau“, genau wie das was hier reſuͤmierend zu 9

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wiederholen ift das göttliche und das juriftifche Recht und Geſetz find, die die Untertaͤnigkeit der Frau und das Herrenrecht des Mannes ausſprechen.

An der allgemeinen Guͤltigkeit dieſes eben ſkizzierten moralifchen Ausnahme— geſetzes gegen die Frau aͤndert die Tatſache nichts, daß es Epochen gegeben hat, in denen bewußt und mit Prinzip wider dieſes Geſetz gehandelt wurde und es auch fuͤr die Frau als Ruhm galt, dagegen zu handeln. Am augenfaͤlligſten geſchah dies in den verſchiedenen Zeitaltern der Galanterie, alſo beſonders im Zeitalter des hoͤfiſchen Minnedienſtes und unter der Herrſchaft des Abſolutismus. Wenn dieſe Zeiten aber prinzipiell nichts von dem widerlegen, was im vorſtehenden dargelegt und entwickelt iſt, ſo belegen ſie dafuͤr ein anderes Geſetz: daß naͤmlich die geſchlechtliche Aus— ſchweifung in der Richtung einer allgemeinen Liederlichkeit eine ſtete Begleiterin jeder feudal-ariſtokratiſchen Klaſſenherrſchaft iſt. Die Richtigkeit dieſes Geſetzes wird durch die beiden genannten Epochen geradezu klaſſiſch erwieſen.

Es iſt wohl eine der ſeltſamſten Erſcheinungen in der geſchichtlichen Literatur, daß es ſogar heute noch Geſchichte ſchreibende Menſchen gibt, die in dem Zeitalter des Minnedienſtes die Glanzepoche platoniſcher Tugenden ſehen und deſſen nicht gewahr werden, daß gerade dieſes Zeitalter trotz ſeiner Turniere abſolut nicht maͤnnlich, ſondern im hoͤchſten Grade weibiſch war, und daß eine Weitherzigkeit in den Fragen der geſchlechtlichen Moral herrſchte, die nur vom Ancien Regime uͤbertroffen worden iſt. Der Zeit der Minneſaͤnger platoniſche Tugenden zu unterſchieben, iſt ſchon deshalb ſeltſam, weil dieſes Zeitalter in hunderten von laͤngſt bekannten Dokumenten, und zwar in ſeinen beruͤhmteſten und von aller Welt bewunderten, in der aller— deutlichſten Sprache geſagt hat, was es unter Minne verſtanden hat, wie materiell ſeine Wuͤnſche und Genüſſe geweſen ſind. „Wenn je eine Zeit allein den realen Genuß im Auge gehabt hat, ſo iſt es die damalige; mit bloßem Anbeten und Schmachten iſt weder den Maͤnnern noch den Frauen gedient,“ ſo ſagt mit Recht der orientierte Alwin Schultz in ſeinem Werk uͤber das hoͤfiſche Leben zur Zeit der Minneſaͤnger. Ein nettes Zeitalter der Platonik fuͤrwahr, das den Venusguͤrtel zum Schutz der ehefraulichen Treue erfindet! Und wohlgemerkt, nicht zum Schutz gegen die tieriſche Wut ſiegreicher Feinde, ſondern zum Schutz gegen die Freunde und Tiſch— genoſſen, und vor allem zum Schutz gegen die offenkundige Bereitwilligkeit „der ſittigen Burgfrau“ oder Schloßfrau, ihren Ritter fuͤr ſeine Huldigungen nicht nur mit Worten zu belohnen. Der lobeſame und tugendſame Ritter ſieht in den Frauen und Toͤchtern ſeiner Turnier- und Zechgenoſſen eine Beute, die er jederzeit das Recht hat, ſeinen Wuͤnſchen zu erobern. Die minniglichen Damen dieſes höfiſchen Zeit— alters ſind ſowohl in Frankreich als auch in Deutſchland mit der Rolle, die ihnen damit zugewieſen wird, voͤllig einverſtanden und unterſtuͤtzen eifrig die Wagenden, daß ſie

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Italieniſche Karikatur auf die ehebrecheriſche Frau.

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dem Eheherrn zu wahren, das iſt dagegen das, was ſehr viele ſtolze Damen ſich die allergeringſte Muͤhe koſten laſſen. Man leſe z. B. nur den Parſival nach. Als am Hofe des Koͤnigs Artus die Damen der Hofgeſellſchaft der Keuſchheitsprobe unterworfen werden, da beſteht ſie keine einzige. Als die Meerfee den Mantel an den Hof ſendet, der nur einem treuen Weibe paßt

und allen anderen je nach der

Groͤße ihrer Untreue zu kurz wird,

da wagt ihn nur eine einzige

anzuziehen, denn alle anderen ſind nicht unbeſcholten. Der Hof des Koͤnigs Artus vereinigte bekanntlich die vornehmſte Hof— geſellſchaft. Weiter: Wovon handelten denn die herrlichſten und reichſten Bluͤten der Minneſaͤngerliteratur, die Taglieder? Von nichts anderem als von der ſchwelgeriſchen Schilderung, wie ſuͤß es fuͤr die edle Ritterfrau ſei, die Ehe zu brechen und mit einem Freunde der Minne zu pflegen aber nicht platoniſch. In dem ſchoͤnſten Lied, das Heinrich von Morungen geſungen hat, heißt es:

O weh! daß eng er ſich Mein' Arme ſchauen bloß:

An mich geſchmieget hat, Es war ein Wunder groß,

Als er entbloͤßte mich Das nie ſein Herz verdroß Und wollte ſonder was Da tagt' es.

Die Gedanken, die Kürenberc feiner Dame unterlegt, find ſicher auch nicht platoniſcher Art, wenn er ſie ſagen läßt: Wenn ich ſteh alleine So erbluͤht ſich meine Farbe In meinem Hemede Als die Roſe am Dorne tut

Und ich an dich gedenke, Und gewinnet das Herze Ritter edele, Viel manichen traurigen Mut.

Der Kampf um die Hoſen

60. Franzoͤſiſche Karikatur. Um 1700

Es iſt natuͤrlich nie der Eheherr, der ſolche Ruͤckerinnerungen weckt, ſon— dern ſtets der unternehmende Buhle, der keck um ihre Minne warb. Ver— fuͤhreriſcher iſt das ſicher nie geſagt worden als in Walters von der Vogelweide

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beruͤhmtem Minnelied „Unter

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Die naͤchſte und ſelbſtver— 13 N ſtaͤndliche Logik einer ſolchen Ge— n ſchlechtsmoral iſt, daß der „ſtolze minnigliche Leib“ nicht nur einem Buhlen bluͤhen und „zum Troſt bei Tag und Nacht“ werden moͤge, ſondern womoͤglich jedem ſchoͤnen Knaben, der einer Dame zu Sinne ſteht. Das iſt ebenfalls die in der hoͤfiſchen Literatur dieſes Zeit— alters klar ausgeſprochene Moral:

Nature n'est pas si sote

Qu’ele feist nestre Marote

Tant solement por Robichon,

Se b'entendement i fichon,

Ne Robichon por Mariete,

Ne por Agnes, ne por Perrette; Ains nous a fait, bian filz n’en doutes, Toutes por tous et tous por toutes, Sie bat die Hoſen an Chascune por chascun commune 61, Fraßtzöſtſche Karikatur, Um 178 Et chascun commun por chascune.

So heißt es in dem beruͤhmteſten und geleſenſten franzoͤſiſchen Rittergedicht aus dem 13. Jahrhundert, dem Roman de la Rose. „Jeder für jede, jede für jeden!“ Wollte man den ulkfrohen Jargon des Junkers Buͤlow anwenden, müßte man von dieſer hoͤfiſchen Moral ſagen: Karnickelwirtſchaft.

Die voreheliche Keuſchheit des Weibes wird in dieſem Zeitalter ebenſowenig ſtreng gefordert und geuͤbt. Wenn die ſtolze Jungfrau z. B. eine Reiſe unternahm, ſo erforderte es die Unſicherheit der Straßen, daß ſie ſtets von einem wehrfaͤhigen Ritter begleitet wuͤrde. „Was aber auf einer ſolchen Reiſe zwiſchen den Reiſegefährten vorging, das hatte niemanden zu kuͤmmern, wenn nur der Ritter guͤtlich ſeinen Zweck erreichte, nicht Gewalt brauchte.“ Nun, und die Zeitmoral machte die Konzeſſion, daß in Guͤte von einer Dame eben alles gewaͤhrt werden durfte.

Das Zeitalter des Abſolutismus huldigte denſelben Anſchauungen, nur, ent— ſprechend der dazwiſchen liegenden Entwicklung, mit unendlich groͤßerem Raffinement. Die Treue der Frau gilt dem Ancien Regime als das Duͤmmſte von der Welt und als die unbegreiflichſte Erſcheinung. Der Fuͤrſt von Ligne ſchrieb damals: „Die reinſte Frau findet ihren Beſieger; ſie iſt rein nur darum, weil ſie ihn noch nicht gefunden hat.“ Herr von Boiſſe ſagte: „Die Treue verdummt die Frauen.“ Und die Frauen dieſes

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Zeitalters Sprechen ganz dieſelben Anfichten aus. Der Verführung eines ſympathiſchen Mannes zu widerſtehen, gehört für die Dame des 18. Jahrhunderts ins Reich der Unmöglichkeit, ſchon die Vorſtellung davon iſt ihr unfaßbar. Die vornehme Frau v. K. ſagte zu ihrer Freundin: „Unter uns geſagt, ich weiß gar nicht, wie man es anfangen ſoll, Widerſtand zu leiſten.“ Der letzte Grund eines ernſtlichen Widerſtandes fällt aber auch weg, denn die galanten Ehemaͤnner des Ancien Regime finden es haͤufig ganz in der Ordnung, daß ſich ihre Frauen nach Herzensluſt von ihren Anbetern verfuͤhren laſſen. Sie machen höchſtens die Vermeidung des Skandals zur Bedingung. Der Marquis v. H. ſagte zu ſeiner Frau: „Ich geſtatte dir alles, nur nicht die Prinzen und die Lakaien.“ So iſt es denn ganz natuͤrlich, daß im Liebeskalender der vor— nehmen Damen neben dem Gatten meiſtens mehrere Anbeter ſtehen, und daß dieſe mit ungleich mehr Erfolgen verzeichnet ſind. Die Liebe iſt keine Leidenſchaft, ſondern ein Vergnügen, bei dem man der Abwechflung halber die Darſteller der Rollen des Partners gern und moͤglichſt oft wechſelt. Wiederum ſtand alſo an der Spitze des Moral— geſetzes das ſchmutzigſte Motto aller Zeiten: Jeder für jede, jede für jeden!

So verfehlt es, wie geſagt, waͤre, aus ſolchen Erſcheinungen die Unguͤltigkeit des allgemeinen Moralgeſetzes abzuleiten, das von der Frau die Keuſchheit vor der Ehe und die Treue in der Ehe fordert, ſo waͤre es freilich ebenſo verfehlt, in dieſen Epochen den Sieg einer fortgeſchritteneren, hoͤher entwickelten geſchlechtlichen Ethik zu erblicken. Was ſich in ſolchen Moralanſchauungen dokumentiert, das iſt nichts anderes als der Zerſetzungsprozeß niedergehender, ſich aufloͤſender Klaſſen.

Ein ganz ander Ding iſt es, wenn eine robuſte, geſunde Klaſſe ſcheinbar bewußt dem fuͤr die Frau aufgeſtellten Moralkodex zuwiderhandelt. Auch ſolche Faͤlle kennt die Geſchichte, und es iſt noͤtig, hier von ihnen Notiz zu nehmen, weil ſie in der draſtiſchſten Form die Auffaſſung vom Zweck und Weſen der Ehe erweiſen. Man hat häufig als bewundernswerte Konſequenz und Ehrlichkeit, an der man ſich ein Beiſpiel nehmen möge, geprieſen, was Luther in ſeinem Ehezuchtbuͤchlein uͤber das tuͤchtige Weib und den untuͤchtigen Mann geſchrieben hat; man hat es freilich noch oͤfter peinlich verſchwiegen, als nicht mehr in unſere Zeit paſſend. Es handelt ſich dabei vor allem um die folgende Stelle:

„Wenn ein tuͤchtig Weib zur Ehe einen untuͤchtigen Mann uͤberkaͤme und koͤnnte doch keinen anderen oͤffentlich nehmen und wollt auch nicht gerne wider Ehre tun, ſollte ſie zu ihrem Manne alſo ſagen: Siehe lieber Mann, du kannſt mein nicht ſchuldig werden, und haſt mich und meinen jungen Leib betrogen, dazu in Gefahr der Ehre und Seligkeit bracht, und iſt fuͤr Gott keine Ehre zwiſchen uns beiden, vergoͤnne mir, daß ich mit deinem Bruder oder naͤchſten Freund eine heimliche Ehe habe und du den Namen habſt, auf daß dein Gut nicht an fremde Erben komme, und laß dich wiederum williglich betruͤgen durch mich, wie du mich ohne deinen Willen betrogen haſt.“

Luther hat dies weiter dann damit begruͤndet:

„Ein Weib, wo nicht die hohe ſeltſame Gnade da iſt, kann eines Mannes ebenſo wenig

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entrathen als effen, ſchlafen, trinken und andere natürliche Notdurft. Wiederum alſo auch ein Mann kann eines Weibes nicht entrathen. Urſach iſt die: es iſt ebenſo tief eingepflanzt der Natur, Kinder zeugen als eſſen und trinken. Darum hat Gott dem Leib die Glieder, Adern, Fluͤſſe und alles, was dazu dienet, geben und eingeſetzt. Wer nun dieſem wehren will und nicht laſſen gehen, wie Natur will und muß, was thut er anders denn er will wehren, daß Natur nicht Natur ſei, daß Feuer nicht brenne, Waſſer nicht netze, der Menſch nicht eſſe noch trinke noch ſchlafe?“

Fuͤr den Laien in hiſtoriſchen Dingen wollen dieſe ſo wenig in die Konzepte unſerer verſchnittenen Muckermoral paſſenden Saͤtze gewiß etwas heißen. Aber dieſe Saͤtze bedeuten in Wirklichkeit gar keine beſondere Tat Luthers, ſie erweiſen fuͤr dieſen gar keinen beſonderen Mut der Konſequenz. Und zwar aus dem ganz einfachen Grunde: die Geſchlechtsmoral, die Luther in dieſen Saͤtzen vortraͤgt, das waren uralte Rechts— uͤberlieferungen, die z. B. im Bauerntum ſeiner Zeit noch voll in Geltung waren und

in den verſchiedenſten Bauernrechten klar und deutlich als Rechtsſatzungen ausgeſprochen waren. So heißt es z. B. im Benker Haiderecht, das noch lange Zeit nach der Reformation Geltung hatte:

„Item ſo weiſe ich auch vor Recht, ſo ein guet Mann ſeiner Frauen ihr fraulich Recht nit

thun koͤnne, daß ſie daruͤber klage, ſo ſoll er ſie aufnehmen und tragen ober ſeven erftuine und bitten da ſeinen naͤchſten Nachbarn, daß er ſeiner Frauen helfe; wann ihr aber geholfen iſt, ſoll er

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Jugend oder Geld?

G. Goltzius. Hollaͤndiſche Karikatur. 17. Jahrhundert

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64. Deutfche Karikatur. 1648

ſie wieder aufnehmen und tragen ſie wieder zu Haus und ſetzen ſie ſachte da und ſetzen ihr ein gebraten Huhn vor und eine Kanne Weins.“

Ahnliche Rechtsſaͤtze finden ſich noch in verſchiedenen Rechten, ſo z. B. im Hattinger und im Bokumer Landrecht. Man wird auf Grund dieſer Rechtsanſchauungen zugeben muͤſſen, daß es wirklich keine beſonders kuͤhne Tat war, was Luther in ſeinem kernigen Stil in ſeinem Ehezuchtbuͤchlein ausſprach. Wenn in dieſen Rechtsſatzungen dafuͤr geſorgt iſt, daß die Frau in ihren ehelichen Rechten nicht verkuͤrzt werde, ſo bedeutet das in Wahrheit nichts anderes und auch nicht mehr als die draſtiſche Anerkennung des Ehezwecks: der Hauptzweck der Ehe, die Beſchaffung eines geſetzlichen Erben, ſollte unter allen Umſtaͤnden erfuͤllt werden. Daß das kein Trugſchluß iſt, daß einzig der Ehezweck, das Kinderbekommen, in Frage ſteht, und nicht das Recht auf Geſchlechtsgenuß, ergibt ſich auch daraus, daß nur die kinderloſe Frau uͤber ihren Mann als untuͤchtig klagen konnte, und daß andererſeits die Wahl des „Ehehelfers“ ſo wurde der Erſatzgatte genannt nicht der Frau, ſondern ausſchließlich dem Manne zuſtand ...

So ſeltſam uns auch ſolche Anſchauungen anmuten, ſo iſt doch zu wiederholen: ſie ſtuͤtzen nur auf die draſtiſchſte Weiſe das Gebaͤude der Unterdruͤckung der Frau zugunſten der oͤkonomiſchen Intereſſen der Ehe. Die Frau ſoll gemaͤß den oͤkonomiſchen Intereſſen in der Ehe Gebaͤrapparat ſein: Damit ſie das unbedingt ſein koͤnne, wird in primitiven Zeiten unter beſonderen Umſtaͤnden auch ein Teil der Moralgeſetze aus— geſchaltet, ſoferne dieſe ſich dem Hauptzweck der Ehe hinderlich zeigen. Man geht

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wahrſcheinlich nicht zu weit, wenn man ſagt: in dieſen mittelalterlichen bäuerlichen Rechtsanſchauungen iſt die Konſequenz der Tendenzen, aus denen die Ehe ſich heraus— entwickelte, zur Spitze getrieben; ſie ſind foͤrmlich perſonifiziert, zum Selbſtzweck erhoben, dem ruͤckſichtslos alles Menſchliche untergeordnet wird.

Dieſe Geſetze und Tendenzen formen den Grundton der geſamten geſellſchaftlichen Satire in Wort und Bild. Weil eben die Satire zu keiner Zeit eine uͤber den Dingen ſchwebende hoͤhere Vernunft darſtellt, ſondern weil ſie immer nur der Ausdruck der allgemeinen, d. h. der jeweils guͤltigen Morallehre iſt. Darum iſt auch die Satire in der einen Zeit ſtrenger, in der anderen nachſichtiger. Nur iſt hierbei ein Punkt immer gebuͤhrend in Beruͤckſichtigung zu ziehen: daß naͤmlich die Karikatur in allen Zeiten, abgeſehen von der Gegenwart, ausnahmslos aus derſelben Klaſſe ſtammt, und zwar aus dem Buͤrgertum. Das heißt aber nichts anderes als: die Karikatur iſt faſt

ausſchließlich von deſſen Moral infpiriert und getragen; am Maßſtabe der buͤrgerlichen

Moral wird von ihr in den meiſten Epochen die Moral aller Klaſſen gemeſſen. Da nun aber jede Klaſſe in gewiſſer Richtung ihre eigene Moral hat, alſo ihre Moral ſich von den allgemeinen Leitſaͤtzen der Moral in gleicher Weiſe entfernt, wie ſich ihr Klaſſenintereſſe von dem Allgemeinintereſſe unterſcheidet, ſo kommt es ſehr haͤufig vor, daß in der buͤrgerlichen Karikatur etwas bekaͤmpft wird, was nach den moraliſchen Leitſaͤtzen, oder wenigſtens nach dem Anſtandskodex der hoͤfiſch-ariſtokratiſchen Kultur nicht nur erlaubt iſt, ſondern förmlich zum guten Ton gehoͤrt. Es gibt z. B. Zeiten, in denen das Klaſſenideal des Buͤrgertums Zuͤchtigkeit und Anſtand forderte und jede ſchamloſe Entbloͤßung weiblicher Reize als ein ſtarker unmoraliſcher Verſtoß galt. In den gleichen Zeiten hat es die hoͤfiſch-ariſtokratiſche Kultur ebenſo oft als einen ebenſo ſtarken Verſtoß gegen den Anſtand angeſehen, wenn ein weibliches Mitglied ihrer Klaſſe ſich weigerte, ihre Reize ſchamlos vor aller Augen zu entbloͤßen; man denke nur an die in der Gegenwart genau ſo ſtreng durchgefuͤhrten Vorſchriften des Dekolettierens bei ſaͤmtlichen hoͤfiſchen Veranſtaltungen. Eine moraliſche uͤberein⸗ ſtimmung auf der ganzen Linie herrſcht nur in den Zeiten, in denen der buͤrgerliche Geiſt in Auflöſung begriffen iſt, auf Selbſtaͤndigkeit verzichtet hat und das Buͤrger— tum ſeinen Vorteil darin findet, alle ſeine Auftraͤge und Direktiven ausſchließlich von Oben zu erhalten. In ſolchen Zeiten ſchreckt man dann nicht davor zuruͤck, das laut uͤber die Gaſſe zu ſchreien, was man vorher hoͤchſtens insgeheim in ſich hinein— geſchmunzelt hatte: ach, die Suͤnde iſt ja ſo ſchoͤn, freuen wir uns der Suͤnde! Dieſe Zeiten ſind es denn auch, wo die Satire nur, oder wenigſtens mit Vorliebe, dazu angewandt wird, die Genuͤſſe, denen man huldigt, zu paprizieren.

Die prinzipielle Stellung der Satire gegenuͤber den geſellſchaftlichen Inſtitutionen

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und Erſcheinungen iſt natürlich abhängig von der wiſſenſchaftlichen Einſicht der Zeit in ihr Weſen, d. h. in ihre hiſtoriſchen Zuſammenhaͤnge. Das iſt zwar eine ganz ſelbſtverſtaͤndliche Sache, es bedarf darum aber doch an dieſer Stelle der beſonderen Betonung, weil dieſer Umſtand fuͤr die hiſtoriſche Beurteilung der meiſten Karikaturen von entſcheidender Wichtigkeit iſt. Beſonders wichtig ſogar iſt dieſer Geſichtspunkt gerade fuͤr das vorliegende Kapitel.

Daß die heutige Eheform genau ſo etwas Gewordenes iſt, wie alle phyſio— logiſchen und ſozialen Gebilde unſerer geſamten Erſcheinungswelt, und daß ſie ſich ebenſo wie dieſe in ſteter Umwandlung befindet, dieſe Erkenntniſſe ſind, wie ſchon in der Einleitung geſagt worden iſt, eine ſehr ſpaͤte Errungenſchaft der Soziologie, ſie ſind erſt in der zweiten Haͤlfte des 19. Jahrhunderts eingehender begruͤndet worden. Daraus erklaͤrt ſich oder ergibt ſich denn auch, daß die Karikatur die Ehe, ſo haͤufig ſie ſich zu allen Zeiten mit ihr und allen den Formen beſchaͤftigt hat, die mit ihr in Zuſammenhang ſtehen, nie prinzipiell behandelt oder bekaͤmpft hat. Die buͤrgerliche Ehe iſt der Karikatur bis nahe an unſere Gegenwart heran etwas Unabaͤnderliches, etwas Fundamentales fuͤr den Beſtand der menſchlichen Geſellſchaft geweſen. Unter dieſem Geſichtswinkel wird jeder Widerſpruch, alles Aufbaͤumen gegen

die uͤberkommene Ehemoral zum Verbrechen, zur Suͤnde wider die Natur. Und wie

im Leben, ſo ſpiegelt es ſich auch in der Karikatur, daß alles das als Verfehlung gegen die heilige Inſtitution der Ehe angeſehen wurde, was im letzten Grunde nie— mals etwas anderes bewieſen haͤtte und fuͤr die heutige, erweiterte Einſicht auch

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66. B. Picart. Galante franzoͤſiſche Karikatur auf die Frau im heiratsfaͤhigen Alter. 18. Jahrhundert

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Nichts ift fo allgemein als wie die Hahnerey. Es gibt mehr Kinder ab, als Hennen legen Ey.

Mit ihr verbindet ſich auch die Windmacherey, Man ſpricht noch ungeſcheut, daß es ſo Mode ſey; Die Treue iſt ſehr rahr, an Mann und Weibsperſonen, Ja was noch uͤber das, man nennt es gar gallant, Der Hoͤrner traͤgt man mehr, als wie der Koͤnigskronen. Schmuͤckt modehaft den Leib, das Herz bleibt ohne Schand.

67. J. M. Will. Deutſche Karikatur auf die eheliche Untreue. 18. Jahrhundert

nichts anderes erweiſt, als daß die bürgerliche Ehe ſchon lange in vielen Richtungen in ſtaͤrkſtem Widerſpruch zu den veraͤnderten Lebensbedingungen ſteht, die die unauf— haltſam vorwaͤrts ſchreitende Entwicklung der Wirtſchaftsweiſe den Menſchen auf— oktroyiert hat.

Erſt als im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die Erkenntnis vom Weſen der Ehe Gemeingut groͤßerer Kreiſe wurde, zerfloß, wie in der ernſten Diskuſſion, ſo auch in der Satire die Zuruͤckhaltung vor der Ehe als vor etwas Unantaſtbarem. Man illuſtrierte die innere Unmoral, d. h. den unloͤslichen Widerſpruch zwiſchen der alten Form und den neuen Bedingungen des Lebens. Aus den Suͤndern wurden die Opfer. Klaſſiſche Zeugniſſe bietet dafür die geſamte franzöfifche Karikatur ſeit der Mitte der achtziger Jahre und die deutſche Karikatur ſeit Anfang der neunziger Jahre, hoͤchſt wenige dagegen die engliſche Karikatur. Das engliſche Buͤrgertum iſt zwar immer noch das ſtolzeſte aller Laͤnder, und das mit vollſter Berechtigung, aber ſeine ſchoͤpferiſche Periode liegt weit, weit hinter ihm, es befindet ſich laͤngſt im Zuſtande des ver— knöcherten Greiſenalters, das zwar noch Begierden aber keine Taten mehr aufzuweiſen hat. Sein heutiges Selbſtbewußtſein iſt tatſaͤchlich nur die Rente des fruͤher an— geſammelten Kapitalbeſitzes. Wenn hoͤfiſch-ariſtokratiſche Kulturen meiſtens mit einem Kankan der Frivolitaͤt abſchließen, ſo klingen buͤrgerliche Kulturen frömmelnd aus.

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Frau Bourgeoiſie iſt in England zur heuchelnden Betſchweſter mit niedergeſchlagenen Augen geworden. Aber das Verſchwinden des Mutes zum kuͤhnen, konſequenten Weiter—

denken, zum ruͤckhaltloſen Ausſprechen deſſen, was iſt, das hat noch niemals die Geſetze der Entwicklung aufgehoben; dieſe wirken weiter und formen die Geſellſchaft um, auch wenn man nicht von ihnen ſpricht, nur wirken ſie verheerender. Das gilt heute fuͤr England und wird morgen fuͤr Deutſchland und Frankreich gelten, wenn ſie ſich zur Greiſenmoral bekehren ſollten.

Neben dem Inhalt, „der Moral von der Geſchichte“, ſteht uͤberall das Wie, und dieſes Wie, die Form, iſt bekanntlich bei ſaͤmtlichen Erſcheinungen ein charak— teriftifcher Kommentar zur Geſamtentwicklung; das beſtaͤtigen auch die ſaͤmtlichen Mittel und Formen, deren ſich die Karikatur in den verſchiedenen Jahrhunderten bedient hat. Es duͤrfte angebracht ſein, die Hauptlinien der geſamten geiſtigen und techniſchen Entwicklung der Karikatur gleich hier an der Spitze des erſten Kapitels zuſammenfaſſend in allgemeinen Zuͤgen darzuſtellen, da dieſe Geſichtspunkte fuͤr jedes einzelne der folgenden Kapitel ohne Ausnahme genau ſo wie fuͤr das vorliegende gelten und fuͤr alle von gleichbleibender Bedeutung ſind.

Die Entwicklung der geiſtigen Ausdrucksmittel der Karikatur, d. h. alſo in erſter Linie der verſchiedenen Symbole, deren ſich die Satire im Bilde als Ausdrucksmittel ihrer Gedanken bedient, die Abloͤſung des einen durch das andere, die Verbindung des einen mit dem andern: Symbol, Allegorie, Groteske, Wirklichkeitsdarſtellung uſw. ſie ſpiegeln getreu den Weg vom Einfachen zum Komplizierten, zur Vielgeſtalt und zum Vielverſchlungenen wieder, den die geſamte Entwicklung unſeres privaten, geſellſchaftlichen und oͤffentlichen Lebens vom Ausgang des Mittelalters bis herauf in unſere Gegenwart genommen hat. Zur Illuſtration dieſes Satzes vergleiche man z. B. Bilder wie den anonymen „Kampf um die Hoſen“ (Bild 48) mit einem be— liebigen Bilde von Forain, Heine oder Reznicek. Wenn man fruͤher ſozuſagen immer aufs Ganze ging, ſo gelangte man dann allmaͤhlich dazu, jedes Ding in verſchiedene Kategorien einzuteilen, d. h. man erkennt neben dem Typiſchen das Unterſcheidende des Einzelfalles, und je mehr man in der Erkenntnis vorwaͤrts ſchreitet, um ſo mehr regiſtriert man mit Abſicht gerade das unterſcheidende Merkmal. Das 16. Jahrhundert rubrizierte jede Ehebrecherin einfach unter der fertigen Formel „die unkeuſche Frau“; fuͤr dieſe Zeit iſt das Entſcheidende und das Unterſcheidende einfach die Tat. Fuͤr den groͤßten ſatiriſchen Schilderer des Ehebruchs in der Gegenwart, fuͤr den Franzoſen Forain, it die Tat als Faktum dagegen faſt das Nebenfächliche des Gegenſtandes, wichtig iſt ihm dafuͤr das Warum und das Wie. Da aber das Warum und das Wie tauſendfach wechſelt, jedesmal anders iſt, ſo vermag er zu demſelben Stoffe jeden

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Verlorene Ciebesmuͤhe

68. P. A. Wille der Juͤngere. Galante franzoͤſiſche Karikatur. 18. Jahrhundert

Tag einen voͤllig neuen Kommentar zu geben. Die kuͤnſtleriſche Aufgabe, die der Satire dabei geſtellt iſt, heißt: auch im erdruͤckenden Reichtum den Einzelfall wiederum zum Typiſchen kryſtalliſieren. Das letztere unterſcheidet die Gegenwart vom 17. und 18. Jahrhundert, das ebenfalls den Einzelfall regiſtrierte, und es

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bezeichnet zugleich die ſitt— lich imponierendere Hoͤhe der Gegenwart. Wenn das 17. und 18. Jahrhundert den Einzelfall, d. h. alſo das Unterſcheidende vor— fuͤhrte, wurde der Angriff ſtets zum Pamphlet, d. h. zum Angriff gegen eine ganz beſtimmte Perſon. In dieſem Unterſchied ſpiegelt ſich auch die heute tiefere Einſicht in die beſtimmen— den Urſachen des geſell— ſchaftlichen Geſchehens. Das Schlechte iſt in den Men— ſchen, merzt man den Suͤnder aus, ſo iſt auch die Suͤnde aus der Welt ge— ſchafft ſo deduzierte man damals. Dementſprechend

Die Zierde derer Sahnrey La parade des cornards. 2 i Dergleichen Ile den. Horn . 2 zieren, Ce chapsan est um present de mar pouz mun marı, lautet die erſte Frage: wer

. e. „%%% a it der Sünder? Das f bd wird bedingt J zer a durch die Inſtitutionen, und 69. Joh. G. Merz. Augsburger Karikatur auf die untreue Frau. ſolange dieſe fehlerhaft e ſind, wird jeder neue Tag neue Sünder hervorbringen; das wiſſen wir heute, alſo iſt es von ziemlich untergeordneter Bedeutung, wer zu— fällig heute der Sünder war, der dem Satiriker den Stoff lieferte ...

Die Geſchichte der techniſchen Mittel der Karikatur, im engeren Sinne der Reproduktionsform aufgefaßt Holzſchnitt, Kupferſtich, Lithographie, Zinkaͤtzung, illuſtriert ebenſo deutlich das zunehmende Tempo des Pulsſchlages der Zeit. D. h. mit anderen Worten: jede raſchere Gangart der Zeit ſchuf eine neue Reproduktions— technik, die immer wieder imſtande war, den Ereigniſſen auf dem Fuße zu folgen und in gleicher Weiſe die groͤßer werdende Zahl der Intereſſenten zu befriedigen. Langſam und bedaͤchtig wickelte ſich der Gang der Weltgeſchichte an der Schwelle der neuen Zeit ab, und geradezu ſtarr und unveraͤnderlich erſcheinen die ſozialen und

moraliſchen Bedingniſſe des Lebens. Eine Karikatur mit einer ſatiriſchen Moral—

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predigt brauchte Monate, bis fie im Kopfe des Kuͤnſt— lers ausreifte, den Weg zur Werkſtatt des Holz— ſchneiders und von da in die des Druckers fand. Ebenſolange brauchte ſie, bis ſie nur uͤber die engſten

Kreiſe hinausdrang; oft vergingen Jahre, bis ſie in anderen Staͤdten zum erſten Male auftauchte. Von vielen heute noch beruͤhmten Blaͤttern ſind, wie die zu— faͤllig erhaltenen Druck— rechnungen erweiſen, im Verlaufe von verſchiedenen

Jahren oft nur wenige

hundert Exemplare abgeſetzt worden. Das kam ſelbſt bei Blaͤttern vor, die eine Rolle ſpielten und die all—

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18. Jahrhundert

Blatt des 16. Jahrhunderts ebenfalls haͤufig zu Hunderten; ein ganzes Dorf ergoͤtzte ſich an einem einzigen Exemplar. Dieſer Zeit entſprach der Holzſchnitt. Er war ſo ſolid und ſo dauerhaft wie die von ihm wiedergegebene ſatiriſche Moral, die dem Beſchauer fuͤrs ganze Leben gelten ſollte. Im 17. Jahrhundert, dem in Deutſchland der Dreißigjaͤhrige Krieg, in Frank— reich der emporſteigende Abſolutismus, in den Niederlanden die Entwicklung zur merkantilen Weltmacht das charakteriſierende Gepraͤge gaben, iſt der Schritt der Zeit ſchon weſentlich beſchleunigt, das Leben des einzelnen iſt reicher an aͤußerer Abwechslung. Das erfordert, daß auch die Ausdrucksmittel beweglicher ſeien: leichter zu erlangen. Auch will man mehr zu hoͤren bekommen und begnuͤgt ſich nicht mehr fuͤr Monate oder gar Jahre an einigen wenigen Blaͤttern. Dieſe Forderungen er— fuͤllten ſich im Kupferſtich, der vor allem auch größere Auflagen ermöglichte. Freilich

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bedeutete der Kupferſtich nicht in jeder Richtung einen Fortſchritt. War er für Frankreich, England und die Niederlande eine ſchneidige Klinge, die in ihrer Aus— bildung Schritt fuͤr Schritt Vorzuͤglicheres leiſtete, ſo bezeichnete er für Deutſchland gegenuͤber der Hoͤhe, die hier im 16. Jahrhundert der Holzſchnitt erlangt hatte, in erſter Linie einen ſehr tiefen Niedergang, den Weg von kuͤnſtleriſcher Vollkraft in die kuͤnſtleriſche Ohnmacht; und er war weiter ein Zeugnis der wirtſchaftlichen Ver— armung, die dazu zwang, zum Billigſten zu greifen. Der Kupferſtich behauptete ſeine Rechte uneingeſchraͤnkt bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts; er hat alle die großen Umwaͤlzungen begleitet, die große engliſche Revolution, die franzoͤſiſche Revolution und die deutſche uͤberwindung der Fremdherrſchaft. Die Julirevolution des Jahres 1830 hat dagegen die Lithographie zum Siege gefuͤhrt. Sie ſchuf die erſten großen illuſtrierten ſatiriſchen Journale, darunter das bedeutendſte Dokument der politiſchen Karikatur aller Zeiten, die Caricature, mit Daumier, dem großen ſatiriſchen Trommelſchlaͤger des Fortſchritts und der Freiheit, an der Spitze. Mit dem trotz aller Durchbildung und Vervollkommnung immer noch ſehr langſam her⸗ zuſtellenden Kupferſtich waͤren dieſe neuen Programme und Aufgaben nicht mehr zu erfuͤllen geweſen. Die Poſtkutſchen- und Extrapoſtenzeit geht allmaͤhlich ins Eiſenbahnzeitalter uͤber, die ſatiriſche Moral eines Blattes intereſſiert hoͤchſtens noch fuͤr eine Woche. Und je groͤßer der Kreis derer wird, die am oͤffentlichen Leben taͤtigen Anteil nehmen, d. h. je mehr ſich dieſer Begriff mit dem der Maſſe deckt, um ſo mehr muß jetzt die Karikatur Maſſenartikel im wahren Sinne des Wortes werden. Binnen wenigen Tagen muß ſie auf dem Markte ſein koͤnnen; und was das Wichtigſte iſt: ihr Preis muß von der Maſſe zu erſchwingen ſein. Dieſe Entwicklung leitete die Lithographie ein. Eine ſchwarze Kupferſtichkarikatur koſtete im 18. Jahrhundert in England, das ſich darin auf den groͤßten Großbetrieb eingerichtet hatte, durchſchnittlich einen halben Schilling. Entſprechend dem damaligen Geldwert iſt das = ungefähr fo viel, wie heute ein | 1 \ F ae ae . Summe fuͤr eine einzige Karikatur zu erſchwingen? Daß dieſe Summe aber nicht nur von einzelnen, ſon—

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71. Deutſche Karikatur auf die untreue Frau

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Der Altjungfernklub

72. Booth. Engliſche Karikatur. 18. Jahrhundert

Summen, fuͤr die großen Blaͤtter das Fuͤnf- und Zehnfache, verlangt und bezahlt wurden, das beweiſt hinwiederum, welche ſtarke Beachtung der Karikatur damals gezollt wurde. Gleichwohl war ſie eben doch nur ein Luxusartikel fuͤr die zahlungs— faͤhige Moral. Das aͤnderte die Lithographie, die um den vierten und fuͤnften Teil des Preiſes in den Handel kommen konnte. Aber auch die Lithographie vermochte auf die Dauer bei dem Tempo nicht Schritt zu halten, das die moderne Entwicklung dem Leben im 19. Jahrhundert aufzwang, und wo ein Schnelligkeitsrekord den an— deren ſchlug. Es kam dahin, daß die Frage des Vormittags bereits am Nachmittag ihren Kommentar finden ſollte, denn der morgige Tag hatte etwas Neues und etwas anderes zu ſagen. Da ging der Lithographie der Atem aus, ihre Herrſchaft waͤhrte daher kaum ein halbes Jahrhundert; aber ſie hatte in dieſer Zeit reichen Segen geſpendet, kuͤnſtleriſch und agitatoriſch. Die Chemigraphie, die in den ſiebziger Jahren aufkam, vermochte die hoͤchſten Forderungen der Zeit zu erfuͤllen; bedeutete auch ihre Einfuͤhrung, wie ſeinerzeit beim Kupferſtich, einen ſtarken kuͤnſt— leriſchen Niedergang, ſo erfuͤllte die Chemigraphie doch die geſchaͤftlichen und agitato—

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riſchen Bedingungen, und dieſen gegenüber mußten die kuͤnſtleriſchen Intereſſen immer noch zuruͤcktreten. Was der Stift des Zeichners am Morgen niedergeſchrieben hat, das iſt durch die Chemigraphie am Abend bereits vertauſendfacht in den Haͤnden des Leſers, und dazu des Unbemitteltſten; und weiter: der Zahl der Abzuͤge iſt nun gar keine Grenze mehr geſteckt. In dieſem Stadium der Entwicklung ſtehen wir gegenwaͤrtig, und man braucht kein Prophet zu ſein, um zu ſagen, daß der Schnelligkeits— wahnſinn in der Erſchoͤpfung des Reichtums und der Vielgeſtalt alles Geſchehens wahrſcheinlich noch lange nicht feinen hoͤchſten Rekord erreicht hat ...

Iſt bis jetzt gezeigt worden, wie ſich der zunehmende Reichtum des Lebens und ſein immer ſchneller werdender Pulsſchlag im ewig wechſelnden Gewande der Karikatur ſpiegelt, ſo bleibt als dritter Punkt noch zu zeigen, wie ſich in der Ent— wicklung der Symbole der Karikatur, ſozuſagen in ihren ſprachlichen Mitteln, der Weg der Menſchheit ſpiegelt: von der ſeeliſchen Befangenheit und Gebundenheit in dunkeln, myſtiſchen Vorſtellungen hinauf zu den freien Hoͤhen des menſchlichen Denkens und eines immer klareren Erkennens der wirklichen Zuſammenhaͤnge der Dinge.

Die Entwicklung der gedanklichen Ausdrucksmittel der Karikatur unterſcheidet drei Hauptetappen: das Symboliſche, das Groteske und die ſatiriſch pointierte Wirklichkeitsdarſtellung, die ſich zeichneriſch natuͤrlich ebenfalls des karikierenden uͤber— treibens bedient. Die Abloͤſung der einen Form durch die andere geſchieht ſelbſt— verſtaͤndlich nicht in allen Ländern gleichzeitig; im Gegenteil: die eine Form wird in einem Lande bereits von einer fortgeſchritteneren uͤberwunden, waͤhrend ſie im Nachbarlande erſt anfaͤngt, zur Herrſchaft zu kommen. In der Geſchichte der Karikatur kann man ganz dieſelbe Formel anwenden, die Marx fuͤr die Okonomie geprägt hat: das fortgeſchrittene Land zeigt dem zuruͤckgebliebenen ſeine eigene Zukunft. Das hervorzuheben iſt nicht unwichtig, weil damit feſtgeſtellt iſt, daß der Volkscharakter wohl die verſchiedenen Nuancen herausentwickelt, das Temperament des Vortrags, die beſondere Eleganz des einen, die Arroganz des andern und die Tolpatſchigkeit oder Plumpheit des dritten, daß aber der jeweilige Hauptcharakter der Form, ob Symbol, Allegorie, Groteske, Naturalismus, ſatiriſche Illuſtration uſw. abſolut abhaͤngig iſt von der wirtſchaftlichen Entwicklungshoͤhe, in der ſich ein Land befindet, und daß die gleiche Hoͤhe ſtets zu denſelben Symbolen gelangt.

Im 16. und 17. Jahrhundert iſt das wichtigſte ſatiriſche Mittel die Symbolik, und zwar die religioͤs inſpirierte Symbolik, in der Form der Verbindung mit dem Teufel. Das erſcheint um ſo ſeltſamer, wenn man erwaͤgt, daß der das geſamte geiſtige Leben jener Zeit erfuͤllende Humanismus, der die Wiſſenſchaft des beginnenden Zeitalters des modernen Kapitalismus darſtellt, in ſeiner Tendenz auf den abſoluten Unglauben hinauslief und der energiſchſte Frondeur gegen die glaͤubige Weltanſchauung des Mittelalters war. Aber dieſe Tendenz zum Unglauben verhinderte nicht, daß dieſe Zeit trotzdem in einen Glaubensfanatismus auslief, wie ihn die Welt zuvor

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73. Jaurat. Galante franzöfifche Karikatur auf die Frauen im heiratsfaͤhigen Alter. 18. Jahrhundert

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nicht geſehen hatte. Der Grund? In den primitiven Urzuftänden der Geſellſchaft, wie ſie das Mittelalter noch zeigt, macht ſich der Menſch uͤber Religion nicht allzuviel Gedanken. Das wird

jedoch an dem Tage anders, an dem er durch die Entwicklung gezwungen wird, ſich von der

ſeitherigen Abhaͤngigkeit von der Natur loszureißen und ſich die Natur unterzuordnen; von da an beginnt er energiſch uͤber dieſe Fragen nachzudenken. Aber alle Kuͤhnheit, die ſolchen revo— lutionaͤren Zeiten ſelbſtverſtaͤnd— lich iſt, fuͤhrt ihn nicht uͤber den halben Weg hinaus; Natur und Geſellſchaft entſchleiern, wie ſchon einmal geſagt worden iſt, ihre Geheimniſſe erſt bei beſtimmten Entwicklungshoͤhen. Dagegen tuͤrmt jede gewonnene Erkennt—

Lady Worſeley im Bade

74. Engliſche Karikatur auf den Eheſcheidungsprozeß des Lord Worſeley gegen ſeine Gemahlin wegen Ehebruchs mit 34 Maͤnnern 5 i nis neue, anſcheinend immer

groͤßere Schwierigkeiten empor. Dazu kommt dann noch ein zweites: Die neue Zeit mit ihrer alles umwaͤlzenden wirtſchaftlichen Revolution ſchuͤttete wohl Berge von Schaͤtzen auf, ſtreute nach allen Seiten ihren reichen Segen aus, aber noch mehr, noch ſichtbarer, auch dem letzten fuͤhlbar die neue Zeit brachte auch die großen, von ihr untrennbaren ſozialen Greuel, von denen man bis dahin keine Ahnung hatte; das Dreigeſpann: Peſt, Syphilis und Branntweingift raſt wie wuͤtend durch die Lande und verfchont nicht das verborgenſte Dorf. Dem ſteht man nicht nur machtlos gegenuͤber, ſondern die beſchraͤnkte Einſicht verhindert einen auch, dieſe Erſcheinungen in ihrem Weſen und in ihren Zuſammenhaͤngen mit der neuen Wirtſchafts— ordnung zu erkennen. Man empfindet das hereinbrechende Elend hoͤchſtens als Zucht— rute, mit der anſcheinend Gott die Menſchen für ihr vermeſſenes Streben zuͤchtigt, die Grenzen ihrer Macht zu vergroͤßern, ſeinen Himmel zu ſtuͤrmen. Dieſe grimmigen Nöte, die am Eingange der neuen Zeit ſtanden, führten vom Unglauben zum Aber— glauben. Man vermutete boͤſe, finſtere Maͤchte, man glaubte an Daͤmonen; das Schreckliche erfuͤllte ausſchließlich die Phantaſie. Der luſtige Biedermann von Teufel,

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mit dem man feinen Schabernack treiben konnte, wie ihn das Mittelalter kannte, wurde zum Inbegriff wahnwitziger Scheuſaͤligkeit. Die Morallehre kam damit natur— gemaͤß auf den Weg des „Bangemachens“, des „Gruſeligmachens“. In dieſer Zeit und aus dieſer Stimmung heraus entſtand die ungeheuerliche und reiche Teufels— literatur. Teufel und Hoͤlle in ihren ſchrecklichſten Geſtalten wurden zu den Sym— bolen alles Verdammenswerten. Alles Schlechte ſtammt aus der Hoͤlle, alles Schlechte iſt ſomit in der Hoͤlle und im Teufel verkoͤrpert. So folgerte man; alſo wurde der Teufel zum großen Wauwau, mit dem man alle ſchreckte und dem „gemeinen Volk“ jene Dialektik einpaukte, die zu Nutz und Frommen der Moral, d. h. der Kirche, des Staates, der Obrigkeit diente. Das alles ſpiegelt die damalige Satire treulich in Wort und Bild. Der Moralprediger der Gaſſe, der ſich, um

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75. Th. Rowlandfon. Engliſche Karikatur. 1790

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76. Thomas Rowlandſon. Engliſche Karikatur. 1812

das Publikum zum Zuhoͤren zu zwingen, der Kuͤrze, des Witzes und des Hand— greiflichen bedienen muß, bedient ſich ſelbſtverſtaͤndlich mit Vorliebe des Teufels, dieſes einfachen und doch reich zu gliedernden Symbols. Man ſprach vom Fluchteufel, Tanzteufel, Eheteufel, Saufteufel, Hurenteufel, Unzuchtsteufel, Schwurteufel, Hoffarts— teufel, Hoſenteufel, Geizteufel uſw. Unter ſolchen Titeln erſchienen dann die Abhandlungen uͤber das betreffende Laſter, und die Form war meiſtens ſatiriſch moraliſierend. Wie nuͤtzlich es ſei, zu dem „gemein Volk“ in dieſer Weiſe zu reden, das wird in dem erſten Stuͤck des 1575 in Frankfurt a. O. erſchienenen Theatrum diabolorum in dem Abſchnitt „Wo und was die Hoͤlle ſei“, in folgender ſchlauer Weiſe begruͤndet:

„Aber am jüngften Tag wird's freilich ein ander Ding fein und werden. Da die Hölle ein ſonderlicher Ort ſein wird, oder da die ſein werden, die in der Hoͤllen oder ewigen Zorn Gottes ſo verdammt ſind. Wo aber und an welchem Ort die ſein wird, will ich lieber nicht wiſſen, denn außerhalb der Schrift da viel von gruͤbeln. Es liegt auch nicht groß dran, ob jemand halt von der Hoͤllen, wie man mahlet und ſagt. Es wird doch ſo und noch viel aͤrger jetzt ſein, und denn werden, denn jemand ſagen, malen oder denken kann.

Derhalben wie D. Luther geſagt, von der Hoͤllefart Chriſti. Er laſſe es ihm gefallen, daß man den Artikel des Glaubens dem jungen Volk und einfaͤltigen alſo fuͤrbilde, wie man ihn pflegt vor Alters an die Waͤnde zu malen, daß er eine Kohrkappen an hab, eine Fahn in der rechten Hand, und fahr alſo hinab in die Hölle, ftürme fie, und binde den Teuffel mit Ketten. Denn ob es fo

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in Heinrich Namberg. 1799

Albert Langen, München

wohl nicht geſchehen iſt, leiblich, ſo bildet doch und drucket uns ſolchs Gemälde fein aus die Kraft und Macht der Hoͤllefahrt Chriſti. Alſo duͤnkt michs auch rathſam ſein, daß man fuͤr den gemeinen Mann aufs einfaͤltigſte auch von der Hölle rede, und fie dem jungen Volk aufs Groͤbſte fuͤrbilde, wie man immer kann, damit man ihnen ein Schrecken darfuͤr machen moͤge.“

Die Mahnung, „aufs Groͤbſte“ zu verfahren, wird ſtets getreulich erfuͤllt. Es wird in dieſen Schriften gewettert, getobt, geſchimpft und verdammt, daß es nur ſeine Art hat. Mit den Worten Unzucht, Schande, Hurerei uſw. iſt der kleinſte Satz garniert. Um ſchließlich im hoͤchſten Grade abzuſchrecken, iſt an jede dieſer Mahn— ſchriften eine Reihe von Exempeln angefuͤgt, die dem glaͤubigen Volke zeigen ſollen, wie der liebe Gott ſeiner abſolut nicht ſpotten laͤßt. Selbſtverſtändlich hat das arme, geiſtig verkruͤppelte Volk dieſe ſatiriſche Moral mit Zittern und Zaͤhneklappern vernommen. Es waͤre wirklich ganz unbegreiflich, wenn die Karikatur nicht mit demſelben Mittel gearbeitet haͤtte. Den Reichtum, der dem Worte zu Gebote ſtand, hat fie freilich nicht zu entfalten vermocht: das lag an den weſentlich engeren Grenzen, die den zeichnen— den Kuͤnſten gezogen ſind. Aber die vielgeſtaltigen Teufelsfratzen, die von den zeichnenden Kuͤnſten jener Zeit erfunden worden ſind, zeigen doch zur Genuͤge, wie geſaͤttigt die Phantaſie von dieſen Vorſtellungen war. In dem vorliegen— den Kapitel belegt das Blatt von Israel von Meckenem „Der Kampf um die Hoſen“ (Bild 47) dieſe Ausfuͤhrungen; die folgen— den Kapitel enthalten noch eine Reihe weiterer bild—

licher Belege.

Man hat, dem lang— ſamen Aufſtieg entſprechend, lange dieſe Methode geuͤbt, und man iſt ſpaͤter, und

zwar immer in religioͤs

vermuckerten Zeiten, haͤufig Start nach Gretna Green (4 zu dieſer Methode zurück 77. Iriſche Karikatur. 180

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gekehrt. Als Beiſpiel fei nur an den urfidelen Wieſenpater von Ismaning

erinnert, aus deſſen ſatiriſch-moraliſchem Schimpflexikon in einem anderen Abſchnitt eine Probe zu geben ſein wird, und an den weltberuͤhmten pfäffiſchen Schimpfmeiſter Abraham a Santa Clara, den wir mehr als einmal zu zitieren haben werden.

Als das Buͤrgertum Schritt fuͤr Schritt zur Hoͤhe ſeiner Macht ſtieg, d. h. als der menſchliche Geiſt ſich zu immer klarerer Erkenntnis durchrang, als er den Himmel tatſaͤchlich ſtuͤrmte und damit das Selbſtbewußtſein der Menſchen wuchs und die Furcht vor dem Übernatuͤrlichen in gleicher Weiſe ſchwand, da bildete ſich eine andere

Lebensphiloſophie heraus. Mit dieſer veraͤnderten Lebensphiloſophie entwickelte ſich auch eine andere Form der Satire, die dem geſteigerten oder richtiger dem uͤbertriebenen Selbſtbewußtſein adäquat war: das Groteske. Das Groteske iſt die kuͤhne Steigerung des Karikierens einer Perſon, einer Sache, einer Situation oder nur beſtimmter Attribute in die Regionen des phyſiſch Unmoͤglichen (Bild 7 und 10). Man kann das Groteske als die entwickeltſte Form der Karikatur bezeichnen, wenn man den Begriff Karikatur in ſeinem engen, rein ſprachlichen Sinne als zeichneriſche uͤber⸗ treibung in der Darſtellung des Stofflichen auffaßt. Das Groteske beginnt da, wo das Mögliche aufhört. Da aber nur dem Moͤglichen Grenzen gezogen find, nicht aber dem Unmoͤglichen, ſo ergibt ſich daraus, daß der Reichtum der Variationen und der Steigerung unerſchoͤpflich iſt. Aber auch dieſe Form wurzelt im 16. Jahrhundert; ſie wuchs in der Wiege der neuen Zeit mit auf, und die Renaiſſance hat gleichzeitig den groͤßten grotesken Satiriker hervorgebracht: Rabelais. Die Kuͤhnheit des 16. Jahrhunderts im Denken und Wollen fuͤhrte zum Grenzenloſen; das bildete im Zeichneriſchen und Phantaſtiſchen das Groteske heraus. Das Groteske iſt ſozuſagen der auf der Erde bleibende Zwillingsbruder der in die myſtiſchen Hoͤhen des uͤbernatuͤrlichen ſich verlierenden Symbolik. Das Groteske iſt der Ausdruck groͤßter Kraft und wildeſten Kraftuͤberſchwangs. Darum taucht es uͤberall in kraftſtrotzenden Zeiten auf, wo in allem die Kuͤhnheit des Handelns domi— niert, und darum iſt es weiter mit dem ſiegenden Aufſtiege des Buͤrgertums verknuͤpft. Dieſer vollzog ſich bekanntlich am konſequenteſten in England und erreichte dort in der zweiten Haͤlfte des 18. Jahrhunderts ſeine Spitze. Die groteske Karikatur erlebte hier demgemaͤß auch ihr klaſſiſches Zeitalter. Von Hogarth führt zum Grotesken eine einzige, fortlaufende Linie. Amerika hat im 19. Jahrhundert ganz dieſelbe wirt— ſchaftliche Entwicklung durchgemacht, es iſt zum Land „der unbegrenzten Moͤglich— keiten“ geſtempelt worden. Die amerikaniſche Karikatur war durchgehends in der ganzen Zeit grotesk, und erſt im letzten Dezennium bilden ſich auch andere Formen heraus; aber das Groteske entſpricht immer noch am meiſten den Entwicklungsgaͤngen, und die groteske Karikatur herrſcht darum auch heute noch uͤberall vor. Auch in Europa bluͤht gegenwaͤrtig noch die Groteske, und ſie hat gerade im letzten Jahrzehnt wieder ſtaͤrkere Wurzeln geſchlagen, ohne Zweifel entſprechend dem erneuten Anſchwellen

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Arbeit für Eheſcheidungskammern

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Engliſche Karikatur von Thomas Rowlandſon.

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der revolutionären Tendenzen, die zu einer radikalen Neuordnung der Geſellſchaft drängen. Die ſtaͤrkſten grotesken Talente der Karikatur find gegenwärtig der Norweger Olaf Gulbranſſon, der Deutſche Bruno Paul und der Franzoſe Léandre. Gulbranſſon ſtrotzt von Kraft und Kuͤhnheit und iſt immer wieder verbluͤffend; Bruno Paul, der ſich ſo große Lorbeeren in der Karikatur geholt hat, verwendet dagegen in letzter Zeit zu haͤufig eine Schablone: Haͤnde im „Watſchenformat“ und ſtets uͤbergroße Fuͤße. Dieſe zwei Attribute, ſtereotyp angewandt, erſchoͤpfen aber das Weſen der grotesken Kari— katur nicht, ſondern bilden nur ein Rezept. Die 5 2 Geſetze des Übertreibens, die der Karikatur Ale gu aufeinen Mann; zugrunde liegen, rechtfertigen die Willkuͤrlichkeit nicht, ſondern gebieten einen ſtrengen organiſchen

79. D. Chodowiecki 5 B iur 3 Zuſammenhang mit dem geiſtigen Inhalt der in

Frage kommenden Perſon oder Sache. Es gilt, das jeweils Weſentliche, das aber bekanntlich immer anders iſt, herauszuholen und durch groteske Betonung die Augen darauf zu lenken. Léandre iſt der ulkfrohe Spaßmacher, der ohne beſondere moraliſche oder ſatiriſche Tendenz einfach die Mittel der Komik ausnützt, um vergnuͤgtes Lachen zu erzielen; das gelingt ihm denn auch in hervorragender Weiſe. Wenn man aber Léandre nennt, dann darf man die noch viel größeren Entfeßler des Lachens, Buſch und Oberlaͤnder, nicht vergeſſen. Beide ſind groteske Kuͤnſtler erſten Ranges; und wenn ſie beide im Dienſte der reinen Froͤhlichkeit und Heiterkeit ſtehen, ſo ſteckt bei beiden doch ſtets ein tiefer Sinn dahinter, eine tiefwurzelnde Lebensphiloſophie (Bild 35). ö

Das ſatiriſch behandelte Wirklichkeitsbild iſt bis jetzt die letzte Stufe der Karikatur; ihr Schöpfer, oder richtiger geſagt, ihr erſter Vertreter, war Hogarth und ihr Vollender Honoré Daumier. Über Daumier iſt noch keiner hinausgekommen, ſo ſtolze Namen und ſo viel Namen man auch in dem letzten halben Jahrhundert aufzuzaͤhlen vermag; man iſt nur eleganter geworden. Daumier iſt in der Karikatur aber nichts anderes als die ſatiriſch-künſtleriſche Perſonifikation des buͤrgerlichen Gedankens in ſeiner hoͤchſten Potenz, d. h. alſo des Zeitalters der Bourgeoiſie. In dieſem Zeitalter find die Regierungen trotzaller verhuͤllenden Phraſen uͤberall nur die Geſchaͤftstraͤger der Bourgeoiſie. Als dies politiſch zur Anerkennung kam, d. h. ſich in politiſche Formen umſetzte: in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, da entfalteten ſich die Keime der modernen geſellſchaftlichen Karikatur ebenfalls auf der ganzen Linie. Alles uͤbernatuͤrliche iſt heute

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aus den Rechnungen der Bourgeoiſie verbannt; die greifbare, kontrollierbare Wirklichkeit, deren Rentabilitaͤtschancen kalkulatoriſch nachzurechnen find, iſt die ſolide Baſis der buͤrger— lichen Weltordnung. So praͤſentiert ſich auch die Karikatur; ſie ſteht uͤberall ſozuſagen ebenfalls auf der rechneriſchen Baſis, auch ſie arbeitet nur mit kontrollierbaren Werten. Freilich dienen ihr dabei alle Mittel, die von ihr im Laufe der Zeit errungen und ausgebildet worden find; aber fie gießt den modernſten Geiſt hinein. In der Rechnung der buͤrgerlichen Wirtſchaftsweiſe iſt das Kleinſte nicht uͤberſehen jeder Schritt des privaten und geſellſchaftlichen Lebens, jede Nuance wird von der Karikatur begutachtet, kommentiert und regiſtriert; denn wichtig iſt alles. In dieſem Stadium ſtehen wir gegenwaͤrtig noch.

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30, Galante engliſche Karikatur von Thomas Nowlandſon

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Die Verliebte. Die Liebe iſt beim Mann und bei der Frau der erſte Schritt ins eigentliche Leben; die Liebe erſt ſcheidet die Menſchen in zwei Geſchlechter, vorher iſt jeder nur etwas Saͤchliches. Mit einem Wort: Die Liebe iſt der Anfang. Die Karikaturen auf das Verliebtſein muͤſſen uns darum ſchon aus dieſem Grunde zuerſt beſchaͤftigen. Sie ſtehen aber auch an der Spitze der Karikaturen, die ſich um die Ehe drehen. Und zwar trotz der bekannten mißlichen Tatſache, daß die Liebe in allen Zeiten und in den meiſten Schichten haͤufig der untergeordnetſte von den Faktoren geweſen iſt, die die Eheſchließungen bedingt haben das Verliebtſein iſt doch die Einleitung jeder Ehe, und das gilt auch von allen Zeiten und allen Schichten. Das Verliebtſein iſt die Fiktion, daß die Ehe in jedem Einzelfall das ſei, was ſie nach dem offtziellen Sittengeſetz überhaupt fein ſoll: eine ſittliche Inſtitution. Aus dieſem Grunde iſt es ſowohl im Einzelintereſſe wie in dem Geſamtintereſſe der Geſellſchaft ganz ſelbſtverſtaͤndlich, daß jedes einzelne zur Ehe ſchreitende Paar mit Anſtand und Eifer die ihm vom offiziellen Sittenfoder diktierte Rolle des Verliebt— ſeins poſiert, und es iſt auch ebenſo ohne weiteres klar, warum gerade jene am eifrigſten die Rolle der Verliebten poſieren Wie gluͤcklich ſind wir! Wie namenlos gluͤcklich! Wie unausſprechlich gluͤcklich! die bei ihrer Eheſchließung durch die ſchaͤbigſten Intereſſen geleitet ſind. Echte und offiziell gemimte Liebe ſind ſich alſo im aͤußerlichen Gebaren ſehr aͤhnlich.

Jeder zeigt, was ihn ziert! 81. Franzoͤſiſche Karikatur

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82. Franzoͤſiſche Karikatur von Gaudiſſart. Um ı8ı5

Das Gebaren der Menſchen im Stadium des Verliebtſeins iſt aller Welt ge— laͤufig. Wenn man ſich dieſes Gebaren vergegenwaͤrtigt: wie das „himmelhoch jauchzend“ und das „zum Tode betruͤbt ſein“ zu allen Zeiten betaͤtigt wurde, wie maͤnniglich, ob jung ob alt, in dieſem Stadium das Größte für nichts und das Geringſte für unuͤberwindbar achtet, wie der verliebte Alte von ſiebzig Jahren ploͤtz— lich Spruͤnge wie ein junges Böcklein wagt, und wie die verliebte alte Jungfer vom aͤlteſten Jahrgang zuͤchtig gleich einem ſchamhaften Backfiſch erroͤtet uͤber den Gruß eines kecken Primaners, wenn man ſich die immer neuen Komplikationen und Variationen dieſes Zuſtandes in ihrer ganzen koͤſtlichen Tollheit vergegenwaͤrtigt, dann muß man ohne weiteres zugeben, daß wenig Dinge auf der Welt ſo ſehr geeignet ſind, beim unbeteiligten Dritten vergnuͤgtes Lachen um die Mundwinkel zu bannen. Es iſt in der Tat die ewig blühende Weide für das Lachen; freilich nur fuͤr das harmloſe Lachen. Das Gebaren der Verliebten iſt aber darum auch nur ein Motiv fuͤr die höhere Komik als Selbſtzweck, keins fuͤr die Satire. Daruͤber wird man ſich ſofort klar, ſowie man das Weſen der Satire analyſiert. Die Satire iſt der Ausfluß der reflektierenden Vernunft, und daher in erſter Linie Polemik, ſie will wo— moͤglich eine prinzipielle Anderung eines Zuſtandes herbeifuͤhren; dieſe Aufgabe ver— mag ſie beim Gebaren der Verliebten aber nur im beſcheidenſten Maße zu erfuͤllen.

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83. Deutſche Karikatur. Um 1810

Und zwar aus dieſem Grunde: Das uͤberſchwaͤngliche Gebaren der Verliebten die Echt— heit der Gefuͤhle vorausgeſetzt iſt an ſich etwas Natuͤrliches, etwas Unabaͤnderliches, etwas Geſundes, ja geradezu eine Tugend. Die Tendenz der Liebe iſt es, die hoͤchſten Hoͤhen des Empfindungslebens zu erklimmen. Daraus folgt fuͤr ihre aͤußerlichen Offenbarungsformen, durch die ſie dem geliebten Gegenſtande dieſe beſondere Hoͤhe der Empfindung ausdruͤcken will, von ſelbſt das Groteske. Aber gegen dieſes Groteske ſatiriſch zu polemiſieren, das wäre beinahe ſo ſinnlos, wie ein Proteſt gegen das Rollen des Donners, wenn es blitzt. Wohl aber kann der unbeteiligte Dritte uͤber das Gebaren der Verliebten als etwas fuͤr ihn Komiſches lachen. Der Eindruck des Komiſchen ergibt ſich bei den Verliebten aus der Kontraſtwirkung zwiſchen dem uͤberſchwang des Gebarens der Verliebten und der Nuͤchternheit, mit der ſich die Wirklichkeit dabei fuͤr den nichtbeteiligten Dritten abſpiegelt. Die Satire vermag alſo gegenüber den Verliebten nur dann mitzufprechen, wenn natürliche Geſetze verletzt ſind. Natuͤrliche Geſetze ſind verletzt, wenn ſich das uͤberreife Alter in der Art der Jugend gebaͤrdet, und vor allem dann, wenn ſich erkennen laͤßt, daß das Liebes— gebaren nur Fiktion iſt.

Dieſer Umſtand, daß das Gebaren der Verliebten hauptſächlich ein Gegen— ſtand der höheren Komik als Selbſtzweck und nur in ganz beſcheidenem Maße einer der Satire iſt, gibt uns den Schluͤſſel dafuͤr, daß man in fruͤheren Zeiten den Ver— liebten verhaͤltnismaͤßig ſelten in karikierenden Darſtellungen begegnet, und daß ſie erſt

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Ein Pariſer Tee. Der gute Q

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Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“

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ratur. Um 1805

Albert Langen, Muͤnchen

in der juͤngern Vergangenheit ein beliebtes Motiv geworden find. Die höhere Komik erfordert eine reiche Gliederung, ein volles Beherrſchen des Pſychiſchen und infolge— deſſen auch eine hohe Entwicklung der techniſchen Mittel; und dahin iſt man erſt ſehr ſpaͤt gelangt, vielfach erſt im 18. Jahrhundert. Die komiſchen Wirkungen, die mit Hilfe der ſymboliſchen Mittel früherer Jahrhunderte zu erreichen waren, find uͤberaus duͤrftig; in realiſtiſchen Darſtellungen war man ausſchließlich in die engſten Grenzen der Situationskomik gebannt. Damit war aber der exaltierte Über— ſchwang des Verliebtſeins nicht darzuſtellen. Die Entwicklung der Groteske als zeichneriſches Mittel brachte die hoͤhere Komik im Bilde mit ſich, denn durch ſie ver— mochte man das Geiſtige und Seeliſche in der Geſamtphyſiognomie draſtiſch darzu— ſtellen. Als man dieſe Hoͤhe erreicht hatte, das iſt am Ausgang des 17. Jahrhunderts, wurden auch ſofort die Verliebten ein Motiv des komiſchen Witzes.

Als das 19. Jahrhundert in den vierziger Jahren uͤberall die Witzblaͤtter ſchuf und die tendenzloſe Komik vom erſten Tag an ein Hauptbeſtandteil der geiſtigen Nahrung wurde, die das Volk aus dieſen Journalen begehrte, da entſtand auch als— bald das Beduͤrfnis, die wichtigſten Erſcheinungen des taͤglichen Lebens in komiſcher Praͤgung feſtzuhalten. Die Verliebten in ihren verſchiedenen Typen, als da ſind: Der verliebte Backfiſch, die gluͤcklich und die ungluͤcklich Liebende, die Eiferſuͤchtige, die gluͤckliche Braut uſw., gaben naturgemaͤß ſofort die dankbarſten Anregungen, und

Les Cosaques en Bonne fortune

84. A. Gaudiſſart. Franzoͤſiſche Karikatur. 1815

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Im zweiten Monat

85. L. Boilly. Franzoͤſiſche Karikatur. Um 1825

ſie ſind auch bis heute das nie veraltende Repertoireſtuͤck der Witzblattpreſſe aller Laͤnder geblieben, ſoweit ſie der harmloſen Unterhaltung dient. Das hat natuͤr— lich nicht verhindert, daß die größten Meiſter der Komik, die Daumier, Kaſpar Braun, Buſch, Oberlaͤnder uſw., in der komiſchen Schilderung von der Liebe Luſt und Leid ebenfalls Koͤſtlichſtes geſchaffen haben; das beweiſt der Reichtum an ſolchen Stuͤcken, den jeder Jahrgang des Londoner Punch, des Pariſer Charivari, der Muͤnchener Fliegenden Blätter ſeit mehr als fünfzig Jahren enthält. Um vom Köſtlichſten nur ein Blatt beſonders hervorzuheben, ſei hier auf Oberlaͤnders „Gockel als Gaͤnſe— bluͤmchen“ (Bild 35) verwieſen. Das iſt wirklich die koͤſtlichſte Spitze des Grotesk— humors! Erwaͤhnt mag noch werden, daß von den modernen Schilderern des geſellſchaft— lichen Lebens ebenfalls die meiſten das Stadium des Verliebtſeins illuſtriert haben, ſo vor allem der kokette Amerikaner Charles Deana Gibſon, der durch die Schaffung des Typs der arroganten amerikaniſchen Millardeuſe mit Recht beruͤhmt geworden iſt. Dieſen Typ zeigt ſchon eine Bildprobe der Einleitung: „Ob fie ein Herz hat?“ Der Liebesgott horcht vergeblich, er kann abſolut nichts hoͤren .. . . (Bild 38). Nein,

ſie hat fuͤrwahr kein Herz, aber ſie hat hundert Millionen, und unter ſolchen Um—

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86. L. Boilly. Franzoͤſiſche Karikatur Um 1825

ftänden bedarf man dieſes Muskels wahrlich nicht. Solchen Irrtuͤmern unterliegt man hoͤchſtens als Backfiſch, da waͤhnt man zu gewiſſen Zeiten, ſchwer krank zu ſein, ſo ſchwer, daß ſich der alte Hausarzt vergeblich den Kopf uͤber das Weſen des Leidens zerbricht. Es fehlt ihr eben alles und doch nichts: ein ſtiller Courmacher hat geſtern und vorgeſtern außer ihr auch noch eine ihrer Freundinnen auffallend hoͤflich gegruͤßt (Bild 117).

Der Kampf um die Hoſen. Iſt das Verliebtſein als individuelles Erlebnis ein verhaͤltnismaͤßig mageres Gebiet fuͤr die Satire, ſo iſt „die Liebe mit dem End— ziel im Auge“, die Liebe mit dem löblichen Ehezweck, das Unter-die-Haube-kommen, die Strategik des „Kriegens“, kurzweg „der Kampf um die Hoſen“ in allen Jahr— hunderten der unerſchoͤpfliche Stoff fuͤr die ſatiriſche Karikatur geweſen. Man be— gegnet dieſem Motiv bereits in den fruͤheſten ſatiriſchen Einblattdrucken, und es hat

bis auf den heutigen Tag niemals auch nur das geringſte an Intereſſe eingebuͤßt. 13 *

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Selten tritt aber auch irgendwo der Widerſpruch zwifchen Lehre und Wirklichkeit fo kraß zutage wie hier, ſelten ſtoßen Moral und Unmoral ſo deutlich aufeinander, und ſelten wird die triumphierende Unmoral fo keck zur Moral umgelogen, wie gerade hier. Und was freilich das Allerwichtigſte iſt keine Sache iſt ſo ſchwer— wiegend in ihren Folgen. Ja, wenn das Verlieben und Geliebtwerden ausreichen wuͤrde, um zum Ziele zu kommen! Dann waͤre die Sache nicht ſchwierig. Faſt alle Frauen werden einmal in ihrem Leben ernſtlich geliebt. Aber wir leben in einem kapitaliſtiſchen Zeitalter, das die Konkurrenzfähigkeit als oberſtes Geſetz auf— geſtellt hat und jeden Verſtoß gegen dieſes Geſetz mit der Strafe des Unter— ganges belegt. In einer ſolchen Geſellſchaft iſt es naturnotwendig, daß der Chef— redakteur aller Gefuͤhle das materielle Intereſſe iſt, und daß die korrigierende Vernunft jedem und jeder taͤglich ins Ohr tuſchelt: Von Gefuͤhlen allein wird man nicht ſatt, mit Gefuͤhlen kann man keine Kinder großziehen, mit Gefuͤhlen kann man kein Geſchaͤft gruͤnden uſw. Da aber weiter die Zahl der Beſitzloſen immer die Mehrheit jedes Volkes dargeſtellt hat, und da der Kapitalismus die Tendenz hat, deren Zahl ſtetig zu vergroͤßern und gleichzeitig den Lebensunterhalt immer ſchwie— riger zu geſtalten, ſo iſt der Kampf der vermoͤgensloſen Frau, unter die Haube zu kommen, in gleicher Weiſe zu einem erbitterten Konkurrenzkampf geworden, den zu führen immer nur wenigen Gluͤcklichen erſpart blieb. . . .

Es iſt fuͤrwahr eine harte, eine ſchwere, eine anſtrengende Arbeit, unter die Haube zu kommen; kein Wunder, daß im heißen Bemuͤhen darum die Mutter ſich meiſtens mit der Tochter eint. Schon lange vorher erwaͤgt die Mutter die Chancen und bereitet den Kampf vor: Ihre Tochter habe alle moͤglichen Vorzuͤge, ſie ſei wie dazu geſchaffen, einmal einen Mann gluͤcklich zu machen. Dies Geruͤcht wird mit Eifer und Beharrlichkeit in Kurs gebracht. Jede Baſe erfaͤhrt es, jede Nachbarin, bei jeder Kaffeeviſite, in jeder Geſellſchaft wird es mit der groͤßten Wichtigkeit erzaͤhlt und begruͤndet; die Tochter ſoll ein wahrer Ausbund aller Tugenden ſein. Kaum iſt das Maͤdchen halbwegs fluͤgge, ſo beginnt auch ſchon der aktive Kampf, und Mutter und Tochter denken hinfort an gar nichts anderes mehr. Zwar ſind ihre Formen noch etwas eckig und flach, „aber das macht ſich ſchon“. Die Hauptſache iſt, keinen Tag zu verſaͤumen. „Junge Huͤhner finden am raſcheſten einen Kaͤufer.“ Hat ſie aber „Figur“, dann fragt ſich jede Mutter: Warum ſoll meine Tochter nicht ſchon mit

ſiebzehn heiraten koͤnnen? „Jung gefreit, hat noch niemand gereut.“ Von nun ab wird jeder Mann nur daraufhin angeſchaut, „ob er eine Partie ſei“. Jeder Mann, zu dem man in Beziehung tritt, und waͤre es die alleroberflaͤchlichſte „man kann nie wiſſen“ —, iſt ein Spekulationsobjekt und wird auf die Frage gepruͤft und ſondiert: koͤnnte er geneigt ſein? bietet eine Ehe mit ihm die Chancen, die im be— treffenden Fall erwartet werden? Bei jedem Mann, der ihr in den Weg tritt, wird inſtinktiv zuerſt auf ſeine Hand geſchaut: ob er einen Ehering traͤgt? Wie

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intereſſant wird die gewoͤhnlichſte

Erſcheinung, wenn ſie dieſer glatte

Reif noch nicht ziert! Die erſte

und wichtigſte Aufgabe, vor die

ſich jede Mutter einer heiratsfaͤhigen

Tochter geſtellt ſieht, iſt: ihr

Gelegenheiten zu Herrenbekannt—

ſchaften zu machen. Man muß

ihr doch Gelegenheit geben, einen

zu „finden“! Hinterm Ofen findet

fie keiner, da find ſchon die Schön:

ſten vertrocknet; aber auf dem

Markt finden mitunter die magerſten

lber einen Liebhaber, Die

%%% N ee zum „Finden“ be

ginnen mit der Tanzſtunde. Wie—

88. Henri Monnier. Franzoͤſiſche Karikatur auf die viel Tanzſtundsbekanntſchaften

Ben haben fchon zu Heiraten geführt!

Aber die Tanzſtunde ift nur die

erſte Gelegenheit, und nur eine; die unermuͤdliche Mutter ſchafft noch dutzendweiſe

andere: Man fuͤhrt die Tochter in Geſellſchaften und auf Baͤlle; erlauben es die

Mittel, ſo reiſt man, beſucht Baͤder, treibt Sport und intereſſiert ſich fuͤr alles moͤgliche, fuͤr Kunſt, Theater, Litteratur, Wohltaͤtigkeitsveranſtaltungen uſw. uſw.

Und die Tochter geht ſelbſtverſtaͤndlich willig auf das alles ein, ſie folgt den

Lehren und Anweiſungen ihrer Mutter mit Eifer. Auch ſie fragt ſich bei jedem

Manne, den fie kennen lernt, „ob er eine Partie ſei“. Ein ſtaͤrkerer Haͤndedruck, ein

aufmerkſamerer Blick, den ihr ein Mann zuwirft und ſie fragt ſich: „Moͤchteſt du

den?“ „Koͤnnteſt du den gern haben?“ Ach nein, die Möglichkeit braucht nicht einmal

ſchon von ferne zu daͤmmern, um dieſe geheime Frage in ihrem Geiſte entſtehen zu

laſſen, jeden Bekannten laͤßt ſie in dieſer Weiſe vor ſich Revue paſſieren. Aber ſie weiß

gleichzeitig auch vom erſten Tag an, daß einem „das große Los“ nur ſelten ſo ohne

weiteres zugeflogen kommt, ſo daß man es nur feſtzuhalten braucht. Sie weiß: „das

Gluͤck“ will gekoͤdert ſein, man muß ihm den Finger bieten, man muß keck nach ihm

haſchen; darum verharrt ſie nicht paſſiv abwartend, ſondern wirbt aktiv, ſie wirbt

mit allem, was ihr Natur und ein guͤnſtiges Los als Einſatz verliehen haben. Und alle

ihre Einſaͤtze wirft ſie in die Wagſchale: Jugend, Temperament, Schönheit, Geſtalt,

Bildung, Manieren, Erziehung. Damit ſtellt ſie ſich zur Wahl, nicht dem einen,

nein allen; denn ſie ſucht nicht einen beſtimmten Mann, ſondern den Mann. Darum

mimt ſie auch vor aller Welt in breiter Offentlichkeit das alte und doch ewig neue

Henry; MH onruer

102

Schauſpiel: „ich bin zu haben“. Und nicht einmal nur mimt ſie es, nein täglich und ſtuͤndlich; ihr ganzes Leben vom Tage ihrer Heiratsfaͤhigkeit an bis zum Tage ihrer Verlobung iſt eine einzige, ewige Wiederholung dieſes Stuͤckes.

Aber, was ſo ſonnig und ſo gluͤckverheißend am Horizont des Lebens auf— getaucht iſt, das erſchließt ſich nur den allerwenigſten blitzgleich wie ein Tor, das von einem Zauberſtab beruͤhrt wird. „Es kann mir nicht fehlen,“ hat ſie ſich im Anfang ſiegesgewiß zugefluͤſtert. Aber die Jahre vergehen, keiner beißt an, kein Freier laͤßt ſich blicken, Enttaͤuſchung reiht ſich an Enttäuſchung, man hat vergeblich hundert Naͤchte durchtanzt, in hundert Geſellſchaften geflirtet, geſchaͤkert und geglaͤnzt, hundertmal vergeblich die Angel ausgeworfen. Aber man gibt darum den Kampf

Sieht er ſo nicht niedlich aus? 89. Vallou. Franzoͤſiſche Karikatur. 1830

103

nicht auf, und die Niederlagen ſpornen nur noch an; denn ſo lockend der Preis des Sieges erſcheint, ſo troſtlos iſt es, wenn der Erfolg ausbleibt: „Ein ver— pfufchtes Daſein“. Das treibt und ſtachelt und hetzt von Moͤglichkeit zu Moͤglichkeit, von Verſuch zu Verſuch; noch, ſagt man ſich, ſind nicht alle Mittel erſchoͤpft: es muß einer anbeißen! Wenn man ehedem im Übermut die beſte Gelegenheit verſcherzt hat „man hat zu hoch hinaus wollen“ jetzt verpaßt man nicht die geringſte Gelegenheit mehr, und die Frau Mama liegt raſtlos auf der Lauer. „Maͤdle! es reitet einer rauf, pudert euch! Gucket naus!“ ſo rief eine fuͤrſorgliche Mutter in einem kleinen Staͤdtchen Wuͤrttembergs jedesmal ihren Toͤchtern zu, wenn ein Fremder durchs Stadttor hereinritt. Aber das iſt noch das Harmloſeſte, und die Not diktiert gar haͤufig noch eine andere Taktik. Wozu iſt man denn huͤbſch? „Von den Huͤbſchen bleiben nur die Dummen ſitzen,“ erklaͤrt nachhelfend ſo manche Mutter. „Ja, wenn man glaubt, man ſei ein Bluͤmlein Ruͤhrmichnichtan, dann freilich . . .“, ſo heißt es noch deutlicher ein andermal. Und die Tochter begreift. Ach, ſie begreift ja ſo gern: ſie weiß, was es gilt. Von nun an iſt man raffinierter, man wagt, man riskiert, man geht einen, zwei, drei Schritte weiter, als es die offizielle Moral erlaubt, d. h.: das Stuͤck wird von neuem geſpielt, von nun ab aber mit einer Nuance, durch die es fuͤr ſo manchen Mann kein Zuruͤck mehr gibt. Und die Mama? ſie druͤckt verſtaͤndnisvoll beide Augen zu, wenn ſich ein unternehmender Courmacher bei der huͤbſchen Tochter galante Freiheiten erlaubt; denn ihr gluͤcklichſter

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90. Henri Monnier. Franzoͤſiſche Karikatur

104

Lith Caboche Gregoie & pass Saulnier,19

Franzoͤſiſche Karikatur von Gavarni. 1836

Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen

SE Aloe est A ee, 2 Coprurıne.

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92. J. Grandville. Franzoͤſiſche Karikatur auf die untreue Frau

Tag waͤre doch der, an dem ſie Zeuge einer Szene werden koͤnnte, bei der ſie mit dem Ausdruck tiefſter Gekränktheit zu dem Betreffenden ſagen koͤnnte: „Wie konnten Sie unſer Vertrauen ſo mißbrauchen!“ Das iſt der Zynismus des Lebens, denn ſolche Szenen werden taͤglich zu Tauſenden arrangiert und mit raffinierteſter Regie— kunſt in Szene geſetzt, und das „in den beſten Familien“ ...

Soviel Frauen es gibt, ſoviel Variationen dieſes Kampfes um die Hoſen gibt es. Er wird je nach Stand, Bildung und Temperament gekaͤmpft: bald mit Geiſt und Geſchick, bald draufgaͤngeriſch plump, bald raffiniert und verſchlagen, bald ernſt und pedantiſch; aber gefuͤhrt wird dieſer Kampf in jedem Lande und von den meiſten Frauen.

Bei der Frau mit Geld iſt das Problem umgekehrt: da iſt aus dem Jaͤger das Wild geworden, das Wild, das jeder Mann heimzubringen hofft, auf das Dutzende pirſchen. „Reicher Leute Toͤchter und armer Leute Kaͤlber bekommen bald einen Mann.“ Sie iſt darum in der guͤnſtigen Lage, warten und waͤhlen zu koͤnnen; das drohende Geſpenſt des Sitzenbleibens mit ſeinen peinlichen Schatten ſteigt nur ſelten vor ihr auf. Freilich iſt ihr Los darum noch lange nicht ideal. Wohl iſt es ſchmeichelhaft fuͤr ſie, zu ſehen, wie ſie umworben wird, wie ihre Anbeter ſich ſtoßen und draͤngen, was fuͤr eine wichtige Perſon ſie iſt, wie ſie vor ihren Freundinnen bevorzugt

wird, obgleich dieſe haͤufig huͤbſcher ſind und den Männern viel mehr Konzeſſionen 14

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„Combien je regrette Mon bras si dodu, Ma jambe bien faite

Et. le temps perdu.“

92. Honoré Daumier. Franzoͤſiſche Karikatur auf die alte Jungfer

machen; das weiß ſie ſehr wohl, und nur die Naivetaͤt, in der ſie gefliſſentlich erhalten wird, laͤßt ſie uͤberſehen, daß ſie weiter nichts iſt als eine Zahl in einem Rechenexempel. Dieſe Naivetaͤt haͤlt aber ſelten lange vor. Auch helfen Papa und Mama, die das Toͤchterlein vor einer Mesalliance zu huͤten trachten, zu der das Gefuͤhl ſie verleiten koͤnnte, dem Verſtaͤndnis fuͤrſorglich nach, und mehr als einmal bekommt ſie zu hoͤren: „Ach, der ſpekuliert nur auf dein Geld“ (Bild 128). Und die vorſichtige Tochter vorſichtiger Eltern wiederholt ſich ſehr bald dieſe Formel ſtereotyp gegenuͤber jedem Manne, der in ihren Kreis tritt, auch wenn einer gar nicht daran denkt, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Das iſt das ebenſo groteske Widerſpiel zu der mittelloſen Frau, die ſich bei jedem Manne fragt: „Waͤre das eine Partie fuͤr mich?“

In fruͤheren Jahrhunderten ſah man in dem zaͤhen Kampf um die Hoſen, den die heiratsfaͤhige Frau, durch die Macht der ſozialen Verhaͤltniſſe zu fuͤhren gezwungen

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ift, ausschließlich ein Problem des finnlichen Verlangens der Frau nach den Genuͤſſen des Ehebettes und geißelte das dementſprechend als Mannstollheit:

Wenn ein Wolf das Maul leckt So geluͤſtet den Wolf nach einem Lamme

Und eine Jungfrau ſich ausſtreckt, Und der Jungfrau nach einem Manne.

So ſagte man im 16. Jahrhundert. Alle Formen der Satire variieren das Thema der Mannstollheit in reichſter Weiſe: Sprichwort, Schwank, Volkslied, Karikatur. Auf alles kann man verzichten, nur auf einen Mann nicht, das lehren hundert Sprichwoͤrter. „Lieber ein Mann ohne Geld, als Geld ohne Mann.“ Und man folgerte ſehr vernuͤnftig weiter: „Wuͤrden alle Wuͤnſche erfuͤllt, ſo gaͤb' es keine Nonnen.“ In welch außerordentlichem Maße dieſer Stoff die Literatur befruchtet hat, das erweiſt vor allem das Volkslied. In den Volksliedern jedes Volkes beſitzen wir uͤber die ſogenannte Mannstollheit der heiratsluſtigen Maͤdchen eine Reihe von Stuͤcken, die geradezu als Perlen des Volksliedes zu bezeichnen ſind. Als deutſche Probe ſei aus dem Ambraſer Liederbuch nur eine der verſchiedenen Faſſungen von „Des Schwaben Toͤchterlein“ hervorgehoben:

Es haͤtt' ein Schwab' ein Toͤchterlein, Rumpelſpiel und des nit viel,

Krauſe, mauſe, Einen friſchen, freien Mut ich haben will. Es wollt' nicht laͤnger ein Maͤgdlein ſein, Der Lorentz, der Vincentz,

Bei dem heiligen Dryfuß, Schuͤttel den Kittel,

Gib mir Geld in Eſſigkrug, Das Hemd geht für,

He, ho, be, Stirbt die Mutter, die Tochter wird mir, Fitz und Fetz, guter Netz, So tanz' ich mit Jungfrau Regina.

93. Henri Monnier. Franzoͤſiſche Karikatur 14 * 4 107

Thestands- Barricade.

dle pe,

Du Stickstäuperos Cell, mer vonder Barricade,chmwill Praa seiruläg schweinorzmer wolle uff.der Stell a neu dich nıtmehr.als Hauslyrann, kreischt ihr Kinner; mer Verfassung mache, raum die Barricad avey, Gollverdamm: wählen uns .en andern Vauter- es lebe .die Ropublik, e mich manns Parlamentsu Sacheer fährt habe mer mor: lebe Hecker, fortmit.dir Volleulldie ruthe Kahn ıst uff- ‚ge.a Unnersuchungsdepulation H, Cut de nıt mit mer ‚gesteckt mag dich nit bei mich sunst hası .de den zujfide, so ndmm der lieber stiltschwergensen Miltregent _ Krach.

94. Frankfurter Karikatur. 1848

Sie wollt' doch haben einen Mann, Ach, Mutter, ich bin eben gerecht, Krauſe, mauſe, Krauſe, mauſe,

Der ihr die Weil' vertreiben kann, Ich hab's verſucht mit unſerm Knecht, Bei dem heiligen Dryfuß; uſw. Bei dem heiligen Dryfuß; uſw.

Ach, Mutter, gib mir einen Mann, Haſt du's verſucht mit unſerm Knecht, Krauſe, mauſe, Krauſe, mauſe,

Der mir die Weil' vertreiben kann, So biſt du Moͤnch und Pfaffen gerecht, Bei dem heiligen Dryfuß; uſw. Bei dem heiligen Dryfuß; uſw.

Ach, Tochter, du biſt viel zu klein, Wer iſt, der uns dies Liedlein ſang, Krauſe, mauſe, Krauſe, mauſe,

Du ſchlaͤfſt wohl noch ein Jahr allein, Ein freier Schlemmer iſt er genannt, Bei dem heiligen Dryfuß; uſw. Bei dem heiligen Dryfuß; uſw.

Die großen literariſchen Satiriker haben ſich natuͤrlich alle mit dieſem Stoffe beſchaͤftigt: Rabelais, Fiſchart, Aretin, Moſcheroſch, Abraham a Santa Clara.

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Freilich, bei keinem findet man ſolches Gold, wie es in den Volksliedern ausgemuͤnzt iſt. Der beruͤhmte Schimpfpater Santa Clara iſt von den Deutſchen am luſtigſten:

„Ich muß dieſes Jahr noch einen Mann haben,“ ſagt manche, „es gehe wie es wolle: es ſchmeckt mir kein Suͤppl, wann i nit hab' den Lippl; der Paul kommt mir alleweil ins Maul; in den Frantz verſchau' ich mich gantz; ach! daß ich doch werd' begluͤckt mit dem lieben Benedict! dem Meiſter Berthold bin ich von Herzen hold, und gib dem Herrn Matthies alle Tag ein bona dies: Ach, ein Mann! ein Mann! ein Mann! Hat er gleich kein' guten Fetzen an.“

Das iſt nach Santa Clara das tägliche Wehgeſchrei jedes mannbaren Mädchens.

Die gezeichnete Satire des 16. und 17. Jahrhunderts iſt gerade ſo primitiv in der Darſtellung dieſes Problems. Zweifellos die populaͤrſte und darum auch beliebteſte Symboliſierung der weiblichen Mannstollheit war die Darſtellung en in Form einer wirklichen Weiber: ſchlacht um ein Paar Hoſen (Bild 48 und 62). Jeder Mann weiß, daß er von vielen Frauen begehrt iſt; und daß jede ihrer Mitſchweſter den Erfolg ſeiner Kaperung ſtreitig mache, das iſt der Sinn aller dieſer Blaͤtter. Dieſe ſatiriſche Form findet man in allen Laͤndern ange— wandt und uͤberall in Dutzenden von Variationen wiederholt. Es iſt die allgemeine Auffaſſung, jeder Mann beſtaͤtigt es aus eigener Er— fahrung: „So iſt es, das trifft den Nagel auf den Kopf!“ Und der Zeichner des „Kurioſen Weiber— Kriegs“ luͤgt daher ſicher nicht, wenn er ſeinem Bilde die Bemerkung bei— fuͤgt: „Auf Begehren guter Freunde herausgegeben“ (Bild 62). Eine andere Form der Symbolik zeigt das Blatt „Auf dem Maͤnnerfang“. Narren, die wie Gimpel ins Garn

„Ach Himmel, da kommt wieder einer!!“

gehen, ſind die Maͤnner; haben ſie „Schau Minna, das weiß der liebe Herrgott,

ſich durch die verſteckten Lockungen i bet' gewiß nit viel, aber'n Studenten, wann 5 ae er fo in feiner Uniform daherſteigt, wie ein junger

verführen laſſen, dann gibt's kein Gott, den bet' i an!“

Entrinnen mehr, und bald liegen 95. Fliegende Blätter. 1848

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fie als geficherte Beute den Frauen zu Füßen (Bild 50). Unverbluͤmt deutlich iſt die Symbolik in dem Blatt mit der Unterſchrift: „Hop, hop doch auff, lieber Hoffmann, diß Roͤßlein will ein Reuter han“, das aus der Mitte des 17. Jahrhunderts ſtammt. So unverbluͤmt in dieſem Blaͤttchen „das Weſen der Sache“ ausgeſprochen iſt, ſo wenig Grund iſt freilich vorhanden, an dieſer Deutlichkeit der ſatiriſchen Moral Anſtoß zu nehmen; denn es fehlt das raffiniert Verſteckte, das Laszive. Intereſſant iſt dieſes Blatt aber gerade wegen ſeiner Deutlichkeit; ſo deutlich druͤckte man ſich in jener Zeit in den vornehmſten Kreiſen aus. Dafuͤr iſt dieſes Blatt eine Be— ſtaͤtigung, weil es einem jener damals modifchen „Stammbuͤcher“ entnommen iſt, die wegen ihres hohen Preiſes nur von ſehr vermoͤgenden Leuten gekauft werden konnten (Bild 46).

Das Laszive und raffiniert Verſteckte, das dem 16. und 17. Jahrhundert vollſtaͤndig fehlt, iſt dem 18. Jahrhundert natürlich die Hauptſache. Zwei voll— erbluͤhte Jungfrauen wandeln taͤglich ins Bad, eine andere huldigt ebenſo eifrig der Kliſtiermanie der Geſundheit wegen. Die ſatiriſche Moral lautet fuͤr alle drei: vergebliche Muͤhe! Eure Glut, die ihr zu loͤſchen trachtet, vermag nur eines zu ſtillen: Mariez-vous! Die Mutter ſagt es der Tochter, ſie kennt deren Schmerzen aus eigener Erfahrung (Bild 66 und 73). Die pikante Darſtellungsmoͤglichkeit zweier ſinnlich erregter Jungfrauen im dekolletierten Badkoſtuͤm und die noch pikantere Situation einer huͤbſchen jungen Frau, die im naͤchſten Augenblick aufs intimſte entbloͤßt werden ſoll, das hat hier allein den ſatiriſchen Witz veranlaßt. Der Kuͤnſtler rechnete

mit den wolluͤſtigen Vorſtellungen, die er

Verlegenheit. beim Beſchauer ſeines Bildes erweckt; das

iſt das Raffinierte und Spekulative der galanten ſatiriſchen Kunſt dieſer Epoche.

Die moderne geſellſchaftliche Kari— katur hat endlich auch das ſoziale Motiv, das den Kampf der Frau um die Hoſen vor allem beherrſcht und beſtimmt, voll zur Geltung gebracht. Hogarth iſt der erſte, der die buͤrgerliche Ehe ſatiriſch dargeſtellt hat, und er iſt gerade durch dieſe Tat auf den Gipfel ſeines Ruhmes als Satiriker geſtiegen; ſeine Serie „Die Heirat nach der Mode“, die im Jahre 1745 erſchien, iſt

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.

„Gott im Himmel, was wird man ſagen, wenn man die beruͤhmteſte Karikaturenfolge, die es mich mit dieſem jungen Manne allein ſieht wenn ich in der geſamten Geſchichte der Karikatur

doch nur endlich die Mutter fände.“ f 5 e gibt. In dieſer beruͤhmten Serie iſt

gleich das erſte Blatt eine Darſtellung des

96. Stauber. Fliegende Blaͤtter

1850. Beiblatt zur Wartburg. No. 4.

Aus der vornehmen Welt.

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