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Das Sammelwerk „Russland^ ist ein Resultat der gemeinaamen Arbeit einer Reihe russischer Schriftsteller. Die Herausgeber des Werkes haben sich bemüht, in demselben Au&ätze zu vereinigen, die mit wissenschaftlicher Objektivität die verschiedenen Seiten des geistigen Lebens und Schaffens des russischen Volkes, den politiuschen Bau, die sozialen Bewegungen und das gesellschaftliche Leben Buss- lands in ein möglichst klares Licht rüdcen. Im ersten Teile des Werkes, der dem geistigen Leben Russ- lands gewidmet ist, sind folgende Anfisfttze enthalten: ' 1. Die russische Kunst (V. Erismann). 2. Die russische Musik (I. Stepanow). 3. Die russische Philosophie (A. Lossew). 4. Die Ideologie der orthodox-russischen Religion (A. Lossew). 5. Alexander Puschkin und der Anfang der modernen russischen Literatur (V. Eiismann). 6. Die Bedeutung der russischen Literatur (J. Matthieu). 7. Die Geschichte der russischen Literatur (I. Rosanow). 8. Die russische Volkspoesie. Das Märchen (J. Ssokolow). 9. Das Volksepos (B. Ssokolow). 10. Die moderne russische Literatur (I. Rosanow). 11. Das Theater in Russland (S. Glagol). Der zweite Teil des Buches behandelt den politischen Bau, die sofflalen Bewegungen und das gesellschaftliche Leben Russlands und umfasst folgende Aufs&tae: 1. Die vier Perioden der russischen Geschichte (JL. Stepanow). 2. Staat und Kirche in Russland und religiöse Be- wegungen auf russischem Boden (S. Melgunow). 8. Der russische Bauer (I. Bjeiokonski). 4. Das Semstwo (I. Bjeiokonski)^ Vorwort Busslaiid ifit dasjenige Land Europae, dessen Verständnis für den Westenropäer die grössten Schwierigkeiten bietet. Und in der Tat ist Bufidaiid für Westeuropa immer noch der »»grosse unbekannte"'» von dem man in der letzten Zeit die grössten Überraschungen erfahren hat, dessen innerem Verständnis man dadurch aber nicht näher gekommen ist. Es bleibt das Land der grossen Möglichkeiten» mit noch vor kurzer 2«eit beioabe orientalisch-dynastischen» bald darauf schon sozialistisch- demokratischen Formen seioer äu^ipren Gestaltung» mit einem in geheimnis- volles Dunkel gehüllten» dem nichtrussischen Auge meistens unerf assbaren inneren Leben. Und mancher Westeuropäer mag sich zweifelnd die !Frage vorgelegt haben: ja, gibt es denn in diesem immensen Beich mit seinen endlosen Hächen» seiner zum Teil asiatischen Bevölkerung» seinen noch vor kurzem ans Orientalische grenzenden Sitten und Gebräuchen» gibt es da, in der Tiefe, etwas, was der Westeuropäer als inneres I^lulturleben zu beaeichnen gewohnt ist? Die kulturell-wirtschaftUche Bückständigkeit Busslands, seine räum- liehe Entfernung und vor allem die schwer zu erlernende» an sich überaus reiche und ausdrucksvolle russische Sprache bilden ein für den Ausländer beim Eindringen ins innere Leben des russischen Volkes schwer zu über- windendes Hindernis. Keines der anderen grossen Länder Europas ist bis in unsere Zeit hinein vom geistigen und materiellen Verkehr mit den übrigen Staaten so weitgehend abgeschlossen geblieben wie gerade Bussland. •püTiTnAl erschlossen, nach innen und aussen zur freien Entwicklung gelangt, kann jedoch vielleicht kein anderes Volk so stark befruchtend auf die west- europäische Kultur einwirken wie gerade das Volk der Bussen, dessen Geistesleben in mancher Hinsicht andere Wege, als die in Westeuropa üblichen, eingeschlagen hat, dessen Entwicklung zwar in mancher Beziehung weit hinter dem übrigen Europa zurückgeblieben ist, dessen geistige Kräfte aber in der zukünftigen Entwicklung Europas zweifelsohne eine bedeut- same BoUe zu spielen berufen sind. Dass Bussland solche zum Teil schon zur Tat gewordene, zom Teil noch latente Kräfte in sich birgt, erkennt jeder klarblickende Ausländer, der in langjähriger inniger Beziehung zum russischen Volk gestanden hat. Ihre Kenntnis weiteren Kreisen des gebildeten Publikums zugänglich zu machen, die Eigenart des russischen Volkes» seine Vorzüge und nicht weniger seine Schattenseiten demjenigen zu enthüllen, der sich nicht damit begnügen wiU, das grosse Volk vom Erismann, RuwUnd. NiJLxiJ € Ot^'O 1 Rusaland. Hörensagen, aus Zeitungsnotizen und Dritterhand-Beriohten kennen zu lernen, die tieferen Grundlagen der russischen Volksseele dem wohlwollen- den Blick des Niohtrussen zu erschliessen, — dies ist die allgemeine Auf- gabe, die sich das vorliegende Buch stellt. Die Redaktion sucht dieses Ziel auf einem sonst nicht gerade üblichen Weg zu erreichen, — es seien hierüber noch einige Bemerkungen gestattet. Auf verschiedene Weise können wir zur Berührung mit der Seele eines uns zunächst fremden Volkes gelangen. Der sicherste, jedoch nur wenigen Menschen offenstehende Weg ist natürlich derjenige der tmmittelbaren Berührung mit den fremden Völkern, in deren Mitte man Gelegenheit hat, sich längere Zeit hindurch aufzuhalten, mit deren Vertretern man in einen innigen psychischen Kontakt tritt. Während der Kriegszeit und vielleicht noch für geraume Zeit nach Abschluss dieses gewaltigen Krieges ist jedoch dieser Weg des unmittelbaren Kennenlernens fremder Völker ungangbar geworden. Diese Tatsache lässt sich beklagen, sie lässt sich jedoch nicht leugnen. Ein anderes Band blieb aber auch während der äusseren Trennung zwischen den Völkern bestehen, das vielleicht am ehesten dazu geeignet sein wird, die tiefe Kluft des gegenseitigen Missverstehens zu überbrücken: jene stolze Brücke, welche die grössten Geister der Nationen von Volk zu Volk geschlagen haben und die sich auch dann noch unverändert erhält, wenn die materiellen Bande zwischen den Völkern zu reissen drohen. Die durch das Volk und dessen führende Geister geschaffenen Kulturgüter bleiben in der Hegel nicht beschränkt auf das Land und die Zeit, da sie entstanden sind : nicht nur der alles teilende Raum, selbst die das individuelle Sein auseinanderzerrende und ver- nichtende Zeit wird durch den weitgespannten Bogen des Kulturzusammen- hanges der Mensclilieit überbrückt und ihres trennenden und löschenden EinQusses weitgehend beraubt. Unter diesen von Geistessehern, Denkern und Künstlern geschaffenen Kulturgütern gibt es kaum eines, welches die Vermittlung von Volk zu Volk so imif assend und innig zu gestalten ver- möchte, wie es das vom Dichter geprägte Wort vermag. Homer, Sophokles, Tacitus, Dante, Shakespeare, Moliöre, Goethe, Desto je wskij und Tolstoj, sie aUe, so allgemeinmenschlich und über der Zeit stehend ihr Schaffen auch sein mag, schaffen aus ihrer Zeit, aus dem tiefsten Innern ihres eigenen Volkes heraus. Und ihre Werke tragen die Spuren der Volks- seele, aus der sie geboren wurden, an sich und verkünden ihre Tiefe und Eigenart von Volk zu Volk, von Zeit zu Zeit. Zweifellos ist neben der Geschichte, der Religion und der Philosophie eines Volkes seine Kirnst dasjenige Medium, in welchem sich die Seele des Volkes am abgeklärtesten und zugleich auch am tiefsten spiegelt. Ihr kommt es zu, aus den innersten Regungen der Volksseele zu fliessen und dieselben durch die äusserlich fassbare Gestaltung des Kunstwerkes der Vorwort. 3 Menßchheit, — ihrem volksverwandten so gut wie ihrem volksfremden Teil, — zu offenbaren. Auch in dieser Beziehung befindet sich das russische Volk in einer von allen grossen europäischen Völkern abweichenden Lage : seine Kunst ist in Westeuropa kaum besser bekannt als seine Beligion und seine Philosophie es sind, und es sind zum grössten Teil die gleichen Ursachen dafür verantwortlich, die wir schon früher für die allgemeine Abgeschiedenheit Busslands genannt haben. Nur eine Art der Schöpfungen russischer Kiinstler ist Westeuropa, dank der grossen technischen Leichtig- keit ihrer Verbreitung, allgemeiner bekannt geworden: das geschriebene Wort, die Werke grosser russischer Schriftsteller. Zwar steht auch hier die Verschiedenheit der Sprachen als ein häufig schwer, manchmal gar nicht zu überwindendes Hindernis dem Verkehr des westeuropäischen Lesers mit dem russischen Dichter im Wege, — so gibt es z. B. noch keine Über- setzung der beiden grossen russischen Dichter Puschkin und Lermontow, die dem Original auch nur annähernd adäquat wäre. Lnmerhin bleibt auch nach der Übersetzung wenn sie nur berechtigten Ansprüchen halbw^ genügt so Vieles und Grosses in den Werken hervorragender russischer Schriftsteller bestehen, dass ihr Wirken dem gebildeten Westeuropäer nicht unbekannt bleiben konnte. Gewiss sind es nur einige Namen aus der glorreichen Reihe russischer Dichter, die dem Westeuropäer vertraut geworden sind, während viele andere noch auf ihre Entdeckung für West- europa warten müssen. Doch sind es trotzdem zweifellos gerade die rus- sischen Dichter, die das eigentliche Verständnis Russlands demWesteuropäer erschliessen werden, denn in der russischen Literatur hat sich die Seele des russischen Volkes so tief wiedergespiegelt, wie dies nur in den Perioden der höchsten künstlerischen Entwicklung eines Volkes der Fall sein kann. Kein anderer Weg wird einen Westeuropäer, der mit Russland inniger bekannt zu werden wünscht, so sicher und so tief seinem Ziele entgegen- führen können, als der über das eingehende Studium der grossen rus- sischen Literatur führende Weg, wenn auch der innere Gehalt der russischen Literatur weit über die Bedeutung eines Verständigungsmittels zwischen den Völkern reicht und sich durchaus im Allgemeinmenschlichen und Ewigen verliert. Wie reich jedoch diese Quelle des russischen Volkstums auch fliessen mag, so kann sich der Nichtrusse, der Russland als Ganzes kennen lernen will, doch nicht auf das Studiimi der russischen Literatur beschränken. So sehr dieselbe neben dem individual-psychologischen auch das allgemein religiöse, philosophische und soziale Gebiet zum Gegenstande ihrer For- schung macht, so werden ihr durch ihre künstlerische Form doch gewisse Grenzen gesetzt. Das jenseits dieser Grenze liegende Gebiet des geistigen, politischen und sozialen Iiebens des russischen Volkes wird nun der Westeinropäer aus den ihm zugänglichen wissenschaftlichen Werken 4 BiualaDd. ZQ erkennen suchen müssen. Doch stösst er hier aaf ein Hindernis, das ihm den unmittelbaren Einblick in die inneren Verhältnisse des russischen Volkslebens bedeutend erschnrert. Die russischen Gelehrten und Kenner des russischen Iiebens schreiben in der Regel f iir den russischen Leser : das bedingt, dass ihre Werke auch abgesehen von dem allgemeinen Hindernis der Sprachverschiedenheit dem nichtrussischen Leser kaum zugänglich sind. Ein Gelehrter, der zu seinem eigenen Volk spricht, setzt mit Becht eine gamse Fülle von Kenntnissen voraus, die ein jeder Zuhörer aus dem Volk als selbstverständliches Eigentum mitbringt. Mit anderen Worten : es wird in den Arbeiten rassischer Forscher, die sich auf Buss- land und das russische Volk beziehen, im allgemeinen gerade dasjenige schon vorausgesetzt und nicht mehr vi^iter erwähnt, was der ausländische licser in erster Linie kennen lernen möchte : die Summe all der Bedingungen, Kenntnisse und Eindrücke, die für den inneren und äusseren Bau des russischen Lebens in erster Linie charakteristisch sind. — Dieses Hindernis scheint nun in der Tat so gross zu sein, dass das Wort des russischen Forschers kaum je an das Ohr des Westeuropäers gelangt. Gewiss be- sitzen wir als Ersatz dafür gründliche Werke über die verschiedensten Seiten des russischen Iiebens aus der Feder westeuropäisch er Gelehrter. Doch diesen hängt notwendigerweise ein Mangel an, der sich auch durch die grösste Gelehrsamkeit kaum ersetzen 1 ässt. Ein jeder Nichtrusse tritt an das russische Leben von aussen heran; es geschieht dies auch schon in reiferen Jahren, zu einer Zeit also, da wir nicht mehr fähig sind, die Sprache eines fremden Volkes, dieses mächtigste Mittel der Verstän- digung, uns so weit anzueignen, dass sie uns zur zweiten Muttersprache wird. Ein intuitiver Blick für das innere Wesen eines Volkes kann hier gewiss manches ersetzen, was ein Busse an Wissen von Haus aus mitbringt; aber das eigentliche Volkstum, das mit der Muttermilch eingesogen, in den Kindermärchen anschaulich und poetisch verklärt erfasst wird und in den folgenden Jahren jugendlicher Entwicklung mehr und mehr bewusste Formen erhält, wird wohl auch vor dem schärfsten Blick des Ausländers gewöhnlich verborgen bleiben. Am wenigsten wird sich dieser Mangel in rein objektiv gerichteten Untersuchungen, die sich nur auf tatsächliche Verhältnisse richten, spürbar machen. Aber selbst die richtige Deutung und Bewertung der äusseren Lebensbedingungen eines Volkes setzt eine Seelenverwandtschaft mit dem Volk voraus, das sie geschaffen und in seinem staatlichen, sozialen und Gesellschaftsleben verwirklicht hat. Die gleichen äusseren Formen können ja ganz verschiedenen inneren Kräften ihren Ursprung verdanken, und was bei dem einen Volk berechtigt dauernd und heilbringend ist, büdet in dem Leben eines anderen Volkes, nur eine kurzdauernde Episode. Daher auch kann ein ausländischer Forscher, so wertvoll seine Arbeit auch sein mag, kaum je vollwertigen Ersatz für die Vorwort. 5 wissenschaftliche Erf assong eines Volkes aus seiner eigenen Mitte heraus bieten. Wie der Künstler die Seele des Volkes in sich trägt und aus ihr sein KunstTverk bildet, so muss auch der Erforscher des Volkslebens selbst ein Teil des Volkes sein, um zuniichst an sich und in sich selbst erlebt zu haben, was er nachher zum Gegenstand seiner objektiven Forschung machen will. Hier gilt nicht minder das bekannte Goethesche Wort: ,,Du gleichst dem Geist, den du begreifst'', wie auch dessen Umkehrung: „Du begreifst nur den Geist, dem du gleichst''. Dies waren die Gesichtspunkte, die uns veranlasst haben, dem vor- liegenden Buch diejenige Form zu geben, in der es jetzt dem Leser über- geben wird. Wir mussten von vorneherein darauf verzichten, dem nichtrussischen Leser ein Buch aus nichtrussischer Feder zu bieten. Ebensowenig konnte unserem Zweck aber auch die Übersetzung von Abhandlungen genügen, die von russischen Autoren verfasst, jedoch ursprünglich für das russische Publikum bestimmt waren. Vielmehr wollten wir in der BAuptsache nur russische Schriftsteller zum nicht- russischen Leser sprechen lassen. Es ist also im Grunde ein russisches Buch, da» auf diese Weise entstanden ist, ein Buch von Bussen über Bussland, das sich jedoch von vorneherein bewusst an den nichtrussischen Leser wendet. Doch soll es kein für das Ausland in irgendeiner Beziehung tendenziös präpariertes Buch sein: weder die Mangel Busslands sollen darin verkleinert und verdeckt, noch auch dessen Vorzüge in schlecht an- gebrachter Bescheidenheit hintangesetzjb werden. Das grosse Land und das es bewohnende grosse russische Volk sollten vonden Verfassern so geschildert werden, wie sie es selbst sahen, erfassten, erlebten. Denn nur bei voller und ungeschminkter Offenheit und Ehrlichkeit konnte das Buch dem von uns gewollten Zweck dienen: ein Beitrag sein zur Ermöglichung eines inneren Verständnisses von Volk zu Volk. Dabei gingen wir nicht darauf aus, den gegenwärtigen status quo Buss- lands in erster Linie zu schildern ; er bildet das letzte Glied einer langen äusseren und inneren Entwickelung des russischen Volkes, dessen Ver- ständnis nur aus der allgemeinen Vorgeschichte des Landes, aus den poli- tischen, sozialen und religiösen Strömungen, die das russische Volk durchfluteten, zu erlangen ist, dessen erschöpfende Bewertung und Deutung ausser dem Möglichkeitsbereich des gegenwärtigen Augenblickes liegt. Dies Werk sollte das geistige Auge des Lesers von den Wirrnissen und Lrungen der Gegenwart auf das bleibend Wertvolle im Leben und Schaffen des russischen Volkes richten, wodurch der Leser zugleich in den Stand gesetzt wird, auch den verwirrten Verhältnissen des Augenblickes gerechter gegen- überzutreten und sie als eine vorübergehende, leidensvolle Entwicklungs- phase eines grossen Ganzen zu erkennen. g RuBfland. Das Buch zerfällt in z^vei Teile, davon behandelt der erste das Geistes- leben Busslands, dessen Kunst, Philosophie und Literatur, der zweite den politischen Bau, die sozialen Bewegungen und da^ Gesellschaftsleben Busslands. Folgende Abhandlungen finden voraussichtlich im ersten Teil ihre Aufnahme: Die russische Kunst. Die russische Musik. Die Philosophie. Die russische Volksdichtung (2 Aufsätze). Die schöne Literatur (3 bis 4 Aufsätze). Das Theater. Die Ideologie der russisch- orthodoxen Beligion. Die Wahl der meisten Themata braucht nicht weiter begründet zu werden; nur einige Geleitworte sollen daher hier beigefügt werden. Die russische bildende Kunst, vor allem die russische Architektur, ist in Westeuropa fast völlig unbekannt, und doch weist sie manche urwüchsige Züge auf, die weit über den Bahmen^ des bloss geographisch- historischen Literesses hinausragen. So hat z. B. die russische Archi- tektur, ausgehend von der in Bussland bodenständigen durch die allgemeinen klimatischen und geographischen Verhältnisse Bupslands bedingten Holz- architektur, eine ganz eigentümliche Entwickelung genommen. Die drei für die allgemeine Geschichte Busslands wesentlichsten Momente : die innigen Beziehungen zu Byzanz, die tatarische Invasion und die Eeformen Peters des Grossen — finden auch im Schicksal der russischen Kunst ihren Ausdruck. Im parallel mit dem ersten Teil erscheinenden zweiten Teil unseres Werkes wird auch der Leser einen kurzen Umriss der Geschichte Busslands finden. Die geographische Lage Busslands ist von allen übrigen Ländern Europas durch seine Mittelstellung zwischen dem aufstrebenden, zivili- sierten Westen und dem zum Teil schon dem Verfall entgegengehenden, zum Teil noch ganz barbarischen Osten ausgezeichnet. Zwischen dem Westen, dessen Einfluss auf das russische Leben erst mit der Beform Peters des Grossen ein entschiedenes Übergewicht erhält, und dem asiatischen, zum Teil von Nomadenvölkern bewohnten Osten lag im äussersten Süden, an der Ausgangspforte des Schwarzen Meeres, ein Kultur- zentrum, dessen Einfluss in den Anfängen der russischen Kultur für Bussland in mancher Beziehung entscheidend wurde : Byzanz-Zargrad, die Kaiserstadt. Besonders die religiösen und küostlerischen Formen des russischen Lebens wurden, zum Teil dauernd, beeinflusst von der fort- geschritteneren byzantinischen Kultur. In dieser Zeit scheint sich Süd- russland relativ rasch und segensreich zu entwickeln. Seine politische Verfassung, die sich dem byzantinischen Einfluss entzieht, ist freiheitlich und human ausgestattet. — Doch erfährt diese reiche Entwicklung einen jähen Ünterbruch durch den nomadisierenden östlichen Volksstamm — die Tataren. Südrussland wird zerstört und geknechtet, ein Volk, dessen Vorwort. 7 Eoütur Tveit hinter der damals eo zakunftsfroh aufstrebenden Kultur Süd- rnsslands stand, wird ztun unumschränkten Herrn über das eroberte Land. Die Bevölkerung Südrusslands flüchtet, soweit sie nicht in fremde Ab- hängigkeit gerät, in die fernen nördlichen Gegenden Busslands. Erst nach zweihundertfünfzig Jahren schüttelte Bussland das fremde Joch ab. Aber es war nicht mehr das gleiche Land, nicht das gleiche Volk wie vor der grossen Livasion. Jahrhunderte waren nötig, tun die Spuren der Fremd- herrschaft, soweit dies überhaupt noch möglich war, zu tilgen, die in- zwischen verloren gegangenen eigenen Kulturwege wieder zu finden. — Nach einer weiteren Periode von etwa zwei Jahrhunderten wurde die innere Entwicklung Busslands wieder durch die gewaltsame Beform Peters des Grrossen in ihren Grundfesten erschüttert. Über den Wert der grossen Beform sind die russischen Historiker geteilter Meinung; eines aber steht fest: es war ein gewaltsamer Eingriff in den Bau und den Ent- wicklungsgang Busslands, der neben mancher an sich wertvollen Neuerung, die er brachte, dem künstlerischen und religiösen Leben Busslands tiefe Wunden schlug. Der organische Entwicklungsprozess wurde unterbrochen, das Volk sah sich vor ganz neue, unbekannte Formen und Lihalte gestellt, die dank der unumschränkten Gewalt des Herrschers bis tief ins lieben des gesamten Volkes hineingetragen wurden. Es war wie ein gewaltsames Brechen eines lebendigen Astes: manche Faser riss und ging zugrunde, andere bogen sich, veränderten ihre Bichtung und trieben ihre Säfte kümmerlich weiter, während der gewalttätige Gärtner dem organischen Wachstum des Volksbaumes eine bestimmte von ihm vorgezeichnete Form zu geben bemüht war. Durch die Beform Peters des Grossen verlor Bussland vieles von seiner Eigenart, und erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts scheint das russische Volk begonnen zu haben, das eigene Wesen, die eigenen Wege tastend wieder zu erkennen. Wie oben gesagt, spiegeln sich die gewichtigsten geschichtlichen Ereig- nisse wie im allgemeinen Kulturleben Busslands, so im besonderen auch in seiner Kunst wieder. Die Malerei weist, wie die Architektur, in ihren Anfängen den Einfluss der Kunst von Byzanz, den vernichtenden Einfluss der Tatareninvasion, den gewaltsamen Eingriff der petrowschen Beformen auf. Daher ist die Entwicklung der russischen Kirnst kaum mit der- jenigen Irgendeines anderen Volkes unmittelbar zu vergleichen, und kann auch der gegenwärtige Stand der künstlerischen Entwicklung Busslands nur richtig verstanden werden, wenn der leidensvolle Weg, den Bussland hinter sich hat, erkannt und mitberücksichtigt wird. Die russische Musik ist in Westeuropa teilweise schon eingedrungen. Sie weist relativ wenig fremde Einflüsse auf und entspringt bei ihren bedeutendsten Bepräsentanten aus dem Herzen des Volkes, aus dem reichen Schatz der Volksmelodien, die vom russischen Landmann geschaffen und g Bosftlimd. gesungen werden. Die rnsBische Kunstmosik ist noch ausserordentlich jung, sie ist erst in den dreissiger Jahren des yergangenen Jahrhunderts vom ersten grossen nationalen Komponisten Busslands, Glinka , begründet worden. Gerade ihre Eigenart setzt ihrer rascheren Verbreitung in West- europa gewisse Schwierigkeiten in den Weg ; sie ist es aber, di6 den inneren Wert der russischen Musik ausmacht und ihre allgemeinere Anerkennung mit der Zeit erkämpfen wird. . Die schone Literatur Busslands nimmt ihren Ausgangspunkt von der Volksdichtung: Volksmäarchen waren es, die den ersten und bis heutzutage grössten russischen Dichter, den Schöpfer der russischen literarischen Sprache, des russischen Versbaues und der russischen Prosa» A. S. Puschkin, in seiner Jugend anregten und zvt Bearbeitung ihres poetischen Stoffes veranlassten. Im Volksepos kommen bestimmte nationale Züge zur Geltung, die wir anderswo vergebens in gleicher Anschaulichkeit anzutreffen suchen würden. Wir schliessen daher der Besprechung der russischen schönen Literatur einen Aufsatz über das Volksepos an. Aus mehr als einem Grunde musste dem Begründer der russischen schönen Literatur, A. S. Puschkin, eine besondere Abhandlung gewidmet werden: seine grossen Nachfolger, Dostojewski], Tnrgenjew» Tolsto] und andere, sind dem westeuropäischen licser nicht nur dem Namen nach bekannt, dagegen ist selbst der Name Puschkins vielleicht dem grössten Teil des gebildeten Publikums Westeuropas unbekannt geblieben. Wir haben schon obeii darauf hingewiesen, dass keine einzige sich der Schönheit des Originals einigermassen annähernde Übersetzung der Werke Puschkins existiert. Um so notwendiger erschien es uns, unseren Leser wenigstens auf diesem indirekten Weg mit dem grössten russischen Dichter bekannt zu machen. Die russische Philosophie ist ihre eigenen, von der westeuro- päischen modernen Philosophie gänzlich abweichende Wege gegangen. Der Mystiker des Mittelalters würde in der russischen Philosophie viele ver- wandte Züge entdecken, die in grossartig hingeworfenen kosmischen Gestaltungen russischer Geistesseher ihren Ausdruck finden; dagegen wird der westeuropäische systematische Philosoph geneigt sein, fast die gajize Entwicklung der russischen urwüchsigen Philosophie ins Bereich der Beligion und der Mythenbildung zu verweisen. Li der Tat ist es ein Grundzug der russischen Philosophie, dass sie in nächster Berührung zur Beligion steht und wechselseitig eine Bereicherung des religiös-philoso- phischen licbens der russischen „Gottessucher'' bedingt. So fremd ihr die neuere Philosophie Westeuropas gegenwärtig auch gegenüberstehen wird, so erscheint eine Bereicherung derselben durch religiös-mystische Anregungen von selten der russischen Philosophie keineswegs ausge- schlossen. Die^ im zweHen Teil des Werkes ersoheinendeii Abhandlungen haben znm CregebBtand: Die russische Geschichte. Staat und Kirche and religiöse Bewegungen in Rtissland. Die Staatsverfassung des alten Buss- lands und die Duma. Der russische Bauer. Das Semstwo. Die Arbeiterfrage. Die kooperative Bewegung. Erziehung und Schulwesen. Die russische Gesellschaft. Die russische Frau. Die Umw&lzung. Wie schon oben bemerkt, beginnt der zweite Teil mit einem kurzen Umriss der russischen Geschichte. Im Anschluss daran wird in einem weiteren Aufsatz die russische orthodoxe Kirche in ihrem Verhältnis zum Staat behandelt, wobei auch die ausserkirofalichen religiösen Bewegungen eine besondere Berttcksichtigung finden, in denen ein wichtiger Teil des religiösen I^ebens Busalands seinen Ausdruck findet. Auch bei der Behand-» lung der Schicksale der russischen orthodoxen Kirche und des Sekten-* Wesens treffen wir auf den schon anfangs erwähnten entscheidenden Faktor der russischen Geschichte — die Beform I^ters des Grossen — welche das religiöse lieben Busslands in einer gewalteamea Weise ordnete und die auch schon vor Peter dem Grossen in immer grössere Abhängigkeit von der weltlichen Macht des Zaren verfallende Kirche dieser ganz unterwarf. Es entstand dadurch ein tiefgreifender Gegensatz zwischen der reinen Tendenz der russischorthodozen religiösen Weltauffassung, die sich nach der Anschauung der Slavophilen im Gegensatz zum Katholizismus von der weltlichen Maqht ganz abwenden sollte, — um (wie sich Iwan Karamosow bei Dostojewskij ausdrückt) der dritten Versuchung des Teufels nicht zu verfallen, — und dem tatsächlichen Schicksal der russischen Staatskirche, die zu einer gehorsamen Dienerin eben dieser weltlichen Macht wurde. Es ist unter diesen Umständen nicht zu verwundern, dass das religiöse Starben des russischen Volkes im Schosse der griechisch-katholischen Kirche keine Befriedigung finden konnte und dass eine grosse Anzahl von zum Teil sehr merkwürdig orientierten Sekten entstand. Einer der wich- tigsten Abschnitte des russischen inneren Volkslebens spielt sich im Sektenwesen ab, über dessen Schicksale ein besonderer Abschnitt des Buches berichtet. Wir leben in einer Zeit, da der innere staatliche und soziale Bau des grossen russischen Landes von Grund auf umgewälzt worden ist und neu errichtet werden muss. Das Verständnis für die tiefgreifenden Um- wälzungen, die Bussland durchmacht, kann sich natürlich nur an die Kenntnis der früheren Staatsformen des russischen Beiches anschliessen. Daher wird in einem besonderen Aufsatz von der russischen Staatsverfassung, speziell von der Beichsduma, die Bede sein müssen. Die russische Duma spielte seit ihrer Konstituierung im Jahre 1906 im politischen und sozialen 10 BasBland. Leben Busslands eine dominierende Bolle. Sie stand in einem fast ununter- brochenen KAmpf mit der zaristischen Regierung, wurde in der kurzen Zeit ihres Bestehens zweimal aufgelöst, ihre Wahlbestimmungen erfuhren von Seiten der Regierung immer neue Beschränkungen, bis schliesslich von der ursprünglich ziemlich weitgehend demokratischen Wahlvorlage fast nichts mehr übriggeblieben war. Auf dieser im Sinn der damals herrschenden Regierung modifizierten Grundlage ist auch die vierte, letzte Reichsduma einberufen worden, die im Februar 1917 die alte Regierung für «bgesetzt erklärte und eine neue aus ihrer Mitte gewählte Regierung an die Spitze des russischen Staates stellte. Die Geschichte der russischen Duma während der letzten zwölf Jahre versetzt den Leser mitten in das politische Leben Russlands und macht ihm manche Erscheinungen der jüngsten Gegenwart, vor denen ein Ausländer staunend stehen bleibt, verständlich. Während äusserlich die zaristische Regierung die Ober- herrschaft über das ganze russische Volk unantastbar aufrechtzuerhalten schien, war schon vor der Revolution ein überwiegend grosser Teil der Bevölkerung Russlands von ihr abgefallen und verlangte nach neuen Formen des politischen Lebens. Von den verschiedenen Volksschichten ist es der Bauernstand, dem im Agrarland Russland eine dominierende Rolle zukommt. Neben vielen allgemeinen Zügen, die dem russischen Bauern in gleicher. Weise wie seinen westlichen Standesgenossen zukommen, weist der russische Bauer einige eigentümliche Charakterzüge in seinem persönlichen Wesen und seiner sozialen Stellung auf, die dem russischen Bauernstand ein ganz eigen- artiges Gepräge verleihen. Es sei hier nur der eigentümliche halbkom- munistische Besitz von Grund und Boden durch die Gemeinde erwähnt, welcher der russischen Dorfgemeinde eine ganz andere Bedeutung gibt, als sie die westeuropäische Dorfgemeinde besitzt. Auf diese eigenartige Form des Grundbesitzes führt sich auch die verbreitete Anschauung des russischen Bauer zurück, dass der Boden eigentlich „niemand gehört"' (d.h. nicht einem einzigen Besitzer gehören darf) oder, wie die andere Wendung lautet, — „der Boden Gottes ist". Erst aus dieser Auffassung erklärt sich auch der allgemeine Anspruch auf den in Privathänden der Gutsherrn sich befindenden Grundbesitz, den die russische Dorfbevölkerung schon seit einer Reihe von Jahren erhebt. Gewiss ist es auch der durch die starke Vermehrung der Dorfbevölkerung sich in zunehmendem Masse spürbar machende Mangel an gutem, bebaubarem Boden, der diese Forderung so akut macht, doch findet sie ihre mehr psychologische Erklärung in der eben erwähnten kommunistischen Einstellung des russischen Bauern dem Grund und Boden als dem für ihn weitaus wichtigsten Objekt gegenüber. Eine wichtige Rolle spielte im inneren Aufbau Russlands, im besonderen auch im Leben des russischen Bauern, eine eigenartige und einzig da- Vorwort U stehende Organißation, das sogenannte Sem st wo. Das Semstwo wurde im Jahre 1864 von Kaiser Alexander 11. ins Zehen gerufen, als die Re- gierung sich nach der Beseitigung der Leibeigenschaft ausserstande sah, die grossen organisatorischen Aufgaben, die eich aus der tiefgreifenden Beform ergaben, selbst ohne die Hilfe der gebildeten Stände Busslands zu bewältigen. Das Semstwo stellte einen Teil des Staatsorganismus dar, der jedoch im Gregensatz zu den übrigen staatlichen Einrichtungen Alt- Busslands auf einer weitgehend demokratischen Grundlage basiert war: die Vertreter der Semstwo wurden vom Volke gewählt und erhielten relativ grosse Vollmachten auf dem Gebiete der inneren Verwaltung. Ihrer Obhut wurde vor allem das Gebiet des Sanitäts-, des Schulwesens, der Statistik u. a. anvertraut, wo sie ganz grossartige Leistimgen aufzuweisen haben. Unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen, bei denunermesslich weiten Eäitfemimgen von Dorf zu Dorf und im Verhältnis zu Westeuropa überaus geringen Bevölkerungsdichtigkeit, richteten die Semstwo Krankenhäuser und Schiilhäu£er ein, wo Kinder unterrichtet. Kranke unentgeltlich gepflegt wurden. Die Semstwos waren derjenige Boden, auf dem die russische Intelligenz, vor allem als Semskij -Lehrer und Semskij-Arzt, in unmittel- barste Berührung mit dem Landvolk kam. Der schwere, relativ schlecht bezahlte Dienst in häufig weitabgelegenen, unwirtlichen Gegenden be- wirkte, dass im aUgemeinen nur Menschen von einem gewissen Idealismus in der Semstwo-Tätigkeit ihre Aufgabe erblicken konnten. Daher der eigentümliche selbstlose Zug, der viele Dorflehrer und Dorfärzte in Buss- land auszeichnet, daher auch der Kampf gegen die alte Begierung, der von den Semstwos fast während der ganzen Zeit ihres Bestehens geführt wurde. Neben dem russischen Bauern wird es vor allem die russische Arbeiterklasse und der Stand der Intellektuellen, die sogen, russische „Intelligenz'^ sein, die einen Westeuropäer interessieren müssen. — Wie die übrigen sozialen Erscheinungen Busslands, so weist auch die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Bussland Formen auf, die sich vom westeuropäischen Muster in mancher Beziehung beträchtlich entfernen. Zweifellos stand die russische Arbeiterbewegung imter starkem Einfluss westeuropäischer Strömungen, doch bedingte es gerade dieser Umstand, daSs die ganze Entwicklung der Arbeiterbewegung in Bussland rascher und stürmischer als in den anderen Ländern Europas vor sich ging : wo der westeuropäische Arbeiter seine eigenen Wege und Ziele erst noch finden und ausarbeiten musste, fand sein russischer Standesgenosse dieselben schon vorgezeichnet, und er ging mit um so grösserer Entschieden- heit demjenigen Ziele entgegen, das dem westeuropäischen Arbeiter noch- in weiter Ferne zu liegen schien. In keinem anderen grossen Lande Europas ist der Arbeiterstand prozentuell so wenig stark vertreten als in dem Agrarland Bussland, in keinem anderen Land gelang es ihm aber in der 12 Boflsland. korssen Zeit seines Bestehens eine so grosse politische und soziale Bedeutung zu erlangen wie gerade in Bussland. Eine ganz eigenartige Erscheinung des russischen I^ebens ist der intellektuelle Stand Busslands, seine „Intelligenz". Ihr Wesen. lässt sich nur aus den allgemeinen sozialpolitischen Bedingungen begreif en> wie sie das Bussland des neunzehnten Jahrhunderts aufweist. Nirgends im modernen Europa war die Kluft zwischen dem lieben des Bauern und demjenigen der wohlhabenden und gebildeten Stände so gross, das Aus- einandergehen der Lebensauffassung so tiefgehend, wie in Bussland. Lx der russischen Literatur finden sich nicht selten Klagen darüber, dass das innere Sichverstehen zwischen dem Volk und dem gebildeten Stand Buss- lands aufgehört habe, dass man sich gleichsam wie Menschen aus ver- schiedenen historischen Epochen gegenüberstände. Und zugleich war kaum in irgendeinem anderen Lande das Streben, sich dem Volke wieder zu nähern, es wieder verstehen zu können, sich mit ihm innerlich zu vereinigen, so stark ausgesprochen, wie dies in weiten Schichten der russischea Intelligenz der Fall war. Eine aufrichtige liebe zum russischen Volk durch strömt die ganze russische Literatur, ein Suchen nach dem Volk, ein häufig drückendes Gefühl der Zwiespältigkeit und Vereinsamung. Eb ist nicht die als selbstverständlich und mit einer gewissen Befriedigung hingenommene Scheidung: hie Volk, hie wir wohlhabende, gebildete Menschen — wie wir sie vielleicht erwarten könnten; vielmehr fühlte die^ russische Intelligenz gleichsam eine Schuld, die sie dem notleidenden und in Unwissenheit dahinlebenden Volk gegenüber abzutragen hatte. Aus dieser Stellungnahme heraus erklärt sich die nicht selten heldenmütig aufopfernde Hingabe an das Volk, wie wir 3ie in der Befreiungsbewegung der letzten Jahrzehnte kennen: junge Leute, die ihr Elternhaus und die ihnen winkenden Glücksgüter des äusseren Erfolges verlassen und „ins Volk" gehen; Ärzte und Lehrer, die ihr Leben im Dienst der Semstwo in weit verlassenen Dörfern zubringen; endlich überzeugte Bevolutionäre, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um den verhassten Zarismus zu stürzen und dem Volk die ersehnte Freiheit zu erkämpfen. Es muss ganz ausdrück- lich gesagt werden, dass diese Hingabe an das Volk rein idealistischer Art war, ein durch keinen persönlichen oder Küassenvorteil diktiertes Streben, die unterdrückte, der kulturellen Lebensgüter beraubte, zu einem grossen Teil in materieller Not lebende Masse des russischen Volkes aus diesem Zustande herauszureissen und einer glücklicheren Existenz entgegenzu- führen. Vielleicht ist diese Stellungnahme dem Volke gegenüber, der „heilige Funke der liebe zum Volke", der wesentlichste und interessanteste Zug der russischen Intelligenz, aus dem sich alle anderen Eigentümlich- keiten derselben erklären lassen: so die relativ geringe Einschätzung äusserer Formen, der einfache, ernste persönliche Verkehr unter den Vorwort 13 Gebildeten BufwIaTiito, das Zusammenhalten in gemeinsamer Arbeit. Dies ist es nnter anderem auch, was den Ausländer, der längere Znt in russiscben JSreisen zn verbringen Gelegenheit hatte, besonders sympathisch berührte nnd fesselte. — Gewiss entspricht nicht jeder Intellektuelle Busslands dem hier korz entworfenen Bild, gewiss kommen der russischen Intelligenz auch noch andere, weniger hoch zu bewertende Eigensohaften zu, gewiss auch werden die grossen Ereignisse unserer Tage für die innere Zusammen- setzung und Entwicklung der russischen Intelligenz nicht spurlos vorüber- gehen, aber kaum wird der innere Zug, den wir hier erwähnt haben und der zum Wesen des russischen Charakters zu geboren scheint, je gänzlich verschwinden. So finden wir ihn in anderen Formen auch im Charakter des russischen Bauern wieder. Bezeichnend ist hiefür das Verhalten des russischen Bauern den untersten Schichten der Bevölkerung, den Ver- brechern und Sträflingen gegenüber, über die er sich nicht in selbst- bewusster Missachtung erhebt, sondern die er mit dem vielsagenden Wort 9,die Unglücklichen'' bezeichnet hat. Auch der russischen Frau ist ein besonderer Abschnitt gewidmet worden, was eine selbstverständliche Folge der besonderen Stellung ist, welche die Frau sowohl im Volke wie auch in den gebildeten Schichten der russischen Gesellschaft einnimmt. Ein äusseres Zeichen dieser von der westeuropäischen Auffassung im allgemeinen abweichenden Stellung der russischen Frau ist die Tatsache, dass, als nach Ausbruch der russischen Revolution das allgemeine Stimmrecht eingeführt wurde, niemand, der Bussland näher stand, auch nur der Gedanke kommen konnte, dass von demselben die Frau ausgeschlossen werden sollte. Es war ganz selbstver- ständlich, dass das allgemeine, gleiche Stimmrecht die Frau gerade so miteinbegreif t wie den Mann. Und in der Tat, wenn das Stimmrecht ver- dient werden müsste, so ist nicht zu leugnen, dass sich die russische Frau dasselbe während der ganzen Zeit des Zarismus durch ihren helden- mütigen Kampf gogen die zaristische Regierung und für die kulturelle Aufklärung der breiten Volksmassen Seite an Seite mit dem Mann ver- dient hat. Es wird vielleicht überraschen, dass ein besonderer Aufsatz der rus- sischen Pädagogik zugedacht wurde. Dies ist natürlich nicht etwa durch die vorbildliche Ausgestaltung des russischen staatlichen Erziehungs- Wesens bedingt, denn auf diesem Gebiet ist Bussland zweifellos weit hinter den meisten lÄndern Westeuropas zurückgeblieben. Vielmehr ist es auch hier wieder eine gewisse Eigenart des russischen Wesens, die sich in der Stellungnahme dem Kinde und der Erziehung gegenüber äussert, welche den westeuropäischen Leser interessieren wird. Was den rein praktischen Teil der Arbeit bei der Zusammenstellung des Buches anbetrifft, so ist es selbstverständlich, dass die mit dem J4 Bnssland. allgenieinen Krieg und der nissischen Bevolution verbundenen Verkehrs- schwierigkeiten die Aufgabe der Redaktion, Aufsätze von russischen Spezialisten für das Buch zu erhalten, sehr bedeutend erschwerten. Wegen mancher Änderungen und Ergänzungen, die wir gewünscht hätten, konnten wir uns mit den Verfassern nicht mehr rechtzeitig ins Einver- nehmen setzen. Jedoch gelang es uns, mit Hilfe von Frau P. Melguno w in Moskau für imser Unternehmen russische Gelehrte xmd Spezialisten zu gewinnen, die sich prinzipiell auf den Boden unserer Auffassung über die Bestimmung des Buches stellten, was uns die redaktionelle Arbeit in dieser Hinsicht bedeutend erleichterte. Angesichts der gegenwärtig im Postverkehr mit Bussland vorhandenen Schwierigkeiten behält sich die Redaktion das Recht vor, Änderungen in der oben skizzierten Reihenfolge der Aufsätze zu treffen. Die Redaktoren des Werkes trafen sich in der Hochschätzung der inneren Werte, die in den Tiefen der russischen Volksseele geborgen sind, und die sich in den Erzeugnissen des russischen Volkes zum Teil erst noch in schwachen Andeutungen vorfinden, zum Teil aber auch schon in herr liehen Werken der russischen Geisteskultur ihren erhabenen Ausdruck gefunden haben. Unser Buch soll die Kenntnis des eigenartigen Lebens und Schaffens des rus^chen Volkes in weitere Ejreise tragen helfen. Dio Hochschätzung der Eigenart russischer Kultur und die liebe zur Volksseele, die als Trägerin dieser Kultur erscheint, bewegte xms bei der Herausgabe des Werkes und vereinigte uns zum gekxeinsamen Redigieren desselben, ohne dass unsere gemeinsame Arbeit am Werk uns gleiche Ansichten und Wertungen in Fragen, die mit unserem Buch und seiner Bestimmung in keiner direkten Beziehung stehen, voraussetzen würde. Dem entspricht es auch, dass die Redaktion den Verfassern 'der einzelnen Artikel in der Behandlung ihres Gebietes die grösste Freiheit liess, und sich weder die Redaktion als Ganzes, noch die einzelnen Redaktoren mit allen in den Aufsätzen vertretenen Ansichten identifizieren können. Nicht zu einem einheitlichen System, das in ein bestimmtes politisches, soziales, philo- sophisches oder religiöses Schema hineinpassen würde, sollte der lebendige Organismus des russischen Volkes verarbeitet werden, vielmehr soll das organische, sich nicht selten selbst widersprechende Volkswesen eine ent- sprechend lebendige Spiegelung in den Abhandlungen der einzelnen Verfasser erhalten. So nahmen wir auch keinen Anstoss an einzelnen Widersprüchen, die sich bei verschiedenen Autoren in der Behandlung des gleichen Gegen- standes vorfanden. Das organisch lebendige Wesen eines Volkes hat unendlich viele Seiten und kann von unendlich viel verschiedenen Stand- punkten aus erf asst werden, was zu äusserlichen Widersprüchen zu führen scheint, im Grunde aber doch nur einen verschieden modifizierten Aus^ druck des gleichen Volksgeistes, der gleichen Volksseele ergibt. Vorwort. 15 Sollte dieses Buch über Bussland In der Gestalt, wie es gegenwärtig dem Leser vorgelegt wird, einem Bedürfnis unserer Zeit entsprechen, so wollen wir ihm noch einen Wunsch mit auf den Weg geben: möge es Nachahmung finden, indem ähnliche, aus dem eigenen Volkstum heraus entstandene Werke auch über andere Völker verf asst werden, damit auch auf diesem Wege das innere Verständnis unter den Völkern Europas gefördert und gestärkt werde. Die Redaktion drückt ihren aufrichtigen Dank Frau P. Melgunow, Moskau, für ihre tätige Unterstützung aus, die uns unter den gegen- wärtigen schwierigen Postverhältnissen ganz besonders wertvoll war. Es sei unser Dank auch Herrn 0. Lang und Herrn H. Kober ausgesprochen für die in liebenswürdiger Weise bei der Durchsicht des druckfertigen Materials geleistete Hilfe. Die Redaktton. « m > « • • • Die russische Kunst w**» I. Die rassische Baukunst Die Kunst eines VolkeB gibt ein idealisieortes und verkl&rtes Bfld seiner allgemeinen Kultur. Sie nimmt die oharakteristisoben Züge der Kultur einer Epoche und verarbeitet diese zu einer ästbetiscben Einheit. In ihrer Evolution folgt die Kunst den EntwicUungspbiusfen der Kultur : Ägyptische Pyramideu, griechiache Ifempd und gothische Dome Bind dauernd fixierte Momente der kulturellen Entwickelung der Völker. Dies bedingt auch das grosse Interesse, welches die verschiedenen Kunstschöpfungen eines Landes f iir denjenigen haben, der dieses Land und sein Volk verstehen will. Die einoelnen Etappen der Entwicklung der russischen Kunst lassen sich am deutlichsten in den verschiedenen Baustilen erkennen. Diese sind in Westeuropa verhältnismässig wenig bekannt. Selbst der Gebildete steUt sich wohl die russische Baukunst meistens als ^ine unselbständige, ziemlich ^eichförmige Nachahmung byzantinischer Muster vor. Biese Auffassung stimmt jedoch nur f Ihr die ersten Anfänge der russischen Baukunst. Später nahm diese Kunst höchst eigentümliche und charakte- ristische Formen an. Der weite Boden des europäischen Busslands zerfällt geographisch in zwei sehr verschiedene Teile: im Süden erstrecken sich weite Steppen, im Nordeu liegt das Waldgebiet (noch weiter hinauf zum Polarkreis ver- schwinden allmählich Wälder und beginnen dürftig bewachsene, wenig bewohnte Tundren). Die erste KulturUüte Busslands entfaltete sich an der Grenze von Wald und Steppe ; ihr Zentrum war die Fürstenstadt Kiew — die erste Hauptstadt des jungen russischen Beiches. Die Kunst dieser frühesten Periode der geschichtlichen Existenz Busslands war noch durch- aus unselbständig. Nach Kiew berufene byzantinische Meister erbauten die ersten Gotteshäuser für den neu importierten christlichen Kultus. Auch einheimische Meister arbeiteten nicht anders als ihre byzantinischen Lehrer: byzantinische Kuustformen verbreiteten sich im ganzen Laude, gelangten auch ins nördliche Waldrussland, ins Gebiet der freien Handels- stadt Nowgorod — das Gebiet, auf dessen Boden später die originelle russische Baukunst entstehen sollte. Im XIII. Jahrhundert ging das Kiewsche Bussland zugrunde. Es hatte im Laufe von Jahrhunderten dem Andrang asiatischer Nomaden- Erltaaniv ButUiid. 2 18 EuadÄnd. » ^ ~ ' « - « • • m > ' - • Völker i^eret^de^,! big endlich im Xm. Jahrhundert mächtige Tataren- horden aus den Tiefen Asiens heranrückten. Wie eine Flut ergoss sich die Nomadeninvasion über Südrussland, zerstörte alles auf ihrem Wege, vernichtete jede Kultur und hinterliess nur Trümmer Wer fliehen konnte, floh nach Norden, wo Wald und Sümpfe einen sicheren Schutz gegen den Eroberer gCTVährten. Die Folge der Invasion war eine Verschiebung der russischen Bevölkerung g^gen Norden. Hier musste das Kulturleben neu aufgebaut werden. In Urwäldern des Nordens wurden von den Flücht- lingen neue Ansiedelungen gegründet. Sie lagen wie verloren in dunklen Wäldern des grossen, noch menschenleeren Landes. Bis jetzt muss sich der Mensch in diesen Gegenden sein Leben mühsam in anstrengendem Kampfe mit der Natur erhalten. Viel schwieriger musste hier der E^mpf ums Dasein vor Jahrhunderten gewesen sein; dichte Urwälder bedeckten das Land: nur mit Mühe konnte der Mensch nach schwerem Baumfällen und Ausgraben der Biesenwurzeln hundertjähriger Bäume dem Walde ein Stück Boden für seinen Acker abgewinnen. Stets musste er vor den Ureinwohnern des Waldes, — dem Bären, dem himgrigen Wolf, — auf der Hut sein. Zugleich aber war der Wald dem Menschen auch ein Freund : er gab sicheren Schutz gegen Feinde, er beschenkte den Menschen mit reichen Gaben: er bot ihm Pilze und Beeren, Honig und Wachs, Wild mit prächtigem Pelz — die teuerste Ware, die einem reisende „Gäste" (KAufleute) stets gern abkauften. Vor allem gab er ihm Holz für den Bau und den Herd. Auch auf die Entwickelung der Kunst wirkte der Wald zugleich hemmend und fördernd. Die grosse mühsame Arbeit des unmittelbaren Kampfes ums Dasein Hess dem Menschen für das Schaffen einer schönen Kunst nur wenig Kjräfte übrig. Wir .sehen auch jetzt in russischen Dörfern meist nur ein einziges Gebärde, bei dessen Herstellung sich ästhetischer Sinn mehr oder weniger mitbeteiligt hat, — die Kirche. Nicht anders war es in jenen entlegenen Zeiten. Und doch war eines stets zur Hand und fehlte nie — es war das Baumaterial. Die stärksten, die festesten Baumstämme standen dem Baumeister zur Verfügung. So entwickelte sieh auch die originelle russische Baukunst vorwiegend als Holzbaukunst. Sie trägt in sich die ganze Poesie, den Duft des Waldes, eine Stimmung, die der Waldesstille eigen ist, — ruhig, tief und gross in ihrer Wirkung. Sie wuchs im Schatten der Wälder unabhängig und frei aus dem ein- heimischen Boden empor. Ihre Anfänge kennen wir nicht aus eigener Anschauung : die ältesten erhaltenen Holzkirchen des Waldgebietes reichen in ihrer Entstehungszeit nicht über das Ende des XV. Jahrhunderte hinauf. Ältere Holzbauten kennen wir nur aus bildlichen Darstellungen und aus literarischen Überlieferungen. Diese Quellen zeigen, dass die Ent- wickelung der Holzbaukunst bedeutend früher als diejenige der originellen Russische Baukiinst. 19 Steinbaukunst begonnen hatte; die ältesten durch Zeit und Witterung stark beschädigten Beste ^leeisen auch dementsprechend eine grosse künstlerische Reife und Eigenart auf. Wir beginnen mit einer kurzen Darstellung der russischen Holzbaukunst, als der ältesten selbständigen Richtung der russischen Baukunst, die zugleich auch zu den bedeutendsten Kunstschöpfungen des russischen Volkes gehört. Die Holzbaukunst, so wie sie uns in erhaltenen Bauten des XVI. und XVn. Jahrhunderts entgegentritt, ist in allen ihren Einzelheiten eine eigentümliche Schöpfung des Kunstsinnes des russischen Volkes. Die nordischen Baumeister scheinen ihren Werken ganz bewusst ein Prinzip zugrunde gelegt zuhaben — das Prinzip der Proportionen. Einfach angelegte, schmucklos ausgeführte Bauten erscheinen durch die blosse Harmonie ihrer Proix>rtionen überraschend schön. In diesem eigen- artigen, schlichten Stil gewinnt die Bedachungsform eine ganz besondere Bedeutung. Die Architekten, deren Namen wir nicht einmal kennen, waren offenbar von der einfachsten zweischenkeligen Dachform ausgegangen. Darauf begann ein Suchen nach verschiedenen Lösungen des Bedachungs- Problems, bis die Baumeister endlich zu ihrer schönsten Entdeckung, zu der Zeltkirche mit ihrem steilen, turmartigen Dach kamen. Ihrem Plane nach sind die Zeltkirchen durchweg als Zentralbauten angelegt.^) Die ursprüngliche Form der Zeltkirche war eine hochaufragende Pyramide auf einem achtseitigen Unterbau. Eine ganz unbedeutende Bolle spielt in dieser Form die Zwiebelkuppel : sie hat hier nur rein-dekorative Bedeutung, indem sie die steile Pyramide des Zeltdaches krönt. Nur die etwas hervortretende Altarabside und der Vorbau am Eingang der Ejrchen geben dem strengen Zentralbau eine gewisse Abwechselung. Der schöpferische Gedanke der nordischen Architekten wusste jedoch aus dieser grossen Einfachheit reiche Variationen zu schaffen und in diesen das Grundmotiv weiterzuentwickeln und zu bereichern. So wurde bei- spielsweise der Unterbau des achtseitigen Zeltes auch als Viereck angelegt, was das Grundmotiv in reicherer Formengebung weiterentwickelte. Neben der Zeltkirche schufen die nordischen Baimieister auch andere Bauformen : Kirchen mit steilen, zweischenkeligen Bedachungen, die in ihrer Einfach- heit eine hohe Eleganz und künstlerische Eigenart aufweisen oder auch kubische Kirchen mit mehreren Kuppeln, — eine Form, die sich mehr den Formen des Steinbaues nähert. Die einfache Kimstsprache der russischen Holzbaukunst wirkt seltsam märchenhaft in der Umgebung unermesslicher Wälder, an Ufern der ruhig fliessenden nördlichen Flüsse, unter dem blassen Himmel des Nordens. Wer diese Kunstschöpfungen aus eigener Anschauung kennen lernen wollte, müsste sich in ein Gebiet Busslands 1) Die Bevorzagang des Zentralbaoee ist eine allgemeine Eigenschaft der russischen Architektur. 20 RiusUuid. begeben, das für gewöhnlich von Fremden am wenigsten besucht wird, ins vormalige nördliche Eblonisationsgebiet der Bepublik Nowgorod, welches die Gouvernements (Honezk, Wologda und Archangelsk umfasst. Eigen- tümlichkeiten der geschichtlichen Entwickelung Busslands machten den Norden des Landes zur Schatzkammer der nationalen Kultur. Diese Gegenden blieben von der Tatareninvasion unberührt, daher konnten sich hier manche kulturellen Erzeugnisse des russischen Volkes erhalten, die im übrigen Lande spurlos verschwunden sind. Hier findet man bis jetzt noch in Dörfern und Provinzialstädten Überreste der russischen Holz- baukunst. Sie sind heutzutage nicht mehr besonders zahlreich. Holz kann der zerstörenden Wirkung der Zeit nur ungenügend widerstehen; manche von den noch aufrecht stehenden Holzkirchen drohen bald einzustürzen. Einen Beweis für die Bedeutung, welche diese Bichtung für die Gesamtentwickelung der russischen Architektur hatte, liefert die Stein- baukunst selbst. Wir werden im folgenden sehen, wie sich diese unter dem mächtigen Einfluss der Formen des Holzbaues im XVI. Jahrhundert ver- änderte. Der frische Hauch der Volkskunst drohte alle traditionellen bj^antinischen Elemente der Steinbaukunst wegzufegen. Konservative kirchliche Behörden sahen mit Widerwillen die immer ^eitergreifende Beeinflussung der Steinbaukunst durch ihre freiere Schwester. Ln XVII. Jahrhundert verbot sogar der Patriarch, Zeltkirchen zu errichten. Dadurch wurde der freien Weiterentwickelung dieser originellen und reizvollen Kunstrichtung eine Hemmung in den Weg gelegt. Mit dem XVII. Jahr- hundert nahm ihre Blütezeit ein Ende. Erst nach Jahrhunderten voller Vergessenheit tritt sie in unseren Tagen wieder ans Licht der Spezial- forschung, erst in unserer Zeit beginnen auch die jungen Architekten, aus dem so lange versiegelt gebliebenen Kunstschatz wieder zu schöpfen. Neben der Holzbaukunst entwickelte sich in Nordrussland eine offi* zielle, vorwiegend auf Städte beschränkte Steinbaukunst. Als sie sich in Nordrussland verbreitete, existierten hier bereits ältere Holzkirchen, deren Beste, wie wir oben bemerkt haben, spurlos ver- schwunden sind. Die Steinbaukunst war auch im Norden ebenso, wie in Südrussland, von byzantinischen Grundlagen ausgegangen. So war die heUige Sophia von Nowgorod ursprünglich (heute ist das Gebäude durch zahlreiche Umbauten verändert) eine Schöpfung byzantinischer Kunst, — ein Gegen- stück zur heiligen Sophia von Kiew. Jedoch wurden die Beziehungen zwischenNowgorod und Byzanz nach der Tatareninvasion sehr erschwert. Immer weniger künstlerische Anregungen konnten von Bj^anz ins nörd- liche Bussland gelangen; russische Künstler wurden jetzt weit mehr ihren eigenen Kräften überlassen. Auch die Steinbaukunst wird in dieser Büflsische Baokunst. 21 Zeit immer selbständiger. Die beiden Kultur- und Kunstzentren waren Nowgorod und Ssusdal mit Wladimir, welches das alte Kiew als Gross- fürstensitz ersetzt hatte. In beiden nahm die Entwiokelung der Kunst etwas abweichende, wenn auch im Grunde verwandte Formen an. Eine Reihe von Bauten in No wgorod selbst und in seiner Umgebung kennzeicfanet die Etappen dieser Entwickelung vom Xu. bis ins XV. Jahrhundert hinein. Die Nowgoroder Künstler fanden rasch ihren eigenen Stil, indem sie die traditioneUen byzantinischen Grundlagen der Kunst vereinfachten. Diese allgemeine Tendenz, die Vorliebe f ihr Einfachheit ist augenscheinlich nicht ohne Beeinflussung von selten der Holzbaukunst aufgetaucht. Die Hervorhebung der ästhetischen Wirkung glatter Fläch^i, die auch der byzantinischen Kunst nicht ganz fremd war, wird in der nowgoroder Baukunst weit mehr betont. Die Entwicklung dieses Prinzips führt die russischen Künstler zur allmählichen Beseitigung aller dekorativen und konstruktiven Einzelheiten, die in der byzantinischen Kunst zur Dekorierung und Belebung dieser Flächen immer reicher ver- wendet wurden. Die künstlerische Wirkung russischer Bauten wird immer mehr auf die schöne Gegenüberstellung der Flächen als solcher beschränkt. Alles, was diese Wirkung abschwächen könnte, wird mitgröester Konsequenz beseitigt. Neben den reich gegliederten, prunkvoll dekorierten Bauten von Byzanz erscheinen nowgoroder Kirchen dieser Zeit schlicht und einfach (als Beispiele seien hier die Kirche der Geburt Maria in Nowgorod selbst und die bekannte Kirche Spass-Nerediza unweit Nowgorod genannt, beide aus dem XTT. Jahrhundert). Das Aeussere der nowgoroder Kirchen erhält bereits im Xu. Jahr- hundert einen ausgesprochen originellen Charakter : von zwiebeiförmigen Kuppeln^) gekrönt streng und monumental in ihrem kubischen Aufbau tragen diese Kirchen das Gepräge einer eigenartigen Kunstsprache. Die glatten Flächen ihrer Mauern, die Schönheit und Einfachheit ihrer Silhouetten wirken gross und ruhig. Sieht man die konstruktive Grund- lage dieser Bauten näher cm, so entdeckt man ohne Mühe Elemente, die auf ihre byzantinische Abstammung hindeuten. Die grosse Einfachheit dieser Kunstrichtung nähert ihre ästhetischen Grundlagen denjenigen der nordischen Holzbaukunst. Beide sind das Erzeugnis des freien russi- schen Volkes gewesen, welches ungestört seine eigenen Wege gehen durfte. Der Kunstigeschmack, der von allem Dekorativen absieht und sich mit reinen Proportionen begnügt, weist auf einen hohen Kulturstand des Volkes. Nowgorod hatte am meisten von jener ersten Kulturblüte Busslcmds über- *) Diese Kappeln sind auoh ein eigentümliöhes Erzeugnis der russischen Kunst. Qr a bar sdireibt die Tatsache der Zuspitzung der Kuppel lokalen Verh<nissen zu: diese Fotm gab angesichts der grossen Sohneemengen im Winter die bequemste praktische Losung des Kuppelproblems. 22 BiualAnd. nommen, die sich seinerzeit an den Ufern des Dnjepr entfaltet hatte. Dort hatte die russische Kultur bereits eine freie Staatsverfassung, ein humanes Strafrecht ^) und eine reiche Poesie geschaffen. Eine freie Kunst wurde, wie wir wissen, im siidlichen Bussland nicht geschaffen. Diese kam später als letztes Erzeugnis dieser Kultur auf dem Boden Nordrusslands auf. Die Kunst des zweiten Zentrtuns von Nordrussland — Wladimir an der Kljasma — unterscheidet sich in dieser Zeit von derjenigen Now- gorods durch eine grössere Eleganz und Zierlichkeit; die glatten Flächen werden hier durch dekorative Muster verziert. Die schönsten Beispiele dieser Art sind die Dimitri Kathedrale zu Wladimir und die Kirche des „Mantels Maria'' (Pokrow) an der Nerl. Auch der Baustil von Nowgorod wurde gegen Ende des XIV. namentlich aher im XV. Jahrhundert durch neue dekorative Elemente bereichert.') Sie stammten aus der dekora- tiven Kunst des romanischen Stüs. Nowgorod war bis ins XV. Jahr- hundert hinein eine freie Hcmdelsstadt und stand in regem Verkehr mit westeuropäischen Hansastädten; diese Tatsache machte sich auf dem Gebiete der Kunst durch Importier ung romanischer Einflüsse geltend. Wir sehen solche an der Dekoration der Kirchen in Fülle auftreten. Manches romanische Dekorationsmotiv (wie das der Bogenfriese) gewann in Bussland allgemeine Beliebtheit. Romanische Motive wurden später auch in dekorative Formen der Baukunst von Moskau aufgenommen. Im Laufe des XIV. und XV. Jahrhunderts hatte sich das Fürstentum Moskau allmählich gestärkt und erweitert. Im XVI. Jahrhundert war Moskau endgültig zum politisch-kulturellen Zentrtun Busslands geworden. Kunstrichtungen, die in Moskau vorherrschten, verbreiteten sich auch über das ganze Land. Schon im XV. Jahrhundert hatten die Moskauer Fürsten begonnen, ihre Residenzstadt mit prächtigen Kirchen zu schmücken. In dieser Zeit sind die Kathedralen entstanden, welche bis jetzt den Kreml von Moskau schmücken.') Es sind Werke italienischer Meister, ihr Stil zeigt jedoch deutlich, von welcher Kunst sie abstammen: es ist die letzte Blüte des Byzantinismus auf russischem Boden. Der byzantinische Stil tritt zwar an diesen Bauten in sehr veränderter russifizierter Gestalt auf, vielerlei andere Einflüsse sind hier neben dem Byzantinismus nachzuweisen, daneben aber gar keine Neuerungen, welche von den italienischen Baumeistern her- rühren würden. Sie waren verpflichtet, sich genau an den Stil zu halten, ^) Das Qesetzbuoh Altrusslands, die „Russkaja Prawda'*, kennt keine Todesstrafe. Die höchste Strafe, die es nennt, ist das Exyl und die Güterkonfiskation. ') Beispiele dieser Richtung: Feodor Stratilat, Johannes der Apostel (beide XIV. Jahrhundert). ') Der Artikel war bereits verfasst, als von Moskau die Nachricht kam, der Ejeml sei bei den letzten Strassenk&mpfen stark beschädigt, auch die alten Kathedralen sollen dabei gelitten haben. Biuttflche BaukniiBt 23 der sich auf russischem Boden entwickelt hatte; somit schufen sie auch Bauten vom gleichen Typus, wie sie im Xm. und XIV. Jahrhundert von einheimischen Baumeistern in Wladimir errichtet wurden. Der Zweck der Heranziehung fremder Meister war ein rein technischer. Die Tataren- invasion hatte die Kultur des mittleren Busslcmds stark beeinträchtigt. IMe Katastrophe hatte die Entfaltung der gesamten russischen Kultur gewaltsam unterbrochen; man merkt ihren Einfluss auch in der Baukunst. Ganz charakteristisch lauten Berichte der Chronisten über die Erbauung der Kathedrale der Himmelfahrt Maria zu Moskau. Zunächst hatten russische Baumeister deren Ausführung übernommen und der Bau wurde 1472 angelegt. Jedoch war das technische Köimen dieser Meister ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Man hatte in den traurigen Zeiten der Tataren- herrschaft zu Moskau verlernt, Steinbauten auszuführen. Der Mörtel wurde, wie sich der Chronist naiv ausdrückt, „nicht klebrich genug'' zubereitet. Und die Folgen der technischen Unwissenheit kamen bald zu Tage: die nördliche Mauer des Baues und ein Teil der westlichen stürzten ein, bevor die Arbeit zu Ende geführt war. Der Fürst zog nun vor, keine Nowgoroder, sondern fremde Baumeister einzuberufen. Der erste, welcher nach Bussland kam, war der in Bussland berühmte Bolognese Aristoteles Fioraventi, der im Jahre 1475 in Moskau eintraf. Er musste das ganze Werk seiner russischen Vorgänger zerstören und führte den Bau neu auf. 1478 war die Kathedrale vollendet. Das Gesamtbild vom Moskauer Kreml fesselt den Beschauer durch die malerische Schönheit seiner byzantinisch-russischen Konstruktionen, ihre glatten weissen Mauern wirken ruhig und monumental. Wie Flammen von Biesenkerzen schimmern ihre Goldkuppeln an hellen Sonnentagen im blauen Himmel. Verlässt man aber den Krenü, um durch die Strassen von Moskau zu wandern, so sieht man einen ähnlichen Stil an andern städtischen Kirchen nicht. Alle gehören in eine spätere Epoche, und nur die ältesten unter ihnen reichen in ihrer Entstehungszeit bis ins XVI. Jahrhundert hinauf. Im XVI, Jahrhundert merken wir an den Moskauer Bauten eine ausgesprochene Stilwandlung. Im XVII. Jahrhundert hat der neue Stil den herkömmlichem bereits gänzlich verdrängt. Im XVI. und XVn. Jahrhundert hatte die Moskauer Kunst eine mächtige ausgesprochene Beeinflussung von seiten der Holzbaukunst erlebt. Der neue Baustil ent- faltete sich reich und marmigf altig. In Moskau^ und Umgebung wurden viele neue Kirchenbauten errichtet; ihre Formen zeigen wie sehr damals das Motiv des Zeltes beliebt war (als Beispiele seien hier die Irenen- kirche zu Moskau, die Kirchen von Kolomenskoje und Djakowo imweit Moskau genaimt). Es war nicht mehr die absolut einfache Kunstsprache der nördlichen Baukunst. Die Form des zeltkuppeligen Zentralbaues weicht in^Moekau vom Urtypus der Holzbauten beträchtlich ab, sie wird durch 24 BoBsiMid. manoh neues dekorative Mativ {me das der Dreiecken und der Schnppen- flchilder) bereichert, die Kirchen \v^rden überhaupt reicher dekoriert nnd mit zahlreichen Anbauten Vergehen. Der neue Stil der Moekaui^ Baukunst entfitand nicht allein au6 der Vereinigung herkömmlicher Formen mit Motiven der Hcdzbaukun&t. E2b kamen nooh vielerlei andere Binfltteee hini^, i^che zum Teil ausgeeproohen orientalifiche Ztige an eich trugeiu IVotzdem war dieser Stil ursprünglich noch edel tuid im aUgemeinen einfach, darin auch dem alten russisch-byzantinisöhen Stil verwandt. Diese Einfach- heit sollte aus der russischen Baukunst bald verschwinden. Eine tief- greifend^e Veränderung kam in einer andern Kunstrichtung zum Ausdruck. Unter den Moskauer Bauten des XVI. Jahrhunderts fällt besonders eine durch üire eigentümlichen Bauformen auf. Es ist die berühmte Kirche „des Mantels Maria'* (Pokrow) am Boten Platz zu Moskau, die später auch dem heiligen Wassili geweiht wurde; sie wird gewöhnlich ,,Wassili Blaschenny*' genannt. Ihr Baustil ist seltsam phantastisch und wirkt auf den Beschauer ganz bizarr. Elf der Gestalt und Grösse nach verschiedene, verschieden dekorierte Kuppeln krönen den Bau. Aus ihrer Mitte erhebt sich eine steile zentrale Zeltpyramide, auch diese trägt oben eine kleine Kuppel. Entsprechend der AnziüU d^ Kuppeln geht die Gliederung des Baues bis ins Untergeschoss, das Ganze gewinnt dadurch den Anschein von einem malerischen Büudel verschieden grosser phanta- stischer Türme — ein Gebäude, das mehr in die Märchenwelt, i^ in die Wirklichkeit zu gehören scheint. Nie vorher hatte die russische Batikunst eine so unbändige Prunksucht gezeigt. Wassili] Blaschenny ist eine ganz neue Erscheinung, das Erzeugnis eines veränderten künstlerischen Geschmack» und einer veränderten Weltauffassung. Die neuen ästhetischen Wirkungs- mittel zeigen keinen Einklang mit denjenigen der früheren russischen Kunst. Ln XVI. Jahrhundert war die Veränderung noch nicht abge- schlossen. Vielmehr steht Wassili] Baschenny unter den erhaltenen Mos- kauer Bauten dieser Zeit noch vereinzelt da. Wir wissen jedoch aus literarischen Quellen, dass zum Beispiel die Bdäste Iwan IV. (unter dessen Herrschaft Wassilij Kaschenny errichtet wurde) gerade so bizarr und überreich au^^ftihrt waren. Wassilij Blasoheuny ist für seine Zeit höchst chariAi;eristisch ; die Kunstrichtung, die an diesem Bauwerk ihren glänzendsten Ausdruck fand, gibt ein anschauliches Bild von ästhetischem Geschmack der Zeit : es ist ein Hang zum barbarischen P^unk» zum über- triebenen Reichtum im archetiktonisohen Detail und im d^orativen Schmuck. Der merkwürdige Bau gibt bereits die Richtlinie an, in der sich die Kunst weiter entwickeln sollte : er ist «un Vorabend des r nsrischen Barock entstanden. Im XVH. Jahrhundert begumt auf dem Boden der mssischeli Bau- kunst em neuer aus dem Westen stanüniender Einfluss spürbar zu werden» Bossifldie BsukimBt. 25 ^^ Eb 18t für die ganze Entwicklimg der rnssiBchen Baukunst charak- teristisch, dass sie sich stets nur ganz bestimmten Einflüssen gegenüber empfänglich zeigt. So stand sie lange Zeit unter byzantinischem Einfluss. Darauf ging sie mehr ihre eigenen Wege, fand ihr eigenes Wesen und entfaltete ihr sdibst&ndiges Können. Seit dieser Zeit war sie fremden Einflüssen gegenüber seht wählerisch geworden. Sie entlehnte einige amamentale* VeMierungen aus dem romanischen Stil, sie nahm manch orientalischen Zug aus der Kunst der benachbarten Länder — Persien und Armenien. Sie blieb aber jeder Beeinflussung von seiten der gothischen Kunst stets abhold. Und der Grund dafür ist nicht nur in der Schwierig- keit des Verkehrs mit dem Westen zu suchen; wir haben darin die Tat- sache eines tiefgreifenden Unterschiedes des ästhetischen Empfindens ver- schiedener Völker. Die Gothik mit ihrer konstruktiven Logik, der Energie ihres hinaufstrebenden Gefühls und ihrer abstrakten Phantastik blieb dem anschaulicheren Wesen des religiösen Gefühls des russischen Volkes in ihrer Grundlage fremd. Wir finden in Bussland bedeutend mehr Spuren der westlichen Benaissancekunst, obwohl ihr Wirkungskrds (wie dasjenige des romanischen Stils) sich vorwiegend auf die dekorative Kunst beschränkt. Ein Emfluss, der tiefer wirbln sollte, kam vom Westen im XVu. Jahr- hundert: es war der Einflusa der Barockkunst. Das prunkvoll Unruhige des russischen Barockstils ersetzte von nun an die würdevolle Buhe des russischen Byzantinismus; es verdrängte auch die Prinzipien der schlichten Proportionalität der originellen Holzbaukunst. Neue Bauten wuchsen in bizzarem Beichtum empor, sie erhielten eine mannigfaltige äussere Gliederung, die ruhigen Flächen wurden durch ein reiches Spiel von licht und Schatten ersetzt. Der russische Barockstil ging zwar von den Über- lieferungen des Steinbaues und der Holzbaukunst aus, aber die Buhe aller früheren Stile löste sich in Prunksucht auf: unendlich reich wird die dekorative bewegte Gliederung der neuen Bauten. Auch dort, wo sie noch eine Spur der Zeltanlage beibehalten haben, verschwindet die strenge Grundlinie des Zeltes in Ecken und Vorsprüngen, in der reichen Abwechs- lung von übereinander angelegten Stockwerken, in spitzenartigen Mustern der Dekorationen. Die gleiche Prunksucht sahen wir bereits an einem Denkmal des XVI. Jahriiunderts, an Wassilij Blaschenny, auftauchen. Und jenes Bauwerk hat trotz aUer stilistischen Verschiedenheiten eine grosse geistige Verwandt- schaft mit Bauten des russischen Barockstils. Die Baukunst dieser Zeit wählte eme überreiche Formensprache, sie konnte sich mit der grossen Buhe der sohimen Proportionen und monumentalen Flächen nicht mehr begnügdn. Der westeuropäische Barockstil gab üir dekorative iV^men, die ihrem innereii Besteeben entsprachen. Nun wandte sich die russische 26 BossUnd. Baukunst ungezwungen und frei diesen Formen zu, um aus ihnen ein neues aufzubauen, den vom westeuropäischen so verschiedenen russischen Barockstil. Wie eigenartig, wie schön einzelne Werke des russischen Barockstilß auch sein mögen (als Beispiel sei die prächtige Kirche von PhiU bei Moskau erwähnt), die naive Vorliebe fiir überladenen Reichtum ist doch die Andeutung eines sehr veränderten ästhetischen Empfindens. Dahinter stecken tiefer greifende kulturelle Veränderungen. Die Kunst der vorangehenden Epoche war die Kunst eines freieren Volkes gewesen. Sie hatte sich im Schatten der Wälder des freien Gebietes von Nowgorod entfaltet. Moskau, das sich vom Tatarenjoch befreit hatte, wurde inzwischen zu einer unbeschränkten despotischen Monarchie. Moskau unterwarf sich allmählich die übrigen Teile Busslands, unter anderem auch das freie Nowgorod. Kultur und Sitten, Poesie und Kunst — alles musste im despotischen Zarenreiche neue Formen annehmen. Wir können die erste Blüteperiode der originellen russischen Baukunst mit der originellen Holzbaukunst als Erzeugnis jener freieren vormosko- witischen Kultur betrachten. Ihre zweite Blüteperiode — der Barockstil — war eine Schöpfung der reicheren imd weniger humanen Kultur des Moskauer Zarenreiches. Darum tragen auch die Werke dieser Richtung ein augenscheinlich barbarisches Gepräge, welches besonders auffällt neben der Feinheit und Einfachheit der ästhetischen Mittel der älteren russischen Baukunst. Die Reformen Peters des Grossen bedeuteten das Ende der selbständigen russischen Kirnst. Der Reformator Russlands wollte sein Reich mit einem Schlage verändern. Alle äusseren und inneren Formen des Lebens sollten neugestaltet werden, das Alte, das Herkömmliche war dem Zaren verhasst. Verhasst war ihm unter anderem auch die alte Moskauer Architektur. Somit wurde der einheimischen Baukunst nicht nur jede materielle und moralische Unterstützung entzogen, es wurden ihr allerhand Verbote in den Weg gelegt. Für ihre Entwicklung bedeutete dieser Umschwung eine gewaltige Katastrophe, die fataler war, als selbst die Tatareninvasion. Noch nie vorher ist in Russland so viel gebaut worden wie unter Peters Regierung. Der Zar baute sich ja eine neue Hauptstadt — Petersburg — an den Ufern der Newa auf; diese Stadt sollte ein Symbol des reformierten Landes werden. Die ganze Bauleitimg wurde anfangs aus- ländischen Architekten überlassen. Peter bemühte sich dabei, wohl die besten Kräfte heranzuziehen. (Unter anderen wurden der bekannte deutsche Architekt und Bildhauer Andr. Schlüter, der Italiener Domenico Trezdni Ruaisolie Baakanit. 27 und der Franzose Lebion nach Petersburg berufen). Ihre Aufgabe war, ilem europaifiierten Bussland ein europäisiertes Kleid überzuwerfen. So brachten auch die westlichen Baumeister nach Bussland jenen Stil mit, ^er damals in Europa vorherrschend war. Die neue Hauptstadt wurde mit Barockbauten geschmückt. Es war aber nicht mehr der russische Barockstil, es war eine reine nicht veränderte Wiederholung des Stiles, das jetzt schon längst in die Vergangenheit gehört — jenes Busslands der Leibeigenschaft, dessen Blüte bereits vorüber war, als im Jahre 1861 die Bauernbefreiung kam. Jetzt verschwinden allmählich diese Anlagen» die so hohen ästhetischen Wert besitzen und von so grossem historischem Interesse sind : sie gehören nicht mehr ins moderne Leben. Der Klassizismus war der letzte Baustil, der sich auf russisdbem Boden entwickelte. Er hatte auch auf dem Gebiete offizieller Bauten ganz her- vorragende Werke geschaffen. Es waren die grossen öffentlichen Bauten von Petersburg und Moskau, deren Entstehung mit den Namen der grossen russischen Baumeister verbunden ist. An ihrer Spitze steht der ausser- ordentlich begabte Baschenow (1737 bis 1799), der erste grosse Architekt im nachpetrowBchen Bussland. Das eigenartige, was er in die russischen Baukunst hineinzubringen wusste, war eine ausserordentUche Grösse, eine kühne Grosszügigkeit der gewaltigen Pläne, welche von einem ungeheuren Aufschwung der Phantasie Zeugnis geben. Von seinen Plänen gelangte nur weniges zur Ausführung, er hatte aber der russischen Baukunst einen Schwung gegeben, der auch den Grundzug des Schaffens seiner Nach- folger bildete. Unter diesen erwähnen wir den moskau^ Architekten Kasakow (1783-^1812), den Erbauer des schönen Palastes vom Grafen Bumjanzew zu Moskau (heuzutage ist das Gebäude in ein Museum verwandelt) — einer der schönsten Bauten der alten Hauptstadt, und Woronichin (1760 — 1814), der zu den bedeutendsten Baumeistern von Petersburg g^ört; sein Stil war streng klassisch und steht in direkter Beziehung BoflBiBoiM Banknnat 29 ZU Schopf ungen altgrieohischer Kunst, deren Prinaipien dieser Baumeister ins kolossale fibertragt. Beide sind typisch: Easakow, der anmutigere, weichere, phantasiereichere für die freiere Art der Moskauer Architektur, der strengere, kältere und grosszugigere Woronichin für Petersburg. Der Klassizismus von Moskau weicht bedeutender von Werken der westeuropaischen Kunst ab, als der Klassizismus von Petersburg. Die ganze Bichtung erhalt in Moskau einen anmutig- weichen und freien An- strich. Die ursprüngliche Strenge des Stiles geht hier in Gemütlichkeit auf. Privathäuser der klassisistisch^n Richtung, die von Moskauer Architekten geschaffen wurden, sind dadurch besonders reizvoll, dass sie stets ganz individuell wirken. Der Petersburger Klassizismus wirkt viel allgemeiner, dabei aber auch viel strenger und stilgetreuer. Petersburger Architekten übertragen den Klassizismus ins Grandiose. Keine Stadt der Welt besitzt so mächtige Werke dieses Stiles wie Petersburg. Peters Stadt erhielt erst durch den Klassizismus ihre definitive Gestalt, als strenge, kalte, grossartige Bauten von grauem Granit aus ihrem sumpfigen Boden empor- wuchsen. In diesem Werken haben Petersburger Archikteten ihre kühnsten Träume verkörpert. Der russische Klassizismus, dessen Entstehungszeit ins XVlil. Jahr- hundert fällt, beherrschte auch das erste Drittel des XIX. Jahrhunderts. Dann beginnt sein Untergang. Die langweiligen Bauten, die noch ferner im gleichen Stil errichtet wurden, kennzeichnen seine Degeneration. Es sind physionomieloae Gebäude eines indifferenten allgemein klassizistischen Stils. Man kennt in Bussland nur zu gut ihre lang gezogenen Fassaden mit weissen Säulen in der Mitte, die sich nur blass g^gen den gelb gestrichenen Hintergrund abheben. Diese Form wurde unendlich oft in allen Ecken Busslands an Spitälern, Wohltätigkeitsanstalten und Amts- gebäuden unzählige Male wiederholt. In diesen Formen musste der klassizistische Stil sich selbst überleben. Weniger Interesse hat für uns die gleichzeitige religiöse Baukunst : sie lehnt sich im allgemeinen (an manchen Bauten aber auch in allen Einzel- heiten) an westeuropäische Muster an, vorwiegend an die Formen der italienischen Spätrenaissance. Die schönsten Beispiele dieser Bichtung sind die Petersburger Kathedralen Lssaldjewski und Kasanski. Zu Anfang des XIX. Jahrhunderts wurde der Versuch gemacht, einen neuen byzantini- schen Stil zu schaffen, ein Denkmal dieser Bichtimg ist die wenig gelimgene Kathedrale des Heilandes zu Moskau, nach deren Muster viele andere Kirchen errichtet wurden. In unserer Zeit hat sich noch kein einheitlicher russischer Baustil herausgearbeitet. Doch merkt man in den letzten Jahren im Schaffen junger Architekten immer mehr das Streben aus den Quellen der alt- russischen Kirnst zu schöpfen, inuner mehr Interesse für die selbständige 80 Rnsgland. Baukimst des nördlichen Bufislands in dessen erhaltenen steinernen und hölzernen Denkmälern. Dies heute so» veränderte junge revolutionäre Bussland wird wohl auch seine eigene Baukunst schaffen, wenn die Unruhen und Wirren vorüber sind, und die kulturelle Arbeit mit neuen Ejräften neu begonnen wird. 2. Die russische religiöse Die russische Kirche verhielt sich den beiden Schwesterkünsten gegen- über, welche im mittelalterlichen Westeuropa Hand in Hand die Werke der kirchlichen Architektur zu verschönern pflegten, von jeher ganz ver- schieden. Die Malerei wurde in der russischen Kirche nicht nur geduldet, — sie wurde sogar zu einem nicht unwichtigen Attribute des Kultus erhoben; dagegen nahm das religiöse Gefühl Anstoss an jeder plastischen Wiedergabe heiliger Gestalten. Die russische Kirche war darin Erbin byzantinischer Traditionen. Ein tiefgreifender Gegensatz besteht in diesem Punkte zwischen der christlichen Kunst von West- und Osteuropa. Im Westen bemühte sich zunächst die romanische, später die gothische Kunst, den Kultusbauten neben malerischem auch plastischen Schmuck zu geben. Die bj^antinische Kunst hatte im Gegenteil eine Zeit erlebt, wo selbst die IMalerei aus Kirchen vertrieben wurde, ihre Abneigimg gegen plastische Heiligenbilder blieb im ganzen Laufe ihrer Entwicklung unverändert. Das gleiche Gefühl finden wir auch auf russischem Boden wieder. Lokale Ver- hältnisse trugen noch dazu bei, es zu verstärken: die christliche Religion musste in Bussland einen langen Krampf gegen das Heidentum bestehen, das Hauptsymbol des heidnischen Glaubens waren aber plastische Götzen- bilder. Es war im Kleinen der gleiche Kampf, den einst das junge Christen- tum gegen hellenistische Götterbilder geführt hatte, die Erinnerung an diesen lebte ja auch in Byzanz noch immer fort. Den orthodox-gläubigen Bussen ist bis jetzt ein plastisches Heiligen- bild zu sehr Fleisch und Blut. Der gleiche Zug geht durch die ganze historische Entwicklung der russischen Kunst. Selbst die reichsten Kirchen der alten Hauptstädte — Kiew und Moskau — entbehren vollkommen des plastischen Schmuckes. Es lässt sich ein solcher nur in verschwindend wenigen Ausnahmefällen nachweisen und auch das eher in Gestalt einer orna- mentalen Dekoration. Werke statuarischer Bundplastik sind ia altrussischen Kirchen gar nicht zu finden. Erst im „nachpetrischen'' Bussland wurde die Bildhauerei neben der Malerei für die Ausstattung der Kirchen verwendet. Die Kirchenplastik war aber eine von auswärts importierte Pflanze, die nicht natürlich aus dem einheimischen Boden gewachsen war. Der Skulptur- Die rnsaiflche religiSte Malerei. 31 Bchmnck beschränkt sich bis jetzt auf wenige offizielle Prunkkirchen des XVm. und XIX. Jahrhunderts, er findet keinen Zutritt in jene kleinen Kirchen, welche von den Mitteln der Gemeinden selbst in Dörfern und Städten errichtet werden. Dafür war und bleibt die Malerei ein unentbehrlicher Bestandteil des inneren Schmuckes der Kirchen. Historische Quellen berichten, dass alte Kirchen ursprünglich von Heiligenbildern („Ikoni'') ganz überfüllt waren. Aus dem Bedürfnis nach möglichst reichem malerischem Schmuck entstand (wie angenommen wird, erst im XV. Jahrhundert)^) der „Ikonostas'' — eine richtige Scheidewand, welche den Altar von der übrigen Kirche trennt. Diese Wand ist aus mehreren übereinander gestellten Beihen von Ikonen gebildet. Der Altar der russischen Kirche ist voll- ständig von der übrigen Kirche abgeschlossen. Ist die grosse „Zarenpforte'', die sich in der Mitte vom Ikonostas befindet, geschlossen, so sehen die Gläubigen nicht, was im Altarraum geschieht, nur Rufe des Priesters bringen ihnen davon Kunde. Dib Bemalung des Ikonostas, die Verteilung der Themata auf die einzelnen Bilderreihen, aus denen er sich zusammensetzt, unterliegt bestimmten Regeln; diese sind im Laufe der Zeit beinahe kanonisch geworden. Jedoch bildet der Ikonostas mit seinen zahlreichen Tafelbildern nur eiaen Teil der malerischen Ausstattimg russischer Kirchen. Wir sehen daneben eine reiche Freskobemalung der Wände, oft auch der Decken. Die !EVeskomalerei entwickelte sich in Russland parallel der Tafel- malerei und beide Kunstzweige hatten von ihren Anfängen an rein religiösen Charakter. Auch die russische Malerei ist aus der byzantinischen entstanden. Anfangs war sie auch bloss eine von Byzanz nach Russland verpflanzte Kunst. Das junge Kiewsche Russland hatte auch auf diesem Gebiete nichts Selbständiges geschaffen. Erst nach der Katastrophe der Tatareninvasion entwickeln sich in Nordrussland die ersten Anfänge einer selbständigen Malerei. Und zwar im Gebiete von Nowgorod. Ursprünglich war auch die Malerei von Nowgorod, ebenso wie die Baukunst, rein-bj^antinisch. Ina XIV. Jahrhundert werden Fresken und Tafelgemalde („Ikonen") immer eigenartiger. Die allgemeine byzantinische Grundlage verbindet sich bereits mit neuen derb-realistischen, dabei aber starken und lebendigen Zügen. Aus den länglich-ovalen byzantinischen Gesichtern treten allmählich rein-russische Gesichtszüge hervor. Die Gesichter werden breiter, rein- national wirken die stark hervortretenden Backenknochen, die breite Stirn, die Stumpf nase. Diese Erscheinung tritt zum Beispiel an den gross- artigen Eresken der Kirchen von Feodor Stratilat und Spass-Nerediza auf. *) Siehe Grabar, ,J)ie Oeeohichte der russischen Kunst'* (russisoh). 32 ]hiflfttelid. INe Entdeokang des nationalen Typus bildete die erste Etappe der selb- ständigen Entwiokelxuig der russischen Malerei. Jedoch folgte ihre weitere Entwickelnng d^ Richtong nicht, welche von den Nowgoroder Meistern eingeschlagen war. An der Grenze des XIV. und XV. Jahrhunderts blühte zu Moskau eine ganz aiidere Kunst- richtung auf. Sie fand ihren vollkommensten Ausdruck im Schaffen des Moskauer Mönches Andrej Rublew. Seine Werke weisen einen neuen mystisch-symbolischen Zug auf, der in der Weiterentwickelung der rus- sischen Kunst eine grosse Bolle spielen sollte. . Andrej Rublew (f 1427 oder 1430 „in hohem Alter", wie sich der Chronist ausdrückt) ist der bekannteste russische Maler der Zeit vor Peter dem Grossen. Er ist auch tatsächlich einer der grössten Künstler Russ- lands gewesen. Seine Kunst fand schon bei den Zeitgenossen Hochschätzung und Anerkennung. Nicht geringer war sein Buhm bei den Nachkommen. Zeitgenössische Quellen schreiben dem Pinsel Rublews mehrere monu* mentale Arbeiten zu, von ihm gemalte Ikonen und Fresken werden erwähnt. Seine Fresken sind aber leider alle entweder zerstört oder bei Reetaurations- versuchen völlig unkenntlich gemacht. Aus den erhaltenen Resten Hesse sich kein richtiges Urteil über den Charakter seiner Kunst bilden. Rublew wäre für uns ein blosser Name geblieben, wenn durch glücklichen Zufall nicht ein sicheres Original werk von seiner Hand erhalten wäre. Es ist ein Tafelgemälde, — die Darstellung der heiligen Dreifaltigkeit. Der russische Meister malte die Dreifaltigkeit in Gestalt von drei jugendlich schönen Engeln, die an einer symbolischen Tafel sitzen. Die drei Gestalten sind würdevoll, ernst, von einem Hauch feierlicher, erhabener Heiligkeit um- weht, von einem tief-mystischen Empfinden durchdrungen. Die Kom- position ist streng symmetrisch : eine Figur in der Mitte, ihr zu Seiten die beiden anderen. Trotz der strengen Symmetrie wusste der Künstler jede Härte zu vermeiden. Die leise Kopfneigung des mittleren Engels gibt dem Ganzen etwas Müdes. Alle drei Figuren sind in schönen sanften linien modelliert, in breite, einfache und zugleich feierliche Gewänder gehüllt. Das feine dekorative Gefühl der byzantinischen Kunst kommt in der kunstvollen reichen Faltenbehandlung zum Ausdruck. Aber die symbolische Sprache der russischen Kunst hat hier bereits neue Töne gefunden, welche sie von der byzantinischen Mutterkunst loslösen : sie ist menschlicher, milder, lebendiger und wärmer ; der nüchternere byzantinische Symbolismus ist hier zu einem innig erlebten mystischen Gefühl geworden. In einer ganz neuen Art durchgeistigt sind die wundervollen Gesichter, in denen der Künstler das Göttliche zu erleben wusste, und für sein Erlebnis ein adäquates Symbol gefunden hatte. Dieser bis dahin in der russischen Kunst noch unbekannte Reichtum des Gefühls lässt an eine andere, an eine ganz verschiedene und doch so verwandte Kunst denken — an die Die nmifldie religiOae MalereL 33 Anfänge der Benaifisance in Italien. Aber der Moskauer Mönch ist ebenso originell in seinem Werke wie die ersten italienischen Benaissancemaler. Dieses einzige erhaltene Bild ^) genügt, um eu sehen, wie gross der Künstler gewesen sein muss, der eine so vollkommene känstlerische Verkörperung fiu: seine religiöse Anschauung gefunden hatte. Das Schaffen Rublews bedeutete den Anfang einer Blüteperiode der russischen Malerei, welche das XV. Jahrhundert umfasst. Beide Kunst- zweige — die Tafelmalerei („Ikonen'") und Freskomalerei — entwickeln sich in der Richtung, welche im Schaffen Rublews bereits angedeutet war. Die Kunstsprache bleibt formell noch immer byzantinisch, und trotzdem ist diese Kunst eine ganz eigenartige Schöpfung des russischen National- g^nies : das Gefühl, welches in diesen Schöpfungen zum Ausdruck kommt, zeugt von einer ausgeprägten psychischen Eigenart. Die mildere Kunst- sprache der byzantinischen Kunst der Zeit der Paleologen wird hier noch gemildert. Jedoch weichen die russischen Meister in einer anderen Beziehung von der neuen byzantinischen Kimst ab : die naturalistischen Tendenzen der byzantinischen Malerei des XV. Jahrhunderts bleiben ihnen fremd. Sie schaffen weiter in der Richtung, die durch das Werk Rublews ge- geben war. Es entstehen in dieser Zeit auf russischem Boden Schöpfungen von grosser Innigkeit des religiösen Empfindens. Dem inneren Erlebnis entspricht eine idealistische stilisierende Farmsprache. Immer deutlicher wird das Streben nach Schönheit der Linien und Farben. Die Malerei steht auch auf dieser Stufe dem Byzantinismus bedeutend näher, als die Baukunst. Diese charakteristische Tatsache hat, wie wir sehen werden, tieferliegende Ursachen gehabt. Einen Abschluss der Blüteperiode der russischen Malerei im XV. Jahrhundert bildet das Schaffen des berühmten Freskomalers Dionissij. Sein Wirken fällt grösstenteils ins Gebiet von Nowgorod; er soll aber auch einige bedeutende Arbeiten in Moskau ausgeführt haben; letztere sind leider nicht erhalten. Dionissij war ein hochbegabter Maler. Er besass ein feines Gefühl für das stilistisch Dekorative. Seine Farben sind reich und gesättigt. Er ist wohl weniger tief als Rublew, dafür ist sein Schaffen feierlicher und lebensfroher. Neben einem ausgesprochenen Farbensinn scheint dieser Meister ein bewusstes Verständnis für die Wirkung der Linien als solcher besessen zu haben. Auch zeigen seine Werke ein Streben nach formaler Schönheit; dieses tritt bei ihm bereits als Selbstzweck auf. Dabei wirkt sein Schaffen jedoch niemals ausschliesslich formal. Den individuell ver- 1) I>ie „Dreifaltigkeit" von RuUew befindet eioh in der Eloeterkirche dee Dreif altigkeite - SergioskloeteiB (IVoIzko-Sergiewski) bei Moskau. Man kann vom Werk leider nur die drei Geeichter sehen, da die übrigen Teile naoh ruasisofaer Sitte von einer MetaUverkleidung bedeckt sind. Wir besitsen jedoch gute Photographien von diesem Werk. 34 Busaland. arbeiteten Formen des byzantinischen Stiles versteht dieser Meister stets einen tief erlebten religiösen Inhalt zugrunde zu legen. Zu den bedeutendsten erhaltenen Werken dieses Meisters gehört die Bemalung des Ferapontow-Elosters im Gebiete von Noivgorod. Dionissij stellte in den Wandfresken dieses Elosters Szenen aus dem Leben Christi, Maria mit dem Kinde und einzelne Heilige dar. In diesen umfangreichen Arbeiten vermochte er sein stilistisches Können mit besonderem Glanz zu zeigen. Das Schaffen von Dionissij gehört bereits dem Ende des XV. Jahrhunderts an. Das XVI. Jahrhundert büdet einen Wendepunkt in der Entwickelung der russischen Malerei. Die Kunst gewinnt immer mehr handTverksmässige Züge, die Arbeit der Künstler wird vielfach mechanisiert. Ikonen werden immer reicher und prunkvoller ausgeführt, — der barbarische Geschmack des Moskauer Zarenreiches macht sich auch in der Malerei bemerkbar. Ikonen werden allmählich zu dekorativen Mustern und nur noch leise klingt in diesen Werken die Erinnerung an die hohe Kunst Bublews nach. Besonders unheilvoll scheint in dieser Epoche die Einmischung der Be- gierung auf das künstlerische Schaffen eingewirkt zu haben. Die Begierung gab den Künstlern ästhetische Vorschriften, sie beschränkte in jeder Richtung ihre Freiheit. Auch die Freskomalerei dieser Zeit musste sich verändern. Fresko- maler streben jetzt nach inhaltlichem Reichtum. Nicht ohne Wirkung auf die letzte Blüte der alt-russischen Wandmalerei blieb der Naturalismus der spät-byzantinischen Kunst: wir finden in russischen Fresken die gleiche Freude an der Wiedergabe naturalistischer Einzelheiten wie in ByzcuQz. Daneben macht sich aber in beiden Kunstzweigen der politische Druck auch inhaltlich immer deutlicher bemerkbar: wir sehen in dieser Zeit auf Ikonen und Fresken^) eine neue Gatttmg der religiösen Malerei auftauchen, — die Allegorie, die sich oft mit politischen Tendenzen verbindet. Neben Allegorien aus der Bibel, vorzugsweise aus der Apokalypse, oder bildlichen Darstellungen von Gebeten (beides ist in der russischen Malerei dieser Zeit sehr beliebt) entstehen im XVI. und XVII. Jahr- hundert Werke, in denen das politische Element entschieden das Religiöse verdrängt. So stellt beispielsweise ein Bild des XVII. Jahrhunderts einen allegorischen Baum dar, welcher von den Moskauer Grossfürsten und Metropoliten gepflegt wird, an dessen Zweigen Bildnisse der Zaren und Patriarchen die Blüten ersetzen.') ^) Zahlreiche Beste von Malereien des XVI. Jahrhunderts lassen sioh in den Moskauer Eirohen nachweisen. ') Dieses Werk gehört dem Pinsel von Semen Usohakow und befindet sioh in der Kathedrale der Himmelfahrt Maria sni Moskau, Die TDBsiflche religiSse Malerei 35 Die Kunst des XVll. Jahrhunderts wird noch prankvoller und zeigt eine noch weitergehende Vergröberung der Kunstsprache. Zwar entstehen auch noch in dieser Zeit nicht unbedeutende Werke der Freskomalerei (namentlich in Nordrussland in Kirchen vom Gouvernement Jaroslawl), im allgemeinen merkt man aber ein ausgesprochenes Sinken der Kunst. Der Druck, welchen die Regierung auf die Kunst ausübt, ist noch stärker geworden, als im XVI. Jahrhundert. Die weltliche Gewalt und die geist- liche wollen beide der Kunst ihre Entwicklungsrichtung vorschreiben. Wir wissen bereits vom Verbot des Patriarchen, Zeltkirchen zu errichten. Eine ganze Anzahl Gebote und Verbote begleitete in dieser Zeit die Tätigkeit russischer Maler. Wir kennen ein höchst interessantes Schreiben des Zaren über die Ikonenmalerei, welches vom Jahre 1669 herrührt.^) Es wird darin von den Ikonenmalem verlangt, dass sie sich inhaltlich an die Überlieferung der Kirchenväter und die Bräuche der heiligen östlichen Kirche halten sollen. Sie sollen auch so malen, dass die Gläubigen durch das Anschauen der Ikonen „zur liebe zu Gott und seinen Heiligen angeregt wären, zur Nachahmung ihres gottgefälligen Lebens'^ dass sie „vor den Ikonen stehend eich denken würden, im Himmel zu sein, vor dem Antlitz der Dargestellten selber' ^ Durch dieses Schreiben wird ausserdem eine Kontrolle über die Ikonenmalerei eingeführt: nur diejenigen dürfen Ikonen malen, die der Aufgabe geistig gewach£ensind; Meister, die kein entsprechendes Zeugnis besitzen, dürfen kein religiöses Thema berühren. „Die es aber wagen, dagegen zu handeln, denen sei der Pinsel ganz genommen, und er (sie!) 8ei bestraft, da er den zarischei^ Befehl übertreten hat." Dieses Schreiben ist, nebenbei gesagt, schon dadurch interessant, dass es einen Einblick in die Verhältnisse gestattet, unter denen sich die freie Kunst im Zaren- reiche entfalten musste. Das XVll. Jahrhimdert war eine höchst auf- geregte Epoche im Leben der russischen Kunst. Gleichzeitig mit dem Barockstil waren ins Zarenreich westeuropäische Richtungen der Malerei eingedrimgen. Viele westeuropäische Maler siedelten nach Moskau über. Auch einheimische Meister schlössen sich ihnen an, und es entstand eine europäisierende Malerschule, an deren Spitze der begabte Hofmaler Semen Uschakow stand. Es entbrannte nun ein erbitterter Streit zwischen den Aohängern der alt-russischen Malweise und den Vertretern der euro- päisierenden realistischen Richtung.^) Für die letzteren ergriffen auch der Zar und der Patriarch Partei. Das obenangeführte Schreiben zeigt, wie energisch dabei vorgegangen wurde, welche Kontrolle über die Malerei ^) AjDgeführt bei Kondakow in seinem Bache »J)er gegenwärtige Zustand der volks- ttjmliohen rassischen Ikonemnalerei'*. ') In Grabars grundlegendem Werke über die russische Kunst findet man eine interessante ZusammensteUung der geschichtlichen Quellen, die diesen Kampf in ein helles licht setzen. 36 BuBsland. ausgeübt wurde. Die Behörden waren in diesem Fall gänzlich auf Seiten der neuen Kunstrichtung, die den weitgreifenden kirchlichen Beformen der Zeit mehr angepasst zu sein schien. Für die Gegner dieser Beformen, für die Anhänger des „alten Glaubens'' gewann die alte Kunst die Bedeutung eines religiösen Symbols . So wurde der Kampf gleichzeitig auf dem religiösen und dem ästhetischen Gebiete geführt. Im kirchlichen Leben führte er^) zu einer tiefgreifenden Spaltung der orthodoxen Kirche. In der Kunst konnten alt-russische und byzantinische Einflüsse nicht vernichtet werden, wenigstens nicht, solange die Malerei ihren religiösen Charakter beibehielt. Selbst die Werke von Uschakow sind von diesen Einflüssen nicht frei, so sehr er sich auch an westeuropäische Vorbilder anlehnen möchte. Eine durchgreifende Umwälzung der russischen Kunst sollte erst zu Anfang des XVlll. Jahrhunderts unter der Begierung Peters des Grossen erfolgen. Überblickt man — von dieser letzten europäisierenden Bichtung abge- sehen — die gesamte alt-russische religiöse Malerei, so fällt eine charak- teristische Tatsache auf: das Vorherrschen eines Einflusses — des Einflusses der byzantinischen Kunst. Es war etwas Grösseres als Gewohnheit, als selbst die mächtige Beeinflussung seitens der Kirche, — eine innige geistige Verwandtschaft war es, die den ästhetischen Sinn des russischen Volkes an byzantinische Vorbilder fesselte. Eine alte Legende erzählt, wie einer der ersten normannischen Fürsten Busslands — der heilige Wladimir — damals noch Heide — nach allen Ländern Boten entsandte, um verschiedene Beligionen kennen zu lernen. Die Boten kehrten zurück und gaben dem Fürsten Bericht über ihre Eindrücke. Den tiefsten, unvergesslichen ästhetischen Eindruck hatten sie von Byzanz aus dem Inneren der Kathedrale der heiligen Sophia mitgebracht. „Wie wir dort hineintraten, sagten die Boten, wussten wir nicht mehr, ob wir uns noch auf Erden oder im Himmel befänden.'' Damit liess sich auch der Fürst für die oströmische Kirche entscheiden, nahm die Taufe an und liess sein Volk (zum Teil auch mit Zwang) taufen. Wie wenig geschichtliche Wahrheit solche Legenden auch enthalten mögen, so sind sie vom kulturellen und vom psychologischen Standpunkte in hohem Grade bedeutungsvoll. Die Kunstsprache des Byzantinismus schien dem religiösen Gefühl des russischen Volkes auf dessen erster Entwickelungsstufe am meisten zu entsprechen. Sie blieb es für die Malerei auch in der Folgezeit, und es gab dafür besondere psychologische Gründe. Der Byzantinismus war Idealen religiöser Askese, die dem russischen Volke eigen waren, adäquat. Höchst charakteristisch ist für diese Ideale die Gestalt des Heiligen, wie sich die religiöse Phantasie in Legenden und Heiligengeschichten der alten und späteren Zeiten diesen malt. ^) Siehe Artikel „Staat und Kirche in Bussland" und »Religiöse Bewegungen in Bassland". (Bed.) Die rnssiflclie religiOee Malerei. 37 Der mssificha Heilige entzieht sich der Welt, als Jüngling flieht er schon das Leben, folgt seinen Visionen fem von Menschen in die Einsam- keit der Wälder. Dort wohnt er allein unter wilden Tieren in Gebet und religiöse Andacht versunken. Die innere Verwandtschaft zieht sich über Byzanz hinaus bis in Wüsten der Thebals und östliche Einsiedeleien des m. und IV. Jahrhunderts nach Chi. Die meisten Begründer grosser russischer Klöster haben der Legende nach ihr Werk auf diesem Gebiete merkwürdigerweise nur mit Wider- willen getan. Sie flohen die Welt, aber diese folgte ihnen bis in die Wildnis des Waldes hinein, störte dort ihre Andacht, verlangte hartnäckig, beachtet zu werden. Nachfolger siedelten sich um die Zelle des Heiligen an: sie wollten ebenfalls ihre Seelen retten, konnten es jedoch nicht selbständig ohne Hilfe tun. Dann kam eine Menge Sünder mit ihren Schmerzen, ihren irdischen Sorgen und Zweifeln, denen auch geholfen werden musste. So geht es den heiligen Theodosiua und Antonius in Kiew, dem heiligen Sergius in den Wäldern des NoMens, den Brüdern Sossima und Ssawati und noch vielen anderen. Gerade ihre Flucht aus dem Leben, ihre religiöse Andacht und ihr Schweigen sind es, die ihnen eine Menge Nachfolger zuziehen. Von „predigend reisenden, Liebe verheissenden" Heiligen weiss die russische Überlieferung viel weniger zu berichten. Weltentzogene, beschauliche, asketische Geister scheinen auf dem religiösen Gebiete das Ideal des Volkes zu sein. Es versteht und liebt sie. Sie sind ihm näher und teurer als offizielle Helden: Mönche und Bischöfe, die an Kampf und Politik Anteil nahmen. Der Heilige muss nur heilig sein, seine Taten sind die religiöse Anschauung und das Gebet. Bis jetzt gibt es in russischen Klöstern Einsiedler, die ihre Brüder verlassen, in Eui- samkeit und strengem Fasten leben. Das Volk verehrt sie schon aus diesem Grunde allein, wie es auch jene Heiligen verehrt, welche sich in Höhlen einmauern Hessen, menschliche Stimme nicht hörten, kein mensch- liches Auge sahen — viele Jahre lang bis zu ihrem Tode.^) Für weltentrückte Lebensideale war die Kunstsprache des Byzantinis- mus eine wirklich adäquate, vielleicht die einzig adäquate. Das Irreale, das Unkörperliche der byzantinischen Kunst hat sich auch die russische religiöse Malerei angeeignet. Es war eigentlich mehr als eine Beeinflussung : die russische Kunst war mit der byzantinischen innerlich verwachsen, vor allem bei der Lösung eines der wichtigsten Probleme der bildenden Kimst — des Problems der Beziehung des künstlerischen Schaffens zur Wirklich- keit. Die byzantinische Malerei ist keine leblos-steife Kirnst, auch sie hat ^) Dostoje^vaki hat in seinem grossen Roman „Gebrüder Karamasow" diese Tatsache batont. Neben der moralisdh verklärten Qestalt des Sossima lässt er einen halbwahnsinnigen Asketen auftreten, der gerade durch seine Askese eine enorm geistige Macht im Volke besitct. 38 Busflland. ihre eigene Evolution durchgemacht. Jedoch behielt sie auf allen Stufen der Entwickelung einige charakteristische Merkmale: die Neigung zur Abstraktion, die Vorliebe für das Symbolische, daneben eine stilisierte Flächenhaftigkeit der Darstellungen. Die byzantinische Malerei bleibt im Grunde genommen stets abstrakt, den Naturalismus kann sie sich nie zum Ideale machen, auch dort nicht, wo sie im Laufe ihrer Entwicklung diesem am nächsten steht, wie das bei ihrer letzten Blüte der Fall war. Aus den gleichen Prinzipien heraus hatte sich auch die russische religiöse Malerei der Zeit vor Peter dem Grossen entwickelt. Als Volkskunst ist sie diesen Grundlagen bis in unsere Zeit treu geblieben. Eine ganz eigentümliche Erscheinung ist diese Volkskunst — die Malerei der Heiligenbilder — der Ikonen. Bis jetzt bemüht sich ein Ikonen- maler, seine Bilder in der gleichen Art zu malen, wie sie seine Vorgänger vor vielen Jahrhunderten gemalt hatten mit Anwendung der gleichen technischen Mittel und Methoden mit Verwendung ähnlicher mit der Zeit kanonisch gewordener Muster. Das Gesamtbild solcher Ikonen ist bis jetzt byzantinisch. In Einzelheiten werden schon allerhand Abweichungen zu konstatieren sein, auch ist das ganze Kunstgewerbe bei weitem nicht absolut einheitlich in seinen Stilrichtungen : manch Ikonenmaler hält sich an die herkömmliche Vergoldung des Hintergrundes, ein anderer zieht eher vor, stilisierte Landschaften zu kopieren. Aber beide werden sich an die alte konventionelle Formen- und Farbensprache halten. Dabei merken sie vielleicht selber kaum, wie sehr sich im Laufe der Zeit an ihren Werken doch manches verändert hat. Es sind vor allem die Gesichts- typen: die russische Ikonenmalerei hat die Gesichter byzantinischen Vor- bildern gegenüber entweder russifiziert oder verallgemeinert, sie hat byzan- tinische Landschaften zu unkenntlichen Phantasiegebilden verwandelt, sie hat auch die Faltengebung ihrer byzantinischen Vorbilder vielfach miss- verstanden. Die moderne Ikonenmalerei ist keine Kunst mehr, da ihr das Prinzip der mechanischen Nachahmung zugrunde liegt. Ursprünglich war sie, wie wir bereits wissen, ein bedeutender Kunstzweig, der besonders in Nowgorod und Moskau blühte. Die Moskauer Zaren gingen in ihrem Interesse für die Ikonenmalerei so weit, dass sie im Kxeml zu Moskau eine Werkstätte für Ikonenmalerei einrichten Hessen. Unter Peter dem Grossen musste die Ikonenmalerei als Hofkunst ein Ende nehmen. Er war kein besonderer Kunstliebhaber, und wenn er überhaupt etwas von Kunst hören wollte, so musste sie westeuropäischen Ursprunges sein. So sank die Ikonen- malerei bis aufs Niveau eines Kunstgewerbes herab. Übrigens existieren noch heute im Wladimir- Gouvernement Dörfer, deren gesamte Bewohner- schaft sich mit Verfertigen und Bemalen von Ikonen beschäftigt. Zum Teil ist hier die alte Kunst zu einem halbmechanischen Handwerk geworden. Die roMiache leligiSfle Malerei. 39 Diese Maler besitzea höchst wertvolle Sarnznlungen von Originalentwürfen, denen sie in ihrem Schaffen möglichsl buchstäblich folgen, dadurch bleibt ihre Arbeit noch immer der letzte Ausläufer einer Kunst, der seiiiersseit ihre eigene künstlerische Entwicklung durchgemacht hatte und deren Evolution gewaltsam unterbrochen wurde. Erst im XTX. Jahrhundert kann man eine Wiedergeburt der russischen religiösen Malerei konstatieren. Durch die Beformen Peters des Grossen, welche für die russische Kunst eiue richtige Katastrophe bedeuteten, wurde die religiöse Malerei so gut wie vernichtet. Sie erhielt sich nur noch in der Form des eben erwähnten Kunstgewerbes der Ikonenmalerei. Von der Grossmalerei verlangte Peter eine Ähnlichkeit mit der westeuropäischen. Dies war jedoch direkt unmöglich für eine Kunst, die so national war, wie die russische religiöse Malerei. Sie konnte sich nicht von heute auf morgen verändern, sie konnte nur verschwinden. Letzteres geschah denn auch tatsächlich. Es folgten lange Jahre einer trostlosen Nachahmung in der religiösen Malerei. Ihre Wiedergeburt im XIX. Jahrhundert war das Werk eines merkwürdigen Malers, der die Hälfte seines Lebens einem einzigen Bude gewidmet hatte. Alexander Iwanow (1806 — 1868) verbrachte die besten Jahre seines Lebens in Rom, wo er seine „Erscheinung Messias'' schuf. Mühsam ging die Arbeit. Fast dreissig Jahre arbeitete der Künstler an diesem einzigen Bilde, ohne dass er jemals in seinem Werke Befriedigung finden konnte. Zahlreiche Entwürfe, unvollendete Skizzen und Vorarbeiten, die das gleiche Thema in kleinen Dimensionen behandelten, endlich das gewaltige Bild selbst sind lebendige Zeugen dieser langen Arbeit. Und doch misslang das Werk Iwanow ist ein grosses Problem der KünsÜer- psychologie. Seinem misslungenen Werke zur Seite stehen die reizvollsten, gross empfundenen, tief religiösen Handzeichnungen. Es war eine Idee der späteren Lebenszeit des Künstlers : Iwanow wollte einen Bilderzyklus aus dem Leben Christi schaffen mit Parallelbildern aus dem alten Testament und der Mythologie. Diese sollten die Mauern eines besonderen Gebäudes schmücken. Die Zusammenstellung und Prüfung der Themata dieses Zyklus führte einen modernen Iwanowforscher^) zu einem ganz interessanten Schluss: Iwanow, meint er, hätte die Absicht gehabt, in diesem Büder- Zyklus eine vollständige Serie von Illustrationen zum bekannten Buche von Strauss, „Das Leben Christi", zu geben. Daher die Parallelen aus dem alten Testament und aus der Heldensage, wie diese bekanntlich auch das Werk von Strauss enthält. Unter dem Einfluss der Lektüre von Strauss ftüblte sich Iwanow in seinem ursprünglichen naiven Glauben erschüttert. Seit seinem vier- ') W. S. Sammer» »»Das System der biblischen Kompositionen von A. A. Iwanow*', ,,Die Kunst" 1914 (russisch). 40 BoBsland. sagsten Lebensjahre scheint er tmimterbrocben und qualvoll nach einer neuen Weltanschauung zu suchen. Als Denker fühlt er sich nunmehr zum Bationalismus bekehrt, als Künstler bleibt er aber ein Mystiker. Oder — richtiger gesagt — er wird es jetzt erst recht, \ide dies der Vergleich seines grossen Bildes mit seinen Skizzen in aller Klarheit zeigt. Hierin liegt gerade das grosse Bätsei dieser Kilnstlerindividualität : Iwanow schafft nicht so, wie er denkt. Die Weltauffassung des Menschen zeigt keine Überein- stimmung mit der Weltauffassung des Künstlers. Als naiv- Gläubiger, als romantischer IVeund der römischen Nazarener begann er sein grosses Werk, welches so \Lvibl und trocken wirkt. Als Rationalist und Verehrer von Strauss entwarf er jene Skizzen, die womöglich tatsächlich das Straussische Werk in Malerei übertragen sollten, und vollendete gleichzeitig sein grosses Werk, das sein grosses Unglück war. Wie dem auch sei, — die erhaltenen Zeichnungen sind nichts weniger als vom Geiste des Straussischen Werkes erfüllt. Wir finden in ihnen wieder jene Tiefe des mystischen Empfindens, welche die Werke der besten Zeit der altrussischen Malerei kennzeichnet. Himmlische Geister, die sich restlos in Lichtstrahlen auflösen, grossartige, durchgeistigte Gestalten der Propheten und Helden, die majestätische über allen Welten erhabene Erscheinung Jehovas — alle diese Schöpfungen atmen den Hauch des höchsten künstlerischen Lebens. Wäre die Absicht Iwanows auch wirklich die gewesen, im Bilde das zu wiederholen, was Strauss in seinem Buche sagte, so steht das von ihm Geschaffene innerlich im grössten Gegensatz zum Straussischen Bationalismus. Der Mystizismus seines Schaffens bUdet gerade den Hauptreiz dieser kleinen Skizzen. Iwanow hatte den Gott bekämpfen wollen, der in seiner Seele lebte, er konnte aber für sein grossartigstes Werk — für seine Skizzen — keine rationalistische Kunstsprache finden. Da er sich hier seinem schöpferischen Geiste frei hingab, wurden auch diese Werke zu einem bahnbrechenden Ereignis in der Geschichte der russischen Kunst. Wie in einer prophetischen Vision ahnen sie dasjenige, was für die russische Kunst erst viel später zur Realität werden sollte. Merkwürdig erscheint neben diesen Skizzen sein grosses Bild. Sieht man es an, so fragt man sich unwillkürlich : warum hat dieser Mann gerade hier in dem Werke seines ganzen Lebens auf die Stimme der künstlerischen Offenbarung nicht hören wollen, die doch so laut in seiner Seele tönte? Die Jahre, in denen er dieses Werk beendigte, fallen mit der Entstehungs- zeit der Skizzen zusammen. In seinen Zeichnungen hatte er den Ent- wicklungsgang der Malerei vorausgeahnt. Im „Messias" blieb er gebunden, der alten Malweise treu. Aber inhaltlich war für seine Zeit auch dieses Werk eine Neuerung. Das Bild stellt folgenden Moment vor: Der Täufer hat eben seine Predigt am Ufer des Jordan beendigt, von seinem Feuer- wort angezogen, haben sich mehrere Zuhörer von ihm taufen lassen und Die roflsiflche reUgiÖse JCalAiei, 41 ziehen nun ihre Gewänder wieder an. Plötzlich ertönt ein neuer Ausruf des Propheten. Mit den Worten: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welohes der Welt Siinde trägt", weist er auf einen vom Htigel herannahenden Mann. Das ist Christus. Überraschend xmd neu war in diesem Werk für die russische Malerei das ausgesprochene Loludkolorit. Jiädische Typen und Trachten^ in ein religiöses Bild hineinzusetzen, war für jene Zeit eine unerhörte KiUinheit. Iwanow ging in seinen Absichten noch weiter: er wollte nach Palästina reisen und dort die reale Umgebung suchen, in der sich das Ereignis abgespielt haben sollte. Kein Wunder, dass der Anblick dieses Bildes dem Zuschauer keine ästhetische Freude bringt : es fehlt ihm die innere Einheit, und wie sollte es anders sein, da dieses Werk vom Gläubigen, vom romantischen S!reimde eines Overbeck begonnen wurde, qualvoll im Laufe der Jahre verarbeitet und umgestaltet und endlich vom Künstler vollendet, dessen gesamte Weltauffassnng sich inzwischen verändert hatte, der auch schon neue künstlerische Offenbarimgen in seinen Skizzen gefunden hatte und sich dabei doch hatte sagen müssen, dass sein grosses Werk ins Bereich jener Offenbarungen nicht passt. Damit hat dieses ßild die Bedeutung eines in seiner Art einzigen Denk- mals der Leidensgeschichte eines grossen Künstlers, dem es nicht gegönnt war, für sein inneres Können einen passenden Ausdruck zu finden. Dieser Künstler, dem bei Lebzeiten nichts gelingen wollte — denn auch seine wundervollen Skizzen sind nur Skizzen ^) und nie zur Ausführung gelangt — , ist zum Schöpfer der modernen russischen religiösen Malerei geworden» und zwar ihrer beiden von einander so weit entfernten Richtungen. Maler des sozialen Protestes, auf die wir weiter unten zu sprechen kommen, suchten in der religiösen Malerei jene Probleme weiter zu entwickeln, die zu lösen Iwanow sich bemüht hatte. Sie wollten eine rationalistisch-psycho- logische religiöse Malerei schaffen. Vom reflektierenden Denker Iwanow ist diese Richtung ausgegangen. Vom Künstler, der sein künstlerisches Wesen besiegen wollte und im Ejunpfe unterlag, rührt die Malerei des religiösen Mystizismus her. Es ist charakteristisch für Russland, das Land der grössten Extreme, dass beide Richtungen sich gleichzeitig und parallel entwickeln mussten. Der Rationalismus in der religiösen Malerei fand gewissen Anklang in den Kreisen jener Künstler, deren Schaffen, wie wir sehen werden, viel mehr sozialen als religiösen Gefühlen Ausdruck gab. In naher Be- ziehung zu dieser Richtung steht der bedeutendste Vertreter der rationa- listischen religiösen Malerei in Russland — Nikolai Gay (Ge). Er war ^) Die Skizxen Iwanows Bind vom deutsbhen aröhaologisohen Institiit veröffentlicht worden. I>ie Qriginalblatter befinden sieh ebenso wie sein grosses Bild in der (Jemälde-^ Sammlung des Maseums Rmnjanzew za Moskau. 42 Bii88laiid. ein intimer Freund von Leo Tolstoi, und dieser widmete in seinem Boman „Anna Karenina'' der Beschreibung seines Werkes „Was ist Wahrheit" unvergesslicbe Zeilen. Das Hauptthema von Gay, sein Lebenswerk, war die Darstellung der Passionsgeschichte Christi. Seine bekanntesten und bedeutendsten Bilder, wie das „Abendmahl", „Was ist Wahrheit?", „die Kreuzigung", gehören in diesen Zyklus. Gay wollte Christus als Menschen und nur als Menschen darstellen. Das Schwergewicht legte er auf die Darstellung der inneren menschlich qualvollen Erlebnisse Christi; daneben versuchte er aber auch die moralische Überlegenheit Christi seiner Umgebung gegenüber her- vorzuheben. Nichts von Mystik, nur das Menschliche, das Psychologisch- Ethische findet man in Gays Werken. Tolstoi liebie und schätzte die Bilder seines Freundes, er schätzte darin das moralische Suchen, das diesen Werken auch tatsächlich nicht abzusprechen ist. So ist vor allem die Gegenüberstellung von Christus und Pilatus („Was ist Wahrheit?") ein gemaltes Problem des Gegensatzes zweier auseinandergehender Welt- auffassungen. Das Thema ist vom Künstler innig durchdacht und durch- fühlt, nur steht in diesem Werke das Malerische weit hinter den Absichten des Künstlers zurück. Es gelingt ihm wohl, eine Gestalt Christi zu schaffen, die von der traditioneUen Auffassimg weit entfernt ist, seine künstlerischen Mittel reichen jedoch nicht aus, um dieser Gestalt eine entsprechende lebendige, geistige Höhe zu verleihen. Der Künstler vermochte zwar sein Ideal zu durchdenken, es gelang ihm aber nicht, es in adäquater Form zu verkörpern. Sein Bild lässt den Zuschauer kühl und vermag ihm nicht durchs unmittelbare Gefühl dasjenige mitzuteilen, was der Künstler ver- körpern wollte.^) Der bis jetzt noch lebende, etwas jüngere Künstler Pol jenow wirkte im gleichen Sinne, wie Gay. Nur ist Poljenow ein begabterer Künstler, als sein Vorgänger. Die Farben, die in Gays Werken gewöhnlich den schwachen Punkt bilden, sind in Pol jene ws Bildern harmonisch und reich. Dieser KüQstler schuf einen grossen Bilderzyklus : „Das Leben Christi". Um sein Werk zu vollenden, reiste er nach Palästina und konnte daher den einzelnen Episoden des Lebens Christi den Beiz der identischen landschaftlichen Umgebung verleihen, diese reproduzierte er auch tatsächlich als perfekter realistischer Landschaftsmaler. Vielleicht überwiegt bei Poljenow sogar zu sehr das Landschaftliche; als kleine Genreszenen verlieren sich in diesem leuchtenden Hintergrund die dramatischen Ereignisse. Poljenow suchte wie Iwanow das historisch-ethnographische Milieu der Ereignisse wiederherzustellen: jüdische Typen, alt-jüdische Trachten, Sitten und Bräuche sucht er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit zusammen. Die am besten gelungenen Bilder seines grossen Zyklus, der über sechzig Bilder ^) Diese Bild befindet sich in der Qalerie Tretjakow zu Moskau. Die nusische religiSae MaleroL 43 umf asst, sind ganz zi^eifelloB bedeutend anziehender als die Werke von Gay, jedoch steht Poljenow diesem an innerer Bedeutsamkeit entschieden nach. Die rationalistische religiöse Malerei stand, wie bereits bemerkt, in innerer Beziehung zu der im XIX. Jahrhundert vorherrschenden Richtung der Malerei des sozialen Protestes. Als diese gegen Ende des Jahrhunderts lein-kunstlerischen Richtungen das Feld räumen musste, blieb auch für ihre religiöse Abzweigung keine weitere Entwicklungsmöglichkeit. Poljenows Schaffen steht in unserer Zeit ganz vereinzelt da. Neben der rationalistischen Richtung war aber von Iwanow auch eine ganz andere Richtung ausgegangen, diejenige der Mystiker, die an der längst vergessenen Quelle der bywntinischen Malerei reichlich schöpften. An der Spitze dieser Richtung stehen zwei Maler : Wrubel und Wasnezow. Von einer Beziehung zu Iwanow kann man bei Wasnezow nur ganz allgemein sprechen. Wie Iwanow suchte auch Wasnezow neue Wege für die religiöse Malerei. Victor Wasnezow hatte bei der rein realistischen Richtung begonnen und stand zu Anfang seiner künstlerischen Tätigkeit nicht fern von den Malern des sozialen Protestes. Doch konnte er sich ihren Ideen nicht restlos hingeben . Er geht seine eigenen Bahnen. Er wendet sich vor allem der russischen Geschichte zu. Während seine Zeitgenossen die finsteren Seiten derselben in ihren Büdern kritisierten, zog ihn das Poetische und Schöne in der Vergangenheit an: alte Heldensagen und Märchen. Von dieser schönen irdischen Phantasiewelt schritt Wasnezow bald zum Überirdischen. Sein eigentliches Gebiet war die religiöse Malerei. Man kann keinen anderen modernen rusischen Maler nennen, der soviel, wie er, in der religiösen MJEJerei geschaffen hätte. Sein Hauptwerk ist die Bemalung der Wladimir-Kathe- drale zu Kiew. Es ist eine grossartige Leistung von grosser Begeisterung, — die Arbeit vieler Jahre. Er bedeckte mit Fresken den Hauptaltar, die Decke, Kuppel, die Gewölbe und die Wände des gewaltigen Baues. Auch der Ikonostas des Hauptaltars besteht aus Bildern von seiner Hand. Die Überlebensgrosse Madonna in der Alteurabside, das „Jüngste Gericht" an der Eingangswand, ganz in Einklang mit dem Brauche der herkönmi- liehen Kunst. Die Madonna, die Heiligen und Propheten sind ernst, sogar streng und voller Andacht. Man merkt jedoch sofort die realistische Schulung des Meisters: sie sind ganz ausgesprochen Fleisch und Blut. Sie sind nicht (wie es byzantinische Malereien zu sein pflegen) mit der Wand, mit der Decke verwachsen, in ihrer ausgesprochenen Dreidimensionalität treten sie aus ihrer architektonischen Umgebung heraus. Die grossartige Madonna in der Altarabside ist streng und schlicht als Himmelskönigin dargestellt. In dunkle Gewänder gehüllt, trägt sie in ihren Armen das Ghristnskind. Sechsflügelige Gherube belauschen ihren feierlichen Gang ditrch die Hinunelssphären. So sehr unmateriell das Objekt der Darstellung 44 BoBsland. in dießem Falle ist, finden wir auch darin merkwürdig realistische !Eliii23el- heiten. So scheint die Gestalt der Madonna sich uns perspektivisch zo nähern. Die Wolken, auf denen sie schreitet, sind wie von hartem Stoff gemeisselt und dazu ganz perspektivisch angeordnet. Eän Windhauch heht bei ihrer raschen Bewegung die Enden ihres schweren Mantels. Die realistische Schulung Wasnezows macht sich selbst hier spürbar. Und es ist ganz charakteristisch für um, wie er seine realistische Malweise mit dem orthodoxen Byzantinismus des Inhaltes verbindet. Er sucht seine Heiligengestalten womöglich in Stellungen zu bringen, die in der alt- russischen und byzantinischen Kunst üblich waren, sie bleiben aber stets Schöpfungen des XIX. Jahrhunderts. Orthodox-byzantinisch ist er eigent- lich nur im Thema, man mag es bis in die Einzelheiten verfolgen, nirgends ist ein Fehler, eine Abweichung voii den Vorbildern. Diese Mischung macht auch seine Büder ganz eigenartig, einzig in ihrem Stil. Sein grosses Talent, verbunden mit einer innigen Pietät, verleiht seinen Werken einen eigentümlichen Beiz, besonders jenen Werken, in denen er diesem Stile treu bleibt; da schafft er gewaltige Gestalten von innerer Starke und strenger Erömmigkeit. In den späteren Jahren seines Schaffens beginnen gewisse Stilschwankungen immer deutlicher zu werden. Der Meister fühlt offenbar das Bedürfnis, sich dem Byzantinismus noch näher anzuschliessen, er beginnt einzelne Züge, selbst ganze Gestalten oder Gruppen aus der alten Kunst in seine Werke aufzunehmen. So sehen wir beispielsweise unter den ganz naturalistisch gemalten Gestalten des „Jüngsten Gerichtes" der Spätzeit die Zentralgruppe des „Deisus" (des thronenden Heilandes mit der Madonna und dem Täufer). Diese Gruppe war in der alt-russischen Kunst sehr beliebt tmd wurde oft wiederholt. Wasnezow malt sie nach dem byzantinischen Schema mitten in sein realistisches Werk hinein, er wiederholt selbst den Fehler der zu hoch angesetzten Schultern der beiden zum Heiland sich neigenden Figuren Maria und des Täufers, was ganz merkwürdig neben den realistisch aufge- f assten Heiligen und den noch realistischeren Sündern anmutet. Die Kunst Wasnezows spielte eine nicht zu unterschätzende Bolle. Wie seine Zeit- genossen auf einem anderen Gebiete und in einem anderen Sinne national geschaffen hatten, so hatte er den ersten Schritt in dieser Richtung auf dem Gebiete der modernen religiösen Malerei gemacht. Einem anderen, jüngeren Künstler war es bestimmt, in dieser Richtung als direkter Nachfolger Iwanows weiter zu gehen. Was bei Iwanow nur eine Ahnung, ein Tasten, war, entfaltete sich im Werke von Michael Wrubel frei und bewusst. Seine religiöse Malerei ist nur ein Zweig seines vielseitigen Schaffens, aber fast würde man sagen, eine der praevalierenden Richtungen davon. Wrubel geht ganz bewusst zur Quelle der religiösen Malerei Russlands, er greift zur byzantinischen Kunst Die nuiisohe religiöse IfalereL 45 zurück. Sein Biograph^) berichtet, vom Közistler folgende Worte gehört zu haben : „Der Hauptmangel eines modernen Malers, der den byzantinischen Stil wiederer^wecken will, liegt darin, dass er die Gewandfalten, in deren Angabe die Byzantiner so geistreich sind, durch ein Bettuch ersetet. Der Begriff des Beliefc^ ist der byzantinischen Malerei fremd, ihr Hauptgewicht liegt in der Steigerung der Flächenhaftigkeit der Wand durch eine orna- mentale Behandlung der Formen." Und er bleibt ganz konsequent auch in seinem eigenen religiösen Schaffen, welches er bewusst in die Bahnen des Byzantinismus lenkt. Sein Hauptwerk auf dem religiösen Gebiete sind Malereien der Kyrill-Kirche zu Kiew. Er musste hier in Nachbarschaft erhaltener Kompositionen aus dem XTT. Jahrhundert arbeiten, welche noch durch und durch byzantinisch sind. In der Kuppel der Kirche malte er die Verklärung der Apostel durch den heiligen Geist. Die Zentralfigur der Komposition ist die Gestalt Maria, welche stehend dargestellt ist. Ihr zu Seiten sitzen zehn der Apostel, zwei von ihnen haben sich erhoben und tief verneigt. Die Taube des heiligen Geistes schwebt über der Gruppe. Schematisch gemalte leuchtende Strahlen fallen von der Taube auf die dreizehn Gestalten herunter. Streng und dabei tief durchgeistigt ist die richtig byzantinisch aufgefasste etwas herbe Gestalt der Madonna. Ein Ausdruck von Verzückung und innerer Ergebung durchstrahlt die Gesichter der Apostel. Das Ganze ist ein Werk von hoher Mystik und strengem StUgefühl. Es entsteht kein falscher Ton neben den alten Schöpfungen der byzantinisch-russischen Kimst des XTT. Jahrhunderts. Und es ist doch das Werk eines modernen Künstlers, der auch sein Eigenes ihm Eigen- tümliches in seinem Werke zu verwirklichen weiss. Dieser eigentümliche Zug der religiösen Malerei von Wrubel besteht in einer höchst reiz- vollen Verbindung des byzantinischen Stils mit einer der modernen Kunst entlehnten Behandlung des lichtproblems. Das ganze Fresko ist von mystischen Lichtstrahlen durchdrungen. Noch unkörperlicher erscheinen dadurch die einzelnen Gestalten, noch gewaltiger wird der Eindruck dee Ganzen. Damit betrat Wrubel einen neuen Weg. Seine Kunst war die letzte Stufe, welche die russische religiöse Malerei bis jetzt erreicht hat. Wenn auch neuere Künstler ab und zu sich dieser Malerei zuwenden, so ist bis jetzt imter ihnen noch keiner aufgetaucht, der sein eigenes grosses Wort darin gesagt hätte. Wrubel zeigte der religiösen Malerei Russlands jene ^iten Möglichkeiten einer selbständigen Entwicklung, die sich ihr offenbaren könnten, wenn sie vom nationalen religiösen Schaffen ausginge. Auf die Tätigkeit Wrubels kommen wir noch im folgenden Kapitel zu sprechen. Es sei hier nur noch bemerkt, dass er sich bis an sein tragisches Lebensende mit der religiösen Malerei beschäftigte. Schon voUkonmien 1) Juemitsoh, „Wrubel" (rusBisoh). 46 BuBsland. geistig krank und halb erblindet, malte er in der Irrenanstalt ktms vor seinem Tode ein Bild, das erstaunlich schmerzlich wirkt — ein letztes Delirium des dämmernden Geistes. Es ist die Vision des Propheten Hezekiel, der Engel mit dem feurigen Schivert. Das gleiche Stilgefühl, welches seine fri^eien Werke aufweisen, verl&sst den Meister auch in diesem letzten Werke nicht. Das Bild ist jedoch nicht mehr von strahlen dem lichte durchdrungen, es ist in die weichen Wellen einer mystischen Finsternis getaucht, die nicht weniger mystisch wirkt — das war die Finsternis seiner kranken Seele. Malerei der neueren Zeit Die russische Kunst hatte bis auf Peter den Grossen einen religiösen Anstrich gehabt. Man darf selbstverständlich nicht behaupten, dass im vorpetrischen Bussland gar keine profane Malerei existiert hatte; jedoch nahm diese gegenüber der religiösen Malerei eine ganz untergeordnete Stellung ein. Ihre Beste, die sich in Freskomalereien und Miniaturen er- halten haben, besitzen neben der religiösen Malerei keinen selbständigen stilistischen Wert. Für die Kunst bedeuteten die Beformen Peters, wie wir bereits wissen, eine gewaltsame Unterbrechung ihrer Entwickelung, einen von aussen aufgezwungenen Bruch mit der Kunsttradition, wie ihn vielleicht die gesamte Kunstgeschichte in dieser Form nicht kennt. Unter Peter geschfibh eine plötzliche, gewaltsame Verweltlichung der Kunst. Es wurden zwar auch ferner noch Kirchen errichtet und malerisch ausgeschmückt. Aber weder diese Prunkbauten selbst, noch ihre reiche Bemalung waren Schöpf ungen nationaler Kunst. Wir haben schon gesehen, wie es um die Architektur der nachpetrischen Zeit stand : Architekten von hervorragender Begabung verstanden sich das Fremde anzueignen und es so zu verarbeiten, dass es zu einer originellen Neuschöpfung wurde. Schlimmer war es um die Malerei bestellt. An Stelle des künstlerischen Schaffens trat auf dem Gebiete der Malerei eine leblose Nachahmung ein. Peter liess nach westeuropäischen Mustern bauen, nach Mustern malen imd meisseln. Er liess auch Statuen und Bilder, wo nur möglich, ankaufen, geschickte Künstler nach Buss- land einladen. Er wollte endlich nach europäischer Art eine Kunstakademie gründen. Aber er hatte dabei alles Nationale, alles originell Bussische stets verkannt. Damit wurde auch die russische Malerei zu einer trostlosen Nachahmung degradiert. Man gewinnt am besten Einsicht in diese merkwürdigen Zustände an Hand dieses scheinbar so bedeutungsvollen Ereignisses — der Gründung Die rmsiflche Malerei der neueren Zeit. 47 der Kxmstakademie. Unter Peter gelangte das Projekt noch nickt zur Ansf-öhrimg. Die Absicht des auf das Praktische eingestellten Herrschers war, eine Akademie zu gründen, deren Zöglinge zwar Malerei und Skulptur trieben, daneben aber auch manche andere „Künste" erlernten, wie Schreinerei, Schnitzerei, Optikerkunst und sogar Uhrmacherkunstl ^) Schon aus diesem Plane lässt sich schliessen, wie nebens&chlich dabei die BoUe des Kunstunterrichtes war. Als spftter unter den Nachfolgern Peters der Plan verwirklicht wurde, blieb der akademische Kunstbetrieb in einem traurigen Zustande : der Unterricht befand sich ausschliesslich in H&nden fremdländischer Künstler und wurde dadurch erschwert, dass Pädagogen und ZogUnge einander schlecht verstanden. Am schlimmsten aber war die Tatsache, dass Kinder nicht ihrer Begabung entsprechend in die Akademie aufgenommen wurden, sondern zum Teil ohne jede vorherige Prüfung, ohne Wahl, zwangsweise den Eltern entrissen und dem Dienste def Kunst geweiht wurden. Unter diesen Umständen wird man nicht überrascht sein, dass unter den ersten Zöglingen der Akademie keine Maler- talente nachzuweisen sind. Dabei ging ja der ganze Unterricht auf Nach- ahmung aus. Kein frisches Wasser gelangte in den akademischen Teich. Unter dem Banne der Nachahmung tritt die russische Malerei auch ins XIX. Jahrhundert. Die erste Hälfte des XIX. Jahrhunderts ist durch die Tätigkeit dreier hochbegabter Meister gekennzeichnet. Alle drei waren 2!eitgenos8en und doch gehört ihr künstlerisches Schaffen drei verschiedenen Epochen an. Wir haben bereits Alexander Iwanow (1806 bis 1858), den Schöpfer der neueren russischen religiösen Malerei, kennen gelernt: der schönste Teil seiner künstlerischen Tätigkeit gehörte mehr der Zukunft, als der Gegen- wart an. Das Wirken von Karl Brüllow (1799—1852) —dem künstle- rischen Antipoden von Iwanow — gehörte der Vergangenheit. Paul Fedotow (1816 — 1852) gehörte in die Gegenwart: er wurde zum Begründer der realistischen Richtung in der russischen Malerei. Brüllows Schaffen war ein glänzender Schlussakkord der glanzlosen Periode der klassi- zistischen Malerei. Er war ein Meister von grosser malerischer Begabung : seine Bilder, die stets etwas theatralisch sind, ragen aus den Werken des russischen EHassizismus durch ihre lebendige Farbenpracht hervor, die sie für das Auge anziehend macht. Brüllow war unter den Malern dieser Zeit der am meisten anerkannte und gefeierte: Weder Iwanow, noch I'edotow hatten bei den Zeitgenossen so viel Erfolg wie er. Sein grosses Bild „Der letzte Tag von Pompei" machte in Bussland viel Aufsehen, was ganz begreiflich ist: Das Theatralisch-Pathetische, das Brüllow von den französischen Malern David und Delaroche hatte, war so viel lebendiger, ^) Diese Einxelheiten sind aus dem Werke Kondakows „ Jabiläums- Quellenbaöh der kaifierliehen Kunstakademie 1764—1914" entlehnt. 48 BuflaUmd. als der trockene akademische Klassizimus seiner russischen VorgäDger. Seine grossen Zeitgenossen Gogol und Puschkin bewunderten das Bild, das Publikum war dafür ganz begeistert, es fand nicht Lob genug für seinen Liebling. Unbedeutend und gering erschienen neben Brüllows rühm- und glanzreichem Schaffen die bescheidenen kleinen Bildchen Fedotows. Sein Schaffen war absolut selbständig, er wusste nichts vom französischen Bealismus seiner Zeit, und doch zeigen seine Werke eine merkwürdige innere Verwandtschaft mit dem Schaffen des grossen fran- zösischen Realisten Daumier. Der erste russische Bealist hatte keine Ahnung von der Bedeutung seiner Werke. Er malte seioe kleinen Bildchen ganz unmittelbar aus der Natur, und verstand, ihnen grosse Lebendigkeit zu verleihen. Er wusste vor allem meisterhaft das Typische des klein- bürgerlichen Alltagslebens hervorzuheben und es mit feinem Humor wieder- zugeben. Fedotow war mit dem russischen Fabeldichter Krylow be- freundet, und seine Büder sind in ihrer Einfachheit und Anspruchslosigkeit den Fabeln von Ejrylow ähnlich; beide Künstler zeigen auch das gleiche Verständnis des russischen Geistes, den gleichen ungezwungenen Humor. Fedotows „Wählerische Braut" sollte die gleichnamige Fabel von Kxylow illustrieren. Fedotows Bilder geben eine Beihe humoristischer, lebensfroher Szenen, wie dies schon ihre Benennungen zeigen: „Die Brautwerbung des Majors", „Des Hündchens Krankheit" u. a. m. Sein Humor wollte nicht in solche Tiefen greifen, wie der seines Zeitgenossen Gogol, mit welchem man Fedotow gern vergleicht; er zeigt ganz ungezwungen und ohne Tendenz das Typische der kleinlichen menschlichen Existenz. Fedotow war der erste russische realistische Maler, zugleich der Begründer jener Richtung, welche seit Mitte des XIX. Jahrhunderts alle anderen Richtungen der russischen Malerei verdrängte und bis in die neunziger Jahre hinein alleinherrschend blieb. Er ist der unmittelbare, der unbewusste Realist. Seine Nachfolger waren dagegen von allgemeinen Tendenzen geleitet, vom Drange, die Kunst in den Dienst bestimmter Ideen und sozialer Aufgaben zu stellen. Merkwürdigerweise entfaltete sich diese Richtung im Schosse der Kunstakademie selbst, die bis dahin eine Feste des Klassizismus gewesen war. Die jungen Schüler der Akademie empfanden immer mehr den Druck des akademischen Zwanges, der Rutine, der ewigen Nachahmung west- europäischer Vorbilder. Die akademische Jugend war vom frisch sprudeln- den öffentlichen Leben ergriffen; immer mehr wurde sie vom Drang erfasst, an der öffentlichen Bewegung Anteil zu nehmen, ihren Pinsel in den Dienst der neuen Lebensimpulse zu stellen. Die konventionelle religiöse imd historiBche Malerei, die in der Akademie mit Vorliebe betrieben wurde, die dort übliche Verachtung jeder Genremalerei wurde den jungen Malern immer unerträglicher. Im Jahre 1863 kam es zu einem offenen Die insBisohe Malerei der neneren Zeit 49 Bruch. Es war an der Petersburger Akademie üblich, dass Schüler der älteeten Klasse, die sich ein Diplom mit Ausaeichnung erwerben wollten, Bilder nach einem vorgeschriebenen Thema malten. In diesem Jahre wurde das Thema „Odin in der Walhalla" gegeben. Dreizehn Schüler reichten die Bitte ein, die Wahl des Themas ihnen selbst zu überlassen. Die Bitte blieb unberücksichtigt, die jungen Maler wollten auch nicht nachgeben: sie verliessen die Akademie mit Diplomen zweiten Banges. Dieser ersten Protestgruppe schlössen sich allmählich viele andere Künstler an. Im Jahre 1870 entstand die Gesellschaft der „Peredwischniki", der wandern- den Kunstausstellungen. Die jungen Abtrünnigen erlebten nach ihren eigenen Aussagen ihre Loslösung von der Akademie als ein Glück der Befreiung: nun durften sie ja alles malen, was sie wollten, dabei hatten sie ganz bestimmte Wünsche und Absichten, die sich in den Rahmen der akademischen Kunst nicht fassen Hessen. „Der Künstler muss Kritiker sozialer Erscheinungen sein, '* sagt Kramskoi, einer von den dreizehn der Protestgruppe, und seine Worte sind massgebend für die ganze Richtung. Wir können diese Malerei die Malerei des sozialen Protestes nennen. Ihren Ursprung verdankt sie nicht nur künstlerischen Gründen, sie ist das Produkt jener politisch- sozialen Gärungen, welche sich im Laufe des XIX. Jahrhunderts auf russischem Boden immer mehr entfalteten. Es gehört in ein anderes Kapitel dieses Sammelwerkes, Strömungen zu charakterisieren, die den Anfang einer Wiedergeburt des sozialen Lebens des Landes bedeuteten. Es sei hier nur bemerkt, dass ihre Wirkung auf die Künstler geradezu enorm gewesen ist. Die Verhältnisse, die damals in der Kunstwelt herrschten, konnten ihrerseits diese Wirkung nur begünstigen. In bezug auf die Kunst war in diesen Tagen in weiten Kreisen der russischen Intellektuellen die Ansicht verbreitet, nur jene Kunst habe Daseinsberechtigung, welche nützlich sei: der Nutzen wurde zum Kriterium des ästhetischen Wertes. Die gleiche Ansicht finden wir in literarischen Kreisen vertreten (ihr schroffster Verfechter war der bekannte literarische Kritiker Pissarew). Man kann die Malerei dieser Zeit mit vollem Rechte eine Malerei des Inhaltes nennen. Gegenüber dem Inhalte tritt das rein Künstlerische in dieser Periode entschieden zurück. Die Künstler werden tatsächlich zu Kritikern der sozialpolitischen Zustände, ihre Pinsel verwenden sie als Geissei, mit denen sie alles verfolgen, was imgerecht und rückständig ist — alles, was die freie Entfaltung des russischen Lebens hemmt oder in Ver- gangenheit gehemmt hatte. Ihrem Inhalte nach ist diese Malerei bereits ganz national: sie lebt und webt im russischen Leben, die Schattenseiten dieses Lebens lenken das Interesse der Künstler auf sich. Sie gehen in diesem Interesse vollständig auf. Das „Wie"' des Malens tritt hinter dem „Was" zurück und dieses „Was" ist die Kritik der existierenden Ver- 50 Russland. hältnisse, die Kritik jener bösen Mächte, die so schlier auf Busslands lieben lasteten. In dieser Richtung folgte die Malerei der zeitgenössischen Literatur und oft reichten sich beide dabei die Hand. In der Malerei war aber die Tendenz als solche viel schroffer ausgesprochen, als in der Literatur. Es war der Malerei nicht gegönnt, jene Höhen zu besteigen, welche die 9,klassische'' Literatur Busslands in dieser 2!eit erreichte : in der Malerei verdrängte das Tendenziöse zu stark das Künstlerische. Und doch war diese Kunstrichtung eben durch ihren Badikalismus national und charakteristisch . Die Künstler wollten jetzt nur von Erniedrigten und Verfolgten sprechen. Um diese Zeit war das allgemeine Interesse auf das Schicksal des Bauern gerichtet; 1861 hatte das grosse Ereignis — die Befreiung der Bauern aus den Fesseln der Leibeigenschaft — stattgefunden. Damit war der Malerei ein neuer Held gegeben: antike Griechen und Bömer, biblische Gestalten, Helden romantischer Legenden — alles musste jetzt vor dem russischen Bauern weichen. Er kam in der trostlosen, finsteren Umgebung seiner Alltagsexistenz, mit seinen kleinen und grossen Leiden. Keine Seite des Bauernlebens blieb von den Künstlern unberührt. Wir sehen ihn bei Arbeit und Buhe, lebend und tot. Die Künstler suchen dabei weniger das Dramatische der inneren Erlebnisse wiederzugeben, als ein allgemeines Bild des grossen Dramas einer dürftigen, lichtlosen Existenz. Daher beachten sie auch gern äusserliche Einzelheiten und malen diese oft in einer kleinlich realistischen Art.^) Es sind zum Teil Werke ganz bedeutender Meister, aber auch diese künoimern sich wenig um das rein Malerische. Merkwürdig düstere Bilder sehen wir in diesem Kreise auftauchen: Begräbnisse und trostlose Fried- höfe, Gefängnisse, Selbstmörder und Ermordete, — das ganze Elend und die Finsternis eines Lebens, für das die Erde keine Blumen hat und dem sich der Himmel verschloss. Von den Bildern, die sich auf das Leben des Bauern beziehen, wollen wir nur eines erwähnen, das dem Pinsel des grossartig begabten und doch oft ganz unkünstlerisch schaffenden B jepin gehört. Es ist eines seiner Jugendwerke, die „Burlaki". *) Dem grössten Flusse des europäischen Bussland, der Wolga, entlang gehen Burlaki, schwere Barken stromaufwärts ziehend. Die Komposition ist sehr einfach. Man sieht in der Mitt« des Bildes diese Menschen, die mit Anstrengung aller Kräfte die schwere Barke an dicken Seüen ziehen. Sie sind müde, sonn- verbrannt, schweissbedeckt und schmutzig und bilden einen drastischen Kontrast zur bläulichen Ferne, zur freien Weite des mächtigen Stromes. ^) Am beeten lernt man die russische realistische Malerei kennen, wenn man die Tretja- kow- Galerie zu Moskau besucht. Sie wurde um die Zeit der Blüte dieser Richtung gestiftet und besitzt die besten Schöpfungen dieser Art. ') „Burlak" ist eine spezifische Benennung der Männer, welche Barken ziehen« Die rosauche Malerei der neueren Zeit. 51 Man könnte in diesem Bilde fast ein Symbol erUicken — das Symbol dieser Knnst, die innerlich gezwungen yna, an den "weiten Horizonten der Sckölilieit vorbeiziehend nur das Schwere, Düstere und Alltägliche qualvoll darzustellen. Aber Bjepin hatte sich nicht vorgenommen, mit diesem Bilde etwas Symbolisches zu schaffen, in diesem Fall war er auch nicht tendenziös, das Thema zog ihn vom rein künstlerischen Standpunkte an und er gab sein ganzes ELönnen in den realistisch behandelten und wirklich gross charakterisierten Typen seiner Burlaki. Selbstverständlich standen die Künstler der Richtung des sozialen Protestes mit allen ihren Sympathien auf ^selten jener kühnen Menschen, welche den Mut besassen, gegen die existierende Ordnung zu kämpfen. Der ebengenannte Bjepin malte in zwei Pendant-Bildern: „Die Ver- haftung" und die Heimkehr eines politischen Verbannten — „Unerwartet". Im Ereis<) realistischer Maler sehen wir auch eine direkte Predigt pazifistischer Gedanken auftauchen im Schaffen des auch in We8teuroi)a bekannten Künstlers Wereschtschagin. In Übereinstimmung mit seiner Grundtendenz malte Wereschtschagin zwei grosse Bilderzyklen aus dem russisch-türkischen Krieg und dem russischen Feldzuge Napoleons. In beiden sind die grauenhaften Begleiterscheinungen des Krieges zusammen- gefasst. Der Künstler wollte diesen einen dritten Zyklus aus dem russisch- japanischen Krieg anschliessen und begab sich 1904 nach Port- Arthur. Hier fand er den Tod an Bord des von den Japanern torpillierten „Petro- pawlowsk". Den Werken von Wereschtschagin ist etwas Kühles, man wollte sagen — etwas Photographisches eigen, sie wirken auch rein intellektuell. Er widmet3 „allen grossen Eroberern ^bt Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft" sein Bild : „Die Apotheose des Krieges'', auf dem eine Pyramide aus menschlichen Schädeln dargestellt ist. Wenden sich die protestierenden Maler der Vergangenheit zu, so schafft ihr Pinsel eine Reihe schauriger, grauenvoller Darstellungen : Hinrichtungen, religiöse Verfolgungen, geistige Finsternis auf allen Stufen der sozialen Leiter. Die russische Geschichte erscheint in diesen Werken in Blut und Tränen gebadet. Zwar gab sie auch den Künstlern in dieser Beziehung reichlich Material. Aber diese wählen auch mit Absiebt das Schauerlichste, das vorwiegend Finstere. Auch hier übertrifft der für die ganze Richtung 80 typische Rjepin seine Zeitgenossen, man kann sagen, er übertritt sich selbst in einem Bilde von abstossendstem Realismus und lebendigster Grausamkeit. Es ist sein berühmtes Büd „Iwan der Grausame und sein Sohn Iwan''.^) Bekanntlich hatte der pathologisch veranlagte Zar bei einem Streit in plötzlichem Wutanfall seinen Sohn und Thronfolger Iwan eigenhändig getötet. Rjepins Büd stellt die bereits vollbrachte Tat dar. Ande r Schläfe getroffen, sinkt der junge Mann auf den Boden nieder. Der ^) Moekau, Gemäldegalerie Tretjakow. 52 Bosslaad. Vater, nan wahnsinnig vor Schrecken, sucht ihn aufrecht zu halten, sucht das Blut zu stillen, das in roten Strömen von seiner Schläfe rinnt. Der Naturalismus, die übertriebene Lebendigkeit dieser Darstellung wirkt über alle Massen grauenvoll: der Etinstler hat darin die Grenzen des Künstlerischen überschritten Er hat die schrecklichste Bealit&t nach* gemacht Mit Bjepin hat der russische Realismus in diesem Werke seinen letzten Schritt getan, der auch unübertroffen blieb; künstlerisch war das bereits ein Zeichen des nahenden Verf aUs der ganzen Richtung, eine Ahnung des unvermeidlichen Umschwunges. Das Beste, was der russische Realismus geschaffen hat, sind seine Leistungen auf dem Gebiete der Portr&tmalerei. Die russische Porträtmalerei hatte eine lange Vorgeschichte. Schon im XVjjI. Jahrhundert traten in Russland grosse Porträtisten auf, welche die realistische Lebendigkeit mit jener psychologischen Tiefe zu verbinden wussten, die das Wesentlichste des Porträts ausmacht. Lewitskij und Borowikowski] waren die bedeutendsten Vertreter der russischen Porträt- malerei des XVIII. Jahrhunderts. Beide besassen eine grosse künstlerische Begabung. In Bildnissen von ihrer Hand lebt für uns mehr als in allen anderen gleichzeitigen Werken der klassizistischen Malerei die Epoche auf, in der si€| wirkten — eine konventionelle, in vielen Beziehungen faule und doch nicht reizlose Welt. Auch der Beginn des XIX. Jahrhunderts hatte seine grossen Porträtisten gehabt: Kiprenskij und den reich begabten Brüll ow. In der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts blühte im Schaffen der Maler der realistischen Richtung die Porträtmalerei besonders auf, und wir sind ihnen dafür zum grössten Dank verpflichtet : dank ihrer Vorliebe fürs Porträt besitzen wir heute eine ganze Gsderie von Bildnissen der bedeutendsten Männer dieeer Zeit. Es sind vor allem die grossen ,, klas- sischen"' Schriftsteller Busslands, deren Gesichtszüge uns auf diesem Wege erhalten geblieben sind in Büdnis&en, die manchmal an die Vollkommen- lieit grenzen. Es ist entschieden eine Besonderheit des russischen Geistes : die un- bestreitbare Begabung für Porträtmalerei wurzelt in derselben Neigung zum Psychologismus, in derselben Einfühlungsfähigkeit, die wir in Werken der grossen russischen Schriftsteller finden. So ist beispielsweise das Bild von Dostojewski, welches Perow gemalt hatte (ein Künstler, der zu den Begründern der sozialen Richtimg gehört), ein wirkliches Meisterwerk von Einfühlung und Verständnis fik da3 innere Leben des Romanschrift- stellers. Denkend und fühlend, nicht bloss äusserlicb ähnlich, hat ihn der Künstler dargestellt. Er hat es verstanden, in diesem Bilde den Schleier zu lüften, der das schöpferische Schaffen vor unserem Blick verdeckt. Nicht minder vollkommen ist das Bild des grossen Komponisten JAe rasdBche Malerei der neueren Zeit. 53 Glinka, welches von B jepin gemalt wurde, denn hier zeigt Bjepin einen Zug von künstlerischer Intuition Betrachten wir länger dieses äusserlich glänzend gemalte Bild, so beginnen wir in diesem auf den ersten Blick wenig anziehenden Gesicht immer mehr das Geniale zu erkennen. Es ist auch begreiflich, dass die äusserst realistische Malerei, wie dies die russische im XIX. Jahrhundert war, im Porträt Hervorragendes leisten konnte. Ein gewisses Mass von Bealismus gehört ja zum eigent- lichen Wesen der Porträtmalerei, dabei gehört es nicht minder zu ihrem Wesen, dass manche Schwächen eines zu sehr realistischen Bealismus hier von selbst wegfallen: der Maler muss sich volens nolens auf ein Objekt konzentrieren. Wenn er es auch wollte, kann er im realistischen. Detail nicht aufgehen. Auch fällt beim Porträt die Möglichkeit des Tendenz- iösen vollständig weg. Auffallend lange blieb die realistische Bichtung in der russischen Malerei vorherrschend. Kein anderes Land kennt eine so tief- und weit- greifende Entfaltimg des Bealismus in der Kunst, wie Busslcmd. Aber auch der russische Bealismus musste endlich einer neuen Kunst das Feld räumen. Zunächst kamen einzelne Erscheinungen, Abtriumige, die nicht mehr der Kunst des Inhaltes dienen wollten. Sodann wurde in den neunziger Jahren eine neue Künstlergesellschaft unter dem Namen „Die Welt der Kunst" gegründet, und mit ihrem Entstehen entbrannte ein heisser, zum Teil auch literarisch geführter Kampf zwischen den Verteidigern der alten und den Vertretern der neuen Kunst. Wie wenig Interesse die Werke der russischen Bealisten vom rein künstlerischen Standpunkte heutzutage erwecken, so darf man die Be- deutung ihrer Ktuist für Bussland nicht unterschätzen. Es war die erste Kunstrichtxuig, welche seit dem Untergang der altrussischen Kunst all- gemeinen Anklang fand. Die Gesellschaft wurde zunächst durch die politisch-soziale Tendenz der Bilder angezogen. Das Erscheinen einzelner Werke in Kunstausstellungen erregte das grösste Aufsehen; dieses wurde noch grösser, wenn einzelne Bilder auf polizeiliche Verordnung hin aus den Ausstellungen entfernt wurden. Seit Peter dem Grossen war keine Kunst- richtung so populär gewesen, es hatte auch keine so völlig den Anforde- rungen der Zeit entsprochen. Denn sie wusste in einer für alle verständ- lichen Form dasjenige zu sagen, was viele im Verborgenen dachten. Und dadurch erklärt sich auch die ästhetisch-pädagogische Wirkung dieser Bicbttmg: durch sie fand die Kunst in Bussland weitgehende Anerkennung, durch sie wurde in weiten Kreisen zum erstenmal ein aufrichtiges Interesse ^ür Ereignisse des ästhetischen Lebens angeregt. Einzelne dieser Bilder sind in ihrer Heimat nicht weniger bekannt als im Auslande eine „Toten- ii^V' Böcklins. Zwar hatte die Popularität des Bealismus eine allgemeine Überschätzung des Inhaltlichen zur Folge; gegen diese mussten dann die 54 BuBsland. ersten Verfechter des rein Künstlerischen in der Malerei schwer kämpfen. In der grossen Popularität der realistischen Malerei liegt auch der Grund dafür, dass die neuen Kunstregungen sich erst so spät (in den neun2dger Jahren) auf russischem Boden spürhar machten, dass die russische Malerei eine impressionistische Epoche als solche gar nicht durchgemacht hat, und vom reinsten Realismus so rasch zu Richtungen überging, die zu diesem im schroffsten Gegensatz stehen. Drei originelle Meister von grossem Talent kennzeichnen durch ihr Schaffen den Anfang einer neuen Periode. Es sind der Porträtmaler Sserow (1865 — 1911), der Landschaftsmaler Lewitan (1861—1900) und der vielseitige Wrubel (1866 — 1910), den wir bereits als Vertreter der religiösen Malerei kennen gelernt haben. Wie verschieden diese drei Künstler auch sein mögen, so haben sie doch im wesentlichen eine grosse Verwandtschaft. Jede Tendenz fehlt in ihren Werken, es finden bei ihnen Inhalt und Form das längst verlorene Gleichgewicht wieder, die Kunst um der Kunst willen kommt wieder zur Geltung, wenn es auch bei jedem dieser Meister auf eine ganz andere Art geschieht. Vor allem sind alle drei in ihrem Schaffen ganz national. Interessant erscheint diese Tatsache beim Juden Lewitan, aber er war es doch, der die melancholische Poesie der russischen Landschaft zu fassen und zu verkörpern wusste und neue Töne in die Landschaftsmalerei einführte. Er ist der Schöpfer einer richtigen Stimmungslandschaft, die davon absieht, mit peinlicher Genauigkeit Formen der Natur wiederzugeben, und manchmal durch vereinfachte Mittel tieferen Eindruck erreicht. Äusserlich hatte Lewitan auch impressionistische Ausdrucksmittel verwendet: er malt die Luft, er malt das Licht; zugleich ist er aber der erste russische Expressionist in der Landschaftsmalerei : seine Landschaften enthalten stets mehr als die Wiedergabe des Dar- gestellten, jede von ihnen klingt wie eine tiefe seelische Begimg: bald ist es schmerzliche Sehnsucht, bald stille Melancholie, bald träumerische Traurigkeit, und nur ganz leise klingt in manchen Bildern ein Ton von etwas Hoffnungsvollerem, besonders in seinen Frühlingslandschaften. Sonnige, freudige Motive kennt dieser Maler nicht, sie sind aber auch nur selten in der russischen Natur aufzufinden. Ihr Maler ist ebenso traurig wie sie. Lewitan wählt die einfachsten Motive für seine Bilder: eine Wiese mit Heuschobern, einen kleinen Fluss in ersten Friihliogstagen, wenn die schlanken Birken noch laublos im hochangeschwollenen Wasser dastehen, — jedes scheinbar unbedeutende Motiv genügt ihm, um daran die Melodie seiner elegischen Stimmungen anzuknüpfen. Man hat diesen Maler mit Recht mit seinem Zeitgenossen, dem' Schriftsteller Tschechow, verglichen, dessen schlichte, von tiefer Traurigkeit umwehte Werke ein eigenartiges Bild des russischen Lebens in den letzten Dezennien des XIX. Jahrhunderts geben. Man könnte sich wirklich Tschechows Gestalten Die russiflche Malerei der neoeren Zeit. 55 in keiner XAndschaft besser denken, als in der Landschaft, die Lewitan schuf. £9 ist ein merkwürdiger, seltener Fall der Eongenialität zweier grosser Künstler, welche die gleiche Kunstsprache auf verschiedenen Ktinst- gebieten reden. Durch das Schaffen beider lernt man das russische Leben vom Ende des XIX. Jahrhunderts kennen und lieben, so traurig es auch einem darin entgegentritt. Eine ganz andere Künstlerindividualität ist Sserow. Er betätigte sich hauptsachlich, jedoch nicht ausschliesslich, auf dem Gebiete der Porträt- malerei. Die Form, als Ausdrucksmittel der Kunst, die Linie, vor allem die Linien des menschlichen Körpers und des menschlichen Gesichtes, werden von Sserow besonders betont. Seine früheren Porträts stehen noch denjenigen der realistischen Schule ziemlich nahe, sie weisen neben der äusseren Ähnlichkeit ein inniges psychologisches Verständnis für die geistige Eigenart der dargestellten Personen auf. Mit den Jahren veränderte sich sein Stil ganz beträchtlich: neben der lebendigen Ähnlichkeit und dem intuitiven Verständnis tritt in Büdnissen dieser späteren Periode noch etwas anderes zutage. Ein eigentümliches Stilgefühl in der Wahl des Hintergrundes, ein strenger Schönheitssinn: selbst unschöne Gestalten und Gesichter versteht er in seinen Bildern so künstlerisch zu behandeln, dass seine Bildnisse stets mehr als einfache Porträts sind, — sie sind richtige Bilder, ästhetische Einheiten, die jedesmal einen ganzen Kosmos umfassen — den psychophysischen Mikrokosmos des Menschen. Daher konnte Sserow auch nur solche Gesichter malen, die ihm „gefielen". Eines seiner interessantesten Werke auf dem Gebiete der Büdnismalerei ist das Bild der Pariser Tänzerin Ida Bubinstein, die er kurz vor seinem Tode malte. Ganz anders, jedoch nicht weniger gelungen, ist das Bildnis des russischen Eiomponisten Bimski-Korsakow. Aber Sserow malte auch weniger bekannte Persönlichkeiten aus den verschiedensten Kreisen russischer Gesellschaft, er malte gern jedes Gesicht, das ihm gefiel, bei dem er fühlte, es sei ihm möglich, daraus ein Kunstwerk zu machen. So weit auch Lewitan und Sserow im Grunde genommen von den Realisten entfernt waren, so war die äussere Seite ihres künstlerischen Schaffens doch noch nicht so stark von der zu Beginn ihres Schaffens vorherrschenden realistischen Kunstsprache entfernt, das ästhetische Gefühl der weiten Kreise des Publikums nahm daran keinen Anstoss. Anders stand es um den dritten Meister dieser Übergangsgruppe — um Michael Wrubel. Wrubels reiches, mannigfaltiges Schaffen baute sich aus eigen- tümlichsten, oft phantastischen Kombinationen von Form und Farbe auf. Wrubel war der erste grosse russische Maler, der sich von traditionellen Kunstformen vollständig lossagte und ganz neue Wege zu betreten wagte. Seine Richtung wurde von ihm ganz selbständig geschaffen. Seine BUder löst er in ein prächtiges, reiches Farbenspiel auf und legt ihnen doch eine 56 BnsBland. grosse kompositioneile Einheit zugrimde. Die grosse Angenfreude, neelcbe sie einem bereiten, verbindet sich stets mit einem tiefen inneren Erlebnis, das oft symbolischen Charakter hat. Wiederholt malte der Künstler seinen Dämon, den vom Paradiese verstossenen, gefallenen Erzengel. Sb war die Darstellung seines eigenen Geistes, der mit der Krankheit kämpfte. In der letzten Fassung unterliegt Wrubels Dämon im ELampf . Er liegt zerschmettert da, und die ganze Farbenpracht der ihn umgebenden Welt der kaukasischen Berge vermag ihn nicht emporzurichten. Wrubels Schaffen hat ausgesprochen nationalen Charakter. Das dekorative Gefühl, die reichen und originellen Farbenkombinationen, die zu den Haupt- eigenschaften der altrussischen Kunst gehörten, leben bei ihm wieder auf. Auch ist ihm der mystische und symbolisierende Zug der alten Kunst ver- wandt. Innerlich nah ist ihm die russische Poesie, aus der er manche Gestalt schöpft, die er aber auch wohl um manche bereichern könnte : so ist sein „Pan" eine lebendige Verkörperung der russischen Natur, der griechische Naturgott auf nördlichen Boden verpflanzt. Wrubel ist in seinem Schaffen frei und steht dabei doch auf der Höhe der modernen Kxmst und Kultur. Kein Künstler wurde in Bussland so missverstanden wie Wrubel, keiner wurde später so hoch geschätzt wie er. Und ihm fiel die bedeutendste Bolle zu im Umschwung, durch den sich die russische Malerei vom Bealismus loslöste. Sein grosses Talent hatte es ihm ermöglicht zu zeigen, dass man auch anders als realistisch malen durfte, dass die neue Kirnst nicht weniger Daseinsrecht besass als die alte, und dass ihr die Zukunft gehörte. Um Wrubel gruppierten sich die jungen Maler des Kreises „der Welt der Kunst". Sein grosses Können gab ihnen den Mut zu wagen. Wrubels ganzes Schaffen war ein lebendiger Beweis der Möglichkeit einer neuen Kunst. Diese kam denn auch und verdrängte mit erstaunlicher Geschwindigkeit die vorher so mächtige realistische Bichtung, sie eroberte die gesamte russische Kunstwelt, selbst die Kunstakademie, sie gewann in letzter Zeit auch alle Sympathien des russischen Publikums. Die russische Malerei der letzten Jahre ist ein recht buntes Gewebe von verschiedenen Stilrichtxuigen und eigenartigen vereinzelten Künstler- erscheinimgen. Diese zum Teil so verschiedenen Abzweigungen der modernen Kunst des grossen Iiandes haben doch eines gemeinsam: sie haben sich von der inhaltlich tendenziösen realistischen Malerei des vorigen Jahr- hunderts vöUig losgesagt und das formale Element der Kunst in seinen Bechten wieder hergestellt. Das geschieht, wie gesagt, bei verschiedenen Künstlern auf ganz verschiedenen Wegen. Zum grössten Teil folgen die modernen Künstler den Bahnen der europäischen Kunst. Wir sehen auf russischem Boden aU die Bichtungen vertreten, welche die europäische Kunst in den letzten Jahrzehnten des XIX. und im XX. J€bhrhundert geschaffen hat, vom Impressionismus bis zum Kubismus und Futurismus. Die ruflOBohe Malerei der neueren Zeit 57 Daneben kommt aber in Künstlerkreisen ein immer deutlicher werdendes Interesse für die nationale Kunst zum Vorschein. Das Interesse fürs nationale Wesen war bereits bei den russischen Realisten vorhanden, nur hatte es damals rein inhaltlichen Charakter. In unseren Tagen ist das ein Interesse rein künstlerischer Natur. Man kann die moderne russische Malerei, wenn man sie in ihrer Mannig- faltigkeit als Ganzes betrachtet, nicht „national'' nennen. Im Schaffen einzelner Künstler lässt sich jedoch so viel Originell-Russisches sowohl in der Formensprache als im inneren Erlebnis konstatieren, dass man trotzdem von wahren Vertretern einer nationalen Malerei reden darf. Diese Künstler weichen in ihrem Schaffen so sehr voneinander ab, dass sie keine einheitliche Schule bilden; sie haben nur eines gemeinsam: sie schöpfen Anregungen im National-Russischen. Im grossen und ganzen lassen sich zwei Abzweigungen innerhalb dieser Richtung unterscheiden: einige Künstler gehen in Träumen auf, die sich auf die Vergangenheit Russlands beziehen, andere greifen zum Volkstümlichen, zur nationalen Volkskunst der Gegenwart. In den Werken moderner Meister wird die Vergangenheit zu einem Märchen. So belebt der hochbegabte Roerich in seinen Bildern eine vergessene Welt normannisch-russischer Legenden. Seine feierlich ein- fachen, farbenreichen, stilvollen Eiompositionen klingen wie Sagen aus dem Volksepos. Der nicht minder originelle Ssomo w will in seinen Bildern das Bussland des XVlll. Jahrhunderts erwecken. Eigentümlich ver- binden sich in seinen Werken Traum und Satire, in verschwommenen Umrissen taucht ein Versailles auf russischem Boden auf. Auch Ssomo ws Bilder wirken irreal und märchenhaft. Moderne Maler stellen eine g8bnz andere Vergcingenheit dar als ihre Vorgänger — die Maler des sozialen Protestes. Diese suchten in der Vergangenheit abschreckende Beispiele und gaben dem geschichtlichen Thema einen archäologisch richtigen Rahmen. Moderne Maler sind im Gegenteil bestrebt, eine der Vergangen- heit adäquate Kunstsprache zu finden, sie malen keine ,, historischen Bilder", sie wollen nur dem Geiste der vergangenen Zeiten malerischen Ausdruck geben. Andere wenden sich der Volkskunst zu, suchen Anregungen in Schöpfungen des ästhetischen Sinnes des Volkes. Der als feiner Illustrator bekannte russische Maler Bilibin greift in seinen Werken die Märchenwelt Russlands auf. Es gelang ihm, einen richtigen russischen Illustrationsstil zu schaffen. Er bedient sich vielfach der Erzeugnisse der Bauernvolks- konst, ihr entlehnt er wundervolle Farbenzusammenstellungen und inhalt- lich originelle Motive. Ein anderer zeitgenössischer Maler, Maljawin, gibt in seinen kühnen farbigen Bildern, nicht nur inhaltlich, das Leben des russischen Dorfes wieder. Seine Verwandtschaft mit dem Volke, mit 58 Russland. dem russischen Dorf, wurzelt in einer der Grundlagen der Malerei — im Empfinden der Farbenharmonie: er empfindet sie so, wie sie der Farbensinn der Dorfbevölkerung von Grossrussland erlebt. Maljawin zeigt eine Vorliebe für grelle, gesättigte Farben, unter denen das Bot ent- schieden vorherrscht. Er ist in Westeuroi)a durch seine Darstellongen der russischen Bäuerinnen in ihren farbenreichen Trachten bekannt geworden. Wir haben hier nur wenige Beispiele von Künstlern angeführt, deren Schaffen rein nationale Elemente aufweist. Das Verständnis für die nationale Kunst hat sich in letzter Zeit rasch entwickelt, parallel wächst auch das Interesse für Erzeugnisse der Volkskunst. Diese ist auf dem Boden Busslands überaus reich und mannigfaltig vertreten; verschiedene Arbeiten des Kunstgewerbes — Stickereien, bemalte Holzarbeiten, Holz- schnitzereien, eigentümliche malerische Volkstrachten — geben ein lebendiges Bild vom künstlerischen Können des russischen Volkes. Es besitzt ein ausgesprochenes Gefühl für das Dekorative und einen hoch- entwickelten Farbensinn — die gleichen Eigenschaften, welche die alt- russische Malerei aufweist. Man möchte hoffen, dass die veränderten Iiebensverhältnisse diesen reichen Keimen zu einer schönen Blüte ver- helfen werden, dass eine höhere Kultur in die bis jetzt noch wenig ge- bildeten Schichten des russischen Volkes dringen wird und dass sieh ihre schöpferischen Kräfte in vollem Umfange entfalten. Vera Erismann-Stepanowa. Die russische Musik. Einleitung: Die Periode vor Glinka. Wenn wir einen Blick auf die rusaische Musik werfen, wie sie vor hundert Jahren war, so zeigt sich uns ein trostloses Bild. Man kann geradezu sagen, dass es damals eine russische Musik als künstlerische nationale Erschei- nung überhaupt noch gar nicht gab. Die vereinzelten Versuche auf dem Gebiet der profanen und kirchlichen Musik waren künstlerisch noch wert- los, da den Komponisten jede ästhetische Kultur und jedes Talent fehlte. Die profane Musik, d. h. die Oper — denn das war die einzige Form der nicht-religiösen Musik, die in Bussland schon eine gewisse Verbreitung gefunden hatte — stand ganz unter italienischem Einfluss. Die italienische Op^ war in den dreissiger Jahren des 18. Jahrhunderts in Bussland auf- getaucht und konnte schon auf eine Periode grössten Erfolges zurück- blicken, als Paisiello in der Begierungszeit Katharinas 11. (1762 — 1796) nach Petersburg kam, wo er verschiedene seiner Opern, unter anderen den berühmten „Barbier von Sevilla" schrieb. Paisiellos Nachfolger an der italienischen Oper zu Petersburg wie auch seine Vorgänger, besonders Araia, l^en ihren Werken zwar manchmal Stoffe der russischen Mytho- logie und Geschichte zu Grunde und benutzten auch wohl hin und wieder russische Libretti; aber trotz dieses Kostüms blieben ihre Opern ganz itaUenisch, genau so italienisch wie die Werke mancher Komponisten — russischer Dilettanten. — , die die italienischen Meister einfach nachahmten. Aus cLieser ganzen Zeit bis zum Auftreten Glinkas überlebte nur die Oper „Askolds Grab" von Werstowski (1799—1862) den Verfasser. Sie er- schien 1836, also nur ein Jahr vor dem „Leben für den Zaren" von Glinka, und hat sich bis vor kurzem auf der russischen Bühne gehalten; aber ihre relative Langlebigkeit* verdankt sie einzig und allein einigen, den russischen VolksUedem entlehnten Melodien, die Werstowski geschickt in seine Oper dnflocht, wodurch er gewissermassen zum Vorläufer Dai^omyschskis, Mussorgskis und Bimski-Korsakows wurde. Die russische Kirchenmusik war vor hundert Jahren in einem fast ebenso unerfreulichen Zustand wie die profane. Schon die Tatsache, dass der orthodoxe Bitus nur den Gesang kennt und jedes Musikinstrument verbietet, war ihrer Entwicklung nicht günstig. Ebenso hemmend wirkte der konservative orthodoxe Geist der russischen Kirche, der mit Feindschaft auf jede, noch so unschuldige, Neuerung sah und sich so fest wie möglich QO RuBsland. an die alten griechischen Gesänge zu halten suchte. Bartnianski{n61 — 1825) seit 1796 Dirigent der Hofkapelle zu Petersburg, versuchte zwar eine Beform, hauptsächlich, indem er Elemente der damaligen italienischen Kirchenmusik in die rituellen Chöre einführte, aber diese Neuerung war nicht imstande, der russischen Kirchenmusik frisches Leben und einen eigenen nationalen Charakter zu geben. Sie bewahrte ihre archaische und primitive Eigenart, bis sie, erst in der zweiten Hälfte des 19. und am Anfang des jetzigen Jahrhimderts, durch die Werke Tschaikowskys (1840—1893) Kastalskis, (geb. 1866), Gretschaninows (geb. 1864) und anderer dem Einfluss der russischen Nationalmusik unterlag, die in der Zwischenzeit entstanden war und sich ganz unabhängig von der Kirchen- musik entwickelt hatte. Diese Tatsache ist zum richtigen Verständnis des Charakters der russischen Musik sehr wichtig. Während in deijt anderen Ländern die Kirche meist die Wi^e der Musik war, und die grossen nationalen Komponisten in Italien, den Niederlanden, in England, Deutschland und Frankreich, als Organisten, Chorleiter oder selbst als Geistliche gewöhnlich in enger Ver- bindung mit der Kirche standen, ging die nationale Musik in Bussland, ganz unbeeinflusst von der Kirche, unmittelbar aus den Volksliedern und Tänzen hervor. Sicher wurden in allen Ländern die grossen Komponisten, die Begründer der Nationalmusik durch die Volksmuse befruchtet, aber diese volkstümlichen Elemente mussten bei ihnen erst eine musikalische Kultur durchdringen, die mit religiösem Leben erfüllt war, und deshalb konnte d«: Kontakt zwischen ihren Kompositionen und der Volksmusik nicht so eng, lange nicht so innig sein, wie in Russland. Kein Volk der Welt besitzt einen so reichen imd bunten Schatz an Volksmelodien und -Idedem, wie das russische. An der Wolga, wie am Dnjepr, in Gross- und Kleinrussland, singt das Volk seine Weisen, manchmal fröhlich, aber öfter traurig und sehnsuchtsvoU; es singt sie schon seit vielen Jahrhunderten, vielleicht seit mehr als tausend Jahren, denn viele dieser Gesänge, besonders die rituellen, mit Tänzen verbundenen, verraten noch ihren heidnischen Ursprung und lassen sich auf den Sonnenkultus zurückführen. Oft ein wenig primitiv in ihrem harmonischen Gefüge, aber unendlich reich an Melodien und unendlich verschieden im Rhythmus, gewöhnlich bizarr und sehr kom- pliziert, offenbaren diese Volksgesänge die so tief musikalische Seele des Volkes und waren schon zu einer Zeit, da es noch keine russische National- musik gab, ein sicheres Unterpfand dafür, dai&s diese entstehen musste, sobald erst eine allgemeine und musikalische Kultur dem russischen Volke erlauben würde, den ganzen Reichtum seiner Lieder auszunutzen. Und sie waren zugleich ein Pfand dafür, dass die russische Nationalmusik, einmal geboren, eine rasche, erstaunliche Entwicklung nehmen und durch die Volksseele stets von neuem befruchtet, ihren individuellen Charakter Die Schopfer der mstischen Nationalrnnwlr ; Olinka und DargomysohakL 61 bewahren und sich einen eigenen beachtenswerten Platz neben der älteren Musik des übrigen Europas erringen würde. Die grossen Komponisten, die das westliche Europa und Amerika die russische Musik kennen und sshätzen lehrten, waren sich auch alle ihrer engen Verbindung mit der Volksseele wohl bewusst, und viele von ihnen, wie Balakirew, Beinski-Korsakow, liapimow, liadow und andere emp* fanden es gleichsam als ihre Pflicht, mit Leidenschaft russische Volkslieder zu sammeln, zu ordnen und berauszugeb^i. Trotz all dieser Bemühungen dnd immer noch unzählige Volkslieder unveröffentlicht, und wir können die ganze Grösse dieses reichen Schatzes nur ahnen.^) So war es nicht Kirchen-, nicht Bühnen- und noch weniger Symphonie- musik, sondern der grosse Beichtum und die imendliche Mannigfaltigkeit der Volksmelodien, die den Genius Glinkas befruchteten und ihn ohne Vorläufer und ohne Mitarbeiter, fast ohne dass er sich dessen selbst bewusst geworden wäre, das titanische Werk der Schöpfimg der russischen National- musik vollbringen Uessen. I. Die Schöpfer der Glinka und Dargom; Michail Iwanowitach Glinka (1804 — 1857) ist eine der originellsten und interessantesten Grestalten der Musikgeschichte. Tschaikowsky sagt von ihm: „Eine noch nie dagewesene, erstaunenswerte Erscheinung in der Kunstsphare. Ein Dilettant, der ein wenig Violine und ein wenig Klavier spielen kann, der farblose Quadrillen, Phantasien über moderne italienische Melodien komponiert, der sich auch in ernsteren Formen ( Quartett, Sextett) und Liedern versucht, der aber ausser Banalitäten im Geschmack der dieissiger Jahre nichts zustande bringt, — schafft plötzlich in seinem vier- unddreissigsten Lebensjahr eine Oper, welche in ihrer Genialität, Eigenart, tadellosen Technik und in ihrem grossen Wurf dem Grössten und Tiefsten der gesamten Kunst an die Seite gestellt werden kann! . . . Wie ein Alp- druck beunruhigt mich die Frage . . . , wie es mögUch gewesen ist, dass ein gewöhnhcher Dilettant plötzlich mit einem Satz, Mozart, Beethoven und wem immer an die Seite (ja an die Seite!) springen konnte. Solches kann man wohl ohne Übertreibung von einem behaupten, der ein ,,Slawsja"^) komponiert hat . . . „Slawsja"' ist etwas Gewaltiges, Erdrückendes. Dabei ^) Einen weiteren Beweis für die Unerschöpflichkeit dieees Schatzes hat vor kaum zwei Jahren der russische Komponist Oljenin erbracht, indem er eine lange Oper von drei Akten („Kudejar") aussohlieeslich aus unveränderten russischen VolkEmelodien zusammenstellte. ') Der berühmte Schlussohor, mit dem die Oper Glinkeu »,Das Leben für den Zaren'* schliesst. 62 BusslancL hatte er gar keine Vorbilder gehabt. Weder bei Mozart noch bei GInck findet sich etwas Ähnliches. ErstaunUch, unbegreiflich 1'" Wir dürfen uns nicht durch die Übertreibung stören lassen, die Tschai- kowski trotz allem begeht, wenn er Glinka neben Mozart und Beethov^i stellt, eine Übertreibung, die nur zu verständlich ist, wenn man bedenkt, dass Ghnka wirklich aus dem Nichts die russische Oper, die russische Symphoniemusik — wenigstens in den einfachen Formen der Ouvertüre imd des orchestralen Scherzos — und die russische Bomance geschahen hat; und wenn man femer bedenkt, dass Glinka weder eine tiefe allgemeine Bildung noch eine grosse Intelligenz besass und selbst in der Musdk so- zusagen Autodidakt war. Geboren den 20. Mai 1804 in Nowospasskoie im Gouvernement Smolensk auf einem Gut, das seinem Vater, einem ehemaligen Offizier, gehörte, verbrachte er dort, fast ohne Unterbrechung, die ersten dreizehn Jahre seine» Lebens. Und auch später, bis zu seiner Beise nach Italien 1830, während seines Aufenthalts in Petersburg 1817 — 1822 als Schüler des pädagogischen Instituts und 1824 — 1828 als Beamter im Verkehrsmini- sterium — immer kehrte er von Zeit zu Zeit auf sein Gut zurück, um dort ganze Monate zu verbringen. So kann man wohl sagen, dass er die erste Hälfte seines Lebens auf dem Lande, in der Natur imd unter dem russischen Volk verbrachte, ohne ernsthaften musikalischen Unterricht, denn das, was er in Petersburg gelegentlich von seinen Musiklehrem lernte, war ein bisschen Klavierspiel imd sonst wenig oder nichts. Aber ein glückliches Geschick brachte ihn schon in frühester Kindheit mit einem Privat-Orchester in Berührung. Wie viele Gutsbesitzer Buss- lands zu jener Zeit, hielt sich auch einer seiner Onkel, dessen Besitzung nur 8 km von Nowospasskoie entfernt war, ein kleines Orchester, das grösstenteils aus seinen Leibeigenen bestand. Glinka ging häufig zu seinem Onkel hinüber, und dieser kaum auch öfters mit seinem Orchester für mehrere Tage nach Nowospasskoie, so dass Glinka fortwährend Gelten- heit hatte, es spielen zu hören. Den Eindruck, den diese Musik auf ihn machte, hat Glinka in seiner Autobiographie „unaussprechlich'' und „be« geisternd" genannt. Da das Bepertoire dieser kleinen Kapellen sehr be- schränkt war, spielte man häufig auch Volkslieder und Tänze. „Wahrschein- lich," so sagte Glinka selbst, „gaben mir diese Lieder, die ich in der ersten Kindheit hörte, den Anstoss, mich später besonders der Bearbeitung russischer Volksmusik zu widmen." So beherrschte er durch die Praxis die Hilfsmittel und die Technik des Orchesters schon vollkommen und hatte ausserdem bereits eine Reihe von liedem und einige Klavier-, Orchester- und Kammermusikstücke geschrieben, die sicherlich oft noch dilettantenhaft und wenig selbständig waren, aber doch unzweifelhaft musikalisches Talent verrieten, als er Die Schopfer der ruflsiBchen IVationalmuaik : Glinka und Dargomyschski. 63 endlich im Jahre 1833, nach ehxeid vierjähiigen Aufenthalt in Italien, dem er mnmkaliHch nichts als eine bessere Kenntnis der Gesangskunst ver- dankte, nach Berlin kam, um dort seme Studi^i der Musiktheorie bei Dehn, dem Bibliothekar der musikalischen Abteilung der königlichen Bibliothek, zu b^innen. Mai^ darf sich deshalb nicht wundem, wenn ihm fünf Monate des Studiums bei Dehn') genügten, um jene Meisterschaft in der Kompositionskunst zu erringen, die es ihm ermöglichte, im April 1834 nach Bussland zurückgekehrt, sein „opus magnum" zu vollbringen, d. h. seine erste grosse Oper „Bas Leben für den Zaren" zu schreiben. „Glinka ist als IMlettant fortgereist," so sagt einer seiner Freunde, „und kommt jetzt als Meister zu uns zurück." Glinka schrieb „Das Leben für den Zaren" 1835 — 1836, und am 27. November 1836 wurde die Oper zum ersten Mal in Petersburg auf- geführt. Dieses Datum ist wichtig als Geburtstag der russischen National- musik. Wohl spürt man im „Leben für den Zaren" den Einfluss des „bei canto" der italienischen Oper und die Einwirkung der Listrumental- und Harmonietechnik der deutschen Meister, aber trotzdem ist sie die erste echte russische Nationaloper, sowohl durch den Charakter ihrer Melodien und Chorrezitative, die Eigenart imd den Wechsel ihrer Rhythmen, wie durch die, den Harmonien der russischen VolksUeder verwandte, wenn auch unendlich reichere Harmonisierung und endlich durch die klare, helle, mannigfaltige und immer tief poetische Listrumentation, die sie einzig Glinkas Genie verdankt. Sicher war das russische Publikum noch nicht fähig, die geniale Schöpfung Glinkas voll zu würdigen, und wenn die Oper Erfolg, und sogar einen lärmenden Erfolg hatte, so verdankt sie das nicht ihren musikalischen Qualitäten, sondern ihrem Sujet. Es behandelt den ^) Glinka beschreibt in seiner Autobiographie diese Studien: „In kürzester Zeit gab er (d. h. Dehn) sich von meinen Kenntnissen und musikalischen Fähigkeiten Rechenschaft, indem er mich erst drei-, dann vierstimmige Fugen schreiben liess, oder besser nur Entwürfe, Gerippe von Fugen, ohne Text, über Themen berühmter Komponisten, bei denen ich alle, für diese Art von Kompositionen aufgestellten Regeln genau befolgen musste. Er brachte Ordnung in meine theoretischen Kenntnisse, und schrieb mir eigenhändig eine Harmonie- oder Generalbass-, eine Melodie- oder Kontrapunkt- und eine Instrumentationslehre . . . Sicherlich gab Dehn mir mehr als alle meine anderen Lehrer . . . , hat er doch Ordnung in meine Gedanken über Kunst im allgemeinen gebracht, und habe ich doch nach seinem Unter- richt angefangen, nicht mehr instinktiv, sondern mit vollem Bewusstsein zu arbeiten." — Seinerseits bewunderte auch Dehn aufs höchste das Talent seines genialen Schülers. Noch 1856 schrieb er ihm (Brief vom 3. April): „Jetzt endlich, nach so vielen langen Jahren, habe ich von neuem das Glück und die Freude, einen talentvollen Schüler zu haben (Kas- perow). . . . Wie oft, lieber Freund, habe ich während dieser Stunden an Sie denken müssen! Sicher besitzt er nicht Ihre produktive melodische Begabung!" — Dehn war auch entzückt von der Nachricht, dass Glinka an seiner Autobiographie curbeite imd schrieb ihm bei dieser Gelegenheit, dass er damit der Geschichte der Kunst den grössten Dienst erweise, denn er gehöre „zur ersten Klasse der wahren künstlerischen Aristokratie *\ ... Es war auch auf Behns Wunsch, dass Glinka eine Kopie seiner Opern an die Königliche Bibliothek in Berlin sandte. Q4 BuBaland. Kampf zwischen Buasland und Polen im Jahre 1612 — 1613, den Sieg der Bussen über die Polen und die darauffolgende Thronbesteigung des Michael Bomanow, der durch die Selbstaufopferung des Bauern Iwan Sussanin, des Haupthelden der Oper, aus den Händen der Polen befreit worden war. Das war ein Stoff, den das offizielle Bussland von 1836 mit Begeisterung begrüsste, da der polnische Aufstand von 1830 — 1831 und seine blutige Unterdrückung noch so frisch in aller Erinnerung war. Dass es nicht die geniale Musik Glinkas war, die geschätzt und v^- standen wurde, sehen wir am besten daraus, dass die zweite, musikalisch noch bedeutentendere Oper Glinkas „Buslan und Ludmila"^) — die sechs Jahre später, 1842, auch gerade am 27. November, aufgefiihrt wurde — gar keinen Beifall fand, nicht beim Publikum und nicht einmal bei Glinkas musikalischen Freunden. Die Einzigen, die sie schon damals schätzten, waren liszt und Berlioz ; aber in Bussland kam die Würdigung erst mehrere Jahrzehnte später. Dieser Misserfolg kränkte und entmutigte Glinka und wirkte lähmend auf seine Schaffenskraft. In den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens schrieb er nichts mehr, das die Bedeutung dieser beiden Opern erreichte. Aber trotz dieser relativen Spärlichkeit der Produktion ist Glinka mit seinen zwei Opern, seinen etwa 85 liedem, seinen symphonischen Werken, darunter besonders die beiden „Spanischen Ouvertüren'^ und vor allem dem berühmten „Bussischen Scherzo"" die „Kamarinskaia",*) mit sein^ symphonischen „Entre Actes" und Gesangnummem zu Kukolniks Tragödie „Fürst Chohnski" unzweifelhaft und unbestreitbar der Schöpfer der russischen Nationalmusik. Gleich wie Puschkin, den Glinka auch persön- lich kannte, die neue russische literarische Sprache geschaffen hatte; wie Gogol, der ebenfalls mit Glinka verkehrte, die russische Prosa geschaffen hatte, so gehört auch Glinka zu den wenigen Künstlern, die der Kunst ganz neue Tore öffnen und eine dauerhafte und fruchtbare Bewegung ein- leiten, die ohne ihre genialen Werke wahrscheinUch noch lange Zeit latent geblieben wäre. Glinka hat durch sein persönliches Beispiel den russischen Musikern gezeigt, wie man russische Musik machen kann und soll. Und «ein Beispiel hat reiche Früchte getragen. ^) Das Libretto dazu wurde aus dem gleichnamigen Poem von Puschkin entlehnt. ') Tsohaikowski widmet der ,,Kamarinskaia" folgende enthusiastischen Worte : „. . (ein) Werk einer ungewöhnlichen Genialität ist auch die „Kamarinakaia". So nebenher, ohne auch nur die Absicht gehabt zu haben, mehr als eine einfache scherzhafte Bagatelle zu machen — schenkt uns dieser Mann ein kleines Werk, in welchem jeder Takt das Produkt einer enormen (aus nichts) schaffenden Kraft ist. Seither sind nahezu fünfzig Jahre ver- flossen (Tsohaikowski schrieb dieses 1888. J. S.); viele russische Symphoniewerke sind ent- standen, man kann sogar von einer (russischen. J. S.) symphonischen Schule sprechen. Indessen steckt sie ganz in der „Kamarinskaia" wie eine Eiche in der Eichel. Und noch lange werden die russischen Komponisten aus dieser Quelle schöpfen, denn viel Zeit und Kraft müsste man haben, um ihren Reichtum zu erschöpfen." C*r V- ■• Y t 9 ^/ Jlll 1 1919 I \. Vorbemerkung. Das Sammelwerk „Russland'' ist ein Resultat der gemeinsamen Arbeit einer Reihe russischer Schriftsteller. Die Herausgeber des Werkes haben sich bemüht, in demselben Aufsätze zu vereinigen, die mit wissenschaftlicher Objektivität die verschiedenen Seiten de^ geistigen Lebens und Schaffens des russischen Volkes, den politischen Bau, die sozialen Bewegungen und das geseUschafUiche Leben Russ- lands in ein möglichst klares Licht rücken. Im ersten Teile des Werkes, der dem geistigen Leben Russ- lands gewidmet ist, sind folgende Aufsätze enthalten: 1. Die russische Kunst (V. Erismann). 2. Die russische Musik (I. Stepanow). 3. Die russische Philosophie (A. Lossew), 4. Die Ideologie der orthodox-russischen Religion (A. Lossew). 5. Alexander Puschkin und der Anfang der modernen russischen Literatur (V. Erismann). 6. Die Bedeutung der russischen Literatur (J. Matthieu). 7. Die Geschichte der russischen Literatur (I. Rosanow). 8. Die russische Volkspoesie. Das Märchen (J. Ssokolow). 9. Das Volksepos (B. Ssokolow). 10. Die moderne russische Literatur (L Rosanow). * 11. Das Theater in Russland (S. Glagol). Der zweite Teil des Buches behandelt den politischen Bau, die sozialen Bewegungen und' das gesellschaftliche Leben Russlands und umfasst folgende Aufeätze : \ 1. Die vier .Perioden der russischen Geschichte (I. Stepanow). 2* Staat und Kirche in Russland und religiöse Be- . wegungen auf russischem Boden (S. Melgunow). 8. Der russische Bauer (I. Bjelokonski). 4. Das Semstwo (I. Bjelokonski). Die SehSpfer der roasiaclieii Katiamlwtik : Glinka vnd Dargomysolidd. 65 Sclion in den dieiflsiger Jahren machte Glinka die Bekanntschaft eines anderen jungen niafliachen Komponisten, dessen aasseigewöhnlichee Talent er sogkioh erkannte; es war Alexander Seigejewitsch Dargomyschski (1813 — 1869), der damals seine ersten dilettantischen Versuche in der Eompositionskanst machte. Er irar wie Olinka ein weghabender Guts- besitzer und ist niemals ein Musiker von Beruf, im wahren Sinne des Wortes, geworden. So hat auch seine musikalische Produktion viel Dilet- tantenhaftes, und seine Werke stehen in technischer Hinsicht weit unter denen Glinkas; auch sein Melodienreicfatum ist geringer. Dennoch hatten seine Werke, besonders seine Oper „die Nixe" („Bussalka'')^) (1855) — die wie auch seine lieder zuerst unbemerkt blieb — einen enormen Em- fluss auf die ganze weitere Entwicklung der russischen Musik und besonders auf den Kreis der f änf Komponisten, der sich in den sechziger Jahren um Balakiiew gebildet hatte, und unter denen Mussoigski als echter geistiger Sohn Daigomyschskis gelten katm. Dargomyschski war jedoch kein ein- facher Nachahmer Glinkas; in seinen Opern und liedem entwickelte er besonders das ihm so eigentumliche dramatische und komische Element, und gerade das fehlte Glinka fast gänzlich. Glinka ist vor allem Lyriker und Epiker, Dargomyschski Dramatiker. Die St&rke Glinkas li^ in der gesungenen Melodie, die Stärke DargcHnyschskis im dramatischen Rezi- tativ. Am besten gdungen sind ihm in der „Nixe" die hochdramatischen Stellen, dank denen dieses Werk auch heute noch, trotz vieler Fehler und schwachen Stellen, eine lieblingsoper des russischen Publikums ist. Musikalisch vielleicht noch interessanter ist Dargomyschskis zweite Oper „Der steinerne Gast"' („Kamenni Gost"). Den Text dazu lieferte ihm Puschkins gleichnamiges Drama, das nur eine der unzähligen — wenn auch eine sehr geistreiche — Variante des Don Juan-Themas ist und das Dar- gomyschski fast unverändert benutzte. Mit dieser Oper, die bei seinem Tode unvoUmdet blieb, und die Bimski-Korsakow, der sie durchaus auf die Bühne bringen wollte, beendete und instrum^atierte, versuchte Dargo- myschski zugleich eine radikale Umgestaltung dieses Zweiges der Musik, die manche Berührungspunkte mit Wagners Bef örm hat, dessen Musik ihm übrigens gänzlich unbekannt war. Er versuchte den Worten die grösste Plastik zu geben und benutzte die Musik nur dazu, die Wirkung der Worte und der Vorgänge auf der Bühne zu steigern. Indem er die „musikalische Wahrheit'', d. h. die enge Übereinstimmung der Musik mit den Worten zum höchsten Prinzip der melodramatischen Kunst erhob, reduzierte er seine Opern fast auf eine Anzahl dramatischer Bezitative, die oft durch die Kraft des Ausdrucks bewundernswert sind, aber als Ganzes doch ein wenig monoton wirken. Denn Dargomyschski beherrschte das Orchester ^) Den Text entlehnte Dargomyschski dem gleihnamigen kleinen Drama von Pus<^kin. KritBftnn, BiutlMid. 5 66 Buttlaad. nicht mit Wagners Meisterschaft, der durch seine Instrumentation jede Langeweile zu bannen wusste. Bei Daigomyschskis Opern spielt das Orchester nur eine untergeordnete Rolle, das Hauptgewicht liegt auf dem Gesang oder besser auf den Besitationen der Darsteller. Es ist nur natürlich, dass Daigomyschski nicht viel und künstlerisch nichts Bedeutendes auf dem Gebiet der Symphoniemusik geleistet hat, denn er war und wollte kein Symphoniker sein. Sehr bedeutend hingegen sind seine Lieder, die er selbst unvergleichlich zu singen verstand, besonders die dramatischen und komischen. Seine besten Lieder sind wirkliche Meister- stücke der satirischen und humoristischen Musik, und ihnen gebührt, neben denen Mussorgskis, ein Ehrenplatz in der musikalischen Weltliteratur. 2. Die Dilettanten in der Musilc Lässt uns Glinka in seinen Opern nur durch sein inmienses Talent das Fehlen einer wahren und tiefen musikalischen Kultur vergessen und steckt in Dargomyschski schon viel von einem Dilettanten, so sind die fünf Petersburger Komponisten, von denen wir jetzt sprechen werden, weit davon entfernt, das Fehlen einer besonderen Schulung als Mangel zu emp- finden, sondern führen im Gegenteil einen Kampf auf Leben und Tod gegen jegliche Schule, jeden besonderen musikalischen Unterricht : „Konserva- torien richten die Musik zu gründe !"" „Sie bringen nur musikalische Kretins hervor I'' „Ein Talent braucht keine Schule!'' „Bach, Mozart, Haydn sind nur Schulmeister, keine Künstler!'' „ Nur die Volksmusik hat musi- kalischen Wert, und die späten Werke Beethovens und Schubert, Schu- mann, Liszt, Chopin, Belrioz, Glinka!" So dachten ungefähr diese fünf Musikdilettanten, Balakirew an der Spitze. Der Dilettantismus wurde die Haupttugend jedes begabten Musikers! Wenn die Musikgeschichte ge- zwungen ist, mit Achtung von diesen fünf Komponisten zu sprechen, so ist es des grossen Talentes wegen, das sich trotz des Dilettantismus in ihren Werken offenbart. Millij Alexejewitsch Balakirew (1837 — 1910), das geistige Haupt dieses ganzen Kreises, war auch der einzige, der sich fast ausschliesslich der Musik widmete und insofern ein Musiker von Beruf war, trotzdem aber der richtige Typ des Autodidakten. Seine enorme musikalische Sensibilität, sein stark entwickelter kritischer Sinn, die Leichtigkeit, mit der er am Klavier improvisierte, sein grosses musikalisches Gredächtnis imd seine relative musikalische Bildung machten ihn für die andern zu einem Meister; jedes Wort von ihm galt für heilig. Er leitete Borodin, Mussorgski und Bimski- Korsakow bei ihren ersten Versuchen und erwarb sich ein grosses Verdienst dadurch, dass er die russischen Volkslieder nicht nur nach ihrem wahren Die Dflettuitfln in der Musik. 67 Wert schätzte, was ja auch schon Glinka und Dargomyschski getan hatten, sondern sie auch in einer reichen Auswahl und in einer Musterausgabe ver- öffentlichte. Seine eigenen musikalischen Leistungen haben sehr viel ge- ringeren Wert. Auch Cäsar Antonowitsch Cui (geb. 1835), Offizier von Beruf und bis vor wenigen Jahren Professor der Fortifikation an der Militär-Akademie zu Petersburg, ist kein bedeutender Komponist, trotz seiner unzweifel- haften Begabung für Vokalmusik (Opern, Lieder). Ln Kreise der „Fünf wurde er von den andern Dreien als Meister betrachtet, besonders in der Vokalmusik, während Balakirew das Feld der Instrumentalmusik unbe- stritten beherrschte. Über diesen engen Kreis hinaus wirkte Cui als Musik- kritiker, besonders in den Jahren 1860 — 80, als er in der täglichen Presse die fortschrittlichen, revolutionären Ideen Balakirews und seiner Freunde, oder wie man noch heute allgemein in Bussland sagt, der „jung-russischen Schule'' oder „des mächtigen Haufens" („Mogutschaja Kutschka'') ver- breitete.*) Bedeutender ist Alexander Porphiriewitsch Borodin (1834 — 1897). Auch er war zuerst als Arzt im Militärdienst tätig, wurde dann Professor der Chemie und beschäftigte sich nur in seinen Mussestunden mit Musik.*) Aber seine drei Symphonien, von denen die letzte Fragment geblieben ist, seine Quartette, Lieder und symphonischen Dichtungen und vor allen seine Oper „Fürst („Knias") Igor", auch unvollendet und später von Bimski- Korsakow und Glasunow zu Ende geführt, gehören zu den besten russischen Kompositionen des vorigen Jahrhunderts. Sein Talent war hauptsächlich lyrisch und episch und dem Glinkas so verwandt, dass „Fürst Igor'S den Borodin auch dem Andenken Glinkas widmete, von den Musikern Buss- *) Wir mOseen hier noch einen andern mssipohen Kttaetler erwfihnen, der wie Coi für die Qeeohichte der rassischen Musik fast mehr als Kritiker denn als selb tSndiger Komponist in Betracht kommt: Alezander Sserow (1820^1871). Während seine venchiedenen Opern „Judith", ,3ogneda*\ „Des Feindes Macht" („ Wr» ohja Sila") nur einen sehr massigen kOnstlerischen Wert haben, fand eeine Tätigkeit ak Mmikfohrift^teller, dank seines grossen musikalischen Wissens, einen kbhaften Widerhall in Rus^land. Er etand der Richtung des Balakirewtchen Kreises feindb'ch gegenüber; noch heftiger bekämpfte er die akademische Strömung die in Russland durch die Brüder Rubinstein vertreten wurde. Er war der erste russische Musiker» der Richard Wagners Genie erkannte und wmde der leidenschaftlichste und übenseugteste Verteidiger und Verbreiter eefncr Ideen. Er machte auch den ersten, fiei- lioh missglüokten Versuch eine ernsthafte, mu^ikkritis* he Zeitschrift ,JCusik und Theater" (1867 — 1868) in Rußland herauszugeben *) Borodin charakterisiert selbst in einem Briefe seine musikalische Tätigkeit: »»Ich bringe es fast nie fertig su arb. iten. Wenn ich auch manchmal die physische Müsse habe, so fehlt mir die moralische, die so unumgänglich nötige Ruhe zu einer musikalischen Stimmung. Der Kopf ist mit andern Dingen erfüllt. Nur wenn ich kiank bin, zu Hause bleiben muss und nichts tun kann, wenn mir der Kopf weh tut, die Augen tränen, und ich alle zwei Minuten zum Taschentuch greifen muss, dann komponiere ich. In diesem Jahre ( 1877) war ich zweimal so krank, und die Krankheit hat mir Bausteine zur Konstruktion meiner neuen Oper geliefert. (Fünt Igor.) I. » • » • f • • C*^'^ ■> . « w- 70 Biusland. Chöre und besonders seine Lieder, den Opern nicht nachstehen. Die Lieder handehi fast nie von Liebe. Sie sind humoristisch und satirisch wie ,,Bajok", „Der Klassiker'", „Der Floh'" („Blocha'') usw. oder sie sind dramatisch und oft tief tragisch und schauerlich wie die beiden Liedergruppen „Ohne Sonne'' und „Totentänze". Einen besonderen Charakter trägt Mussorgskis berühmte „Kinderstube" („Djetskaja"), in der er Eindrücke und Gefühle der Kinderwelt wiederzugeben versucht. Den Text der meisten Lieder imd Chöre schrieb er selbst. Der jüngste aus diesem Freundeskreise war Bimski-Korsakow (1844 bis 1908), der einen besonderen Platz unter den „Fünf" einnimmt. Ur- sprünglich auch im Militärdienst — er war Marineoffizier — , lernte er schon mit siebzehn Jahren Balakirew kennen und kam ganz unter dessen Einfluss. Balakirew veranlasste ihn damals schon, die Symphonie in es-moll zu schreiben, die nicht nur seine erste, sondern zugleich die erste russische Symphonie (1864) werden sollte; denn Bubinsteins Symphonien haben mit russischer Musik nichts gemein. Viele Jahre hindurch blieb Balakirew der einzige Lehrer Bimski-Korsakows, ein Lehrer eigner Art, der seinen Schuld nicht einmal in die Musiktheorie einführte, so dass Bimski-Korsakow noch im Alter von dreissig Jahren keine Ahnung hatte, was ein Sextakkord oder Quartakkord oder eine Fuge sei. Trotzdem hatte er damals schon ver- schiedene wertvolle Orchesterwerke („Antar", „Serbische Phantasie") und seine Opern „Ssadko" und „Das Mädchen von Pskow" („Pskowitianka") geschrieben, und es war ihm 1872 sogar der Platz eines Professors der In- strumentation und freien Komposition am Konservatorium zu Petersburg angeboten worden. „Ich hatte die Unverfrorenheit, ihn anzunehmen«" sagt er in seiner Autobiographie, in der er, nebenbei gesagt, Balakirew wegen seiner mangelhaften theoretischen Kenntnisse heftige Vorwürfe macht. Als er übrigens sah, dass die Unkenntnis der musikalischen Formen zu einem ernsten Hindernis für die volle Entwicklung seines Talentes wurde, fing er mit desto grösserem Eifer an, doch noch Musiktheorie zu studieren, und schrieb in einem einzigen Sommer eine solche Unzahl Kontrapunkt- studien, dass Tschaikowski ernstlich Angst bekam, aus dem Dilettanten würde noch ein scholastischer Pedant und kontrapunktischer Jongleur werden! Aber die Grösse seines Talentes rettete ihn vor der Pedanterie, wie das eifrige Studium der Musiktheorie ihn von den Sünden des Dilet- tantismus befreit hatte. Es liegt etwas Symbolisches in diesem Entwick- lungsgang Bimski-Korsakows, etwas wie eine endgültige Verdammung des musikalischen Dilettantismus. Und wirklich war die Zeit des Dilettants- mus, selbst des genialsten, jetzt auch für Bussland vorüber. Wenn Bimski-Korsakow sich so auch in einen Komponisten von Fadi verwandelte, der im Vollbesitz der musikalischen Technik ist, so bleibt er doch vor allem durch seine besondere Vorliebe fürs Theater — er schrieb Die Dilettanten in der Hnsik. 71 wenigstens fünfzehn Opern — und die auBgesprochen nationale Färbung seiner Werke, der letzte Repräsentant der Generation russischer Kompo- nisten, die jetzt verschwinden sollte. Er empfond wie kein anderer die gftnze Poesie der uralten russischen Legenden und die Schönheit der vielen noch heidnischen Volksgebräuche. Es war der heidnische Sonnenkult, der Gott Jarilo, der noch in ritualen russischen Vblksgesängen fortlebt, der BimsM-Korsakows Lieblingsoper „Das Schneewittchen'" („Sniegurotsch- ka") ins Leben rief. Es sind die Legenden, die sich auf das Leben der see- fahrenden Kauf leute der grossen Stadt Nowgorod beziehen, die er in seinem „Ssadko"' dramatisiert; es ist die christliche Legende der glücklichen Stadt Eatisch, eine Legende aus der Zeit der Tatarenherrschaft in Bussland, die ihn zu seiner Oper „Die Sage von der Stadt Kitisch'' inspiriert. Und noch andere Volksmärchen geben ihm Stoff zu seinen Opern, wie „Der goldne Hahn", „Zar Saltan",*) „Koschtschei", „Weihnachten" usw. Diese Opern, selten dramatisch und vorwiegend mit epischen und lyrischen oder auch komischen Elementen („Der goldne Hahn") durchsetzt, haben eih so aus- gesprochen nationales Gepräge, dass sie für Nichtrussen oft schwer ver- ständlich siiid, trotzdem sie ein wahres Musterbeispiel an Klarheit und Einfachheit in ihrer so geschickten, vornehmen und poetischen musika- lischen Exposition sind. In der Durchsichtigkeit des Orchesters ähnelt Bimski-Korsakow Glinka, wenn er auch ärmer an Melodien ist. Durch die vielen lebhaften und heiteren Stellen seiner Opern zeigt er noch mehr als Glinka, wie fröhlich die russische Volksmusik und Poesie sein kann, wenn ihr Grundcharakter auch alles eher als heiter ist. Mit Bimski-Korsakow erlischt der Glanz der russischen Nationaloper. Von seinen direkten Schülern verdienen nur zwei erwähnt zu werden: Liadow und Glasunow. Liadow (1855—1914) ist ein tüchtiger, orche- straler Kolorist und ein Kleinmaler ersten Banges. Seine besten Werke sind Miniaturen für Orchester und Klavier; anscheinend reichte sein Talent und noch mehr seine Arbeitskraft nicht aus, um etwas wirklich Grosses zu schaffen. Durch die nationale Färbung der besten seiner Miniaturen „Kikimöra"'), „Baba Jaga'','), „Acht russische Gesänge" usw. wie auch durch den etwas dilettantenhaften Charakter seiner musikalischen Tätigkeit ^hört er noch ganz zu dem Kreise der „Fünf". Der zweite Schüler Bimski- Korsakows ist schon ein wirklicher Musiker von Beruf, weniger national aber akademischer, so dass wir von ihm in einem anderen Zusammenhang sprechen müssen. ') Beide naoh dem Text der lCftr<^n von Piusdhkin kompoDiert. ') Eine phantastische Gestalt der russischen Märchenwelt, ') Die Hexe der msssohen Mftrchen. 72 BoflBlnd. 3* Die Berufsmusiker. Sohon SU Anfang der aeohjKig&r Jahre gab es in Bnasland swei Konaer- Tatorien, die Anton, reepektive Nikolaus Bubinstein, 1862 in Beterebtirg und 1866 in Moskau ins Leben gerafen hatten. Die beiden Brüder haben sich durch diese Gründung, sowie durch die Organisation und Direktion der Symphoniekonzerte für immer einen Platz in der Musikgeschichte Busslands erworben. Anton Bubinstein (1829 — 1894) war auch ein fruchtbarer Komponist, aber seine Kompositionen sind von sekundärem künstlerischem Wert und tragen keinerlei nationales Gepräge, so dass sie mehr der europäischen als der russischen Musikgeschichte angehören. Zwar erscheinen seine Opern und Lieder dem Musiker des westlichen Europa manchmal fremdartig, aber dieses Kolorit ist eher orientalisch als rusaisch und berührt auch den Bussen eigentümlich. Am Petersburger Konservatorium studierte kurz nach seiner Gründung ein junger Komponist bei Zaremba und Anton Bubinstein Kompositions- und Instrumentationslehre. Er sollte der erste wirkliche Berufsmusiker Busslands werden ein Pionier der russischen Musik durch ganz Europa und Amerika und einer der grössten europäischen Komponisten des vorigen Jahrhunderts. Es war Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840 bis 1893). Er ist in vieler Hinsicht der Antipode des Petersburger Kompo- nisten- und Freundeskreises der „Fünf". Während jene Dilettanten das Wort »Konservatorium" nicht hören können, ist Tschaikowsky erst Schüler, dann Professor am Konservatorium zu Moskau; während sie von Musiktheorie gar nichts wissen wollen, erklärt Tschaikowsky deren Stu- dium für unentbehrlich für jeden Komponisten, und schreibt selbst ein Handbuch der Harmonielehre, und während jene besonders die melo- dramatische Musik, die Oper, pflegen, sind Tschaikowskys beste Sdio- pfungen Symphonien und Kammermusikstücke. Zwar schrieb auch Tschaikowe^y imgefähr zehn Opern, doch nur „Eugen Onegin" und die „Piquedame"^) stehen auf der Höhe seiner besten symphonischen Werke. („Ich tat es", so sagte er, „um auch mit dem Volke in enge Berührung zu kommen und nicht nur mit den wenigen Auserwählten. Ich tat es, wie es auch Mozart tat, als er seine Opern, und Beethoven, als er seinen „Fidelio'* schrieb.") Während endlich die „Fünf", wie auch Glinka und Dargo- myschski, ganz nationale Komponisten waren, scheint ihnen gegenüber Tschaikowsky schon international imd europäisch. Wir sagen „scheint", weil er im Grunde doch echt russisch ist, viel- leicht nicht weniger russisch, als all die andern. Aber seine vollendete „europäische" Technik und seine gründliche Kenntnis der klassischen ^) Der Inhalt beider ist auB Pusöhkins Werken entlehnt. Die D e iofta nriker. 78 ]f uaklitemtnr gaben ihm eine Sprache, die dem enropftischen Hörer leichter Terständlioh ist. Tn seinen Melodien, im Khythmus der Komposition mid im Geist seiner Werke bleibt er ein echter Busse, ein Sohn Glinkas nnd der mssiscfaen Volksmusik. Eine so eigenartige Individualität, die so be- harrlich versuchte, sich in ihren Werken auszusprechen, eine Individualität so voll Ernst, Schwermut, Andacht und Poesie, ohne tätige Energie und nicht frei von Grübelei, konnte nur auf dem Boden Busslands erwachsen. £s war das grösste Glück für die russische Musik, dass eine so typisch natio- nale Persönlichkeit, die sich in einem Talent, um nicht zu sagen, Genie, verkörperte, es verstanden hat, sich die europäische Musikkultur anzueigen. Tschaikowskys Verdienst ist es, dass das westliche Europa sich für die russische Musik zu interessieren und sie zu schätzen begann, und sie so endlich aus ihrer Isolierung erlöst wurde. Auch auf die weitere Entwicklung der russischen Musik hatte Tschai- kowsky einen entscheidenden Einfluss. Er zeigte durch sein persönliches Beispiel, dass ein grosses Talent die vollkommene Kenntnis der musi- kalischen Technik nicht zu scheuen braucht, sondern im Gegenteil Nutzen aus ihr ziehen kann. Der Dilettant musste jetzt endgültig dem Berufs- musiker weichen, besonders auf dem Gebiet der Instrumentalmusik. Die Symphonien und die Kammermusikstücke Tschaikowskys machten den grössten Eindruck auf seine Landsleute und bewiesen von neuem die Lebenskraft der alten klassischen Formen (Symphonie, Trio, Quartett, Konzert für ein Instrument mit Orchesterbegleitung), die von vielen Musikern und Musikfreunden schon totgesagt worden waren. Und da auch viele Musiker des westlichen Europa ernsthaft an diesen Tod geglaubt hatten, geht Tschaikowskys Wirkung weit über die Grenzen seines Vater- landes hinaus. Nach dem Erscheinen seiner drei letzten Symphonien konnte kein ernsthafte r Künstler mehr diesen musikalischen Formen die Möglich, keit einer Weiterentwicklung und die Fälligkeit zu neuem Leben absprechen- ünter dem mächtigen Einfluss Tschaikowskys schreitet die Entwick- lung der russischen Musik weiter vom Dilettantismus zum Professionalis- mus, von der Oper zur Symphonie und Kammermusik, und wir können noch hinzufügen, vom Nationalismus zum Internationalismus, denn Tschai - kowBk3^ Nachfolge sind sicher internationaler als seine Vorgänger. Sie pflegen die klassische Musik und versuchen sich eine genaue Kenntnis der Technik zu erwerben. Viele von ihnen studieren im Ausland und verbringen dort einen grossen Teil ihres Lebens. Das alles gibt ihren Werken einen internationalen Charakter und die Fühlung mit der russischen Volksmusik Verliert immer mehr an Innigkeit, bis sie, besonders bei den russischen Komponisten der jüngeren Generation, ganz zu verschwinden scheint. Von den persönlichen Schülern Tschaikowskys ist Sergius Tanejew (1816 — 1015) der bedeutendste. Er ist der typische Bepräsentant der Zeit 74 RoBsland. der Reaktion gegen den Dilettantismus und dankt seinen Ruf als tüchtiger Musiker mehr seinem Wissen als seinem Talent. Alle seine Kompositioiieii — bemerkenswert' sind besonders die Kammermusikstücke — tragen den Stempel einer umfassenden Bildung, sind aber leicht ein bisschen schola- stisch und schwerfällig. Wahrscheinlich wird der Verfasser des grossartigen Werkes „Der bewegliche Kontrapunkt^' den Komponisten Tanejew über- dauern. Wichtiger als Komponist ist der schon erwähnte Schüler Rimaki- Korsakows, Alexander Glasunow (geb. 1865). Er war INrektor des Petersburger Konservatoriums und ist in seinen Kompositionen nicht frei von einem gewissen Formalismus und Akademismus aber seine grosse Begabung lässt ihn manchmal die Schranken der Pedanterie durchbrecheii und seine vollendete Meisterschaft in der orchestralen Technik sowie sein lebhafter und doch massvoller Sinn für die Schönheit der Instrumentation machen seine Kompositionen, besonders einige seiner acht Symphonien — die bekannteste ist die sechste — zu den schönsten Orchester- und Kanuner- musikwerken der Neuzeit. Bisher war Petersburg das Zentrum des russischen Musiklebens ge- wesen, aber Tschaikowsky, dessen ganze Tätigkeit mit Moekau zusammen- hing, wo er zehn Jahre Kompositionslehrer am Konservatorium war, gab dieser Stadt eine bis dahin nie erreichte Bedeutung für die russische Musik, so dass Moskau heute noch als musikalische Hauptstadt Russlands gelten kann. Von den vier bedeutenden zeitgenössischen Komponistena Rach- maninow, Skrjabin, Medtner, Strawinski, sind die drei erst- genannten Moskauer. Die Begabung Sergius Rachmaninows (geb. 1873) ist im ganzen der Tschaikowskys sehr verwandt, nur ist seine Lyrik gesünder, und er verfällt nicht so oft in die schmerzensreiche Melancholie des Verfassers der „Path6tique". Er ist eine ausgeglichenere, wenn auch weniger geniale Natur, und in seinen besten Schöpfungen voll tiefer Poesie. Er ist auch ein wundervoller Pianist und hat die Klavierliteratur duich zahlreiche schnell berühmt gewordene Präludien und Etüden bereichert und ihr drei Konzerte für Klavier und Orchester geschenkt, von denen das zweite in c-moU vielleicht die schönste moderne Komposition dieser Art ist. Auch seine beiden Symphonien und verschiedene Orchester-, Chor- und Kammer- musikstücke sowie seine zahlreichen Lieder zeigen seine starke und eigen- artige Begabung. Vielleicht hat er sein letztes Wort noch nicht gesagt. Weniger bedeutend sind seine drei kleinen Opern „Aleko'', „der geisige Ritter"',^) „Francesca da Rimini"". Die heutige Zeitströmung in Russland scheint überhaupt dem Entstehen neuer Opern wenig günstig zu sein. ^) Text von Puschkin. Die Bernfomotiker. * 75 BachmaninowB Studiengenosse am Moskauer Konservatorium, Ale- xander Skrjabin^) (1871 — 1915), hat nicht eine einzige Oper und nur einzekie Orchesterwerke geschrieben, aber er hat wie wenige Komponisten seit Chopin die Ausdrucksmöglichkeiten und die spezifischen Eigenschaften des Klaviers auszunutzen verstanden. Fast alle seine Kompositionen sind für Klavier geschrieben; eines seiner sieben Orchesterwerke ist ein Konzert für Klavier und Orchester, in einem andern „Prometheus'^ hat das Klavier eine sehr wichtige Bolle, und die übrigen sind eigentlich für Klavier empfun- den und nur für Orchester instrumentiert. Es liegt ein merkwüidiger Widerspruch darin, dass dieser recht eigentliche Klavierkomponist die ganze letzte Zeit seines Lebens, nicht nur ein Orchester von noch nie dagewesener Aasdehnung und Kompliziertheit, sondern auch eine Synthese aller Künste erträumte, die die von Wagner gewollte weit hinter sich liess. In seinem letzten Oichesterwerk hat er ausser dem Klavier, der Orgel, der Gelesta und einem Chor, sogar einen Scheinwerfer eingeführt, der in Überein- stimmung mit den verschiedenen Phasen des „Feuergesanges'' wie Skrjabin seinem „Prometheus" nennt, Lichtw*eUen verschiedener Farben in den Saal werfen sollte. In seinem letzten grandiosen Werke, das leider durch seinen frühzeitigen Tod Fragment geblieben ist, sollten Chöre und Orchester, rhythmische Bewegungen, visuelle Effekte und sogar taktile und olfaktile Reize sich zur gemeinsamen Wirkung verbinden. „Vorbereitende Aktion" („Predwaritelnoie Beistwije"), so nennt Skrjabin selbst diese seine letzte Schöpfung, die für ihn eine religiöse und mystische Bedeutung hat. Die Vereinigung aller Künste, die Vereinigung aller Teilhaber durch die Kunst — denn in der „Aktion" gibt es keine Zuschauer und Zuhörer mehr, sondern alle wirken selbständig mit — ist nur der erste Schritt zu einer mystischen Verbindung aller Menschen unter einander und ihrer Verschmelzung mit der Weltseele. Diese Verbindung bedeutet das Ende dieser Welt und den Anfang einer neuen. Skrjabin sieht als Rahmen seines Werkes einen Tempel mit runder Kuppel, an einem spiegelnden See, voll duftenden Weih- rauchs und blauer Dünste, die in schwankender Säule gegen die Kuppel emporsteigen. Und er selbst ist der Auserwählte, der Messias, berufen das grosse Mysterium zu erfüllen I Wenn auch in aU diesen Phantasien sicherlich ein anormales Element steckt, so ist diese Anormalität doch eine geniale, die sich in immer komplizierteren, immer eigenartigeren, inmier extati scheren Schöpfungen offenbart. Im Suchen nach einem musikalischen Ausdruck für mystisch-künstlerische Gefühle, die sich jeder Wiedergabe entziehen, kam Skrjabin zur Schöpfung ganz neuer Harmonien, die seinen letzten Kompositionen ein eigenartiges Gepräge geben. Diese Harmonien, die bei einer groben und primitiven Wiedergabe nur den Eindruck falsch zusammengestellter Noten machen, folgen jedoch festen und bestimmten akustischen Regeln. Er selbst war sehr erstaunt durch seine Ereunde zu 76 Buadmd. erfahren, dass er, olme es zu wissen, bei der Eänfühnmg neuer Intervalle in den Grundakkord, den er auch dann noch als konsonierend und kein» Auflosung bedürftig empfond, nur in ihrer genauen Reihenfolge die Serie der Obertöne fortsetzte, die immer den Hauptton, der zugleich der tiefste Ton ist, begleiten. Diese Grundakkorde Skrjabins sind nicht nur die Ver- bindung der drei Intervalle des Dreiklangss (Terze, Quinte, Oktave), sondern von fünf oder sechs Intervallen (die berühmten Fünf- und Sechs- kl&nge Skrjabins), Aber während die Musik in ihrer Entwicklung durch Jahrhunderte nur dazu gekommen war, die ersten fünf Töne dieser Reihe, d. h. den Grundton, der sich in der Oktave wiederholt, die Terze und die Quinte als harmonisch zu empfinden, macht Skrjabin plötzlich einen enor- men Schritt vorwärts, indem er zwei bis drei andere Obertöne, die im all- gemeinen als Dissonanzen empfunden werden, in die Harmonie aufnimmt. Dabei können einige von diesen Obertönen z. B. die Septime, die ein veenig tiefer als B und sehr viel höher als A liegt, nur annähernd durch das wohl- temperierte Klavier wiedergegeben werden; denn es handelt sich hier um Intervalle, die abweichend von den gewöhnlich gebrauchten, viel kleiner sind als Halbtöne, das kleinste auf dem EJavier ausdrückbare Intervall. Und doch sind Skrjabins letzte Kompositionen gerade fürs Klavier geschrieben ! Diese Unzulänglichkeit empfand Skrjabins selbst und versuchte ihr so weit wie möglich durch seine besondere Art des Anschlags, der Betonung und der Verwendung des Pedals abzuhelfen. Er spielte seine Sachen ganz anders als sie geschrieben waren, weil eben die musikalischen Zeichen gar nicht imstande sind, seine musikalischen Gedanken völlig entsprechend wiederzugeben. Sicher bediente er sich derselben Noten, die er geschrieben hatte, aber die Art, wie er sie benutzte, der Rhythmus, die Dynamik, die er ihnen gab, zusammen mit seinem unvergleichlichen Anschlag und der geistreichen Manier, in der er das Pedal gebrauchte, gaben der Komposition selbst wenn sie bekannt war, in seiner Ausführung plötzlich ein ganz neues Aussehen und machten ein Stück, das in der Notenschrift eine Kakophonie schien, zu einem Meisterwerk des harmonischen Ausdrucks. Deshalb können Skrjabins Werke nur von den denen geschätzt werden, die sie von ihm selbst oder von seinen intimsten Freunden und Schülern spielen hörten. Skrjabins erste Werke ähneln noch denen Chopins und verraten nur gelegentlich den zukünftigen Schöpfer der beiden Poemen „Göttlich'* und „Von der Extase''. Ob der grosse und kühne Schritt, den er von hier zum „Prometheus'^ und seinen letzten Sonaten und Präludien machte, wirklich ein Schritt war, mit dem er die Entwicklimg vieler Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, vorwegnahm, oder nur ein Schritt, der bestimmt war, allein und ohne Folge zu bleiben, wollen wir nicht entscheiden. Jeden- falls sind seine Kompositionen das Werk eines musikalischen Genies, das vielleicht merkwürdig, vielleicht sogar anormal ist, aber sicher tief und Die Beratanunker. 7T ehrlich und nicbts gemein hat mit jenen musikalischen Kunststücken, die heute Mode sind. Wenn seine Werke, besonders die letzten, der klassischen, wie der modernsten Richtung — Debussy und Strauss — gleich fem stehen, so haben sie doch noch weniger Gemeinsames mit den verschiedenen futuristischen Kakophonien, die sich heutigen Tages in allen europäischen Ländern breit machen. Ist bereits Skrjabin hau]>tsfiohlich Klavierkomponist, so hat der dritte schon genannte Moskauer Künstler, Nikolaus Medtner (geb. 1879) bis jetzt ausschliesslith Klavierstücke oder Lieder mit Klavierbegleitung geschrieben. Aber während Skrjabin ein mutiger Neuerer und ein Phantast ist, folgt Medtner in seinen Sonaten, Balladen, Phantasien und Märchen den Spuren der Uassischen Meister des vorigen Jahrhunderts, besonders Beethoven und den Bomantikem. Er f üflt die alten Formen mit einem neuen poetischen lyrischen, aber immer massvollen und ein&chen Lihalt, was einen unserer besten russischen Musikkritiker Engel veranlasst hat, seinen musikalischen Stil mit dem dorischen zu vergleichen. Wenn Skrjabin der genialste Moderne ist, wenn Rachmaninow als Neu-Bomantiker bezeichnet werden kann, so dürfen wir Medtner einen Neu-Klassiker nennen. Medtner ist auch ein auc^zeichneter Pianist, der seine eigenen Werke wundervoll spielt. Der Name Igor Strawinski (geb. 1881) führt uns zur Orchester- musik und zum Theater zurück, wenn auch nicht zur Oper, denn die einzige Oper, die er bis jetzt geschrieben hat „Die Nachtigall"" ist sicher nicht sein Bestes. Dagegen sind seine Ballette „Der feurige Vogel'" „Le Sacre du Printemps"" und „Petruschka"", die ihn in wenigen Jahren in Europa und Amerika berühmt gemacht haben, nicht ohne Wert. Strawinski ist ein Instrumentator ersten Banges, und das meisterhafte orchestrab Kolorit, mit dem er die Vorgänge auf der Bühne zu illustrieren weiss, sichern ihm einen Ehrenplatz unter den modernen Orchester-Koloristen. Glänzend, wechselnd, vielfarbig, gleicht seine Instrumentalmusik oft einem Feuer- werk, und so hat er auch selbst eins seiner Orchesterstücke genannt. Aber die Armut an Melodien, das Fehlen jeglichen tieferen Gehalts, der Mangel an dramatischen und lyrischen Momenten geben seiner Musik einen etwas oberflächlichen, ausschliesslich dekorativen Charakter, so dass sie uns trotz allen Glanzes verhältnismässig rasch ermüdet, und man versucht ist, aus- zurufen: „Des Guten zu viel!'" Übrigens ist es wohl mögiicfa, dass das technisdie Baffinement, in das sich Strawinski jetzt mit so viel Leidenschaft verliert, ihn einmal nicht mehr befriedigt, und er das Bedürfnis fühlen wird, auch etwas ernstere Musik zu machen. Können wir schon über Strawinski kein abschliessendes Urteil ab- geben, so noch viel weniger über die anderen modernen russischen Kompo- nisten, die ihre Laufbahn kaum begonnen haben. Es wäre absolut ver- früht in dieser Skizze der russischen Musikgeschichte von Miaskowski und 78 BusBland. Prokofiew von Krein und Dobrowein, von Olier und Sokolow zu sprechen. \^ können nur sagen, dass alle diese Komponisten eine ausgesproohene Vorliebe für Symphonie- und Kammermusik haben und im allgemeinen die Oper vernachlässigen. Auch sind sie internationaler als ihre Vorgänger und legen mehr Wert auf technische Vollendung, als auf den musikalischen Gehalt. Wenn wir auch augenblicklich eine gewissermassen internationale Periode der Musik durchleben, die besonderen Wert auf die Technik legt und die Symphonie bevorzugt, so will das noch nicht heissen, dass die russische Musik sich in ihrer Entwicklung von ihrer Mutter der Volkamnsik endgültig losgesagt hat. Ber reiche Schatz der Volkslieder ist noch lange nicht erschöpft, und zahlreich sind die Einflüsse, die die Volksmuse immer noch auf die russische Musik, und nipht nur auf die Oper, sondern vielleicht in noch stärkerem Masse auf die Symphonie- und Kammermusik, ausüben kann. Man braucht kein Prophet zu sein, um eine fruchtbare Verbindung der Volksmuse mit der russischen Nationalmusik, wie sie schon einmal vor hundert Jahren war, von neuem zu verheissen. Es fehlt schon jetzt nicht an Anzeichen, die auf eine solche Annäherung hinweisen. Wir haben bereits erwähnt, dass vor noch nicht zwei Jahren eine ganze Oper, aus- schliesslich aus Volksliedern zusammengesetzt, in Bussland entstanden ist. Und selbst Strawinski nimmt fortwährend in seinen Balletten, besonders in „Petruschka" seine Zuflucht zu russischen Volksliedem. Allerdings ist Strawinski Bimski-Korsakows Schüler, und wenn er seine Anleihen bei der Volksmusik macht, so steht er vielleicht nicht am Anfang einer neuen Epoche, sondern am Ende einer langen Entwicklung, die bei Glinka ond Bargomyschski beginnt. Es ist möglich, dass noch eine lange Zeit der Internationalität und vielleicht auch der Technisierung kommt, bevor die unvermeidliche Bückkehr zur Volksmusik erfolgen wird. Doch diese muss kommen, wenn sich die russischen Komponisten die volle Beherrschung der musikalischen Formen und aller technischen Mittel angegeignet haben, und des rein Äusserlichen überdrüssig, bei der Volksmuse neue Impulse und Inspirationen suchen werden. Bann wird, nach der Periode des genialen nationalen Dilettantismus des vergangenen Jahrhimderts und der jetzigen Zeit der Technisierung und Internationalität, die Synthese der primitiven Volksmusik mit der vollkommensten, raffiniertesten Technik erfolgen. Und wir werden vielleicht eine Blüte der russischen Musik erleben, die uns an die Zeit Haydns, Mozarts und Beethovens erinnert. Iwan Stepanow. Die russische Philosophie. Man kann daran zweifeln, ob das eigentliche Gebiet des Erkennens im Denken liegt. Die Hauptrichtung der modernen Philosophie gibt aller- dings keinen Anlass zu solchem Zweifel. Nichtsdestoweniger finden sich immer mehr Gründe, um die nicht-logische oder vor-logisdbe Schicht des Erkennens und Denkens heranzuziehen und zu berücksichtigen. Gewiss erscheint ein solches Vorgehen für viele nicht nur an sich unannehmbar, sondern es birgt ihrer Ansicht nach auch eine naive, mythologische Auf- fassung der Hulosophie in sich. Dem ist nicht abzuhelfen — wir müssen hier Mythologen sein, da fast die gesamte russische Philosophie ein vor-logisches, vor-systematisches, oder besser gesagt ein über-logisches, über-systematisches Gebilde philosophi- scher Stimmungen und Erfassungen darstellt. — In Deutschland bringen es nicht selten nicht nur die Hauptvertreter, sondern selbst Denker zweiten Ranges fertig, abgeschlossene philosophische Systeme zu schaffen, die in einer mehr oder weniger vollkommenen Weise allen Hauptproblemen des menschlichen Geistes Bechnung tragen. Nichts dergleichen finden wii in Russland. Im XIX. Jahrhundert brachte Russland eine ganze Reihe der tiefgründigsten Denker die sich an Genialität mit den anerkannten Häuptern der europäischen Philosophie messen können. Keiner von ihnen hinterliess aber ein ganzes, in sich geschlossenes System, welches in seinem logischen Aufbau die gesamten Probleme des Lebens und dessen Sinnes umfassen würde. Daher können diejenigen, die in der Philosophie in erster Linie das System, die logische Feilung, die Klarheit der Dialektik — mit einem Wort die Wissenschaftlichkeit schätzen — ohne Bedenken an der rassischen Philosophie vorübergehen. Wenn man absieht von einigen Werken die in letzter Zeit von russischen Universitätsphilosophen verfasst worden sind, und die (meistenteils in deutscher systematisierender Art) in der Hauptsache erkenntnistheoretische und logische Probleme behandeln, — so ist die übrige russische Philosophie durchgehends intuitive; man kann sagen, mystische Schöpfung, die keine Zeit findet und im allgemeinen auch nicht den Willen besitzt, sich mit der logischen Feilung ihrer Gedanken KU befassen. Die ersten Anzeichen philosophischer Bestrebungen finden sich in Russland im XVIII. Jahrhundert als die Ideen der frauLösischen Auf- Idänmg zugleich . mit denen des aufgeklärten Absolutismus auch den russischen Gedanken berührten. Die starke soziab und publizistische 80 Roflslaad. Färbung dieser Philosophie verhinderte jedoch, dass sie eine ruhige und aus- geglichene systematische Darstellung erhielt. Die französische Aufklärung wurde bei uns im Anfang und im ersten Drittel des XIX. Jahrhunderts durch die Herrschaft des deutschen Idealismus ersetzt. Doch hinderte die Begeisterung seiner russischen Vertreter, zum Teil auch der Druck da politischen Verhältnisse» diese philosophische Richtung an einer durch- gehenden logischen Gestaltung und Systematisienuig. Dem deutschen Idealismus traten in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren die Slawophilen entgegen, die selbst wieder in manche Richtung ihre Sdiidang am deutschen Idealismus durchgemacht hatten. Aber auch die Slawo- philen, welche die mystische Erkenntnis der griechisch-katholischen Kirche bewusst angenommen hatten, konnten ihre Gedanken nicht in ein bestimm- tes System fügen. Ausser dieser Richtung herrschte in Russland in den Jahren 1840 — 80 das sogenannte „Sapadnitschestwo^^ (Westeurbpäertnm), welches entgegen den Slawophilen der russischen Kultur keine Originalität und ürwüchsigkeit zuerkannte und nach einer völligen kulturellen Ver- einigung mit dem Westen und einem Kampf mit den herkömmlichen Grund- lagen der russischen Gedankenwelt und des russischen Lebens verlangte. Auch dieser „westeuropäischen Richtung", die durchaus publizistisch cnrien- tiert war, lag es natürlich ganz ferne, ein philosophisches System, ja über* haupt ein System aufzubauen. Die rein-idealistische Richtung, welche den Materialismus und das Westenropäertum ersetzte (von den 80er Jahren bis zu unserer Zeit), ist dank der Weite ihrer Aufgabestellung und der nie dagewesenen Tiefe und Allumfassbarkeit ihrer philosophischen Offen- barungen immer noch unendlich weit von einer Systematisierung — wenn hier überhaupt eine solche möglich ist — entfernt. Selbst der fmdit- barst-e Philosoph dieser Richtung — Wladimir Ssolowjew {1864—1900), der seine umfassendsten Werke den Grundfragen der Philosophie widmete, hat wie Professor Lopatin sagt, „kein vollendetes philosophisches System zurückgelassen, viel eher den Plan zu einem System, eine Reihe sein^ nicht immer miteinander übereinstimmenden Abrisse, oder seine besonderen Anwendungen zur Lösung von Spezialproblemen." Fast dasselbe muss auch von einem anderen hervorragenden Vertreter der modernen russiscdien Philosophie — Fürst Sergei Trubezkoi (1862—1906), einem Freund von Wladimir Ssolowjew, gesagt werden. Auch Ki ihm haben wir nach der Charakteristik des nämlichen Autors , nur den allgemeinen Plan ^nes Systems'', wobei aber dasjenige, was man als den Plan seines Systems bezeichnen kann, so viel an tief philosophischem Interesse bietet, so eigen- artig und treffend angedeutet ist, so tief durchdacht und fein begründet ist, dass die allgemein-philosophischen Fragen gewidmeten Artikel Fürst S. N. Trubezkois (dessen grosse Werke geschichtlich - jAüosophiscfaen Problemen gewidmet sind) dem Leser überaus viel bieten. Endlich sind Die nusiMlie Pyioiopliie. H siemUch vmt remabeiiet und systeaiatisoh duiohgeffihrt die Werke der derze]*ige& UoivwBitfttspUkeopIue, so s. R diejenigen von N. Losski}, A. Wwedenski» S. Frank, J. Lapsohin, 6. Tsohelpanow, aber dieae Werke beharren hartnäckig darauf, die Grenasen der reinen Erkenntnistheorie, der Logik nnd einer sehr bescheidenen Ontologie nicht SU übersehreiten. Umfaseender ist die WeHanschaaung von L. Lopatin und 8. Alezejew (Askoldow); doch werden auch bei diesen Den- kern viele Grundprobleme, so s. B« die religiösen Probleme nur allgemein und sa unbestimmt gestreift. Bedingungen welche für die systematische Ausbildung und Dar- stellung der philoeophischen Errungenschaften ungünstig waren, lassen sich in allen Ländern Europas nachweisen. Doch ist der Mangel an philo- sophischen Systemen nirgends so auffallend wie gerade in Russland. Dem scheint ein eigener höherer Sinn zuzukommen. Der Grund dafür liegt offenbar nicht nur in den &us8eren Bedingungen, sondern vielmehr und in der Haupt- sache in der irmeien Verfassung des russischen philosophischen Denkens. Damit im Zusammenhang ist es hier am Platz, einige Ansichten über das Wesen des russischen Denkens und der russischen Philosophie anzuführen. N. Berdjajew beginnt die Darstellung der Erkenntnistheorie und Metaphysik von A Ghomjakow, des bekanntesten und bedeutendsten Vertreters der slawophilen Richtung in der Philosophie („A. S. Ohomja- kow*', 1012) mit folgenden Worten: „Die Begründer des Slawophilentums Hessen uns keine grossen philo- sophischen Traktate zurück, schufen kein System; ihre Philosophie blieb in Abrissen stecken. Wir finden sie vor in einigen Aufsätzen, die voller tiefer Intuitionen sind. Als Iwan Kirejewski eben an die Begründung und Entwicklung der slawophilen Philosophie ging, starb er an Cholera, das gleiche Schicksal ereilt /auch Ghomjakow, als er die Arbeit von Kirejewski fortsetzen wollte. Darin liegt etwas Providenzielles. Es mag sein, dass diese Philosophie ihrem Wesen nach kein System bilden soll. Die slawophile Philosophie ist das Ende der abstrakten Philosophie und sie kann schon deswegen nicht in ein System gebracht wer- den, wie die übrigen Systeme der abstrakten Philosophie. Das war die Philo- sophie des ungeteilten Geisteslebens und nicht des abgetrennten Intellektes, nicht der abstrakten Vernunft . Die Idee einer einheitlichen Erkenntnis, die auf der organischen Fülle des Lebens begründet ist, bildet die Grund- idee der slawophilen und der ganzen russischen Philosophie. Im Anschluss an Ghomjakow und Eorejewski macht sich der urwüchsige schöpferische philosophische Gedanke bei uns stets zur Aufgabe nicht die Auffindung der abstrakten intellektuellen Wahrheit, sondern der Wahrheit als Leitpfad und Leben. Diese Eigentümlichkeit des russischen Philosophierens kam sogar im gegnerischen Lager zum Ausdruck, selbst in unserem Positivis- Brltmann, RvnUad. a 82 RumIbimL muBy der stets danach trachtete, die Wahrheit als Richtigkeit mit der Wahrheit^ als Gerechtigkeit zu vereinigen. Der Busse kann nicht zugeben, dass die Wahrheit rein-intellektuell, .verstandesmässig gefunden* \(^rden könnte, dass die Wahrheit nur ein Urteil wäre. Und keine Erkenntois- theorie, keine Methodologie kann allem Anscheine nach die vorration£k]e Überzeugung der Bussen erschüttern, dass das Er&ssen des Wesens nur dem ungeteilten Geistesleben, nur der Fülle des Leben« zugängUch ist. jSelbst unsere quasi-westeuropäische und quasi-positivistische Philosophie strebte nach dieser synthetischen, religiösen Ganzheit, wenn sie auch hilf- und kraftlos war, dieses russische Sterben zu erfüllen. Und unser schöpfe- rischer, philosophischer Gedanke, der slawophile Quellen hatte, stellte sieh bewusst die Aufgabe, die organische Ganzheit der religiösen Philosophie gegen jede rationalistische Zerteilung aufrechtzuerhalten. Iwan Kirejewaki mit dem Ghomjakow den Buhm der Begründer der slawophilen Philo- sophie zu sein, teilen muss, sagt: „Die Philosophie tut uns not: die ganze Entwicklung unserer Vernunft verlangt nach ihr, nur in ihr lebt und atmet unsere Dichtkunst, sie allein kann die Seele und die Einheit unseren noch im Kindesalter befindlichen Wissenschaften geben, imd selbst unser Leben entnimmt ihr vielleicht seine Feinheit und Harmonie* Doch woher wird sie konmien? Wo suchen wir sie? Ohne Zweifel wird der erste Schritt zu ihr in der Aneignung der intellektuellen Beichtümer desjenigen Landes bestehen müssen, welches im Denken alle anderen Völker überflügelt hat. Doch sind fremde Gedanken nur zur Entwicklung der eigenen nützlich. Die deutsche Philosophie kann bei uns keine Wurzeln schlagen. Unsere Philosophie muss sich aus unserem Leben heraus entwickeln, sich aus den laufenden Problemen offenbaren, aus dem unser Volks- und Privatleben beherrschenden Interessen." Diese Ausführungen können als Motto zu jedem russischen Philosophieren dienen. J. Earejewski und Chomjakow ignorierten nicht die deutsche Philosophie. Sie gingen durch dieselbe hin- durch und hatten sie schöpferisch überwunden. Sie überwanden den deutschen Idealismus und die westeuropäische abstrakte Philosophie durch den Glauben, dass das geistige Leben Busslands aus seinem Schoss das höchste Erfassen des Seins, die höchste organische Form des Philosophie- rens hervorbringt. Die ersten Slawophilen waren überzeugt, dass Bussland der ganzen Wahrheit der christlichen Kirche treu geblieben ist und daher frei von der rationalistischen Zerteilung des Geistes sei. Die russische Philosophie muss die Fortsetzung der Philosophie der heili- gen Väter bilden. Die ersten Intuitionen zu dieser Philosophie ent- standen im Geiste von Kirejewski. Chomjakow war deren hervorragendster Dialektiker.'^ Ich führte diese Charakteristik der russischen Philosophie von Berd- jajew, einem der bedeutendsten Vertreter des modernen russischen philo- Die ruttiBehe Phflowphie. 8S sophiflchen Denkens, in seinen eigenen Worten an, um zu zeigen, dass sich der rassiscbe philosophiche Gedanke in unserer Zeit seines eigenen Wesens bewusst geworden ist, und dass er sich in der Begel auch keine anderen Aufgaben stellt, ak diejenigen, welche stets in der unverfälschten russischen Philosophie lagen. Von einem etwas anderen Standpunkte aus wird das Wesen der russi* sehen Philosophie in folgender CSiarakteristik von Wolschski dargestellt („Aus der Welt literarischer Forschungen" 1906) : Nachdem der Autor in Übereinstimmung mit der ebenangeführten Dar- stellung von Berdjajew die Abwesenheit abgeschlossener philosophischer Systeme in Bussland hervorgehoben und W. Solowjew als den typischen und genialen Vertreter der russischen philosophischen Denkweise hin- gestellt hat, fährt er fort : „Die russische Literatur, welche arm ist an originellen philosophischen Systemen, ist nichtsdestoweniger überaus reich an einer eigenartigen, &rbenreichen und lebendigen Philosophie. Die schöne Literatur — das ist die wahre russische Philosophie, eine ur- wüchsige, gl&nzende Philosophie in der Farbenpracht des Wortes, im Begenbogenglanz des Gedankens, gegossen in Fleisch und Blut der leben- digen Gestalten des künstlerischen Schaffens. Stets verständnisvoll für das Gegenwärtige, das Wechselnde, das Zeitliche, war die russische schöne Literatur gleichzeitig immer staürk durch den Gedanken an das Ewige, das Bleibende, fast immer ging in ihrer Tiefe ein unaufhaltsames Bearbeiten der wichtigsten, unsterblichen, bedeutungsvollen Probleme des menschlichen Geistes. Sie hat sich so gut wie niemals losgelöst von den verfluchten Fragen. Und in welcher Linien- und Farbenpracht, in welcher wunder- baren Schönheit der Gestalten und Bilder entfaltete sich diese Arbeit in den künstlerisch - philosophischen systemlosen Systemen der russischen Schriftsteller, in ihren scheinbar der Philosophie so weit abliegenden Novellen, Romanen und Dichtungen. In d» letzten Zeit haben viele zu verstehen begonnen, dass gerade hier die wahre russische Philosophie zu suchen sei. Puschkin und Lermontow, Gogol und Ssaltykow, Turgenjew und Gontscharow, Tolstoj und Dostjewstkij, Uspenstkij, Korolenko, Tschechow — sie alle sind unsere wahre Philosophie in den Farben und Gestalten eines lebendigen atmenden Wortes. Die Reichtümer der Philosophie, die Kleinodien des originellen Denkens beschränken sich bei ims nicht auf die einstweilen noch sehr arme, in der Regel unselbständige und blutarme akademische Philosophie, sie beschränken sich auch nicht auf die künstlerische Philosophie der schönen Literatur. Bedeutende philosophische Begabungen haben sich auch der Publizistik zugewandt, welche bei uns dank den historischen Eigentümlichkeiten des russischen Lebens eine ganz besondere Stellung einnimmt. Li unserer Publizistik haben sich künstlerische, philosophische, 84 Bdi8laa4. ^riaKiisbhaftliehe, moralische und religidee IiileteoBen und Fmgien %a einem komplizierten KnAuel versofalungen. Durch diese Fragen schimmert daa eigentlich soziale Leben nur durch, sich spiegdlnd und brechend in den bizarrsten und kompliziertesten Verflechtungen verschiedener Elemente. Die komplizierte Eigenart im Aufbau des russischen Lebens, diese geringe Düferenziierung des russischen Gedankens und das Zusammenflieeaen der geistigen Interessen in dem bizarren Geflecht der Publizistik haben viel dazu beigetragen, dass sich bedeutende russische philosoi^sche Werke darin aufgelöst und, vom Standpunkt eiber akademisdien Geschichte der Philosophie betrachtet, im bunten Spinngewebe des sozialen Lebens und im Getöse der Journalistik verloren haben/' Wollen wir demnach die allgemeinen formalen Besonderheiten der russischen Philosophie kurz formulieren, so können wir folgende Punkte hervorheben: 1. Der urwüchsigen russischen Philoso|^e ist im Gegensatz zur eure- pftischen, namentlich zur deutschen Philosophie das Streben nach einer abstrakten, rein-intellektuellen Systematisierung ihrer Ansichten fremd; sie ist eine rein-innerUche, intuitive und rein-mystische Er- kenntnis des Seienden, seiner verborgenen Tiefen, welche nicht durch logisches Begreifen und Bestimmen, sondern nur im Symbol, im Bildnis durch die Einbildungskraft und die innere Lebensdynamik erfasst werden können. 2. Die russische Philosophie ist mit dem wirklichen Leben untrennbai verbunden, daher erscheint sie oft in Gestalt von Publizistik, deren Quellen im gesamten Geiste der Zeit liegen, mit all dessen positiven und negativen Seiten, mit all seinen Freuden und Leiden, mit all seiner Ordnung und seinem Chaos. Daher gibt es auch unter den Bussen nur wenige „Philosophen" par exceUence : sie sind zwar da, sie sind auch genial, man muss sie aber oft unter Peuilletonschreibern, literarischen Kritikern und Theo- retikern einzelner Parteien suchen. 3. In Zusammenhang mit dieser „Lebendigkeif der russischen philo- sophischen Gedanken steht die Tatsache, dass die schöne Literatur ein Hort der urwüchsigen russischen Philosophie ist. Li den prosa- ischen Werken von Schuköwstd und Gogol, im Schaffen von Tütt- schew, Fet, Leo Tolstoj, Dostjewskij, Maxim Gorkj werden oft philo- sophische Grundprobleme behandelt, selbstverständlich in ihrer spezifisch-russischen, ausschliesslich praktischen, aufs Leben gerich- teten Form; diese Probleme werden auch in einer Weise gelöst, dass jeder unvoreingenommene und kompetente Richter diese Lösungen nicht bloss „literarisch" oder „künstlerisch", sondern sie philosophisch und genial neimen wird. Die nmiidia Philosophie. g5 n. deB eigenen Wesens, die in der modernen msaisdien philoflophisdien Literatur sum Ausdruck kommt, erstreckt sich nicht bloss auf die rein-formale und Äussere Seite. Die modernen Vertreter des russi- schen Denkens setzen auch von der innerNi Seite, vom Standpunkte des Inhaltes ihrer Philosophie aus eine scharfe Grenze zwischen sich und der eioropftischen Fbilosophie. Im Buche von W. E r n, „G. S. Skoworoda'' 1912, finden wir die folgende CJharakteristik der urwüchsigen russischen Philosophie ihrem Inhalte, ihrem Wesen nach. Betrachtet man die ganze Geschichte der neueren europäischen Philosophie nach deren Hauptrichtung und sieht dabei ab von deren weniger charakteristisdien Entwicklungsrichtungen (in dieser Beziehung sind Descartes und Kant unvergleichlich viel charakteristischer für die neuere Philosophie als beispielsweise Böhme und Baader), so lassen sich darin folgende drei Tendenzen als charakteristisch hervorheben: der Rationalismus, der Meonismus und Impersonalismus. Zu Beginn der neuen nülosophie wurde die Vernunft, ratio, zum Grund- prinzip der gesamten Weltauffassung erhoben. In ihrem beständigen Kampfe mit dem Mystizismus des Mittelalters hatte sich die neuere Philo- sophie losgerissen von der dimklen, diaotischen Grundlage der Vernunft und des Bewusstseins, vom irrationalen, schöpferischen, kosmischen Nähr- boden. Im Kampfe mit dem gbichen Mystizismus riss sie sich auch vom Himmel los, von den leuchtenden Gipfeln der Vernunft, welche in die ge- benedeite und friedliche Himmelsbläue hinaufragen. Unwiderruflich vorbei waren die Zeiten der Poeten-Philosophen, Plato und Dante. An Stelle der lebendigen Harmonie des gesamten ,unzertrennten Logos und des musi- kalischen Volksmythus bildete sich in der neueren Philosophie die Auf- fassung der Poesie als blosser Erfindung und Zerstreuung imd die Auf- fassung der Natur als eines irreligiöBen, mechanischen Ganzen. Und wo man an der Beligion immer noch festhielt, dort wollte man ae rationali- sieren. Rationalistische Beweise für das Dasein Gottes, welche heutzutage nicht einmal Seminaristen zufriedenstellen würden, genügten so kolossalen Intellekten wie Descartes und Leibniz. Das war der Bationalismus. & ist charakteristisch beinahe für die ganze neuere Philosophie, nicht nur für den französischen Rationalismus, sondern auch für den englischen Empirismus, denn hier werden Ergebnisse der Erfahrung von derselben ratio verarbeitet, welcher sich im Cartesianismus auf die angeborenen Eügenschaften richtete; ebenso charakteristisch ist er für den Pantheismus von Spinoza, den Panlogismus von Hegel, für Kant und den Neu-Kantia- nismus, für all die mannigfaltigen Formen des Positivismus vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts. 66 RoBBland. -^I^Mfefa Die zweite Grundtendenz der neueren westeuropäischen Philosophie ist eine notwendige Folgerung aus der ersten. Wird der Verstand allem zugrunde gelegt/ so ist es klar, dass all dasjenige, was sich in den Bahmeo und die Schemata dieses Verstandes nicht fassen lässt, als unnütz weg- geworfen und als blosse Erfindung, als subjektiver Aufbau des Menschen behandelt wird. Die ganze Welt wird dadurch entseelt und mechanisiert, in eine subjektive Tätigkeit der Seele verwandelt. Alle die verhängnisvollen Folgen des Rationalismus lassen sich in dem einen Ausdruck Meonismus zusanm^nfassen (vom griechischen m6-on, das Nicht- Seiende): der Glaube an ein Nichts. Die dritte Tendenz ist eine ebenso notwendige Folgeerscheinung der ersten. Dem Rationalismus sind die Reichtümer der individuellen, leben- digen Persönlichkeit unzugän^ch, er sieht von diesen bewusst ab. Ei denkt in Vernunftbegriffen, und er denkt dabei im Grunde genommen in dinglichen Kategorien. Gerade diese „Dinglichkeit'' mit all der ihr eigenen Mechanisierung und Formalisierung herrscht in allen Lehren der neueren Philosophie vor, selbst in den L^ren von der Persönlichkeit, welche in ein einfaches Bündel von Perzeptionen verwandelt wird. Dieser Imper- soiaalismus ist auch eine der Grundtendenzen der neueren Philosophie. Ich will keineswegs auf einer vollkommenen Adäquatheit dieser Cha- rakteristik der neueren europäischen Philosophie bestehen. Man kann noch andere, für unsere Zwecke charakteristischere Merkmale finden. Auch kann man , wenn man Vollständigkeit anstrebt, nicht nur diese drei, sondern mehr Grundtendenzen der neueren Philosophie nennen. Gegen die Grund- idee dieser Charakteristik jedoch lässt sich, wie mir scheint, nichts ein- wenden. Und dies wird besonders klar, wenn wir diese west- europäische Philosophie mit der russischen vergleichen. Die Grimdlage der westeuropäischen Philosophie ist die ratio. Der russische philosophische Gedanke, der sich an den griechisch-katholischen Auffassungen entwickelt hatte, die ihrerseits vieles aus der Antike ent- lehnten legt den Logos allem zugrunde. Die ratio ist eine menschliche Eigenschaft und Besonderheit; der Logos ist metaphysisch und göttlich. Der russische Philosoph charakterisiert diesen Logos folgendermassen: „Er ist nicht subjektiv menschlich, sondern objektiv göttlich. En arche en ho Logos. Alles Existierende ist in ihm geschaffen, es gibt daher nichts, was nicht innerlich, sich selbst geheinmisvoU, von ihm durchdrungen wäre. Der Logos ist den Dingen inmianent, und jede res birgt in sich das verborgene Wort. Gleichzeitig existiert der Logos ewig in sich selbst. Die in ihm geschaffene Welt stellt symbolisch die Hypostase des Sohnes vor, welche in das ewige Mysterium Gottes hinaufreicht. Hieraus entsteht die ontologische Konzeption der Wahrheit, welche für den Logismus über- aus charakteristisch ist. Die Wahrheit ist nicht irgendeine Übereinstim- Die raMsohe Phfloeophie. 87 uiang von irgend etwas mit irgend etwas, wie sie sich der Rationalismus denkt, welcher hierbei das Subjekt und das Objekt der Erkenntnis in swei Meonen verwandelt. Die Wahrheit ist ontologisch. Die Erkenntnis der Wahrheit kann nur als eine Erfassung seines eigenen Seins in der Wahrheit gedacht werden. Jede Aneignung der Wahrheit ist nicht theoretisch, scmdem praktisch, nicht intellektualistisch, sondern voluntaristisch. Das Mass der Erkenntnis entspricht dem Mass der Spannung jenes Willens, welcher sich die Wahrheit aneignet. Auf den Gipfeln der Erkenntnis befinden sich nicht Gelehrte, nicht Philosophen, sondern Heilige. Die Erkenntnistheorie des Rationalismus ist statisch. Hieraus entstehen fatab Schranken und un- überschieitbare Grenzen. Der Gesichtskreis des Stehenden ist stets von einem Horizont beschränkt. Die Erkenntnifl[theorie des Logismus ist dy- namisch. Jedoch darf derjenige, der ein grenzenloses Wissen erreichen will, der die unbeschr&nkte Aktualität des Bewusstseins anstrebt, nicht einfach gehen, er muss steigen, und es gibt nur einen Weg des Aufstieges; es ist die Leiter des christlichen Verdienstes. Auf diese Weise findet der Logismus seine höchste Verwirklichung in der Pragmatik des christlichen Verdienstes, welche unzähliche Heilige und Märtyrer der christlichen Idee gezeigt haben.'^ Die russische Philosophie, die im Gegensatz zum westeuropäischen Rationalismus den ost-christlichen Logismus verkündet, verkündet zugleich, auch im Gegensatz zum Meonismus, den vollblutigen und rest- losen mystisch ontologischen Realismus, und im Gegensatz zum blut- losen und abstrakten Impersonalismus den dynamischen und volun- taristischen Tonismus (tonos — griechisch, Grad der inneren Spannung). „Indem sie in sich selbst den unvergän^chen, ewigen Kern, den uiewigen Gedanken Gottes ahnt, nimmt die Persönlichkeit in der Atmosphäre des Logismus natürlicherweise eine zentrale Lage ein, und wenn der Ratio- nalismus mit seiner universellen Kategorie der Dinglichkeit, des Dingen durch Hume die Persönlichkeit zu einem Meon, einem sinnlosen Bündel von Perzeptionen erklärt, so fasst der Logismus alles Bestehende unter der Kategorie der Persönlichkeit und hält die reine Dinglichkeit der Welt für ein blosses Gespinnst, das die Augen des gefallenen Menschen dem eigent- lich Seienden, dem wahren Antlitz der Welt gegenüber, das nichts gemein hat mit der toten, meonistischen Konzeption des Dinges, verdeckt. Im Ix>gismusist Gott Persönlichkeit, das Universum Persönlichkeit, die Kirche Persönlichkeit, der Mensch Persönlichkeit. Und wenn auch die Modi der persönlichen Existenz Gottes, der Welt und der Kirche die Modi der per- sönlichen Existenz des Menschen unendlich überragen und von demselben unendlich verschieden sind, so erfasst doch der Mensch in den tiefsten Ge- heimnissen seines persönlichen Seins, in dem unerforscbbaren Kern seiner Persönlichkeit viel adäquater und wesentlicher den Modus des Daseins 88 BoMhiHL OottetB und der Wdt-, als weim er hieza die periphere, völlig siniiloae rani abstrakte Idee der toten Din^ohkeit gelnraiicht/' Die Ratio und der Logos können sieh unmö^di auf westeuropftisohem Boden begegnen und bdcAmpfen: „denn der Logismus Iftsst sieh nicht durch das fallende Bewusstwerden und durch Gefühllosigkeit beai^jea D^ Logisnras Hast sich auch nidbt erfassen durch ein bloss histoiisohes Studium desselben, und der ti^ im -westeuropftisohen phüosoplusoheii Gedaidsen wurzelnde Rationalismus gestattet es den Denkern des modernen Europas nicht einmal, den Feind su erschauen, ihn sich als ein Innerlich- Gegebenes zum Bewusstsein zu bringen; andererseits lebte der ost-christliche Gedanke viele Jahrhunderte vor dem Auftauchen des Rationalismus, und er konnte sich daher begreiflichenmse nicht mit dem- selben vertragen." Wollen wir, um das Gesagte zusammenzufassen, in möglichst kurzer iFo^m sowohl das äussere als auch das innere Wesen der urwüchsigen russischen Philosophie charakterwieren, so koiKnen wir dies mit folgenden Worten tun : Die russische urwüchsige Philosophie stellt den unaufhörlichen Kampf dar zwischen der westeuropäischen abstrakten Ratio und dem ost-christlichen, konkreten, gott- menschlichen Logos und das fortwährende, immer anwach- sende Erfassen der irrationalen und geheimen Tiefen des Kosmos durch die konkrete und lebendige Vernunft. in. Es ist unmöglich, in einem kurzen Artikel die Lehren russischer Philo- sophen erschöpfend zu charakterisieren. Wir kömien sozusagen nur einige Beispiele anführen. Wir wollen. vor allem einen russischen Philosophen des XVIII. Jahr- hunderts betrachten, dessen Leben und Lehren von der westeuropäisohen Tradition vollständig abweichen und uns zum Kjnu der urwüchsigen russischen Philosophie führen. Es ist Grigorj Skoworoda (1722 — 1794). G. S. Skorowoda war geboren, lebte und wirkte in Kleinrussland einem Lande, welches damals arm war und wenig Kultur besass. Er durchstreifte mit dem Wanderstab in der Hand viele Länder Westeuropas, kannte verschiedene Sprachen, studierte Philosophie, war ein Kenner der antiken und patristischen Philosophie. Nach den Aussagen seiner S!reundt imd Jünger war er ein Mensch, wie solche nur selten vorkommen. Er wanderte auf Märkten und Kehrmessen, trug überall seine durchgeistigten Lehren vor, vertiefte sich als Weiser in alle Kleinigkeiten und Zufällig- keiten des menschlichen Lebens. Er war ein richtiger Sokrates auf russi- schem Boden und nicht weniger als der Grieche Sokrates sah er seine Die nmifohe Philotopliie. g9 LebensanigBkbe in dar gaatig&n Gebot der Menschen, in ihrer Einweihung in die fhUoeopfaie. Der ABtfaropologimniiB ist die Orandidee der Philosophie von Skowo- roda. — Nur durch den Menschen ist die Ei^enntnis mo^ich. Der Mensch ist ein Mikrokosmos. Dm einsig wahre Leben — das menschliche Herz — ist das Werkzeug jeder Erkenntnis. Nosce te ipsun ist die Grandlage aller Fhiloeopfaie. „Wer ktante den Plan der ausgedehnten irdisdien nnd himm- iischea Materien in ihrer ewigen Symmetrie erkennen, wer nicht vorhin denselben in seiner eigenen geringen Leiblichkeit anfgefasst hätte!" Der Meimch mnss in seinem Hierzen das letzte Kriterium, die Grundlage der Erkenntnis nnd des Lebens, finden. Sonst sind sie nirgends va suchen. „Die Herzenstiefe, deren Erforschung Gott allein gegeben ist, ist nichte anderes als der unendliche Abgrund unserer Gedanken, einfach — unsere Seele, d.h. das wahre Wesen und die seiende Wahrheit» unsere Essenz und unser Kern, die Kraft, in der einzig unser Leben, unsere Existenz liegt, und ohne sie wfiren wir ein toter Schatten. Welch eitler Gedanke, sich selbst zu verlieren, sei es auch, indem man alle Welten des Kopemikus erobert.'' „Lass den Schatten sein, eile zur Wahrheit. Lass physikalische M&rchen den Säuglingen.'' Im Gegensatz zur „Aufklärung" und dem Rationalismus des XVllL. Jahrhunderts ver- tritt Skoworoda seinen Antropologismus, seine Lehre vom Herzen; in Anschluss an die Ansiöhten der grossen Earchenväter schwärmt er, eine besondere katholische, d. h. allgemeine und universelle Wissenschaft zu schaffen, welche die Menschheit zum Glücke anleiten sollte und die Grund- lage für eine theoretische sowohl als für eine praktische Philosophie bilden würde. Die zweite Grundidee des Systems von Skoworoda ist der mystische Symbolismus. Er ist ein sehr wichtiger Zug und eine der originellsten Besonderheiten seiner Philosophie. Mehr als ein Jahrhundert vor der Entstehung des modernen künstlerisch-philosophischen Symbolismus pre- digte Skoworoda, von seilier Lehre vom anthropologistischen Kriterium der höchsten Wahrheit ausgehend, folgendes : „Dem scharfen Blicke der Weisen batte sich die Wahrheit von alters her anders dargestellt als den anderen Gemütern, — klar wie in einem Spiegel. Sie sahen sie lebendig in leben- diger Gestalt und verglichen sie mit verschiedenen sterblichen Gestalten. Keine Farbe kann die Rose, die Lilie, die Narzisse so lebendig wieder- geben, wie der Schatten himmlischer und irdischer Gestalten bei ihnen die unsichtbare Wahrheit Gottes in Schönheit schafft. Der Verstand schafft nur Schemen. Durch diese kann man den lebendigen Zusammen- hang des Seins und dessen verborgenes Wesen nicht erfassen. Nui in Bild- nissen kann man die wirkliche Erkenntnis erreichen. Ursprünglich hatte das Symbol in der Religion eine grosse exzeptionelle Bedeutung, im Laufe 90 IHufliland. der Zeit haben aber die Menschen das Verständnis für das verborgeDe Wesen des Symbols verloren und hielten sich an dessen äussere sterbliche Seite. Skoworoda verpönt das alte sündige irdische Auge, dem die Sym- bole fremd sind, das die Wahrheit nicht sieht. Das Auge und der Gedanl:e „erhebt sich, indem es blitzartig seinen Flug .durch die unbeschränkte Ewigkeit, durch Millionen von Unendlichkeiten fortsetzt, zur höchsten herrschenden Natur seinen verwandten anfanglosen Anfang, um sich durch dessen Zusammenfliessen zu reinigen und im Feuer des geheimen Erblickens desselben sich von der leiblichen Erde und der irdischen Leiblichkeit zu befreien. Das bedeutet, die Buhe Gottee erreichen, sich von jeglicher Fäulnis rein waschen, ein ganz freies Streben und eine ungehinderte Bewegung schaffen, aus den Grenzen der leiblichen Substanz in die Freiheit des Geistes hinausfliegen." piese Buhe Gottes, diesen ewigen Sabbat des Geistes, nennt Skoworoda „das Symbol der Symbole'^ Aus dem anthropologistischen Symbolismus ergibt sich bei Skoworoda das Problem der Bibel. Die Bibel ist für Sko- woroda das Objekt seiner Liebe, sogar der Verliebtheit. Er floh irdische Frauen, er vermied alle irdischen und leiblichen Freuden, um sich der Einsamkeit zu ergeben und in Einsamkeit seiner Liebe zu gemessen in den „allerreinsten Umarmungen dieser schönsten aller Töchter Gottes'", der Bibel. Es existieren drei Welten. Eine gewaltige, unendliche — der Mkkrch kosmos. Eine kleine, menschliche — der Mikrokosmos. Eine dritte, sym- bolische — die Bibel. Die Symbole der Bibel „offenbaren in unserem prak- tischen groben Verstand eine zweite Vernunft, welche fein, beschaulich und beflügelt ist und mit dem reinen und hellen Auge schaut. Die Bibel ist daher ein ewig grüner, fruchtbringender Baum, und die Früchte dieses Baumes sind geheimnisvoll offenbarende Symbole''. Was lehrt denn diese Bibel, diese symbolische und anthropologistische Selbsterkenntnis? Sie lehrt vor allem, dass es im Menschen zwei Herzen gibt, ein sterbliches und ein ewiges, ein unreines imd ein reines. Der Mensch, welcher in die Tiefen dieser Doppelnatur dringt und vom Sireben erfasst wird, seine wahre Idee Gottes zu sehen, erlebt die ganze Gewalt des göttlichen Eros. „Wer in den Gewässern seiner Fäulnis seine Schönheit erblickt hat, der kann sich nicht mehr in irgendeine Äusserlich- keit verlieben, nicht in die Gewässer seiner Fäulnis, sondern in sich selbst und in seinen eigentlichen Mittelpunkt.'' „Das H^z liebt nicht, wenn es die Schönheit nicht sieht. Es ist klar, dass die Liebe die Tochter der Sophia, der Weisheit, ist. Wahrlich, glückselig ist die Selbstverliebtheit, denn sie ist heilig; heilig aber ist sie, weil sie wahr ist, und wahr ist sie, sage ich, weil sie jene einzige Schönheit und Wahrheit gefunden imd geschaut hat.** Dieser sich selbst liebende neue Narziss liebt nicht sein vergängjUches Wesen, nicht sich, sondern die „in ihm verborgene Wahrheit Gottes". Diese Die ni88i«ohe Philosophie. 91 sum Teil platonische, zum Teil biblische Lehre Skoworodas vom £roe mid von der Wiedergeburt der Seele ist auch eines der bedeutendsten schöpfe- rischen Elemente seiner Philosophie. Der Erforscher der Philosophie von Skoworoda schreibt : „Dies ist eine richtige Synthese des konkreten Indi- vidualismus der Bibel, in neelcher die menschliche Logik, daslogistiscbe Wesen des Menschen die wesentlichste Bolle spielt und dem etwas abstrakten TJniversalismus von Plato. Die metaphysischen Eigenschaften der plato- nischen Idee Ewigkeit, Göttlichkeit, Noumenalität, Schönheit, und das Gute überträgt Skoworoda auf die sich nicht wiederholende Persönlich- keit des Menschen, wenn sie in ihrer durch die Vernunft zu ergründenden Tiefe erfasst wird, und die platonische Erscheinung des Eros und der philosophischen Verliebtheit wird für ihn vor allem zu einem inneren Faktor des geistigen Lebens.'' In seiner Spezialiehre von Gott und Welt verlässt Skoworoda niemals den von ihm eingenommenen Standpunkt des Anthropologismus. Die Welt und Grott erkennt er als Mensch durch den Menschen auf dem Wege der Selbsterkenntnis. Wie im Menschen zwei Herzen vorhanden sind, so hat auch die Welt zwei Wesen, ein sichtbares und ein unsichtbares. In dieser Trennung der beiden Wesen geht Skoworoda bis zum voU^ ständigen Dualismiis, sozusagen, bis zu einem schlechten Piatonismus. Aber dieser onthologiische Dualismus wird bei ihm auf dem innersten Wegß durch seinen religiösen Monismus imd seine mystische Lehre von der all- gemeinen Auferstehung überwunden. Der Mensch wird auferstehen, auf- erstehen wird die Welt. Es ist nicht nur eine menschliche, sondern auch eine kosmische Auferstehung imd Transfiguration. Hier erblickt das geiistige Auge Skoworodas die himmlische Königin, die Allerreinste Jungfrau, die den Sohn geboren hat, der das Menschengeschlecht rettet. „Du auch bei der Greburt reine Jimgfrau! Du allein gebirst und bleibst Jungfrau. Dein einziger heiligster Same, Dein einziger Sohn, der in Ewigkeit gestorben und dadurch zur Herrschaft auferstanden ist, kann das Haupt der Schlange vertilgen und die Zunge, die Gott lästert."' Die Himmelskönigin eröffnet die Tore der himmlischen Gemächer der Weisheit Gottes, zum Wunder der Auferstehung der ganzen Welt. Hier ist der Gedanke von Skoworoda fest und unbeugsam, wie er dies in den anthropologischen Wurzeln seiner Gotteslehre ist. Jedoch enthalten Einzelheiten seiner Lehre von der Welt, wie auch Einzelheiten seiner Gotteslehre unausgeeöhnt dualistische Tenden- zen, auf die sich weiter eiuLulassen hier nicht der Ort ist, und die zudem auch durch andere rein mystische Lehren und Ausführungen überwunden werden. Die mystische und praktische Moral von Skoworoda ist aufs innigste ^md tiefste mit seiner Metaphysik und Theologie verknüpft. Der WiUe und die Vernunft sind in ihrer göttlichen Tiefe eins und dasselbe, empirisch sind sie aber zeirissen und qualvoll streben sie nach der ursprünglichen BS BoBslaiid. läBheit. Der WiUe ist mächtig, jedoch blind. Die Vemuxxf t ist klar, jedod machtlos. Der Zweck des Lebens besteht darin, dass man ins väterUdM Haus suriickkehre, dass man durch die Vernunft verklärt, durch den WiBen sich der Erkenntnis der Wahrheit nähere. Wie für Kant die Mcnul d» abstrakten Pflicht wichtig ist, so ist dies für Skoworoda die Moial des inneren Menschen, die „theoria" der verklärten Vemunfterkenntnis, eine praktische Mystik, eine in ihrer Art experimentelle Metaphysik. Die Mond des Skorowoda ist durch und durch mystisch, er redet tiefsinnig und fein von den grundlegenden mystisdien Tugenden : von der Furcht Gottes als Grundlage des weisen Lebens, vom Glaube als seiner unentbehrlichen Be- dingung, von der Liebe als seinem Abschluss und seiner Krone. Alles das ist nicht bloss Moral, sondern auch Religion und Mystik. Einen mystdEchen Charakter weist auch seine praktische Moral auf, deren Grundbegriff die Ad&quatheit ist. Das Glück liegt in der Adäquatheit, im JBefoIgen der eigenen Natur, im Schaffen, im Arbeiten an der Selbstbestimmung in seinem Leben, in der feinen Empfindlichkeit bei Erfüllung der Befehle seines Geistes, im Glück, sein eigenstes Ich £U leben. Skoworoda hat nicht selten Gedanken westeuropäischer Denker lange Zeit vor ihrem Auftreten in Europa ausgesprochen. So predigte er in seiner Pädagogik bereits in den fünfziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts, also vor Rousseau, das Prinzip der Bückkehr zur Natur, und zwar tat er dies nicht etwa zufällig, sondern vielmehr in voller Übereinstimmung mit seinen theoretischen Anschauungen. Er verurteilte als erster in Europa die künstliche Trennung, welche die französische „Aufklärung'" in das Ver- hältnis von Natur und Kunst hineingetragen hatte. „Störe nur nicht das Wirken der Natur, und wenn du es vermagst, so nimm die Hemmnisse hinweg und mach ihr den Weg frei; wahrlich sie selbst wird reinlidi und glücklich vollbringen . . . Belehre nicht den Apfelbaum, wie er die Äpfel hervorbringen soll, die Natur hat ihn schon belehrt . Der Lehrer und der Arzt sind nicht Lehrer und Arzt, sondern Diener der Natur, welche „die einzige und wahrhafte Heilerin und Lehrerin ist'^ Aber was ist die Natur im Menschen? Sein H e r z ist es. Auch darin muss also die Geniali- tät von Skoworoda hervorgehoben werden, der manche Entwicklungs- stufen westeuropäischen Denkens durchmachte, ohne dessen Rationalismus imd andere Züge aufzuweisen. Es mag noch interessant sein, die Gedanken von Skoworoda über die Notwendigkeit der Erziehung des Kindes noch vor dessen körperlicher Geburt und die Notwendigkeit und prin- zipielle Wichtigkeit der physischen Erziehung überhaupt hervor- zuheben, sowie manchen seiner Gedanken über die Notwendigkeit der Ent- wicklung imserer Kinder zur „Ganzheit des Geistes", über den Schaden eines zu frühen Beginnes im Studium der Wissenschaften, über die Erziehung des Gefühlslebens usw. Die rnaeiaehe Philosophie. (3 IV. Wir aobilderten den HauptgrondEiig der rufisifloben bodenstfindigNi Philoeophie als auf den ZmammpnigtoflB gwiachen der ratio und dem LogoB hingehend. Selbstredend erlebt ein jeder Denker diesen Znsammenstoss in seiner Weise, nnd bald finden wir, dass sich mehr die ratio, bald der ,Logos hervortut, bald die Schattenseite der „Vemnnft'' — der abstrakte Batio- naliamns, bald die Schattenseite des „Wortes'' — der prinzipienloee nnd dnnUe alogische Mystizismns. Bei Skoworoda herrscht nicht selten, so z. B. in seiner Lehre von Qott nnd der Welt» die platonische Art des Den- kens, d. h. er wird abstrakter, als man es von ihm erwarten möchte. Er ist stark auch in der gnoetisohen Methode des Denkens. Skoworoda ist ohne Zweifel nodi^nge kein reiner christlicher Mystiker. Wohl näherte er sich dem echten Logos, dieser letzten Harmonie und Alleinheit, aber er drang nicht völlig in ihn ein. Gewiss, er stellt nur den Beginn des russischen Philosophierens dar, und als Beginn ist seine Lehre genial und künstlerisch schön. Die unerschöpflichen und tiefsten Intuitionen des russischen Ge- dankens, in dessen Schoss die griechisch-katholische oet-christliche Er- kenntnis und die neuere westeuropäische Philosophie ihren Kampf aus- fechten, beginnen erst, sich zu offenbaren in der Lehre des Skoworoda, so eigenartig und tief sie auch sein mögen. Die Tiefen dieser Erkenntnisse haben sich natürlich auch bis in unsere Tage noch nicht voU offenbart. Der Weg zu ihnen verliert sich in den imendUchen Weiten, die sich vor dem modernen Wahrheitssucher eröffnen. Auf dem Wege zur Aufdeckung der Tiefe des ursprüngjlich russisdien philosophischen Denkens treffen wir nach Skoworoda: die Slawophilen und Wladimir Ssolowjew mit einer ganzen Reihe seiner talentvollen Schüler und Freunde. An das Grundproblem der russischen Philosophie, an den inneren Ver- dienst, der Überwindung des Chaos durch den Logos treten die Slawo- philen und Wladimir Ssolowjew von zwei ganz entgegengesetzten Seiten heran. Die Slawophilen betrachten das Grundproblem der russischen Philo- sophie im Lichte der Antithese „Osten und Westen"; in ihren religiösen, philosophischen und geschiohtsphilosophischen Betrachtungen gehen sie nicht über die Grenzen des gemütlichen, ursprünglichen russischen Geistes hinaus, — nicht über die Grenzen einer romantischen Idealisierung des Idylls der herrschaftlichen Landwohnsitze, nicht über die Grenzen des ihnen verwandten und nahen Bodens hinaus. Die Slawophilen sind aus dem russischen Boden herausgewadisen, sie sind aus russischer Erde ge- schaffen, sie sind von festem, unbeugsamem Erdgeist erfüllt, sie sind mit der Erde fest verwachsen, man kann sie von ihr nicht lostrennen, ohne ihr Wesen zu zerstören. Wladimir Ssolowjew und alle seine zeitgenössischen Jünger stehen ebenfalls der russischen Erde nahe, sie sind ebenfalls voller 94 BiuaUuid. Grehorsam gegenüber den Offenbarungen der Mutter Erde. Wahrend aber die Slawophilen sich auf ihten alten herrschaftlichen Landwohnsitzen gemüt- lich fühlten, wälirendfür sie die Moskauer Periode der russischen Geschichte ein beinahe erreichtes Reich Gottes auf Erden war, hatte der moderne russische philosophische Gedanke den Glauben an diesen gemütlichen Bo- mantismus, an die idyllische Idealisierung des russischen Altertums ver- loren. Solowjew und seine Jünger sind durchdrungen von apokalyptischen ünheimlichkeiten und Hoffnungen, sie sind l&ngst vom mystischen Ent- setzen vor dem Ende, deii eschatologischen Ahnungen des letzten Strebeus und von einer titanischen Unruhe für die ganze Welt erfüllt. Der idylli sehe Bomantismus des Altertums und die apokalyptische Ahnung des Endes, das ist der Anfang und das Ende jenes Grundstroms der ur- wüchsigen russischen Philosophie, welchen wir im neunzehnten Jahrhundert vorfinden. Vor den Slawophilen, d.h. vor den vierziger Jahren besassen wir keine ununterbrochene Entwicklungiareihe der bodenständigen russi- schen Philosophie. Skoworoda allein war im XVlJl. Jahrhundert, sich selbst unbewusst, der Verkünder einer eigenartigen russischen Philosophie, alles übrige war in Bussland im XVUI. Jahrhundert fremd importiert und anorganisch. Die organische Entwicklung war bereits längst verloren ge- gangen. Peter der Grosse hatte duch seine gewaltigen Beformen nach westeuropäischer Art diese Loslösung der alten Moskauer Beligion und des Lebens von ihrem organischen Entwicklungsgang vollendet. Von der Zeit an hatten die Bussen nur Fremdes auf gefasst und es sich oberflächlich angeeignet. So haben sie sich die französische Philosophie des XVIII. Jahr- hunderts nur überaus oberflächlich angeeignet; wir kennen keinen einzigen mehr oder weniger hervorragenden Denker dieser Bichtung. Sowohl der russische Voltairianismus des XVIII. Jahrhunderts als der russische Mysti- zismus des XIX. waren fremde, eingebrachte anorganische Erscheinungen. Die erste organisch - russische Philosophie, die nicht mehr vereinzelt dastand, wie im XVIII. Jahrhundert diejenige Skoworodas, die erste Philo- sophie, die nicht nur die alte griechisch-katholische, christliche Denkweise in sich aufnahm, sondern auch zum Vorbild des ganzen nachfolgenden, russischen philosophischen Gedankens wurde, war die Philosophie der Slawophilen. Die Slawophilen waren aus der romantischen Bewegung hervorgegan- gen, in der das deutsche Volk sich selbst erkannt hatte, sie hatten sich das Organische und Geschichtliche als notwendige Methoden jeder Philosophie, namentlich einer nationalen, angeeignet. Die russischen Slawophilen waren die ersten, welche die innere Synthese des russischen Volksgeistes und der religiösen Erfahrung der östlichen Orthodoxie zum Ausdruck brachten. Sie hatten aber die ganze Kultur des Westens durchschritten, vor allem die Lehren von Schelling und Hegel. Es mögen hier die Sätze wiedergegeben Die mnisdie Philoeopliie. 95 werden, mit denen N. Berdjajew in dem obenerwähnten Werke das Slawo- philentum charakierisiert : ,, Dasjenige, was man gewöhnlidi die Reaktion des neunzehnten Jahr- hunderts nennt, war tatsächlich eine schöpferische Vorwärtsbewegung, ein Aufbringen von neuen Werten. Die romantische Reaktion war eine Reaktion nur im psychologischen Sinn des Wortes. Sie befruchtete das neue Jahr- hundert durch den schöpferischen Bistorismus und durch die befreiende An- erkennung der irrationellen Fülle des Lebens. Unser Slawophilentum ge- hörte cu diesem Weltstrom, der alle Völker zur nationalen Selbsterkenntnis, zur Einschränkung, zum Historismus trieb. Um so grösser war das Verdienst der Slawophilen, da sie verstanden hatten, in diesem universellen Strom eine ei^nartige Stellung einzunehmen, den Geist Russlands und die Be- stinmmng Russlands originell auszudrücken. Sie sind Fleisch vom Fleisch und Blut vom Blut des russischen Bodens, der russischen Geschichte, der russischen Seele,- sie sind aus einem anderen Geiste hervorgegangen als die deutschen und französischen tlomantiker. Die Romantiker Schelling und Hegel hatten direkt oder indirekt die Slawophilen beeinflusst und sie mit' der westeuropäischen Kultur verbunden; die lebendige Quelle ihres natio- nalen und religiösen Selbstbewusstseins waren aber der russische Boden und die östlich orthodoxe Religion, welche weder Schelling noch andere Westeuropäer kannten. Das Slawophilentum hatte die ewige Wahrheit des orthodoxen Ostens und den historischen Auf- bau des russischen Landes zu einem bewusst ideologischen Ausdruck gebracht, indem es beides organisch vereinigte. Das russische Land war für die Slawophilen vor allem die Trägerin der christlichen Wahrheit, und die christliche Wahr- heit besass die orthodoxe Kirche. Das Slawophilentum be- deutete die bewusste Erfassung des orthodoxen Christentums als eines besonderen Kulturtypus, einer besonderen reli- giösen Erfahrung, welche sich von derjenigen des westlichen Katholozismus unterscheidet und daher auch ein anderes Leben schafft. Daher kam dem Slawophilentum eine enorme Rolle nicht nur in der Geschichte unserer nationalen Selbsterkenntnis, sondern auch in der Geschichte des griechisch-katholischen Selbstbewusstseins zu.'' Wir können hier natürlich die Lehren der Slawophilen nicht ausführ- lich behandeln, doch ist es notwendig, über die Philosophie von A. Chom- jakow, der mit L Kirejewskij der Begründer und das Zentrum des Slawophilentums war, einige Worte zu sagen. Die Erkenntnistheorie von Chomjakow und Iwan Kirejewskij beruht ftxif Auseinandersetzungen über das einheitliche, ungetrennte Geistesleben. Iwan Kirejewskij behauptete, dass bei den westlichen Völkern „eine Spaltung im Grundprinzip der westlichen Glaubenslehre 96 B«»l«i4 selb&t entstanden sei, ans welcher sieh zuniiohftt die aolio- lastische Philosophie im Innern des Glaubens entwickelt hatte, alsdann eine Reformation im Glauben, und endlich eine Philosophie ausserhalb des Glaubens. Die ersten Ratio- nalisten waren die Scholastiker, ihre Nachkommenschaft nennt man Hegelianer/' Die Erkenntnistheorie der Slawophilen gehl dementsprechend von der Kritik der Hegeischen Philosophie aus. Gbom- jakow hatte nicht nur den Grundirrtum der Hegelianischen Philoeopliie erkannt — die Identifizierung des lebendigen Seins mit dem Begriff — , er erkannte klar auch jene fatalen Folgen, welche sie geschiditlich nach sich ziehen sollte. Mit ein^ vollkommenen und erstaunlichen Klarheit and Deutlichkeit hatte er den Übergang vom Hegeischen abstrakten Idealismus zum dialektischen Materialismus vorausgesagt und formuliert. Nadi Ghom- jakow und Kirejewskij ist der deutsche Idealismus ein Produkt des Prote- stantismus. Deutschland bat sich vom lebendigen Organismus der Kirche losgelöst und das einheitliche Geistesleben verloren. „Deutschland hatte ein vagßs Bewusstsein, dass ihm die Religion vollständig fehle und übertrug allmählich auf die Philosophie alle Forderungen, welchen bis dahin die Beligioti entsprochen hatte. Kant war der direkte und notwendige Nach- folger Luthers. Man könnte an Hand seiner doppelseitigen Kritik öer reinen und der praktischen Vernunft den lutherischen Charakter deutlich nachweisen''. Hegel gab dem protestantischen Rationalismus seinen Abschluss. Im Gegensatz zu dieser blutlosen Erkenntnistheorie und Qntologie betont CSiomjakow die allgemeine, konsiliarische, d.h. die kirch- liche Erkenntnistheorie. Ein Geist, der sich selbst begründet, ist machtlos und geht der eigenen Auflösung, dem Tode entgegen. Die Ver* nunft und der Wille in moralischem Einklang mit der allumfassenden Ver- nunft ist die Grundlage von allem. Chomjakow sieht das wahre Kriterium der Erkenntnis im kirchlichen Verkehr, in der Liebe. „Von den univer- salen Gesetzen des wollenden Verstandes und des verstehenden Willens erscheint dem nicht entstellten Gedanken als erstes, höchstes und vollkommenstes das Gesetz der Liebe. Folgilich ist es vorwiegend die Übereinstimmung mit diesem Gesetze, die unser geistiges Sehen st&rke und erweitere, und ihm müssen wir die ungeordneten geistigen Kräfte unterwerfen, um sie zum Einklang mit ihm zu bringen. Nur in Ausführung dieser moralischen Tat können wir auf eine vollständige Entwicklung der Vernunft hoffen. Der Verkehr in Liebe ist nidit nur nützlich, er ist für das Erreichen der Wahrheit unbedingt notwendig. Auf der Liebe gründet sich die 'Erkenntnis der Wahrheit, und ohne diese ist sie unmöglich. Die Wahrheit, welche für das einzelne Denken unzugängilich ist, ist nur der Vereinigung des Denkens vieler, die durch Liebe verbunden Die nuflische PliiloBophie. 97 sind, zugänglich. I>iiroh diese Merkmale wird die orthodoxe Lehre von allen anderen scharf unterschieden: vom Latinismus, welcher sich auf Autorität gründet, und vom Protestantismus, welcher die Persönlichkeit bis zur Freiheit in den Wüsten der Abstraktionen der Vernunft aussondert ." Der Darsteller der Philosophie von Chomjakow sagt dazu: „Es muss besonders betont werden, dass die konsiliarische Gemeinsam- keit, der Verkehr in Liebe für Chomjakow keine der west- lichen Gedankenwelt entlehnte Idee war, sondern eine reli- giöae Tatsache, welche aus der lebendigen Erfahrung der östlichen Kirche stammte ...; die konsiliarische Gemeinsam- keit ist nicht verwandt mit dem ,Bewusstsein im allgemeinen', mit dem »überindividuellen Subjekt' und ähnlichen Denk- gebilden der Philosophen vom grünen Tisch; sie stammt aus dem Sein, aus dem Leben, und nicht aus dem Denken, nicht aus dem Buch/' Die Lehre der Slawophilen und der russischen Philosophie überhaupt vom Glauben als der wahren Quelle und der Bedingung eines jeden Wissens hat ebenfalls nichts mit den westlichen Lebren vom Glauben, von der intellektuellen Anschauung, vom gesunden Menschenverstand, dem Gefühl usw. gemeinsam. Alle diese westlichen Begriffe haben, um mit Professor Lopatin zu sprechen, meistens einen mehr beschränkten und speziellen Lihalt; so fällt z. B. die intellektuelle Anschauung von Schelling einfach mit dem Akt der reinen Selbsterkenntnis zusammen, indem unser Ich sich über alles Relative und Endliche erhebt und sein eigenes absolutes Wesen findet, das zugleich die innere Realität aller anderen Dinge ist. Ferner heben die westlichen Lehren vom Glauben viel mehr den Anta- gonismus hervor, welcher zwischen den unfehlbaren Offenbarungen einer- seits und den Schlüssen der abstrakten Vernunft und der empirischen Er- fahrung andererseits besteht." Diesen Standpunkt vertritt beispielsweise der für solche Lehren typische Standpunkt von Jakobi. Die russischen Slawophilen sehen im Glauben den Grund der ganzen Philosophie, in ihm werden einzelne Elemente des Wissens, darunter auch die rein vemunft- mässigen, zur Synthese gebracht und ausgesöhnt. So ist diese Erkenntnistheorie des einheitlichen Geistes beschaffen. Ein volles Verstehen „ist ein Wiederherstellen, d. h. eine die Verwandlung des zu Verstehenden zu einer Tatsache unseres eigenen Lebens". Der WiUe ist dasjenige, was das Subjekt vom Objekt, die Wahrheit von der Lüge wahrhaft trennt. „Die Freiheit in ihrer positiven Äusserung ist der Wille." Sie ist ebenso augenscheinlich in der schöpferischen Tätigkeit wie der Glaube in der abbildenden Bezeptivität, wie die Vernunft im vollendeten Bewusstwerden. „Die Notwendigkeit ist nur ein fremder Wille." Die wollende freie Vernunft, das ist das Zentrum der ganzen Weltanschauung. 98 RusslancL Auf Grund seiner allgemeinen Lehre von der wollenden Vernunft versucht es Ghomjakow, einen richtigen Begriff von der Kirche zu geben. Und das war nach den Äusserungen seiner Freunde und Schüler ebenso wie nach der Meinung des modernen Forschers die erste richtige Bestimmung der Kirche in der griechisch-katholischen Theologie. „Ich anerkenne, füge und unterwerfe mich, — das heisst, ich habe keinen Glauben." „Die Kirche ist keine Doktiin, kein System und keine Institution. Die Kirche ist ein lebendiger Organismus, ein Organismus des Lebens und der Liebe, oder richtiger gesagt, die Wahrheit und die Liebe als Or- ganismus/' Das Denken von Chomjakow war ganz frei und selbständig; es scheint uns, dass man bei keinem anderen Bussen eine solche Freiheit des Gedankens findet, wie er sie besessen hatte. ,,Die Kirche ist keine Autorität, wie Gott keine Autorität ist, wie Christus keine Autorität ist, denn die Autorität ist uns etwas Äusserliches. Keine Autorität sage ich, sondern die Wahrheit, und gleichzeitig das Leben eines Christen, sein in- neres Leben.'' „Das Christentum selbst ist nichts anderes als eine Freiheit in Christo . . . Ich anerkenne, dass die Kirche freier ist als die Protestanten, denn weil der Protestantismus in der heiligen Schrift eine unfehlbare und zugleich eine in bezug auf den Menschen äussere Autorität sieht, während- dem die Kirche die Heilige Schrift für ihr eigenes Zeugnis anerkennt und dieselbe als eine innere Tatsache ihres eigenen Lebens betrachtet. Somit wäre es sehr ungerecht, zu denken, dass die Kirche eine erzwungene Einheit oder erzwungenen Gehorsam fordern würde : sie verabscheut im Gegenteil das eine wie das andere, denn die erzwungene Einheit wäre eine Lüge in Glaubenssachen, und der erzwungene Gehorsam ist der Tod." So tief und erhaben dieser Aufbau eines neuen Begriffes von der Kirche ist, so ungerecht ist jedoch das Verhältnis von Chomjakow zum Katholizismus. Chomjakow sah in ihm nur den rationalistischen und ju- ristischen Formalismus und vertiefte sich nicht in die Mystik des Katho- lizismus und des Protestantismus, wie z. B. diejenige von Jakob Boehme. Daher blieben ihm auch viele Seiten des inneren Lebens der westlichen Glaubensbekenntnisse verborgen, obwohl er vieles, wie z. B. das unzweifel- haft existierende Element des Rationalismus, sehr scharf und vollständig erfasste und fühlte. Die Slawophilen wurden in der russischen Literatur hauptsächlich als Publizisten und Soziologen betrachtet. Eine richtige Wertung der Slawo- philen erfolgte erst jetzt, man kann sagen, erst in unseren Tagen. Die sozialen Anschauungen der Kritiker hatten in der russischen literarischen Kritik stets eine enorme Bedeutung, die Literatur selbst erfüllte für den russischen Gedanken die Funktionen der Publizistik und der Philosophie. Es kann sein, dass die Ursachen und die Rechtfertigung dieser Erscheinung in den allgemeinen, drückenden Bedingungen lagen, unter denen sich die Die rnsnache PhiloMphie. 9|^ Literatur bis zur letssten Zeit befunden hatte; es sei dem wie ihm wolle, die Slawophilen galten oft für Reaktionäre, bestenfalls für konservative Publizisten. Man begritf nicht die philosophische Grundlage der Welt- anschauung der Slawophilen, und man war auch nicht imstande, sie zu be- greifen. Heutzutage ist es uns klar, dass die Geschichtsphilosophie und die Soziologie der Slawophilen nur der Abschluss der inneren, obenerwähnten Lehre vom einheitlichen Geist, von der Kirche, von der konsiliarischen Erkenntnistheorie war. Man kann die Geschichtsphilosophie von €homjakow als eine Unterordnung aller in der Geschichte wirkenden Kräfte unter zwei Grundkategorien auffassen — imter das Iranentum, d. h. die BeUgion der Freiheit und des freien Geistes, und unter das Puschitentum, die Religion der Notwendigkeit und der Unterwerfung der irdischen Welt. Das Iranentum hat seinen klarsten Ausdruck im orthodoxen Osten, das Puschitentum im katholischen Westen erhalten. Von unserem Standpunkt aus gesehen, enthält dies alles viel Naives und Unkritisches, aber viele einzelne Gedanken dieses Aufbaues besitzen eine unwiderlegbare intuitive Gewissheit und können durch keine Wissenschaft widerlegt werden. .Ebenso doppelseitig, d. h. einerseits genial intuitiv, andererseits naiv-romantisch ist Chomjakows Lehre vom russischen Messianismus. Doch treten diese Lehren für uns in den Hintergrund, wenn sie auch für Chomjakow selbst den unentbehrlichen Kardinalpunkt seiner Philosophie darstellten. V. Die Slawophilen, sagten wir oben, stellen die nationale romantische Idealisierung des Altertums dar. Sie besitzen viel Ruhe, Gleichgewidit und granitfeste Sicherheit. Anders beschaffen ist unsere moderne Epoche. Ziur Zeit der Slawo- philen hatte sich eine fast vollständige Zersetzung des gemütlichen Land- lebens der Gutsbesitzer vollzogen. Gleichzeitig hatten sich der Kapitalismus und der Imperialismus ungewöhnlich stark entwickelt. Die Entfremdung zwischen Regierung und Volk wuchs, der gute alte orthodoice Glaube geriet in Not und Bedrängnis. Alles ging nach Westeuropa in die Lehre, das Benken und die regierende Gewalt befanden sich in Abhängigkeit vom Deutschtum. Ein Druck lag auf der einzelnen Persönlichkeit und auf der ganzen Gesellschaft. Eine schwere und unheimliche Periode einer gewissen &8t nur geahnten Apokalyptik war herangerückt. Wie schon oben bemerkt ^nirde, hatte sich die russische Philosophie niemals mit etwas anderem ^hsst als mit der Seele, mit der Persönlichkeit und mit dem inneren >, Verdienst''. Und gerade diese Seele, diese Persönlichkeit, diese innere Tat erbebten jetzt im mystischen Schrecken, in der unheimlichen Er- wartung vom Ende. Als eine leuchtende und zentrale Figur dieses neuen K)0 Ruflsland. Lebensgefühls erscheint zimfelsohne DoBtojewskij; in deesen Boman „Die Brüder Karamasow'' ist die Welterfassting jener Lebenstiefe gegeben, in welcher die Wurzeln des ganzen Seins Terborgen sind und sidt deutlich eine direkte Prophezeiung des nahen Weltendes Ternehmen Ifisst. Wir neerden hier jedoch nicht von Dostojewski j zu sprechen haben, denn dies ist die Aufgabe der literarischen Kritik. Wir werden hier vom Philo- sophen dieses neuen russischen apokalyptischen Lebensgefühls, von Wladimir Ssolowjew (1864 — 1900), sprechen. Die Lehre eines Mystikers und eines Poeten darzustellen, ist eine Auf- gabe, die ebenso verantwortlich als schwierig und undankbar ist. Und Solowjew ist gerade Mystiker und Poet, und dies nicht nur in seinen Ge- dichten, sondern auch in seiner Philosophie. Es würde uns hier zu weit führen, wenn wir von jener Entwicklungslinie, welche Ssolowjew durch- gemacht hatte, oder von den Unausgeglichenheiten seines Systems sprechen würden. Wir wollen hier nur kurz das Wichtigste betonen. Wenn man von allen Einzelheiten absehen und versuchen will, die Grundidee der Philosophie von Ssolowjew hervorzuheben, so wird es woU die Idee der geistigen Körperlichkeit sein. Aus dieser lassen sich alle anderen Grundideen Ssolowjews ableiten, unter denen die Idee der All- Einheit, die Idee der Gottmenschlichkeit, die Idee der Transfiguration des Leibes und des Geistes, die Idee der Kirche als dea Leibes Christi am meisten hervorragen. Ssolowjew glaubt an die Heilig- keit, die Reinheit und die Schönheit der Materie und des Leibes. In seiner mystischen Begeisterung für das heilige Heisch, für die Mutter Erde, für die göttliche Materie ist er selbstverständlich von den Slawophilen wie auch von jeglicher ruhigen Bewunderung der Welt weit entfernt. Ist der echte Humanismus ein Glaube an Christus als Gottmenschen, so ist der echte Naturalismus nach Ssolowjew ein Glaube an die Gott-Materie. Die reale Materie und der Leib sind Abtrennungen von der ursprünglichen reinen und unberührten Weltseele, sie haben ihre Heiligkeit verloren, aber die Elemente der All-Einheit bewahrt, daher sind sie audi jetzt der Grund des Lebens. Die Askese ist keine Vernichtung des Leibes, sie ist nur eine Steigerung des Geistes auf Kosten des Leibes, eine Auferstehung ein Heiligwerden und Bändigen des Leibes. Die Materie ist eine unwürdige Behausung des göttlidi menschlidien Geistes. Das, was wir jetzt Idee nennen, ist leiblos und unbelebt, und das, was wir jetzt Eleisch und Materie nennen, ist sündhaft und sinnlos. Jedoch ist die Auferstehung und der ideale Zustand der Welt kein Reich des reinen Geistes, sie werden es nie sein. Ohne Materie, ohne Fleisch könnte der Inhalt der Idee nicht voll- ständig sein, und selbst das Gute wäre nicht vollständig. Die ganze Natur, alles Lebende erwartet eine Auferstehung, eine Wiederherstellung, eine Transfiguration. Und diiese Transfiguration wird eine vollständige Ver- • • •. Die nuasohe Philosophie. :'' : r* '• :': >. • • HO ^istlichung der Materie und eine ToDstfindige MateriAÜderang der Idee ^aein. Die Materie, der Leib, wird nach seiner Auferstehung in einer reineren und leuchtenderen Form die wahre Form des Outen und der Wahrheit sein. Wir finden bereits in unserer Welt eine albnfihliche VergeistiguQg der Materie und Materialisierung der Idee. In der anorganischen Welt hat sich die Transfiguration des bösen und finsteren, in sich zersetzten Stoffes in der Evolution bereits vollzogen, die von der Kohle zum Diamant führt (obwohl Kohle und Diamant als chemische Elemente gleich sind). Wir sehen auch in der organischen und der menschlichen Welt eine allmähliche Verfinderung der Materie, die Vergeistigung des Leiblichen — von den dunklen und grauen Wolken bis zur glänzenden Schönheit des universalem Symbols der All-Einheit, des wolkenlosen blauen Tages mit seinem unsterb» liehen Gestirn, von dem ekelhaften Schleim der elementaren Geschöpfe bis zur Schönheit des weiblichen Körpers. Den fortwährenden E^mpf der Idee mit der Materie sehen wir auch in der Kunst — ein Kampf, der bereits über unsere irdische Schönheit hinausgreift und die durch das Weltübel '«useinandergerissenen Stücke der Wirklichkeit zu einer noch festeren, transfigurierten und heiligen Verbindung zusammenzufügen und sie der «universellen All-Einheit einzuverleiben sucht. Endlich ist die vollständige und allgemeine endgültige Wiedervereinigung des bösen und des getrennten JSeins — die Auferstehung der Toten, die Auferstehung des Fleisches, die ^ttung und Heiligung der ganzen Welt. Dies ist die Lehre Ssolowjews, dargestellt in ihrer allgemeinsten und elementarsten Form. Es ist also eine Lehre von der geistigen Leiblich- keit, von der Überwindung des Weltübels durch die gott- menschliche Tat, von der Einführung und der Schaffung einer universellen All-Einheit. Wir wollen einige Seiten dieser Philo- sophie noch besonders hervorheben, vor allem die rein theoretische, d. h« Ikauptsächli^ die erkenntnistheoretische. Es ist klar, dass für Ssolowjew keinerlei Erkenntnistheorie und selbst keinerlei Qntologie eine selbständige Bedeutung hat. Dafür ist er auch ein urwüchsiger russischer Philosoph. Seine erkenntnistheoretischen und onto- logischen Auseinandersetzungen spielen sich ab in einem religiösen und Vertieft psychologischen Rahmen. In seiner „Kritik der abstrakten Prinzipien" stellt Ssolowjew eine erkenntnistheoretische Untersuchung 4kn, um folgende Fragen zu entscheiden : Erstens die Frage nach der wahren Existenz GSottes, zweitens die Frage nach der ewigen Existenz des Menschen adßr seiner Unsterblichkeit und drittens die Frage nach seiner Freiheit. Denn von diesen Fragen hängt das Sein oder Nichtsein des religiösen Ge- -dankens so gut wie auch des menschlichen Lebens ab. Wenn wir einmal die Frage von der wahren Erkenntnis auf werfen, so t>e8itzen wir von vorneherein einen vorläufigen Begritf von der Wahrheit» • •• • 1 ■ • f ■ I 1 • f ■ Im 1 • 1 » > ■ j 1 I a . P Boflsiand. Bonst würden wir diese Frage nicht stellen. Es ist klar, dass ein solche Vorläufiger Begritf von der Wahrheit nur formelle Merkmale besitzen kann, wie dies die unbedingte Realität und die unbedingte Vernünftig- keit sind. Legen wir nun mehr dieses Kriterium an die existierenden For- men der Erkenntnis an, nämlich an die abstrakt-empirische, d. h. die Wissenschaft, und an die abstrakt -rationale, d. h. an die Philosophie, sa sehen wir, dass die erste Erkenntnis nur eine relative Realität gibt, die zweite aber nur eine relative Vernünftigkeit. Beide sind das Produkt der subjektiven Tätigkeit meines Ich, keine von beiden gibt die Garantie dafür, dass hier die wahre und absolute Erkeimtnis sei. Die Tatsache der empiri- schen Erkenntnis ist ebenso subjektiv wie ihre Form. Die Unterordnung der empirischen Daten unter die Kategorie der Vernunft ist ein blosses Spiel des subjektiven Intellektes. Somit gerät man entweder in den Vollen Skeptizismus und verzichtet damit auf das Wissen, oder man wird ge- zwungen, neue Quellen der Erkenntnis zu finden, die weniger subjektiv imd abstrakt sind. Wir wollen versuchen, den zweiten Standpunkt zu ver- treten. Wenn es eine Wahrheit gibt — wodurch wird sie bestimmt? Sie wird keineswegs bestimmt durch unser Verhältnis zu ihr; es müsste im Gegenteil unser im Gefühl oder im Denken wurzelndes Verhältnis zu einem Ding durch die absolute Wahrheit des Dinges selbst bestimmt werdeii, um wahr zu sein. Empfinden wir den Gegenstand in seiner Wahriieit, so werden unsere Empfindungen an dieser Stelle richtig sein, nicht darum, weil es unsere Empfindungen sind, denn jede Empfindung ist an sich einzeln und zufällig, sondern weil wir hier in eine reale Beziehung zum wahren Gegen- stand treten. Folglich muss man für die wahre Erkenntnis das wahre Sein des Gegenstandes imd seine reale Beziehung zum erkennenden Subjekt notwendigerweise voraussetzen. Die Wahrheit ist vor allem dasjenige, was ist. Es gibt aber viele verschiedene Dinge, und folglich können sie nur dann Wahrheit sein, weim sie zu demselben Einen gehören, welches auch die eigentliche Wahrheit ist. Aber auch dieses Eine ist nicht die Wahrheit, sobald es das Viele negieren und nicht in sich fassen will, denn das Viele im Einen ist Alles; folglich kann nur die positive Einheit oder die All-Einheit die wahre und volle Wahrheit sein. Somit ist die Wahrheit, die Wahrheit ist Alles, die Wahrheit ist Eines. Das wahre Objekt der Erkenntnis ist die seiende All-Einheit. Wie ist nun die Erkenntnis des wahren Seienden möglich? Dass sie möglich ist, ist eine Tatsache. Das „Ding an sich" und die Erscheinung sind koordinierte Begriffe, das eine ist ohne das andere nicht möglich. Das Ding an sich, das wahr Seiende, wird nicht nur erkannt, sondern es ist das Einzige, was erkannt wird. Das wird sofort ver- ständlich, wenn man beachtet, dass das Existierende überhaupt entweder Die niasiache Philosophie. 103 das wirklich Seiende oder desflen Erscheinung ist. Erkannt werden heisst aber für das wirklich Seiende nicht in der Empfindung oder im Begriff erkannt werden. Wir würden in beiden Fällen inuner .noch in der Sphäre des zufällig Seienden verbleiben. Das wirklich Seiende wird nicht in der Empfindung oder im Begriff erkannt. Alle Beweise des wirklich Seienden, wie E. B. die Beweise der Existenz Gottes, können zu nichts führen: sie lassen sich alle auf das Gesetz der Kausalität zurückführen, und dieses ist nur eine subjektive Form der Erkenntnis, und sie haben nur als Wahr- Bchei nli chkeitsüberlegungpn, nicht als Sicherheitsbeweise Bedeutung. Hierin haben die Skeptiker Recht. Es existiert aber noch eine andere Quelle unseres Wissens. Ssolowjew nennt sie das unmittelbare Gefühl. „Das absolut Seiende ist für uns notwendig, d. h. es wird von unserer Vernunft, von unserem Gefühl und von unserem Willen verlangt. Kann jedoch daraus seine objektive Realität gefolgert werden, und, wenn dieses nicht möglich ist, welchen Grund haben wir, um diese eigene Realität des Abso- luten zu behaupten? Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Realität von etwas anderem in uns nur eine passive Begründung finden kann, d. h. wir köimen sie nicht von uns aus festsetzen, sondern wir können sie nur als Wirkung dieses anderen auf uns erfassen. Und es ist nicht zu bezweifeln, dass die unmittelbare Empfindung der absoluten Realität, in der von uns die Wir- kung des Absoluten unmittelbar erfasst wird, und in welcher wir unmittel- bar das an sich Seiende berühren, in allen menschlichen Herzen tiefer liegt als aUe bestimmten Vorstellungen des Gefühls und des Willens. Diese Empfindung, mit der kein bestimmter Inhalt verbunden ist und die jedem Inhalt zugrunde liegt, ist an sich bei allen gleich. Und erst, wenn wir sie mit einem speziellen Ausdruck verbinden wollen (gleichviel ob positiv oder negativ), wenn wir sie übersetzen wollen in die genaue Sprache des Vor- stellens, Fühlens oder Wollens, treten unvermeidlich Meinungsverschieden- heiten und Streitigkeiten ein." Unsere Gedanken i^erden nur dank dieser unmittelbaren Erfassung des wahren Seins in sich selbst zu Gedanken und unsere Empfindungen zu Empfindungen von etwas. In diesem dogmatischen Mystizismus liegt die letzte Stütze der Realität und der Vemünftigkeit der Erkenntnis. Die Grundtatsache der Erkenntnis besteht nicht in Empfindungen und Begriffen, sondern ist ihrem Wesen nach eine mystische Tatsache. Der erste Ausdruck dieses mystischen Wissens ist der Glaube, der uns von der realen Existenz jenes Objektes, auf das sich unsere Empfindungen und Begriffe beziehen, überzeugt. Und doch ist der Glaube nur der Anfang des Wissens. Abgesehen von der Verbindung des idealen Wesens des Sub- jektes mit dem idealen Wesen anderer Dinge ist noch eine bestimmte An- schauung, ihre bestinmite Idee, notwendig. Es ist die Einbildung, der zweite Ausdruck des mystischen Wissens, welche dem Subjekt mitteilt. 104 BoBsland. was ein bestimmtes Objekt sei, d. h. dessen Idee vermittelt. Endlich über- trägt unser Intellekt, angeregt durch äussere Eindrücke, diese Idee, weldie in den Tiefen des Geistes verborgen ist, auf die Oberfläche des Waden Bewusstseins, verkörpert sie im materiellen Element, in unseren Empfin* düngen. Es ist ein schöpferischer Akt unseres Geistes (der dritte Aus- druck des mystischen Wissens), welcher das innere Erlebnis zum wohl- geformten Wissen vom Objekte verwandelt. ^ Mit dieser Darstellimg der Struktur unseres Bewusstseins und der 'Er- kenntnis tritt Ssolowjew an das Problem der Existenz Gottes unmittelbar heran. Gott ist gerade diese positive All-Einheit, die der Mensch im un- mittelbaren Gefühl erfasst. Das Absolute oder Gott ist ein individueller und zugleich universeller göttlicher Organismus oder ein Wesen, welches Ssolowjew den ewigen Christus normt. Wie sich in jedem Organismus zwei Einheiten, die wirkende und erschaffende, wie z. B. die Seele im organischen Beich, und die abgeleitete Einheit, wie der Leib, vorfinden, so existieren auch in Christus, als dem göttlichen Organismus, ebenfalls zwei Einheiten: die Einheit vom Logos selbst und die Einheit der Sophia oder der ideal vollkommenen Menschheit, welche sich ewig in Christus befindet. Die Sophia ist die notwendige Verwirklichung und der Sitz des Logos, der ewige Leib Grottes und die ewige Seele der Welt, die ewige Hülle Gottes. Jeder individuelle Mensch ist in der Gott-Menschheit ewig. Was in der Zeit entstanden ist, muss auch in der Zeit vergehen. Der Mensch ist ab^ nicht in der Zeit entstanden. Vor seiner physischen Geburt befindet er sich ewig im durch die Vernunft zu erfassenden Wesen der Sophia. Die gleiche über weltliche Existenz des Menschen sichert ihm in einer absoluten Weise seine Freiheit. Die Erkermtnistheorie und die Metaphysik geben eine Rechtfertigung und Aufklärung der drei grossen Wahrheiten — der Existenz Gottes« d^ Freiheit und der Unsterblichkeit des Menschen. Der ideale Mensch muss zugleich ein individuelles und ein universelles Geschöpf sein. So war auch der Mensch, bevor er aus der ewigen Eiiiheit des göttlichen Lebens ausgesondort war, d. h. „primitiver Mensch". Im vorweltlichen göttlichen Leben war der Mensch das Band zwischen Gott und der ungeschaffenen Natur, zwischen der absoluten Einheit und der chaotischen Vielheit, er war die Seele der Welt und Hülle Gottes. Doch ist diese vorweltliche Verbindung aUes Seienden nur die Folge der AU- mächtigke^t Gottes. Und da Gott nicht nur die Allmächtigkeit, sondern auch die Gnade und die Wahrheit ist, so wünscht er nicht nur, dass aUes in dem Einen (in Gott) sei, sondern dass auch das Eine, Gott in aUem sei, er will eine freie All-Einheit, er will, dass die chaotische Vielheit der Natur- welt sich freiwillig mit Gott vereinigen soll. Daher gibt Gott dem Chaos die Freiheit, sich mit ihm zu vereinigen, die Einheit der Weltschöpfung Die nudache Philosophie. 105 zeiffillt und verwandelt sidi in ein mechanisches Zusammensein der Atome, •die Weltseele wird unzmreichend als allgemeines Zentrum und der Welt- or^nismus wird zu einem zersplitterten, egoistischen Zustande verurteilt, dessen Wurzel das Böse, dessen Frucht das Leiden ist. Somit ist die Er- scheinung der Naturwelt das Ergebnis des metaphysischen Übels. Doch zerfallen nach dem Sündenfall die göttliche Einheit — der Logos — und die menschliche Einheit — die Sophia, die Weltseele, das Vorbild der Menschheit, die zu einer Einheit gebrachte Vielheit oder die All-Einheit — nicht endgültig. Die Weltseele findet auch nach dem Sündenfall die Verbindung mit dem Logos. Hieraus entsteht der Weltprozess, indem der universelle menschlich-göttliche Organismus allmählich geboren wird, wobei der Logos — die Form — das aktive männliche Element und die Seele — die Materie — das passive weibliche Element ist. Die erste Phase des Welt- prosesses ist der kosmogonische Prozess mit seinen drei Stufen — der mechanischen Einheit der universellen Gravitation, der dynamischen Ein- heit der unwägbaren physikalischen Kräfte (der Wärme, des Lichtes, der BSektiizität) und der organischen Einheit der lebendigen Kraft. Es ist folglich eine Verwandlung der Naturwelt aus dem Chaos zum Kosmos und die Vorbereitung der für das Erscheinen des Menschen notwendigen Be- dingungen. Die zweite Phase des Weltprozesses ist der historische Prozess, der mit dem Erscheinen des Menschen begiimt. Hier wird nicht nur das Chaos zum Kosmos verwandelt, sondern es beginnt auch dessen innere Transfiguration, denn im Menschen wird — wenigstens ideal, im Bewusstsein — die Schöpfung mit der Gottheit vereinigt. Der Mensch ist also der Vermittler der Erlösung der Natur und ihrer Vereinigung mit Gott. Der gottmenschliche Prozess ist der Abschluss, die letzte oder richtiger die vorletzte Stufe des ganzen historisdien Prozesses. Die Menschheit be- wegt sich unabwendbar zur absoluten Transfiguration und der Vereinigung mit Gott. Seine besondere Aufmerksamkeit widmet unser Philosoph unter anderem auch der Liebe, dem mystischen Prinzip im Menschen, welches die Tfindemisse überwindet, die zwischen den einzelnen Individualitäten bestehen, und sie in der allgemeinen All-Einheit wieder vereinigt. Das Werk der Liebe besteht in der Vereinigung des Menschen, durch ihn aber auch alles Erschaffenen. Die Liebe muss eine dreifache Vereinigung er- füllen: erstens sie muss den individuellen Menschen wiederherstellen, indem sie ihn durch eine wahre Verbindung mit seiner natürlichen Ergänzung, der BVrau, vereinigt; zweitens muss sie den sozialen Menschen wiederherstellen, indem sie das Individuum mit der Gesellschaft zu einem festen und be- stimmten Verband verschmelzt ; drittens muss sie den universellen Menschen wiederherstellen, seine innige und lebendige Einheit mit der ganzen Natur der Welt, welche der organische Leib des Menschen ist. In der Philosophie von Wladimir Ssolowjew sind verschiedene Elemente 106 RiuBlanenken8 auf die Dinge an sich ab, was ihn von anderen Neukantianern unterscheidet. In seiner Arbeit „Von den Grenzen und Merkmalen der Seseeltheif tritt er als Vertreter einer eigentümlichen Abart des russischen IKTeukantianertums — des theoretischen Solipsismus — auf. Hier beweist er, dass man die Existenz des geistigen Lebens überall, ausgenommen in sieh selbst, negieren kaim, und alles „Seelische'' in den anderen als ein Resultat von rein materiellen Prozessen erklären kann. Einen solchen Skeptiker kann man nicht auf dem empirischen Wege widerlegen. Ein bedeutender Vertreter des Neukantianertums ist auch Professor I. L Lapschin („Die Gesetze des Denkens und die Formen der Erkeimt- nis''). Eine hervorragende Stellung im modernen Intuitivismus gehört in Russland N. O. Losski], dessen Arbeiten „Die Grundlehren der Psycho- logie vom Standpunkt des Voluntarismus'' und „Die Begründung des Intuitivismus" auch ins Deutsche übersetzt sind. Wir haben hier eine gj&nzende Bewertung der dogmatischen Voraussetzungen des vorkantischen Kationalismus und Empirismus, ebenso wie auch der Philosophie von Kant selbst. Losski] konmit zu folgenden Schlüssen: Das Objekt des Wissens "wird durch die Erkenntnisprozesse vollständig erschöpft; das Wissen ist ein Erlebnis, das mit anderen Erlebnissen verglichen wird; die transzendente Welt wird ebenso unmittelbar erkannt wie die Erscheinungswelt. Wir dürfen auch Professor T. Tschelpanow nicht unerwähnt lassen, welcher eine realistische Stellung auf Grund der kantischen Erkenntnis- theorie einnimmt („Die Probleme der Baumwahrnehmung in Verbindung mit dem Begriff des Angeborenen und des Apriorismus"), er ist auch einer der Vertreter des Kampfes gegen den Materialismus („Gehirn und Seele"). Die russische urwüchsige Philosophie hat Bussland geniale Denker gegeben, die russische unter dem westlichen Einfluss stehende Philosophie, Weiche-auffallend fruchtlos ist (sie geht fast nie über die Erkeimtnistheorie hinaus), hat auch viele begabte Vertreter. Es ist zu hoäen, dass die Ver- treter dieser entlehnten Philosophie einmal aufhören werden, so abstrakt und unproduktiv zu sein und das grosse russische Problem des Logos er- kennen werden. Das wird selbstverständlich zu einem grossen Kampf der Batio und des Logos führen, wie dies bereits in den Lehren einiger eigen- artiger russischer Philosophen der Fall ist. Die selbständige russische Philosophie, welche eine äusserste apokalyptische Spannung erreicht hat, steht bereits an der Schwelle einer neuen Offenbarung, vielleicht auch neuer Kristallisationen dieser Offenbarung, d. h. neuer Dogmen. Danach sehnen sich schon die Herzen der wahren Bussen. So stellen wir uns die Zukunft der selbständigen und der nachahmenden Tussisohen Philosophie vor. Alexis Lossew. Alexander Puschkin und der Anfang der modernen russischen Literatur. Die moderne russische Literatur beginnt mit Alexander Ssergeje- witsch Puschkin (1799 — 1837), dem grössten russischen Dichter, dem «rsten rein nationalen Poeten des modernen Bussland. Sein Name ist im Auslande nur wenig bekannt, und doch war er es, welcher der russischen Literatur jene Bahnen wies, auf denen es ihr vorbestimmt war, ihre höchsten Errungenschaften zu erreichen. Sein Werk hatte für Bussland eine so umfassende Bedeutung nicht nur dank der dichterischen Begabung Pusch- kins, seinem besonderen Talent, mit wenigen Worten Grosses zu sagen und in der schlichtesten Form reiche Phantasiebilder ins Leben zu rufen — seine Bedeutung für die russische Literatur und das russische Leben liegt noch weit tiefer: Puschkin war innerlich ein absolut freier Mensch. Er besass jene höhere Freiheit, die dem Menschen nur selten vom Schicksal verliehen wird, eine Freiheit, die aus der tiefen Erkenntnis der Lebens- erscheinungen entsteht und in der Bejahung des Lebens mit seiner Lust und seinem Leiden wurzelt. Eine Freiheit, wie wir sie zum Beispiel auch bei Goethe finden, so sehr verschieden die beiden Dichter in mancher anderen Beziehung auch sein mögen. Puschkins schöpferischem Blick war die ganze Welt offen, und er scheute nicht davon zurück, ihre Höhen und Tiefen zu durchforschen. Deswegen ist und bleibt Puschkin auch jetzt noch, da schon mehr als hundert Jahre seit seiner Geburt verflossen sind, einer der noch durchaus modernen Dichter Busslands. Sein Schaffen altert nicht mit den Jahren und sein Lebenswerk bleibt ewig jung und lebendig. Noch heute liest in Bussland Jung und Alt die Gesänge seines grössten nationalen Dichters, noch heute wirken sie auf den Leser gewaltig und so frisch, als wären sie erst gestern geschrieben. Und in dieser unmittelbaren und starken Weise wirkt Puschkins Werk auf die Leser aus den verschie- densten Volksschichten ein; es sei hier ein Zeugnis angeführt, das um so wertvoller ist, als es aus der Mitte des Volkes selbst stanmit. Ein Kind aus den tieferen Schichten des Volkes, mitten in Not und geistiger Finsternis der fürchterlichsten Lebensverhältnisse aufgewachsen, erlebte folgender- massen die erste Bekanntschaft mit Puschkins Werken (dieses Kind soUte später zu einem der grössten Schriftsteller des modernen Bussland werden, den wir unter dem Pseudon3rm von Maxim Gorki kennen): „ ... Es Alexander Pusclikin und der Anfang der modernen mssisohen Literatur. Hl waren dies die Dichtungen von Puschkin. Ich las sie sofort alle durch, von jenem gierigen Gefühl ergriffen, das man an einem ungeahnt schönen Orte empfindet: man strebt danach, das Ganze auf einmal zu durch- wandern. So geht es uns, wenn wir lange über Mooshügel eines sumpfigen Waldes gewandert sind und plötzlich eine trockene, sonnenbeleuchtete, blühende Weide erblicken. Einen Augenblick betrachtet man sie vfie be- zaubert, dann eilt man glückbeseelt, sie zu umwandem, und jeder Tritt über die weichen Gräser des fruchtbaren Bodens gereicht einem zur stillen Olückaeligkeit . . . Puschkins prächtige Märchen waren mir am ver- wandtesten, am begreiflichsten; nachdem ich sie ein paarmal durchgelesen hatte, wusste ich sie schon auswendig; im Bette mit geschlossenen Augen flüsterte ich die Verse noch leise vor mich hin . . . Die vollautenden Zeilen Hessen sich erstaunlich leicht behalten, statteten alles» wovon sie redeten, feierlich aus — das machte mich glücklich, machte mein Leben leicht und angenehm, die Verse klangen wie Glockenruf aus einem neuen Leben. Wel«h ein Glück ist es, lesen zu können!" Das ästhetisch hochbegabte Kind fühlte den Reichtum und die Schön- heit der Sprache Puschkins. „Puschkin," sagt Gorki weiter, „begeisterte mich derart durch die Einfachheit und die Musik seines Versbaues, dass mir lange Zeit hindurch die Prosa unnatürlich erschien, und es war mir xmbequem, sie zu lesen." Der kleine Gorki ahnte instinktiv jenes grosse Verdienst des Dichters, das allein schon genügen würde, ihn zu einem der bedeutendsten Schriftsteller Busslands zu machen: Puschkin war der Schöpfer der modernen russischen Sprache. Er schuf sie wie aus einem Ouss, so unübertroffen reich, so natürlich und dem nationalen Geiste treu, dass man sich wundern muss, wie es ein Mann zustande bringen konnte, der in seiner Kindheit die französische Sprache besser als seine Muttersprache beherrschte und noch als Jüngling im Lyzeum von seinen Kameraden der „Franzos" genannt wurde! Seine Sprache ist bis heute ein Muster der russischen literarischen Sprache geblieben, sie ist reich imd einfach zugleich. Wir müssen hier eines Einflusses gedenken, der zu der Ausbildung der schöpferischen Kraft des Dichters nicht wenig beigetragen haben mag. Es war dies der Einfiuss seiner Wärterin, einer alten Leibeigenen der Familie Puschkin — jener Arina Bodionowna, die durch ihren Zögling in der russi- schen Literatur berühmt geworden ist. Mit iimigster liebe erwähnt sib der Poet in seinen Werken ; er nennt sie manchmal seine Muse — und das mit Recht. Denn sie hatte es verstanden, seine Kindheit mit dem Zauber der Volkspoesie zu umwinden; sie kannte eine Menge Volkslieder, Märchen, Legenden. Sie gab ihm auch ihre grosse Liebe, die dem Kinde bei einem leichtsinnigen Vater und einer merkwürdig gleichgültigen Mutter wirklich nottat. Arina Bodionowna war wie das verkörperte Russland, das sich dem genialen Kinde liebend nahte. Nicht jenes Russland, welches er später 112 Ruflsland. in weltlichen Salonen und am Hofe kennen lernte, sondern das Bnsdand des Volkes mit seiner reichen, damals verkannten und verachteten Volks- poesie. Das Nationale, das Volkstümliche ist bei Puschkin kein Vulgari- sieren, keine künstliche Nachahmung der Volkssprache und der Volks- poesie — es ist ein schöpferisches Verarbeiten, ein intuitives Vertiefen, eine plastische Neugestaltimg. Jene Märchen Puschkins, y^n denen der kleine Gorki so begeistert spricht, geben ein hinreichendes Bild von dieser Seit« seines Schaffens. Das russische Kind lernt sie in früher Kindheit kennen, mit Puschkin verbinden sich seine ersten ästhetischen Eindrücke, Puschkin wird bereits zu seinem Freunde in den ersten Jahren seines bewuast'en Lebens. Und er bleibt ihm ein Preund sein ganzes Leben hindurch. Pusch- kins Werk ist für den russischen Leser nicht nur ein Buch, das einmal gelesen wird und dabei mehr oder weniger angenehm wirkt: mehr ab irgendein Autor ist er innig mit der Seele seines russischen Lesers ver- wachsen. Welches Kind Busslands kennt nicht das prächtig-einfache, farbenreiche „Märchen vom Fischer und dem Fischlein", vom Fischer, der „dreissig Jahre und drei Jahre'' im blauen Meere gefischt hatte und eines Tages das Wunderfischlein fing, das „nicht einfach, sondern golden war''? Das Fischlein bittet ihn, es frei zu lassen, und verspriGht ihm dafür alles zu geben, was er verlangt. Doch der Fischer lässt es auch so frei, ohne dafür etwas zu verlangen. Anders fasst seine Alte die Sadbe auf: sie lässt sich durch Vermittlung des alten Fischers vom Fischlein beschenken und wird in ihren Forderungen immer unmässiger. Der Fischer muss immer wieder ans Meer gehen und das Fischlein um neue Gaben bitten. Ein neues Haus befriedigt die Alte nicht, sie will eine adlige Frau werden. Auch das göimt ihr das Fischlein. Zu der Alten kehrte der Alte. Doch was sieht er? Ein hohes Qebäude; An der Schwelle, da steht seine Alte» In die teuersten Zobel gehüllet. Auf dem Haupte ein goldener Kopfschmuck, Perlenschnüre am Halse gewunden, Qoldne Ringe schmücken die Finger » Rote Stiefel bekleiden die Füsse. Es umgeben sie Diener, die treuen — Diese schlägt sie und zupft cm den Haaren. — Zu der Alten spricht nun der AJte: „Sei gegrüsst mir, du adlige Fraue, Ist wohl jetzt deine Seele befriedigt?** Darauf schrie ihn nur an seine Alte Und befahl ihm, im Stalle zu dienen. Es vergeht eine Woche, die zweite — Noch viel ärger tobt jetzt die Alte, Wieder schickt sie den Alten zum Fisohlein: „Geh zum'Meere^ begrüsse das Fischlein, Eine Edelfrau will ich nicht bleiben» Eine ZarinJ^will ich jetzt werden**. Alezander Puschkin und der Anfang der modernen niasiflchen Literatur. 113 Da erbebte der Alte, er flehte: ,3i8t du Alte, 88^ mir, von Sinnen? Da verstehst ja kein Treten, kein Reden, Bringst dae ganse Reich du zum Lachen! *' Wütend wurde darauf die Alte, Eine Ohrfeige gab sie dem Manne. „Darfst du noch mit mir streiten, du Bauer? Mit mir, mit der adligen Eraue? Qeh' zum Meere man sagt dir's in Ehren, Gehst du nicht, führt man dich wider Willen.*' Auch dieser Wunsch wird ihr vom Fiscblein gewahrt. Aber da ver- langt die böse Erau endlich zuviel: sie will Herrscherin der Meere werden und das Goldfischlein soll ihre Dienerin werden. Da kommt die Strafe: Als der Alte von seiner letzten Unterredung mit dem Fischlein zurück- kehrt» ist der Frau alles genommen, sie sitzt wieder an der Schwelle ihrer alten Hütte und vor ihr liegt der alte zerbrochene Waschtrog. Aber nicht nmr in Eeinen M&rchen, auch in allen übrigen Werken bleibt Puschkin national. Das nationale Wesen gehört nicht weniger zu seinem Schaffen als seine vollkommene Sprache, als die plastische Darstellungs- kraft, al8;die Tiefe seines Gedankens und Gefühls. Gogol, der etwas jüngere grosse Zeitgenosse von Puschkin, sagt von ihm: „Beim Namen Puschkin entsteht sofort die Verstellung von einem national-russischen Dichter. In der Tat steht keiner von unseren Poeten höher als er, und ihm gebührt am meisten das Recht, ein nationaler Dichter genannt zu werden . . . Puschkin ist eine ausserordentliche Erscheinung imd vielleicht eine einzig dastehende Erscheinimg des russischen Gtistes: er ist der russische Mensch in seiner Entfaltung, wie dieser vielleicht nach 200 Jahren sein wird. Id ihm hat sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache, der russische Charakter in einer Reinheit, in einer verklärten Schönheit abgebildet, ^äe eine Landschaft auf der konkaven Fläche eines optischen Glases''. („Einige Worte über Puschkin", 1832.) Ein besonderer Reiz von Puschkin ist die Verbindung dieses rein nationalen Elementes mit der Weite seines freien Blickes, mit seiner Fähig- keit, aUgemein-menschliche, ewige Probleme zu entfalten. Es gehörte zur inneren Freiheit Puschkins, dass ihm nichts Menschliches fernbleiben sollte. Seine schöpferischen Flügel erheben ihn hoch über alle räumlich-zeitliche Gebundenheit, aus den Tiefen seines Geistes schöpft er erhabene Formen für jene grossen Probleme, die keinem Menschen fremd bleiben, sobald er eine gewisse Ent\(äckelung8stufe erreicht hat : Leben und Tod, Hass und Liebe, Glaube und Zweifel, Gutes imd Böses, Vergänglicbkeit und Ewig- keit — allen diesen Problemen gibt Puschkin in Gedichten Ausdruck, deren edle knappe Form so vollkommen ist und in ihrer Knappheit eine so grosse Fülle von Gedanken und Vorstellungen enthält, dass sie nur ein eben- bürtiger Dichter übersetzen könnte. — Dies ist auch die Hauptsache der 114 Bussland. maDgelnden Bekanntschaft des nichtrussischen Leeers mit Puschkin, denn man kann mit Recht behaupten, dass seine Werke bis jetzt nicht übersetzt worden sind. Es gibt zwar eine ganze Reihe deutscher, französischer, eng- lischer und italienischer Übersetzungen, sie sind aber alle nicht nur unvoll- ständig, sondern vor allem dem Original völlig inadäquat. Puschkin harrt noch seines Übersetzers; wird diese grosse Arbeit einmal ausgeführt werden, so wird die Weltliteratur einen neuen reichen Schatz gewonnen haben. Wie ein phantastisches Band entfalten sich die lyrischen Gedichte Puschkins. In seiner Liebessprache kliägen keine kühlen Töne eines nordischen Temperamentes, und doch sind sie so rein in der Empfindung^ so fein in den Nuancen, dass ihr gewaltiges Feuer Gestalten von edler, erhabener Feinheit schafft. Zarte, schöne Frauenerscheinungen leben vor unserem geistigen Blick auf. Ein feines Mädchengesicht scheint aus dem duftigen Gedichte „Ich bin in Ketten Mädchen -Rose"' hervorzu- leuchten. Wie ein Lichtstrahl in der Finsternis leuchtet im Herzen d^ Poeten die unvergessliche Begegnung mit der Frau eines anderen („Des schönen Augenblicks gedenke ich"). In neblige Gewänder gehüllt taucht die Gestalt der Frau auf, die der Dichter wohl nie vergessen konnte, auch damals nicht, als sie bereits in Todesscblaf versunken war und er eine andere als verliebter Bräutigam zum Altare führte. Kurz vor seiner Hoch- zeit denkt er noch an sie und widmet der Toten seine „Beschwörung **. Oh, wenn es wahr ist, dass bei Naoht, Wenn alle Lebenden ersohweigen^ Und aus der hohen Himmelspracht Sich Mondesstrahl'n zu Gräbern neigen. Oh, wenn es wahr ist, dass zum Sein Die stillen Schatten dann erstehen — Ich rufe Dir, Dich muss ich sehen: Zu mir mein Lieb, erschein, erschein! Erscheine mir in dei Gestalt, Wie ich dich sah beim letzten Scheiden, . Geliebter Schatten, bleich und kalt Wie Wintertag, verzerrt durch Leiden. EIrschein wie ferner Sterne Schein, Wie leichtes Stöhnen oder Wehen, Wie Schreckgespenst, nur dich zu sehen. Verlang ich jetzt: erschein, erschein! Ich rufe Dich; nicht anzuklagen Begehr ich ihn, dess Hasses Macht Dein liebes Leben untergraben, Noch will ich lüften Grabesnacht; Nicht weil des Zweifeis stille Pein Mich manchmal plagt, nur Dir geloben Will ich, dass ich Dir stets gewogen, Dass dein ich stets. Erschein, erschein!^) ^) Übersetzung von Tli. Erismann. Alezander Puschkio und der Anfang der modernen rassischen Literatur. 115 Die einfachen Beime des QriginaltexteB dieser Beschwörung besitzen unüberwindlichen Zauber. Dieses feurige Temperament, welches in seiner Lyrik zum Vorschein kommt, verdankt Puschkin wbhl zum Teil seiner merkwürdigen Abstam- mimg. Sein Urgrossvater von mütterlicher Seite war ein Neger, welchen sich Peter der Grosse — ein bekannter Liebhaber von allerhand „Wundem" — aus der Türkei zuschicken liess. In der hübschen Novelle „Der Neger Peters des Grrossen'' erzählt Puschkin in etwas idealisierter Weise die Geschichte seines Ahnen. Der Neger BAunibal erreichte am Hofe einen hohen Bang und vermählte sich mit einer Deutschen. Puschkins Mutter war das Enkelkind dieses seltsamen Ehepaares. Von väterlicher Seite gehörte Puschkin einer altadeligen russischen Familie an. Puschkins Kunst geht in ihrer tiefsten Bedeutung auf ein Bejahen des Lebens, ein Anerkennen desselben aus. Diese philosophische Grundlage gibt seinen Schöpfungen eine grosse Frische. Und doch verkennt der Dichter die Tragik der menschlichen Existenz nicht. Er ist hierin ein Mensch im vollen und im besten Sinne des Wortes. Daher kann man aus aeinem Werke auch einzelne Gedichte herausgreifen, die — für sich ge- Qommen — direkt pessimistisch klingen, wie seine berühmten „Stanzen'': Seh ich die Eiche einsam stehen. Denk ich: des Waldes Patriarch Mein kursses Sein wird überleben. Wie er die Väter überlebt'. Wül ich ein kleines Kind liebkosen. Im stillen denk ich: Lebe wohll Den Platz für dich werd' ich bcbld räumen. Du blühest auf , ich weJkehin. Aber selbst dieses düstere Gedicht schliesst der Poet mit einem ver- lohnenden Akkord: Und wenn es für die toten Resten Auch gleich mag sein, wo immer mhn. So wünschte ich der lieben Stätte Doch möglichst nah gebettet sein. Und an dem Tor der Grabeestfttte Soll junges Leben ewig sprühn. In SchönheitBg'anz und stolzem Gleichmut Soll ewig strahlen die Natur. Lebensfroh und frisch ist der Grundton seiner meisten Werke. Er iagt im „Vöglein'', einem seiner Jugendwerke: Im fremden Lande halt ich Treue Der trauten Heimat altem Brauch: Ein Vöglein lass ich fort ins Freie Beim hellen Fest vom FrühUngshauch.^) ^) Es ist eine alte nissisohe Sitte, am VerkOndigangsfest» das aaf den 26. M&rs fftUt» Vögel aus Käfigen sa befreien. 116 BoBsIand. > loh fühl' mein Herz aufs neu genesen. Was soll mit Gott ich hadern dann. Wenn ich auch nur dem kleinsten Wesen Die Freiheit wieder geben kann?^) Puschkin glaubt aber ans Leben nicht nur als naiver Jüngling, dem ,,die Knospe Wunder noch versprach''. Er glaubt daran auch als lei&r Mann, weil er im Leben solche Tiefen und Höhen kennt, deren Wert mehr als Vergeltung für alle Leiden der menschlichen Existenz bedeutet. Za solchen Höhen gehört für Puschkin sein künstlerisches Schaffen. Seine dichterische Mission &est er überaus ernst auf. Nicht selten spriobt er davon in seinen Werken. Am grossartigsten ist dieses Problem in seineia „Propheten" zum Ausdruck gekommen: Qequfilt von geist'gen Durstes Pein Zog ich durch Wüsten matt und träge, Ein Seraph im Sechsschwingenschein Trat vor mich hin am Scheidewege. Mit Fingern leichter als ein Traum, Berührt' er meiner Augen Saiun, Und wie bei dem erschrocknen Aar Ersehloss sich weit das Augenpaar. Die Ohren mein berührt' er dann ~ Getös luid Klingen füllt' sie an: Den Himmel hörte ich erbeben, Vernahm der Engel hohen Flug, Des Meergetieres stummen Zug, Im Tal das Wachsen stiller Reben. Er neigte sich an meinen Mund, Riss mir die Zunge aus dem Schlund, Die lästerhafte, schlaue, bange. In die erstarrten Lippen mein Legt er mit blut'ger Hand hinein Die Zunge einer weisen Schlange. Und meine Brust durchbohit sein Erz, Und aus der Wunde heissem Blut Nahm er heraus mein zitternd Herz Und logt. hinein der Kohle Glut. Bewusstlos lag ich, stunuxi und kalt. Und Gottes Stimme mir erschallt: „Steh, auf, Prophet, und sieh und höre. Von meinem Willen sei der Hort Und wandernd über Land und Meere, Durchglüh' die Herzen mit dem Wort." Dem gleichen Problem des künstlerischen Schaffens hat Puschkin eir» eon seinen dramatischen Dichtungen — „Mozart und Salieri" — ge- widmet. Ein unbestinmxtes Gerücht, \v6lches er aus deutschen Zeitsohrifteo vernommen hatte, gab ihm die Idee, den Wiener Komponisten Salieri ab MOrder des grossen Mozart darzustellen. Die Grundidee Puschkiiis yfot ^) ÜbersetBt von Th. Erismami- Alexander Puschkin und der Anfang der modernen nuaiachen Literator. 117 dabei die Gegonüberatelluiig des Geniee und des mühsam schaffenden iurchsohnittlidien Talentes nnd die Tragödie, die daraus für das Talent entsteht. In Puschkins Auffassung ist Salieri kein gemeiner Bösei^vioht. Er l&sst sich zwar vom Neide hinreissen, entwickelt aber daneben eine scheinbar ethische Motivierung seines Handelns, durch diese will er seinem Neid den Anschein einer höheren Gerechtigkeit geben und sich selbst zum Verfechter dieser Gerechtigkeit aufwerfen. Es kommt dies ganz deutlich schon in der folgenden Stelle seines ersten Monologs zum Ausdruck: Wo ist Qereohtic^t» wemi nicht zum Lohne Für heiflse liebe, Arbeit und (Sehet Gegeben wird die heilig hohe Gabe, Das göttliohe Genie, wenn es das Haupt beleuchtet Von einem sinnlos MiissigenT Ach MosEart! Mozart! Salieri begreift sehr wohl den Gegensatz, der zwischen seinem peinlich- •qualvoDen Schaffen und demjenigen des genialen Mozart besteht, dessen Werke ganz selbstverständlich und mühelos entstehen, er empfindet aber bliesen Unterschied als eine tiefe Ungerechtigkeit der Weltordnung. Er hatte ja sein ganzes Leben der Musik gewidmet, seine Jugend verbrachte •er beim Studium und bei der Überwindung technischer Schwierigkeiten: erst dann Ins Wissen eingeweiht, wagt* ich der Wonne Des schöpf erisohen Traums mich zu ergeben. Eb scheint ihm auch, als hätte er nie vorher den Neid gekannt. Nun beneidet er aber das mühelose und das Seinige doch so weit übertretende Schaffen des Freundes, der ihm so leichtsinnig, so unwürdig seiner hohen Gabe zu sein scheint. Er beneidet ihn „tief und qualvoll'". Ein Besuch Mozarts bringt ihm neue Qualen. Mozart hatte unterwegs einen blinden Geiger angetroffen, der Mozarts Werke im Wirtshaus vorspielte; er fand dessen erb&rmliches Spiel so belustigend, dass er ihn mitnahm, um auch Salieri „mit seinen Künsten zu ergötzen". Nun lässt er den Geiger „aus Mozart'' spielen. Salieri fühlt sich dadurch wie durch eine Entweihung 4er Kunst verletzt: loh lache nicht, wenn ein armaerger Finaler üir Rafaels Madonna überschmiert. Ich lache nicht, wenn ein gemeiner Gaukler In Parodien entwürdigt Alghieri. Noch schfirfer wird sein Schmerz, wenn Mozart ihm ein tiefes' und woUgelungenes Werk vorspielt, das er gerade mitgebracht hatte. Nun 4Kheint es ihm noch klarer zu sein, dass Mozart seiner Begabung un- würdig sei: 118 Bussknd. Salieri: Du brachtest dies zu mir und konntest dooh Am Wirtshaus unterwegs noch stehen bleiben. Dem Spiel des blinden Alten lauschen! Himmel! Du, Mozart, bist unwürdig deiner selbst. Mozart: Du findest es gelungen? Salieri: Diese Tiefe, Die Kühnheit und die Harmonie! Du Mozart, bist ein Gk>tt und weisst es selber nicht. Ich weiss es — ich! Sie machen ab, am Abend zusammen zu speisen. Mozart geht» Salieri bleibt allein mit seiner Qual. Jetzt fasst er den Entschluss, Mozart zu töten; sein Entschluss scheint ihm in der höheren Logik der Gerechtigkeit zu wurzeln, und er merkt es selber kaum, ^ ie armselig jene Griünde sind die er als Grundlage seines Entschlusses nennen kann: Nein, länger kann ich nicht Dem Schicksal trotzen. Auserkoren bin ich, Ihn zu beseitigen. Sonst sind wir alle. Wir — Priester, Diener der Musik — verloren. Nicht ich allein mit meinem diunpfen Ruhme . . . Was nützt es, wenn noch länger Mozart lebt. Um eine neue Höhe zu erreichen? Hebt er dadurch die Kunst? — Sie sinkt. Sobald er von uns scheidet. Einen Erben Lässt er uns nicht zurück. Was nützt er? Ein Cherub — BreK^t er uns seine Paradieseslieder, Den flügellosen Wunsch in uns, des Staubes Kindern Zu zünden und dann wieder zu entfliehnl Entfliehe denn! Je früher desto besser! Salieri merkt es nicht, wie hinter diesen Sophismen sein qualvoller Neid steckt, der sich zu dem Gefühl einer Ungerechtigkeit der göttlichen Vorsehung gesellt. Dieser Schlussmonolog der ersten Szene ist voU tiefster Tragik. Es ist die unendliche Qual eines Menschen, der die Kunst liebt, der sich ihr ganz hingegeben hat und doch nicht imstande ist, dem genialen Freunde sein heiteres, sorgenloses Schaffen zu gönnen; der sein kleines „Ich" der grossen Kunst nicht aufzuopfern vermag und sich dabei mit Trag- schlüssen tröstet, er diene mit seiner Tat dieser von ihm auch wirklich heissgeliebten Kunst. Die Tra^k wächst noch in der 'zweiten Szene des kurzen Dramas an. Jetzt sitzen Mozart und Salieri bei einem freundlich^i Gelage. Mozart berichtet Salieri von bösen Ahnungen, die ihn quälen« Salieri tröstet ihn: Salieri : Beaumarchais Hat oft zu mir gesagt: Mein Freund Salieri , Wenn finstere Gedanken dich besuchen, So öffne rasch eine Champagnerflasche Und lies dir durch die Hochzeit Figaros. Mozart: Tatsächlich! Beaumarchais war doch dein Freund, Für ihn hast du den „Tarar'' kompoziiert» Ein hübsches Werk . . . Ach, ist es wahr, Salieri, Dass jemanden vergiftet Beaumarchais? Alezander PuschkiD und der Anfang der modernen nusiechen Literatur. 119 Salieri: Ich glaabe kaum. Zu l&oherlioh war er Für das Metier. Mozart: Auch war er ein Genie, Wie du und ich: Verbrechen und Genie Sind Dinge, die sich nicht vertragen können. Von seinem Vorhaben ganz in Anspruch genommen, scheint Salieri diese bedeutungsvollen Worte nicht aufgefasst zu haben: gerade in diesem Augenblick wirft er das Gift in Mozarts Glas. Das Schreckliche ist nun geschehen, Mozart trinkt das Gfft. Dann geht er ans Klavier und spielt Salim sein neues, letztes Werk,' sein „Bequiem'', vor. Ergriffen durch dessen Schönheit kann sich Salieri der Tränen nicht enthalten. Moaart: O, hätten alle, so wie du, die Macht Der Harmonie empfunden 1 Doch dann könnte Die Welt nicht mehr bestehen; keiner würde Sich um Bedürfnisse des AUtags kümmern. Der freien Kunst ein jeder sich ergebend. Wir sind nur wenige, wir Müasiggänger, Wir Qlücklichen, der reinen Schönheit Priester, Das Niedrig-nützliche verachten wir. Das Gift zeigt bereits seine Wirkung: Mozart fühlt sich unwohl und geht. Erst nachdem Salieri allein bleibt, kommen ihm nochmals die seiner- zeit überhörten Worte Mozarts in den Sinn: „Verbrechen und Genie sind Dinge, die sich nicht vertragen können''. Und diese Worte Mozarts bedeuten für Salieri das letzte, höchste Urteil : er gehört also nicht zu den Priestern der reinen Schönheit, denn in ihm vertrug sich das Genie mit dem Ver- brechen. Salieri besitzt genügend Einsicht, um die Verurteilung, die ihm der sterbende Mozart ausgesprochen hat, voll zu erfassen, und diese ist es, die ihm die tödliche Wunde schlägt — diese und nicht der Tod des grössten Genius, nicht seine eigene schreckliche Schuld: Doch hätt' er recht und war' ich Doch kein Qenie? Verbrechen und Genie Sind Dinge, die sich nicht vertri^gen können! Das ist nicht wahr I — Und Buonarotti 7 Oder ist es Vielleicht doch nur ein ÜCärchen — die Erfindung Der sinnlos-dummen Menge? Und ein Mörder War nicht des Vatikanes grosser Schöpfer?*) Wir sind bei diesem Werke etwas länger verweilt, denn es ist von der allergrössten Bedeutung für die Beurteilung Puschkins. Puschkin stellt hier mit voller Objektivität das qualvolle innere Leben von Salieri dar, und seine Darstellung ist erstaunlich an Tiefe der dichterisch-psychologi- schen Intuition. An diesem Werke sieht man, dass die psychologische Analyse, welche die Grösse der nachpuschkinschen Literatur Busalands 1) Eine absolut unglaubwürdige Legende, auf die hier Bezug genozmnen wird, erz&hlt, dass MiohelangBlo Buonarotti den Rofael vergiftet haben soll. 120 Rufisland. ausmaoht, schon bei Pusohkin gegeben ist. Auch in der Fähigkeit, die mensohliohe Psyche nicht zu v^M^nfachen, sie mit allen positiven und negativen Eigenschaften in ihrer lebendigen Maonig^tit^keit darzustallMk ist Puschkin der erste grosse „ Geisterseher'' Busslands und der ebenbärtige Vorgänger von Dostojewski. Puschkin geht in seiner schöpferischen Kühnheit so weit, dass er es wagt, das Böse selbst in einem Symbol von unheimlich finsterer Schönheit im „Antschar'' zu verkörpern: la dürrer Wüste, öd und leer, Auf sonnenglutversengtem Boden Ein grauser Wächter, der Antachar, Steht einsam auf der weiten Erde. Am Ttfge ihres Zorns gebar Ihn die Natur der durst'gen Wüste Und tränkt mit Gift die Wurzeln ihm Und seiner Zweige tote Blätter. Aus seiner Rinde tropft das Gift, Geschmolzen in des Mittags Gluten, Und härtet gegen Abend ein Und wird zu klcu*em, zähem Harze. Und wenn sein düst'res Laub betaut Die Wolke im Vorübereilen, Tropft schon als Gift von seinem Zweig Auf heissen Sand der Regen nieder. Doch einen Menschen schickt ein Mensch Zum Todesbaum, Befehl im Blicke, Und jener zog gehorsam hin Und kehrte gegen Abend wieder. Die gift'ge Rinde bracht* er mit Und einen Zweig mit welkem Laube, Und von der bleichen Stirne rann Der kalte Schweiss in Strömen nieder. Er kam zurück und sank erschöpft Im Zelte nieder auf die Matten. Der cume Sklave fand den Tod Zu Füssen, eines mächtigen Herrschers. Doch dieser tränkte mit dem Gift Die Schar gehorsam-schneller PfeUe Und sandte zu den Ncushbarn sie Todbringend in die fremden Lande.^) Dieses Gedicht gibt einen Begriff vom Symbolismus PoschkiDs. Der Dichter ging in seinen symbolischen Werken weit über die Grenzen der Verständnismöglichkeit seiner Zeit hinaus. Puschkin war in dieser Be- siehung tatsächlich ein Prophet, der Prophet einer neuen Kunst, die erst in unseren Tagen 2ur vollen Blüte gelangen sollte. Den gleichen Zug von Symbolismus sahen wir bereits im „Propheten", er^kommt in vielen andern Werken des Dichters 2um Vorsehein, unter ») Überaetat von W. Th. V. Alexander Pnsehkm und der Anfang der modernen nuaischen Literatur. 121 «nderemin seinem „DenkmaT'. Dieses Gedicht ist dadurch besonders inter- -essant, dass darin der Dichter eine Wertung seiner eigenen Tätigkeit gibt : Und lange wird mein Volk dafür mich lieben, Dass gute Regungen ich stets in ihm geweckt. In meiner harten Zeit die Freiheit hoch gepriesen Und Gnade für Gefallene erfleht. Man sieht aus dieser Stelle, wie hoch Puschkin den positiven Inhalt «eines Schaffens schätzte. Äusserlich lehnt sich Puschkin in diesem Ge- dichte an Hoiaz an. Es war eine Besonderheit seines vielseitigen Talentes, dass er fähig war, die Stimmung grosser Dichter verschiedener Zeiten und Nationen schöpferisch nachzuerleben. „In Puschkin," sagt Dosto- jewski, „sind zwei Hauptgedanken verkörpert . . . der erste ist die Univer- salität Busslands, ihre Empfänglichkeit und die tatsächliche, unbestreit- bare, innigste Verwandtschaft ihres Genies mit den Genien aller Völker und aller Epochen. Dieser Gedanke ist bei Puschkin kein Hinweis, keine Lehre, keine Theorie, keine Schwärmerei oder Prophezeiung, er ist durch Puschkin zur Tatsache geworden, ist für die Ewigkeit in seinen genialen Schöpfimgen erfasst und durch dieselben bewiesen. Er ist ein Mensch aus der Antike, ein Germane, ein Engländer, der tief sein Genie und die Sehn- sucht seines Strebens erkennt („Ein Fest während der Peät"), er ist auch Dichter des Orients. Allen diesen Völkern hat er gesagt und bezeugt, dass sie das russische Genie erkennt und versteht, dass es mit ihnen in Be- rührung kommt, als sei es ihnen verwandt . . . , dass dem russischen Geiste allein die Universalität zuteil ward . . . Der andere Gedanke Puschkins ist seine Wendung zum Volke ^) . . /' Es gab Momente in der schöpferischen Tätigkeit Puschkins, wo er sich durch eine innere Intuition in ganz andere Epochen versetzen konnte. In solchen Augenblicken schuf er Werke wie seine „Ägyptischen Nächte", sein „Steinerner Gast'', welche von der aromatisch heissen Luft des Südens durchdrungen sind. In solchen Augen- blicken schuf er auch unvergleichliche Übersetzungen aus dem „Hohen liede" Salomos» aus dem Koran, aus Anakreon und anderen grossen Werken der Weltliteratur. Die oben angeführton Strophen des „Denkmals'' führen uns zum gleichen Problem wie manch anderes unter den Gedichten Puschkins. Seine Jugend fiel in eine Zeit, in der die Unterdrückungen seitens der Begierung, die sich in der Gestalt des allmächtigen Ministers und persön- fichen Freundes des Zaren Alexander I. — Araktschejew — verkörperte, die soheusslichsten und brutalsten Formen angenonmien hatten. Wie die meisten besten Männer Busslands schwärmte auch der jugendliche Puschkin für die Freiheit, der er seine Ode „An die Freiheit" widmete. Seine ^) Dostojewski: „Tagebuoh eines SöhriftsteUere", 1877, Juli— August. X22 Russland. Gesinnuiig wurde der Regierung bekannt. Nur der Fürsprache seiner Freunde gelang es, ihn von einer Verbannung nach Sibirien zu retten. Sibirien wurde durch Südrussland ersetzt. Später musste sich der Dichter mehrere Jahre auf seinem Landgut im Gouvernement Pskow imter Polizei- aufsieht aufhalten. Hier befand er sich, als im Jahre 1825 nach dem Tode Alexanders die Dekabristen ihren Staatsstreich versuchten. Viele unter den Dekabristen gehörten zu seinen intimen Freunden, mit den meisten war er bekannt; wie sehr er mit ihren freiheitlichen Gedanken sympathi- sierte, zeigt das Gedicht „Ein Schreiben nach Sibirien": In eurer Gruben tiefer Nacht Tragt mit Geduld und Stolz das Leben: Es lebt das Werk, das ihr vollbracht, Und eures Geistee hohes Streben. Der Poet endet sein „Schreiben" mit dem Versprechen einer hoffnungs- vollen Zukunft: Die schweren Fesseln fallen nieder. Es öffnet sich des Kerkers Zelle, Die Freiheit grüsst euch bjx der Schwelle, Das Schwert reicht Bruderhand euch wieder. Die Sehnsucht nach einem äusserlich freieren Leben ist in Puschkin um so verständlicher, als er selber innerlich so frei war, wie nur ein Mensch es sein kann, und dabei das Unglück hatte, sich sein Lebenlang unter der „väterlichen" Aufsicht der Regierung zu befinden. Nikolaus I. hatte zwar für Puschkin nomineJl jede Zensur aufgehoben, machte sich aber selber zu seinem Zensor und ging dabei in seiner Verständnislosigkeit so weit, dass er sich auch eine ästhetische Kritik anmasste. Die schönsten Werke des Poeten mussten lange auf den Druck warten, wenn de seinem gekrönten Zensor missfielen. Dank den ewigen Zensureinschränkungen kennt das russische Publikum das Werk seines grossen Dichters bis jetzt noch nicht in aller Vollständigkeit.^) Aber auch in unvollständigen Auflagen klingt Puschkins Sehnen nach Freiheit inmier wieder durch. Der Volksdichter fühlt vor allem mit innerem Schmerz die traurige Lage der Leibeigenen. Wie traurig klingen seine Worte: Werd' ich, o Freimde, je das Volk erblicken Von Ketten frei durch zarisohes Qebot? Wird meine Heimat jemals hell beglücken Der schöne Strahl vom freien Morgenrot? Er hat es nicht gesehen, dieses Morgenrot. Sein freies Schaffen ist aber zu einem der Grundsteine geworden, auf denen sich diese Freiheit auf- bauen sollte. ^) Nur die in unseren Tagen erscheinende, noch nicht abgeschlossene akademische Auf- lage gibt Puschkins Werk ohne Abkürzungen wieder. Sie ist jedoch wegen ihrem hohen Preise dem weiten Publikum unzugänglich. Alexander Puschkin und der Anfang der modernen russischen Literatur. 123 Wie in seinen Gedichten, so ist der Poet anch in seinen grossen Werken der tief denkende nnd fühlende. Von diesen ist am bekanntesten „Eugen Onjegin''. Es ist ein grosser in Versen geschriebener zeitgenössischer Roman. Es war das ein für seine Zeit gewagtes Unternehmen inmitten einer Gesellschaft, die vom Lesen naiv-sentimentaler Werke wie die „Arme Lisa'' von Karamsin noch nicht weit entfernt war. Es gelang aber Puschkin aufs gl&nzendste. Der Autor machte sich zur Aufgabe, das Leben eines jungen Weltmannes in all seiner unverschönerten Wahrheit darzustellen und offenbarte damit die schwersten Wimden, an denen die damalige gebildete. Gesellschaft Busslands krankte. Äusserlich ist das Leben von Onjegin ganz glücklich : er ist reich, unabhängig und frei, er ist aber inner- lich unzufrieden, das Leben, das er führt, kann ihm auch keine Befriedigung geben. Nichts interessiert ihn, alles langweilt seinen müssigen Geist. Onjegin ist nicht nur als solcher interessant, er ist der Ahne einer ganzen Reihe der auf ihn folgenden Typen. Der Typus selbst und dessen Evolution ist eine der köstlichsten Seiten der russischen Literatur- und Kultur- geschichte. Wir treffen ihn wieder in einer Beihe von Gestalten, die seine Weiterentwickelung im Laufe des 19. Jahrhunderts darstellen, in Werken der russischen Romanschriftsteller an. Onjegin ist ganz und gar aus dem Leben gegriffen. Mit seiner gewöhn- lichen intuitiven Gewalt versteht es Puschkin, ihn uns zu enthüllen mit all seinen Mängeln und Vorzügen. Und neben ihm malt der Dichter die melancholisch-liebliche Gestalt eines Mädchens, das ihn liebt, ohne Gegen- liebe zu erfahren. Tatiana gehört zu den unvergesslichen poetischen Ge- stalten der russischen Literatur. Puschkin wusste seinem Leser das innere Leben dieses schwärmerischen Provinzialmädchens so liebevoll, so warm zu malen, dass sie jedem wie eine Bekannte vorkommt, trotz der höchst unmodernen Lebensverhältnisse, die sie umgeben. Wir lieben sie mit ihrem Glauben und Aberglauben, ihrem anschaulich-untätigen Leben, ihren Träumen, ihrer Schwärmerei, ihren französischen Büchern und ihrer einzigen unglücklichen Liebe. Abt>r auch die ganze Umgebung, in der sich diese liebliche Gestalt bewegt, ist im Romane meisterhaft dargestellt: es ist das Leben der russischen Gutsherren mittleren Standes, ein Leben von nicht allzuhoch entwickelter Kultur und alten patriarchalischen Sitten. Der Form nach erinnert Eugen Onjegin an Byrons „Don Juan". Wie bei Byron ist die lebendige Entfaltung des Romanes durch Bemerkungen, Gedanken, Eindrücken des Autors unterbrochen. Diese Ähnlichkeit ist aber rein formeller Natur. Lihaltlich ist Puschkin in diesem Werk durchaus selbständig. Der Byronismus berührte eher seine Poemen aus der Jugend- zeit: „Die Zigeuner", „Der Brunnen von Bachtschliuiraj", „Der Gefangene im Kaukasus" und ist für die Gesamtheit seines Schaffens von keiner Bedeutung gewesen. Die etwas später als die genannten kleinen 124 RoBsland. Poemen geschriebene „Pöltawa" weist 1)ereit8 keine Spur von byronisti- .sehen Zügen mehr auf. Das Thema ist einem geschiehtlichen Ereignis aus •der Vergangenheit Busslands entlehnt. Der Name des Werkes rührt von der Stadt Poltawa her, an der Peter der Grosse im Jahre 1700 die Schweden geschlagen hattü. Die Schicksale Russlands sind hier mit einem tragischen Boman verwickelt — dem Boman des aufstftndischen Hettmanns von Kleinrussland, Mazepa, und der Tochter eines dem Zaren treu gebliebenen kleinrussischen Edelmanns, Maria. Aus Liebe zum alten Hettmann verlfiast JMaria das elterliche Haus. Von Wut ergriffen, entdeckt ihr Vater dem ^ren die verräterischen Pläne des Hettmanns. Der Zar hat aber ein blindes Vertrauen in die Treue von Mazepa und liefert diesem Marias Vater aus. Erst am Morgen der Hinrichtung erfährt Maria von ihrer Mutter das schreck- liche Schicksal des Vaters. Sie macht noch den Versuch, ihn durch ihre Fürsprache zu retten, kommt aber zu spät auf den Bichtplatz. Sie wird oeti6che8 Genie eingeflöest hatte. Aber seine prosaische Sprache ist musterhaft, auch lassen sich unter seinen prosaischen Werken richtige^ Perlen aufweisen. Zu Puschkins besten prosaischen Werken gehört „Die Piquesdame''. In diesem Werk stellt der Poet mit der ihm eigenen dichte- rischen Kühnheit die Evolution der krankhaften Leidenschaft des Karten- spieb dar. Den von ihr besessenen Helden der Geschichte führt sie zur Psychose. Diese grossartige knappe Erzählung g^b dem Komponisten. Tsohaikowski. das Thema zu seiner gleichnamigen Oper.^) Es wäre unmöglich, hier eine erschöi^ende Darstellung aller grossen. Werke Puschkins zu geben. Das war aber auch nicht unsere Aufgabe. Wir haben ihm in diesem Sammelwerk einen besonderen Artikel gewidmet, weil gerade er im Auslande von allen Grossen der russischen Literatur am wenigsten bekannt ist und dabei doch eine so überragende Bedeutung int Entwicklungsgange dieser Literatur gehabt hat. Um die Bedeutung von Puschkin voll zu würdigen, müsste man einen Bliok auf die russische Literatur vor ihm und nach ihm werfen. Puschkin hatte nicht unbedeutende Zeitgenossen, seine Vorgänger hatten schon in gewissen Richtungen ganz Bedeutendes für die Entwicklung der russischen Literatur geleistet, und doch lässt sich die Epoche der russischen Literatur vor Puschkin mit derjenigen, die auf ihn folgte, gar nicht vergleicheo . Der Reichtum poetischer Formen, die Fülle schöpferischer Gedanken — daa alles hatte er allein und kein anderer in die Literatur seiner Hdmat ge- bracht. Werke .seiner Zeitgenossen verblassen und verschwänden neben seinem grossartigen Schaffen und die Schritte seiner Vorgänger erscheinen unbedeutend und zaghaft. Die Bedeutung, die er für seine unmittelbaren Nachfolger gehabt hat, liegt klar zutage: am deutlichsten lässt* sich sein Einfluss bei Lermontow nachweisen, auch der so originelle Gogol bleibt bis ans Lebensende sein treuer Verehrer. Puschkin ist der angebetete Abgott der herao wachsenden grossen Romanschriftsteller Dostoje^i'ski und Turgenjew. Roman und Dichtung, Poesie und Prosa waren von ihm auf eine ungeahnte Höhe gebracht, die literarische Sprache w ie neu geschaffen. Er gab der russischen Literatur einen neuen Boden, indem er sie dem Volks- tümlichen näherte. Die tiefe innere Wahrheit seiner Kunst w^urde zum Ausgangspunkt der realistischen Richtung in der russischen Literatur. Puschkins früher gewaltsamer Tod wurde von allen denkenden Men- schen Runslands als ein grosses nationales Unglück aufgefasst. Er fiel im Alter von 37 Jahren in einem Duell, das durch die Koketterie seiner Frau verursacht war. Ganz Russland beweinte seinen Poeten. Lermontowa ') Eb iBt erstaunlioh, wie sehr das MusikaÜBohe im Sohaffen Pusohkins die russischeB Komponisten begeisterte. Eine Unzahl seiner Gediohte ist zu Romanzen geworden, sein» grossen Werke wurden fast aUe zu Opern verarbeitet. 126 Rastland. Gedieht „Zum Tode Puschkins'' gibt am besten Ausdruck dem brennenden Schmerz, welcher in diesen Tagqn das ganze gebildete Russland durch- wühlte. Ohne Puschkin wäre die gesamte Entwicklung der russischen Literatur ebenso undenkbar wie die der italienischen Malerei ohne Giotto. Denn es ist Puschkin gewesen, der ihr die Tore in& Freie, ins Weite des allgemein- menschlichen und zugleich nationalen Schaffens weit öffnete. Alle Grossen, die nach ihm kamen, folgten seiner Spur. 1880 schrieb Dostojewski folgende Worte über Puschkin: „Puschkin steht bis jetzt der Tiefe und Weite seines russischen Genies nach wie eine Sonne über unserer gesamten Weltanschauung. Er ist ein groeser, noch nicht verstandener Prophet . . . Puschkins Grösse liegt darin, dass er so rasch den sicheren Weg fand für den grossen ersehnten Exodos und auf diesen Weg hinwies. Dieser Ezodos war im Volkstümlichen gegeben . . Ein Busse, der Puschkin nicht ver* steht, hat kein Recht, sich Russe zu nennen.''^) Yera Erismann-Stepanowa. ^) Dostojewski: „Puschkin, Lermontow und Nekrassow". Das russische Volksepos. Das historische Schicksal des russischen Volkes war zunächst Jahr- hunderte lang vor den Toren Europas Wache zu halten und Europa vor dem Eindringen östlicher halbwilder Völkerschaften zu schützen; dann folgten die Jahrhunderte der Tatarenherrachaft, die drückende Last des zarischen Selbstherrschertums und der Despotie, — diese und viele andere Tatsachen erklären den verhältnismässigen Bückstand der russischen Kultur gegenüber den fortgeschritteneren westeuropäischen Völkern. Es gibt aber ein Gebiet der grössten kulturellen Errungenschaften, auf dem das russische Volk einen ehrenvollen imd bei weitem nicht den letzten Platz einnimmt : es ist das Gebiet der Kunst, besonders das der Kunst des Wortes. Die russische Literatur, welche Namen wie Tolstoi, Dostojewski, Turgenjeff und andere aufweist, hat sich die Sympathien und die An- erkennung der gesamten lesenden und denkenden Menschheit erkämpft. Man fragt sich unwillkürlich, wie es zu erklären ist, dass ein in vielen Beziehungen rückständiges, wenn auch grosses Volk, solche Schriftsteller von Weltbedeutung wie Tolstoi oder Dostojewski hervorbringen konnte. Da wird wohl niemand bestreiten, dass eine dieser Ursachen in der un- zweifelhaften künstlerischen Begabung und Empfänglichkert des russischen Volkes zu suchen ist. Dies bestätigen in anschaulicher und überzeugender Weise die münd- lichen Überlieferungen der russischen Volkspoesie; sie ist nach ihrem Umfang und Inhalt sowie nach ihren Kunstformen überaus reich und mannigbltig. Wir wellen hier bei einer der wichtigsten und wertvollsten dieser Arten, nämlich dem russischen Volksepos, den „Bylinen", verweilen. Das russische Volksepos hat sich, wie jedes andere Nationalepos, auf dem Wege der mündlichen Überlieferung, gebildet und erhalten. Es gelangte zu uns in solchen Kunst formen, die von der Wissenschaft „By- linen", vom Volksmunde „Starinen" (alte Sagen) genannt werden. Sie stellen sowohl ihrem Inhalte als dem Orte und der Zeit ihrer Entstehung und der Autorschaft der einzelnen Gesänge nach ein sehr kompliziertes Ganzes dar. Wir wollen hier in allgemeinen Zügen und soweit es auf Grund der wissenschaftlich erforschten Tatsachen möglich ist, die Frage beantworten, was eigentlich die Bylinen ihrer Form nach sind, wo und wie sie sich er- halten haben, wer wohl ihr Schöpfer sein mochte, wo und wann sie ent- 128 Rassland. standen sind, und endlich, worüber sie berichten. Um das letztere fest- zustellen, werden wir auch den Inhalt der grundlegenden Bylinen kurz darlegen und die wichtigsten Helden charakterisieren. Es versteht sich von selbst, dass es sich hier nur um einen samma- rischen Überblick handeln kann. Es ist jedoch hervorzuheben, dass viele Erscheinungen der russischen Literatur, noch viel mehr der russischeD Wissenschaft, die oft von grossem Interesse für den Westeuropäer sein könnten, dem nichtrussischen Leser und selbst dem Gelehrten volbt&ndig unbekannt bleiben. Nicht selten muss der russische Gelehrte mit Verdrnss, manchmal mit Erstaunen erfahren, dass der europäische Westen recht oft keine Kenntnis von wissenschaftlichen Leistungen seines östlichen Nachbarn auf diesem oder jenem Wissensgebiete besitzt. Daher könnte selbst eine kurze Darstellung als Anregung wirken und auf ein interessantes literarisches und wissenschaftliches Material, welches das wenig bekannte Bussland besitzt, aufmerksam machen.^) Es ist verhältnismässig noch nicht lange her, dass die russische» Bylinen die ihnen gebührende Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Im 1 8. Jahrhundert hat der Kosake Kirscha Danilow für einen reichen Herrn aus dem Uralgebiet, namens Demidow, eine Sammlung epischer Ge- sänge zusammengestellt. Die Gesänge waren ziemlich genau aufgezeichnet, der Sammlung waren sogar Melodien beigefügt. Im Anfang des XIX. Jahr- hunderts wurde sie zweimal herausgegeben und mit „wissenschaftlichen", literarischen und redaktionellen Bemerkungen versehen, die für jene Zeit sehr charakteristisch waren, für unsere Zeit jedoch gänzlich veraltet sind. Auch bei dieser Gelegenheit fanden die Volksgesänge keine richtige Be- wertung. Die damalige Literaturkritik mit ihrer Vorliebe für die pseudo- klassische Literatur und ihrer Pedanterie nahm diese Gesänge ziemlich kühl auf. Erst später, als sich in Bussland die von Westeuropa gebrachte romantische Bichtung in Literatur und Wissenschaft verbreitete, tauchte auch das Interesse für die alte Volkspoesie, für Bräuche, Glaubenseigen- tümlichkeiten und für die Mythologie auf; und erst damals begaim auch die russische mündliche Poesie, insbesondere das russische Volksepos, die Auf- merksamkeit der gebildeten Kreise der russischen Gesellschaft in steigen- dem Masse auf sich zu lenken. In den dreissiger Jahren des XIX. .Jahr- hunderts entstanden bereits bedeutende Sammlungen von Bylinen, aber der bedeutendste ByUnenschatz wurde erst zu Beginn der sechziger Jahre ^) Man denkt mit einem traurigen Gefühl an die Tatsache, dass viele prächtige Arbeiten des durch Erudition und Produktivität hervorragenden gelehrten russischen Folklor&teo und Literaturhistorikers, des verstorbenen Akademikers A. N. Wesselowski, bis jetzt ni^t übersetzt worden sind. Ausser den Arbeiten von Wesselowski könnten dem westeuropäischen Literaturhisto- riker die Schriften von F. J. Buslajew, W. F. Miller, J. N. Sohdanow, A. F. Poteboi und anderen reiches Material liefern. ^ 5.. Die Arbeiterbewegung in Russland (Kononow). 6. Die Kooperation (Kononow). 7. Die Staatsverfassung des altenBusslands und die Beichsduma (E. Ssiwkow). 8- Die Revolution vom Jahre 1917 (Fedorow). 9/Pädagogik und Schulwesen in Bu^S^sland (N. Ru- mjanzew). 10, Die russische Frau (N. Oettli-Kirpitschnikowa). 11. Die russische Gesellschaft (P. Stepanowa). Die Redaktion behält sich das Recht vor, Veränderungen in der hier angegebenen Reihenfolge der Aufsätze zu treffen. Das Werk ist ein Buch russischer Autoren, das für nichtnissische Leser verfasst wurde. Es sucht die Wege für ein Verstehen der Eigenschaften und Eigenai-ten von Volk zu Volk zu ebnen und geht dementsprechend nicht darauf aus, nur den gegenwärtigen Zustand Busslands zu schildern: es will vielmehr einen Einblick in die dem Fremden meist verborgenen Lebensprozesse des grossen Landes geben, wie sich diese in seinem Schaffen und seinen Schicksalen widerspiegeln. Weder die Herausgeber noch die einzelnen Autoren Hessen sich dabei von irgendeiner gemeinsamen sozialen oder poli- tischen Tendenz leiten: was sie leitete, war die Hocbschätzung der Eigenart der russischen Kultur imd der Wunsch, einzelne Seiten derselben möglichst objektiv und vorurteilsfrei dem Nichtrussen dar- zulegen. Das ganze Werk* wird zehn Lieferungen zum Preise von je 8. 50 umfassen, welche auch einzeln käuflich sind. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. ^ u-f i ■{ f f U&*m'' .*- Vorbemerkung. Du Sammelwerk „Russland'' ist ein Resultat der gemeiiisameii Arbeit einer Beihe rassischer Schriftsteller. Die Herausgeber des Werket haben sich bemüht, in demselben Aufsätze zu yereinigen, die mit wissenschaftlicher Objektivität die verschiedenen Seitevi des geistigen Lebens und Schaffens des russischen Volkes, dep politischen Bau, die sozialen Bewegungen und das gesellschaftliche Leben Russ- lands in ein möglichst klares Licht rücken. Im ersten Teile des Werkes, der dem geistigen Leben Russ- ands gewidmet ist, sind folgende Aufisätse enthalten: « 1. Die russische Kunst (V. Erismann). 2. Die russische Musik (I. Stepanow). d. Die russische Philosophie (A. Lossew). 4, Die Ideologie der orthodox-russischen Religion (A. Lossew). 5. Alexander Puschkin und der Anfang der modernen russischen Literatur (V. Erismann). 6. Die Bedeutung der russischen Literatur (J. Matihieu). 7, Die Geschichte der russischen Literatur (I. Rosanow). • 8. Die russische Volkspoesie. Das Märchen (J. Ssokolow). 9, Das Volksepos (B. Ssokolow). 10. Die moderne russische Literatur (I.'Rösanow). 11. Das Theater in Bussland (8. Glagol). Der zweite Teil des Buches behandelt den politischen Bau, die sozialen Bewegungen und das gesellschaftliche Leben Ruaslands und umfasst folgende AufrfttM: 1. Die yier Perioden der russischen Geschichte (L Stepanow). 2. Staat und Kirche in Russland und religiöse Be- wegungen auf russischem Boden (S. Melgunow). 3. Der russische Bauer (L Bjelokonski). 4. Das Semstwö (L Bjelokonski). '' i Das rnflsische Yolkflepos. 129 von P. N. Rybnikow entdeckt und von A. F. Hilferding, der zehn Jahre Später die gleichen Gegenden bereiste. Beide begaben sich nach dem Grouvemement Olonezk, das w^en der dort von diesen Forschem entdeckten reichen Quellen der epischen Poesie den Beinamen „des Islandes des russischen Epos" bekommen hat. Ab und zu wurden auch in anderen Gegenden Russlands Bylinen aufgezeichnet. Im Anfang dieses Jahr- hunderts haben junge Epigraphen eine reiche Ernte von Bylinen-Texten gesammelt, diesmal im weiten Norden, im Grouvemement Archangelsk.^) Inzwischen entwickelte sich in Bussland das Studium handschrift- licher Altertumsdenkmäler, und auf diese Weise wurden in Handschriften des 17. und 18. Jahrhunderts, deren Sammler selbstverständlich keine wissenschaftlichen Zwecke verfolgt hatten, allerdings nicht besonders zahlr reiche Bylinen-Texte entdeckt. Dieses ganze Material erleichtert jetzt bedeutend die wissenschaftliche Ausbeutung des nationalen Reichtums des russischen Volksepos: man besitzt nun aie Möglichkeit, die Texte allseitig zu kritisieren, und einzelne Varianten zu vergleichen, was von grosser Bedeutung für die wissenschaftliche Bearbeitung der Materialien des Folklors ist. Wir besitzen gegenwärtig mehrere hunderte von Bylinentexten, welche wissenschaftlich aufgezeichnet worden sind und über vierzig Grundmotive enthalten. Der Umfang dieser Lieder beträgt im Durchschnitt drei- bis vierhundert ziemlich lange Verse; manchmsj erreichen sie in der Wiedergabe einzelner Sänger (gewöhnlich Erzähler, wörtlich Sager-, „Skasiteli'' genannt) über 1600 Verse; in Ortschaften, wo sich die Tradition des epischen Gesanges im Absterben befindet und die Gesänge allmählich zu kleinen liedem werden, sinkt diese Zahl bis auf 20 — ^30 halbzersetzte Verse herab. Ein so grosser Unterschied im Umfange desselben Gresanges lässt sich aus der Technik der Wiedergabe erklären. Heutzutage wird die Bylina gewöhnlich von einem Erzähler vorge- tragen, nur bei den Kosaken wird sie von Chören gesungen. Jedoch ist auch die Wiedergabe des einzelnen keine mechanische Gedächtnisleistung. Trotz dem erstaimenswerten Gredächtnis, welches russische Bylinen-Erzähler aufweisen, wäre eine rein-mechanische Wiedergabe der Gresänge unmöglich : das epische Lied würde unter solchen Umständen für die Zuhörer und den Erzähler keine so hinreissende Wirkung, kein so grosses Interesse haben können. Die Wiedergabe des epischen Gesanges ist zugleich ein lebendiges Schaffen. Es ist erstaunlich, wie sich darin die traditionelle, Jahrhunderte alte Überlieferung mit dem individuellen Schaffen verträgt, welches zu jeder lebendigen Kunst gehört. Diese merkwürdige Verbindung wird durch die ^) Siehe die umfangreiohen Bylinen-Sammlnngen von Qrigorjew, Markow und Ontsohukow. Crliasaii, EwtlaBd. 9 130 BaaslancL technischen Eigentümlichkeiten der Wiedergabe ermöglicht. An Orten, Vfo sich reiche epischeTraditionen erhalten haben, wird ein gewandter Erzähler alle poetischen Wendungen ausgezeichnet kennen, die im heimatlichen Epos üblich sind. Zu solchen gehören übliche Beinamen, Vergleiche, Anfangsverse usw. Er besitzt ausserdem einen gewissen Vorrat an „loci communes", die vom Epos sehr beliebt sind. Es sind stereotype Bild^. die der Sänger nach Belieben in passende Stellen der Erzählung einfügt; er kann sie aus dem einen Liede ins andere übertragen, manchmal lässt er sie auch der Kürze halber gänzlich weg. Die Individualität des Sängers, seine persönliche Stimmung, der allgemeine Charakter seiner Interessoi und Sympathien bedingen seine Auswahl: er wählt aus dem fertige Vorrat traditioneller B>edewendungen jene loci conmiunes, die seinem individuellen Geschmack entsprechen; er betont diese oder jene Eigen- schaften eines Helden, hebt verschiedene Einzelheiten des Inhaltes hervor. So wird ein religiös veranlagter Sänger mit Vorliebe die Kreuzzeicfaen und Verbeugungen seiner Helden erwähnen. Einer, der zum Spass geneigt ist, betont hiunoristische Seiten des Gesanges usw. Somit ist es begreiflich. dass dieselbe Bylina in der Wiedergabe verschiedener Erzähler verschiedene Gestalt gewinnt, sie kann auch im Munde desselben Erzählers zu ver- schiedenen Zeiten eine verschiedene Versezahl aufweisen und dabei auch manche inhaltliche, zum Teil recht bedeutende Veränderungen erfahren. Es versteht sich daher von selbst, wie hochinteressant verschiedene Vari- anten des gleichen Themas sind und wie wertvoll sie beim Studium der Bylina für die Wiederherstellung ihres ursprünglichen Inhaltes und der allmählichen Veränderung desselben sein können. Wir wollen hier einige besonders oft vorkonmiende Stellen (loci com- munes) der Bylinen anführen; zu solchen gehört beispielsweise folgende Beschreibung des Satteins eines Bosses, die fast in jeder kriegerischen Bylina vorkommt: Und da sattelt er sein getreues Rosa, Legt zunächst für den Schweiss eine Decke auf, Eine schöne Decke von Seidenstoff, Eine zweite Decke darüber dann. Über diese erst seinen Sattel auch, Seinen neuen Sattel, den tschei kessischen. Zieht zwölf Sattelgurte fest zusammen er, Und den dreizehnten zur Gewissheit noch, Dass sein Koss im Feld nicht de Sattel lässt. Mit dem Sattel es auch den Held nicht wirft . . . Oder diese fast unvermeidlich in jeder Bylina vorkonmiende Be- schreibimg der Ankunft des Helden in den ,, weiten Hof" eines Fürsten oder Zaren usw. Und da bindet er fest sein getreues Ross Am geschnitzten Pfosten, am goldenen Ring, Das russische Yolksepos. 131 Er tritt ein ins Qemach aus weissem Stein, Und nach Vorschrift er sich bekreuzigt dort, Und den Gruss er gibt nach gelehrter Art, Neiget tief die Stirn und verbeuget sich Wohl nach allen, nach den vier Richtungen. (Und den Einen) grüsst er besonders noch. Zu den fertigen Motiven, die sich aus der einen Bylina in die andere übertragen lassen, gehört auch das poetische Anstimmen, die Anfangs- strophen der Bylinen; sie befolgen den Zweck, den Zuhörer in eine be- stimmte Gemütsverfassung zu versetzen. Sie bilden, nebenbei bemerkt, auch den deutlichsten Beweis für die Tatsache, dass das Singen der Bylinen in früheren Zeiten mit einer musikalischen Begleitung verbunden war, was übrigens auch andere Anzeichen bestätigen. So zum Beispiel: Von der weissen Birke — vom krausen Baum, Von dem Wunderkreuz des Lewanidas, Den Gebeinen des Bdris, des Heiligen, Von dem weissen Steine, dem Alatyr, Kam heraus, kam hervor, strömt ans Tageslicht, Strömt heraus, lief hervor Mutter -Wolga- Strom. Breit kam Wolga- Strom an Kasan voibei. Und noch breiter warc^^sie durch Bftche dann, Bei DoHni aus Sand setzt sie Bänke ab. Bildet Täler und Berg' bei Ssoi6tschino. Sie verfloss der Längen drei Tausende, Und ergoss sich die Wolga ins Schwarze Meer (sie). Trieb der Ärmel sie dorten die siebenzig. Bei der Neuen Stadt breit die Überfahrt. Alles das, ihr Brüder, ist die Mär noch nicht. Alles das, ihr Brüder, ist nur Vorgesang. Jetzt beginnt erst die Mar von Dobrynja, dem Held: In Kiew, der grossen, der Fürstenstadt usw. Oder noch das berühmte Anstinmien, welches der Einbildung unmittel- baren Schwimg gibt, imd dem Zuhörer ebenso weite poetische Horizonte offenbart, wie die unermesslich weiten Bäume, die darin erwähnt werden : O die Höhe, die Höhe im Himmelszelt, • O die Tiefe, die Tiefe, im Meeresgrund, O die Weite, die Weit' auf dem Erdenrund, — Tief die Strudel im Wasser des Dnjepr- Strom. Nach solchen oder ähnlichen Anfangsversen folgt gewöhnlich bei kriege- rischen Bylinen aus dem Heldenzyklus, welche sich um Kiew in der Um- gebung vom Grossfürsten Wladimir abspielen, eine stereotype Beschreibung des fürstlichen Mahles, das den Helden gewöhnlich Anlass zu Prahlereien gibt : In dem Füistensitz in Kiew war's, Bei dem Fürsten Wladimir, dem freundlichen. Als ein eh lieh Mahl da gehalten war, Und zum Mahle waren geladen all. All die Fürsten und auch die Bojaren all. All die Helden, die tapferen, mächtigen. Und die Heldinnen alle, die wackeren. 132 Ru88lan linen von kriegerischen Heldentaten, von Streitigkeiten und Kämpfen mit Feinden, die Bussland überfallen. Die Helden gruppieren sich ami d^i Fürstenhof. Sie ziehen mit ihren tapferen Leibwachen in den Kampf, sie wandern durch Steppen, sammeln Itibute ein. Alle diese Züge ^reisen das Gepröge der grauen Vergangenheit auf, der ihnen eigene Geist ist vom Geiste des Skomorochetums und des Bauerntums gänzlich verschieden; der Zuhörer fühlt sich beim Anhören dieser Begebenheiten unwillkürlich in die ersten Jahrhunderte russischer Geschichte übertragen, — in die Kultur des fürstlichen und kriegerischen Lebens. Die Beschreibungen der grossen Kriegstaten erinnern an die altrussische Poesie fürstlicher Kxi^er- scharen, von der wir ein unzweifelhaftes glänzendes Denkmal besitzen, die Perle der altrussischen Poesie — das berühmte „Wort vom Feldzuge Igors"' (12. Jahrhundert). Dank diesem Denkmal lernen wir einen glänzen- den Vertreter der Sänger und Poeten aus dem Ejreise der fürstlichen Ejriegerscharen kennen. Der Autor des „Wortes vom Feldzuge Igors" erwähnt mehrmals „die Nachtigall alter Zeiten", den weisen Bajan, der die Fürsten in seinen Liedern ehrt: „Wollte der weise Bajan jemand zum Ruhme ein Lied singen, so flössen seine Gedanken über Bäume dahin, als grauer Wolf lief er über die Erde, als Adler schwebte er zu den Wolken empor. Er gedachte des Zwistes frühester Zeiten. Da liess er zehn Falken eine Herde Schwäne verfolgen. Der Schwan, der zuerst ereilt wurde, sang zuerst sein Lied . . . Nicht zehn Falken waren es, die der Bajan eine Herde Schwäne verfolgen liess, seine Wahrsagerfinger legte er auf die lebendigen Saiten, und diese ertönten selbst von der Fürsten Ruhm.'" Die Schöpfer altrussischer epischer Gesänge, die von kriegmschen Taten und Heldentaten erzählen, mögen solche Sänger gewesen sein wie dieser Bajan. Dafür spricht auch die künstlerische Ähnlichkeit, die von den Gelehrten zwischen dem „Worte von Igors Feldzug" und den Bylinen konstatiert wurde. Ausserdem stellte die Wissenschaft fest, dass viele Bylinenmotive in naher Beziehimg zu Erzählungen alter Chroniken stdien. Höchst wahrscheinlich haben sie die Chronisten aus der mündlichen Poesie fürstlicher Kriegerscharen entlehnt. Das „Singen des Ruhmes'S das im „Worte von Igors Feldzug" und in den Chroniken erwähnt ist, findet sich auch in Bylinen. Viele Bylinen enden mit folgendem Rühmen ihrer Helden : Und da singt man ihm (einem so und bo) den Ruhm, Und man singt ihm den Kuhm auf ewige Zeit. Endlich hatte sich beim Aufbau der russischen epischen Gesänge noch ein Element der bunten altrussischen Gesellschaft mitbeteiligt. Es waren Leute, die mit der Kirche imd der geistlichen Bildung in Berührung standen. Dfts nuBUolie YolksepoB. 137 Die altnissische gebildete GesellBchaft bestand zum grössten Teil aus Mensohen, die sich in irgendeinem Verhältnis zur Kirche befanden: es waren vorwiegend Mönche und Geistliche, femer zahlreiche Pilger, Wanderer nach heiligen Orten, welche sich „wandernde Kaliken"^) nannten. Die Bildung, die im alten Russland existierte, war fast ausschliesslich kirch- lich. Altrussland besass nur eine sehr geringe Anzahl von Werken der welt- lichen Literatur. Die moderne Wissenschaft entdeckt immer mehr religiös- schriftliche Quellen der Bylinen. Spuren religiöser Herkunft haben sich zwar oft im Laufe der Jahrhunderte stark verwischt, da die Bylinen nur in mündlicher Überlieferung existierten; jedoch findet man auch jetzt noch viele unzweifelhafte Beispiele von Bylinen dieser Herkimft. Bylinen weisen Spuren von alttestamentlichen und neutestamentlichen Apokryphen auf, von Lebensbeschreibungen russischer und byzantinischer Heiligen und von moralisierenden Erzählungen aus dem Leben der Heiligen. Es gibt ganze Bylinen, die sich auf dibse Quellen zurückführen lassen, zu solchen gehört die Bylina vom Raube der Frau Salomos durch den Zaren Wassilij Okulowitsch, die in den grossen Kreis östlicher und westlicher Sagen des Salomonischen Zyklus gehört. Ebenso die Bylina von Samson- Swjatogor. Der Bylinenheld und Schlangenüberwinder Michailo Potok ist aus der Lebensgeschichte des bulgarischen Heiligen Michael von Potuki abzuleiten, der einen Drachen am See erschlagen hatte. Hagiographifsche Quellen hat auch die Bylina von der Heilimg des Helden Bja Murometz, der 33 Jahre lang gelähmt daliegen musste. Diese und viele andere Tatsachen zeigen, dass bei der Schöpfung der Bylinen Leute mitgewirkt haben müssen, welche das reiche Material religiöser Legenden beherrschten. Zu solchen gehörten gerade die Pilger, die wandernden Kaliken. Wir brauchen den Boden der Bylinen nicht zu verlassen, um ims einen Begriff von den Kaliken zu bilden. Manche Bylinen enthalten deren Charakteristik, wie dieses ja auch bei Skomorochen der FaU war. Die populäre Bylina „von den vierzig Kaliken'' zeichnet mit grosser Anschaulichkeit das Leben der Kaliken, ihr Äusseres, ihre Tracht, ihre Gesetze und Sitten. Die KaUken versammeln sich in einem Kloster und ziehen dann nach Jerusalem. „Sie stellen sich in einen Kreis" und erwählen zum Häuptling Kassian Michailowitsch. Sie haben eine weite Reise zu machen: Und wir ziehen, Brüder, einen weiten Weg, Einen weiten Weg nach Jerusalem, In der heiligen Stadt wollen beten wir, Christi Grab verehren und küssen wir, Wischen uns dann ab mit dem heiligen Tuch. Und wir ziehen jetzt über Dorf und Land, Über Stadt und Vorstadt einen weiten Weg. >) Vom lat. Wort ,,oaUgae''. ( X38 Russland. Beim Aufbrechen binden sich die Kaliken gegenseitig durch ein grosses Gelübde für dessen Nichterfüllung der Schuldige vor das strenge Kaliken- geriebt kommen (die Kaliken haben ihr eigenes Gericht!) und grausam bestraft werden soll. Wer Diebstahl oder ^trug verübt, oder sich an einer Frau vergreift, den führen die anderen „ins weite Feld" und vergraben ihn bis zur Brust in die Erde. Man schneide ihm die Zunge ab, nehme Augen und Herz heraus. Auf dem Wege nach Jerusalem konmien die Kaliken nach Kiei^. sie gehen nach dem Fürstenhof um Almosen bitten. Sie „bitten" aber dabei gar laut: . Von den Türmen fielen die Spitzen ab. An den Dächern stürzten die Firsten ein. In den Kellern wankten die Fässer all. Fürst Wladimir ist abwesend, die Fürstin Apraxia ist allein zu Hause. Sie empfängt die KaUken, gibt ihnen zu essen und zu trinken und bereitet ihnen Schlafstätten. Die Fürstin verliebt sich in den Häuptling Kassian Michailowitsdi. Und wie konnte sie auch anders? Und der junge Elassian, MichaUs Sohn, Setzte sich zum Tisch auf den Ehrenplatz, Wie die helle Sonne am Himmel strahlt, So erstrahlt das Antlitz des jungen Kassian. Apraxia macht dem Pilger einen unzweideutigen Vorschlag. Er ver- gisst jedoch das Versprechen nicht, welches alle Kaliken gegeben hatten, und weist ihre Liebeswerbung ab. Darüber erzürnt, befiehlt die Fürstin. in Kassians Wandersack den silbernen Becher zu verber^n, aus dem der Fürst bei seiner Rückkehr gewöhnlich trinkt. Darauf zogen die Kaliken von dannei). Als der Fürst heimkehrte, war der Becher nicht zu finden, die Fürstin lenkt den Verdacht auf die Kaliken. Fürst Wladimir liess den Helden Aljöscha Popowitsch die Kaliken einholen, er sprach sie aber grob und ungeschickt an; von den Kaliken geschlagen, musste er mit Schmach umkehren. Mehr Erfolg hatte bei der gleichen Mission der höfliche, diplo- matisch handelnde Dobrynja. Die Kaliken konnten seiner liebenswürdigen, diplomatischen Bede nicht widerstehen. Sie durchsuchten selber alle Säcke und fanden den Becher zum allgemeinen Erstaunen im Sacke ihres Häuptlings. Dieser versuchte, sich zu rechtfertigen, trotzdem richteten ihn die Kaliken und verurteilten ihn zu der oben beschriebenen grausamen Strafe; sie Hessen ihn im Felde zurück und zogen weiter nach Jerusalem. Auf dem Bückwege finden sie ihn wieder. Sie nahen sich ihm, küssen ihm die Hand und küssen ihn dann auf den Mund. Plötzlich springt Kassian, wie ein Falke, aus der Erde heraus : die Engel, die Gott heruntergeschickt hatte, legten ihm die Seele in seine weisse Brust wieder hinein und setzten Das nusische Yolksepos. 139 ihm die Augen, die klaren, ins Antlitz. Die Kaliken erkannten das ihrem Häuptling zugefügte grosse Umrecht, fielen ihm zu Füssen und baten ihn um Verzeihung. Darauf zogen alle zusammen nach Eaew. Dort erfuhren sie, dass di& Fürstin Apraxia für ihre Verleumdimg von Gott bestraft worden ist : sie ist am ganzen Leibe gelahmt, und ein so übler Geruch geht von ihr aus, dass sich ihr niemand naht und Fürst Wladimir sich stets die Nase zuhalten muss. Beim Anblick ihrer Reue vergibt Kassian ihrem ., weiblichen Fleisch"', gibt ihr den Segen und befreit sie von der Krankheit. Wir gehen hier nicht auf die Einzelheiten bezüglich der Quellen dieser Bylina ein, — diese lassen sich mit mehr oder weniger Bestimmtheit in den Apogryphen, der Bibel und der hagiologischen Literatur nachweisen. Es sei an dieser Stelle nur auf den Charakter der Kaliken hingedeutet : es sind keine friedlichen Mönche, es sind Wanderer, die ausser der mora- lischen auch eine ganz beträchtliche physische Kraft besitzen. Ideale des Heldentums sind ihnen nicht fremd. Es verbinden sich in diesen Gestalten religiöse und weltliche Motive, die der mündlichen Poesie Russlands eigen waren. Daher konnten die Gesänge der Kaliken ins Repertoire weltlicher Sänger gelangen, ebenso leicht konnte auch das Gegenteil stattfinden. Ausser mehreren Bylinen müssen wir auch ein sehr umfangreiches Material — das rein religiöse Epos (die sogenannten „geistlichen Verse") dem Schaffen der wandernden ELaliken zuschreiben. AU die genannten sozialen Gruppen, die bei der Schaffung des mäch- tigen und erhabenen Baues der epischen Poesie Russlands mitgewirkt hatten, gaben ihm das Gepräge ihres Geschmackes, ihrer Stimmungen. Beim Übergang eines Gesanges ins Repertoire der verschiedenen Gruppen professioneller Sänger musste sich dieser sowohl dem Inhalte als der Form nach verändern. Nachdem die kriegerischen Leibwachen der Fürsten mit ihrer eigentümlichen Lebensweise verschwunden waren, Skomorochen- lieder auf dem Boden Russlands nicht mehr ertönten und die Kaliken — die Pilger alter Zeiten — zu wandernden Bettlern und Krüppeln ausarteten^ da sank das nationale Volksepos, für das sich früher alle Schichten des russischen Volkes interessierten und das allgemeine Unterstützung fand, • — zu den untersten Volksschichten den Bauern herab. Natürliche histo- rische Ursachen hatten zu einer kulturellen Spaltung zwischen oberen und unteren Eüassen geführt. Dank dem konservativen Chckrakter der Dorf- kultur, der mangeldnen Bildung des Volkes und seiner Entfernung von nivellierenden Kulturzentren hatte sich das Epos gerade bei den Bauern erhalten, und es lebt bei ihnen auch jetzt noch fort. Wie bereits bemerkt, wurden die meisten Bylinen und historischen Lieder im Norden Russlands in den Grouvemements Olonezk und Archangelsk von Gelehrten entdeckt und aufgeschrieben. Die Verhältnisse des Bauemiebens im menschen- leeren öden Norden waren für die Erhaltung epischer Traditionen höchst 140 RuBsland. günstig. Die nördliclien Dörfer sind auf hunderte von Werst von dec Städten entfernt; während vieler Monate hört im Winter auch dei Verkehr zwischen den einzelnen Dörfern völlig auf. Bei solchen Exi- stenzbedingungen treten neue Erscheinungen, welche die althergebradite Lebensweise verändern könnten, nur selten auf. Die gleichförmige, lang- wierige Arbeit des Fischfanges, des Hersteilens von Netzen, des Baum- fällens und Holzflössens ruft ein Bedürfnis nach Zerstreuung durch Ge- sänge und Märchenerzählen hervor. Keine andere Gegend bietet so gün- stige Bedingungen für die Erhaltung der lebendigen epischen Tradition. Noch ein Faktor muss hier berücksichtigt werden: die Sklaverei der Leib- eigenschaft hat im Norden Busslands nicht bestanden und alle EJthno- graphen sind der Meinung, dass diese Tatsache für das Weiterleben der Bylinen günstig war. Der bekannte Sammler der Bylinen im Gouveme- ment Olonegk — Hilferding — sagt : „Der russische Bauer aus dem Gebiete des Saoneschje^) fühlte sich frei, er hatte das Verständnis für die Ideale jener freien Ej'aft, welche in alten Rhapsodien besungen werden, nicht verloren. Was aber könnte ein Mensch, der unter dem Drucke des Sklaven- tums stand, im Typus eines epischen Helden finden, das ihm verwandt wäre?'' Die Bylinen haben sich vorwiegend im Norden erhalten, sie existieren aber auch in anderen Gegenden des grossen russischen Landes: in Sibirien, in Zentralrussland, an der Wolga. Einige Spuren haben sich in Weissrussland und Kleihrussland erhalten. Man kann jedoch, ausgehend vom Orte der Erhaltung der Bylinen, nicht auf den Ort ihrer Herkunft schliessen. Schon die erste Bekannt^ Schaft mit dem Inhalte der Bylinen führt zu dem Schluss, dass die Bylinen in alter Zeit gerade in den Zentren des alt-russischen Kulturlebens ent- standen sein müssen; noch deutlicher beweist es die historische Analyse der Bylinen :sie tragen Spuren von einer Fülle historischer Ereignisse, die zur Zeit ihrer Entstehung hohes Interesse besassen. Bis jetzt haben sich im Munde modemer Sänger der nördlichen Gegenden Züge und Einzel- heiten im Inhalte der Bylinen erhalten, die der Natur, den Sitten und der Weltauffassung des Nordens total fremd sind. Bussische epische Gesänge sind, wie wir gesehen haben, von verschiedenen sozialen Gruppen geschaffen worden, sie sind in verschiedenen Gegenden, und wie wir sehen werden, auch zu verschiedenen, oft durch Jahrhunderte getrennten Epochen ent- standen. Es ist ganz natürlich, dass sie sich im Laufe der Jahrhunderte vielfach verändern mussten. Vieles, was für neue Generationen nicht mehr verständlich war, wurde durch neue modernere Elemente ersetzt. Später^, aus verschiedenen Epochen stammende Schichten lagerten sich über die ursprüngliche Grundlage des alten Liedes. Viele Einzelheiten wurden v^- ^) Saoneeohje heisst der Teil vom Gouvernement Olonezk, der eine Art Halbinsel auf dem grossen Onjega-See bildet. (Red,) Das rosaiBche YolkaepoB. 141 wechselt, aus dem eiiien Gesang in den anderen übertragen, und in einen andern, von dem ursprünglichen verschiedenen Zusammenhang versetzt. Die russische Wissenschaft vom Bylinenepos zählt mit Stolz in ihren Reihen Namen bedeutender und begabter Gelehrter, wie A. W. Wesse- lowski, Th. Buslajew, O. Miller, W. Miller, M. Chalanski, J. Schdanow und viele andere. Sie konnte trotz der vielseitig gerichteten Untersuchungen noch nicht alle Fragen beantworten, die beim Studium des russischen Epos aufgeworfen werden. Doch ist es bereits festgesetUt, dass das russische Epos eine genetisch höchst komplizierte und bunte Erscheinung ist; zur Erklärung des Epos sind grosse Kenntnisse, eine Übung in der Analyse und eine grosse Geschmeidigkeit des Denkens nötig. Dafür bietet aber die Untersuchung des russischen Epos dem Ethnographen, dem Folklo- risten, dem Kultur- und Literaturhistoriker, dem Psychologen und dem Sprachforscher ein reiches Material. Die Mittelstellung des russischen Epos zwischen Osten und Westen muss besonders die Aufmerksamkeit sowohl der Orientalisten als der Erforscher des westlichen Denkens und der west- lichen Kultur auf sich lenken. Was ist denn eigentlich das russische Epos? Einer der bedeutendsten Erforscher der russischen Bylinen, der kürzlich gestorbene Akademiker Wsewolod Fedorowitsch Miller, hat folgende anschauliche Defi- nition des Epos gegeben: „Ich stelle mir unser Bylinenepos in Gestalt einer grandiosen Ruine, eines umfassenden, Jahrhunderte alten Baues, vor, der von geheimnisvollen Gängen und Übergängen durchquert ist, von An- und Überbauten aus verschiedenen Zeiten umgeben. Einst be- wohnten diese Gebäude die Fürsten, bauten daran Gemächer und Dach- stuben, statteten es mit byzantinischen Mosaiken und orientalischen Teppichen aus. Seinerzeit plünderten es die Polowzer^) und Tataren; später wohnten darin Moskauer Bojaren, übernachteten Kosaken, endlich richtete sich in den noch bewohnbaren Ecken desselben der anspruchslose Bauer von Olonezk ein." Wir woUen hier, wenn auch nur flüchtig, versuchen, die verschiedenen Stockwerke dieses wunderbaren und mysteriösen Baues zu durchwandern, und in die verschiedenen Winkel desselben einen Blick zu werfen. Wir be- ginnen bei den untersten, ältesten Schichten. In Bylinen, welche sich vorwiegend in Nordrussland erhalten haben, fällt schon bei der ersten Bekanntschaft der Mangel an Übereinstimmung zwischen der geographischen Umgebung, in die sie die Handlung versetzen, und der lokalen Umgebung des Nordens auf. Viele Bylinen besingen die freie Weite der Felder, auf denen ihre Helden tagelang herumreiten, ohne einem Tier, einem Vogel, einem Reiter oder Fussgänger zu begegnen. Diese ^) Ein Nomadenvolk, nut dem Ruasland im XI. und XII. Jahrhundert beständig kfimpfen muste, um sich gegen dessen Invasion su verteidigen. ( ^^) 142 RasRland. Bylinen sind vom Hauch der endlosen südlichen Steppen umweht. Und die Gelehrten haben tatsächlich festgestellt, dass Südrussland die Wiege des russischen Epos gewesen ist. Hier sind die ältesten Bylinen entstandeiL „Der Kampf mit der Steppe", mit den zaUreichen Nomadenvölkem — den Petschenegen, den Polowtzem. den Tataren — hatte vermutlich dem alten Epos seine Färbung gegeben, deutliche Spuren davon sind auch in modernen Bylinen erhalten. Der Fürstensitz Kiew war das HauptzentruiD des russischen Lebens in der ältesten Periode seiner Geschichte. Kiew ist in unserem Epos jenes Zentrum, wo sich viele Helden versammeln. An der Spitze dieser vielgelobten Stadt steht der freundliche Fürst Wladimir — „die schöne Sonne'' genannt; für seine Helden und Bojaren für alle Bürger von Kiew bereitet er fröhliche Festmahle. Hier prahlen die Helden mit ihren Taten, hier gibt ihnen der Fürst verschiedene Aufträge: ihm eine Braut zu finden, Tribute einzubringen, Kiew und den „heiligen russischen Boden" gegen gewalttätige Feinde zu verteidigen; hier entstehen Zwistig- keiten zwischen dem Fürsten und seinen Helden, hier erhalten die Helden von ihm auch reichen Lohn. Vielbevölkert ist Kiew, reich an Kathedral- kirchen und Häusern mit prächtigen Gemächern. Es fällt dies zeitlich in den Beginn jener Epoche, in welcher das fürstlich-kriegerische Wesen vor- herrschend war, und Kiew tatsächlich „die Mutter aller russischen Stadt« und das natürliche Hauptzentrum des russischen Lebens war." Der Kern russischer Bylinen hatte sich in der Blüteperiode des Fürstensitzes Kiew gebildet, d. h. schon vor der zweiten Hälfte des XTT. Jahrhunderts — der Zeit des Untergangs und der Verwüstung Kiews durch Nomadenvölker, deren Druck eine Verschiebung der russischen Bevölkerung zur Folge hatte. Unzweifelhaft stammt der epische Fürst Wladimir von Kiew von der histo- rischen Persönlichkeit ab, die so bedeutende Spuren im russischen Leben hinterlassen hatte, — vom Grossfürsten Wladimir Swjatosla witsch, welcher das Christentum in Bussland einführte. Zwar wurden später der Gestalt des Fürsten Wladimir der Bylinen Züge anderer Epochen beigefügt; seine Persönlichkeit und seine Handlungen enthalten zwar Züge russischer Herrscher späterer Zeiten bis auf die despotischen 2iaren des Moskauer Reiches, und doch konnte die epische Gestalt des Fürsten Wladimir — „schöne Sonne" — nur in Gesängen entstanden sein, die in Tagen des Für- sten von Kiew, Wladimir Swjatoslawitsch, gedichtet wurden. Unsere Bylinen stammen jedoch selbst nicht aus dieser altehrwürdigen Epoche. Die Gelehrten vermuten Spuren noch älterer Zeiten. Es kann sein, dass der epische Fürst Wolga Swjatoslawitsch der „weise Seher Oleg"^) sei. Die Bylinen nennen wenigstens Wolgi den Zauberer, bei dessen Geburt die Erde erbebte, das Meer aufbrauste, die Fische sich in Meerestiefen ver- ^) Einer der ersten normannischen Fürsten, die in Russland regierten. (Red.) Das rassische Yolksepos. 143 bargen, die Vögel hoch in den Himmel flogen, die Uren und Hirsche hinter die Berge zogen, die Hasen und Marder sich im Dickichte verkrochen, die Wölfe und Bären sich im Tannenwald verbargen usw. Alles dies deutet hin auf die Geburt eines wundersamen Jägers, und ein solcher war nach dem Zeugnis des Chronisten der Weise Oleg. Aus der Zeit des Fürsten Wladimir Swjatoslawitsch haben sich in der epischen Sage nicht nur Erinnerungen an ihn selbst erhalten. Die epische Tradition hat uns durch Jahrhunderte den Namen und die Heldentaten seines Onkels von mütterlicher Seite — Dobrynja — überliefert. Wir finden in den spärlichen Berichten der Chroniken, die vom Leben des historischen Dobrynja erzählen, interessante Analogien zu zwei Bylinen- motiven, die vom Helden Dobrynja singen. Eine ByUna erzählt, wie Dobrynja in Gemeinschaft mit dem Helden Dunaj beim litauischen König um die Hand von dessen Tochter Apraxia für seinen Fürsten wirbt. Der König gibt sie nicht freiwillig, und die Helden müssen zur Gewalt greifen. Auf dem Rückwege treffen sie die zweite Tochter des litauschen Königs — Nastassja — eine mächtige Ejriegerin. Dobrynja (oder Dunaj ) überwindet sie im Zweikampf, und sie gibt ihre Einwilligung, ihn zu heiraten. Im Hause des Fürsten Wladimir angelangt, beginnt sie mit Dobrynja einen Streit, wer von beiden im Bogenschiessen gewandter sei. Schliesslich be- geben sich die Ehegatten ins Feld, und Nastassja erweist sich als die ge- wandtere. Von Zorn hingerissen, tötet sie Dobrynja, dann wirft er sich voller Reue auf sein Messer. Diese Bylina ist vor aUem dadurch inter- essant, dass sich neben ihr andere Varianten und Kommentare in russischen epischen Sagen von der Vermählung des Fürsten Wladimir nachweisen lassen. Sie schliesst sich, wie wir glauben, dem Zyklus germanischer Sagen von der Heirat Günthers (Gunnars) und der Kriegerin Brünhilde an; letztere entspricht (besonders in skandinavischen Varianten) der russischen Heldin Nastassja. Die Analyse der russischen Sagen von der Vermählung Wladimirs und anderer verwandten Sagen hat uns zum allgemeinen Schluss geführt, dass die russischen Sagen ein ganz neues Material für die Geschichte des epischen Zyklus der Nibelungen ergeben — ein Material, welches bisher von westlichen Grelehrten unbenutzt geblieben ist. Diese Byhna inter- essiert uns andererseits wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Überlieferung der Chroniken; diese erzählen von der Vermählung des historischen Fürsten Wkdimir und der stolzen Fürstin von Polozk, Rogneda, wobei Wladimits Onkel Dobrynia bei der Werbimg mitgeholfen hatte. Bogneda weigerte sich, den Sohn einer Sklavin zu heiraten (die Mutter Wladimirs war Sklavin tmd diente als Haushälterin bei der Grossfürstin Olga, der Mutter seines Vaters Swjatoslaw), aus den gleichen Gründen weisen in der Bylina der litausche König und seine Tochter die Werbung Wladimirs ab. Bognedas christlicher Name war Nastassja, ebenso heisst in der Bylina die Schwester 144 Rassland. der Braut. In der Chronik sowie in der Bylina tritt des Fürsten Onkd. Dobrynia, als Brautwerber auf, und zwingt die Fürstin zur Heirat. Ent- wicklungsbedingungen des epischen Gesanges brachten es im Laufe der Zeit mit sich, dass aus der Gestalt der fürstlichen Braut zwei verschiedene Gestalten hervor wuchsen: die Braut des Fürsten und diejenige des Braut- werbers. In der gegenwärtigen Form der zweiten Bylina von den Taten Dobry- nias ist die ursprüngliche alte Sage noch mehr verwischt . Doch auch hier lässt sie sich durch eine dicke Schicht späterer phantastischer Verände- rungen und Entstellungen durchschauen. In dieser Bylina kämpft Dobrynja mit einer schrecklichen Schlange, die ihn beim Baden im Flusse Putachaj überfällt. Mit seiner drei Pud^) wiegenden „Kappe aus dem Lande der Griechen'' schlägt Dobrynja ihre zwölf Rüssel ab, die Schlange fleht ihn um Gnade und verspricht, nicht mehr nach Bussland zu fliegen. Sie hält jedoch ihr Versprechen nicht lange, und raubt die Nichte des Fürsten Wladimir — Sabawa Putjatitschna. Nachdem Dobrynja von seiner Mutter den Segen erhalten hat, zieht er nach dem Ssorotschiner Berg, begegnet hier der Schlange, zertritt alle ihre Kinder, tötet sie und befreit Sabawa. Diese phantastische Legende enthält interessante historische Reminis- zenzen aus dem X. Jahrhundert — der Zeit der Einführung des Christen- tums in Bussland — , wie dies die scharfsinnigen Überlegungen vom Aka- demiker Wsewolod Miller erwiesen haben. Die Bylina enthält unzweifelhaft Eritmerungen an die Taufe der Bevölkerung von Nowgorod, welche der historische Dobrynja veranstaltete. „Dobrynja," berichtet eine Chronik, „taufte mit dem Schwert und Putjata mit Feuer." Das Baden Dobrynjas im Flusse Putschaj ist eine historische Beminiszenz an die Taufe der Be- völkerung Kiews im Flusse Potschajna. Der Name der Sabawa Putja- titschna ist eine Erinnerung an Dobrynjas Grenossen Putjata. Endlich ist die phantastische Gestalt der Schlange ein in der christlichen Kunst imd Legende beliebtes Symbol des Heidentums und die mysteriöse „Kappe aus dem Land der Griechen", durch welche die Schlange getötet wird, ein Attribut des aus Griechenland eingebrachten christlich-orthodoxen Glaubensbekenntnisses. Viele Kräfte musste Südrussland auf den Kampf gegen die heran- rückenden Nomadenvölker verwenden. Nach dem Zeugnis der Chroniken und des ,, Wortes vom Feldzuge Igors" war der ICampf gegen die Polowzer besonders heftig. Im Bylinenepos wurden diese einst so gefährlichen Feinde des kiewschen Busslands durch Tataren verdrängt, die viel später er- schienen waren und Bussland viel länger bedrückten. Und doch vermag eine aufmerksame wissenschaftliche Analyse der erhaltenen Bylinen in den ^) Der Päd ist ein russisches Qewichtsmass, gleich 40 russische Pfund, d.h. 16 EjIo. Bas ramiBcho Volksepos. ]45 sp&teien Variantenspuren der Periode des Kampfes gegen die Polowzer zu entdecken. Auf die Polowzer folgten die Tataren und seither wird in den epischen GesäJig^n jeder Feind mit dem allgemeinen Namen des „unflätigen, heid- nischen Tataren'' bezeichnet. Das Tatarentum hatte eine breite Spur im russischen Epos zurückgelassen. Wir besitzen in zahlreichen Bylinen vom Zaren Kaiin (eine Abstraktion aus der Benennung der Schlacht von ELalka 1224) den poetischen Widerhall dieses für das russische Volk so tragischen Ereignisses aus dem Anfang der Tatarenperiode der russischen Geschichte. Viele Bylinen beschreiben die Ankunft der Tatarenhorden in der Umgebung von Kiew. Diese werden entweder von Batyga (dem Chan Batyj aus dem 13. Jahrhundert) oder vom obenerwähnten Kaiin, oder auch von Mamaj (ein Chan aus dem 14. Jahrhundert, dem Anführer der Tataren bei der berühmten Kulikowschlaoht von 1380) geführt. Um sich sanunelt er vierzig Zaren Macht, Mit den Zaren vierzig Zarewiteoh^) noch. Und nüt Königen vierzig Prinzen gleich. Jeder Zar, der führt vierzig tausend Mann, Jeder Zahrensohn — vierzig Tausende, Und der Zar Kaiin führt sie ohne Zahl. Das Tatarenheer ist so gross, dass die russischen Helden, die ihm entgegenkommen, durch ihre „Femröhrchen'' kein Ende der tatarischen Kräfte zu erblicken vermögen. Unheimlich wirkt diese heidnische Tataren- horde, die sich dem „schönen Kiew" naht. Nicht das Wasser ist*8, das im Frühjahr steigt, Nicht des Meeres Wogen erheben sich, — Die verfluchte Macht, die tatarische, naht sich Kiew schon. Und da steigt der Dampf von den Rossen auf, Dass der Mond im Himmel davon finster wird. Eine begreifliche nationale Eitelkeit bewog die Schöpfer der 'Qes&nge aus tatarischer Epoche sowohl, als deren spätere Erz&hler, denselben im Gegensatz zur historischen Wirklichkeit einen für die Bussen meistens günstigen Ausgang zu geben. Daneben besitzen wir aber das Bylinenmotiv von dem Untergang russischer Helden, „Wie die Helden in Bussland ver- schwunden sind". Dieses existiert entweder in Form einer selbständigen Bylina oder es wird als Bestandteil in die Bylinen aus tatarischer Epoche eingefügt. Darin sind Stimmungen und innere Erlebnisse des russischen Volkes wiedergegeben, das im 13. Jahrhundert von den Schrecken und Zerstörungen der Tatareninvasion heimgesucht wurde. Vielen gab dieses Ereignis Anlass zum Nachdenken: man suchte nach einer Erklärung des ^) Zarewitsoh b ZarezLsohn. (Red,) Erlsm*nn, RawUad. jq 146 BoBBland. Unglückes. Das geistige Leben des alten Bnssland befand sich unte starkem Einfluss der Kirche, daher sahen auch die Bussen in der Tataren- invasion vor allem den wohlverdienten „Zorn Gottes", eine Strafe für die Sünden und die Überhebung des russischen Volkes. Dieses Motiv finden wir in der ebenerwähnten Bylina. Es muss ohne Zweifel hald nach der Schlacht von Kalka geschaffen worden sein, denn damals gingen nach dem Zeugnis der Chronisten russische Helden massenhaft zugrunde, unter andern auch der in Bylinen wohlbekannte Held von Bostow, Alexander (Aljöscha)i) Popowitsch. Diese Bylina sieht die Ursache des Unterganges der Helden in ihrer masslosen Prahlerei; besonders prahlte Aljöscha Popowitsch. Die Helden hatten die heidnische Tatarenmacht überwunden und begannen sich zu überheben: „Unsere mächtigen Arme haben sich nicht genug bewegt, unsere treuen Bosse sind nicht ermüdet, unsere Schwerter nicht abge- stumpft''. Nun sagte Aljöscha Popowitsch: Gebt uns eine Macht, die nicht irdisch ist, Jene auch sni besiegen vermögen wir. . . Da erschienen zwei Krieger und forderten die Helden zum Kampfe auf. „Achtet nicht, dass unser zwei sind und euer sieben." Die erzürnten Helden warfen sich auf die Krieger. Zunächst kam Aljöscha und hieb sie entzwei: da standen vor ihm vier Krieger, alle kampfbereit. Es kam Ilja und hieb auch diese entzwei — ihre Zahl verdoppelte sich wieder. Nun stürzten sich alle Helden in den Kampf, stachen und schlugen drauflos. „Und die Macht, die wächst und wächst nur immer an und bekämpft die Helden. So schlugen sich die Helden drei Tage, schlugen sich drei Stunden und drei Minuten, ihre mächtigen Arme erlahmten, ihre treuen Bosse er- müdeten, ihre Schwerter wurden stumpf. Und die Macht, die wächst und wächst nur immer an und bekämpft die Helden. Da erschraken die mäch- tigen Helden, sie flohen ins Steingebirge in dunkle Höhlen. Doch sobald ein Held den Berg erreichte, wurde er in einen Stein verwandelt, c s kam der zweite heran und wurde auch zu Stein, es kam der dritte imd erlitt das gleiche Schicksal. Seither sind die Helden im heiligen Bussland ver- schwunden." Das Bylinenepos erzählt in anderen Gesängen auch von späteren Kämpfen mit den Tataren, welche einen glücklicheren Ausgang für die Bussen hatten. Eine aufmerksame Analyse der Bylinen entdeckt in den- selben einen Widerklang der Ereignisse jener Zeiten, als sich die Tataren- herrschaft im Abnehmen befand und das russische Beich sich allmählich von dem fremden Joche befreite. Dieser Zyklus findet seinen Abschluss ^) AIjöeoha war in der altrusBisohen Sprache eine Abkürzung von Alexe j und Alesander zugleich. (^ut,) Dm nmiBche Yolksepos. X47 in farbenreichen Ges&ngen von der Besetzung der Beiohe von ELasan und Astrachan durch Iwan den Grausamen. Die Verteidigung Busslands im Kampfe gegen die Nomadenvölker bildet die 6rundlag0 des grössten Teils der heroischen russischen Bylinen. Auf dieser Grundlage haben sich Bylinen von der Feldwache der Helden, welche Bussland gegen die feindlichen Einfälle schützen, gebildet. An der Spitze dieser Feldwache steht der beliebteste russische Held — Bja Muro- metz. Die Helden überwachen sorgfältig die Gegend, lassen weder Beiter, noch Fussgänger, weder ein „herumtreibendes Tier", noch einen „fliegenden Vogel" durch. Bei dieser Gelegenheit ergibt sich eine reiche Möglichkeit zu allerlei Abenteuern, Zusammenstössen und Zw^eikämpfen. Hier traf beispielsweise Bja Murometz einen wackeren Burschen, dessen Boss, wie ein wildes Tier", er selber „wie ein Falke" war. Helden, die ihn vertreiben wollten, musöten eJie mit Schmach umkehren. Nun bestieg Bja Murometz sein Boss und begann den Kampf mit dem frechen Prahler. Es entbrannte Bjas Heldenherz, sein Heldenblut kochte auf, er schlug den Ssokolnik (so hiesB sein Gegner) in die schwarze Brust, er warf ihn in die Luft „höher als der stehende Wald unter die ziehenden Wolken" hinauf. Da sandte Ssokol- nik seinen Falken zu seiner Mutter, um von ihr Bat zu holen, wie er Bja überwinden könnte. „Sagt ich dir nicht, Kind," antwortete die Mutter^ „be&khl ich dir nicht : wo auch immer du Bja begegnest, sollst du dich tief vor ihm verbeugen, denn er ist dein leiblicher Vater." Bja vergibt seinem Sohn, doch als dieser ihn schlafend im weissleinenen 2ielte findet, versucht er ihn doch zu töten. Das Wunderkreuz, welches Bja auf dem Leibe trägt, rettet ihn, dann sammelt er seine Kräfte und reisst seinen ungehorsamen Sohn entzwei. Diese Bylina, die zum Thema vieler Forschungen wurde, beweist mit besonderer Klarheit die Bedeutung des russischen Folkloies für das Studium der poetischen Beziehungen zwischen Osten und Westen. Die russische Bylina nimmt im umfangreichen Zyklus westlicher und öst- licher Sagen „vom Kampfe des Vaters mit dem Sohn" eine besondere Stellung ein: sie bildet eine Brücke zwischen den östlichen und westlichen Varianten der gleichen Sage (zwischen den Heldensagen der Bustemiade tind den deutschen Sagen vom Kampfe Hildebrands mit Alebrand). Es sind nicht allein kriegerische Heldentaten, berühmte Zweikämpfe, Überwindungen der Feinde und Bäuber und die Verteidigung des russischen Bodens, die den Inhalt russischer Bylinen ausmachen. Die Bylinen malen nns auch ein reiches Bild des friedlichen städtischen Lebens, Abenteuer und Wunder, die ausserhalb der Sphäre des Krieges und der Schlachten liegen. Wir finden darin, wie in jedem anderen Epos, Gesänge, die von glücklichen und erfolglosen Werbungen und von Vermittlungen erzählen (wie die Bylinen von der Heirat des Fürsten Wladimir, vom Versuche Aljöschas, sich mit Dobrynjas Frau zu vermählen, von dem Baub der Frau 148 Russland. des Königs Salomo durch Wassili] Okulowitsch usw.). Bylinen singen von treulosen Frauen, die ihre M&nner mit deren Feinden betrügen. So verliebt sich beispielsweise Elatharina, die Frau des Bojaren Bermjata, in den schönen Tschurilo Plenkowitsch. Es war schwer, diesem Stutzer gegenüber gleichgültig zu bleiben. Die Bylina beschreibt folgendermassen die Schön- heit und den Putz desselben: In der grossen Stadt in Kiew wax*s. Wohnte dort Tschurilo Plenkowitsch einst. Da beginnt Tschurilo sich zu putzen 'mal, Quellenwasser giesst Tsohurüo in das Becken ein. Sein Qesichtchen, das weisse, sich wäscht er diin. Mit dem Leinen, dem weissen, wischt er es ab. Und er nimmt sich Stiefel von grünem Sa£icui Von türkischer Waie Von deutschem Schnitt. Vor dem Absatz flog ihm ein Sperling durch An der Spitze rollt ihm ein Ei vorbei.^) Darauf zog er an seinen blauen Rock Setzt' ein Käppchen auf das mit Pelz verziert . . . Silberrubel kostet's fünf Hunderte. Fast wahnsinnig wurde Katharina, als sie aus ihrem Frauengemach den schönen Jüngling erblickte. Sie rief ihn zu sich, begann mit ihm Schach zu spielen, es drehte sich ihr alles im Kopfe. Ach du junger Tschuriluschko Plenkowitsch Sohn, Wüsst' ich jetzt nicht mehr , ob ich spielen soll» Ob ich jetzt deine Schönheit bewundern soll. Deine Locken, die blonden, die welligen. Deine Ringe an Fingern, die goldenen. Wie ich jetzt deine Schönheit bewundern muss. Geht verloren mir Sinn und Verstcuid zugleich. Meine klaren Augen, die sehen trüb. Das Stelldichein nahm ein klägliches Ende. Bermjata (der Mann) kehrt heim und tötet Tschurilo. Katharina macht ihrem Leben selber ein Ende. Andere Bylinen besingen aber auch die Frauentreue. Zu solchen gehört der rührende Gesang von Wassilissa Mikulitschna, welche den Fürsten Wladimir nicht heiraten will, der ihren Mann zu töten befohlen hatte. Wassilissa nimmt sich das Leben am Grabe ihres Mannes. Man hat bis jetzt bei weitem noch nicht für alle Bylinen Ort und Zeit ihrer Entstehung festgestellt. Doch lassen sich, wie wir bereits gesehen haben, viele von ihnen aus verschiedenen lokalen historischen Ereignissen erklären. Ausser Kiew haben auch andere Zentren Südrusslands Anteil an der Bereicherung des Schatzes des russischen Nationalepos genommen. So erwähnen die Bylinen nicht selten „das schöne Galitsch''. Von hier ') Eine humoristiBohe Anspielung auf die Mode der SohnabelBohuhe mit sehr hohen Absätzen. (S^) Das nissiBohe Yolksepos. 149 stammen einige Helden. Der Name von Galitsch in Wolynien konnte nur zur Zeit des höchsten Ruhmes des Wolynischen Füri^entums im 12. und 13. Jahrhundert ins Epos aufgenommen werden. Höchst wahrscheinlich sind in dieser Zeit und in dieser Gegend Bylinen vom fremdländischen Helden Duck Stepano witsch entstanden. Duck konmit aus dem „schönen Gralitsch" zum Fürsten Wladimir nach Kiew; hier schaut er alles ohne Staunen mit sichtbarer Verachtung an. Er erzählt vom Reichtum seines Landes, welches hier „das reiche Indien" genannt wird. Die EJeidung, das Essen, die Ausstattung der Häuser, die Rosse in Kiew — alles das hält den Vergleich mit den Besitztümern von Duck nicht aus. Selbst der uns bereits bekannte Stutzer Tschurilo muss Duck den ersten Platz räumen. Und als sich Tschurilo darauf nach Indien begab, um Dücks Prahlereien einer Prüfung zu unterwerfen, so musste er zugeben, dass es unmöglich sei, Dücks Reichtümer einzuschätzen: würde man die Stadt Kiew verkaufen und für das erhaltene Geld Papier, Federn und Tinte kaufen, so würde dies Papier doch nicht ausreichen, um das Vermögen • Dücks zu beschreiben. Diese interessante Bylina erhielt in der späteren Zeit eine ganze Reihe von Zutaten aus anderen Epochen, unter anderem aus der prunkvollen Periode des zarisch-bojarischen Moskauer Reiches. Ihre Grundlage stammt aber von den in Griechenland und in Westeuropa bekannten Sagen vom indischen Reiche des Popen Johann. Selbst der Name Duck (von Jovxag) deutet auf kulturelle Bezfehungen des Galizischen Russlands des 12. und 13. Jahrhunderts zu Byzanz. Die Vernichtung der politischen Bedeutung des Südens, dessen Ver- wüstung und die Verschiebung der Bevölkerung gegen Norden hatten zur Folge eine entsprechende Verschiebung der Zentren der epischen Poesie. An Gesänge, die vom Süden herstammten und Züge des südlichen Lebens und der südlichen Natur für immer behielten, schlössen sich neue Lieder an, welche in den neuen Zentren des kulturpolitischen Lebens entstanden waren und neuen Ereignissen und Stimmungen der russischen Geschichte Ausdruck gaben. Das Russland von Rostow und Ssusdal, dessen Blüte Ende des 12. Jahr- hunderts beginnt und das während mehr als zwei Jahrhunderten ein neues Zentrum des politischen Lebens blieb, gab den Bylinen seine eigenen Helden. Wir kennen bereits Aljöscha (Alexander) Popowitsch, der sowohl in Bylinen als auch in Chroniken als Lokalheld von Rostow auftritt. Die Bylinen und Chroniken wissen zu berichten, wann sich Aljöscha entschlossen hatte, Rostow zu verlassen, um der „Mutter russischer Städte" zu dienen. Sie erzählen, wie wir sahen, auch vom Tode dieses Helden in der Schlacht von Ekalka. Von seiner Benennung Popowitsch (Popensohn) ausgehend, machte die Bylina diesen Helden zum Sohne des Popen der Kathedrale von Rostow — Lewontij, in welchem man mit Recht den geachteten Lokal- 1 50 RuBslaiKL heiligen von Bostow, den Bischof Leontij (Ende des 11. Jahrhunderts), 'einen Bekämpf er des Heidentums in Bostow, erblickt. Der Beiname Popowitsch war der epischen Laufbahn von Aljöedia nicht günstig. Die russische mündliche Poesie ist gegenüber der Geistlidi- keit ironisch gestimmt. In der Begel schreibt sie der Geistlichkeit wenig bescheidene Wünsche und Handlungen zu: ,, neidischen Blick und räube- rische Hände". Wie man mit Sicherheit feststellen konnte, wurde mit der Zeit aus dem einst hochgepriesenen Helden Aljöscha ein bornierter, leicht- sinniger Weiberheld. Das hatte zur Folge, dass eine ganze Fülle von Bylinen- motiven, die sich ursprünglich auf Aljöscha bezogen, allmählich auf den Lieblingshelden der Bylinen, „den alten Kosaken" Ilja Murometz, über- tragen wurde, der mit der Zeit in den Augen der Bylinensänger immer mehr an Bedeutung gewann. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die im Volks- munde sehr populäre Bylina von Ilja Murometz und dem „Unflätigen Götzen" sich ursprünglich auf Aljöscha bezog. Die von uns erst vor kurzer Zeit festgestellte Greschichte dieser Bylina lässt dem Zweifel hierüber keinen Baum. Das Studium dieser Bylina ergab dazu noch ein weiteres Beispiel § für die Tatsache, dass der ursprüngliche Sinn der Bylinen in der Jahr- hunderte dauernden mündlichen Überlieferung vertuscht und verändert wurde. Diese Bylina erzählt, wie der „unflätige Götze" im epischen Kiew ankam und sich dort ansiedelte. Davon erfährt der Held — in den meisten modernen Varianten Bja Murometz (ursprünglich aber, wie es aus dem Inhalte klar wird, Aljöscha Popowitsch) — von einem wandernden Kalika, namens Iwanischsche, der auf der Wanderung von 2«argrad Kiew besucht hatte. Der Held zieht das Gewand des Kalika an, nimmt dessen vierzig Pud wiegenden Wanderstab und begibt sich nach Kiew. Der Götze hatte in Kiew untersagt, um Almosen in Christi Namen zu bitten, und hatte statt dessen befohlen, in des Götzen Namen zu betteln. Er besuldete Kirchen, drohte sie alle „in Bauch aufsteigen zu lassen, Popen und Patriarchen unters Schwert zu beugen". Der Götze hat sich im fürstlichen Gemach niederge- setzt. Als Kalika verkleidet, begibt sich der Held direkt zu ihm. Das Äussere des Götzen ist entsetzlich : „Der Götze ist drei Klafter hoch, mehr wie ein Klafter breit, wie ein grosser Trog ist sein Kopf, seine Augen sind wie grosse Bierkrüge, die Nase über dem Maule ist eine Elle lang. Arme hat er wie Bechen, Beine wie lange Stöcke". Sein ganzer Körper erinnert an einen ungeheueren Heuschober. Noch erstaimlicher ist die Grefrässigkeit des Scheusals. Er verzehrt auf einmal einen Ochsen zu hundert Bubel, er setzt aufs Messer ein grosses Brot und verschluckt einen ganzen Schwan dazu. Ein volles Fass Bier trinkt er dazu aus. Bei diesem Anblick konnte sich der Held vor einem wenig schmeichelhaften Vergleich nicht enthalten : „Einmal hatte unser Pope Leontij von Bostow eine grosse gQfrässige Kuh, sie frass viel und trank viel und platzte zuletzt". Als der Götze das hörte» Das rassische Yolksepos. 151 iwurde er wütend und warf nach dem Helden sein Messer; der Held wich jedoch ans, hob seinen vierzig Pnd schweren Wanderstab, schlug damit den Götzen und hieb ihn in kleine Stücke. Der Vergleich dieser Bylina mit der Lebensbeschreibung des Bostower Heiligen — Awraamij — zeigt uns, dass hier Bylina und Heiligenlegende das gleiche Ereignis darstellen; als Quelle diente beiden dieselbe Sage von der Zerstörung der lokalen heid- nischen Idole diirch einen orthodoxen Missionär. Der Apostel Johannes erscheint dem heiligen Awraamij in Gestalt eines Ekahka aus Zargrad und überreicht ihm seinen Stab, um damit die Idole zu stürzen. Der Heilige hatte vorher mehrmals vergeblich versucht, die Idole niederzuwerfen, jetzt gelingt ihm die Tat. Es ist klar, dass der Apostel Johannes, der aus Zargrad kommende Wanderer» mit dem Kalika Iwaniscbsche^) zu identifizieren ist. In beiden F&llen werden die Idole durch den Kalikenstab zerstört, nur schreibt die religiöse Legende dessen Wunderkraft ihrer Heiligkeit zu, diie weltliche Bylina dagegen seinem Vierzigpudgewicht. Auf diesem Wege lässt sich auch die phantastische Erscheinung des unflätigen Götzen und dessen Benennung leicht erklären. Das plumpe, absichtlich hässlich beschriebene Äussere des Götzen gibt die äussere Form der heidnischen Idole wieder, seine Gefrässigkeit, das Vertilgen ganzer Oohsen und Vögel, ist eine Andeutung der heidnischen Opfer. Es folgt hieraus, dass die Bylina vom Götzen im Gebiete von Bostow entstanden sein muss, in der entlegenen Epoche des Kampfes des Christentums mit dem Heidentum. Auch andere Gebiete Nordrusslands haben bei der Bildung des National- epos ihren TeU beigetragen. Der Beiname des berühmtesten russischen Helden Bja Murometz zwingt uns, dem Gebiete von Murom eine gewisse Bolle bei der Zusammen- stellung epischer Gresänge zuzuschreiben. Die Persönlichkeit dieses Helden enthält viel Problematisches. Es ist trotz vieler Hypothesen bis jetzt nicht gelungen, ein unzweifelhaftes Substrat für diese beliebteste Erscheinung des russischen Epos zu finden. Es ist jedenfalls klar, dass der Held Bja, wie wir ihn im Epos kennen, ein sehr komplizierter Bylinentypus ist. Viele Gesänge, die sich ursprünglich auf andere Helden bezogen, wurden zuletzt in den Bylinenzyklus von Bja aufgenommen. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass der russische Bja Murometz tatsächlich eine gewisse Beziehung zum Bias hat, welchen das deutsche Poem von Ortnita und die Tidrek-Saga erwähnt. Erst später wurde Bja auf die Stadt Murom bezogen. Es ist auch klar, dass die in modernen By- linen unvermeidlich vorkommende Benennung Bjas, „der alte Kosak'', ^) Der Name Iwan entspricht in rosaisoher Spraohe dem deutsohen Johannes; Iwani- seheeohe ist ein Augmentativum desselben. (Rtd,) 152 KuBsland. ihm erst im 16. und 17. Jahrhundert gegeben wurde. Sie bezeichnet nidit etwa das Alter von Ilja, sondern seine Zugehörigkeit zur Klasse ansässiger Kosaken. Endlich ist das Bauerntum von Bja, von dem moderne Bylinen sprechen, auch ein Zusatz aus späteren Zeiten, als die Bylinen zum fast ausschliesslichen Eigentum des Bauernstandes wurden. Es liegt auch nichts Staunenswertes darin, dass sowohl die Bylina als die Volksüberlieferung Bjas Lebensende ins Kloster verlegt und ihn mit dem heiligen Ilja Murometz identifiziert, dessen Gebeine in den Höhlen von Kiew ruhen. Von allen nordrussischen Gegenden hatte jedoch Gross-Nowgorod am Schaffen der Bylinen den grössten Anteil genommen. Diese reiche Hansa- Stadt hatte republikanische Staatsformen, eigentümliche Lebenßformen und Sitten. Nowgorod war stets angefüllt mit den verschiedensten Vertretern fremder Länder, die daselbst Handel trieben. Auch die Stadt entsandte von sich aus Scharen unternehmungslustiger junger Leute, gewöhnlich „Ukschujniy (Bärenjäger) genannt, um neue Kolonisationswege in noch unerforschten nördlichen und östlichen Gebieten anzubahnen. Diese Stadt war natürlich auch eine Unterkunftsstätte der mittelalterlichen Skomo- rochen. Hier waren die besten Bedingungen für den internationalen Waren- austausch gegeben, daneben aber auch für den internationalen künstleri- schen Austausch, unter anderem für die Schöpfungen der mündliches Poesie. Die Erforscher des Epos nehmen an, dass eine ganze Reihe von Bylinen in Nowgorod entstanden sein müsse. Wir wollen hier nur zwei davon behandeln, die ohne jeden Zweifel in Nowgorod entstanden sind. Die Handelsstadt Nowgorod entlehnte auch ihre Helden natürlicher- weise dem Kaufmannsstande. Zu diesen gehört der berühmte „Nowgoroder Gast**^) Ssadko der Reiche. Die erstaunlich farbenreiche und in ihrem Grundgedanken poetische Bylina, die von Ssadko erzählt, gehört zu den schönsten im ganzen russischen Epos. Nicht umsonst wurde sie vom be- rühmten russischen Komponisten Rimski-Korsakow zu einer Oper musi- kalisch verarbeitet. Li der berühmten Stadt Nowgorod lebte einst der Sänger Ssadko. der zu Festmahlen hinging und dort auf seinen Gusli von Ahornh6lz spielte. Einmal geschah es, dass Ssadko ein paar Tage lang nirgendshin eingeladen wurde. Traurig begab er sich nach dem Ufer des Sees Bmen und begami dort zu spielen. Plötzlich erschien aus dem Wasser der Meereszar. Zum Lohne für die grosse Freude, die ihm Ssadko durch seine Musik bereitet hatte, riet er ihm, mit den Kaufleuten von Nowgorod die grosse Wette einzu- gehen, und zu behaupten, dass es im See Umen einen Fisch mit Goldflossen gebe. Ssadko folgte dem Rat, er ging die Wette ein, fing einen Goldfisch — — ^— — I ^) Die alt-russische Sprache verwendet oft das Wort und den Begriff „Gast**, um einen Kaufmann zu bezeichnen. Sie besass daneben auch ein spezielles Wort „Kaufmann" — „Kupetz". (Bed.) Das nuBische Yolksepos. I53 und erhielt Ton den Nowgoroder Ekaufleuten drei Läden mit Schnittware. Nun wurde Ssadko reich und begann bei einem Festmahl zu prahlen und schlug den Kaufleuten von Nowgorod eine zweite Wette vor. Er be- hauptete, aUe Waren in Nowgorod aufkaufen zu können und auch nicht für einen Groschen übrig zu lassen. Volle drei Tage kaufte Ssadko die Waren an, musste schliesslich doch die für ihn recht traurige Tatsache ein- sehen: ,, Waren von der ganzen Welt vermag ich nicht zu kaufen; kaufe ich die Moskauer Waren, so treffen überseeische Waren ein. Nicht ich, der Nowgoroder Kaufmann, bin — scheint es — reich, etwas reicher noch als ich bin, ist das berühmte Nowgorod". . ... Einmal lud Ssadko dreissig Schiffe mit Nowgoroder Waren auf, reiste über den Wolchow zum Ladogasee, aus dem Ladogasee die Newa herunter nach dem blauen Meer und über das blaue Meer zur Goldenen Horde. ^) Auf dem Bückw^ege erhob sich ein schrecklicher Sturm : Wellen schlagen die Schiffe, der Wind reisst die Segel herunter, zerbricht die Schiffe und doch rühren sich diese nicht vom Heck. Da begriff Ssadko, dass es der Meereszar war, der von ihm Tribut verlangte. Er gibt seiner Leibwache den Befehl, g&nze Fässer voll Silber und Grold ins Meer zu werfen. Aber auch das wiU nicht helfen. Da sieht Ssadko ein, dass der Meereszar ein Menschenopfer verlangt. Man warf das Los, und es traf Ssadko selbst. Er wurde auf einem Brett mit seinen „Gusli" ins Meer heruntergelassen und gelangte ins weisse steinerne Gemach des Meereszaren. Ssadko musste hier auf Befehl des Zaren spielen, und der Meereszar begann zu tanzen. Drei Tage lang spielte Ssadko, drei Tage lang tanzte unaufhör- lich der Meereszar. Viele Schiffe sanken, viele Menschen ertranken dm-ch diesen Tanz. Da begann das Volk zu Mikola') dem Gütigen zu beten. Plötzlich erschien Ssadko ein Greis; befahl ihm, mit dem Spiel innezu- halten und seine Gusli zu zerstören. Ssadko unterbrach sein Spiel, da hielt auch der Meereszar mit Stiinem rasenden Tanze inne. Von den dreihundert Mädchen, die ihm darauf der Zar zeigte, wählte sich Ssadko zur Braut — dem Rate des Mikola von Moschajsk folgend — das bescheidene Mädchen, „das Braune". Am nächsten Morgen erwachte Ssadko in Nowgorod, wo er früher anlangte als die über seine Rückkehr erstaunte Leibwache. Nun lud Ssadko sein Gold von den Schiffen aus und erbaute eine Kathedral- kirche, die er zum Dank dem Mikola von Moschajsk weihte. Diese Bylina enthält viele Züge, die für Nowgorod typisch sind. Eine unzweifelhaft historische Persönlichkeit ist ihr Held — Ssadko, ein Name, der im alten Nowgorod oft vorkommt. Dabei beruhen jedoch manche Einzel- heiten der Bylina auf poetischen Motiven, die von aussen hergebracht sind, unter anderem das wunderbare Spiel von Ssadko, das den Meereszar selbst ^) So hiess der Sitz des Tatarenchans in Zeiten der Tatarenherrschaft. (Red.) *) Mikola eine volkstümliche Form für Nicola j -Nikolaus. (Red.) 154 Boflsland. bezaubert. Es ist darauf hingewiesen worden, dass die wahrscheinlicheii Quellen dieser Bylina in finnischen Runen vom schönen Musiker Waine- mainen, dessen Spiel die ganze Natur und auch den Meereskönig Achte bezauberte, zu suchen sind. Die andere Nowgoroder Bylina wählt zu ihrem Helden einen Vertrete Jener waghalsigen Ereischaren von Nowgorod, die sich aus den oben- erwähnten „Bärenjägem" zusammensetzten. Dieser Held ist Waska Buslajew; sein Vater war der neunzigjährige Buslaj, ein in Nowgorod hoch- angesehener Mann. Als Waska sein siebentes Jahr erreichte, liess iha seine Mutter, die ehrbare Witwe Amelfa Timophejewna, lesen und schreiben lernen. Wasko erfasste die Wissenschaft mit Leichtigkeit, als er aber alter wurde, äusserten sich bei ihm schlechte Charaktereigenschaften. Er schloss Freundschaft mit Trinkern und Verrückten, mit „lustigen Gesellen^'. & begann zu trinken und Menschen zu verstümmeln : fasst er einen am Arm — reisst er ihm den Arm bis zur Schulter weg, fasst er einen am Bein — ist das Bein weg, ergreift er einen am Bückgrat — der schreit und kriecht davon. Da richteten die Männer von Nowgorod eine flehentliche Klage an Amelfa. Die Vorwürfe der Mutter missfielen Waska, und er beschloss, den Männern von Nowgorod noch Ärgeres anzutun. Waska kennt keine Grenzen für seine schrankenlose Natur, für seine rücksichtslose Waghalsigkeit. Er ist ein typischer Anarchist, der keine hemmende Gewalt anerkennt. Er besitzt nichts und glaubt an nichts, „weder an den Traum, noch ans Niesen".^) Seine einzigen Ideale sind gut zu essen, zu trinken und zu plündern. Wer vom Fertigen essen — trinken mag, Gehe der auf Waskas breiten Hof, Iss und trinke dort, was fertig ist. Nehme sich nach Lust auch ein bunt* Qewand. Durch solche „in Schnellschrift geschriebene Anzeigen'' (eine Art Proklamationen) zieht Waska alle Anhänger seines politischen Programms um sich zusammen. Ohne Zweifel waren seine Anhänger sehr zahlreich und somit konnte Waska bald den Weg der praktischen Durchführung seines Progranimes antreten. Waska hatte nichts zu verlieren; seine nihilistisch-anarchistische Natur anerkennt keine Verantwortlichkeit, weder vor sich selbst, noch vor Gott, am wenigsten aber vor den Mitmenschen, daher fordert er alle Bauern von Nowgorod zu einem grundlosen Ekampfe auf. Hei, ihr Bauern aU der Stadt Nowgorod, Eine grosse Wette geh* ich mit euch ein. Gegen Nowgorod will ich kämpfen jetzt. Will mich schlagen auch gegen eure Macht. Die aufgebrauste Natur von Waska kennt keinen Halt, er schlägt mit ^) Ein roasisoheB Sprichwort. (R^L) Dm russische YoUcsepos. 155 einer eisernen Achse auf die Leute los: wo er drauf schlägt ist eine Strasse, wo er überschlägt — eine Gasse. Keiner kann ihn besänftigen, selbst nicht sein Pate, der Pilgergreis, der mit dem Kreuze auf der Brücke, welche über den Fluss Wolchow führt, erschien (diese Biücke war der historische Ort, wo alle Zusammenstösse bei Zwistigkeiten unter der Nowgoroder Bürger- schaft stattfanden; hier erschien auch die Geistlichkeit, um die Leiden- schaften der Parteien zu besänftigen). Der Gieis versuchte sein „Paten- kind'" zu beruhigen, erhielt aber bald auf seine Kappe einen Hieb mit der Eisenstange. Waska schaute unter die Kappe des Greises, der hatte „keine Äugen mehr in der Stirn". Nur die leibliche Mutter vermochte ihren Sohn zu bändigen, indem sie sich ihm von hinten nahte. „Wärest du, Herrin- Mutter, mir von vorne genaht," sagt zu ihr Waska, „so hätte ich dich nicht verschont: ich hätte dich statt eines Bauern umgebracht." — Waska ist innerlich ein Anarchist, er glaubt „weder an den Traum, noch ans Niesen", ein Mann wie er kann aber auch eine mystische Laune erleben. Er kommt auf den Gedanken, dass er „in der Jugend viel geschlagen, viel geplündert hat, er müsse also im Alter seine Seele retten". Waska zieht nach Jeru* salem, kann sich aber nicht des Blasphemierens enthalten und geht durch seine Prahlerei zugrunde. Durch ein solches Ende hebt die Bylina das Tragische seiner Natur hervor; der unbändige Anarchismus artet in Despo- tismus aus, verpönt alle göttlichen und menschlichen Rechte und führt zum Untergang. Dies ist die Gestalt des Waska Buslajew. Einige Stellen dieser Bylina gestatten uns einen überraschend klaren Einblick in die Eigen- art des Lebens der freien Stadt Nowgorod in einer Epoche, die von uns zeitlich weit entfernt ist. Besonders ausdrucksvoll ist unter anderem die Gestalt der ehrbaren Witwe Amelfa Timophejewna, dieser Nowgoroder Matrone, die in den Augen ihrer Landsleute eine so grosse Autorität besitzt. Die Geschichte von Gross-Nowgorod kennt historische Erscheinungen ähnlicher Erauen, die eine grosse Bolle im Leben ihrer Stadt gespielt hatten. Man denke nur an die berühmte Verteidigerin der Freiheit von Nowgorod gegen die Gewalt von Moskau — an Martha Borezkaja (15. Jahrhundert). Moskau, das neue Zentrum des politischen Lebens Russlands, hatte bereits im 14. Jahrhundert seine Ansprüche auf Vorherrschaft mit Be- stimmtheit geltend gemacht und sich allmählich die übrigen Gebiete des alten Russland unterworfen. Hier konzentrierten sich auch die religiösen und kulturellen Interessen des Landes. Moskau wurde zur Hauptstadt des neuen russischen Reiches. Es ist begreifUch, dass auch poetische Kunst- schätze, die im Laufe der Jahrhunderte angesammelt waren, in Moskau 1 zusammenströmten. Hier wirkten sie fort, sich den neuen Verhältnissen ! I 156 RuBslond. und dem veränderten Geschmaoke anpassend, hier wurden sie durch neiit Erzeugnisse des poetischen Schaffens bereichert. Die Moskauer Periode der russischen Geschichte ist nicht nur durch ein Anwachen des russischei: Reiches nach aussen hin gekennzeichnet, sondern auch durch ein Anwachsec des grossfiirstlichen — später zarischen — Absolutismus. Die neuen histo- riechen Erscheinungen konnten nicht ohne Einfluss auf den Charakter und den Inhalt der aus dem Altertum ererbten epischen Gesänge bleiben. In der Moskauer Periode erhält die Gestalt des „freundlichen Fürsten Wladimir — Schöne Sonne" immer mehr die Charakterzüge eines egoistischen und eigenwilligen Herrsehers, manchmal verwandelt er sich in einen richtigen Despoten. Dem Fürsten Wladimir der Moskauer Periode fehlt bereits jede Verwandtschaft mit dem „freundlichen Wladimir" der alten Bylinen. obwohl er die traditionelle Bezeichnung des „freundlichen" beibehält. In dieser veränderten Gestalt tritt er beispielsweise in der obenerwähnten Bylina von Wassilissa Mikulitschna auf, die durch den Tod ihre Treue dem vom Fürsten ermordeten Gatten bezeugte. Die Helden wagen vor diesem Fürsten kaum mehr ein Wort zu sagen. Für jede Rede, die ihm missfällt lässt er ,, hinrichten — hängen". Wir wollen hier die Bylinen nicht auf- zählen, in denen sich nach der Meinung der Spezialisten ein Anklang an die Moskauer Epoche aufweisen lässt . Es sindihrer nicht wenige. Wir geben direkt zum umfangreichen Epos über, das mit dem N&men des bekannten Zaren Iwan Wassiljewitsch des Schrecklichen in direkter Verbindung steht. Dieser hinterliess im Vclksgedächtnis tiefgreifende Spuren (16. Jahr- hundert). All die 'wdehtigsten Kriegsereigiüsse seiner Zeit wurden in Ge- sängen gefaset, die sich bis in unsere Zeit erhalten haben und noch heute gesungen werden. Wir kennen Gesänge, deren Inhalt die Einnahme von Kasan und Astrachan durch Iwan den Vierten bildet, solche, in denen die Eroberung Sibiriens, die Belagerimg der Stadt Pskow durch den Polen- könig, so\;^ie tatarische Einfälle dieser Zeit besungen werden. Diese Lieder enthalten Einzelheiten, die für den Historiker des russischen Beiches und des russischen Volkes höchst wertvoU sind. Nicht weniger interessant und wertvoll sind jene zahkeichen Gesänge, die vom Privatleben des grausamen Zaren erzählen. Fast die gesamte Biographie des Zaren wurde in diesen poetisch dargestellt. Die Lieder singen vom Tode der vom Volke geliebten ersten Frau des Zaren — Anastaesia Bomanowna — von seiner zweiten Vermählung mit der Tscherkessin Marja Temgrükowna, die beim Volke keine Sympathien besass, sie singen von dem Zorne des Schrecklichen gegen seinen Sohn Iwan, der zur Ermordung des Zarewitsch führte. Hier wurde jedoch der Name des Zarewitsch Iwair durch den Namen des zweiten Sohnes des Zaren — Feodor — ersetzt; der Lieblingsheld dieser Peripde der Bojarin Nikita Bomanowitsch rettet in der ByHna den Zarewitsch vom Tode, indem er ihn auf dem Bichtplatze aurch einen unflätigen Tataren ersetzt. Aue- Das roBsiBche YoIkBepos. 157 dmcksvoU und anflcbaiilich malt diese Bylina den Unfug der bekannten Leib- wache des Zaren und die rohen Sitten jener Zeit. Endlich sind auch Lieder von den letzten Tagen des Schrecklichen und von seinem Tode erbalten. Manches in diesen Gesängen hat das Grepräge einer unverfälschten historischen Wahrheit, manches hat die Volksphantasie umgestaltet, aber auch dieses gibt dem Historiker interessantes Material für soziologische und psychologische Schlüsse. Die Gt sänge dieser Zeit übertragen uns ins Milieu des unheimlichen und zugleich naiven russischen Lebens jener Epoche. Als Beispiel will ich kurz den Inhalt des Gesanges von der Ver- mählung des Zaren Iwan mit Marja Temgrükowna anführen. Es liegt ihm ein sicheres historisches Ereignis zugrunde : Drei Jahre nach dieser Heirat kam in die Alexandrowskaja Sloloda — die berühmte Residenz des grau- samen Zaren, die unweit Moskau liegt — der Schwager des Zaren, Mamstrük Temgrüko witsch. Historische Zeugnisse behaupten, dieser habe eine grosse physische Kraft besessen. Auf Grund der Beschreibung analoger Ereignisse und des 2ieugnisses unseres Liedes kann man für sehr wahrscheinlich an- sehen, dass bei dieser Gelegenheit am Zarenhofe der in Altrussland so beliebte Faustkampf wirklich stattgefunden haben mag. Der ganze Sinn und Inhalt der Bylina ist die Beschreibung des Faustkampfes zwischen dem fremden Athleten Mamstrük und den tapferen russischen Kämpfern, welcher mit der Überwindung Mamstrüks zur grossen Freude des Zaren und zum Vi^idruss der fremdländischen Zarin endete. Während des Kampfes geriet der Zar selbst in Aufregung. „Überwinde du nur, bitte, den Mamstrük, mach' die Freude mir, dem Zaren'' — so sprach er zum russischen ELämpfer. Dieser überwand endlich den Mamstrük nach langem ELampf und riss ihm, um die Schmach zu vergrössem, noch das Grewand ab, so dass er vor dem Volke auftreten musste „wie ihn die Mutter geboren''. Darauf folgte eine erzürnte Bede der Zarin. Drohend spricht zu ihr der Zar : „Du Weib, wisse was dem Weibe zukommt. Nicht ist uns teuer, wenn der Tatar (im Sinne von „Fremdling") sich rühmt, lieb ist uns nur dieses, wenn der Busse ihn verhöhnt". Mit der Epoche Iwans des Grausamen hört das Dichten epischer Gesänge nicht auf. Einen reichen Stoff für neue Lieder, und um so mehr für die Veränderung der alten, ergab die zu An&ng des 17. Jahrhunderts eingetretene unruhige Zeit politischer Umwälzungen. Wir kennen auch viele Lieder aus den späteren Jahren des 17. Jahrhunderts. Sie erzählen von der Krönung des Zaren Michail Feodorowitsch,^) vom Zaren Alexe] Michailowitsch, von der Geburt Peters des Grossen. Ein reiches Erbe hint^rhess im Bylinenepos die Persönlichkeit des Hauptes vom Bauern- ätifstand, des vom Volke vielgepriesenen Stenka Basin. ^) Der erste Zar der Dynastie Romeuiow. (Red.) 158 Russland« In späteren Zeiten nimmt jedoch 'die Zahl der Neuschöpfungen ab. Das 17. Jahrhundert kennt fast keine langen Bylinen. Die historlBchea Gesänge des 18. Jahrhunderts, um so mehr die des 19. Jahrhunderte, sind ber.its kurze, halb epische, halb lyrische Lieder, welche meistens von Soldaten gedichtet wurden. Der lebendige Strom des russischen Epoe ver- siegte, wie es scheint, in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Vblksüb^- lieferung schöpfte ihren Hauptvorrat aus dem vorangehenden 16. und ans noch entfernteren Jahrhunderten und erhielt ihn so sorgfältig, wie diese« beim mündlichen Fortbestehen nur möglich war, bis in unsere Zeit. Wir haben das russische Volksepos in den Hauptzügen kennen gel^nt. Wir legten unserer Untersuchung mit Absicht das historische Prinzip zu- grunde. Wir wollten die ganze Kompliziertheit des russischen Epos und sein hohes Alter zeigen, zugleich auch seine innige Verbindung mit dem lokalen heimatlichen Boden. Wir sahen, wie sich dieses Epos als Werk verschiedener Schöpfer gebildet hatte, wie die verschiedenen professionellen und nichtprofessionellen Sänger an dessen Schöpfung teilgenommen hatten: Krieger, Skomorochen, Kaliken tmd endlich Bauern. Nicht weniger kompli- ziert zeigte sich das Epos dem Entstehungsorte nach . Verschiedene Gebiete des weiten Bussland haben daran Anteil genommen: das Kiewsche Süd- russland, das Galizisch-Wolynische Fürstentum, Bostow, Bjasan, Murom, das Grosse Nowgorod und endlich Moskau. Die lange ununterbrochene Existenz des russischen Epos umfasst eine Beihe von Jahrhtmderten vom zehnten bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein; in dieser ganzen Bariode wurde das Epos immer wieder durch neues Material bereichert : der wmte Bahmen der Blüteperiode des russischen Epos umfasst die vorchristliche Zeit (Oleg), die Zeit des Fürsten Wladimir von Kiew (10. Jahrhundert), die Epoche der Invasionen der Polowzer (11. — 12. Jahrhundert), die Epoche des Tatarenjoches (13. — 15. Jahrhundert) imd endlich die Epoche de$ Moskauer Absolutismus (15. — 17. Jahrhundert). AU die erwähnten Tatsachen führen uns zu dem Schluss, dass die russischen Bylinen ein allgemein-nationales Epos des russischen Volkes sind, das mit seiner Eigenart und seiner langen, leidensvoUen Geschichte innig verschmolzen ist. Andererseits steht das russische Epos nicht isoliert da, es ist gegen fremdländische poetische Sagen und Überlieferungen nicht abgeschlossen. Nach dem schönen Ausdruck eines bekannten russischen Gelehrten „ist das Epos eines historischen Volkes unvermeidlich international". Wir haben gesehen, dass die poetischen Motive und Themata russischer Bylinen in die lange Beihe internationaler Sagen hineingehören. Nicht wenige Das russische Yolksepos. 159 Parallelen und Übereinstimmungen lassen sich zwischen russischen Bylinen und den epischen Sagen östlicher und westlicher Völker aufweisen : iranische, türkische, kaukasische, finnische, griechische, süd-slawische, deutsche und andere Sagen können in der Literaturgeschichte russischer Bylinen heran- gezogen werden, ebenso wie die russischen Bylinen ihrerseits nicht weniges zur Aufklärung der Volksx)oesie benachbarter und entfernterer Völker bei- tragen können. Wir hoffen, dass die russische Poesie und die russische Wissenschaft einmal grösseren Anklang bei den westeuropäischen Gelehrten finden werden. Es ist Zeit, dass man aufhört, die russische Geschichte, die russische Kunst und Wissenschaft zu verkennen. Eine Annäherung auf wissenschaft- lichem Boden führt unvermeidlich zur Annäherung auf allen anderen Ge- bieten des Kulturlebens der Völker. is Ssokolow. Die Bedeutung der russischen Literatur.^) „Ventehen kann dich kein VerBtand, Dich messen keines Masses Klauben, Du wundersames russisch* Land, Wer dich fasst, fasst dich mit dem Qlauben. Tutteheff, „Richtet nicht das rusaisobe Volk nach seinen Fehlern und Lastern, sondern beurteilt es nach ^inen grossen und heiligen Idealen, nach denen es in seinem Sohmutxe lechzt. Und es gibt in unserem Volke nicht nur Schurken und Verbrecher, sondern auch Heilige, die uns voranleuchten und unser Dunkel erhellen! Und ich glaube tief und fest,, dass es bei uns keinen Schuiken gibt, dei nicht wüsste, dass er schlecht und gemein ist. Bei andern Völkern ist es anders: wenn dort jemand eine Gemein- heit vollführt, so stellt er sie zum Prinzip auf, bejaht sie, behauptet, dass in ihr die Ordnung und das Licht der Zivilisation läge — und der Unglückliche kommt schliess- lich so weit, dass er daran blind imd sogar ehrlich glaubt. Nein, beurteilen Sie unser Volk nicht danach, wie es ist, sondern danach, wie es sein möchte. Seine Ideale sind stark und heilig, und sie retteten das Volk in all diesen Jahrhunderten vor dm Elend und dem völligen Untergang . . . Der russischen Literatur aber gebührt du Verdienst, dass sie in ihren besten Vertretein und früher als unsere ganze Intelligeos, bemerken Sie das wohl, sich vor der Wahrheit des Volkes gebeugt und die Ideale des Volkes als die wahrhaft schönen anerkannt hat.** DosiajewakL Die Literatur als Selbstbewusstsein. Die Literatur ist das Selbstbewusstsein eines Volkes. Sie ist das Werden und Wachsen dieses Bewusstseins, die Entmcklung, durch die es sich geklärt, gefestigt und vertieft hat. Sie weiht uns in die K&mpfe ein ^) Zum Verständnis des folgenden Aufsatzes seien einige Bemerkungen erlaubt. £r unterscheidet sich von den anderen dadurch, dass er der einzige ist, der nicht von einäm Russen verfasst ist. Dies ist nicht Zufall, sondern Absieht, und die Absicht gibt AufBchlns über das Ziel, das sich der Aufsatz setzt. I>er Aufsatz sucht auf die allgemeine BedeotoDg der russischen Literatur hinzuweisen. Darum kam es darauf an, dass die russische Literstar nicht aus dem russischen Empfinden heraus dargestellt wurde. Hier redet kein Russe über die von seinem Volke geprägten grossen Werte, sondern ein Nichtrusse über die Werke, welche die Menschheit der russischen Seele verdankt. Hier liegt keine Apologie, sondere ein Bekenntnis der Dankbarkeit vor. Man wolle diese Einstellung beachten, um die Eigenart des Aufsatzes zu verstebeo. Daraus ergibt eich natürlich eine anders geartete, nicht-russische Auffassung mancher BVagen und Tatsachen, eine andere Bewertung einiger Gestalten und Bewegungen. Daraus ergibt sich auch, dass der Verfasser keine sachliche Vollständigkeit erstrebeo. geschweige denn erreichen konnte. Ich gebe hier keine Geschichte der russischen Literatur. Die historische Entwicklung berühre ich nur, wo sie zum Ausdruck des Weeens und der Bedeutung gewordeo ist. Es kam mir darum weniger auf die Daten, Tatsachen, NaxusOt Einteilungen, Ejategorien an, die bei der Literaturgeschichte üblich sind, als auf den Geisti der in der russischen Literatur lebt, auf die Stellungnahme zu den Lebensfragen, auf die Losungen, die man gefunden hat. Die Bedeutung der rassischen Literatur. IQX die dieBes Bewuastsein führen musste, um sich zu behaupten, sich der Gefahren zu erwehren, die ihm von innen und von aussen drohten. Die Literatur eines Volkes ist das unbewusst und unabsichtlich geführte Ver- zeichnis seiner geistigen Siege und Niederlagen. Wir schlagen es auf, wenn wir wissen wollen, ob sich das Volk anders zu behaupten weiss, als auf dem Schlachtfeld und auf dem Weltmarkt. Sie' gibt uns die Antwort auf die Frage: Was bist du? Bist du ein Name, eine Addition von isolierten Einheiten, ein geographischer und ethnologischer Begriff? Oder bist du ein geistiges Selbst, das schweren Aufgaben und Verantwortungen ge- wachsen ist? Und damit gibt sie Bescheid auf die weitere Frage: Was hast du zu geben? Sie ist die Gesamtbilanz der Fähigkeit, zu kämpfen, zu leiden, sich zu empören, Probleme zu empfinden und sie zu lösen. Sie sagt uns, wie man hier zum Leben steht, und was man damit anfängt. Sie gibt damit auch die Höhe des Beitrages an, den das Volk an die allgemeinen grossen menschlichen Werte zahlt. Sie gibt diesen Beitrag auf sehr feine und zarte Weise an. Sie zeigt ihn oft genauer an, als die bestehenden politischen und sozialen Zustände, denn sie führt uns in die Seele des Volkes ein, in das, was stetsfort ringt und Impulse erteilt, nicht in die konkreten Formen, zu denen sich die Impulse bereits ver- dichtet haben. Sie gibt uns den Schlüssel zu den Beseiven des Volkes, sagt uns, was noch werden kann, weit über das Bestehende hinaus, vielleicht im G^ensatz zu ihm. Diese allgemeine Orientierung gut von jeder Literatur. Von der rassischen ganz besonders.^) Die russische Literatur führt uns in die Seele Busslands ein. Sie weiht uns in das Bingen, das Sehnen, in die Konflikte, die Kämpfe dieser seltsamen, uns Westeuropäern so schwer verständlichen, von uns darum auch so oft missverstandenen Seele ein. Sie verhilft uns zum Verständnis und zur gerechten Würdigung dessen, was die russische Seele zu den grossen menschlichen Werten beitragen kann. *) Die Qründe dafür liegen tief in der Veranlagung das russischen Volkes und in seiner Entwicklung. In der Veranlagung: Die russische Seele ist die seelischste aller Seelen. Sie bat einen starken Hang zur Innerlichkeit, vermag nur sehr unvoUkonunene äussere Formen su prägen, die ganz ihrer Art entsprechen. Sie wird immer sehr viel reicher sein als aUe politischen» kulturellen und sozialen Formen, die sie schafft. Nicht nur ihre Veranlagung, sondern auch die bisherige Entwicklung Russlands hat es den Russen schwer gemacht, ihren seetischen Besitz in äussere Werte umzusetzen. Ihre Geschichte ist eine geschlossene Kette von Abhängigkeit, Ausbeutung und Vergewal- tigung. Darum ist die Literatur hier noch mehr als bei andern Völkern der Ausdruck dessen, was das Volk besitzt, aber erat später geben kann. Darum ist sie auch so wichtig bei dar Bewertung des Volkes. Als ungehenunter geistiger Ausdruck dessen, was in der Realität gehemmt oder entstellt ist, gibt sie an, was sich einmal frei entfalten, was die politischen Stürme überdauern, was das soziale Chaos überwinden kann. Gerade bei der heutigen Lage Russlands gilt es, dies festzuhalten. Britm«nn, BoMland. XI 162 RuBBland. I. ERWACHEN. Der Beginn einer jeden Literatur ist ein Erwachen. Das Volk erwacht zum klareren Bewusstsein seines Wesens und der Stellung zum Leben, die dieses Wesen von ihm fordert. Dieses Erwachen bedeutet Klärung, Sichtung und Festigung. Einem Volk geht es, wie dem, der vom Traum erwacht, und der nur, indem sein BUck scharf, sein Geist frei wird» den Übergang vom Traum zur Wirklichkeit findet. Diese Zeit des Erwachens ist die wichtigste, die ergreifendste und die gef ährdetste jeder Literatur. Die wichtigste, denn es Hand^ sich darum, ob die Seele des Volkes fähig ist, kraftvoll zur Welt Stellung zu nehmen, der Wirklichkeit ihren Stempel aufzudrücken, oder ob sie bald in ihren traumartigen Zustand zurückfallen, oder in neue Abhängig- keit geraten wird. Die ergreifendste, denn es ist die Poesie des Werdens, des sich erst Bildenden, noch nicht Verwirklichten, das sich dem, was seine Verwirklichung hindern will, entwinden muss. Denn diese Zat steht auch im Zeichen der Gefahr. Das sich erst bildende, nicht gefestigte Bewusstsein ist Entartungen und Entgleisungen ausgesetzt. Der nodi schwankende Schritt lässt Anlehnung suchen, welche die Selbständigkeit gefährdet. Der Literatur kann es wie dem Träumenden gehen, der seinen Traum in die Wirklichkeit mitninamt und es darum zu keiner festen Haltung bringt, oder der, von der Wirklichkeit abgestossen, zum Traum zurückkehrt. Auch diese Bemerkungen gelten von jeder Literatur, aber besonders von der russischen. Bei keinem Volk ist darum das Erwachen so ergreifend und so bedeutend. Ein schwerer Bann Uegt auf dem russischen Gemüt, ein Bann innerer und äusserer Unfreiheit. Eine düstere Geschichte hemmt die Tatkraft und lässt bei aller Sehnsucht nach Freiheit immer wieder Hemmungen der Freiheit, Zweifel an der Möglichkeit, sie zu verwirklichen, mangelhaften Ersatz für die Freiheit aufkommen. Jahrtausende schwerer Knechtschaft lasten auf der Seele und lassen unwiUkürUch wieder nach Stützen suchen, auch wo man so gern alle Krücken wegwerfen möchte. Dazu die innere Gefahr. Bei der Stärke des Affektes, der Litensitat des Gefühlslebens bleibt der Busse leicht an die innere Sphäre gebunden. Oder wenn er sich zu befreien sucht, sucht er leicht eine äussere Stütze, die der inneren Schwäche zu Hilfe kommen soll. Daher die zwei grossen Grefahren, die den Slaven drohen, und die in der gleichen Anlage wiurzeln. Entweder nicht aus der Affektsphäre herauszutreten, sie als schwere Hemmung ins Leben mitzuschleppen, an ihrer ganzen Zerrissenheit und Düsterkeit zugrunde zu gehen, aus ihrem dunklen Chaos nur zur Roheit, zum wilden Toben aufzuleben. Oder davon frei zu werden, indem man Die Bedeuiong der nusischen Literatur. 163 als G^ensatz g^en das ewig Fliessende im eigenen Ich eine äussere Stütze sacht> die nur eine neue Abhängigkeit bedeuten kann. Es ist ein ergreifendes und grosses E^pitel der Weltliteratur, dieses geistige Bingen, durch welches das russische Volk zum Selbstbewusstsein erwachte, in der Idt^atur seinen Geist kraftvoll zum Ausdruck brachte, sich damit vom geistigen Joch des Auslandes freimachte und sich zugleich vor den Gefahren bewahrte, die ihm von seinem eigenen Wesen her drohten. Es suchte seine Sensibilität, seine starke Reaktionsfähigkeit und Leiden- schaftlichkeit vor der Selbstzersetzung zu schützen, der sie w^en ihrer Stärke und Intensität in so hohem Grad ausgesetzt waren. Die Literatur war damals^) das einzige Mittel, dessen die Bussen sich dazu bedienen koimten. Darum ist sie nicht nur ein Zeugnis dieses Vorgangs, sondern der Vorgang selbst. Die erste Periode steht im Zeichen des Erwachens, und das Erwachen bedeutet zugleich eine stets steigende, sich stets vertiefende Befreiung. Befreiung von aussen. Es ist mehr als begreiflich, dass die russische Literatur eine Zeitlang stark unter dem Bann des Auslandes stand. In der Literatur des Westens erblickte der Busse ein Ideal, das ihm, je düsterer die Zustände in der Heimat waren, in um so strahlenderem Licht erscheinen musste. Seiner eigenen Kraft noch nicht bewusst, nicht ahnend, was für eine echte Ori- ginalität in ihm selber steckte, musste er in den Leistungen, zu denen sich das Schaffen anderer Völker verdichtet hatte, ein Muster für sein eigenes Schaffen erblicken. Einen mächtigen Zauber mussten vor allem die freiheitlichen Ideen und die Bomantik des Westens auf ihn ausüben. Besonders die Bomantik, weil sie — wenigstens scheinbar — manchen Seiten des russischen Wesens so nahe verwandt war und manchen Seiten des russischen Charakters ein volles Sichauswachsen erlaubte. Der dem Bussen tief eingewurzelte Gegen- satz zur flachen, nüchternen Bealität, sein Sehnen, sich durch die Phan- tasie ein Beich zu schaffen, in dem er weit von der platten Bealität leben kann, seine wilde Leidenschaftlichkeit, sein Hass, Konvention und Gesetz g^enüber, sein Sichselbstlieben im Gefühl, all dies musste sich durch unsere Bomantik angezogen fühlen und hier ein freies Feld für die eigene Tätig- keit sehen. Dies ist nur zu begreiflich. Aber ebenso leicht zu begreifen ist auch, wie diese Abhängigkeit für den russischen Geist zur Gefahr werden musste. ^) loh denke dabei an die erste für uns in Betracht kommende Zeit, die etwa als Zeit Poaohkinfl und Lennontoffs zu bezeichnen wäre und mit Qogol die Wendung zu einer neuen . Orientierung und noch grösseren Befreiung durch den Realismus nimmt. 164 RuBsland. Einmal, weil er sich damit nicht auf die Art zur Welt stellte» die sdnem Wesen entsprach, und durch die er darum die wahre Befreiung erlange konnte. Dann musste die Romantik, indem sie nur allzu sehr dem rassischen Geist und seinen schwersten Grefahren entgegenkam, eine innere Zet- Setzung eher fördern als aufhalten. Hier konnte man ungehindert dem Gefühl leben; hier konnte der wollüstige Kult des emotionalen Lebens getrieben werden; hier konnte man die Rechtfertigung der Passivität finden, welcher sich der Russe infolge der düstem, pessimistischen Anlage des slavischen Temperaments so leicht ergibt. Darum war es auch so bitter notwendig, dass der russische Geist> diese Abhängigkeit abschüttelte und Formen schuf, in denen sein eigene Drang lebte und einen ihm wirklich entsprechenden Ausdruck fcuid. Es war Russlands Glück, dctss gewaltige Geister diese Aufgabe mit dem ganzen Bewusstsein der damit verbundenen Verantwortung eif assten. Und es war Russlands noch grösseres Glück, dass eine Aufgabe, zu d»en Lösung es mehrere Generationen brauchte, nicht als definitiv gelöst be- trachtet wurde, sondern als steter Vertiefung bedürftig erachtet und darum auch vertieft wurde. Die Schriftsteller, die die moderne Literatur einleiten, gaben als echte nationale Geister den Impuls. Was in ihnen selber zitteite, vibiiert noch in den spätesten Werken, bis auf den heutigen Tag. Sie verhalfen der russischen Seele zum Selbstbewusstsein. Sie sind für die Seele, was eine Unabhängigkeitserklärung für das politische Leben bedeutet. Freilich war die Unabhängigkeit, wie sie sie erfassten und selber erlebten, noch nicht das letzte Wort. Vergleicht man sie mit den späteren, so sieht man deutlich, dass die Autonomie noch der Vertiefung und der Ausarbeitung bedurfte. Das beste an ihnen ist die Anregung, die sie gegeben haben. Sie weist, wie es nur bei den ganz Grossen der Fall ist, noch über die eigenen Schöpfungen hinaus.^) Selbstbefreiung. Es ist klar, dass diese Befreiung von aussen nur im Zusammenhang mit einer inneren Befreiung, mit einem seelischen Erstarken vor sich gehen konnte. Denn manche Züge des russischen Charakters drängen immer wieder zur inneren Abhängigkeit, bis sie von anderen, männlicheren ^) loh denke hier vor allem an die Qeetalten Lermontoffs und Puschkins (sur Bewertung des letzteren vergleiche man den Aufsatz über Puschkin in dem gleidien Werke). Sie sind Befreier und Bahnbrecher, sind das Erwachen des russischen Geistes. Sie sind aber auch diejenigen, über die der russische Qeist hinausgehen musste» um seine Autonomie erstreben und erreichen zu können. Namentlich in den ethischen und religiösen Problemen musste er sich noch entschlossener auf das Gebiet wagen, das er ganz selbständig bearbeiten und erobern musste. Dies geschah durch die Wendung zum Bealismus, durch das tiefere £r- fasen der ethischen, sozialen und religiösen Probleme. Die Bedeatong der misiseheii Literatur. Ig5 Zügen in den Tiefen der Seele überwunden wird. Andernfalls wird sie mehr als Beruhigung, denn als Last empfunden, mehr als Freude, denn als Schmach. Bei der Veranlagung der russischen Rasse konnte die Literatur leicht zu etwas anderem führen, als zu einer charaktervollen Stellung zur Welt. Sie konnte das beim Slaven so intensive, sich selbst genügende und sich selbst zersetzende Gefühlsleben den Willen überwuchern lassen. Sie konnte, indem sie den Gefühlen zu einer grossen Form verhalf, auf ewig die Herr- schaft der grössten Feinde der russischen Seele begründen helfen. Sie konnte dem Gefühl die Auslösung durch die Tat ersparen und damit zu einer Flucht vor der Wirklichkeit werden.*) Hier spitzen sich die Dinge eigentümlich zu. Sie müssen gerade in dieser Zuspitzung erfasst werden, wenn man Wesen und Wert der russi- schen Literatur begreifen will. Der russischen Seele ist eine Ausstattung mitgegeben worden, die sie zum Höchsten befähigen oder in die Tiefe reissen kann. Die ausserordent- lich starke Reaktionsfähigkeit, die Leidenschaftlichkeit, die Gabe, tief zu empfinden, tief zu leiden, können Vorbedingungen eines ganz tiefen Erfassens der Lebenstragödie und einer kraftvollen Stellungnahme in derselben sein. Man muss schwer leiden und stark empfinden können, um gross zu handeln. Man muss von dem ganz düstern Ernst des Lebens gepackt werden, wenn man im Leben eine grosse Stellung einnehmen will. Es gibt einen Heroismus des Empfindens, ohne den es keinen Herois- mus der Tat geben kann. Aber die Tiefe des Empfindens kann auch zum Fallstrick werden. Dies geschieht, wenn man aus der Empfindung nicht heraustritt. Die russische Seele hat viel von Hamlet in sich. Ihre Ausrüstung kann sich auch gegen sie selber kehren. Was antreiben kann, kann hier auch lähmen. Was Waffe zu einem heldenmütigen Kampf wäre, wird zur Waffe des Selbstmordes. Die Literatur bietet beängstigende Symptome dafür. Sie zeigt, wie schwer die Gefahr ist, die dem Volke droht. Aber es sind nicht diese Symptome, die ihren Charakter bestimmen. Man kann vielmehr sagen: die russische Literatur ist der Vorgang, der Kampf, durch den der russische Geist die ihm zum S^en oder zum Fluch v^liehene Aus- stattung zum Segen für sich und andere zu verwenden gesucht hat und durch den er sich vor den Gefahren zu bewahren suchte, die sie zum Fluch nutchen konnten. Sie ist auch der Läuterungsprozess gewesen, durch den sich die russische Seele stetsfort aller Unreinheit zu erwehren suchte, ^) ICanohe Tendeozen, die in der russischen Literatur nie ganz ersterben, sind der Be- ^'^ daffir. Es fehlt auch in der russischen Literatur nicht an einem Gefühlsleben, das sich b dar Wollust des Siobselbsterlebens gefällt und daran zugrunde geht. Im ganzen ist tt aber mehr pathologische Nebenerscheinung geblieben. 166 Rnssland. die ihr von ihr selber her drohte. Sie ist der mit Ehrlichkeit geführte Kampf gegen die Sohäden, Fehler, verbrecherischen Neigungen, gegen die lasterhaften Instinkte, die man hier rücksichtslos aufdeckt, um sie offen zu bekämpfen. Die Selbstbewahrung des russischen Geistes liegt darin, dass er kämpft. Die Literatur ist dieser Kampf gewesen. Darum liegt in der* Literatur dieses seltsamen Volkes die Bettung dessen, was es für sich zu retten hatte und der Welt zu geben vermochte. Damit ist auch gesagt, was die Literatur für die Bewertung des russischen Volkes bedeutet. Sie ist die Selbst- bewahrung des russischen Geistes gewesen. Eine vortreffliche Hilfe zur Klärung und geistigen Festigung leistete die russische Sprache. Da es uns nicht möglich war, einen kompe- tenten Fachmann zu einem selbständigen Aufsatz über sie zu gewinnen, seien hier einige Bemerkungen über sie erlaubt, die als völlig laien- hafte, nicht fachmännische Äusserungen zu verstehen sind. Die russische Sprache gab den Schriftstellern zu ihren Schöpfungen das Werkzeug, das sie brauchten. Dieses Werkzeug wurde ihnen von ihrem Volk dargeboten, unbewusst geschaffen, in der Tiefe der Volksseele. Sie war ihnen eine Offenbarung der Grösse dieser Seele, dessen, was in ihr lebte, der Leidenschaft, die in ihr gärte und durch klare Grestaltung nach Befreiung von allem Chaotischem strebt. Die Sprache war ihnen die bereits in Gestalt getretene und nach weiteren Grestaltungen drängende Seele ihres Volkes. Die Sprache, ihr Wortschatz, ihr Bau und ihre Formen sind Beweise, dass der Busse ausserordentlich intensiv empfindet, und das, was er empfindet, scharf und prägnant auszudrücken vermag. Was bei den westeuropäischen Sprachen mehr kristallisiert, mehr abgeschlossen, gegenständlich vor uns tritt, stammt hier unmittelbar aus der Tiefe des Gemüts, hat die ganze Stärke und Unmittelbarkeit des Affektes behalten. Die russische Sprache ist noch das Vibrieren der Gemütswallungen; sie ist noch nicht aus der Sphäre des Werdens in die Sphäre des Seins getreten. Darum ist sie auch die Sprache, deren sich das Werdende, das Bingende bedienen kann. Sie ist das Werkzeug des Geistes bei der Durch- dringung, der Beseelung des Stoffes. Sie ist die Sprache der psychischen Begungen, von der seelischen Wärme, der Weichheit, Zartheit und Liebe bis zu dem Gären der Empörung, zur Entfesselung der wildesten Sehn- sucht, dem Toben der Entrüstung, dem Auflodern des Enthusiasmus und dem Brausen der revolutionären Leidenschaft. Sie ist in ihrer Unmittel- barkeit und Echtheit eine Weigerung, sich nach kleinlichen Bücksichten, nach seelenlosen Schemen eindämmen und mechanisieren zu lassen. Sie ist Sehnsucht, die Sehnsucht bleiben will; sie ist Freiheit, die nicht nur Die Bedeutimg der ruflsischen Literatur. Iß 7 frei bleiben, sondern frei machen will. So wurde sie zum Heiligtum, in dem die Schriftsteller sich durch stille Einkehr selber frei machten, wo sie die Waffen holten, die sie als Streiter der Freiheit brauchten. n. KAMPF. Die russische Literatur ist E^mpf. E^ampf freilich in einem sehr weiten Sinn. Dass sie E^mpf ist, bedeutet nicht eine Verengung, eine Beschränkung auf ein besonderes Gebiet, etwa das politische, sondern will sagen, dass die russische Literatur dem ganzen Gebiet des Lebens den Charakter herber Kampfesgrosse eingehaucht hat. Sie ist nicht weniger heroisch, wo sie nicht zur politischen Revolution aufruft, wo sie den Elampf in die Tiefen der Seele verlegt und gegen Verzerrungen des Lebens auftritt, die nichts mit der Politik zu tun haben. Es gäbe nichts Verkehrteres, als die russische Literatur als wesent- lich politisch orientierte Literatur zu bezeichnen. Wo sie politisch wird, wird sie es nur wegen ihres allgemeinen E^mpfcharakters. Ihre politischen Kämpfe sind nur ein Spezialfall, nur der Ausfluss ihres allgemein revo- lutionären Wesens, das sich gogen alles, was das Leben erdrückt, zur Wehr setzt. Auf eine eigentümliche Art, qualvoller als für andere Völker, wird das Leben dem Bussen zur Tragödie, in der gewaltige Gegensätze mit einander ringen, zum Austrag kommen müssen. Das Verinnerlichen aller Werte muss dazu führen, in Gegensatz zu den Formen und Hüllen zu treten, welche Heuchelei, Schein, Konvention aaf das Leben werfen, um sich behaupten zu können. Die russische Literatur steht mitten im Kampf von Schein und Wesen. Sie kämpft heiss für das Wesen gegen den Schein. Denn in dem E^mpf zwischen Schein und Wesen erblickt sie den Kampf zwischen Scheinwerten und echten Werten. Die Welt ist Kampf; zwei Tendenzen streiten sich in ihr, und das Leben ist der Ausdruck davon. Die Taktik. Es ist leicht zu begreifen, dass ein solcher E^mpf eine ganz besondere, eigentümliche Taktik erfordert. Der Kampf soll auf die Art geführt werden, die der Bedeutung der Probleme entspricht. Der Ekonflikt ist erst dann gelöst, wenn der Schein, die Hülle als Schein, ab Hülle erkannt sind, und wenn eine wahre Auffassung des Lebens die 168 BoflsUnd. falfichen Werte verdrängt. Es ist auffallend, wie wenige Bücher der niBsi- sehen Literatur im gewöhnlichen Sinn des Wortes „gut enden". Es ist nicht die Hauptsache, dass das Gute auch äusserlich siege. Die Haupt- sache ist, dass es innerlich siege, dem Sehenwollenden als das Höhere erscheine. Ja, der Sieg wäre nicht vollständig, wenn bei der Entscheidung noch etwas von Zwang und Unfreiheit wäre. Die russische Literatur zeigt sich dieser Aufgabe gewachsen. Sie hat es verstanden, in den Lebenskampf einzuführen und die Taktik an- zugeben, mitteb der dieser Kampf ausgefochten werden kann. Wenn sie dies getan hat, so ist es in erster Linie der persönlichen Stellung ihrer Hauptvertreter zu verdanken. Mensch und Werk hängen hier eng zusammen. Darum müssen wir kurz der Menschen gedenken; der Schlüssel zu ihrer Taktik liegt in ihrem Charakter. Hier ist der Schrift- steller mehr als Problemsteller, Ästhetiker, geistiger Führer. Er ist Apostel, Plx>phet, Ketzer, und teilt das Los der Apostel und Ketzer. Er steht ein für sein Werk, und dies nicht nur mit seiner Feder, seinem Verstand; er setzt mehr aufs Spiel, als seinen Buhm. Er wagt Freiheit und Leben.') Wer Beweise hiefür braucht, kann sie schon im äusseren Schicksal der Schriftsteller finden. Wo gibt es einen der ganz Grossen, der nicht für seine Überzeugung und die Verbreitung seiner Ideen schwer geUtten hätte, der nicht ins Gefängnis, in die Verbannung gewandert wäre, nicht den Fluch des Ausgestossenen, die Schmach des Ketzers getragen hätte? Sie alle haben auf irgend eine Weise unter dem schweren Konflikt zwischen der wilden Welt des revolutionären Werdens und der brutalen, zynischen Welt des Seins, dieser kalten, offiziellen, ihrer selbst gewissen Welt, die ^) „Der SchriftHteller, 'wenn er eine Woge ist» Dee Ozeans, den man Russland heisst. Kann nicht sich nicht empören, Wenn sich die Elemente empören. Der Sohrifteteller, wenn er ein Nerv ist Im grossen Körper, den man Volk heisst. Kann nicht nicht getroffen werden. Wenn die Freiheit getroffen wird.' ti „Ein Leben heisch ich voller Leiden, Zum Trotz der Liebe und dem Glück: 3lein Qeist ist schlaff von all den Freuden , Und blöd von all der Lust mein Blick I Mag Hass und Hohn wie Blitzesstrahlen Entnebeln meine Lebens bedin: Was ist der Dichter ohne Qualen, Was ohne Sturm der Ozean? Nur um den Preis der Schmerzensträne £2rwirbt er sich das Priestertum; Er kauft die hehren Himmelstöne — Geschenkt, verweigert er den Ruhm!" Die Bedentong der raasiBchen Literatur. 189 die Störenfriede zu Tode plagt, leiden müssen. Der russische Geistes- kampfer trägt die Schmach des Paiia — freilich umstrahlt ihn auch die Märtyrerkrone. „Der Glaube verpflichtet zum Martyrium/' Die Elite ruft zum E^mpf auf. Sie richtet einen Appell an das Volk. Zum Schaffen, wie sie es wollen, müssen zunächst Herz und Gewissen ge- wonnen werden, muss der Boden vorbereitet oder gar dem Feinde ertrotzt werden. Darum schreiben sie. Darum hat die intellektuelle Form den Kampf nicht auf das Niveau der reinen Verstandestätigkeit herabgedrückt. Man kann vielmehr sagen, das Charaktervolle dieses intellektuellen Kampfes habe auch der Form des literarischen Kampfes Grösse eingehaucht. Schon in der äusseren Bearbeitung des Stoffes, in der Darstellung, der Gruppierung, zeigt sich, was wir den heroischen Charakter der russi- schen Literatur nennen können. Es offenbart sich hier der Wille zur Wahrheit, ein Zug zur^ Vollständigkeit, zum Ganzen, der vor nichts Halt machen wird. Die russische Literatur will das ganze Gebiet des Lebens umfcissen, sie anerkennt keine Grenzen, die ihr durch Stände, Klassen, Stufen gesteckt wären. Sie steigt in die Tiefe hinunter, in die Tiefe der sozialen Not, wie in die Tiefe der Seele. Die Grösse der Not und des Lasters, was ekelhaft, kotig ist, ist für sie kein Grund, zu schweigen; sie kennt keine falsche, heuchlerische Prüderie. Die Macht des Bösen ist ihr nur ein Grund, lauter, unmissverständlicher zu reden. Sie strebt zur Vollständigkeit in der Ausdehnung wie in der Inten- sität. Sie umfasst das ganze soziale Dasein vom Zaren bis zum Vaga- bunden, von der Weltdame bis zur Hure. Sie ist ein Spiegel alles dessen, was das Leben zu etwas so Bewegtem macht. Sie kennt die Leiden- schaften, die hier gären, sie ist das Echo alles dessen, was tobt, braust und nach Lösung ringt. Dabei deckt sie die Zusammenhänge auf, die zwischen den einzelnen Gliedern bestehen. Sie addiert nicht die mensch- lichen Handlungen, sie kombiniert sie; sie weiss, wie eng sie miteinander verknüpft sind. Sie ist Dynamik des menschlichen Geschehens. Sie hat die Gabe, die intimsten Beziehungen aufzudecken, die Verkettung von Taten untereinander und von Gedanken und Taten herauszuspüren. Sie ist soziale und psychologische Kausalität. Sie anerkennt aber auf dem seelischen Gebiet so wenig Grenzen, wie auf dem sozialen. Die Litensität ist bei ihr nicht weniger absolut als die Ausdehnung. Sie deckt die Tiefen der Seele, die unheimliche Grösse der Leidenschaft ebenso rücksichtslos auf, wie die sozialen Laster, das schmu- tzigste Leben. So wird sie schon durch die grosse Form, die sie sich g^eben, zu einer Vorbereitung auf den Zweck, den sie erfüllen soll. Der schroffe, ehrliche Wille, zu sehen, nichts zu verschönem, nichts zu verdecken von den Höhen bis zu den Tiefen, diese Gegenüberstellung der Kräfte, die den Menschen 170 BuMland. zur Höhe treiben, und der Mächte, die ihn zur Tiefe reissen, ist schon eine unbewusste Kampfstellung, die sich aus dem so tief empfundenen Cha- rakter des Lebens ergibt. Den Übergang zum Kampf bilden die prägnanten Gestalten, in denen sich das ganze Streben, das Wesen einer Art von Menschen, einer Lebens- auffassung, eines Standes verkörpert. Das Böse wie das Gute, die Wahr- heit wie der Schein und die Lüge, alle Richtungen, alle Arten, das Leb^i zu empfinden, zu bewerten, zu leben, vom Verbrechen bis zur Heiligkät haben hier ihre typischen Vertreter. Diese schärfsten Seher haben das Leben nicht nur im allgemeinen beobachtet, abstrakt geschildert. Sie haben konkrete, lebenswahre Gestalten geschaffen, in denen die ganze Beahtät des Lebens steckt und die dabei typisch sind, ein Prinzip ver- körpern im Kampf mit anderen Prinzipien. Es sind Kristalle, die ihre eigene Formation haben, aber in dieser Formation zugleich das Leben ihrer ganzen Umgebung zum Ausdruck bringen. (Die Satire.) Aus den soeben besprochenen allgemeinen Charakterzügen der nssi- schen Literatur ergeben sich Eigentümlichkeiten, die noch nicht genügend im Zusammenhang mit ihren Ursachen gewürdigt worden sind. Ich denke zunächst an die Bedeutung der Satire. Jeder, der sich auch nur flüchtig mit dieser Literatur abg^eben hat, weiss, dass die Satire darin eine grosse Bolle spielt. Nur muss man diese Tatsache im Zusammenhang mit der ganzen Art und den Methoden der russischen Literatur würdigen. Mir scheint, die Bedeutung der russischen Satire, die eigentüpiliche Form, die sie annimmt, stehe in engster Verbindung mit der Auffassung des Lebenskampfes und der durch diesen Kampf erforderten Taktik. Zur Vernichtung des Bösen gehört, dass es innerlich zersetzt, unmöglich ge- macht werde, ohne dass dieser Vernichtung etwas Äusserliches anhafte, ohne dass dem, der die Entscheidung zu treffen hat, diese Entscheidung durch Zwang, durch äussere Motive aufgedrängt oder nahegelegt weide. Bei der Lösung dieser schwierigen Aufgabe hat die russische Satire tapfer mitgearbeitet. Li unablässiger, aufopfernder, oft verkannter Tätigkeit hat sie die Minierarbeit geleistet, ohne die die Sprengung des Felskolosses nie ge- lungen wäre. Sie hat gewühlt, gegraben, das Gestein gelockert, das ohne ihre Arbeit auch den wuchtigsten Hieben Stand gehalten hätte. Die Arbeit der russischen Satire beruht auf der Voraussetzung, dass das Leben der Kampf ist zwischen Wesen und Schein. Und auf der Die Bedeutung der rassischen Literatur. 171 weiteren Voraussetzung, dass gewöhnlich der Schein herrscht, dass man aber dem Wesen zum Siege verhelfen soll, indem man die Kläghchkeit des Scheines enthüllt. So ist die russische Satire ein Kampf gegen die Scheinwerte, die sich an Stelle der wahren Werte zu drängen suchen. Sie brandmarkt sie als das, was sie sind, als HüUe, als Fälschung, als Surrogat. Sie tut es nicht durch ein autoritäres Urteil, dem man sich nur zu fügen hätte, sondern auf unendlich feine, geschickte Art. Es sind diese Scheinwerte selber, die, indem sie ihr Wesen bis zu den letzten Konsequenzen entwickehi, sich selber unmöglich machen. Sie sagen, was sie sind, schreiben ihre Bekennt- nisse und Selbstanklagen, entwerfen ihre Krankengeschichte. Damit machen sie sich selber lächerlich, unmöglich und führen so zum Sturz dessen, was sie bauen möchten. Die russische Satire umfasst das ganze Gebiet des Lebens. Sie wendet sich gegen Pedanterie und Bureaukratie, gegen den offiziellen Schein, gegen Heuchelei und Pharisäismus. Sie geisselt den hohlen Schein wie die Feigheit, das Sichgehenlassen wie den aufgeblasenen Dünkel. Sie richtet ihre Pfeile g^en die aufgebauschten Existenzen wie gegen die ärmlichen Gestalten, die sich ängstlich an ihre falschen Stützen klammem. Sie ist überall da, voll Spottsucht und Kampfeslust, wo etwas Unechtes, Mechanisches das echte, frisch sprudelnde Leben zu verdrängen sucht, und entflammt die Revolution des Lebens gogen die hohle Form des Wesens, g^n den Schein. Sie fehlt aber auch nicht, wo Ungerechtigkeit, Tyrannei, wo brutale Autorität ihren Unfug treiben, die Freiheit unterdrücken, den Menschen zur Maschine werden lassen. Sie bäumt sich in prachtvoller Entrüstung auf, wo die Seel6 ertötet wird oder sich in schmachvoller Unterwerfung ertöten lässt. Die russische Satire steht im Dienst der Bevolution, ist selber ein Stück Revolution. Darum tritt sie auch nicht zurück, wo der russische Geist seine schwersten Revolutionen vollzieht und das Gemeine, das Teuflische zu entthronen sucht, damit das Heilige herrsche. Sie hilft, die schlimmste Art von Heuchelei entwerten, die Heuchelei, die sich an die Stelle des Heiligen drängt und sich hoher, reiner Formen bedient, um besser zu blenden, zu täuschen — die Scheinheilig- keit und alle religiösen Verzerrungen, den kirchlichen Formalismus, das Haffentum. Was für eine Bedeutung der Ironie im russischen Geistesleben zu- konmit, sehen wir auch an den ganz grossen Grestalten, die sie auch meister- haft zu handhaben verstehen.^) ^) VgL Tolbtoj, „Die Früchte der Aufklärung", „Kindliche Weisheit" und zahlreiche Härchen und Volkserzählungen. Der „lebende Leichnam" ist eine der gewaltigsten Satiren gegen die kalte, nüchterne, an der äusseren Qesetzlichkeit und bürgerlichen Moral orientierte ^elt 1 72 RuBsland. Tolstoj versteht es, den Menschen eine lächerliche Bolle spielen zn lassen und damit sich selber und der von ihm vertretenen Sache das Todes- urteil zu sprechen. Wenn die Szenen zwischen dem Haupihelden und dem die ganze Unhaltbarkeit des kirchlichen Standpunktes vertretenden Priester in „Das licht leuchtet in der Finsternis" nicht eine Satire erst^ Banges sind, wüsste ich nicht, wo wir Satiren zu suchen hätten. Die Satire verlässt den russischen Geist nie. Sie vertieft sich, wo er sich vertieft, und in dem Mass, als seine Kämpfe tragischer werden, wird auch sie ernster und tragischer. Das russische Volk ist so ernst in seineo Satiren wie andere Völker in ihren Dramen. Die Satire ist ihm ein Mittel^ das Nichtseinsollende zu entwerten, kein Spiel, das man mit etwas treibt, über das man sich erhaben weiss, dem man aber so viel Komik abgewinnt, dass man es fast damit rechtfertigt.^) Wenn man genauer zusieht, wird man bald gewahr, dass in der russi- schen Satire ein gewaltiges positives Ideal steckt, und dass sie dämm kein Spiel mit negativen, zersetzenden Kräften ist. Sie zerstört nicht, um zu zerstören, sondern um neu bauen zu können. Was für eine verkappte Bevolution ist Tschechow. Es gibt keinen Typus der Heuchelei, der unwahren Lebensführung, der Kriecherei, des Dünkels, der Pedanterie, es gibt keine Verdrängung wahren Empfindens durch Schablone und Offizialität, die sein scharfer, wehmütiger Blick nicht zum Gegenstand seiner Beobachtung gemacht hätte. Er drang in alle Tiefen der Seele ein. Er enträtselte den Mechanismus, der uns den Schein statt der Wahrheit suchen lässt, und aus dem Leben, das wir frisch empfinden, gross führen sollten, ein fratzenhaftes Zerrbild macht. Jede Gestalt ist wahr, so lebenswahr, dass man ihr ihren Ursprung aus den realen Leben anmerkt. Aber die Gestalten sind zugleich ins Typische; allgemein Charakteristische erhoben, von allem Nebensächlichen befreit, sind sie gross, prägnant dargestellt. Sein Werk ist das pathologische Museum der Seele. AUe Entwertungen des Lebens sind hier vorhanden, nicht von einem Pedanten rubriziert, sondern von einem genialen Dar- steller des Lebens in Wachs gegossen. Die ganze Handlungsweise und die Katastrophen, zu denen sie treiben muss, nötigen uns, bis auf den Ursprung zurückzugehen. Die Krankheitsgeschichte, bis zum tödlichen Ausgang von Meisterhand verfasst, zeigt, wie tief der Organismus infiziert war. So ist Tschechow Erzieher zum Sehen. Und er, der Darsteller d^ ^) Die russische Ironie ist im ganzen der Versuchung entgangen, die so leidit der Satire droht, durch die glänzende Darstellung des Unsinnes und der Gemeinheit dee Lebens oine Art Rechtfertigung davon zu geben. Sie ruft selten die Stimmung hervor, die mao etwa bezeichnen könnte: „Wir verzeihen gern etwas Sohlechtes, wenn es eine so geniale Schilderung hervorgebracht hat." Sie ist somit nie Bechtfertigung, sondern Blntwertung des Gemeinen. Die Bedeatung der rnssisdien Literatur. (73 Willenlosen, der leeren Existenzen, der Neurastheniker, ist ein Erzieher zum Wollen. Er zeigt, was für elende, flache Greschöpfe ein unwahres Leben aus uns maoht, und damit spornt er den WiUen an, sich von diesem Leben loszureissen. Und ganz selten — aber dann um so unmissverständ- hcher — mischt sich ein zarter, feiner Ton ein, der das düstere Bild durch etwas Positives ergänzt. Es ist ein lichter, zarter, fast unmerklicher Schein wie der Sonnenstrahl im Hintergrund einer düstem Buysdaellandschaft, durch den aber doch die Landschaft erleuchtet ist, während die Schatten noch trüber werden. Weniger bekannt, bei uns fast unbekannt, ist Saltykow-Schtschedrin, einer der grossten politischen, ethischen und sozialen Satiriker aller Zeiten. Auch er ist darin klassisch, dass die Schärfe seiner Satire seiner Sehn- sucht nach einem ganz grossen, absoluten Ideal entstammt, und dass die Grosse, die er dem satirischen Ziel gegeben, sich aus der Wdte seines, die ganze Menschheit umfassenden, Horizontes ergibt. Der warme, edle Idealist wird zum genialen Darsteller der Heuchelei, aller Zwittergestalten zwischen Tugend und Laster, aller Hüllen, welche Bequemlichkeit und Scheinheiligkeit aufs Leben legen. Der Vertreter eines hohen sozialen Ideals hat die Phrasen des unwahren politischen Ideals an den Pranger gestellt, wie selten einer. Die Hohlheit, Phrasenhaftigkeit und Impotenz des politischen Liberalismus hat dieser Busse in einer Art gegeisselt, die für das der liberalen Phrase g^enüber so wehrlose Europa beschämend ist. Der „Barbar'' ist hier weiter als der Kulturmensch. Er glaubt nicht an die Lüge und kennzeichnet sie als Lüge. Die russische Satire wirkt als erzieherische Kraft. Sie macht nicht die persönliche Entscheidung, die eigene Stellungnahme überflüssig, sondern sie ist ein lauter Aufruf dazu. Es steckt in ihr schon eine geniale Empfin- dung und Deutung des Bösen, und damit appelliert sie an alles, was siel: im Menschen gegen das Böse stemmen kann. • Sie ist der beginn einer Revolution, die ganz von der Tiefe ausgeht, um desto höher zu steigen und alles um so gründlicher zu erschüttern. Damit ist die russische Satire zu einer sozialen, ethischen und reli- giösen Erscheinung geworden. Sie hat mit ihrer langsamen, aber sichern Minierarbeit die Grundlagen der offiziellen Mächte unterwühlt. Wenn Bureaukratie, Absolutismus, Kirche, korrupte Politik unter den Stössen eines äussern Sturms ins Wanken geraten, so ist das nur durch diese un- scheinbare Maulwurfsarbeit denkbar. Und wenn sie trotz ihrer äussern XJnerschütterlichkeit in den Augen der tiefer Blickenden zum Tode ver- urteilt sind, so ist dies zum grossen Teil der Satire zu verdanken.^) ^) Wie hat z. B. Gogols Komödie „der Revisor" mit ihrer Persiflage der Bureaukratie zum Kampf gegen die korrupte Politik angefeuert. Sie eröffnet die Fehde gegen das Reatime ^ äussern Macht und der Bestechung, wie die „Hochzeit des Figaro" in Frankreich den 174 Rassland. Sturmangrifi* (Die revolutionäre Literatur.) Die Satire ist freilich nur der Beginn der Revolution. Sie unterwühlt die Mächte, gegen die man kämi>f en wird, erzieht zum selbständigen Auf- treten gegen sie und löst innerlich von ihnen. Aber man musste offen zum Sturm vorgehen. Der Kampf musste zur Feldschlacht werden. Die russische Literatur hat sich diesem Kami>f nicht entzogen. Sie ist zur Verkörperung des revolutionären Gedankens geworden. Sie hat; zu sämtlichen Formen der revolutionären Aktion aufgerufen, darauf vor- bereitet. Sie ist die geistige Führerin der Revolution geworden. Nicht mechanisch, nicht äusserlich übernahm sie die Führung, e^fWa als blosse Propaganda und RevolutionsUteratur. Auch hier erkannte sie ihre hohe Aufgabe: den Leidenschaften, die in der russischen Seele gären, ssur Konzentration und Klärung zu ver- helfen, ihnen ein starkes, echtes Selbstbewusstsein zu verleihen. In diesem Selbstbewusstsein li^ die Überwindung der zwei Gefahren, die stetsfort der russischen Seele drohen, und die besonders auf politischem Gebiet za den schlimmsten Auswüchsen und Verheerungen führen können. Erstens die Gefährdung durch die wilden, dämonischen Mächte, die sich nur nach zügellosem Toben sehnen,^) und zweitens die Preisgabe an ein äuss^es Gesetz, an eine absolute Autorität, der man sich blindlings unterwirft. Wir haben in den einleitenden Bemerkungen hervorgehoben, wie die beiden Gefahren, die scheinbar einander ausschliessen, tief in der russischeD Seele wurzeln und auf die gleiche Ursache, das Überwiegen des Affekt- lebens, zurückgehen. Die russische Seele fällt leicht einem wilden Chaos anheim, und im Gegensatz gegen dieses Chaotische, Zerfliessende sucht sie ihren Halt an einer rein äusseren Autorität und fügt sich ihr. Sie schwankt zwischen Chaos und Diktatur und kann darum auch beide verbinden. Es ist, als ob die revolutionäre Literatur beide Gefahren begriffen hätte und ihnen entgegenzuwirken suchte. Sie geht hier einfach den W^ weiter, den die russische Literatur überhaupt cJs ihren Weg anerkannt hat. Sie klärt, sichtet, gibt der Leidenschaft die Richtung auf ein weites Kampf gegen das „Ancien regime**. Ihre Tragweite reicht wegen des gröesern Emsies 60gar noch weiter. In einem gewissen Sinn ist auch das ganze Hauptwerk Gogols »»Die toten Seelen" ehe groesartige Satire» bei der die Hauptmotive der russischen Ironie» namentlich der Gegen- satz zwischen Schein und Wesen, zum glänzenden Ausdruck kommen. Was ist das für eine Welt» in der man mit „toten Seelen**» das heisst mit bereits gestorbenen Leibeigenen, glänzsod Karriere machen kanni ^) Eine ergreifende Darstellung des Pandämcnium, zu dem die Revolution werden kann» gibt Dostojewski in seinen »»Dämonen**. Die Bedeutung der ruBsiBchen Literatur. 175 Ziel, befreit sie von Hemmungen, facht sie an und sucht der Revolu- tion zum Sieg über alles, was sie entstellen und verheeren kann, zu verhelfen. • Die russische Literatur ist Seele und gibt Seele. Sie hat auch ge- trachtet, der Revolution Seele zu geben, die Seele, die jede Revolution braucht — vor allem die politische und sozicJe — , wenn sie nicht zum wilden Rausch entfesselter Leidenschaften entarten oder das Opfer des äusseren Mechanismus werden soll. Als reine, grosse Leidenschaft soll die Revolution den Si^ über die unreine tierische Leidenschaft davon- tragen, als heroische Leidenschaft soll sie sich der Versuche erwehren können, sie wieder zu knechten und zu veräusserlichen. Bezeichnend für die revolutionäre Literatur Russlands sind danüt der weite, humane Zug und das Streben, die Revolution vor allem zu bewahren, was sie von innen bedroht, sie wieder der Tyrannei des Schemas, der gesetzlichen Autorität, der geistigen und materiellen Diktatur preis- gäbe. Der Zug in die Weite und die Tendenz, innerlich völlig frei zu bleiben, sind die Grundtendenzen der russischen revolutionären Literatur.^) Lidem die Literatur zur Hauptträgerin des Kampfes wurde, erhielt sie dem Kampf das Seelische und den grossen, das ganze Leben umfassen- den Zug. Die Weite und Tiefe nahm dem Kampf seine Schärfe nicht. Ln Geg^i- teil. Die Steigerung, die den Kampf immer schärfer, unerbittlicher werden lässt, je mehr er, in die Tiefe verlegt, das ganze geistige Ich angeht, ist ein wesentlicher Charakterzug der russischen Literatur. Wir sehen dies schon bei den ersten Kämpfen. ^) Der Verlauf der rasaachefi Bevolution und die Entartung dee Sozialismus in Dikta- tur and Anarchie soll uns nicht an dieser Tatsache irre werden laasen. Was in der letzten Zeit in Russland geschah, geschah im Gegensatz zu den eohtrussischen revolutionären Ten- denzen, wie sie in der revclutionären liteiatur verkörpert sind. Es ist vielmehr das Aus- toben der dämonischen Mächte, von denen die revolutionäre Literatur die Bevolution be- freien wollte, indem sie eine revolutionäre Seele schuf, die stark genug war, eine dämonische Revclutionsromantik imd eine ihrer Form nach zaristische Froletarierdiktatur zu über- winden. Die Vorgänge, die den russischen Sozialismus zu einer Katastrophe des Sozia- lismus, zmn Verrat an einem schöpferischen, lebensfähigen Sozialismus werden Hessen, sind der beste Beweis für die Giöese der Gefahren, gegen die sich die Literatur wandte, indem sie dieBelben von innen her zu überwinden suchte (vgL Dostojewski, ,^Dämonen**). Freilich auch ein Beweis, dass die Kampfe, die die Liteiatur führte „nur von einer Elite ausgingen, welche ie Brüder KJaramasoff** sind nur der mannigfaltige Ausdruck des einen Qrundtbemae „Kampf zwischen lieht und Finsternis** und Sieg des Lebens, des Lichtes. Die Bedeatung der niBwachen Literatar 181 ihre Institutionen sind Prellereien des Satans. Ihre Gerechtigkeit ist ein Spiel, mit dem der Teufel uns narrt. Sie ist eine unentwirrbare Verkettung von Verbrechen, eine grosse Schuld. Aber die Schuld kann gesühnt werden; das Xdcht kann wieder scheinen. Sie ist das Okkupationsgebiet des Teufels; aber Gott kann sie wieder befreien ; aus dem Tod gibt es eine Auferstehung. In diesen Kampf ist der Mensch hineingestellt. Man kann es richtiger ausdrücken: Er ist selber dieser Kampf. Er ist nicht anders zu verstehen, denn als Punkt, in dem beides zusammenstösst : das wilde Heer des Bösen und die Schar der erlösenden Geister.^) Der Weltkampf wird im Gewissen auQgefochten. Der Dualismus, der die Welt bis in die letzten Tiefen zer- reiset, kann in der Seele überwunden werden.' Dazu ist es freilich nötig, dass die Seele sich ganz auf die Seite des Guten schlage. Das Entweder — Oder, das der Welt ihre Spannung und damit ihren Sinn gibt, ist von den Bussen in seiner ganzen Schärfe eifasst worden. Sie schreiben im Stil des Ultimatums. Soll das Böse überwunden werden, so muss die Taktik des Guten ohne jeglichen Kompromiss an- gewendet werden. Alles, was von der anderen Seite kommt, ist Tod und Keim des Todes. So haben wir hier die Psychologie der Genialität des Guten. Diese Genialität besteht zunächst in dem leidenschaftlichen Zug aufs Ganze. Das Genie lebt im Absoluten. Gott will alles. Dieser leiden- schaftliche Zug aufs Ganze ist von den Bussen dank ihrem starken Ein- fühlungsvermögen erfasst worden. Gott lässt nicht mit sich markten and feilschen. Und die, die auf Gottes Seite stehen, tun es auch nicht. Sie treten auf für seine Sache, kennen nur ihn und seine Gegner. Ihr Leben ist darum Leidenschaft und Krieg. Leidenschaftliche liebe zum Guten, Krieg dem Bösen. Die Genialität des Guten besteht weiter darin, dass es an sich, nur an sich glaubt. Der Glaube muss überzeugt sein, dass er wahrer ist als die Wirklichkeit, wenn er etwas schaffen soll. Das Sein ist ilim eine Lüge. Das Gute weigert sich, zu betteln. Es braucht seine Methode, wie töricht sie dem Uneingeweihten auch scheinen möge. Der Glaube ist nie 80 schöpferisch, wie da, wo er im wahnsinnigsten Widerspruch zur schein- ^) Am ergreifendsten ausgedrückt in den „BriStdsrn Karamasoff" Dostojewskis. ,JDaa Tier sohlummert in dir, Bruder, so sehr du auch ein Engel sein magst. Furchtbares Qeheim- IU8. . . . Wir haben hier einen Karamasoff, der in dem weiten Raum seiner Natur zwei widersprechende Instinkte vereixiigen kann; er kann zwei Abgründe fassen, oben an sich die Unendlichkeit das Ideals, unten an sich die schwindelnde Tiefe der schmutzigsten Ver- worfenheit. . . . Ein Karamasoff kann sich von der unwürdigsten Wollust hinroissen lassen und sich von der in ihm entfachten liebe beeinflussen lassen." Das ganze Buch ist das ergreifendste symbolische Bekenntnis, in dem je ein Volk seine seelischen Kfimpfe, sein Bingen, seine Qual zusammengefasst. Die Karamasoff sind Buss- land mit der Bestie, die in ihm schlummert, und mit dem Heiligen, der die Bestie bezwingen und besiegen kann. 182 Rusflland. baren Wahriieit steht. Das Gute ist nie so unüberwindlich, als wenn es, nur auf sich gestellt, voller Verachtung für die Methoden der Gegn^. sich selbst bis zum scheinbaren Untergang treu bleibt. Wie das Gute durch seinen absoluten Glauben an sich die ganze Welt aus Band und Band bringt, wie es überall als Störenfried auftritt, aDes aufwühlt, die Gegner zur Verzweiflung bringt, eine neue Welt schafft, dafür hat die russische Literatur die klarste und reinste Form gefunden. Und ebenso wie der Sturm des Bösen an dieser schlichten, einfachen, ihrer inneren Kxaft gewissen Gestalt abprallt.^) Gerade hier bedürfen unsere Urteile einer Revision. Wir sind gewöhnt^ den Bussen, namentlich Tolstoj, einen gewissen passiven „Nicht wid^- stand"^) anzudichten und diesen auf den passiven Charakter der Basse zurückzuführen. In Wahrheit ist dieser NichtWiderstand etwas ganz anderes, etwas, das nur im Zusammenhang mit den übrigen Geisteskampf 01 betrachtet werden darf. Er ist der Ausdruck dafür, dass den Bussen die königliche Autononue des Guten in ihrer hehren Majestät aufgegangen ist. Weder Tolstoj noch die, welche ihm folgen, sind Vertreter des Nichtwider- stehens. Die Nichtanwendung der Gewalt heisst einfach, dass das Gute seine eigene, seine göttliche Technik hat und zu gross ist, um sich roher Mittel zu bedienen. So schwingt sich der russische Geisteskampf zum Kampf zwischen Heiligkeit und Bosheit auf. Der Ausdruck, den die russische Literatur diesem Kampf gegeben hat, ist darum so erhaben, weil bei ihr die Heilig- keit nur dann siegt, wenn sie sich völlig treu bleibt und nicht das Geringste von ihrem Ideal fahren lässt. Dann aber gewiss.*) Dass der Glaube das Sein entwertet, dass die Heiligkeit die Weh au& den Angeln hebt, dass Opfer, Leiden und Liebe die grösste Kjntt sind, das ist der Grundton der klassischen Werke der Bussen. Es ist, als ob dieser Gedanke in dem Mass Gestalt gewänne, als man sich dem Höhepunkt der russischen Literatur nähert. „Auferstehung" und die „Volkserzählungen" von Tolstoj, „Schuld und Sühne", „Der Idiot",*) 1) ToLtoj, „Die Kerze", „Der Verbannte". Dostojewski, ,J>er Idiot", ,J>ie BrCkder Karamasoff". *) Es ist f«eltßam, wie sehr Tolstoj hier — auch von Russen — missveratand») wird. Man vergisst inuner, dass er seiner Mahnung „Widerstehe dem Bösen nicht", „durch das Böse" beifügt. Das heisst: widerstehe nicht mit den Machtmitteki des Bösen. Aber widerstehe, so viel du magst, mit den Mitteln des Quten. Diese scheinbare Passivität ist somit in Wirklichkeit der wärmste Appell an die Tatkraft. Das Opfer ist nicht weniger schöpferisch als die Grewalt. ') Am ergreifendsten dargestellt in der schlichten Erzählung Tolstojs : „Die Kerze". *) Der „Idiot" ist ein Mensch, der, zum Teil infolge einer Lähmung der abstrakten Verstandestätigkeit, eine wunderbare Entfaltung der tieferen Seelenvermögen erfahren hat. Er ist der „Arme im Geist" des Evangeliums, vor dem die Geheimnisse des Gottesreicfaes nicht verhüllt sind. Er ist nach dem Urteil der Welt borniert und vorsteht alles, was Liebe* Die BedeutnQg der niBBischeii Literatur. Ig3 ,,I>ie Brüder Karamaaoff'" von Dostojewski stellen dar, wie die heilige Welt des Guten in die Welt der Finsternis eingreift. ' Sie bringt den Zwiespalt hinein; sie ruft zum Widerstand auf; sie treibt zur Empörung. Sie wird angegriffen und ausgelacht. Ihre Vertreter gelten für Narren, Idioten. Der ,, Idiot" Dostojewskis, dieser moderne Don Quijote, ist der Vertreter dieser Gruppe. Aber diese Gruppe von Leuten zerbricht das Joch, das schwer auf der Welt liegt. Diese Narren sind arm und machen alle reich. Sie sind verachtet und veifehmt und geben von ihrer königlichen Erhaben- heit aus der Welt wieder Würde und Grösse. Sie sind offiziell gebrand- markt^) und reissen die Welt aus Sünde und Schande. Sie sind die Träger der liiebe, der Demut, der Wahrheit. In ihrer menschhchen Relativität, gerade durch ihren Verzicht, etwas zu sein, etwas für sich zu erstreben, sind sie Gottes Vertreter. Er kann in ihnen lebendig sein, weil sie ihm alles zur Verfügung stellen. Darum haben diese Gestalten dem Lebensproblem die höchste und letzte Wendung gegeben: eine gefallene, im Schmutz und Sünde ver- sunkene Welt kann durch Gott und die Träger seines Geistes wieder auf- gerichtet werden. Die Schuld ist unermesslich; sie macht allen Optimismus und j^liche Harmonie unmöglich. Aber sie führt auch nicht in die Nacht der Verzweiflung hinein. „Schuld und Sühne'' und „Auferstehung'' sind der höchste Ausdruck des russischen Geistes. Was die Dichtkunst als unmittelbarer Ausdruck des Volksgeistes, mit ihrer Anschaulichkeit und ihren prägnanten Grestalten zu geben ver- mag, fehlt auch beim systematischen, abstrakten Denken nicht. Die rus- sische Philosophie nimmt in der Weltanschauung ihres grössten Ver- treters, Solovieff , die gleiche Wendung. Sie wird zum prinzipiellen Kampf, zur Tragödie zwischen Gott und dem Teufel, zu einer Tragödie, in der wir stehen, deren Konflikte wir zum Austrag bringen müssen. Und auch hier die Zuspitzung auf einen definitiven Endkampf. Aus der Tiefe der Not, des Verfalls ergibt sich die Notwendigkeit eines letzten Ansturmes des Bösen und eines letzten grossen Sieges Gottes. Busslands Denker wird geniale Intuition» Einfühlen in fremde Leiden offenbaren kann. Verkürzt auf der einen Seite, entwickelt er sieh van. so stärker auf der andern. Ritterlichkeit, Gerech tigkeits liebe sind um so mehr gesteigert. Damit stört er die ganze Welt, rüttelt sie auf. Wo ei hinkommt, Zweifel, Verzweiflung, das bange Ahnen, dass alles schief steht und geht, Irrewerden am landläufigen, offizieUan Massstab. Dem „Reinen Toren" muss man das Zeugnis ausstellen, dass er nicht nur ge- scheiter ist, als die „Weisen und Klugen", sondern dass seine Taten weiter reichen. ^) „Sonja" in „Schuld und Sühne" ist der charakteristische Ausdruck davon. Die Hure ist nicht nur selber erlöst, sie erlöst. Sie führt die Wendung von der Schuld zur Sühne Wbei, sie reinigt, läutert, befreit die Seel<*. 184 Boflslud. zum Apokalyptiker. Er ist so gut wie Busslands Dichter Dostojewski and Tolstoj der geistige Erbe der Propheten des alten Bundes und der eBchato- bgischen Erwartung des Christentums. Er glaubt an das Konmien des „Antichrist". Er glaubt aber auch an das Kommen eines Grösseien, d& dem Beich des „Antichrist" ein Eude machen wird. Mit dieser letzten Wendung hat die russische Literatur den Kampf auf das Gebiet der Beligion hinübergeführt. Je mehr sie sich klärte, sich vertiefte und auf ihre Art kämpfen lernte, desto mehr trat Busslands Seele in bewusste Beziehung zum inneren, freien Wesen des Christentums. Nicht im Sinne einer äusseren Abhängigkeit, nicht, um sich an Kirche und Ffaffentum zu verlieren. Sondern auf autonome, spontane Art. Sie hat sich selber durch diese Macht der Befreiung gewonnen, ist daran erstarkt, frei geworden von der Knechtschaft des äusseren, von der kirchlichen Deformation, den entnervenden Kompromissen. und nun tritt sie auf, noch von dem Feuer durchglüht, das in ihr selber die Schlacken zerschmolz, als Vorkämpferin des Christentums. Tolstojs Bauern, Pilger, Narren; Dostojewskis Hure(i und Heilige: Sonja, Alioscha, Karamasoff, der Idiot sind nicht Menschen, die nur für sich und ein paar andere etwas Besseres erstreben, sie sind Gottes heilige Schar. Der Kampf ist zum Eaeuzzug geworden. m. SIEG. Das Wesen der russischen Literatur haben wir unter dem Gesichts- punkte des Kampfes dargestellt. Bei der Frage der Gesamtbewertung kann es sich nur darum handeln, ob der Kampf mit Sieg oder mit Nieder- lage geendet hat. Der Kampf war ein Sieg und ist ein Sieg. Freilich in einem sehr weiten, in einem sehr geistigen Sinne, dem nichts von äusseren Erfolgen, von augenblicklicher Herrschaft über die Feinde, von definitiver Be- hauptung des Schlachtfeldes anhaftet. Die russische Literatur hat Siege errungen, deren Grösse weder doich äussere Niederlagen noch durch politische Unterwerfung und soziale Ent- artung vermindert werden kann. Das Volk, das bis auf den heutigen Tag nicht weiss, was ein grosser äusserer Sieg ist, und das auch mne Bevo- lutionen in Sklaverei geb|*acht haben, hat in seinen geistigen Kämpfen Siege erfochten, auf die es ohne Selbstüberhebung stolz sein kann, und die Ausdruck eines Kampfeswillens sind, der über äussere Niederlagen hin- weg zu neuen Kämpfen entflammen wird. Die Bedeutung der rawiflchen Literatur. Jg5 Sieg der Idee Ober die Form« Die Bedeutung und Wirkungskraft der rusaischen Literatur hängt mit einem Moment zusammen, das wir hier nur streifen können, das wir aber berühren müssen, weil es der russischen Literatur die Möglichkeit verliehen hat, die weitesten Anregungen zu geben. Das Leben, das in der russischen Literatur steckt, ist darum so an- regend, weil es sich eine Form geschaffen hat, in der diese anregende Kiaft wirken kann. Die höchste Kunst steht hier im Dienst der erhabenen Idee. Die russische Literatur hat es verstanden, für die Idee, die sie vertritt, den Geist, den sie verkörpert, den Zweck, den sie verfolgt, auch die Form zu finden, die der Idee zum Si^g verhilft, dem Geist zum Träger dient. Sie ist zart, weich, von einer ausserordentlich feinen Nüancierung, wenn sie die Seele, ihren Zauber, ihre Schönheit zu schildern hat. Da ver- mag sie es, diesem so zarten seelischen Besitz, ohne ihm Gewalt anzutun, Ausdruck zu verleihen. Was in den Tiefen der Seele steckt, vermittelt sie, ohne dass es sich einer steifen Form zu bedienen hat. Sie wird ergreifend, herzzerreissend, wo sie die Not dieser Seele zu schildern hat; sie wird zum Seufzer, der sich dieser Qual entwindet, sie wird zuin Schrei der ringend^i Seele, zu ihrem Todesröcheln. Sie kann, wenn sie von Liebe, Opfer zu reden hat, so weich sein, wie keine Literatur; sie kann, wo es Härte gilt, härter sein als Stahl in ihrer herben, realistischen Wahrheitsliebe. Zart wie Frühlingsstimmung, wird sie zum Sturm, wenn schwüle, erstickende Luft dem Sturme ruft. Sie kennt nicht nur die Leiden, die Verzweiflung, das Bingen der Seele, sondern auch ihre Empörung, ihre Wucht. Sie hat die Form gefunden, deren sich der revolutionäre WiUe zu bedienen hat, um die Wahrheit der Bevolution zu erweisen, ihre Grösse erleben zu lassen. Sie versteht sich darauf, die grausige Wucht des Bösen zu schildern; sie kann die dämonische Macht des Teuflischen, die Majestät des Bösen schildern; aber sie kann auch die Erhabenheit des Heiligen ausdrücken, das über das Teuflische siegt. So ist sie eine der grossartigsten Formen, die sich das Leben, und was des Lebens 'Seele ist, geschaffen hat, um Einschlagskraft zu haben. Damit ist die russische Literatur Kunst im höchsten Sinne des Wortes. Sie gehört zur Kunst, die die schwere Tragik des Lebens erleben lässt und das Heroische weckt. Ihre grossen Schöpfungen gehören neben Shake- speare, Dante, Michelangelo und Beethoven. In ihr lebt, was in der grössten Kunst lebt: Wille zum Sieg trotz allem, was das Leben zur grausigen Tra- gödie macht — und Sieg. Sie ist Wille zum Sieg, nicht nur zum Si^ der klaren, einfachen Form über das Formlose, Chaotische, zum Sieg des Gedankens über das, was den Flug des Gedankens hemmt, zum Sieg des Lichtes über die Finsternis. 186 RusslaniL Was nützte den Bussen ihre ganze Ironie, ihr satirischer Sinn, wenn diese beissende, entwertende Ironie sich nicht in der Sprache Tschechoffs tuA Saltykoffs die Form geschaffen hätte, die sie braucht, um schnöden, stechen zu können. Und was würde aus ihrem Gefühl, dass d^ Menm zwischen Gut und Böse gestellt ist, wenn sie nicht die Form gefunden hätte, welche die dämonische Grösse des Bösen und die Überlegenheit des Gutai ausdrückt. Wie echt die Kunst hier ist, zeigt sich in der organischen Einheit und in der Steigerung, die die Entwicklung der russischen Literatur auf- weist. Nicht nur sind ihre einzelnen Vertreter Künstler, sondern sie i^ als Ganzes ein grosses Kunstwerk. Gerade als Kunst ist die russische Literatur ein Sieg. Sie hat dem reinen Gedanken durch die reine Form zum Sieg über das dämonisch Zerstörende, Verheerende verhelfen. Sie hat es auch vermocht, in die wilde, nicht abgeschlossene Tragödie des Lebens so einzuweihen, dass sie zur lebendigsten Aufforderung wird, die Tragödie zu Ende zu denken und zu Ende zu führen. Ihr schönster Sieg ist, dass sie nicht ein d^nitiver Sieg ist, sondern vor die unerbittliche Tatsache stellt, dass der Kampf nur eingeleitet ist und weitergeführt werden muss. Sie ist darum so hohe, ergreifende Kunst, weil sie kein Ende, kein Definitives ist, sondern die ganze unheimhche Unendhchkeit des Lebens, ihre Konflikte ahnen lässt und die wilde Lust weckt, sich in diese Unendhchkeit hineinzuwagen. Sie hat die Form gefunden, in der die Unendhchkeit als Heiligkeit, als Liebe, als absolutes Ideal den menschlichen Geist ergreifen kcum, um ihn auf die hohe See des Unendhchen hinauszuführen. Innerer Sieg. Geistige Expansion. Wir sagten am Anfang, die Literatur sei das Werden des Selbstbewusst- Seins eines Volkes und die Probe, ob dieses Volk der Menschheit etwas za geben vermöge. In der russischen Literatur haben wir zunächst das Werden und Wachsen des russischen Geistes gesehen, seine EL&mpfe mit sich selb^, sein Bingen mit den Gefahren und EntartungsmögUchkeiten, die ihm drohen. Es bleibt uns nun zu sehen, was für bleibende Werte die russische Literatur damit geschaffen hat. Die Literatur sagt uns, was ein Volk sidi selber sein kann und was es der Menschheit zu geben hat. Diese beiden Punkte hängen aufs engste zusammen. Man muss ja etwas sein, um etwas geben zu können. Was die russische Literatur ist, lässt sich vom Standpunkt, den wir während dieser Betrachtung eingenommen haben, etwa folgendermassen zusammenfassen: Sie ist ein einzigartiges Erleben der tragischen Grösse Die Bedeatnng der niflsiacheii Literatur. 187 les Üiebens. Indem sie diese Tragik auf erschütternde Art erleben lässt, ^eckt sie auch die Kräfte, die den Konflikt lösen können. Sie ist Kampf- (tellung und Aufruf zum Kampf. Das Heroische ist ihr Grundzag, das, ¥as sich am deutlichsten abhebt, und was bleibt, wenn man das Neben- Schliche streicht. Je mehr man sich den klassischen Werken nähert, lie den reinsten Ausdruck des literarischen Schaffens bilden, desto deat- icher tritt er hervor. Dieser Grundzug äussert sich zunächst in der Weite und Spannung, lie dem Kampf gegeben wird. Als unentw^te Forscher nach dem Sinn des Lebens sind die Bussen weit vorgedrungen. Sie haben sich auf dem stiirmischen Meer weit hin- ]kus gewagt. Der Horizont, der von anderen als äusserste Grenze angesehen wurde, löste sich ihnen auf, sie wagten sich in die Unendlichkeit hinein, die sich vor ihnen auf tat. So gelangten die russischen Schriftsteller dazu, den Sinn des Lebens in einem Kampf zu erblicken, der sich auf viel weiteren Gebieten abspielt, als der engen Sphäre des menschUchen Daseins. Dieses Dasein ist in das Ewige, Absolute getaucht, und von überall her dringen Kräfte hinein, die es zum Hauptkampfplatz machen. Wie die homerische Feldschlacht nur der Reflex der Kämpfe ist, die sich die Olympier liefern, so ist das Leben der Spiegel der G^ensätze, die die Welt zerreissen. Es ist mehr als Reflex, es ist der Ort, wo die Entscheidung fallen muss. Es gibt kein menschliches Leben, kein soziales Problem, kein noch so bescheidenes Gewissen, in dem nicht Gut und Böse ringen, und wo nicht das Licht über die Finsternis, die Finsternis über das Licht siegen kann. Der Spannung und Weite der G^ensätze entspricht die Intensität, die ihnen gegeben wird. Es gilt hier ein absolutes, heiliges Entweder — Oder. Das Leben, wie es die Russen empfinden, verlangt Stellungnahme. Die russische Literatur ist eine Ausschaltung des „Sowohl — Als auch". Man gehört entweder Gott oder dem Teufel an. Beide haben ja ihr Reich, in dem man sich einbürgern kann. Aber Doppelbürger sind ausgeschlossen. Man hat die Wahl: das Reich der Schuld oder das der Sühne, das Reich des Todes oder die Auferstehung, — aber entscheiden muss man sich. Darum drängt alles hier zur grossen Lösung. Aus der Absolutheit des Entweder — Oder ergibt sich die Notwendigkeit der absoluten Hingabe. Es liegt auf der Hand, was eine solche Literatur für ein Volk be- deutet. Sie ist sein Heiligtum, sie ist der erhabene Ausdruck, den es selber seinem Drang nach Wahrheit, seiner Sehnsucht nach Heiligkeit gegeben hat. Es liegt darin der Wille, im Elampfe mit allem, was es herunterreissen tann, Herr zu bleiben. Auch ihre Siege sind eine Verpflichtung weiter zu kämpfen. Das wunderbare Zeugnis, das die russische Literatur dem Beruf ibres Volkes ausstellt, wird zum schärfsten Gericht, wenn man von der Igg RuMlaniL ' Linie abweicht, die den hohen Beruf des Volkes angibt. Wer aoicke Werte gesohaffen hat, muss weitergehen oder wird an sich selber zam Verräter. Danüt wild die liteiatur für uns Nichtrussen zum besten Mittd Bussland zu bewerten — auf gerechte Art, ohne Schönfärberei, ohne aprio- risches Loben und Tadeki. Sie ist der Ausdruck einer heroisch ringeadni Seele. Sie ist der ehiliche Ausdruck des ehrlichen Kampfes, den ein Volk vor allem mit sich selber geführt hat, mit allem, was es knechten, ont^a- drücken kann. Sie ist das ausführliche Bekenntnis alles TJngesnndeiL Chaotischen, Krankhaften, was im Volk steckt, aber zugleich die Offen- barung des Willens, darüber Herr zu werden. Sie ist nicht der Elndsieg. aber die Aufforderung, weiter zu kämpfen. Sie ist noch Ringen und GärezL aber sie gibt die Richtung an, auf der man aus dem Bingen zum Si^ ge langt.*) Man muss vor allem zwei Punkte berücksichtigen, wenn man an Hand der russischen Literatur zu einer gerechten Würdigung des roasischeii Volkes und seiner Zukunftsmöglichkeiten gelangen will. Sie gibt dem Lebenskonflikt eine solche Intensität und Spannung, dass er nicht sofort gelöst werden kann. Daher der Eindruck des noch nicht Ausgeglichenen, noch nicht Abgeschlossenen; sie ist der Ausdruck einer Stellung zum Leben, die * — im Interesse einer späteren, ganz grossen Lösung — eine sofortige, oberflächliche Lösung verunmöglicbt. Kleine Ziele sind leicht und einfach zu erreichen, grosse erreicht man nicht ohne weite Wanderungen, ohne Fehltritte und Irregehen. Femer müssen wir bedenken, dass die russische Literatur der Kampf war, den eine Elite führte. Sie war der einzige Kampf, den man sich gestatten durfte, und durch den man weitere Kämpfe vorbereiten konnte. Darum hat es hier die Vorhut zu einem ganz grossen Kämpfen und Wagen gebracht, das als eine Art Präformation dessen, was einmal aus dem ganzen Volk hervorgehen könnte, zu betrachten ist, aber einstweil^ nur als Präformation gelten kann. Die Bewertung der Bussen, zu der uns die Literatur verhilft, ist ein kräftiger Glaube an die Zukunft einer Basse, die sich ein solches Zeugnis ihrer Kampffreudigkeit und ihrer Befähigung, die tiefsten Lebensprobleme zu stellen und nach einer grossen Lösung zu ringen, gegeben hat. Nichts macht uns von einer unwürdigen Anbetung und Vergötterung des Bussen- tums so frei • — ohne uns den Glauben an seine Zukunft zu rauben — als das Studium des persönlichsten Zeugnisses, das der russische Geist sich in seiner Literatur selber gegeben hat. ^) Hier muss noch beeonders die grossartige Aiiiribhtigkeit betont ureiden, mit der die russischen SchriftsteUer die harten Fehler und Gebrechen ihres Volkes rüokBicbtsloe aizf- decken und geissein. Die Bedeatang der niBsiBcfaen Literatur. 189 Und damit kommoD wir auf den letzten Punkt. Was hat uns die russische Literatur zu geben? Es ist nicht zu bestreiten dass die russische Literatur sehr viel Bus- sisches» nur Russisches enthält. Aber wenn man von diesen spezifisch russischen Zügen absiebt, bleibt sie dank den Problemen, die sie aufge- w^orfen, dank den Lösungen, nach denen sie gerungen hat, eine Literatur, die so gut wie alle andern, mehr als manche andere, ein wertvolles Gut der ganzen Menschheit sein sollte. Der stete Vertiefungs- und Konzentrationsprozess« durch den die russische Literatur den seelischen Besitz des Volkes zur prägnanten Schärfe bringt, gleicht dem Prozess, durch den die Kohle sich zum Diamant ver- dichtet. Je grosser die Konzentration, desto gewaltiger die reine Leucht- kraft. Die russisdie Literatur hat Werte geprägt, die zum Wertvollsten gehören, das der Menschheit zu einer grossen Orientierung verliehen worden ist. Fasst man zusammen, was sie uns zu geben hat, so kann man sagen: Die russische Literatur ist eine ganz einzigartige Anregung zum Erleben, zum Sehen und zum Wollen. Sie ist damit, wenn man dem Wort jeden pedantischen, schulmeisterlichen Geschmack nehmen will, eins der grossten Erziehungsmittel, die der Menschheit zu ihrer Selbsterziehung verlieh^i worden sind. Mit den russischen Autoren leben heisst Ernst machen mit dem Ernst des Lebens und die Konsequenzen daraus ziehen. Sie führen uns in eine unendlich zerrissene Welt, eine Welt des Schmutzes, der Schande. Sie sind die Bealisten, vor denen der übrige Bealismus verblasst und künst- lich erscheint. Aber aus ihrer Darstellung der Schmach und des Schmutzes spricht nicht Verzweiflung. Sie räumen mit allem Schein auf, mit dem man so gern die Welt umhüllt, um sie weniger ernst nehmen zu müssen; sie entfernen alle Hüllen, und gerade die glänzendsten reissen sie am unerbitt- lichsten hinweg. Die Nebelschicht, die den Abgrund bedeckt, wird weg- gefegt. Wir schauen in schauderhafte Tiefen. Aber wenn wir in die Tiefe schauen, werden wir nicht von der Tiefe angezogen. Der Abgrund, der sich zu unseren Füssen auftut, zieht uns nicht herunter, er zwingt uns, empor- zustreben. Das Wilde, Zerrissene, das. sie uns am Leben enthüllen, ist nicht ein Ende, sondern ein Anfang, ist nicht eine Tatsache, die man einfach zu buchen hat, sondern ein Appell, auf den man antivorten muss. Die Welt blutet, aber sie ruft nach Hilfe; sie röchelt, aber sie soll ihre Auferstehung feiern. Vonf Schein befreit A^erden wir, damit wir um so kräftiger wollen. Im Wesen der Dinge leben, heisst handeln, auf die höchste Art handeln: durch Kampf, Liebe und Opfer. Die russische Literatur hat etwas Paradoxes an sich. Der Bealismus, neben dem die Bealismen unserer westlichen Literaturen verblassen, steht 190 RoBsland. im Dienste dee höchsten Ideals. Aber durch ihren paradoxen Charakter wird die rassische Literatur eine Einführung in die Paradoxien und. Anti- noroien, ohne die das Leben etwas Flaches, Lebloses bliebe. Keine Lite- ratur hat so gross, so unerbittlich die düstersten Seiten des Lebens ge- schildert, wie sie; aus keiner ergibt sich so kräftig der Wille, diesen Sdunutz wegzufegen. Darum erzieht sie so sehr zur Überwindung des ParadoxeE durch die Einheit des Charakters. Den unerbittlichsten Realismus mit dem leidenschaftlichsten Idealismus zu verbinden, ist für sie keine Unmog^di- keit. Sie bildet eine freie Gesinnung, die den Schein verachtet, den Kampf für ihre Wonne, den trotzigen Heldenmut für ihr normales Wesen. hSh, und die im Opfer die höchste Form der Selbsttätigkeit erblickt. Die Konzentration auf die schwersten, innerlichsten menscblich^i Konflikte macht es ihr auch möglich, weit über die Grenzen aller Nationen hinw^ allgemein menschliche Ziele zu verfolgen. Dass Bussland eine allgemein-menschliche, übernationale, internatio- nale Mission hat, ist die tiefste Überzeugung seiner grössten Geister. Hierin treffen sich sein grösster Philosoph und der Schriftsteller, der am gewal- tigsten von der Idee der Mission ergriffen wurde, zu der Bussland be- rufen ist, wenn es die dämonischen Geister überwindet, die es zugrunde richten können. „Die Existenzberechtigung der Nationen liegt nicht in ihnen sdber, sondern in der Gesamtmenschheit." „Um das wahre russische tdeal zu erfassen, muss man nicht fragen, was Bussland für sich selber und nur aus sich selber vollbringen wird. Um seine Mission wirklich zu erfüllen, muss es mit ganzem Herzen und ganzer Seele am Gesamtleben der christlichen Welt teilnehmen und seine sämtlichen nationalen Energien dazu verwenden, im Zusammenhang mit ^anderen Völkern die absolute und vollkommene Freiheit des Menschen- geschlechts zu verwirklichen." Sohmeff. „Ich sage, dass von allen Völkern Europas das russische Volk am fähigsten ist, die Idee der allmenschlichen Einigung, der Nächstenliebe, der unparteiischen Beurteilung, die das Feindliche verzeiht, das Ungleiche unterscheidet und entschuldigt, die Widersprüche aufhebt, in sich auf- zunehmen." Dostojewski, Die russische Literatur gibt grosse humane Zwecke, sie lehrt uns, weit über einen bornierten Nationalismus hinaus allgemeine Ziele zu verfolgen. Durch die ganze Literatur hindurch von den Sagen bis zu den Schöp- fungen der Meister, von dem naiven Volksbewusstsein bis zu d^n gedanken- schweren philosophischen Apokalypsen Soloviaffs zieht sich der Gedanke, dass der Beruf des russischen Volkes darin besteht, die Annäherung der Bässen und Nationen zu fördern und die trennenden Unterschiede weg- zufegen. Wir können den Bussen das Zeugnis nicht versagen, dass ihre Die BedentuDg dor nusiBchen Literatur. 191 Literatur diesem Gedanken eine hohe theoretische Form verlieben hat md durch ihre Arbeit eine mächtige Förderung desselben gewesen ist. Die Literatur, in die die russische Seele ihre heisse Sehnsucht nach einer reinen Menschlichkeit gelegt hat, wird darum eins der vornehmsten Er- dehungsmittel der Menschheit bilden am Tag, da sie sich ernstlich auf ihre Bestimmung besinnt und sie im Kampf mit allen Kräften des Bösen, die sie daran hindern möchten, zu füllen sucht. Die pädagogische Bedeutung der russischen Literatur ist mir nament- lich im Verkehr mit der Jugend aufgegangen. Auffallend ist die Beliebtheit, deren sieh die russischen Schriftsteller bei nnserer Jugend erfreuen, und auffallend sind die Gründe, die dafür ang^eben werden. Als solche glaube ich vor allem nennen zu können: Die plastische, packende Form, die sofort ergreift und in das Leben ein- führt. Der Realismus, der als etwas Wahres, Echtes empfunden wird, da er nicht Selbstzweck ist, sondern dem Idealismus dient. Die Jugend schätzt hier, dass man sie an Hand der konkretesten, ein- fachsten Tatsachen (ich denke unter anderm an Tolstojs Volks^zählungen) in die Wirklichkeit des Lebens einführt, dass man sie ohne Täuschung, ohne falsche Romantik mit dem packenden Leben in Berührung bringt, Sie schätzt auch, dass ihr der Ernst, die Grösse und Tragik, die in diesem zufälligen, scheinbar banalen Leben liegen, mit allen Mitteln echter Kunst nahe gebracht werden. Die Jugend liebt die russische Literatur, weil sie im Alter, da man nach einer ernsten, echten aber nicht autoritären Einführung in das Leben dürstet) hier eine solche Einführung findet, die sie überzeugt, ohne sie zu vergewaltigen, und sie gefangen nimmt, indem sie alle Bester der Selbst- tätigkeit zieht. Sie sieht darin Wahrheit, nicht Gemachtes, Erkünsteltes, keine flache Haimonie, keine auf Kosten der Wahrheit hergestellte, glatte Lösung. Sie empfindet dies als einen wohltuenden Gegensatz zu der falschen Bomantik und dem Theatralischen, mit denen man sie so gern nährt. Sie sieht aber auch, dass die Wahrheit des Lebens, obschon sie etwas Schlimmes, ja Verbrecherisches, Schmutziges sein kann, doch nichts ist, was die Freude am Leben unterdrücken und den Drang nach Selbsttätig- keit lähmen muss. Die Jugend mag im allgemeinen den Naturalismus nicht. Aber gogen einen Realismus, der die Düsterkeit des Lebens so zu schildern weiss, dass er zum lautesten Aufruf wird, die Ej'äfte zu suchen, die in diese Düsterkeit einbrechen können, hat sie nichts einzuwenden. Sie spürt, dass das Leben hier etwas Wichtiges, Interessantes ist, etwas, das ernst ist, ohne langweilig zu sein, etwas, das zu keiner Schul- aufgabe wird. Der Zauber, den die russische Literatur in den Augen der Jagend besitzt, beruht gerade auf ihrer Fähigkeit, die Spannung des 192 Rasslaad. Lebens, die ganze Macht dee Bösen erleben, und zugleich die ganze Kraft verspüren zu lassen, die sich dagegen aufbäumt, und die Freude, diese Kraft zu betätigen. Sie wirkt hier durch die Wucht ihrer Grösse, gerade weil sie nichts Moralpädagogisches im gewöhnlichen Sinn des Wortes an sich trägt. Die russische Literatur kommt damit dem seltsamen Gemisch von realistischem Sinn, Phantasie, Durst nach dem Überschwänglichen, und Wille, sich in der Realität nichts vormachen zu lassen, das wir die jugend- liche Seele nennen, entg^en. Sie befriedigt ihren Realismus und braucht ihn letzten Endes als Grundlage für den kühnsten Sprung in das R^ch der Phantasie, des noch zu Schaffenden. Sie ist als revolutionäre Lito^tur die Literatur der Zeit, in der der Mensch revolutionär ist, und so sein soll. Sie gibt dem Drang nach Taten Nahrung und Anregung. Sie zeigt, wie der wilde Mut, der sich gegen HuUen, offizielle falsche Werte auf bäumt, berechtigt ist und Charakter beweist. Sie zeigt aber, wie man dieeen Drang haben kann, ohne zu zerstören und einem verderblichen Negativis- mus anheimzufallen. Hier spürt die Jugend, wie man dem revolutionären Trieb folgen kcum, ohne brutale Gewalt auszuüben. Ihr revolutionärer Drang wird geläutert, subUmiert. Sie sieht, dass man ein Heiliger aein kann, ohne ein Dummkopf zu sein. Ich habe nie bemerkt, dass Iwan der Narr oder Dostojewskis Idiot komisch wirkten. Hier lernt sie auch, dass man auf die Gewalt verzichten kann, ohne ein Feigling zu sein, dass man an Gott und das Gute glauben kcuin, ohne Kopfhänger zu sein. Die Sehn- sucht der Jugend nach ungehemmter Tätigkeit verbindet sich hier mit einer grossen, reinen Welt, in der es eine Lust ist, diese Selbsttätigkeit auch unter Opfern zu entfalten. Wir haben in der russichen Literatur einen äusserst wertvollen Schatz von Anregungen, die Möglichkeit, in unserer Jugend starke Gefühle zu wecken, sie das Echte vom Unechten unterscheiden zu lehren, sie zu einem starken, wahren Empfinden zu erziehen, sie zur Verachtung von Schein und falschen Werten zu führen. Sie bietet uns die Gelegenh^t, einen starken Willen in ihr zu wecken, sie die ganze Spannung des Lebens erleben zu lassen, so dass es ihr zur Wonne wird, sich mit Aufwendung ihrer ganzen jugendlichen Kraft daran zu beteiligen. Es wäre an der Zeit, dass wir dies einsahen und diese Literatur in diesem Sinn mehr verwerteten. Siegeshofihung. Eine genauere Analyse der russischen Literatur drängt zu dem Er- gebnis: diese Literatur ist eins der ergreifendsten Kapitel der mensch- lichen Geistesgeschichte üb^haupt. Sie steht im Zentrum des Kamjrfes, 5. Die Arbeiterbewegung in Russland (Kononow). 6. Die Kooperation (Kononow). 7. Die Staatsverfassung des altenRusslands und die Reichsdum^ (K. Ssiwkow). , 8. Die Revolution vom Jahre 1917 (Fedorow). 9. Pädagogik und Schulwesen in Russland (N. Ru- mjanzew). 10. Die russische Frau (N. Oettli-Kirpitschnikowa). 11. Die russische Gesellschaft (P. Stepanowa). Die Redaktion behält sich das Recht vor, Veränderungen in der lier angegebenen Reihenfolge der Aufsätze zu treffen. Das Werk ist ein Buch russischer Autoren, das für nichtrussische L»eser verfasst wurde. Es sucht die Wege für ein Verstehen der Eigenschaften und Eigenarten von Volk zu Volk zu ebnen und geht iementsprechend nicht darauf aus, nur den gegenwärtigen Zustand Russlands zu schildern: es.wül vielmehr einen Einblick in die dem Fremden meist verborgenen Lebensprozesse des grossen Landes ^eben, wie sich diese in seinem Schaffen und seinen Schicksalen widerspiegeln. Weder die Herausgeber noch die ^inzelntja Autoren Hessen sich dabei von irgendeiner gemeinsamen sozialen oder poli- tischen Tendenz leiten: was sie leitete, war die Hochschätzung der Eigenart der russischen Kultur und der Wunsch, einzelne Seiten derselben möglichst objektiv und vorurteilsfrei dem Nichtrussen dar- zulegen. Das ganze Werk wird zehn Lieferungen zum Preise von je 3. 50 umfassen, welche auch einzeln käuflich sind. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen, f . » n '^' ■•' (I ^ RUSSLAND L TEIL ^eistesleben, Kunst, Philosophie, Literatur IL TEIL Politischer Bau, Soziale Bewegungen und gesellschaftliches Leben Herausgegeben von Db VERA ERISMANN-STEPANOWA DR TH. ERISMANN • J. MATTHIEU Unter Mitwirkung von BJSLOKONSKI, FBDOROW, S. GLAQOL, KONONOW, LOSSEW, MELGUNOW, OETTLI-iaRPITSCHNIKOWA, ROSANOW, RUMJANZEW, SSIWKOW, J. SSOKOLOW, B. SSOKOLOW, STEPANOW, P. STEPANOWA u. su DRUCK UND VERLAG: ART. INSTITUT ORELL FÜSSLI ZÜRICH 19 19 Alle Rechte vorbehalten! Copyright 1919 by Art Institut Orell Fflssli, Zürich (Switseiland) ZWEITER TEIL Politischer Bau, Soziale Bewegungen und gesellschaftliches Lreben Vorbemerkung. Das Sammelwerk „Riissland" ist ein Resultat der gemeinsamer. Arbeit einer ßeilie russischer Schriftsteller. Die Herausgeber de? Werkes haben sich bemüht, in demselben Aufsätze zu vereinigen die mit wissenschaftlicher Objektivität die verschiedenen Seiten dir geistigen Lebens und Schaffens des russischen Volkes, den politisclion Bau, die sozialen Bewegungen und das gesellschaftliche Leben ßuss- lands in ein möglichst klares Licht rücken. Im ersten Teile des Werkes, der dem geistigen Leben Euj^-^- lands gewidmet ist, sind folgende Aufsätze enthalten: 1. Die russische Kunst (V. Erismann). 2. Die russische Musik (I. Stepanow). 3. Die russische Philosophie (A. Lossew). 4. Die Ideologie der orthodox-russischen Religi^^n (A. Lossew). 5. Alexander Puschkin und der Anfang der modernen russischen'Literatur (V. Erismann). 6. Die Bedeutung der russischen Literatur (J. Matthiei:' 7. Die Geschichte der russischen Literatur (I. Bosanow;. 8. Die russische Volkspoesie. Das Märchen (J. Ssokolov\> 9. Das Volksepos (B. Ssokolow). 10, Die moderne russische Literatur (I. Rosanow). 11. Das Theater in Russland (S. Glagol). Der zweite Teil des Buches behandelt den politischen Bau, die sozialen Bewegungen und das gesellschaftliche Leben Russlaii-b und umfasst folgende Aufeätze: 1. Die vier Perioden der russischen Geschichte (I. Stepanow), 2. Staat und Kirche in Russland und religiöse Be- wegungen auf russischem Boden (S. Melgunow). 8. Der russische Bauer (I, Bjelokonski). , 4. Das Semstwo (I. BjelokonsM). Die vier Perioden der russischen Geschichte/^ L Die Entstehung des russischen Staates. Das normannische GrossfUrstentum Kiew. (IX.— Xn. Jahrhundert.) Die unermessliche Ebene, die sich von den Karpathen bis zum Ural und vom Schwarzen bis zum Eismeer erstreckt, war in den ersten Jahrhunderten unserer Aera den zivilisierten Völkern, d0n Griechen und Römern, fast unbekannt. Man kann sogar sagen, dass die , Jl&yperbor&ischen Lander'^ wie die Griechen dieses weite Gebiet nannten, ihnen damals fremder waren als einige Jahrhunderte früher, da noch zahlreiche griechi- sche Kolonien an der Nordkfiste des Pontus Euxinus (des Schwarzen Meeres) blähten, und unersättliche Neugier griechische Beisende und Schriftsteller trieb, Notizen über die rätselhaften Barbaren dieses Landes, die „Skythen'^ mid „Sarmaten^^ zu sammeln und zu verbreiten. Die naive und oft phantastische, aber immer eindrucksvolle Beschreibung, die Herodot im IV. Buche seines grossen Werkes von den Skythen gibt, ist allgemein bekannt, ebenso die Schildermig der „urkriegerischen'' Sarmaten in der merkwürdigen, aus Herodots 2!eit stammenden Handschrift, die den Titel 9iffe^i ai^y vSatwv tcnan^* *) trägt. In der Folge werden diese Länder noch von anderen griechischen und römischen Schriftstellern (Strabon und PtolemäUB, Tacitus und Ammianus Marcellinus) erwähnt, aber die Nach- richten werden immer seltener und phantastischer und hören allmählich gänzlich auf. Erst im IX. und besonders im X. Jahrhundert berichten die Chroniken von Byzanz und des Westens, sowie auch arabische Beisende und Schrift- steller, die wahren Erben der hellenischen Kultur, von neuem von diesen ^) Die begrenzte Seitenzahl, über die ich verfüge, zwingt mioh, darauf zu endohtent ^ine voUst&ndige DarsteUung der ftuaseren und inneren Entwicklung des russisehen Staates zu geben, die, um verständlich zu sein, wenigstens das Doppelte des gegebenen I^mes verlangen würde. Ich basdiränke mich deshalb bei der Darstellung der beiden «taten Perioden der russischen Geschichte auf eine zusammenfassende Charakteristik und versuche bei den neueren Epochen von Hoskau und Petersburg die aUgemeinen Richtlinien der inneren poUtisohen und ^zielen Entwicklung zu zieh^. Diö &usserlimmunen des antiken Griechenlands — wenn auch in embryonaler Form — verglichen werden. Allerdings war weder Dauer noch Art der Berufung, noch das Vorgehen in den Debatten und bei den Abstimmungen, noch die Kompetenz; des Wjetsche selbst, die im Grunde gesetzgebend, verwaltend und richtend sein sollte, und vor allem die Begelung der Beziehungen der Territorien zu dem Fürsten, „Knjas", betraf, klar bestimmt. Ausserdem war es der ewige Gegensatz zwischen oben und unten, zwischen den Beichen und den Armen, zwischen den reichen Bürgern und Grundeigentümern und den armen Bürgern und freien Bauern, die alle das gleiche Becht am Wjetsche teilzunehmen hatten, der ihm die Kraft und Einigkeit nahm, die allein ihn hätte befähigen könnw, sich nicht nur dem Fürsten, „Eaijas^^ zu widersetzen, sondern ihm seinen eigenen WUlen aufzuzwingen. In Wirklichkeit gewaim das Wjetsche eine solche Bedeutung nur in Ausnahmefällen, wenn irgendein wichtiges Ereignis, z. B. eine äussere Bedrohung, alle Bürger in einer einzigen WiUensrichtung einte. In normalen Zeiten funktionierte es kaum, und alle seine Befugnisse wurden vom Knjas übernommen. Dieser besass immer eine starke Stütze im Wjetsche selbst in Gestalt seiner Mannen, der bewaffneten Kaufleute von einst, die nun, wie der Knjas selbst, zu Grundbesitzern geworden waren und die oberste Klasse der alten russischen Gesellschaft, die Klasse der ,, Bojaren", bildeten. Aber trotzdem begrenzte das Wjetsche allein durch Die Entstehung des russischen Staates. seine Existenz die Gewalt des Knjas und führte zu jenem Dualismus zwischen Knjas und Wjetsche, in dem keiner die volle Macht besass und die beiderseitigen Befugnisse weder klar gegeneinander abgegrenzt, noch miteinander in Einklang gebracht waren. Die unvermeidliche Folge war eine grosse politische Schwäche der Fürstentümer des Kiewer Busslands. Ein anderer Grund der Schwäche lag in der sozialen Struktur jener Fürstentümer, in der ungewöhnlich grossen Zahl von Sklaven und Halb- freien, die es im Kiewer Bussland gab, eine politisch und wirtschaftlich unterdrückte und deshalb immer zum Aufstand gegen die Besitzenden und Bdgierenden gestimmte Klasse. Die Sklaverei war eine Folge der äusseren Kriege, bei denen die Sieger sich auch der Bevölkerung dar eroberten Länder bemächtigten, die Halbfreiheit eine Folge der wirtschaftlichen Ver- hältnisse, die die Bauern zu Schuldnern der Grundbesitzer machte, wodurch sie einen Teil ihrer persönlichen Freiheit verloren. Schon im Kiewer Buss- land treffen wir eine grosse Klasse Halbfreier, „Sakupy'^ echte I^ototypen der Leibeigenen des Moskauer und Petersburger Busslands, und di^ erste Periode der russischen Geschichte ist voll blutiger Aufstände dieser durch ihre unerträgliche wirtschaftliche Lage zur Verzweiflung getriebenen Hsdb* freien und Sklaven. Waren so in den einzelnen Fürstentümern nicht zu unterschätzende Elemente der Schwäche vorhanden, so ruhte auch der Zusammenschluss der südwestlichen Staaten Busslands, der sich um das Grossfürstentum Kiew gebildet hatte, auf keiner sicheren Grundlage. Ln Fürstenhause hatte sich bald das Gewohnheitsrecht gebildet, dem ältesten Mitglied der Familie das Grossfürstentum Kiew zu überlassen, dem zweiten das an Beichtum und Wichtigkeit nächste, das Fürstentum l^hemigow, dem dritten das drittwichtigste, das Fürstentum Perejaslawl usw. Starb nun einer der Fürsten, so wechselten alle Fürsten, die jünger als der Verstorbene waren, ihre Besitztümer und kamen auf diese Weise dem Trone des Grossfürsten- tums Kiew um einen Schritt näher; starb der Grossfürst selbst, so wurde der Wechsel allgemein — wenigstens in der Theorie. Denn seit frühester Zeit macht sich mit der Ausdehnung des Fürstenhauses bei seinen ver- schiedenen Zweigen auch die zentrifugale Tendenz bemerkbar; es entsteht der Wunsch, sich ein bestimmtes Fürstentum als patrimonialen Besitz, d. h. in direkter Linie, zu sichern, mit dem daraus folgenden — wenigsteoa theoretischen — Verzicht auf das Grossfürstentum Kiew, das seinerseits wiederum zum Streitobjekt zwischen den verschiedenen Verzweigungen des grossfürstlichen Hauses selbst wurde. Das XI. und Xll. Jahrhundert smd voll solcher Streitigkeiten zwischen den Fürsten und Fürstentümern, die alle Kämpfenden nur noch mehr schwächen mussten — und der alte Chronist wird nicht müde, uns all die oft äusserst dramatischen, manchmal aber auch tragikomischen Wechselfälle dieser Kämpfe zu schildern. WAs 8 Rnaeland. IIZI0 Nestor jedoob nicht sagt und nicht sagen kann, ist, dass die Ursache dieses Antagonismus viel tiefer bei den Völkern der verschiedenen Ffirsten- tfimer selbst und letzten Grundes im Antagonismus der zentripetalen mid einheitiichen Tendenzen von Kiew und den zentrifugalen und partikiila- ristischen der übrigen Furstentiimer lag. Solange sich nun Kiew seine kommerzielle und ökonomische Bedeutung bewahrte, konnte es auch seine Vorherrschaft über die anderen Fürstentümer aufrechterhalten. Ala aber durch das Eindringen immer neuer barbarischer Nomadenhorden in Sfid- russland die Verbindung mit dem Schwarzen Meere ständig schwieriger und unsicherer wurde, musste auch die Bedeutung Kiews unvermeidlich sinken ; die peripherischen Tendenzen gewannen das Übergewicht und die einzelnen Fürstentümer, in denen verschiedene Zweige der einen Fürsten- familie herrschten, isolierten sich mit der Zeit immer mehr. Dieser Prozess der progressiven Dezentralisation, der dem fortschreitenden politischen und wirtschaftlichen Verfall der Fürstentümer entsprach und mit dem auch der Bückgang des Schwarzenmeerhandels zusammenfiel, wurde in der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts in Südrussland durch den Ein- bruch der Tataren unterbrochen. Im nordöstlichen Wladimirschen Buss- land ging er jedoch weiter und führte zur Entstehung eines richtigen Feudal- systems, wie wir es im zweiten Abschnitt sehen werden. Nachdem wir uns über die inneren Ursachen der Schwäche des Kiewer Busslands klargeworden sind, wundem wir uns nicht mehr, dass es sich gegen die wiederholten, immer heftigeren Schläge der Nomadenhorden — erst der Avaren (Obri) und Ungarn (Ugri), dann der Petechen jegen, der Polowzer und schliesslich der Tataren — auf die Länge nicht halten konnte; im Gegenteil, wir sind erstaunt, dass es so viele Jahrhunderte widerstehen konnte und erst im XIII. Jahrhundert endgültig unterlag. Aber die ganze Kiewer Periode war mit diesen unaufhörlichen verzweifelten Kämpfen „gegen die Steppe", wie sie die russischen Historiker normen, ausgefüllt, und diese Kämpfe geben ihr Gepräge der politisch^ozialen Organisation der Kiewer Fürstentümer. Sie veranlassten schon vom XI. Jahrhundert an einen grossen Teil der Bevölkerung, in das vor den Nomaden geschütztere Becken der Oka und der mittleren und oberen Wolga auszuwandern, so dass die Tataren bei ihrer Ankunft am Dnjepr nur eine spärliche und zer- streute Bevölkerung vorfanden. Der Kampf „gegen die Steppe'' gibt dieser ganzen Periode einen heroischen Charakter, und die epische Poesie, die berühmten „Bylinen", die um diese Zeit in Bussland entstehen, schöpfen daraus mit vollen Zügen; man kann sc^ar sagen, ihr einziges Thema ist dieser Kampf mit den Nomaden. Das feine poetische Gefühl, das die „Bylinen" durchleuchtet, zeigt uns, welch relativ hohe Kultur das Kiewer Bussland schon erreicht hatte. Diese Kiewer Zeit ist tatsächlich in vieler Hinsicht die Idassische Das feudale SuBsland. 9 Fbriode der Geschichte Busslands. Die engen Handelsbeziehmigen erst mit den Arabern, dann ganz besonders mit den Byzantinern führten un- vermeidlich auch zum Eindringen in Bossland der byzantinischen Kultur. Das Eiewer Bussland verdankt Byzanz nicht nur sein Alphabet, die „Kjrilliza**, auch die christliche Beligion kam aus Eonstantinopel nach Russland. Sicher war die Bekehrimg zum Christentum anfangs nur ober- flächlich, und das Eiewer Bussland blieb im Grunde halb heidnisch, wie uns das gerade die „Bylinen*' und die „Sage vom Heereszuge des Igor'^ mit ihrer sonderbaren Mischung heidnischer und christlicher Elemente zeigen. Mit dem Christentum und den Byzantinischen Missionaren kommt auch die Schrift nach Bussland; es folgen die Byzantinischen Architekten, Maler, Goldschmiede und Mbeaikarbeiter, die in Kiew und anderen Städt-en Kirchen oft mit grosser IVacht bauen und mit Fresken, Mosaiken und Goldarbeiten ausschmucken. Welch ein Unterschied zwischen dieser Periode des Kampfes, des reichen, bewegten, abwechslungsvollen, tätigen Lebens, dieser Kultur, die hinter der gleichzeitigen IVankreichs, Deutsch- lands und Englands in keiner Weise zurückstand, imd der folgenden Periode des Wladimirschen Bussland, das von neuem in das mittelalterliche Dunkel der schrecklichen, undurchdringlichen Wälder des nordöstlichen Busslands getaucht erscheint! Aber nicht nur die Wladimirsche Zeit, auch die erste Hälfte der Moskauer Periode hat nichts aufzuweisen, was sich mit den unvergesslichen Gestalten der russischen Bylinen, diesen gleichzeitig resden und indeellen Helden, vergleichen Hesse, diesem Bja Muromjetz, dem Achill des russischen Epos, diesem Ssadko, dem reichen Kaufmann von Nowgorod, in dem sich das bewegte Leben der grossen Bepublik des Nordwestens wiederspiegelt, diesem Mikula Seeljaninowitsch, dem heroischen Bauern, der im Olymp Busslands, eines hauptsachlich ackerbautreibenden Landes, nicht fehlen durfte. Man muss bis auf Puschkin warten, mn ein Meister- werk russischer Poesie zu finden, das der schon erwähnten „Sage vom Heereszug des Igor'' gleichkäme, dieser Beschreibung des unglücklichen Feldzuges eines russischen Fürsten gegen die Polowzer mit dem tief traurigen poetischen „Klagegesang der Jaroslawna'', der Gemahlin des Igor, um das Schicksal ihres Gatten, in dem das Leid des ganzen Kiewer Bussland, das verurteilt schien, unter den Schlägen der Nomaden zusammenzubrechen, mitklingt. n. Das feudale Russland: Wladimir. (XII.--XIV. Jahrhundrrt.) Wenn in der klassischen Periode von Kiew die Bevölkerung Busslands, Nowgorod und P^kow inbegriffen, eine nicht immer politisch, aber ökono- 10 Ruflsland. misch und kulturell mehr oder weniger einheitliche Gruppe bildete und eine gemeinsame Geschichte hatte, so teilt sich jetzt das russische V<^ in drei verschiedene Zweige, aus denen drei voneinander unabhängige ethno- graphische Gruppen entstehen; jede von diesen folgt ihren eigenen Wegen. Erst im XVII. und XVIII. Jahrhundert gelingt es der grossrussischen Hauptgruppe, die inzwischen einen mächtigen nationalen Staat, den russischen Staat, geschaffen hatte, die beiden anderen Gruppen, die seit Jahrhunderten ohne Ea>ntakt mit ihr gewesen waren, unter ihrer Herrschaft wieder zu vereinigen. Wir können hier nur das Schicksal dieser Haupt* gruppe verfolgen, die vom Dnjepr in das Gebiet zwischen Wolga und Oka auswanderte, mit der finnischen Bevölkerung verschmolz und den Kern der grossrussischen Basse bildete. Von den anderen beiden Gruppen können wir nur kurz sagen, dass die eine sich vom nördlichen Dnjeprbecken zum Flussgebiet der mittleren Düna wandte, wo sie die schon seit langem ansässigen slawischen Elemente, die „Kriwitschi"', stärkte und den Kern der Weissrussischen Völkerschaft bildete, die bald unter die Herr- schaft der Litauer und später der Polen fiel und erst nach der Teilung Polens 1772 wiedar zu Bussland kam, während die andere Gruppe in die westlich von Kiew gelegenen Gebiete, nach Wolhynien und Galizien, zog' wo auch sie bald den Polen unterlag. Diese zu Bauern und Sklaven der polnischen Grundberren gewordene russische Bevölkerung eignete sich schlecht zu Leibeigenen des polnischen ,JPan", von dem sie neben der Ver- schiedenheit der Sprache und Abstammung auch die andere Religion trennte, und entfloh später massenhaft in die fast öden, aber von den Tataren auch weniger belästigten Territorien Südrusslands, so dass vom XIV. Jahr- hundert an das Dnjeprbecken wiederum von kleinrussischen Elementen oder „Uki-ainem'' kolonisiert und jetzt erst ihr Land wirklich „Ukraina"' oder „Okraina"', d. h. Grenzland wurde. Im XVII. Jahrhundert zerreisst die Ukraine dann endgiUtig das Band mit dem polnischen Staat, ein Band, das niemals sehr stark gewesen war, und erhebt sich unter Bogdan Qimjel- nizki, um sich mit dem Moskauer Reiche zu vereinigen und von den Polen zu befreien. Wir können hier nur darauf hinweisen, dass gerade in diesen Jahr- hunderten (XIII.— XIV.) die grosse Republik Nowgorod, die seit Beginn des XIII. Jahrhunderts auch dem Bund der Hansa angehörte, ihre grössten politischen und wirtschaftlichen Triumphe feiert. Politisch erstreckt sie ihre Herrschaft über das unermessliche nordrussische Land bis zum Eis- meer im Norden und über den Ural hinaus im Osten, und wirtschaftlicb wird Nowgorod, das vom Einbruch der Tataren verschont geblieben war, nicht nur die erste Stadt das halbverödeten Russland, sondern eine der reichsten Städte des ganzen damaligen Europa. Das feudale Bussland. H Für die ureitere Entwicklung der grossrussischen Hauptgruppe, die jetzt die Ländereien der mittleren und oberen Wolga und ihrer Nebenflüsse in Besitz nahm, war es von entscheidender und verhängnisvoller Bedeutung, iass die geographischen und klimatischen Bedingungen hier unvergleichlich schlechter als am Bnjepr waren. Nicht nur das Klima wurde bei ihrem Vordringen nach Norden immer rauher, auch der Boden war fast ganz mit Wäldem und Sümpfen bedeckt und alles eher als fruchtbar; es bedurfte Biaer enormen Arbeit, ihn urbar zu machen, und dies trieb die Bevölkerung beständig auf die Suche nach neuem, zum Ackerbau geeigneteren Boden , und gab dieser ganzen Gruppe den Charakter der äussersten Beweglichkeit, was in der Folge die Moskauer Fürsten benutzten, um sie auf ihr Terri- torium zu ziehen. Der einst so blühende Handel des Eiewer Bussland hörte hier fast gänzlich auf. Mit wem hätten die Bussen jetzt auch Handel treiben sollen? In ihrer Nachbarschaft gab es keine zivilisierten Länder mehr wie einst Byzanz. Sie sind von einer seltenen und spärlichen finni- schen Bevölkerung umgeben, die noch primitiver ist als sie selbst geworden waren. Auch das städtische Leben verlor seine Intensität und Bedeutung. Bie russischen Städte, selbst Wladimir an der Kliasma, die Besidenz des Grossfürsten, sind nur noch grosse Dörfer. Es schien fast, als ob die Bussen im XIII. Jahrhundert, während die anderen europäischen Länder im unpufhaltsamen Fortschreiten begriffen waren, von neuem den sogenannten historischen Entwicklungsprozess beginnen müssten. Auf die „klassische Zeit" ist das „Mittelalter"' gefolgt. Und wenn sie wenigstens auf ihrem neuen Territorium den Nomaden entgangen wären! Eä ist wahr, die Petschenjegen und Polowzer waren nicht mehr zu fürchten, die existierten kaum noch, sie mussten den Tataren weichen: Diese stürzten sich schon zwei Jahre nach ihrem ersten schreck- bringenden Erscheinen (1224) auf Südrusslan^ und erstreckten ihren Druck auch auf das Bussland von Wladimir. Sie zogen Nutzen aus den fort- währenden Streitigkeiten der verschiedenen Fürsten und unterjochen in weniger als zwei Jahren (1237—1238) auch die Gebiete von Wladimir, um sie deum für mehr als zwei Jahrhunderte — bis 1480 — unter ihrer Gewalt zu halten . So wurden für Bussland die natürlichen Schwierigkeiten noch durch die Fremdherrsclu^t und die wirtschaftliche Last des regelmässig KU zahlenden Tributs an den siegreichen Chan und „Herrn von ganz Buss- land" bedeutend vergrössert. Wie in Europa das Mittelalter die Zeit eines komplizierten sozial- politischen Systems ist, das man „Feudalismus'' nennt, so teUt sich auch das Bussland von Wladimir in eine immer grössere Zahl einzelner Lehens- guter mit ihren feudalen Fürsten an der Spitze, bis es gerade wie im mittel- alterlichen Frankreich einem dieser Lehen, das erst klein und unbedeutend war — Moskau — gelingt, sich allmählich über die anderen zu erheben und 12 Russland. all die verBchiedenen Lehen unter seiner Herrschaft zu vereinigen. E» entsteht auf diese Weise auch in Bussland aus dem Feudaüämus die absdate Monarchie, und Wladimir muss Moskau weichen. Lange Zeit war es in der russischen Geschichtachreibung Mode, die Entwickelung des eigenen Staates in Gegensats zu den anderen europäi- schen Staaten zu setzen, als etwas ganz Eigenes, Unvergleichbare, das nirgends Entsprechendes aufzuweisen hatte. Dieser sicher zu einseitige iGlesichtspunkt führte konsequenterweiee die russischen Geschichtschreib^ zu der Behauptung, dass es in Bussland niemals etwas dem Feudalismus der westeuropäischen Staaten Analoges gegeben habe. Von grösstem Wert für die russische Geschichtsforschung sind deshalb die neuesten Arbeiten Pawlow-Silwanskys ; und wenn auch der frühzeitige Tod (an der Cholera 1908) den jungen Historiker verhinderte, seine Ideen vollständig zu ent- wickeln, so wird sich doch kein ernster, nicht vom Nationalismus ver- blendeter russischer Gelehrter seinem Grundgedanken versohliessen kön- nen. Er behauptet kategorisch und beweist es sehr scharf sionig und aufs genaueste durch eine Beihe seiner Arbeiten, dass auch im Bussland von Wladimir und in der ersten Moskauer Periode politische und soziale Ein- richtungen bestanden, die man als für das Feudalsj/Btem wesentlich be- trachten kann, wenn auch unter anderen slawischen Namen und den art- lichen Verhältnissen angepasst. Das Bussland von Wladimir teilt sich immer weiter in eine Beihe feudaler Teilfürstentümer, „Udjely^', die im Grunde unabhängig vom Fürstentum Wladimir sind. Es handelt sich jetzt nicht mehr um ein all- mähliches Aufsteigen der verschiedenen russischen Fürsten zum Großs- fürstentum Wladimir, sondern jede fürstliche Familie und jeder Zweig derselben besitzt sein eigenes Lehen als erbliches Eigentum ; der Vater teilt es unter seine Söhne oder Erb«n, und jeder von diesen tut seinerseits wieder dasselbe. So geht die Differenzierung der Fürstentümer immer weiter. Die territorialen Grenzen werden gewöhnlich durch den mehr oder weniger fruchtbaren Boden des Flussgebiets der Wolga oder Oka mit deren Neben- flüssen gebildet. Innerhalb seiner eigenen Grenzen entstehen grössere und kleinere Lehen; das bedeutendste derselben wird gewiämlich vom ältesten Sohne geerbt, der auf diese Weise zum Grossfürsten unter den verschiedenen Fürsten derselben Familie wird. Es bilden sich so neben dem Groesfursten- tum Wladimir andere Grossfürstentümer, die sich sehr wenig um das alte Grossfürstentum Wladimir kümmern, ausser um sich dessen noch immer ehrenvollen Titel „Grossfürst von Wladimir'' anzueignen. Diese Wett- bewerbe führen oft zu blutigen Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Fürsten, wie am Anfang des XIV. Jahrhunderts zum Streit zwischen den Fürsten von Moskau und Twer. Aber der Hauptgrund der inneren Kämpfe liegt im Bestreben aller Fürsten, soviel Menschen wie mö^ch auf die Das feudale RuBsland. jg eigenen Territorien su ziehen, wobei die schon erwähnte äusserst grosse Beweglichkeit der Bevölkerung eine grosse Bedeutung hatte. Naturlich betrachten die Fürsten als echte Feudalherren ihr gauses Fürstentum als ihr Privateigentum und schenken davon ihren Bojaren, der Klasse die jetzt die alten Gefährten der EEandels- und Eriegszüge des einstigen Elnjas ersetzt hat, und mit dem Aufhören des Handels, zur Erlasse Grundbesitzer, der hohen Militär- und Verwaltungsbeamten geworden war. Ein anderer Teil des Landes bleibt im Besitz der Fürsten selbst und wird von freien Bauern oder fürstlichen Sklaven bearbeitet. Die den Bojaren geschenkten Ländereien werden zuerst auch durch freie Bauern bearbeitet, die aber bald dadurch, dass sie den Bojaren ver- schuldet werden, einen grossen Teil ihrer Freiheit verlieren, bis ihnen endlich als letztes Mittel, sich von ihren Verpflichtungen zu befreien, nur die Flucht bleibt. So sind die Voraussetzungen zur Entstehung der Leibeigenschaft g^eben. Die ganze russische Gesellschaft teilt sich jetzt in zwei grosse Klassen : in die Klasse der Grundeigentümer, der Bojaren, von denen die Fürsten die reichsten und mächtigsten sind, und in die Klasse der Ackerbau- treibenden, die freien und halbfreien Bauern, denen sich als tiefste Schicht die Hörigen und Sklaven anschliessen. Von der Bürgerklasse sind kaum noch Spuren geblieben und auch die Kaufmannsschicht verschwindet fast gänzlich. Das Wjetsche existiert nicht mehr, und die Macht des feudalen Fürsten wird nur wenig oder gar nicht durch den Bat seiner Bojaren, die „Bojarskaja Duma", beschränkt. Die russische Gesellschaft ist sehr primitiv geworden, viel primitiver als sie im Kiewer Bussland war. Der Boden ist jetzt das einzige Kapital, über das sie verfügt, die Landwirtschaft, die, wie bereits bemerkt, sehr „extensiv" und primitiv betrieben wird, die einzige wirtschaftliche Grundlage, auf der sie ruht. Um diese Zeit entsteht jedoch in Bussland eine neue soziale Kraft, die im Kiewer Bussland sich noch im embryonalen Zustand befand — es ist der Klerus — die hohe Geistlichkeit einerseits, das Mönchtum und die Klöster andererseits. Besonders die letzteren erwarben bald Grundbesitz und wurden oft sehr reich, reicher noch al&4ie Bojaren. Das Bussland von Wladimir ist tatsächlich äusserst fromm; gross ist die Zahl der. Mönche, und zahlreich sind die verschiedenen „Heüigen'', die sich gewöhnlich in die Wälder flüchten, unt dort immer nette Klöster zu gründen. Die Geist- liehkeit ist übrigens die einzige mehr oder weniger gebildete Elasse, Schriften religiösen Inhalts, besonders zahlreiche „Heiligenleben", sind das einzige literarische Erzeugnis, Kirchen, deren architektonischer Stil jetzt starke Eigenart und grosse Feinheit gewinnt, die einzige künstlerische Schöpfung jener Zeit. Wie das Kiewer Bussland sein Symbol in der heroischen Gestalt des Ilja Murometz fand, so ist für das Bussland von Wladimir der heilige 14 Ruflsland. Sergius von Badouesch (XIV. Jahrh.) charakteristisch, der sich inmitten der unermesslichen Wälder seine bescheidene Behausung erbaute und zi dem täglich ein Bär kam, mit dem er sein Brot teilte. Der Name des heiligen Sergius, der den Fürsten Dimitri] Donskoj von Moskau zum Kampfe gegen ^e Tataren segnete, lenkt unsere Aufmerksam- keit auf das tatarische Joch, dem das Bussland von Wladimir seit dem Jahre 1237 unterworfen war. Schon die Tatsache, dass wir vom sozialen und politischen Leben Busslands jener Zeit sprechen konnten, ohne die Tataren auch nur zu erwähnen, zeigt zur Genüge, dass sie kein wesentlicher Faktor für die innere Entwickelung des Landes waren. Die Tataren unter- werfen sich zwar ganz Bussland, aber anstatt sich in demselben niedenn- lassen, bleiben sie in ihrer Steppe, jenseits der Wolga, und lassen sich, yne bereits bemerkt, in echt orientalischer Passivität nur ihren jährlichen Tribut zahlen. Bald wird es den tatarischen Chans zu unbequem, ihre Beamten, „Baskaki'', zur Eintreibung des Tributs ins Land zu schicken und sie übertragen dies Amt einem der russischen Fürsten unter eigener Verantwortlichkeit. Da das Fürstentum Moskau schon am Anfang des XIV. Jahrhunderts das reichste und angesehenste geworden ist (auf die Grundlagen dieser Evolution kommen wir weiter unten zu sprechen), gelang es den Moskauer Fürsten leicht, dieses Amt, das in ihren Händ^ zu einem Vorrecht wurde, zu erwerben und zu behalten, wie sie sich durdi Schmeicheleien und Geschenke auch den Titel „Grossfürst von Wladimir'* vom Chan erwarben. So wird die wirtschaftliche Abhängigkeit von dm Tataren in der Form der Tributeintreibung für die Moskauer Fürsten bald zu einem wirkungsvollen politischen Werkzeug, dessen sie sich bedienen, um sich durch diese tatarischen „ Straf ezpeditionen" von ihren Konkur- renten zu befreien, bis sie sich stark genug fühlten, um die Waffen gegni die Tataren selbst zu richten. Mit den letzten Bemerkungen haben wir jedoch schon die dritte Periode der russischen Geschichte berührt — die Zeit des Entstehens und der Ent- wickelung der Moskauer Monarchie. nU Die Moskauer Monarchie, Jahrhundert.) Ein katastrophales Ereignis, der Einbruch der Nomadenhorden is Bussland, trennt die Periode von Kiew von derjenigen von Wladimir — eise langsame und konstante Entwickelung zwingt Wladimir in der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts, Moskau zu weichen. Es ist allgemein bekannt, Die Moskauer Monarchie« 15 dass im mittelalterlichen Frankreich ein einziges Lehen, das Diich6 de IVance (die spätere Provinz Be de IVance), nach mid nach alle anderen Lehen aufsaugte; ein analoger Prozess führte im mittelalterlichen Bnssland zur Bildmig des Moskauer Staates. Verschiedene Faktoren trugen dazu bei, dass das erst so kleine Lehen Moskau, das weit hinter dem Grossfürstentum Wladimir zurückstand, sich über die anderen erheben konnte. Vor allem seine zentrale Lage, die es bis zu einem gewissen Grade vor seinen schlimmen Nachbarn schützte, vor den Tataren im Osten und vor Litauen im Westen, das inzwischen ein mächtiges Grossfürstentum geworden war und sich im Jahre 1386 dynastisch mit Polen vereinigt hatte. Und auch für den Handel, der zwar im russischen Leben des Xlll. Jahrhunderts keine Bolle spielte, allmählich aber wieder aufblühte, war diese zentrale Lage äusserst günstig. Gerade wie heutzu- tage Petersburg, hatte zu jener Zeit die grosse Bepublik Nowgorod Getreide aus Südrussland nötig und holte es sich damals aus dem Fürstentum Bjasan. Dieser Handel ging über Moskau, ebenso die andere grosse Handelsstrasse, die Litauen, d. h. das Becken der Düna, mit den rus- sischen und tatarischen Ländern der mittleren Wolga verband. Dank dieser Lage am Ereuzungspunkte der beiden grossen Haupthandels- strassen, die vom Nordwesten zum Südosten und vom Westen zum Osten gingen, wurde Moskau allmählich reich und gewann dadurch einen grossen Anreiz für die bewegliche, bin- und herflutende Bevölkerung, die stets auf der Suche nach besseren, sicheren Arbeits- und Lebensbedingungen war, sich auf seinem Territorium niederzulassen. Die Moskauer Fürsten brauchten nur diese günstigen Bedingungen auszunutzen, um ihr Moskau zum grössten, mächtigsten und am meisten bevölkerten aller Lehen zu machen. Jedes weitere ideelle Ziel, wie die Wiedervereinigung Busslands zu einem mächtigen nationalen Staat, lag ihnen noch voUkommen fern. Sie waren nichts als habsüchtige und bis zum Geiz sparsame Eigentümer, die mit allen Mitteln, ob erlaubt oder unerlaubt,' versuchten, ihr Familiengut zu vergrössem Ihre Nachbarn, die andern russischen Feudalfürsten, versuchten zwar, sich der wachsenden Macht M6skau£l zu widersetzen. Aber umsonst I Die örtliche Bevölkerung dachte nicht daran, für die Interessen der eigenen Lehensherren einzu- treten, strebte nur danach, unter die Herrschaft des reicheren Moskauer Forsten zu kommen, verriet oft den eigenen Herrn und überlieferte ihn dem Fürsten von Moskau. Ein gemeinsamer Widerstand war wegen der fortwährenden Feindschaften und Streitigkeiten der verschiedenen Fürsten untereinander ausgeschlossen, und die Tataren, von denen z. B. die Fürsten von Twer bei ihrem Kampfe gegen Moskau Hilfe erhofften, waren eben geneigt, die Moskauer Fürsten, die am besten zahlten, zu unterstützen. Schon am Anfang des XIV. Jahrhunderts übertrt^ der Chan den Moskauer X6 BuBsland. Fürsten den Titel „Grossfürot von Wladimir" und seit Iwan Ealita (1328bii 1340) — dieser Beiname „KalitJi'' (Beutel) ist für alle Moskauer Fürsten charakteristisch -- wurde Moskau an Stelle von Wladimir grossfiDstliche Residenz und auch Sitz des Metropoliten, der höchsten geistlichen Autorit&t. Von nun an wächst das neue Grossfürstentum Moskau unaufhörlich; es gewinnt immer weitere Leben durch Kauf, Kampf, Intrigue und Ver- brechen. Auch der Gefahr der fortwährenden Teilung des GrossfiirsteD- tums unter zu viele Glieder der fürstlichen Familie wird durch einen neuen Brauch Widerstand geleistet: Schon Iwan Kaliti hinterliess beim Tode dem ältesten Sohne ein grösseres Erbteil als all den anderen. IMese BeTor- zugung des Ältesten wird immer stärker, bis Kalitäs Enkel, der berühmte Dimitrij Donskoj (1363—1389) sein ganzes Fürstentum ungeteilt dem ältesten Sohne Wassilij I. (1389—1425) vererbt. Diese Sitte ruft natfiriieh einen heftigen Widerstand bei den jüngeren Gliedern der Familie hervor, der besonders unter Wassilij II. (1425—1462) zu blutigen inneren K&mpten führt, bei denen der Grossfürst sein Besitztum abwechselnd verliert und wiedergewinnt und sogar geblendet wird, was ihm den Beinamen „Tjonmjj" (d. h. der Dunkle, der Blinde) verschafft. Aber am Ende siegt doch das Prinzip des Majorats, und unter dem Sohne Wassili js II., Iwan III. (1462bis 1505), und dessen Sohne Wassilij III. (1505—1533) vollzieht sich der end- gültige Zusammenschluss aller Lehen zum einzigen Fürstentum Moskau. Inzwischen hatte sich das Moskauer Bussland auch von den Tataren l>efreit, die gar nicht gemerkt hatten, dass ihr Untergebener, der Moskauer Fürst, allmählich stark genug geworden war, um auch ihnen zu trotzen. Schon Dimitrij Donskoj erhebt sich offen gegen den tatarischen CShan, den er jetzt nicht mehr braucht, und schlägt ihn in der berühmten Schlacht von Kulikowo-Polje (1380). Der Tiiumph war allerdings zuerst nur vor- übergehend. Schon zw^i Jahre nach ihrer Niederlage kehren die Tataren zurück, erobern Moskau und unterwerfen Bussland von neuem. Ihre Herrschaft dauert noch ein ganzes Jahrhundert, aber es ist nicht mehr das Joch von ehemals. Die Moskauer Fürsten finden sich damit ab, bis eines Tages Iwan III. den tatarischen „Baskaki" den Tribut verweigert (1480). Die Tataren haben nicht mehr die Kraft, ihre Forderung durchzusetzen, und Iwan III. wird autokrater Selbstherrscher Busslands, was nichts anderes bedeutet als „unabhängig von jedem anderen fremden Herrscher^'. Durch die Bekämpfung und Unterwerfung der grossen Bepublü Nowgorod dehnt Iwan III. sein Beich gewaltig aus; es war mehr die Schwäche der alten Bepublik als die Stärke des jungen Staates, die diee^ Erfolg ermöglichte: g^gen Ende des XV. Jahrhunderts war Nowgorod schweren inneren Kämpfen zwischen den verschiedenen sozialen Ellassen preisgegeben. Die republikanische Begier ungsform war nur noch ein Name; in Wirklichkeit konzentrierte sich mit der Zeit die ganze MeK)ht in einigen Die Moskauer Monaroliie. 17 wenigen reichen Eaufmannefamilien. ACt dieser plntokratischen Oligarchie befanden sich die niederen Klassen im fortwährenden Eami^ ; anstatt die Autonomie der Republik zu verteidigen, erhofften sie von einer Vereinigung mit Moskau eine Besserung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage. So wurde das einst so mächtige Nowgorod mit all seinen L&ndereien eine leichte Beute der expansionistischen Politik Iwan III. Mit einem Schlage gelang es Moskau, sich das ganze unermessliche Territorium des nördUch^i Bussland, von der Ostsee bis zum Ural, anzueignen. Bald trifft dasselbe Schicksal auch die „jängere'' Schwesterrepublik Fbkow, derer sich der Sohn Iwan m., Wassili j III., bemächtigt. Hiermit war der Prozess der Vereinigung der verschiedenen russischen Länder unter der Herrschaft Moskaus vollendet. Die Kampfe zwischen dBn verschiedenen Teilen Busslands hören endlich auf, dagegen werden die äusseren Kämpfe häufiger und intensiver. Im Westen sind es Litauen und Ecden, die ununterbrochene Angriffs- und Verteidigungskriege gegen Moskau fähren. Die Eroberungen von Nowgorod und Fskow bringen dem Grosfif ürstentuni einen neuen Feind im Nordwesten — Schweden ; im Osten and Südosten dauert inzwischen der Kampf mit den Tataren an, bis Iwan IV., der Schreckliche (1533—1584) zur Offensive übergeht und sich der beiden befestigten Stützpunkte der Tataren, Kasan an der mittleren Wolga und Astrachan fast an der Mündung derselben, bemächtigt; daa entfacht wiederum den Kampf mit den Tataren der Krim, die von den Türken, die seit einem Jahrhundert in Konstantinopel herrschen, unter- stützt werden. So ist die ganze Begierungszeit Iwan des Schrecklichen mit Kriegen ausgefällt. Die Umbildung des feudalen Bussland in den zentralisierten Moskauer Staat hatte wichtige Veränderungen im Aussehen und in der Struktur aller sozialen Klassen zur Folge. Besonders die höchste Klasse, die Bojaren, gehen ganz verwandelt aus der vereinigenden Politik der Moskauer Fürsten hervor. Analog den alten Feudalherren Frankreichs, die nach Einbüssung ihrer Souveränität sich in Paris um den Herrscher sammelten, konzentrieren «ch auch die russischen Feudalfürsten, nachdem sie ihre Selbständigkeit verloren haben, in Moskau, wo sie die oberste Schicht der Bojarenklasse bilden. Diese Ex-Fürsten und Söhne von Ex-Fürsten bringen all ihre ftlten feudalen Ansprüche nach Moskau mit und versuchen auf jede Art, die Macht des neuen Herrschers zu ihren Gunsten zu beschränken und sich ihre alten Bechte ungeschmälert zu erhalten. Es entwickelt sich daraus ein langer Kampf, der reich an dramatischen Episoden ist (diese wurdrai von Poeten und dramatischen Dichtem des vorigen Jahrhunderts reichlich ausgenützt), ein Kampf zwischen den Moskauer Fürsten, die sich seit Iwan dem Schrecklichen „Zar*' (eine Abkürzung von Cäsar) nennen, und den Bojaren. Dieser Kampf füllt die ganze Begierungszeit Iwan Ilt. und Britmftma, lUwland IL 2 18 RuBsland. Wassili] III. aus und gewinnt noch an Heftigkeit unter Iwan dem Schreck- lichen. Dieser erste russische Zar geniesst einen Weltruf, wenn auch trao- riger Art. Ein verrückter Verbrecher auf dem Trone, so wird er vom grossen Publikum beurteilt, das nicht viel mehr als seinen Namen heaojit Aber dieser „schwarze Mann'', gut genug, kleine Kinder zu erschrecken und in Kinematographen zu figurieren, hat nichts mit dem wirkliche Iwan gemein, wie ihn uns die Dokumente zeigen. Sicher war er ma^os grausam -— wie übrigens die anderen Moskauer Herrscher auch — nnd bat den Namen „der Schreckliche" voU verdient. Ein Verbrecher war er ab» nicht. Er war einer der kultiviertesten, wenn nicht der kultivierteste Mensch seiner Zeit, von aussergewöhnlicher Intelligenz, ein bedeutender Gelehrter für diese Epoche imd ein Politiker ersten Banges, der wusste, was er wollte, und was er wollte, mit oft barbarischen, oft aber auch klug^i und wirksamen Mitteln zu erreichen verstand. Fest überzeugt von seinem göttlichen Recht, nach freiem Ermessen über sein ganzes Land und aUe seine Untertanen zli verfügen, betrachtete er sich als absoluten Hem Busslands und aller Bussen. Die schon unter seinem Grossvater Iwan III. kurz nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken entstandene politische Theorie, dass Moskau das dritte und letzte Bom sei and die Moskauer Fürsten die Erben der Byzantinischen Kaiser (daher der TitA Cäsar — Zar), findet in ihm einen leidenschaftlichen Verteidiger. Er war erfüllt von Ansichten, die man heute autokratisch nennen würde, und führte einen erbarmungslosen Kampf mit Feder und Schwert gegen die feudalen Q^aditionen der bojarischen Ex-Fürsten. Dieser Kampf ist zugleich poli- tisch und literarisch. Eine literarische Polemik sind Iwans Briefe an seinen früheren Heerführer, den Fürsten Kurbskij, det vor seinem Zorne nach Polen entflohen war; in diesen Briefen entwickelt er seine ganze Theorie der unumschränkten Zarengewalt, und Kurbskij, der für jene Zeit ebenfalle hoch gebildet war, vertritt in seinen Antwortbriefen den entgegengeeetzten Standpunkt der feudalen Bojaren; für die Bojaren ist der Moskauer Zar nur „primus inter pares''. Iwans politischer Kampf gegen die Bojaren beschränkte sich jedoch nicht auf einen Individualterror und die Hin- richtungen einzelner Bojaren, sondern führte im Jahre 1564 zur Errichtung der sogenannten „Opritschina"". Lange Zeit sahen die russischen Historiker in den „Opritschniki'* eine Art Schutztruppe des Zaren, der prätorianischen Leibwache des romischen Kaiserreichs ähnlich, der Iwan die Verfolgung und Bestraf ung der Bojaien anvertraut hatte und denen er zur Belohnung die Güter der hingerichteten Bojaren schenkte. Den neueren Forschungen des bedeutenden Historikers Sergius Platonow gegenüber kann sich diese Ansicht nicht mehr halten. Platonow prüfte genau, welche Ländereien Iwan für die Opritschina, d. h. für seinen engeren Privatbesitz in Beschlag nahm, und kam zu dem Be- Die MoBkauer Monarchie* 19 sultat, dass er sich dnrchätis nicht auf die Konfiszierung der Güter der rebellischen Bojaren beschränkte, sondern sich die Territorien, durch die die wichtigsten Handelsstrassen gmgen, und die dadurch die grössten Ein- nahmen abwarfen, aneignete. So kann man im Vergleich mit dem römischen Kaiserreich die Institution der Opritschina eher dem Fiskus oder dem IVivatbesitz des Kaisers gleichsetzen, während das Ärarium oder der Staats- besitz den staatlich gebliebenen Moskauer Ländereien, der „Semsch- tschina", wie es in den Dokumenten aus der Zeit Iwan des Schrecklichen heisst, entspräche. Durch Schaffung der Opritschina wurde noch ein anderes wichtiges Staatsproblem gelöst. Die Opritschniki, die nunmehr einen Teil der Lände- leien der Opritschina erhielten, bildeten eine neue Gesellschaftsklasse, die verpflichtet war, durch persönlichen Dienst dem immer wachsenden Bedürfnis des Staates nach politisch und militärisch wirksamen Kräften nachzukommen. In den wichtigsten politischen und militärischen Ämtern werden Bojaren allmählich durch Opritschniki ersetzt, die gewöhnlich nicht unter den vornehmsten, Iwan immer verdächtigen Bojaren, sondern unter den jixngeren Bojarengeschlechtem und besonders unter den „Dworianje", dem Provinzadel, den man mit den „minores barones*' des mittelalterlichen Englands vergleichen kann, gewählt wurden. So weicht der bis dahin vor- herrschende Geburtsadel einer Klasse, die ihr Vorwärtekommen dem per- sonlichen Verdienst verdankt. Aber zum Entgelt für die Ländereien, die meistens nur lebenslänglich, selten in Erbbesitz gegeben wurden, verlangte Iwan gleich seinen Vor- gängern von dieser neuen Klasse „der Diener des Zaren'^ wie sie sich selbst in zeitgenössischen Dokumenten nennt, einen unbegrenzten, ununter- brochenen Dienst. Dienen, dienen, dienen — so heisst es jetzt für alle Klassen vom Moskauer Staat. Mit dieser Festsetzung der Hechte und PQichten der verschiedenen Klassen brachte Iwan der Schreckliche nur die Arbeit seines Grossvaters Iwan III. zum AbscUuss, die zur Fesselung aller sozialen Klassen führte. Und wie die Klasse der Grundbesitzer, in der die alten Bojarenfamilien immer mehr unter der Flut der neuen Ein- dringlinge verschwinden, zum Staats- und Militärdienst verpflichtet war, 80 wird die neuentstehende Klasse der Kaufleute und Kapitalisten in Moskau und den grösseren Provinzstädten gezwungen, dem Staate ihre finanzielle Hilfe zu leihen. Da der Staat gewöhnlich viel mehr forderte als er geben konnte, wurde die Entwickelung des Handels und des Kapitals durch den Staat eher gehemmt als gefördert. Oft* kam es vor, dass die jüngeren Kaufleute sich den Forderungen des Staates, denen sie nicht entsprechen konnten, einfach durch die Flucht entzogen. In einer noch schlimmeren Lage befand sich die Bauemklasse, die grösste von allen. Wir haben schon gesehen, wie die Bauern, die auf den 20 BuBsland. « Qütem der Privatgrundbesitaier arbeiteten, de jure noch frei war^, m Wirklichbeit aber dadurch, dass sie den Besitsem verschuldet waren, die Schuld durch ihre Arbeit bezahlen mussten und dadurch faktisch ihre Bewegungsfreiheit immer mehr eingebiisst hatten. Am Ende Uieb and ihnen kein anderer Ausweg, sich aus der schweren Lage su befreim, als iBß verzweifelte Büttel — die Flucht. Die Regierung hatte aber das grosste Interesse daran, sich die Klasse der Grundbesitzer, auf der die Hauptlast des staatlichen Dienstes ruhte, in ihrer ganzen Kraft zu erhalten, und b^aim, sich deshalb in das Verhältnis zwischen Herrn und Bauern einsumiscbeD, Schon früher hatte sie, um sich diese Leistungsfähigkeit zu sichern, di^ Prinzip der absoluten Unübertragbarkeit des lebenslänglichen Besitie^ ihrer „Diener'' aufgestellt und begann nun auch die Kaufs- und Verkaufs- freiheit des erblichen Eigentums zu beschränken, um auch dieses in d» Händen ihrer „Diener" zu erhalten („der Boden darf nicht vom Dienst getrennt werden''). Jetzt bekämpft und unterdrückt sie die für die Grund- besitzer so schädliche Flucht der Bauern. Die diesbezüglichen Massnahmffli und Gesetze finden ein Vierteljahrhundert nach dem Tode Iwan des Schreck- lichen mit dem Gesetz von 1607 ihren Abschluss. Durch dieses Geseti werden die Bauern den Grundbesitzern gänzlich unterworfen, und ihre Flucht wird als ein Verbrechen gegen den Staat qualifiziert, das von Staats- beamten verfolgt und schwer bestraft wird. Die Leibeigenschaft, die tat- sächlich längst bestand, wird nun auch durch das Gesetz legitimiert. Die Bauern, die wirtschaftlich schon ganz verschuldet waren, verlieren jetit auch den letzten Best ihrer politischen Freiheit. Die Leibeigenschaft wird Gesetz. Und auch diese Dienstbarkeit der Bauern nimmt im Mbskaucf Bussland den Charakter des Staatsdienstes an, der den Bauern vom Staate auferlegt wird: Die Bauern dienen den Grundbesitzern, um ihnen die Mog* lichkeit zu geben, ihrerseits wiederum dem Staate zu dienen. „In Moskau dient cJles," sagt der Historiker Klutschewskij, „und selbst die Frauen müssen früh heiraten, um dem Staate zukünftige Diener zu gebären.'' Es scheint auf den ersten Blick fast im Widerspruch zu den Prinzipien einer solchen staatlichen Politik zu stehen, dass gerade um diese Zeit die freie Moskauer Bevölkerung durch das Becht, sich ihre lokalen Repräsen- tanten selbst zu wählen, eine Art Provinzialautonomie bekam. Aber wir müssen bedenken, dass die Gewählten nicht das Sprachrohr ihrer ViT&hler waren und die Interessen der Bevölkerung verkörperten, sondern nur für die Begelmässigkeit der Dienstleistungen und Steuerzahlungen (ihrer Wähler) zu sorgen hatten. Sie waren nichts als gewählte Staatsbeamte, die für das ordnungsgemässe Funktionieren des dienst- und zahlungs- pflichtigen Staatsmechanismus verantwortlich waren. Selbst das teilweise auf Wahl beruhende Zentralorgan, das sporadisch im XVI. Jahrhundert auftritt — der „Semskij Ssobor" oder die repräsentative Versammlung de^ Die Moakauer Manarchie. 21 landes, dem neben den höchsten Beamten der Zentralregierimg mit Ein- fichlnss des ganzen Bojarenrates (Bojarskaja Duma) auch die erw&Uten Stadt- mid Erovinzvertreter angehörten — hatte nrxr eine beratende Wirk- samkeit. Er musste sich darauf beschränken, die beste Art der Dienst- mid Stenerverteilmig anzuordnen. Aber die Einführ mig des Wahlprinzips^) war schon an sich bedentmigsvoll ; und der Semski] Ssobor war bestimmt, noch eine grosse Bolle zu spielen, und am Anfang des XVII. Ji^hrhunderts, als heftige sozialpolitische Stürme das Land durchrüttelten, zu einer Art „Konstituierender Versammlxmg'' zu werden. Der unerträgliche Druck des Staatsdienstes, der gleichmässig auf allen Klassen lastete, musste unvermeidlich zu einer heftigen Beaktion der Be- völkerung führen. Die äusserste Anspannung aller Staatskr&fte im XVI. Jahrhundert hatte zwar dem Staate erlaubt, nicht nur den äusseren Angriffen zu widerstehen, sondern auch seine Grenzen beträchtlich nach Süden und noch mehr nach Osten zu, wo die Eroberung des unermesslichen Sibbiens begann, zu erweitem, aber die Saite war zu straff gespannt — die Katastrophe stand vor der Tür. Schon gleich beim Tode Iwans beginnen die Unruhen. Zuerst schöpfen die Bojaren Atem xmd versuchen ihre alte Macht wiederzugewinnen. Die Situation verschärft sich im Jahre 1598 nach dem Tode von Feodor, Iwans Sohn, mit dem die alte Dynastie des Bjurik erlischt; der jüngere Bruder Feodors, Dimitrij, war schon einige Jahre früher, man weiss nicht ob durch einen Unglücksfall odef ein Attentat, ums Leben gekommen. Ein Empor- kömmling, ein Oünstling Iwans, Boris Godmiow, profitiert von den fort- wahrenden Streitigkeiten unter den ersten Bojarenfamilien, die ihre Wider- standsfähigkeit im Kampfe gegen die Politik Iwan des Schrecklichen schon geschwächt hatten, um sich selbst zum Zaren (1598—1605) zu erheben. Aber jetzt beginnen die Bojaren den offenen Kampf gegen ihn. Erst ver- breiten sie die Legende, dass es Boris sei, der die Mörder zu Dimitrij geschickt hatte, dann, dass es gar nicht Dimitrij, sondern ein unterge- schobenes Kind gewesen wäre, das ermordet wurde, und dass Dimitrij gerettet sei, und endlich stellen sie einen Unbekannten als Dimitrij, Sohn Iwans, und rechtmässigen Kronprätendenten auf.') Mit Hilfe von Polen ^) Der erste Semski j Ssobor, dem zweifellos erwählte AbgeordDete angehörten, fand im Jahre IffOS statt. Bei den verschiedenen früheren Semskij Ssobors ist es wahrsoheinlioher, dass die Stadt- imd Provinzvertreter durch die Zentralregierung selbst ernannt wurden. ') Zur Zeit Puschkins (182ff), der Godunow zum Helden seiner Tragödie machte, und MuBBorgBkiJB (1871), der zu Puschkins dramatischer Dichtung sein geniales musikalisches I>rama schrieb, war man allgemein überzeugt, dass Boris am Tode Dimitrijs schuldig sei. Aber Platonow unterwirft diese Ansicht einer scharfen Kritik und zeigt, dass die Beteiligung Boris am Verbrechen nicht nur wenig wahrscheinlich, sondern fast ausgeschlossen ist. Viel- leicht liegt überhaupt gar kein Verbrechen vor. Es ist möglich, dass das ESrgebnis der noch unter Feodor unternommenen Untersuchungen, dass Dimitrij sich selbst in einem epilepti- sehen Anfall tödlich mit einem Messer verwundete, der Wahrheit entspricht. Eine absolute 22 RuBsland. gelingt es dem falschen Dimitrij, Godunow zu stürzen und sich Moskaus zu bemächtigen. Aber eine Regierimg (1605—1606) ist nur kurz, sie dau&it elf Monate. Nachdem es den Bojaren gelungen war, mit seiner Hilfe Boris zu stürzen, und sie ihn nicht mehr nötig hatten, ermorden sie ihn und proklamieren Wassili] Schujskij (1606—1610), einen Bojaren aus Sltester Familie, zum Zaren. Jetzt treten neue soziale EHassen in den Vordergrund, denn die soeiaI- politische Umwälzung geht immer weiter und tiefer. Die Dworjanje, db provinzialen „minores barones'^ verlangen jetzt einen ihrem schweren Staatsdienst entsprechenden Platz in der Regierung, und endlich greifen auch die Bauern und Sklaven in der Verzweiflung über ihre hoffnungslose wirtschaftliche Lage zu den Waffen. Ihnen schliessen sich die Kosaken an, d. h. Bauern und Sklaven, die ihren Herren entlaufen waren und sich an der äussersten Südgrenze des Moskauer Bussland angesiedelt hatten. Für kurze Zeit vereinen sich die Dworjanje mit den Bauem-Eosaken g^n Schujskij, aber die Interessen sind zu verschieden. Die Dworjane sind Grundbesitzer, und wenn sie auch die Bojaren bekämpfen, um neue poli- tische Bechte für sich selber zu erlangen, so wünschen sie doch die Aufrecht- erhaltung imd sogar die Verschärfung der Leibeigenschaft; den Baueni, Knechten und Kiosaken hingegen liegt wenig an politischen Änderungen, sie wollen eine soziale Revolution gegen die Orundeigentümer, ganz gleich ob Dworjanje oder Bojaren. Der authentische Text der Aufrufe des Fuhiers des Aufstandes der Bauern und Sklaven vom Jahre« 1607 — Bolotnikow — ist uns leider nicht erhalten. Hingegen lassen die Schreiben des Patriaichen Hermogen, der eine bedeutende Bolle in den Ereignissen dieser wirren Zeit gespielt hatte und später alle Bussen zum Kampfe gegen die Anarchie und die Polen aufforderte, keinen Zweifel über den Charakter des Auf Standes von Bolotnikow übrig. Hermogen sagt, dass Bolotnikow das Volk „za allerhand bösen Taten, zu Mord und Baub*' auffordert und „den Knechten befiehlt, Bojaren umzubringen, ihnen der Bojaren Weiber und Erden ver- sprechend'' und allerhand „Dieben befiehlt, Kaufleute zu morden und ihre Habe zu plündern''. T^e sehr auch der national-konservativ gesiimte Patriarch dabei übertreibt, so ist doch klar, dass Bolotnikow HaTnA^ft an der Spitze einer Gruppe stand, die eine richtige Sozialrevolution erstxebte, in der primitivsten Form allerdings. Dieser Gegensatz der Interessen rettet Schujskij. Die Dworjanje kehren sich gegen die rebellischen Knechte und schlagen sie. Der Erfdg ist nur kurz. Eine neue bewaffnete Macht saounelt sich um ein Individuum, Unsidherheit herrscht «aoh ,über |die Person des falschen Dinutrij, niwhdem die <^"ft»-"gFt sehr verbreitete Hypothese, dass er der Mönch Grigorij Otrepjew sei, g&oslioh aufgegeben st. Es scheint, dass er selbst sich ffir den Sohn Iwans hielt. Aber wie dem auch sei, sicher w er ein gana ausserordentlich begabter lAensch« Die Moskauer Monarchie. 23^^ das sich für Dimitrij ansgibt und das die Moskauer Chroniken nach dem Dörfchen Tnschino, seinem Hauptquartier, wo sich alle Unzufriedenen, Dworjanje, Kosaken und Bauern saounelten, den Dieb von Tnschino nennen. Die Bewegung wird immer anarchischer, ohne ein bestimmtes Programm. Schujskij ruft die Schweden zu Hilfe, und die Polen nutzen die Unruhen aus, um in Westrussland einzufallen. Nun schliessen zuerst „die von Tnschino'^^) dann auch die Bojaren von Moskau — Schajskij wurde inzwischen von den Dworjanje gestürzt — einen Vertrag mit den Polen, kraft dessen der polnische Prinz Wladislaw zum Zaren von Bussland proklamiert wird. Die Polen besetzen Moskau, das Wladislaw Treue schw&rt. Bussland scheint bestimmt, eine polnische Provinz zu werden (1610). In' diesem kritischen Augenblick gelingt es den Dworjanje unter Führung von Ljapunow, sich nochmals mit den Bauern, Knechten und Eosaken zu vereinigen. In ihrem Feldlager, in der Nähe der Stadt Moskau, die von polnischen Truppen besetzt ist, rufen sie einen Semskij Ssohor zusammen, der ausschliesslich von den „Dienern des Staates'', d. h. zum grössten Teil von Dworjanje, gewählt wird, und arbeiten ein eigenartiges Verfassungsprojekt aus (30. Juni 1611), nach dem die Exekutivgewalt in den Händen des Triumvirats Ljapunow-Trubezkoj-Saruzkij ruht (der erste für die Dworjanje, die beiden anderen für die Kosaken und Bauern); die Exekutive ist vor dem Semskij Ssobor verantwortlich, der zu einem richtigen Parlament mit gesetzgebender Gewalt wird. In der sozialen Frage jedoch bleiben die Dworjanje höchst konservativ und bestehen auf der absoluten Notwendigkeit der weiteren Unterjochung der Bauern. Damit war das ganze schöne Programm zum Misserfolg verurteilt. Die Bauem-Kosaken erheben sich einmütig gegen die Dworjanje und ermorden sogar Ljapunow. Zum zweitenmal erweist sich eine Verbindung zwischen Dworjanje und Bauern als unmöglich; und allein hatte keine der beiden Parteien die Macht, die Lage zu beherrschen; die Bojaren aber waren durch all diese Aufstände ganz zugrunde gerichtet. Bussland befindet sich in ToUständiger Auflösung und Anarchie, die Polen sind im Begriff, sich ganz Russlands zu bemächtigen. Aber die drohende Gefahr der IVemdherrschaft, welche noch uner- träglicher war durch die religiöse Differenz zwischen den orthodoxen Bussen und katholischen Polen, erweckt den nationalen Selbsterhaltungstrieb, und die lange und furchtbare Anarchie lässt die Sehnsucht nach einem ruhigen geordneten Leben immer heftiger werden. Von diesen Motiven geleitet, entsteht an der Wolga bei Nischni-Nowgorod eine neue Wehrmacht; der Kaufmann Minin aus Nischni-Nowgorod und der Fürst Poscharskij treten an die Spitze; immer neue antipolnische und antianarchistische Elemente schliessen sich diesem Heere an, und es gelingt ihm, die Anarchie zu be- ^) Wie die in Tusohino Vereinigten in den Dokumenten genannt werden. 24 Bimknd. seitigen, die Polen %n schlagen und Moskau sn befreien. Eine konstttii- ierende Versammlimg, ein Semskij Ssobor, wird im Jahre 1613 in Mbskan einberufen, um über die Staaisform in entscheiden. Es ist bemerkenswert, dass, obgleich die Brinnermig an die Bepnldik Nowgorod noch lebendig und der Ssobor ganx frei in der Wahl der Regie- rungsform war, sich keine Stimme für die Bepublik erhob. Im Grunda handelte es sich hier nur darum, einen Zaren 2u erwähl^i und dann seine Macht SU beschrftnken. Nachdem als Kandidaten für den Zarenthron alle fremden — polnischen, schwedischen und selbst tatarischen ~ Forsten, sowie jeder, der bei den Ereignissen des sc^nannten „Interregnums'' (1610—1613) seine Band im Spiel gehabt hatte, wie IVubeskoj und der Fürst Posharskij, verworfen waren, fiUIt die Wahl des Ssobor auf den Bojaren Michail Romanow (1613—1645). Zu seinen Gkmsten sprach die "latsache, dass er gänadich abseits von den lotsten Ereignissen gestanden hatte, keiner bestimmten politischen Gruppe angehörte, mit der erioechenen Dynastie desB jurik verwandt war undendlioh ,dass er charakterlos und geistig schwach war. Besonders letzteres war wichtig, um dem Semskij Seobor, d.h. der Volksvertretung, einen starken Anteil an der Regierung su sichern. Wirklich versuchte auch der Ssobor von 1613 die Zarengewalt seia tu beschr&iken. Vor allem bestimmt er, dass die Zarengewalt nicht erblieh sein soll, sondern dass jeder neue Zar durch den Semskij Ssobor xu erwählen sei.^) Und so erwählt wird nicht nur Michail selbst, sondern auch dessen Sohn Alexej BÜchajlowitsch (1645—1676). Und wenn Alexejs Sohn, Feodor Alexe jewitsch (1676—1682), der ältere Bruder Beter des Grossen, seinem Vater schon ohne jegliche Formalität folgt, so ist das der beste Beweis vom Niedergang des Semskij Ssobor, der um die Mitte des XVII. Jahrhunderts erfolgte. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts war die Volksvertretung jedoch noch ungeschwächt. Die Semskij Ssobors folgen sich regelmässig, es bildet sich für jeden Ssobor eine Art Sitzungsperiode von mdireren Jahren heraus, seine Machtbefugnisse und seine Wahlbasis dehnen sich immer mehr aus. Es scheint, dass Russland, ähnlich wie England, das gerade sn dieser Zeit seine revolutionäre Periode durchmachte, bestimmt ist, ein parla- mentarischer Staat zu werden. Die Regierung Michails stützt sich bei der ^) Dieses Prinzip war im politisohen Leben Russlands durchaus nicht neu. Es existieren Berichte, dass schon Feodor Iwanowitsch nach dem Tode seines Vaters, Iwan des Schreck- lichen, durch den Semskij Ssobor von 1584 «um Zaren erwählt wurde. Sicher ist es, dass beim Erlöschen der Dynastie mit dem Tode Feodors Iwanowitsch es der Semskij Ssobor von 1598 war, der Boris Godunow sum Zaren erwfthlte. Eine der schwersten BeechuldiguDigeOr die Ljapunow gegen Wassilij Schujskij erhebt, ist gerade, dass er durch die Wahl der Bojaren und nicht durch einen regelrechten Ssobor auf den Tron gekommen ist. Bemerkenswert ist noch, dass der Semskij Ssobor von 1613 der einzige ist, zu dem nicht nur die Dworjaoje und Bürger, sondern auch die Bauern ihre Abgeordneten schicken. Die Moskftner Monarohie. 25 sch^reren Arbeit des Wiederaufbaus des durch die Stürme der Anarchie bis in seine Tiefen zerrütteten russischen Staates immer auf die Autorität tmd Kompetenz des Ssobor. Und diese Arbeit war wirklich ungeheuer. Vor allem handelte es sich darum, die in der Zeit der Unruhen verlorenen Territorien wiederzuge- winnen. Dies ist das Hauptziel der Politik der ersten Bomanows, und es verlangt die äusserste Anspannung aller Volkskräfte des eben erst nach den sozialpolitischen Erschütterungen neuaufgebauten Staates. Aber da Be- freiungskriege leicht zu Erober xmgskriegen werden, und Eroberungskriege keine Grenzen weder im Baum noch in der Zeit kennen, dauert diese äusserste Anspannung aller Kräfte des Moskauer Staates ungeschwächt an das ganze Jahrhundert hindurch. Dadurch gewinnt Bussland zwar verhält* nismäsaig rasch seine verlorenen Territorien zurück und hat zum Schluss des Jahrhunderts nicht nur die Grenzen der vorrevolutionären Zeit — mit Ausnahme eines kleinen Stückes am IHnnischen Golf, das noch den Schweden verbleibt — wieder erreicht, sondern sie sogar beträchtlich nach Süden und Sudwesten zu erweitert. Die Ukraine vom linken Dnjeprufer und ein kleines Territorium auf dem rechten, Kiew einbegriffen, hatte sich schon unter Bogdan dimielnizki mit Moskau vereinigt, um sich von den Polen zu be- freien, und. im Osten in Sibirien, wo sich schon um die Mitte des Jahr- hunderts russische Kolonisten am Stillen Ozean gezeigt hatten, dehnt Bussland jetzt seine Herrschaft bis Kamtschatka aus. Aber diese Erobe- rungen kosteten der ganzen Bevölkerung, die wie im vorangegangenen Jahrhundert zum Staatsdienst herangezogen wurde, grosse Opler. Und genau wie im XVI. Jahrhundert lehnt sich die Bevölkerung gegen &sn Druck des Staates auf. Nur sind es jetzt nicht mehr die Bojaren, die die Oppositioil machen, denn die sind als soziale Macht unter den Unruhen der Bevolutionszeit verschwunden, noch die Dworjanje, die Grundbesitzer^ jetzt die höchste Klasse, auf die sich die Begierung stützt und die vom Zaren axst jede Weise begünstigt wird, noch die Bürgerklasse, der russische tiers-ötat, die zu wenig zahlreich und wirtschaftlich zu schwach ist, um sich geltend zu machen, sondern es sind die niedrigsten Klassen der Gesell- schaft, die nach der Bevolutionsperiode eine grosse Beizbarkeit zeigen und sich bei jeder Gelegenheit zu* Unruhen hinreissen lassen. Das ganze XVII. Jahrhundert ist eine ununterbrochene Periode blutiger Volksauf stände^ von denen der berühmte Bauernaufstand von 1667—1771, der von Basin geleitet wurde, nur der bedeutendste ist. Die einzige praktische Folge der meisten dieser Bevolten war ein immer engerer Anschluss der wohlhabenden Klassen an die zaristische Begierimg, in der sie eine Garantie gegen die Wiederholung der Ereignisse der Bevolutionszeit sahen. Unter den ersten Bomanow wird die schon unter Iwan dem Schreck- lichen' weit fortgeschrittene, aber dann durch die Bevolution imterbrochene 26 Bu88land. Trennung der ganzen Bevölkerung in scharf abgegrenzte Klassen mit eigenen Rechten und Pflichten streng weitergeführt und durch den neuen Kodex vom Jahre 1649 zu einem formalen Abschluss gebracht. Die russi- sche Gesellschaft teilt sich jetzt noch schärfer als im vergangenen Jahr- hundert in Dworjanje, die zum Militär- und Zivildienst verpflichteten Qrossgrundbesitzer, in »JPossadskije'^ die steuerzahlenden bärgerlichen Kaufleute und Industriellen, und die Bauern, die für den Staat arbeiten müssen. Diese EHassen sind in sich geschlossen und erblich, alld dazwLaehen- liegenden Stufen werden gewaltsam vom Gesetze unterdrückt. Damit ist das schon im XVI. Jahrhundert begonnene Werk vollendet und die Lage der Staatsbauem ist durch grössere Abgaben nur noch ver- schlimmert worden. In der Provinzverwaltung werden andere Wege ein- geschlagen. Die erwählten Behörden werden der Autorität des „Wojewoda'^ eines in die Provinz geschickten höheren Staatsbeamten, untergeordnet, so dass hier der Bureaukratismus das Übergewicht über das Wdilsystem gewinnt. Dasselbe geschieht bald auch in der Zentralverwaltung. Der Semski] Ssobor wird aus einem gesetzgebenden Körper immer mehr zu einem nur beratenden, bis er endlich überhaupt nicht mehr zusammrai- berufen wird. Die zaristische Begierung ist nur zu froh, sich von der Volks- kontrolle zu befreien, und die Mitglieder des Semskij Ssobor, vor allen die Dworjanje, die inuner die Majorität darin hatten, lassen sich die Macht ohne Widerstand aus den Händen gleiten, weil sie es zum grössten Teil selber sind, die an der bureaukratischen Begierung teilnehmen, bei der sie ihre sozialen und wirtschaftlichen Interessen ausserdem gut geschützt wissen. Auch die Furcht vor Volksauf ständen treibt sie, sich immer enger der Zentralgewalt anzuschliessen und nimmt ihnen die Lust zur Opposition. So vollzieht sich die Bureaukratisierung des Moskauer Staates, die ihren Höhepunkt und ihre endgültige Gestaltung durch die Beformen Petet des Grossen erhält. In der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts macht sich die Not- wendigkeit weiterer grosser Veränderungen im Leben und in der Organi- sation des Staates fühlbar. Vor allem wird eine militärische Beform drin- gend nötig, denn Bussland hat jetzt gegen Länder wie Schweden und Polen zu kämpfen, die eine weit ausgebildetere militärische Technik besiiaen. Es werden neben den Dworjanje und ihrem Gefolge, die im Notfall zum Waffendienst verpflichtet sind, regelmässige Kavallerie- und Infanterie* truppen, wenn auch zuerst in geringer Zahl, gebildet. Die Begierung ver- sucht die nationale Industrie zu heben, indem sie fremde Kapitalisten und Techniker üis Land ruft und den Fabriken bestimmte Bauern als Arbeiter zuweist. Auch der! Handel mit England, IVankreich, Holland, Schweden, Dänemark und Deutschland wächst beständig, besonders durch den Hafen von Archangelsk, Die MoBkauer Monarchie. 27 Im allgemeinen steigt bei den gebildetsten und intelligentesten Bussen die Tendenz, sich den fortgescbritteneren Ländern Westeuropas zu nähern. Männer wie Qrdyn-Naschtschokin, Golizin, Btischtschew empfinden diese Notwendigkeit und arbeiten Beformprogramme aus. Sie werden zwar nur sehr zaghaft von Alexej Michajlowitsoh ausgeführt, denn, wie Klutschewski treffend von ihm sagt, glich er in seinem Wunsche, sich vom Alten zu be- freien und in seinem Zögern energisch das Neue zu erfassen, einem Menschen, der einen grossen Schritt vorwärts machen will, den einen Fuss schon er- hoben bat, dann aber vor der Grösse des Schrittes erschrickt, nicht zurück- gehen will und mit dem einen Fusse in dar Luft stehen bleibt. Die ver- schiedenen Projekte haben immerhin das grosse Verdienst, den Boden fiir die BefOTmen Peter des Grossen vorbereitet zu haben. Selbst diese schüchternen Beformversuche Alexejs rufen jedoch eine heftige Beaktion in der noch orientalisch -konservativen russischen Gesell- schaft hervor. Am stärksten ist der Widerstand auf religiösem Gebiete, besonders gegen den energischen Moskauer Patriarchen Nikon, der die durch fehlerhafte Abschriften entstellten religiösen Texte einer Prüfung und Wiederherstellung unterzieht. Zahlreiche Gläubige weigern sich, die neuen, veränderten heiligen Biicher anzuerkennen und bleiben den alten Biten treu, was auch ihr Name „Staroobr jadzy'' (Anhänger der alten Biten) oder ,,Starow]ery'' (die Altgläubigen) besagt. Die Altgläubigen bleiben in ständiger Opposition zur kirchlichen Gewalt, die die Beformen vollzieht, und zur weltlichen Zarengewalt, die sie dabei unterstützt. Noch heute zählt man in Bussland mehrere Millionen Altgläubige. Während der Durchführung dieser religiösen Beformen kommt es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Zaren Alexej und dem Patri- archen Nikon. Der Konflikt endet mit dem vollen Triumph des Zaren, und von nun an ist der russische Klerus nur ein gehorsames Werkzeug in der Hand der weltlichen Macht, besonders nachdem Peter der Grosse das Patriarchat in Bussland endgültig abschafft und an seine Stelle den heiligen Synod (1721) einsetzt,^) eine Versammlung von Metropoliten, Erzbischöfen und Bischöfen, die von einem hohen Staatsbeamten, dem „Oberprokuror'% bewacht wird. ^) Das Fatriarohat wurde in Russland unter Feodor Iwanowitsoh (IffSO) gegründet. Nachdem ea am Anfang des XVJLlI. Jahrhunderts aufgehoben worden war, wurde es nach der Mi^srevolution 1917 wieder eingefOhrt, und Tiohon, der Metropolit von Moskau, von der ruasisohen QeiBtliohkeit zum Patriarchen erw&hlt. 28 Roishnd. IV. Das Petersburger Kaiserreicfa. (1700—1917.) Beter dar Grosse ist die erste Gestalt der russischen Geeckichte, die auch in Europa allgemein bekannt ist. Wenn das Bild, das sich dae enropfti- sdbe Publikum von Iwan dem Schrecklichen macht» nur ein 22errbild ohne jegliche historische Grundlage ist, so dr&ngen sich bei Beter dem GrosBsi selbst dem wissenschaftlich ganz Ungebildeten gewisse sicher geschichtliebe Tatsachen auf ; seine auswärtige Politik, seine Kriege sind mehr oder weniger jedem bekannt. Aber auch hier mischt sich Wahrheit und Dicht ung; d» reformatorische Werk Beters des Grossen wird bis zum Phantaetiseh^ und Übermenschlichen übertrieben, so dass man am Ende einem faet übematürlichen Wesen gegenüberzustehen glaubt, das dort, wo nichts oder kaum etwas war, einen mächtigen, fast modernen Staat geschaffen hat. Als ob der grosse Zar wie der allmächtige Gott nur zu sagen brauchte „Russland werde I" — und „es ward". Aber das Bild des Zaren, des einzig wirklich grossen, den die russische Geschichte hervorgebracht hat, wird dadurch nicht vergrossert, sondem verkleinert; es rückt aus der wirklichen Welt ins Fabelreich. Und vor aUem: es wird gefälscht. Um es ganz kategorisch zu sagen, mit all seinen Beformen hat Peter der Grosse im wesentlichen nichts absolut Neues geschaffen, und anstatt ganz mit der Vergangenheit zu brechen, hat er sie nur vollendet und gekrönt. Die Form schuf er neu, der Inhalt war alt. Schon die äussere Politik Peter des Grossen, die darauf hinzielte, durch die Ostsee Bussland „ein Fenster nach Europa zu schlagen",^) war ein Erb- teil seines Vaters Alexe j Micha jlowitsch und sogar Iwan des SchreckUcheii. Aber die glückliche Vollendung dieses Planes führte zu einer neuai Schöpfung, zur Gründung der russischen Ostseeflotte. Und auch die Aus- dehnung Busslands bis ans Schwarze Meer und am Kaspischen Me^ entlang war nur die direkte Fortsetzung der Moskauer Politik des XVU. Jahrhunderts. Gerade wie damals finden auch unter Beter dem Grossen fortwährende Kriege statt und verlangen die stärkste Anspamiung der militärischen, wirtschaftlichen, finanziellen und industriellen Kräfte des Landes. Daher die Vergrösserung der regulären Truppen von 40,000 auf 100,000 Mann, die Ausdehnung des Militärdienstes von der Klasse der Bworjanje auf alle Klassen des russischen Volkes, während die Dworjanje „zu lernen '^ gezwungen werden, um das Offizierskorps im Heere zu bilden» daher die Steigerung der militärischen Ausgaben bis zu 65% der Gesamt- ausgaben des Staates, daher die ganze Finanz- und Steuerreform, daher die Förderung der nationalen Industrie, die Berufung zahlreicher atis- ^) Puschkin. . Das Petenbnrger KuBerreioh. 29 l&xxdischer Teohnüoer ins Land und die Aussendung der Bosaen ins Ausland zur Erlernung der europäischen, industriellen und militärischen Technik, und daher auch alle die daraus entspringenden politischen und administra- tiven Beformen, die immer rein praktische, nie ideelle Ziele haben. Wenn z. B. Peter der Grosse jedem, der durch seinen persönlichen IKenst einen bestimmten Grad in der vom Zaien neugeschaffenen Bang- liste eneicht hatte, den Eintritt in die Klasse der Dworjanje eröffnet, so tut er das nicht, um die Klasse der Dworjanje zu demokratisieren, sondern ausschliesslich, damit diese Klasse auch fernerhin den vergrösserten und immer noch steigenden militärischen und administrativen Bedürfnissen des Staates gewachsen sei. Um diese EHasse leistungsfähiger für den Dienst zu machen, vergrössert und verschärft er die Leibeigenschaft der Bauern. Wenn er den Städten eine bestimmte Autonomie lässt, wobei er jedoch die reichen Kiaufleute der „ersten Klasse*', die der Staat für seine Finansgen braucht, bevorzugt, so schränkt er doch bei der ganzen Provinzverwaltung^) das schon durch die bureaukratischen Beformen des XVII. Jahrhunderts geschwächte Wahlsystem ein, bevorzugt überall das buieaukratische Prinzip und konzentriert die Zentralverwaltung in den aus wenigen von der Begierung ernannten Mitgliedern bestehenden „Kollegien'', die ein, Jahrhundert später, unter Alexander I., durch „Ministerien" ersetzt werden. In alledem war nichts Neues, und die bureaukratische Monarchie, die aus den Beformen Peters des Grossen hervorging, war nur das natürliche Resultat der vorangegangenen jahrhundertelangen Entwickelung, die durch Peter ihren Abschluss fand. Neu war nur der rasche Bhythmus, die Entschlossenheit und Energie, mit der reformiert wurde, eine Energie, die oft in Gewalttätigkeit und brutalem Terrorismus ausartete. Übrigens hat Peter schon hierin einen Vorgänger gehabt in Iwan dem Schrecklichen, mit dem er auch das Ver- brechen der Ermordung des eigenen Sohnes teilt. Aber gerade diese Heftig- keit der Beformen erweckte eine grosse Unzufriedenheit bei allen denen, die mehr als am Inhalt, der im Grunde unverändert blieb, an den alten Formen hingen. Die oppositionellen Strömungen, die religiöse, eine direkte Fortsetzung der religiösen Opposition unter Alexe j Micha jlowitsch, und die nationale, die sich gegen die von Peter eingeführten Bräuche richtete, sahen beide ihr Haupt in Peters Sohn Alexej.* Und der Zar zögert nicht, seinen Sohn einzukerkern, zu martern und hinzurichten. Damit war die Opposition aber nicht besiegt ; tast unmittelbar nach dem Tode Peters des Grossen (1725) zeigt sie sich von neuem, und zwar unter den Dworjanje, die gerade diesen Beformen ihren Kontakt mit der europäischen Kultur verdankten. ^) ITnier Peter wird Russland in acht Provinzen (Qubemli) mit „Gubernatoren"ander Spit» g0teib, die den Platz der „Wojewoden" einnehmen. 30 RuBsUnd. Denn wenn Beter auch nur praktische Ziele verfolgte und die Wissen- schaft mit der Technik identifizierte, so drang mit der ei]ropa]sche& Technik auch europaische Wissenschaft in Bussland ein; und noch Beter selbst musste sie kurz vor seinem Tode im Jahre 1724 durch Eröffnimg der Akademie der Wissenschaften in der neuen von ihm gegründeten Hauptstadt Petersburg anerkennen. Nach \veniger als zwei DeaennieQ sehen wir an dieser Akademie schon den genialen Lomonossow (1711 bis 1765) arbeiten, den Sohn eines einfachen Bauern aus Nordrussland, den es durch eifriges Lernen gelang, nicht nur der Schöpfer der literarischen und poetischen Sprache Busslands, sondern auch ein bedeutender Chemiker, Physiker, Mechaniker, Metallurge etc. zu werden. Ein Ph&nomen wie Lomo- nossow wäre vor Peter dem Grossen eine Unmöglichkeit gewesen und Ifisst uns ahnen, welch enormen Schritt vorwärts Bussland in der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts machte. Auch die freieren politischen Staatsformen in Europa, besonders in Schweden, Polen und England beginnen das Interesse der Dworjanje zu erwecken. Des lebenslänglichen obligatorischen Dienstes überdrüssig, ver- suchen sie nach dem Tode Peter des Grossen sich davon zu befreien und, um ihre eigenen sozialen und politischen Forderungen zu formulieren, stellen sie konstitutionelle Beformprogramme auf und versuchen die neuen Monarchen, die in der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts mit er- schreckender Geschwindigkeit aufeinanderfolgen (in 37 Jahren von 1725 bis 1762 sechs verschiedene Begierungen !), zu zwingen, sie zu bestätigen und zu verwirklichen. Das XVIII. Jahrhundert, besonders die erste Hälfte desselben, ist voller Kämpfe zwischen dem Zaren und den Dworjanje, gerade wie es das XVI. Jahrhundert zwischen dem Zaren und den Bojaren war. Aber wäh- rend die Bojarenklasse fast zerstört aus diesen Kämpfen hervorging, gelingt es den Dworjanje, zwar nicht ihr politisches Programm — die Beschr&nknng der Zarenautokratie durch eine Dworjanje Vertretung — wohl aber den sozialen Teil ihres Programms voll zu verwirklichen ; sie zwingen die Zaren zuerst (1736), ihre Dienstzeit auf 25 Jahre zu verkürzen, und dann erlangen sie (1762) die vollständige Auftebung derselben. Und wenn sie beim politischen Teil Schiffbruch erlitten, so lag der Grund, genau wie beim Scheitern der Forderungen der Bojaren im XVI. Jahrhundert, vor allem an der Uneinigkeit der verschiedenen Dworjanjefamilien, besonders an dem Antagonismus zwischen den oberen Schichten der Dworjanje mit ihren oligarchischen Tendenzen und den mittleren und niederen, die mehr die Oligarchie als die Autokratie fürchteten, und immer bereit waren, dem Zaren selbst gegen die Oberschicht der Dworjanje zu helfen, wenn nur ihr Wunsch nach Befreiung vom obligatorischen Dienste erfiillt wurde. Es gelingt den Dworjanje nach einer Beihe von Staatsstreichen und Das Petersburger Kaiserreich. 31 wtm^ Aufständen, die übrigens auf die engste Umgebung des kaiserlichen Palastes beschränkt bleiben,^) die Befreiung von .ihren Verpflichtungen und die Be- stätigung aller ihrer Privilegien durchsusetasen und von Katharina II. (1762—1796), die den Dworjanje eine Art korporativer Organisation gab, eine Elarlegung des Erreichten in allen Einaselheiten durch das berühmte Dworjanjegesetz von 1785 zu erhalten; aber alle anderen Klassen bleiben von diesen durch die Dworjanje errxmgenen Bechten ausgeschlossen. Mit dem Provinzverwaltungsgesetz von 1775 war man zwar teilweise zu dem von Peter dem Grossen unterdrückten Wahlsystem zurückgekehrt, aber bei den Wahlen selbst hatten die Dworjanje immer die Majorität, und, was noch schlimmer war, auch der „Namjestnik"', d.h. der Statthalter, ein hoher Beamter der Zentralregierung, der sich „Herr der Provinz'' nannte und es auch in Wirklichkeit war, und unter dessen Kontrolle — d. h. absoluter Herrschaft — alle Provinzorgane seines Bereiches standen, wurde stets unter ihnen erwählt. In seiner Hand konzentrierte sich die ganze Macht der alten Wojewoden, die Peter der Grosse aufgehoben hatte und die dann im Jahre 1728 neben den neuen von Peter geschaffenen Gouverneuren wieder eingeführt wurden. Obgleich die Städte nominell im Jahre 1785 eine Erweiterung ihrer Autonomie erhalten hatten, wurde auch dort die Selbständigkeit durch die Polizeigewalt, die unabhängig von den erwählten Behörden war und sich immer auf ihr wahres Haupt, den Gouverneur, stützte, ausserordentlich eingeschränkt. Mehr als durch alles andere aber wurde die freie Entwickelung der Städte, des Handels, der Industrie und des ganzen russischen Lebens durch die ständige Verschärfung der Leibeigenschaft gehemmt. Das XVUI. Jahr- hundert, das Jahrhundert des Triumphs der Dworjanje und des zaristischen Absolutismus, der sich auf die in ihren sozialen Aspirationen befriedigten Dworjanje stützte, bezeichnet auch den Höhepunkt der Leibeigenschaft in Bussland. Dieselbe Katharina II., die die Dworjanje so stark begünstigte und sich der Freundschaft Diderots, D'Alemberts, Voltaires und des Titels ,ierleuchtete Zarin" rühmte, setzte die Politik ihrer Vorgänger fort, die den Dworjanje-Grundeigentümem im' Jahre 1760 das Becht, ihre Bauern nach Sibirien zu schicken, gegeben hatten, und verbot den Bauern im Jahre 1767 sogar, wegen schlechter Behandlung EHage gegen ihre Herren zu erheben. Damit war den Bauern ihre letzte Zuflucht genommen und 816 waren zu vollkommenen Sklaven der Dworjanje geworden. Eine weitere Verschlechterung ihrer Lage erlitten sie durch die zaristi- sche Unsitte, den Favoriten Geschenke aus den Staatsländereien zu machen, Geschenke, die unter Katharina 11. und Paul I. enorme Ausdehnung ^) Der bekannteste und wichtigste war der Aufstand von 1730 bei der Tronbesteigung ^ Zarin Anna Joanowna (1730 — 1740), der sein politisches Ziel, die Schaffung einer dworianisehen konstitutionellen Monarchie, auch nicht erreichte. 32 BusaUad. annahmen. KatbaiinA schenkte ihren Favoriten ungefähr 800,000 Kioa- bauem, die aie eo von freien Bauern zu Frivatbauem, d. h. Sklaven ihnr neuen Herren degradierte, und Paul I. hatte während seiner kurzen Regie- rung (179(^-1801) Zeit, ungefähr 530,000 Bauern zu verachenkon! Natürlich hörten auch im XVIII. Jahrhundert die blutigen Bauern- aufstände nicht auf, und zum Schluas desselben erreichen sie wiederum einen Höhepunkt in dem berühmten Aufstand des Pugatschow an dar Wolga (1773 — 1775), g^en den Katharina ihre besten Generäle achkkeii muBste; diesen gdahg es nur mit Mühe, den Aufstand zu unterdrücke. Manche der Dworjanje, die gebildeteren und von Klassenintereaaea freieren, gaben sich schon Rechenschaft von der schrecklichen Ungerechtig- keit und der Gefahr, die die Leibeigenschaft für den ganzen Qrganiamiii des russischen Staates bedeutete, von der Ungerechtigkeit, die jrtzt be- sonders klar wurde, nachdem die Dworjanje, für deren Dienstleistungen die Bauern die Basis abgegeben hatten, vom obligatorischen Dienste bereit waren, womit die Leibeigenschaft j^liche Berechtigung verloren hatte. Die wachsende Gefahr für den Staat lag darin, dass er auf einer zu un- sicheren Basis ruhte, die unerträgliche moralische und materielle Lage einer so enormen Mehrheit des russischen Volkes musate seine Existepz in seinen Grundfesten erschüttern. Aber die Proteste waren noch veiieinzelt; sie entsprangen dem ganz kleinen Ejreis derer, die im geheimen auch db französische Revolution und die Einnahme der Bastille feierten; sie kameo von den ersten russischen Publizisten — von Nowikow und von Badiach- tschew, dem Verfasser der berühmten „Reise von Petersburg nach Moskftu" — die ihren mutigen Protest mit langen Jahren der Gefangenschaft bezahlen mussten, wobei die Regierung Katharina n. fand, dass sie eigentlich den Tod verdient hätten. Die grosse Masse der Dworjanje kümmwte sieh nm um sich selbst und war bereit, jedem zu dienen, der ihre wirtsehaftlichen Interessen schützte. Fast zwanzig Jahre schrecklicher, ununterbrochener Kriege mussten über Russland die^ngehen, Russland musste die franzö- sische Invasion erleben, russische Heere mussten durch Berlin und Paris, durch Deutschland, Österreich, Italien, die Schweiz und Frankreich ziehen, bevor die liberalen Ideen bei vielen Offizieren der Dworjanjeklasse Boden gewinnen konnten, die dann im Jahre 1826 einen Staatsstreich mit einem für Russland ganz neuen politischen Programm wagten. Russland hatte im XVlil. Jahrhundert verhältnismässig wenig Kriege zu bestehen gehabt ; da? neue Jahrhundert beginnt mit den Kämpfen g€^ die französische Revolution, an denen Russland ziemlich tätigen Anteil nimmt . Russland hatte sich zwar schon gegen Ende des XVlli. Jahrhund^s wesentlich vergrössert, aber hauptsächlich auf diplomatischem Wege, durcb die drei Teilungen Polens (1773, 1793, 1795); nur die Eroberung der Krim und des Nordufers des Schwarzen Meeres waren im XVIIL Jahrhundert Das Petenbnrger Eauerreioh, 93 unter Katharina n. durch Waffengewalt erfolgt. Jetzt aber am Anfang des XIX. Jahrhunderts dringt die „grosse Armee"' bis ins Herz Busalands ein, und im Jahre 1812 wird Moskau selbst von den Franzosen besetzt, wie zwei Jahrhunderte vorher von den Polen unter dem Prinzen Wladislaw and dem Hetmann Scholkjewski. Aber während 1612 — 1613 die heftigste Bewegung des Volkes gegen die Anarchie und die Eremdherrachaft Buss- land rettete, hatte 1812 bei dem Zusammenbruch der Franzosen der patrio- tiaohe Aufschwang nur ein sekundäres Verdienst. Der Hauptgrund des Versagens der Napoleonischen Expedition lag in den schwierigen natür- lichen klimatischen, geographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen, denen sich die grosse Armee in Bussland gegenübersah, tuid die durch den aussergewöhnlich strengen Winter und die von den Bussen selbst in den besetzten Gebieten gemachten Zerstörungen noch verschärft wurden. Gerade die Schwäche und die Armut Busslanda, besonders in Transport- und Kommunikationsmitteln wurde zu einer unvei^eichUchen Ver- teidigungsmacht gegen Napoleon. In weniger als einem Jahre war der Eeldzug für Napoleon unwiderruflicfh verloren und die russischen Heere begannen ihren Vormarsch in entgegengesetzter Bichtung von Moskau nach Paris. Die verschiedenen Kriege unter Alexander I. (1801 — 1825) verschafften Bussland 1809 Finnland im Norden, 1812 Bessarabien im Süden, 1815 Polen im Westen, sowie beträchtliche Gebietserweiterung im Kaukasus und in Zentralasien, aber sie verzögerten noch mehr die immer dringender werdenden inneren politischen und sozialen Beformen. Von allen liberalen Plänen, die die erste Hälfte der Begierungszeit Alexander I. ausfüllen, gewinnen nur zwei eine gewisse Bedeutung: das Gesetz von 1801, welches das Becht, Landbesitz zu erwerben, das vorher ausschliesslich auf die Bworjanje beschränkt war, auf alle freien Volksklassen, die freien Krön- bauem einbegriffen, ausdehnt, und das Gesetz von 1803, das den Grund« eigentümem das Becht gibt, ihre Bauern zu befreien und ihnen auf frei natereinander zu bestimmenden Bedingungen Land 'zur Bearbeitung zu überlassen — ein Becht, von dem natürlich kaum Gebrauch gemacht wurde. Auch die administrative Beform, die Einsetzung von Ministern (1811), die ursprünglich verantwortlich sein sollten, stärkte allmählich nur das bureau- kratische Verwaltungsprinzip. In der zweiten Hälfte seiner Begierungszeit verfiel AlexGuider I. ganz dem Einfluss des Fürsten Mettemich und wurde einer der Hauptstützen der europäischen Beaktion. Eine Beaktion, die übrigens als G^enwirkung in allen Ländern eine grössere Intensität der liberalen und demokratischen Tendenzen hervorrief, die sieh in Bussland zum erstenmal nach dem Tode Alexander I. beim bewaffneten Aufstand vom 14. Dezember 1825 in Petersburg bemerkbar machten. Dieser Aufstand hat beim ersten BUck viele Berührungspunkte IrIfaiaBB, BwdMid Ob 3 34 BoMkud. mit den Palastrevolutionen dee XVIII. Jahibunderts. Auch er bricht bei einem Tronwechsel aus; wieder sind es die Dworjanje, besonders die Offiziere der kaiserlichen Garde, die ihn machen; auch diesmal handelte es f ich darum, dem Monarohen eine konstitutionllle Charte zu enträss^. Aber hiermit endet auch die Ähnlichkeit. W&hrend die Dworjanje bd| ihren Aufständen im XVIII. Jahrhundert nur ihre egoistischen Klassen^ ziele verfolgten, ihre sozialen Privilegien zu vergrössem und neue politische] Bechte zu gewinnen suchten, fordern die „Dekabristen'', wie die Bevolu^ tionäre vom Dezember (Dekabr) 1825 genannt werden, vor allem die Ab*| Schaffung der Leibeigenschaft und eine Konstitution, die dem ganzen russischen Volke, nicht nur einer einzigen privilegierten IQasse die Macht;] gebe. Und Pestel, der bedeutendste der Dekabristen, der Verfafiser d« „BuBskaja Prawda", eines bis ins Kleinste ausgearbeiteten sozialpolitischea Progranuns, verlangt schon nicht mehr die konstitutionelle Monarchie, sondern die Bepublik. Die Dekabristen sind die wahren geistigen föhne der franzosischen Bevolution, und es ist kein Zufall, dass viele von ihnen — und auch Pestel — während des Feldzuges 1814 — 1815 in Frankreich gewesen waren. Der Dekabristenaufstand misslang. Die fünf Hauptführer wurden gehängt und ihre Anhänger zu Dutzenden zur Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt. Die liberalen und demokratischen Ideen waren noch nicht stark genug in Bussland, um die zaristische Begierung beeinflussen zu könn^. die mit der Tronbesteigung Nikolaus I. (1825 — 1855) nur immer reaktio* närer wurde, besonders nach dem polnischen Aufstand von 1830 — 1831 imd der europäischen revolutionären Bewegung von 1848. Die dreissig Jahre der B^erung Nikolaus I. sind vielleieht die reak- tionärste Periode der neueren russischen Geschichte seit Peter dem Grossen. aber gerade in dieser Zeit entstand in Bussland eine neue, ausachliesslich moralische und intellektuelle soziale Macht, die noch eine grosse Zukunft haben und ein entscheidender Faktor bei der weiteren Entwickelung Bufis- lands werden sollte. I2ß ist dies die soziale Schicht der „Intelligenz'*, deren einziges Merkmal die höhere intellektuelle Kultur ist. In der erst^ H&lfte des XIX. Jahrhimderts bestand sie noch hauptsächlich aus Dworjanje, die die grössten Bildungsmöglichkeiten hatten, aber allmählich nehmen in immer grosserem Masse auch andere soziale Schichten, freie Bauern und sogar Söhne von Leibeigenen daran teil. Die immer engere Verbindung mit Europa, die Zunahme der Bildung, die Universitäten — die erste Universität in Moskau war schon 1755 unter der Zarin Elisabeth Petrowna (1741 — 1761) gegründet worden -^ beginnen Früchte zu tri^en. Die Zeit Nikolaus I. ist die Epoche Puschkins, Gogols, Lermontows, des Kritik«« Bjelinskij, des Historikers Granowskij, Alexander Herzens und des Gründers der russischen Nationalmusik, Glinkas. Das Petenlmrger KaiBerreicIi. 35- IMe Begidmng Nikolaus I. stand der Ausbreitung der inteUektuellen Kultur feindlich gegenüber, denn die Gebildeten verurteilten das russische Regime und vor allem das grösste aller Übel, die Leibeigenschaft. Viele bedeutende russische Schriftsteller hatten unter schweren Verfolgungen der Regierung zu leiden; und es ist bekannt, dass im Jahre 1849 ein ganzer Kreis junger Literaten, unter denen sich der grosse Romanschriftsteller Dostojewskij befand, zum Tode verurteilt wurde, weil sie in Rusaland ver- botene Bücher gelesen hatten; die Verurteilung wurde durch einen Gnaden* erlass des 2Saren zu viel jähriger Zwangsarbeit verändert. Es ist charakteristisch für das RuEsIand der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts, dass die Schriftsteller jener Zeit im Grunde nur zwei Klassen kannten, die Grundbesitzerklasse der Dworjanje — ob in Uniform oder Büigerrock, in der Hauptstadt oder Provinz — und die Bauern. Von der dazwischenliegenden zusammengesetzten Bürgerklasse finden sich selbst in den Romanen Turgenjews und Leo Tolstojs nur leichte Spuren, und Dostojewskij ist auch darin der erste moderne russische Schriftsteller, dass er sich besonders mit dieser BürgerUasee beschäftigt, die — ob gebildet oder ungebildet — jedenfalls weder dworjanisch, noch bäurisch mehr war. Es spielen eben bis zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts im Leben des russischen Staates nur diese beiden Klassen eine Rolle. Was die Dworjanje anbetrifft, do teilen sie sich schcm unter Nikolaus I. und weiter unter Alexander ü. in zwei Parteien; die eine kümmert sich ausschliesslich um ihre egoistischen Klasseninteressen, widersetzt sich jeder politischen und sozialen Reform und trachtet nur danach, ihre Privil^en auf Kosten der übrigen Klassen und des Staates selbst ungeschmälert aufrecht zu erhalten; die andere, aufgeklärtere, wendet sich den neuen liberalen Ideen zu, ver- leugnet die eigenen Klasseninteressen, schliesst sich der „Litelligenz"" an, übernimmt deren Ideale und verlangt inmier heftiger politische und soziale Reformen, vor allem die Befreiung der Bauern. Unter dem Druck dieser sich neu gestaltenden öffentlichen Meinung, mehr noch infolge der fortwährenden Bauemunruhen, die in einen allge- meiaen Aufstand, schrecklicher als die von Rasin und Pugatschow im XVn. und XVin. Jahrhundert, auszuarten drohen, entschliesst sich Nikolaus I., das Problem der Bauembefreiimg in Angriff zu nehmen. Es werden zahlreiche Kommissionen zusammengerufen, um das äusserst schwierige Problem zu erörtern, aber die Diskussionen, an denen fast aus- schliesslich die intimen Hofkreise teilnehmen, führen zu keinem Resultat, tind der Krimkrieg, der 1855 ausbricht, findet Russland immer noch unter denselben unglückliehen materiellen Verhältnissen. Es bedurfte der Katastrophe von Sewastopol, die Nikolaus I. nicht imstande war zu überleben (er vergiftete sich aus Verzweiflung), um die zaristische Regierung von der Notwendigkeit* zu überzeugen, die Reformen 86 Ronlaad. eneigisch zu beginnen und auch duichzuf ülu^n. Von dem ganzen knlti- yierten Teile der ruflsiaoh«ii GeaeUschaft unterstätzt, beechritt der neue Zar Alexander II. (1851 — 1881) diesen Weg, und obgleich er als Kronprinz in den Kommissionen seines Vaters sich gegen die Bau^nbefreinng bm- gesprochen hatte, unterzeichnete er nach langem Zögern das b^^Uimte Manifest vom 19. Februar 1861 (alten Stils), das die Bauern endgültig tqd der Knechtschaft befreite. Leider kam die Befreiung zu spät. Die jahrhundertelange Kneeht- Schaft, unter der die enorme Mehrheit des russischen Volkes gelebt hatte, war nicht ohne nachteilige Wirkung auf den physischen und moralischeii Organismus des Volkes geblieben. Und wenn in physischer Hinsicht die Lebenskraft des russischen Volkes es auch vor einer wirklichen Degenera- tion bewahrte, so machen sich doch die unseligen moralisch^x Folgen immer noch bemerkbar. Die Befreiung wurde auch zu zaghaft durchgeführt. Um die Dworjanje, die Grundbesitzer, zu schonen, wurden die den befreiten Bauern abge- tretenen Ländereien zu knapp bemessen, und die Summen, die die Bau^n dafür zu zahlen hatten, zu hoch. Auch mit dem Akte vom 19. FebtuBs hören die Unruhen nicht auf, und die Agrarfrage bleibt das Hauptproblem des russisclien Staates. Nur bekommen diese Aufstände und dieses Problem nach dem Jahre 1861 ein etwas anderes Gesicht; es handelt sich jetzt ivi die Bauern um eine rein wirtschaftliche Frage, um die Befreiung von den Abzahlungen und mehr noch um die Vergiösserung ihres Landanteils; da ihnen jeder andere Weg verschlossen ist, versuchen sie ihr Ziel durch gewaltsame Expropriationen des Grundbesitzes zu erreichen. Ihre sporadi- schen Aufstände werden zum Schlüsse des XIX. und mehr noch am Anfang den XX. Jahrhunderts immer häufiger und heftiger und weiden allgemein bei der Bevolution von 1905, deren Basis sie bilden. Auch 1917 ist es immer noch die Agrarfrage, die ganz Bussland beherrscht und von deren Lösung das weitere Schicksal des Landes wesentlich abhängt. Der Bauernbefreiung folgte eine Reihe anderer von der öffentlichen Meinung Busslands verlangter Beformen. Die Begierung Alexander II. gab dem Drucke der Liberalen nach, wollte es jedoch mit den Konservativen, in denen sie die Hauptstütze gegen die immer mehr zunehmenden demo- kratischen Tendenzen sah, nicht verderben; die Folge davon war der immer zweideutige und unentschiedene OhariÜEter aller Beformen Alexandeis II. So wurde zwar 1864 in den „Semstwos'' eine lokale Provinzvertretung geschaffen, aber mit beschränkter Kompetenz und einem Wahlrecht, das die Melirheit unvermeidlich den Dworjanje gab. Im Jahre 1870 wird die mimizipale Autonomie der Städte reformiert, aber auch hier begiinstigt das Wahlrecht auss^ordentlich die wohlhabenden Klassen und scbliesst den ärmsten und gef ürchtetsten Teil der Stadtbevölkerung von den Wahlen Das Petenlnugor Kaiflerrdclu $7 aus. Auch die Autonomie der Universitäten, die durch das Gesetz von 1868 geschaffen wurde, gab den höheren Schulen keine wirkliche akademische IVeiheit, und die am besten durchgeführte Gerichtsreform von 1864, die in Bussland auch die Geschwomengerichte einsetzte, wurde in der Folge, besonders nachdem im Jahre 1878 eins dieser Gerichte, Wera SassuUtsch, eine Terroristin, die auf den Gouverneur von IHersburg, Trepow, geschossen hatte, freisprach, stark beschränkt. So reizte die Begierung die reaktionären Kreise und befriedigte die Liberalen nicht, die energischere Beformen und als Krönung des Ganzen die Einsetzung eines Parlaments verlangten. Unter Alexander 11. tritt in den liberalen, der Begierung feindlich ge- sinnten Kreisen eine Spaltung ein; die äusserste Linke der republikanisch" sozialistischen Demokratie macht sieb selbständ^. Während die Liberalen fortfahren, alles Heil von den Beformen der Begierung zu erhoffen, strebt sie vor allem nach einer grösseren Annäherung an das Volk, an die Bauerii, für die jeder gebildete Mensch, jeder europäisch Gekleidete, immer noch ein gehasster Dwor janin, der allmächtige Herr von gestern ist. Diese Strömung der „Narodniki", denen Turgenjew seinen Boman „Die neue Generation" widmet, wird unerbittlich von der Begierung verfdigt und ihr Haupt, der Nationalökonom Tschemischewskij, nach Sibirien verbannt. Dadurch werden die Demokraten nur stärker auf die terroristische Bahn getrieben und die Begierung und viele Ex-Liberale wiederum auf den Wog der Beaktion, so dass wir am Ende der Begierung Alezanders II. einen Kampf auf Leben und Tod zwischen der sozialistisch-terroristischen Partei der „narodnaja Wolja" (Volksfreiheit) und der nunmehr ausgesprochen reaktionären Begierung, die sich auf fast die ganze Klasse der Dworjanje und des Klerus stützt, gegenüberstehen, während die liberalen Kreise mehr oder weniger passiv dem Zweikampf zusehen. Als es dann am 1. März 1881 der „narodnaja Wolja'' nach wiederholten vergeblichen Versuchen ge- lingt, Alexander II. zu ermorden,^) war das nur der Anfang einer noch stärkeren Beaktion. Der Zar Alexander in. (1881 — 1894), erschreckt durch den tragischen Tod seines Vaters, wird ein reaktionärer Zar reinsten Blutes. Die wohl- habenden Klassen haben Angst vor den terroristischen Formen des Kampfes und dem kommunistischen Programm der Extremsten; die niedrigen Klassen der Bauern und Arbeiter sind noch zu ungebildet, um zu ver- ^) Eb ist an sidi bemerkensTvert und bexeiohnend für die Erbitterung, die der ■aristisebe AbsolutifixnuB in den versohiedenen Eüaesen der ruousohen Oesellsohaft hervorrief, daas von den acht Zaren, die in den 160 Jahren von 1761 — 1917 den Tron beetiegen {vfexm man den neunten, Michail, den Bruder von Nikolaus II., der nur wenige Stunden des 2./15. Min regierte, ausser acht läset), nur drei, Eatherina II., Alezander I. und Alesander III. eines natörUchen Todes starben, während drei, Peter HI., Paul I. und Alezander n., ermordet worden, einer, Nikolaus I., sieh selbst das Leben nahm, und einer, Nikolaus II., durch die Revolution enttront wurde (Verfasser). (Bekanntlich ist auch Nikolaus IL darauf von den Bokehewiki hingerioktet worden. Red.) 38 Riusknd. >8tehen, dass der terroristische Kampf zu ihren Gunst^i gefi)hrt wird. So stützt sich die von der Regierung ausgehende Reaktion auch auf die reak- tion&re Stimmung der Bevölkerung, die mit Ausnahme weniger den liberaleL und demokratischen Ideen treu gebliebenen Idealisten in ihrer grosaec Masse zu dieser Zeit von Konservativen oder vielmehr „oidnungaliebc»- den", d. h. vor allem antiterroristischen Tendenzen durchdrungen ist. Jetzt erscheint jedoch eine neue Klasse auf der sozialpolitischen Arena Russlands. Der so unglückliche Krimkrieg hatte die Mangel der staatlichen und wirtschaftlichen Organisation aufgedeckt und Russland schon auf den Weg der Reform getrieben; die R^erung Alexander II. gibt sich alle Mühe, die Industrie und den nationalen Handel zu entwickeln und die Konstruk- tion neuer besserer Transport- und Kommunikationsmittri, die sich im Krimkrieg als entscheidender Faktor für den Ausgang eines modernen Kampfes gezeigt hatten, zu begünstigen. Die russischen Eisenbahnen, die im Jahre 1857 nur 979 Werst ^) lang waren, stiegen im Jahre 1876 schon auf mehr als 18,000 Werst, und die Telegraphenlinien, die beim Regierungs- antritt Alexander II. nur 2000 Werst zählten, erreichten im Jahre 1880 142,584 Werst; während Russland im Ja!hre 1850 nur 9843 Fabriken besass, konnte es 1887 schon die Zahl von 25,865 aufweisen. Eine Folge dieser Entwickelung war die Entstehung einer neuen Gesell- schaftsschicht in Russland, der Arbeiterklasse, des industriellen Proletariats in den Städten, bei der der Marxistische Sozialismus bald grosse Verbrei- tung fand, so dass sich schon in den neunziger Jahren des vorigen Jahr- hunderts eine neue politische Partei, „die sozialdemokratische Arbeiter- partei'^ mit Plechanow als Führer bildete. In den ersten Jahren des XX. Jahrhunderts löst sich von derselben dann wieder die extremste linke . der „Bolschewiki" (die „Mehrheitspartei") mit Lenin ab Führer. Auch die sozialistisch-terroristische Partei der Narodnaja Wolja tritt unter dem neuen Namen „Partei der Sozial-Revolutionäre'' wieder auf, setzt ihre terroristische Tätigkeit, der die Minister Sipjagin, Plehwe, der Grossfürst Sergius etc. zum Opfer fallen, fort und stellt an die Spitze ihres Programms die Forderung der demokratischen Republik und der Sozialisierung des Bodens, d. h. Abtretung aUes privaten und staatlichen Bodenbesitzes an die Bauern zum gemeinsamen Gebrauch. Zu gleicher Zeit erwacht auch der Liberalismus, der unter der Regierung Alexander III. fast gänzlich geruht hatte, und stellt ein zwar immer noch konstitutionelles, aber politisch xind sozial doch schon viel demokratischeres Programm auf. Die liberalen Tendenzen finden viele Anhänger unter den Professoren, Advokaten. Literaten, Ärzten, Lehrern, Gemeinde- und Semstwobeamten und führen während der Revolution von 1905 zur Bildung der „Konstitutionellen Demo- kratischen Pa rjbei" oder kurz der K— D (Kadetten). *) Die russi&ohe „Werata" = ungefähr 1067 m. • • Das Petenibuigw Eaiserreicli. 39 Während so die sozialifitiflche Strömting in Busaland anschwillt und 1er Liberalismus entschieden oppositionell wird, setzt die B^erung Nfikolaus 11., der im Jahre 1894 auf Alexander in. gefolgt war, den er- bittertsten Kampf gegen die fortschrittlichen, demokratischen Ideen und üne alle Beformen vemeinende konservative innere Politik fort und unter- irückt und beschränkt sogar die wenigen liberalen Einrichtungen, die, wenn auch durch die reaktionäre Politik Alezander LEI. vollständig ent- stellt, noch aus der Begierungszeit Alezander 11. geblieben waren. Bis es, gerade wie ein halbes Jahrhundert fräher, wieder infolge eines unglück- lichen Krieges, diesmal des russisch-japanischen (1904 — 1905), zu einer extremen Krisis kommt. Die Begierung Alexander II. hatte einen siegreichen Krieg gegen die Türkei (1877 — 78) zu verzeichnen, was allerdings nur zum Teil ein Ver- dienst der gesteigerten Verkehrmittel und industriellen Kraft Busslands, sowie des neuen Gesetzes über die allgemeine Dienstpflicht (1874) haupt- sächlich aber die Folge der äussersten Zerrüttung des ottomanischen Reiches war; daneben hatte Bussland einen beträchtlichen Landzuwachs im Kaukasus, in Zentralasien und dem äussersten Orient aufzuweisen. Die Begierung Alexander III. war ganz frei von Kriegen ; das erste Jahr- zehnt der Begierung Nikolaus 11. führte zur Katastrophe von Mukden und Tsuschima. Die Unzufriedenheit mit diesem Kriege, dessen Ziele man nicht verstand, die noch grössere Erbitterung gegen die reaktionäre innere Politik, endlich die wachsende materielle Not der Bauern — alles das führte zur Bevolution von 1905. Allerdings gelang es der zaristischen B^erung, unterstützt von der reaktionären Stimmung der wohlhabenden Klassen, die von neuem durch das rote Gespenst der sozialen Bevolution erschreckt wurden, sie im Blute zu unterdrücken, nach und nach fast alle Freiheiten, die ihr im Jähre 1905 entrissen worden waren, wieder einzuschränken oder aufzuheben und die wichtigste Frucht der Bevolution von 1905 — das russische Parlament, die Duma — * bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln. Aber immer klar^ wurde, dass der Sieg der Beaktion nur vorübergehend sein konnte, dass die Tage der bureaukratischen Monarchie, die schon zum Schluss der Moskauer Periode unter den ersten Bomanows begonnen und unter Peter dem Grossen ihre endgültige Form erhalten hatte, gezählt seien. Dies um so mehr als die beiden Hauptprobleme des inneren russischen Lebens, das Agrarproblem und das Problem der politischen Freiheit, immer noch ihrer I^sung harrten. Der europäische Krieg, der im Jahre 1914 ausbrach, beschleunigte die Krisis, die im März 1917 erfolgte. Iwan Stepanow. Staat und Kirche in Russland und religiöse Bewegungen auf russischem Boden. L Staat und iOrcfae in Russland. Bufisland steht heute am Wendepunkt seiner Entwicklung. Die nea- betretenen Wege stellen durchgreifende Veränderungen im gesamten Staats- oiganismns in Aussicht. Auch die mssiache Kirche, die Jahrhunderte Mo- durch im Dienste des Zarismus gestanden hat und sich aus der religioe» Gemeinde in eine polizeiliche Institution verwandelt hatte, ist jetzt Tom bösen Zauber befreit und kann sich endlich ungestört mit voller Enecgk ihren wahren Aufgaben zuwenden. In diesem bedeutungsvollen Moment stellt man sich unwillkürlich die Frage: Wie konnte die nationale russische Kirche sich so weit von der Lehre Omsti entiemen, wie konnte sie das Wort des Lehrers vergessen : ,, Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist""? — Dem Kaiser, dem russischen Zaren, gab sie alles, auch dasjenige was Gottes ist : der Zar wurde im Laufe der historischen Entwickelung zum Haupte der russischen Kirche. Der christliche Glaube kam nach Bussland von Byzanz in jener ent- legenen Periode, in der für Bussland das licht der Geschichte zu d&mman begann. Die christliche Beligion wurde in fertigen, zu einem System ge- &88ten Formen nach Busdand importiert — gleichzeitig mit der Zivilisa- tion, der Kunst und den ersten Anfingen politischer, büigerlicher und sozialer Organisation. Der Byzantinismus siegte damals auf allen Gebieten des materiellen und geistigen Lebens des jungen russischen^ Beicbes über allen anderen Eänflüssen. Am vollständigsten war aber sein Sieg auf dem Gebiete des religiösen Lebens. Die Beligion wurde nach Buseland in Gestalt der byzantinischen Staatsreligion gebracht, ihre Grundlage war^ Ideen des Oäsaro-Papismus. Es ist ganz interessant, in Schriften altrussischer Chronisten zu ver- folgen, wie die Kirche von Anfang an von der weltlichen Gewalt bevor- mundet wurde. Die Fürsten mischten sich ganz ungeniert in kirchliche Angelegenheiten ein : sie gründeten Bischofsstühle und ernannten Bischöfei, sie verordneten Kanonisationen neuer Heiligen und Weihungen der heSigen Gebeine; sie entfernten endlich Vertreter der kirchlichen Bierarchie, die ihnen aus irgendeinem Grunde missfielen. Staat und Kirohe in BoBsland. 41 IMese BeTormundting der Kirche durch die weltliche Gewalt hatte^lm Grunde genommen rein bysantinisehen Charakter. Im Gegensatz zum römischen Papsttum hatte das kirchlich-politische Xieben von Byzanz solche Formen angenommen, die eine selbständige Ent- wickhing der kirchlichen Gewalt nnmoglich machten. Ideen, welche die geistliche Gewalt höher als die cäsarische stellen, konnten in B3^zanz nicht gedeihen, ein Antagonismus zwischen Staat und Kirche war auf byzantini- schem Boden unmöglich. Der byzantinische Kaiser war ja der einzige aktive offizielle Vertreter der Kirche, und diese nahm dem Staate gegen- über eine ausgesprochen untergeordnete Stellung ein. Biese Form der Beziehungen zwischen Staat und ELirche ging auch nach Bussland über. Nur wurde hier der Druck des Staates von Anfang an durch besondere lokale Verhältmsse gemildert. Der junge russische Staat befand sich in einem Zustande grenzenloser Zersphtterung. Ewige Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Fürsten schwächten die weltliche Gewalt dermassen ab, dass es den Fürsten nicht möglich war, grossen Ein- flnss in Glaubensangelegenheiten auszuüben. Demgegenüber kam der Kirche eine höhere geistige Macht zu: die Kirche war in jener Zeit die einzige lebendige Einheit im innerhch zersetzten Lande und ab solche — Trägerin der nationalen Idee. Ihre moralische Autorität war in den Augen der Gläubigen durch die noch höhere Autorität des byzantinischen Kaisers und des Patriarchen sanktioniert. Zwei grosse historische Ereignisse kennzeichnen die Etappen der Ge- schichte der russischen Kirche. Das erste ist die Tatareninvasion gewesen. Südrussland wurde durch die Invasion vollständig verwüstet, die Bevölke- rung nach Norden verschoben. Ein neues Zentrum — Moskau — ersetzte das alte Kiew. Die Moskauer Fürsten („Sammler Busslands" genannt) vereinigten um sich die zersplitterten Fürstentümer und unterwarfen sie ihrer Gewalt, was nicht immer auf absolut einwandfreien Wegen geschah. Bei dieser Gelegenheit tritt die Kirche als treue Bundesgenossin der Moskauer Fürsten auf. Sie gibt dieser PoUtik der Aneignungen eine höhere geistige Sanktion, sie überträgt auf die Moskauer Fürsten die Idee der religiösen Einheit des Landes. Mit der Zeit wird das Fürstentum Moskau zum russischen Zarenreich, sein Fürst zum Selbstherrscher und zum Allein- Iierrscher über ganz Bussland. Im Jahre 1463 geschah das zweite historische Ereignis, das für die russische Kirche Folgen von grösster Tragweite hatte : Byzanz wurde von den „ungläubigen Sarazenen" genommen. Damit wurde die Autorität des Moskauer Fürsten auf eine vorher ungeahnte Höh^ gebracht. Er wird in theoretisohen Abhandlungen der direkte Nachfolger und Erbe der zer- störten griechischen Monarchie genannt: Moskau wird für solche Theore- tiker zum „dritten Bom". Jenef Nymbus, der die Beraonde» byzantinischen 42 Rdssland. EJalsers als Vertreters der Kirche umgab, wird jetzt auf den Mosliaiier Fürsten übertragen. Die byzantinische Theorie wollte nur ein^i Gasar in der Welt anerkennen, nun blieb aber der Moskauer Fürst der einz^e Ver- treter der griechisch-orthodoxen Religion, welcher politisch unabhängig war (im Jahre 1480 hatte sich der Grossfürst Iwan HE. von dem Joche der Tataren frei gemacht). Somit wurde er zum „Lenker der heiligen Wdt- kirche". Die politische Macht der Moskauer Herrscher wurde mit der Zeit immer grösser. Die Bevormundung der Kirche nahm einen immer w^terai Umfang an; aus der geschätzten Bundesgenossin, die ihre geistige Macht in den Dienst der „Sammler der russischen Erde'' gestellt hatte, wurde die Kirche allmählich zu einer unselbständigen Dienerin, die vom Herrscher abhängig war. Der Beginn dieses Prozesses lässt sich schon im XV. Jahr hundert nachweisen. Unter Fürst Wassilij dem Finsteren wurden Ideen der Florentiner Union durch den Metropoliten Isidor nach Bussland importiert. Der Fürst setzte nun 1444 den Metropoliten eigenmächtig ab. Der „Herrscher, Grossfürst und Alleinherrscher'^ ernannte darauf auch einen neuen Metropoliten — Jonas — an Stelle des von ihm abgesetzten Isidor. Im XVI. Jahrhundert erhält die Idee der nationalen Staatskiiche ihre theoretische B^ründung in der Lehre der Moskauer Josephläner. Der Begründer dieser Schule — der berühmte Mönch und Prediger Joseph, Abt des Wolokolamer E3osters — drückt sich folgendermassen aus: „Der Zar ist nur in seiner Körperlichkeit allen Menschen ähnlich, seine Gewalt gleicht aber der Gewalt Gottes, der sich ihn auf Erden statt sein^ selbst erkoren hat und auf seinen Tron emporgehoben'". Die Schule der Josephläner identifiziert die Dominierung der Moskauer Staatsordnung mit dem Blühen der nationalen Kirche, sie sanktioniert das Recht des Stcusktes, sich in die Sphäre religiöser Fragen einzumischen, und erklart die Stinmie der weltlichen Gewalt für entscheidend in allen kirchlichen Fragen. IMe Bevormundung der Kirche ist nicht nur ein Recht des Staates — es ist seine Pflicht. Vom Standpunkte der Josephläner ist der Vertreter der weltlichen Gewalt „ein Hirte der Lämmer Christi", dessen Hauptaa%abe — die Rettung der Seelen seiner Untertanen ist. Solche Ideen fanden einen glänzenden Verfechter im gekrönten Publi> zisten Iwan dem Schrecklichen (1533 — 84). Dieser Zar ist dne der besonders finsteren Erscheinungen der auch sonst so finsteren russischen Geschichte. Durch pathologisches Misstrauen, das ihn zu grausamsten Verfolgungen des russischen Adels führte, wobei gelegentlich auch das Volk leiden musste, erweckte er bei seinen Untertanen allgemeines Entsetzen. Mancher Adlige floh über die Grenze des Reiches, um sich in Sicherheit zu bringen. Einer dieser Flüchtlinge — Fürst Kurbski j — entkam nach Litauen und richtete Staat imd Klröhe in Rnsslaad. 43 an den Zaren Briefe, die voller bitterster Vorwürfe waren. Der Zar fühlte sich dadurch in seinen heiligsten Rechten verletzt; er verteidigte seinen Standpunkt in einer Reihe von Briefen, die er an den Fürsten Kurbski j in Beantwortung seiner Anklagen richtete. Diese Korrespondenz des er- zürnten Zaren mit seinem rebellischen Untertanen steht in der Weltliteratur ganz einzig da. Beide Korrespondenten gehörten zu den bestgebildeten Leuten des damaligen Russland, beide waren auch nicht unbedeutend als Charaktere. Trotz des grossen Hasses, der ihre Feder leitet, vergessen sie nie die B^eln der Rhethorik und suchen einander in Bildung zu übertreffen. Kurbskij tritt in diesen Briefen als Theoretiker der Bojarenopposition auf. Er greift das Prinzip der ünbeschranktheit der Zarengewalt an. Iwan polemisiert gegen seinen Standpunkt und entwickelt die Theorie der Gött- lichkeit der zarischen Gewalt. Er sucht seinen Ansprüchen eine theoretische B^ründung zu geben und findet diese in Prinzipien, welche mit denjenigen der Josephl&ner ganz identisch sind. Als Träger der weltlichen Gewalt ist der Zar, nach Iwans Auffassung, Vertreter Gottes auf Erden. Seine Auf- gaben und Taten betrachtet er ausschliesslich vom religiösen Standpunkte. So schreibt er zum Beispiel in einem seiner Briefe: „Ich bemühe mich fleissig, die Menschen zur Wahrheit und zum Lichte zu führen, damit sie den einen wahren Gott erkennen, der in der Dreifaltigkeit verehrt wird, und den Herrscher, der ihnen von Gott gegeben ward". Er identifiziert jedes Staatsverbrechen mit dem Übertreten göttlicher Gesetze. Unter diesem Zaren wurde im Jahre 1551 das „Konzil der hundert Kapitel" einberufen, dessen Beschlüsse in 100 Kapiteln formuliert wurden. Der Zweck der Arbeit des Konzils war, die Prinzipien des Glaubens der nationalen orthodoxen Kirche „für ewig" festzusetzen. In den Beschlüssen dieses Konzils erhält die Ideologie der Josephläner in Anwendung auf das kirchliche Leben ihre endgültige Formulierung. Der Zar ist von nun an theoretisch wie praktisch der Beschützer der Dogmen und der Ordnung der orthodoxen Kirche. Jedoch blieben die Beziehungen zum Stcuskte für die Kirche faktisch immer noch wenig bedrückend. Für jene geistige Sanktion seiner Macht, welche die Kirche dem Staate gab, erhielt sie durch die Gunst der welt- lichen Gewalt nicht unbedeutende materielle Vorteile. Man muss auch nicht vergessen, dass sich damals das Leben im Moskauer Bussland durch ausgesprochen rel^öse Färbung kennzeichnete. Die Sorge des Zaren um das Wohl der Kirche hatte einen patriarchalischen Charakter. „Eine gute lobwürdige Tat'' nannten die Zeitgenossen die Bevormundung der Kirche durch den Zaren. Sie schätzten die Frönmiigkeit ihrer Herrscher auch da, wo dieselbe extreme Formen anjoahm wie bei Feodor^ dem Sohne und Erben Iwan des Schrecklichen : dieser schwachsinnige Zar ging in ^dner Frömmigkeit so weit, dass er fast' sein ganzes Leben beim Glockenläuten 44 BoMbHid. verbrachte. Der zweite Herrscher der Dynastie Romanow Alexe] — Tater Peters des Grossen — war ein angeborener Kenner und Liebhaber der Formen des Kirchendienstes, der sich mit Begeisterung dem Anziinden und Auslöschen der Kerzen hingab. Die äussere Frömmigkeit gehörte in den Augen der Gläubigen zum Wesen des Zaren. Der schlimmste Vorwiul den man dem Zaren Dimitrij, dessen mysteriöse Geschichte bis jetzt ein Rätsel bleibt,^) machen konnte, war die Missachtung uralter kircUicher Bräuche. Mit der Zeit veränderte sich aber der Charakter des russöschen Staates. Das patriarchalische Reich wurde zu einer autokratisch-bureaukratischc^ Monarchie. Neue Rechtsnormen begannen das Leben zu regeln. DwDrack. den der Staat auf die Kirche ausübte, wurde zu einem System au^ebildet Gegen Mitte des XVII. Jahrhunderts war der Staat schon dermassen staii geworden, dass er keiner geistigen Unterstützung mehr bedurfte. Mim merkt in Schriften politischer Theoretiker dieser Zeit eine Tendenz zur Verherrlichung des russischen Staates. Moskau, heisst es, sei jetzt „d^ einzige christliche Staat unter der Sonne". Der Zar wird „höchster heiliger Selbstherrscher" genannt, dessen Gewalt „von Gottes Gnaden" ent- standen ist. unterdessen war aber auch die Kirche in gewissem Jänne gewachsen. Der Fall von Konstantinopel, der im Jahre 1453 erfolgte, hatte ffii sie nicht nur die Folge gehabt, dass er auf den Moskauer Fürsten den geistigen Nymbus des byzantinischen Kaisers zu ü'bertragen erlaubt hatte. IXe Kirche wurde damit von einer direkten Lehensabhängigkeit vom Koustan- tinopeler Patriarchen befreit. Im Jahre 1589 wurde sogar ein selbständiges Patriarchat für Bussland gegründet. Wir sehen hier bereits EJeime des Zwiespaltes : der russische Patriaich war nominell von keiner höheren geistigen Gewalt abhängig, aber gerade in jener Epoche, ab das Patriarchat in Bussland gegründet wurde, ^M^r, wie bereits bemerkt, auch die weltliche Gewalt materiell und geistig so stark geworden, dass sie sich immer offener in kirchliche Angel^enheiten einzumischen begann mit der klaren Tendenz, die Gewalt des Zaren auch in religiösen Fragen über die des Patriarchen zu setzen. Auch rein juristisch musste die Kirche allmählich einen Teil ihrer Vorrechte einbüssen. Die weltliche Gewalt ging dabei systematisch vor: im Laufe des XYI. und XVII. Jahrhunderts wurde der Kirche ein Privilegium nach dem anderen entzogen. Ihre Besitzungsrechte, das Becht, ein eigenes, von der weltlichen Gewalt unabhängiges Kirchengericht zu besitzen — alles das wurde *) Dunitrij wurde von seinen Anh&ngem für den Sohn Iwan des SohreoUiöhen erklärtr er Bcheint auch selber seine legitimen Reohte auf den russiBohen Tron f eet geglftobt ■u haben. Ifan weiss bis jetzt nicht, wer er war. Es gelang ihm 1605 die Dynastie Oodnnow an sttbnen. 1606 wurde er von den MoBkaaer Bojaren ermordet. Btftfti und KMie in BoMlmuL 45 oiahlich zugunsten des Staates eingeschränkt. Der Zar erteilte unabh&ngig vom Patriarchen Befehle, durch die er seinen Beamten die Au&icht über irerschiedene Angelegenheiten des religiösen Lebens des Volkes anvertraute. Lm Gründe genommen sind die Patriarchen von Bussland stets vom Staate abhängig gewesen. Schon bei ihrer Ernennung tritt diese Tatsache klar EU tage : Sie wurden auf den Patriarchenstuhl durch Befehle der weltlichen Gewalt erhoben. Der Zar ernannte dabei meist seine Günstlinge oder Leute» :]ie ihm augenblicklich für das hohe Amt zu passen schienen. Der Zar konnte den Patriarchen auch jederzeit beseitigen, sobald ihm dieser irgend- wie missfiel. Der Patriarch besass zwar dank seiner Autorität eine enorme Gewalt über Geistlichkeit und Laien, er war aber zugleich selber eine blosse Kreatur des Zaren. Im XVjjl. Jahrhundert wächst die Macht des Patriarchen vorüber- gehend zu einer ganz bedeutenden Höhe empor. Patriarch Philaret^) war der Vater des ersten Zaren der Dynastie Bomanow-Michail, welcher 1613 noch im jugendlichen Alter auf den Tron berufen würde. Der geistig stärkere Vater bevormundete seinen schwachen Sohn und wurde zu seinem Leiter in allen Staatsangelegenheiten. Wie der Zar selbst, bekam auch er den Titel des „hohen Herrschers''. Unter seinem Patriarchat wurde ein Teil der Funktionen der weltlichen Gewalt auf den Patriarchen übertragen. Noch viel weiter ging diese Evolution, als Nikon unter Michails Sohn, dem Zaren Alexej, zum Patriarchen ernannt wurde. Nikon war ein Mann von klarer Vernunft und eisernem Willen. Er verstand eine Zeitlang den Zaren, der mit ihm auch persönlich sehr befreundet war, stark zu beeinflussen. Unter Nikons Leitung (1652 — 1668) wurden bedeutende Kirchenreformen unternommen. Er hatte nicht wenig zur Bureaukratisierui^ der Kirche beigetragen. Kandidaten, welche einzelne Priesterämter bekleiden wollten, erhielten früher nur mit Bewilligung der Gemeinde ihr Amt. Seit Nikon verliert die Gemeinde dieses Recht: Priester werden von nun an von der Eparchialverwaltung ernannt. Nicht minder wichtig war eine andere von Nikon durchgeführte Reform: er unternahm die Ausbesserung der kirchlichen Bücher. Diese waren im Laufe der Zeit durch zahlreiche Fehler der Abschreiber entstellt, nicht minder aber durch frühere, wenig sachkundige Ausbesserungsver- 8uche. Dieses Unternehmen Nikons diente — nebenbei bemerkt — al9 letzter Vorwand bei der grossen Spaltung, die inn^halb der russischen Kirche geschah und allerdings auch andere, viel tiefer liegende Ursachen hatte. Eine grosse Anzahl Gläubigen, an deren Spitze hervorragende Ver- treter der Priesterschaft standen, wollten die neuen Bücher nicht aner- ^) Philaret gehörte zum Moskauer Bojaren- Adel. Er wurde 1601 vom Zaren BoriB Oodunow geewungen ins Kloster zu gehen (das gleiche Sohioksal erlitt auoh seine Frau). Vor seiner Einweihe hiess er Feodor Kikititsch Bomanow. 46 Biusknd. kennen. Sie trennten sich, als Anhänger des „Alten 6Ianb^[is", von ds herrschenden Kirche und blieben trotz aller Verfolgangen ihien Üb»- Zeugungen treu. Bis auf unsere Tage hat sich in Bussland das alte Glaubensbekenntnis erhalten, in unserer Zeit zählt es noch Millioii€!!i Anhänger. Es war ^ikon gelungen, diese und noch viele andere Beformen durch- zuführen. Er hatte es aber nicht seiner Stellung, sondern seinem Tginflnasp auf den Zaren zu verdanken. Nun ging der Patriarch noch weiter. Er ver- suchte seiner Macht eine theoretische Begründung zu geben. Er trat öffent- lich als Vertreter ultramontaner Ideen auf. Die „Geistlichkeit" stellt & theoretisch höher als die weltliche Gewalt : sie stehen in dem gleichen Ver- hältnis wie Sonne und Mond. Die Sache, für die Nikon in den Kämpf ti&t war aber in Bussland bereits unrettbar verloren. Eine lange Tradition hatte der Gewalt des Zaren einen Heiligenschein verliehen. Auf diesem Boden konnte das unabhängige freie Patriarchat, dem die stolzen Theorien Nikons galten, sich kaum mehr entwickeln. Noch bei Lebzeiten Nikons kam es zu einend Zusanmienstoss zwischen der weltlichen und der geistlichen Gewalt. Das geschah, sobald sich die persönlichen Beziehungen zwischen dem Patriarchen und dem Zaren sul- gelöst hatten. Der Kampf zwischen Staat und Kirche entbrannte jetzt mit früher ungeahnter Intensität und endigte mit dem vollständigen Siege des Staates und der endgültigen Unterwerfung der Kirche. Nikon wurde seines Amtes enthoben und musste ins Exil gehen. So endete der einzige Versoch, Ideen des Papocäsarismus auf russischen Boden zu verpflanzen. Der Sohn des Zaren Alexe j, Peter der Grosse, hatte nur noch den letzten Schritt in der gleichen Bichtung zu machen, um die Kirche seinem bureaukratischen Polizeistaate formell wie innerlich zu unterwerfen. Dabe hatte er keinen gewaltigen Gegner als Patriarchen mehr zu bekämpfen: die unbedeutenden Nachfolger Nikons auf dem Patriarch^nstuhl war^ unfähig, der weltlichen Gewalt Widerstand zu leisten und liessen sich leicht beseitigen. Das Patriarchat wurde ohne jeden Widerstand beseitigt. Eigentlich war Peter in religiösen Fragen total indifferent, wenn er auch eine gewisse Sympathie für die protestantische Kirche zeigte. Er fühlte nicht das geringste Bedürfnis, die seelische Leitung seiner Unter- tanen in moralisch-religiösen Fragen zu übernehmen. Aber in seinem polizeilich-bureaukratischen Staate wollte er strenge Disziplin durchführen. Alle Teile desselben mussten dem einen Haupte — dem Zaren selbst — unterworfen sein. Eine zweite Macht konnte er neben sich nicht dulden. So drückt er sich auch in diesem Punkte nicht anders aus als seine Vor- gänger. „Da mir Gott die Laien und die Geistlichkeit zu leiten gab, bin ich ihnen beides — Herrscher und Patriarch ... . selbst im Altertum war beides vereinigt." Aus diesem Grunde hält sich auch der Befonnator Staat und larohe in Rassland. 47 lusslands für „das einzige Haupt'" der mssiachen Eöiche, für ihren „eisernen ^atiJarchen''. Peter ging nun auch an die Umgestaltung der gesamten Formen des >rganismus der russischen Kirche. Sich selbst hielt er zwar für den einzigen »bersten Leiter des russischen Lebens, einzelne Zweige desselben vertraute r jedoch gern der Leitung spezieller Kollegien an. Er fährte das kollegiale Mnzip im ganzen Verwaltungssystem durch. Auch an die Spitze der Qrche sollte von nun an ein Kollegium gesteOt werden. Zunächst richtete [er Zar seinen Blick auf den r^erenden Senat, der von ihm 1711 gegründet var. Diesem übertrug er die Verwaltung kirchlich-religiöser Angelegen- Leiten. Eine rein weltliche Institution erhielt somit unbeschränkte Gewalt iber der Kirche. Jedoch war der Senat auch ohnehin durch Arbeit ganz anderer Art förmlich überladen. Der Zar sah bald ein, dass auf diesem Vege in der Kirche nur Unordnimg entstehen könnte und beschloss, ein leues KoU^um zu gründen, das sich speziell kirchlichen Angelegenheiten ddmen sollte. So wurde im Jahre 1721 der „heilige Synod" gegründet. Su dessen Mitgliedern gehörten von der oberen Gewalt ernannte Hierarchen, leren Zahl nominell 12 sein sollte, faktisch aber gewöhnlich kleiner war. Uesen wurde als „Auge des Monarchen'' „ein guter Mensch aus dem 3ffiz]er8stande", der Oberprokuror, beigesellt. Auf ihn ging allmählich lie ganze faktische Macht des Synods über und er wurde zum richtigen Lenker der russischen Kirche. Unter Peters Begierung besass der Synod noch einen Schinmier von Selbständigkeit, in der Folgezeit ging aber dieser bald verloren. Man kann )ein allmähliches Verschwinden an Hand offizieller Dokumente verfolgen. Parallel geht der Prozess der Verweltlichung des Synods. Li einer an den Synod gerichteten Bede nennt Kaiserin Katharina IL die Oberpriester — seine Mitglieder — nicht mehr Diener des Altars, sondern „staatliche Per- ^nen" und ihre „treusten Untertanen". Der Wille des Monarchen muss Für sie nach den Worten der Kaiserin mehr bedeuten als Gebote des Evan- geliums. Ihr Sohn, Paul L, wird bereits offiziell im Tronfolgeakt „das Haupt der Kirche'' genannt. Es ist nicht uninteressant, den Text des Eides anzuführen, welcher nach dem kirchlichen Reglement von den Mitgliedern des Synod bereits in dieser Zeit verlangt wurde. Sie beschwören, „nach Verständnis und Möglichkeit alle Bechte und Vorrechte, die der hohen Macht seiner Zarischen Majestät des Selbstherrschers zukonmien, zu beschirmen, und zu warnen, für dieselben wenn nötig auch sein Leben zu opfern". Die Verwaltung der Kirche wird dermassen sekularisiert, dass der Synod zu einem bureaukratisch eingerichteten Ministerium wird, der Ober- prokuror zu einem richtigen Minister. Nur unterschied sich dieses Ministe- rium von ähnlichen Institutionen Westeuropas dadurch, dass es sich auch 48 RnMbuuL in Gewiflsensfragen und Glaubenssachen einmischte and jede freie 'Eni- faltung dee religiösen Lebens des Landes hemmte. Im XIX. Jahrhundert war der Prozess der Umwandlung der Kirche zu einer polizeilichen Institution abgeschlossen. Die Kirche vedEUlt inner- lich und äusserlioh in eine völlig sklavische Abhängigkeit vom Staate. Sie denkt nicht mehr daran, als Trägerin der höchsten Prinzipien der Moral au&utreten, sie dient nur jenem Herrn, zu dessen Sklavin sie geworden ist : mit aller Gewalt verteidigt sie die autokratisoh-bureaukratiache Staats- ordnung gegen jeden Angriff und wird zur Verfolgerin aller progiessivai Regungen, die sich im Lande spürbar machen. Sie wird zum ärgstea Feinde der geistigen Freiheit, zur besten Stütze jeder Beaktion. Sie geht in ihrem sklavischen Dienste so weit, dass sie vor einer Entweihung der Sakramoite nicht zurückschreckt und die Beichte zur politischen Spionage benutzt. Der Schöpfer des geistiichen Reglements — Feofon Prokopowitsch, ein Zeitgenosse Peters des Grossen — ist der böse Geist der russisohen Kirche gewesen. Mit naivem Jesuitismus hatte er folgenden Paragraphen in d^ Text des Beglementes eingeführt: „Wenn jemand bei der Beichte dem Beichtvater ein Übel oder eine böse Absicht gegen die Ehre und das Wohl des Zaren gehabt zu haben bekennt, vor allem aber von Aufruhr oder Verrat spricht, so muss der Priester alsbald davon Bericht erstatten . . . und hiedurch wird die Beichte nicht entwürdigt und der Beichtvater über- tritt nicht das evangelische Gebot, sondern er folgt darin nur der Lehre Christi". Das Auftreten der Kirche auf dem Gebiete der inneren Politik ist überaus schädlich gewesen. Wenn es auch hie und da einige Ausnahme gegeben hatte, wenn sich einzelne Priester ihres Amtes würdig benahmen, so war doch die dominierende Richtung der Tätigkeit russischer Priester- schaft polizeilich-obskurantisch. Stets mit der Regierung Hand in Hand arbeitend, jedem Hauche freiheitlicher Ideen gegenüber fremd und feind- lich gesinnt, spielte die Kirche im Leben des russischen Reiches eine sehr traurige Rolle. Durch reaktionäre Predigten erweckte sie den Hass einssdn^ Völkerschichten gegeneinander. Priester, von denen nur Worte der Liebe und Brüderlichkeit ertönen sollten, erteilten Aufrufe zur Gegenrevolution, zur Vernichtung des „inneren Feindes''; unter dem inneren Feinde wurden alle Teilnahmer der Befreiungsbewegung verstanden. Solche Zustände waren unhaltbar. Die innere Unzufriedenheit musste inuner mehr an Um&ng gewinnen. Selbst in Kreisen der Geistlichkeit wurden Proteststimmen immer lauter; auch Geistliche wurden vom all- gemeinen Drang nach Freiheit berührt. Viele traten offen an der Sdte der Befreiungsbew^ung auf, viele mussten es auch hart büssen. Umso lauter erhob sich die Kritik der Verhältnisse, die in der russischen Kirche herrschten, von selten der Gesellschaft. Als im Jahre 1905 sich die Staat and Kirche in Bnssland. 49 «rste Woge der Befreiungsbewegung erhoben hatte, ertönte über ganz Huasland ein einheitlicher Buf : „die Gewissensfreiheit ['' Man sehnte sich xiach dieser Freiheit, wie man sich in der Finsternis nach einem Sonnen- strahle sehnt. Dass doch endlich jeder denken und glauben dürfte, wie es ihm sein Gewissen ins Herz legtl Wie ein Mann verlangte die russische Cresellschaf t die Beseitigung des Zwanges in Glaubensfragen, die Aufhebung der Strafe für religiöse Überzeugungen. Vor allem aber die grundsätzliche Veränderung der Beziehungen von Staat und Kirche: die Einmischung des Staates in kirchliche Angd^enheiten sollte endlich einmal aufhören. ITm zu begreifen, warum das Bedürfnis nach religiöser Freiheit sich so stark der russischen Gesellschaft bemächtigt hatte, muss man wenigstens die Grundlagen der Gesetzgebung kennen, deren Druck jeder Busse an sich selber fühlen konnte. Kein Mensch in Bussland, der einmal der orthodoxen griechisch-katholischen Kirche angehört hatte, durfte in eine andere Beligion übertreten, selbst wenn diese eine christliche war. Ein solcher Akt wurde für ein Verbrechen gehalten und gerichtlich verfolgt. Auch durfte sich keiner für religionsfrei erklären, jeder musste offiziell einer kirchlichen Organisation angehören, wenn er auch innerlich vollkommen atheistisch gesinnt war. Selbst der Übergang von einer beliebigen nicht-orthodoxen Beligion in eine beliebige andere war sehr erschwert. Nur die herrschende Kirche besass in dieser Beziehung alle Privilegien : sich dieser anzuschliessen, war eine leichte Sache; ihr gehörte auch das Monopol des Predigens : kein Anhänger eines anderen Glaubensbekenntnisses durfte seine Stimme erheben, um seine Ansichten öffentlich zu verbreiten; wenn er das tat, wurde er gesetzlich verfolgt. 1905 schien die Befreiungsbew^ung einen so bedrohlichen Umfang anzunehmen, dass die Begierung erschrak. Sie gab auf allen Punkten nach. Am 17. April 1905 erschien das zarische Manifecrt, das dem russischen Volke die Glaubensfreiheit verkündete. Die Begierung erklärte, dass alle religiösen Verfolgungen von nun an aufhören würden, es stehe jedem Bussen frei, sich seinen Glauben selber zu wählen. Leute, die mit den Lehren der herrschenden Kirche nicht einverstanden seien, würden nicht mehr bestraft und in Gefängnisse eingesperrt werden. Die Bussen des griechisch-katho- lischen Glaubensbekeimtnisses dürften sich von nxui an jeder anderen christlichen Beligion anschliessen. Gleichzeitig wurde den Anhängern des „Alten Glaubens'' die Freiheit des Glaubensbekenntnisses gegönnt, auch den Sekten wurde eine gewisse Freiheit gegeben. Man war aber durch all das bei weitem nicht befriedigt. Das neue Gesetz gestattete zwar den Übergang aus dem orthodoxen in ein anderes christliches Glaubensbekenntnis, erschwerte aber diesen Übergang ganz beträchtlich. Li den folgenden Jahren« der Beaktion ging man darin so weit, dass für einen solchen Übergang die Einwilligung des Ministers des KritmmBB, Hawlaad U. ä 50 BuBhiML Lmem oder eineB Gouverneurs verlangt wurde. Nach wie vor hatte nm die herrachende Kirche das Vorrecht der öttentlichen Predigt und der Bekehrung Angehöriger anderer Glaubensbekenntnisse beibehaltea. Nach wie vor wurde jeder, der einen Orthodoxen zu einem anderen Glaub^ig- bekenntnis überredet hatte, gesetzlich verfolgt. Auch das schlimmste Übel blieb bestehen. Die Regierung behielt ihr Becht der Bevormundung der Bürger in Glaubensangel^enheiten. Auch bevormundete sie, wie früher, die herrschende Kirche selbst. Ein skandalöser Vorfall im Hofleben, der in den letzten Jahren schwer auf dem Kirchenleben lastete, gibt dafür eine genügende Illustration. Ein Draufgänger, ein sibirischer Bauer, hatte d&s Glück gehabt, der Zarenfamilie zu gefallen. Er spielte den Heiligen und erreichte dadurch einen ungeheuren Einfluss. Noch einmal musste sich die russische Kirche vor der weltlichen Gewalt erniedrigt seben, und viel- leicht war diese letzte Erniedrigung schlimmer als alle vorangehenden. Grigori Basputin, der neue Heihge, nutzte seinen Einfluss nicht nur in seinem persönlichen Interesse aus. Er mischte sich in Angelegenheit^i d^ hohen Politik ein. Er war darin launisch und eigensinnig. Die höchste Institution der russischen Kirche — der heilige Synod — musste die Schande erleben, von einem moralisch unsauberen Scheinheiligen bestraft und be- lohnt zu werden — je nachdem, wie er ihre Taten beurteilte. Der £aktasclie Leiter der russischen Kirche — der Oberprokuror selbst — musste sich dem Willen des aUmächtigen Favoriten unterwerfen; tat er es nicht, so fand man leicht einen anderen, dem er seine Stelle abtreten musste. Und die Mehrheit der Priesterschaft scfhwieg dazu. Nur Wenige fanden den Mut, gegen die ungeheure Verspottung der Kirche und der chrisilichea Religion ihre Stimme zu erheben Dafür wurde aber gerade in diesen Jahren die innere Gärung in Ejreis^ der Geistlichkeit immer stärker. Inamer lauter wurden Stimmen, die eine Trennung von Staat und Kirche verlangten. Die Idee der Neuschaffung eines Patriarchates tauchte wieder auf; Die Mehrzahl der Geistlichen begann die Unmöglichkeit der existierenden Verhältnisse einzusehen. Und in dieser Beziehung hatte das Erscheinen Basputins und dessen Herrschaft am Hofe auch positive Resultate gehabt. Eine kirchliche Organisation, die von einem Laien, von einem ungebildeten und perversen Draui^&nger, bis an ihren Grund erschüttert werden konnte, hatte offenbar keinen inneren Halt mehr (Basputin war weder Mönch noch Priester gewesen, wie es von ihm die ausländische Presse oft behauptet hatte). Und dabei war es jedem klar, dass sich ein solcher Fall auch jederzeit wiederhole könnte, solange die Kirche nicht neu organisiert würde. Die grosse russische Märzrevolution hat diesen Verhältnissen ein rasches Ende bereitet. Die Kirche wurde vom unerträglichen Joche befreit» welche sie seit Jahrhunderten bedrückt hatte. Es ist auch sehr SeligiÖBe Bewegfungen auf nissisclieiD Boden. 51 dass sie in ihrer Gesamtheit so gtit \ne gar keinen Anteil am letzten Kampfe genommen hatte. Sie ist nicht mehr wie 1905 als treue Dienerin der zari- schen Begierung aui^etreten. Sie liess die Ereignisse über sich eigehen nnd beeilte sich nur, ihr Einverständnis mit der neuen Sachordnung auszu- drücken. Wir stehen jetzt an der Schwelle grosser Beformen im kirchlichen Lieben Busslands. Aber das Wichtigste ist schon geschehen. Bleibt nun die Kirche in Zukunft mit dem Staate verbunden, oder wird sie von ihm getrennt — das sind zwar Fragen von höchster Bedeutsamkeit, sie sind aber doch gering im Verhältnis zu dem, was bereits geschehen ist: die Regierung, deren Sklavin die russische Kirche war, ist gestürzt, der Druck auf das Volksgewiss^i ist geschwunden. Jeder darf jetzt so glauben, wie es ihm sein Gewissen diktiert. Damit sind die letzten Schatten jener mittelalterlichen Finsternis, welche das Leben der russischen Kirche so lange verdunkelt hatte, gewichen und die Sonne der Gewissensfreiheit aui^egangen. n. Die religidsen Bewegungen auf russischem Boden. a) Der alte Glaube. Im XVn. Jahrhundert wurde der gesamte Bau der russischen Staats- kirche bis in seLne Fundamente erschüttert durch die Spaltung, welche die Gläubigen in zwei feindliche Lager teilte. Die Gärung, die sich früher in einzelnen Protesten gegen die herrschende kirchliche Ordnung geäussert hatte, bekam jetzt die Gestalt einer mächtigen Massenbew^ung, die sich im schärfsten Gegensatz zu der herrschenden Kirche befand. Die allmähliche Bureaukratisierung des russischen Staatslebens hatte im XVII. Jahr- hundert ein besonders rasches Tempo angenommen. Auch die Kirche wurde, wie wir bereits wissen, von dem Strudel mitgerissen. Die kirch- lichen Beformen stiessen jedoch auf den heftigsten Widerstand. In kirch- lichen Kreisen selbst entstand eine mächtige Beaktion ,die in der Folge zur Spaltung der russischen Kirche führte. Den äusseren Anlass zu dieser Spaltung gab, wie bereits gesagt, die Aasbesserung der kirchlichen Bücher, die unter dem Patriarchate Nikons energisch durchgeführt wurde. Zahl- reiche Geistliche, welche die BdPormen im kirchlichen Leben mit Miss- trauen verfolgt hatten, weigerten sich, die ausgebesserten Bücher an- zuerkennen, und ihnen schloss sich eine beträchtliche Masse Gläubiger an. Die Bewegung erwuchs auf einer festen, idealen Grundlage, und es kam 80 weit, dass sich das ganze russische Volk in zwei feindliche Lager teilte. Zwei überaus bedeutende Männer standen an der Spütze der Parteien : ee war der uns bereits bekannte Patriarch Nikon einerseits und der 52 RuBsland. bedeutendste Lehr^ und Verfechter des alten Glaubens, der Protopope (Oberpriester) Awakum andererseits. Eine merkwürdige Analogie läfist sich im Schicksal dieser beiden Männer aufweisen: beide stammten aus den unteren Schichten des Volkes, beiden war es veigönnt, einen kurzen Augenblick der höchsten Entfaltung ihrer Hoffnungen zu erleben, worauf dann Jahre von Verbannung folgten. — Nikon war 1605 als Bauemsohn geboren. Schon als Knabe zeigte er eine ausgesprochene Neigung zur Religiosität. Im Alter von dreissig Jahren zog er sich in ein Kloster zurücL Als Vierzigjähriger kam er 1646 nach Moskau, um den jungen Zaren Alexej Michailowitsoh zu begrüssen. Der Eindruck, den die Persönlichkeit des Mönches auf den Zaren machte, muss ein sehr starker gewesen sein. Damit beginnt die rasche Karriere Nikons. Schon 1648 wird er Metropolit von Nowgorod, um bald nachher (1662) auf Wunsch des Zaren den Patriarchen- stuhl zu besteigen. Die Jahre seines Patriarchates sind Jahre eines Kampfes auf zwei Fronten : des Kampfes gegen den alten Glauben im Namen einer Neugestaltung der offiziellen russischen Kirche einerseits und gegen die weltliche Gewalt andererseits. 1658 entfernte sich Nikon in ein Kloster unweit Moskau. Es wurde bald darauf ein anderer Patriarch an seine Stelle ernannt, und Nikon musste sogar vor dem Grerichte erscheinen. Er wurde verurteilt, ins Bjeloserski-Kloster (in Nordrussland) ins Exil zu gehen. Erst 1681 durfte er in die Nähe von Moskau zurückkehren; unterwegs ist er gestorben. Nikons Gegner — der Protopope Awakum — ist ohne Zweifel eine der bedeutendsten Erscheinungen der russischen Geschichte. Sein ganzes Leben weist eine erstaunliche innere Einheitlichkeit auf, eine Treue g^en sich selbst, eine Unbeugsamkeit des Willens, wie sie nur wenige Menschen besitzen. An Willensstärke war Awakum seinem Gegner vollkommen ge- wachsen, er überragte ihn an idealistischer Hingebung und Aufopferung. Beide Männer hatten im Grunde genommen einen und denselben Feind, — den Staat, der in dieser Zeit die russische Kirche zu verschlingen drohte. Jedoch war der Staat fiir Nikon das Muster, dem er beim Aufbau einer mächtigen, selbständigen und . . . bureaukratischen Kirchenoiganisation folgen wollte; für Awakum war der Staat, als Feind seines Glaubens- bekenntnisses, ein Werk Satans und eine Verkörperung des Antichristen- tums. Nikons Kampf gegen den Staat entwickelte sich auf rein-politischem Boden, Awakum zog den Kampf hinüber ins Feld des geistigen Lebens und bekämpfte auf diesem Boden den Staat und die Kirche, die dem Staate so ähnlich geworden war. Wir kommen im Folgenden im Zusanunen- hang mit der allgemeinen Darlegung der Lehren des alten Glaubens aaf die ideologischen Entwicklungen von Awakum zurück. — Die Leidens- geschichte Awakums b^ann bereits unter dem Patriarchate Nikons. Er wurde (wie viele andere widerspenstige Greistliche) nach Sibirien verbannt. Religiöse Bewegungen auf nusiBohem Boden. 53 Sechs Jahre musste er diesmal im Exil verbringen und die ganze Zeit hin- durch wurde der feurige Apostel des alten Glaubens nicht müde, die Ver- treter der weltlichen Gewalt , mit denea er in Berührung kam, aufs schroffste anzugreifen. 1658 erfolgte aber Nikons Sturz und 1663 wurde Awakum als der bedeutendste Gegner Nikons feierlich nach Moskau gebracht. Das Schicksal schien ihm günstig zu werden. Doch war Awakum nicht der Mann, der sich durch äusseren Erfolg blenden liess. Er sah sehr bald ein» daes auch er sich mit der weltlichen Gewalt nicht gut verständigen könne, und wandte ohne Zaudern die ganze Kraft seines Geistes darauf, die Fehler und Sünden dieser Gewalt und ihres Hauptträgers — des Zaren — an- zugreifen. 1666 wurde Awakum zu Moskau in der Kathedrale der Himmel- fahrt Maria seiner geistlichen Würde feierlich entkleidet, wobei er ein lautes Anathem über die herrschende Kirche aussprach. Seit dieser Zeit lebte er bis an sein Ende in einem unterirdischen Kerker. Unermüdlich setzte er hier seine Tätigkeit weiter fort. In zahlreichen Schriften, die er an seine Nachfolger, nicht selten auch an seine Feinde — vor allem an den Zaren — richtete, hat er seine Anschauungen mit einer erstaunlichen geistigen Wucht und feurigen Lebendigkeit zum Ausdruck gebracht.^) Der unbändige Ton seiner Schriften, die schroffe Verurteilung der kirchlichen Politik der zarischen Begieruii^, die ganze Energie seiner oppositionellen Tätigkeit ver- anlasste seine endgültige Verurteilung. Er wurde 1681 verbrannt. Beide Persönlichkeiten — Nikon und Awakum — verkörpern mit be- sonderer Anschaulichkeit die geistigen Strömungen, die auch in den grossen Volksmassen starken Anklang fanden. Schon unter Nikons Patriarchat hatte die Hauptstadt aufgeregte Sitzungen der geistlichen Konzile gesehen. Es wurde über die Grundfragen des Glaubens aufs heftigste diskutiert; manchmal verwandelte sich die Diskussion in ein Handgemenge. Auch nach der Entfernung Nikons und nach dem Tode des Zaren Alexej Michailowitsch wurde es nicht besser. Besonders stark kamen die Gegensätze während der Jugendjahre Peters des Grossen unter der Begentschaft seiner Schwester Sophia (1682 — 1689) zum Ausdruck. Die Ereignisse, die sich damals in Moskau abspielten, fanden im ganzen Lande Widerhall. Zu eigentlichen militärischen Aktionen kam es dabei nur selten, da der Staat sich mit seiner ganzen Militärmacht auf Seite der Orthodoxen stellte, — der „Niko- nianer'S wie sie die Altgläubigen nannten, welch letztere von der Gegen- partei die schimpfliche Benennung der „Abtrünnigen'' („Baskolniki'') er- hielten. Nur auf einer Insel des Weissen Meeres im fernen Norden Buss- lands stiess die herrschende Partei auf bewaffneten Widerstand. Die Mönche des Ssolowjetzki-Klosters behaupteten sich während beinahe zehn Jahren g^en die Begierungstruppen (1667 — 1676). Aber auch diese letzte Feste des 'alten Glaubens musste sich schliesslich ergeben. ^) Beeonders interessant ist unter Awakoms Sohriften seine Aatobiographie. 54 Banland. Der Staat erliees gegen die Altgl&ubigen eine Reihe von GesetE^. Mit Todesstrafe wurde nicht nur die Bekehrung von Orthodoxen zum alten Qlauben, sondern zeitweise selbst das hartnfickige Verbleiben im alten Glauben bestraft. Damit war der offizielle Sieg der OrthodoxieQ errungen, und es kamen für die Altgläubigen lange Jahrhunderte voo Verfolgungen. Die Verfolgungen der Altgläubigen bilden eine der finstersten und blutigsten Seiten im Buche der russischen Geschichte. Vom XVII. Jahr- hundert an bis ins XX. hinein haben die Repressalien, die gegen sie ge- richtet waren, im Grunde genommen niemals angehört, wenn sie auch in verschiedenen Perioden eine verschiedene Intensität aufwiesen: bald nahmen sie ab, bald wurden sie wieder mit grosser Heftigkeit durchgeführt in Übereinstimmung mit der dominierenden Richtung, welche b^ den herrschenden Klassen die Oberhand gewann. Die Altgläubigen musst^ in beständiger Ungewissheit, in Erwartung einer stets möglichen Va- Schummerung ihres Schicksals leben. Will man für diese Zustände nach historischen Analogien suchen, so drängt sich der Vergleich mit der Lage der Christen im römischen Reich während der ersten Jahrhunderte unsoer Aera oder mit der Lage der Hugenotten in Frankreich auf. Wir haben bereits erwähnt, wie heftig und grausam die Repressalien gewesen sind, mit welchen die Regierung die widerspenstigen Altgläubige bei der Entstehung der Spaltung ihrem Willen gefügig zu machen v^* suchte. Schon im XVH. Jahrhundert wurden Gesetze erlassen, welche die Altgläubigen für jeden Versuch der Verbreitung ihrer Ideen mit dem Tode bedrohten, und verschiedene schwere Strafen für. den Übergang zum alten Glauben bestimmten. In der ersten Hälfte des XVlU. Jahrhunderts wurde die Lage faktisch nicht erleichtert : die Altgläubigen waren in allen Recht^i beschränkt unb von der übrigen Bevölkerung ausgesondert. Eine Erleich- terung trat unter Peter III. (1761 — 1762), dem Gemahle Katharina H. (1762 — 1796) ein.^) Er gab den Altgläubigen die gleichen Rechte, wdche alle in Russland lebenden Ausländer nicht-orthodoxw Konfessionen be- sassen. Er liess auch alle unter Elisabeth begonnenen Grerichtsverhandlun- gen gegen die Altgläubigen einstellen. Katharina 11. befolgte die gleiche Politik der religiösen Toleranz : sie beseitigte einige rechtliche Einschrän- kungen, welche die Altgläubigen betrafen, gab ihnen unter anderem das ^) Der unglOokliche Prinz von Hobtein» der durch die VerfQgung des SohiokBaU und seiner Tante, der russischen EUuserin Elisabeth (Tochter Peters des Qrossen) dea russischen Tron besteigen musste» wird gewöhnlich auf Qrund der Memoiren seiner Frau in einem höchst ungünstigen Lichte geschildert. Betrachtet man jedoch seine Taten, als Herrscher Busslands, so scheint dieses Urteil kein unbedingtes Vertnkuea zu verdienen. Katharina II., die ihren Mann ermorden liess, um selbst den Tron zu besteigen, hatte allen Qrunu, dafür zu sorgen, daas Peters Persönlichkeit keine besonderen Sympathien bei ihren Zeitgenossen gewinne. Daher kann num ihr Zeugnis in d^«w^g> Falle nur mit grosser Vorsicht heranziehen. BaligiSie Btmegnafta aaf nuaiMhem Boden. 55 Recht, Kircliai für ihren Knltns zu errichtoi and gestattete auch eine £näe AuBübang desselben. Die Lage Terschliaunerte räch dann Kathannas Nachfolgern. Noch einmal mnssten die Altgläut Bitterheit der Verfolgungen unt» Nikolaus I. (1826 — II Dieser Herrscher ging in der Bekämpfung aller Abweicht offiziellen ReUgion mit grosser Konsequeaiz vor. Alle Bech Alt^äubigen unter Peter III. und Katharina II. g^ebei welche sich noch künmierlich unter Alexander I. erhalt^i li ihnen genommen. Sie verloren das Recht, nMie Kiichoi eu auch nur die alten zu restaurieren. Kirchen, welche den waren, wurden geschlossen, v^si^elt und der zrastör^tdei Zeit preisgegeben. Erst das zarische Manifest Tom 17. Apii nach Millionen K&hlenden Masse der Alt^ubigen die Ol Ihre alten Kirchen wurden wieder geöffnet, sie durften wiederum den Gottesdienst öffentlich ToÜEieh»!. Nach dieeer kurzen Skizze der histonsch«! Schicksale d beos wollen wir versuchen, uns dessen lehren näher an wissen aus dem Torangeheoden Kapitel, wie sehr die russis XVII. Jahrhundert bereits verweltlicht war. Die Abtrünnig einer schroffen Kritik der bestehenden Verhältnisse aus, si christlich-orthodoxen Glauben von weltlichen Einflüssen offizielle Kirche hatte in dieser Zeit das evangelische Gebo Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" gründ Die Anhänger des alten Glaubens nüssbilUgten das auf die Bchaffene Vwhältnis der Kirohe zum Staate, sie wollten t Btinunong mit dem evangelischen Spruche umgestalten. Da von den Prinzipi»i der Trennung von Staat und Kirche und mischung des Staates in kirchliche Angelegenheiten aus. Die alten Glaubens ist die Geschichte eines beständigen Kampl wiasensfreiheit. Man kann eich kaum die ganze Tragweite c Russland denkm. Im XVII. Jahrhundert erschütterte sie dl fläche des gMstig-religiöeen I^ebens, ihre Wirkung erstreckt dessen tiefste Tiefen : seit dieser Zeit Ist in der religiösen W des russischen Volkes eine Gärung entstanden, die trotz allei mit der Zeit immer mehr an Umfang gewann. Die Gäm Dor im alten Glauben zum Ausdruck: sie schuf auch ^en gü für die Entstehung verschiedener Sektenlehren. Der Gedanke der Notwendigkeit uner Trennung von Sta Sadet seinen Ausdruck schon in den Ldiren des B^üm Glaubens, scdnes eisten Leiters und bedeutendsten Verfe IVitopopen Awakum. Schon dieser richtete an den Zan Schreiben, in dem er seinen Hauptg^ener, den Patriarchen K 56 RoBsland« < „In welchen Bügeln steht es geschrieben", sagt er dort unter anderem, ,,das der Zar die Kirche beherrschen, die Dogmen verändern, im Häligtnme Weihrauch spenden soll!" Und der gleiche Gedanke beherrscht im Laufe seiner 250 jährigen Geschichte die Ideologie des alten Glaubens. So li^ man zum Beispiel in einerSchrift der Altgläubigen, die aus dem X VlU. Jahr hundert stammt, folgende Zeilen: „Als das Jahr tausendsechshundertsecb- undsechzig gekommen war, traten in diesem Jahr Zar Alezej Mlchailo- witsch und Nikon^) vom heiligen orthodoxen Glauben ab, und nach ihm bestieg als dritter den Tron von ganz Bussland sein Sohn Peter; dieser begann sich mehr als alle sogenannten Gatter, das heisst als alle Gesalbte zu überheben, begann zu prahlen und sich vor allen Leuten zu ruhmeo. indem er die orthodoxen Christen quälte und verfolgte und seinen nensi Glauben verbreitete. ... Er vernichtete das Patriarchat, um sJl&n zq hen^hen und keinen Ebenbürtigen neben sich zu haben . . . um aUein das höchste Haupt zu sein, der Richter der ganzen Ejrche; er nahm den Patriarchentitel an, nannte sich Vater des Vaterlandes und Haupt der russischen Kirche . . . Also begann jener sogenannte Gott über alles Mass sich zu überheben, — schaut ihr Menschen, und höret und trachtet, der heiligen Schrift entsprechend, in welchen Zeiten wir leben und wer uns heute besitzt : der Geist Petri herrscht in allen bis zum Weltende . . . denn der Geist der russischen Herrscher ist der G^t Petri des Grrossen. Peter der Erste raubte für sich den Buhm des allerhöchsten Sohnes . . . nannte sich Buss- lands Gottheit . . . Uns orthodoxen Christen geziemt es jedoch, uns dienst- pflichtigst an die Gebote der Väter zu halten ..." Dieser Auszug aas der alten Handschrift zeigt mit voller Anschaulichkeit, wie sich die Altglänbigen zur Frage der Unterwerfung der Kirche durch die Staatsgewalt steOten. In einer späteren Schrift, „Spiegel des inneren geistigai Menschen" betitelt, finden wir den gleichen Gedanken noch klarer ausgedrückt: „Jesus Christus, unser Herr, hat gesagt: „Niemand kann zwei Herr^ dienen'', und er sagt auch noch: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ißt, und Gott, was Gottes ist." Daher geziemt es dem Zaren nur, Steuern und Pachtzins einzunehmen, aber in geistige Angelegenheiten soll er sich nicht einmischen. Über Geistiges richtet die Geistlichkeit, was braucht denn der Zar Menschen wegen ihres Glaubens in Festungen einzusperren? Iftsst jeden Glauben selbst die Frucht evangelischer Tugenden vorweisen...' Es liessen sich noch mehr Beispiele dieser Art anführen. Die Ansicliten der Altgläubigen sind in dieser Beziehung im grossen und ganzen bis in unsere Zeit unverändert geblieben. So reichten die Altglätibigen der Beichsduma ein Memorandum an, in welchem sie ähnlichen Gedanken Ausdruck gaben: „Den Anhängern des ^) Eine ohronologische Ungenauigkeit : Nikon war um 1666 bereits abgeBetst, sein Name blieb trotzdem für die Altgläubigen ein Symbol der Vorweltli^hung der Eircha. ReligiÖBe Bewegungen auf nusisoliem Boden. 57 alteu Glaubens/' .heisst es in diesem Dokument, „war stets die Möglichkeit graben» sich eine erträgliche und mit anderen gleichberechtigte Existenz durch einen Verrat an ihrem Glaubensbekenntnis zu schaffen. Doch haben sie diese Treulosigkeit niemals für möglich gehalten. Über alles schätzten sie ihre Gewissensfreiheit, die Richtigkeit ihres Glaubens und den unabhängigen Geist ihrer kirchlichen Organisation. Um ihre Glaubens- freiheit von der Bevormundung der weltlichen Gewalt zu retten, erlitten sie den Tod auf Scheiterhaufen und unter dem Beil. Den Altgläubigen wurden ihre reichsten Kirchen genommen, ihre Klöster imd Einsiedeleien zerstört, ihre alten Heiligtümer vernichtet; grausame Verfolgungen zwangen sie, ins Gebirge, in Wälder, in Wildnisse, in die Grenzgebiete Busslands und ins Ausland zu fliehen; Tausende von ihnen wurden verbrannt und ermordet. Jahrhunderte lang haben die Altgläubigen alles ertragen und erduldet, ohne gegen sich selbst untreu zu werden. Ihre Kirche, die leben- dige Gemeinde der gläubigen Seelen, wollten sie nicht aufopfern, wollten nicht sich zu einem Anhängsel am leblosen Staatsmechanismus verwandeln lassen: eine solche Verwandlifng wäre für sie schlimmer als der Tod, schlinmier als alle Folter tmd Qualen gewesen. Christus und die gläubigen Seelen, die aus freiem Gewissensantrieb zu ihm kommen, das ist für die Altgläubigen die Kirche . . . '" Aus diesem modernen Dokument wird man leicht ersehen, dass die Ideen Awakums bezüglich der Trennung von Staat und Kirche bis jetzt noch weiter leben. Die Altgläubigen, haben sie durch Jahrhunderte von Verfolgungen unverändert erhalten. Diese Ideen und der lange Kampf um ihre Verwirklichung waren allen Anhängern des alten Glaubens gemein- sam. Der alte Glaube hat im Laufe der Zeit weitere Spaltungen erlebt' es bildeten sich in seiner Mitte auch Sekten, die zu den dominierenden Richtungen in scharfem Gegensatze standen, — die Idee der Glaubens- freiheit, der Unabhängigkeit der Kirche vom Staate hat sich jedoch in allen Richtungen erhalten. Die offizielle russische G^eschichtsschreibung hat bei Besprechung der Ideologie des alten Glaubens beide wichtige Punkte — das Streben nach Glaubensfreiheit und nach einer Trennung von Staat und Kirche — von jeher verkannt. Gelangte sie an die Besprechung der Spaltung der russischen Kirche, so versuchte sie das Unwesentliche herauszugreifen, das, was, für sich betrachtet, kleinlich tmd lächerlich erscheint. Im Zusammenhang mit der Grundidee des alten Glaubens erhalten gerade diese scheinbar Tinbedeutenden Kleinigkeiten einen ganz anderen Sinn. Mit der Aus- besserung kirchlicher Bücher, die tmter Nikon vorgenonamen wurde, waren auch manche Einzelheiten der alten Schreibart verändert worden. So wurde beispielsweise der Name Christi — „Isus" nach alter Schreibart — durch die richtigere Form „lisus"' ersetzt. Manche rituelle Handlung' 58 Buflslaad. wurde ver&ndert : der moderne Busse bekreuzt sieh mit den drd zusammen- gelegten langem der Rechten, der Altgläubige tut es mit z^m KngenL wie es früher auch in Bussland allgemein üblich war. Li jen^ Zeit, ab die Spaltung sich vdUzogen hatte, gaben diese Einzelheiten reichlich Stofi zu den schärfsten dogmatischen Auseinandersetzungen. Jedoch lag dies^ etwas Bedeutsameres zu Grunde: eine schonungslose Unterdrückong auf der einen Seite und ein hartnäckiger, oft heldenhafter Widerstand auf der anderen, ein Widerstand im Namen der Glaubensfreiheit. Wie bereits bemerkt, waren mit der Zeit innerhalb der Gemeinde der Altgläubigen noch andere Gegensätze an den Tag getreten. Am wichtigsten war der Gegensatz zwischen den sogenannten „Popenlosen"' und den „Popisten", der sich bald nach dem Bruch mit der offiziellen Kirche be- merkbar machte. Den Altgläubigen hatte sich von Anfang an kein Bischof, auch kein anderer Vertreter der höheren kirchlichen Hierarchie ange- schlossen, der die Weihe von Geistlichen hätte vollziehen können. Die Popenlosen entschlossen sich daher, in Zukunft ohne Priesterachaft aus- zukommen; sie wollten keinen Geistlichen anerkennen, der durch Ver- mittlung eines „Nikonianers^' die Weihe erhalten hatte. Die Popistai da- gegen hielten es für unmöglich, ohne Geistlichkeit auszukommen, nahmen auch Geistliche auf, die von nikonianischen Bischöfen ihre Weihe emp- fangen hatten, und blieben somit in beständiger Berührung mit der offi- ziellen Kirche. Diese Spaltung der Altgläubigen hatte eine ganz inter- essante ideologische Grundlage. Nach der Auffassung der Altgläubigen hatte sich die offizielle Kirche seit Nikon vom orthodoxen Christeoitttm abgewandt. Nun entstand für sie die wichtige Frage, ob es denn über- haupt noch in der Welt eine wahre christliche Kirche gebe. Strenge asketisch veranlagte Lehrer des alten Glaubens beantworteten diese Frage direkt verneinend : sie behaupteten, seit Nikon habe die Kirche aui^ehört zu existieren, es gebe auch keine richtige kirchliche Hierarchie, kdnen Gottesdienst, keine Sakramente mehr: das Beich des Antichrist ist ge- kommen und die Gläubigen müssen von nun an nur noch daran denken« dass sie ihre Seelen von der Gewalt des Antichrist erretten und sich auf das nahende jüngste Gericht vorbereiten. Der Glaube an den Antichrist und den nahen Weltuntergang hat die Ideologie der Altgläubigen unmittel- bar nach dem Bruch mit der offiziellen Kirche ungemein stark beeinflusst. Viele haben bereits in der Persönlichkeit Nikons den Antichrist zu erkennen geglft^bt. Noch viel stärker wirkte auf die exaltierte religiöse Phantasie die seltsame Erscheinung Peters des Grossen : seine Abneigung g^en alles Herkömmliche, seine offenkundige Gleichgültigkeit in religiösen Fragen vor allem aber die Reformen in kirchlichen Dingen, die dieser Zar durch- führte, machten die Anschauung, Peter sei der Antichrist selbst, in Kreisen der Altgläubigen sehr populär. Andererseits verbreitete sich bei ihnen Religiöse Bewegungen auf nusisohem Boden. 59 immer mehr die Überzeugung von der Nähe des Weltunteiganges. Es entwickelte sich daraus am Ende des XVII. und Anfang des XVIII. Jahr- hunderts eine seltsame Epidemie des religiösen Selbstmordes. Tausende von Fanatikern suchten in dieser Zeit den Tod im Wasser, in der Erde, vor allem aber im Feuer, fest überzeugt, dskss ihnen der freiwillige IVIär- tyrertod die Tore des Paradieses weit öffnen werde. Bei der Begründung der ungemeinen Verbreitung des Massenselbstmordes darf jedenfalls nicht vergessen werden, dass die weltliche Gewalt eine vermutliche Schuld dabei hatte : der Selbstmord war für die Altgläubigen nicht selten zugleich eine Rettung vor den viel peinlicheren Qualen, die ihnen von Seiten des Ge- richtes drohten. Jedenfalls unterliegt es keinem Zweifel, dass dabei rein- ideologische, zum Teil auch pathologische Faktoren mitgespielt haben. Für Leute, die vollständig überzeugt waren, dass das Jüngste Gericht von heute auf morgen zu erwarten sei, die ihre Seelen durch den freiwilligen Tod noch erretten wollten, hatten solche Fragen, wie die der kirchlichen Hierarchie, selbstverständlich nur nebensächliche Bedeutung. Doch waren bei weitem nicht alle Altgläubigen von solchen Gefühlen erfasst. Die Mehr- heit wollte eine geordnete kirchliche Organisation haben, ihre Überzeugung, dass der jüngste Tag nahe sei, war bei weitem nicht so fest, und es war ihr vor allem daran gelegen, den altheigebrachten Glauben in aller mög- lichen Reinheit zu erhalten. Diese Bestrebungen leben bis auf den heutigen Tag in den zahlreichen Gemeinden der Popisten, die den Namen der Alt- gläubigen par excellence verdienen. Während die extremeren Popenlosen ohne Priesterschaft, ohne Kirchendienst und Sakramente auskamen, suchten eich die Popisten auf allen möglichen Wegen eine richtige Hierarchie zu verschaffen. Auch innerhalb der beiden Richtungen sonderten sich mit der Zeit abweichende Strömungen ab und wurden oft zu ganz selbständigen, un- abhängigen Sekten. Es ist interessant, zu konstatieren, dass sich auch in diesen Kreisen jene Richtlinie bemerkbar machte, der, wie wir weiter tinten sehen werden, die Evolution der russischen Sekten gefolgt war. Aach in der Mitte der Altgläubigen, dieser viel konservativeren Vertreter des religiösen Protestes, sind einzelne Gruppen aufgetaucht, deren Lehren ausgesprochen rationalistischen Charakter haben. Besonders zahlreich sind solche Gruppen bei den Popenlosen in Nordrussland und im Wolgagebiet. Wir müssen hier auch noch eine Erscheinang erwähnen, die aus anderen Faktoren emporgewachsen ist und zu einer grundlegenden Spaltung inner- halb der Muttergemeinde der Altgläubigen führte. Nachdem die Verfol- gungen von Seiten der Regierung aufgehört hatten, machten sich in Kreisen der Altgläubigen immer mehr soziale Gegensätze geltend. Progressivere Büemente der Altgläubigen schlössen sich immer näher an die progressiven Kreise der russischen Gesellschaft an und lösten sich von den konser- $0 Boflsland. vativeren Kapitalisten der Gemeinde, welche vorher einem nngemdi starken Einfluss bei ihren Glaubensbrüdem genossen hatten. Diese immer spürbarer werdende Spaltung l&sst sich bis auf den heatigen Tag v«- folgen. b) Die russischen Sekten. Eine ganz andere Erscheinung als der alte Olaube, sind die russisches Sekten, welche mit dem alten Glauben das Eine gemeinsam haben, dass sie auf der Grundlage einer freien Kritik der offiziellen Religion au^ebam sind. Doch ist die Ideologie der Sektierer in manchen Beziehungen be deutend selbständiger ab diejenige des alten Glaubens, sie steht auch oh in einem viel schrofferen Gegensatz zur Ideologie der Staatskirche. Die überwiegende Mehrheit der russischen Sektierer gehört zu dei2 untersten Volksschichten. Einzelne Sekten sind die unmittelbarste Schöp- fung des Volksgeistes, sie sind im Volke selbst, oft ohne jede Beeinflussung seitens der russischen Intellektuellen, entstanden. Die starke Entwicklung des Sektenwesens im Laufe des XIX. Jahrhunderts war ein Anzechen dafür, dass das Volksbewusstsein aus einem Schlaf erwachte, der Jahr- hunderte gedauert hatte. Die meisten Sekten haben sich ohne direkte Berührung mit dem alter Glauben entwickelt. Auch ist im grossen und ganzen Südrussland dfts Hauptgebiet ihrer Verbreitung geblieben, während sich die einzehien Zweige des alten Glaubens vorwiegend in den Wäldern des Nordens er- halten haben. Eine gewisse Beeinflussung von seiten der deutschen Kolo- nisten, die ihre rationalistische protestantische Religion mit sich dd fremden Boden gebracht hatten, war bei der Entstehung einzelner Sekten unbestreitbar vorhanden (zu solchen gehört beispielsweise die sogenannte „Stunda", deren Benennung schon auf eine nicht-russische Abstammung hindeutet). Die Nachbarschaft der Protestanten scheint in gewissen Fällen eine Art Anregung geschaffen zu haben, sie bildete einen Anstoss für den schlunamemden Gedanken, der — einmal erwacht — in der Weiterentwick- lung seine eigenen Bahnen verfolgt. Jedoch haben sich auch andere Sekten ganz selbständig ähnliche Gedankengänge zu eigen gemacht, sogar in solcben Gegenden, wo eine Beeinflussung ganz ausgeschlossen war : wir finden ratio- nalistische Sekten über ganz Bussland verbreitet, wenn sich auch deren Hauptherd im Süden befindet; doch trifft man sie auch im Norden, iiQ Osten, in Zentralrussland und in Sibirien. Die einzelnen Verbreitungsheide dieser Richtungen entstehen ganz unabhängig voneinander und sind doch alle einander erstaunlich ähnlich. Will man den Charakter der russischen Sekten näher bestimmen, so fäUt schon auf den ersten Blick die bereits erwähnte charakteristiscie Eigentümlichkeit auf: es ist die Selbständigkeit des geistigen Schaffens. Beligiöse Bewegungen auf ruBsischem Boden. gl >er Autor dieser Zeilen hatte bei seinen Gesprächen mit Vertretern der inzelnen Sekten Gelegenheit gehabt, unter den Sektierern Leute zu treffen, reiche die grosste Innigkeit des religiösen Gefühls mit der Fähigkeit ver- banden, die Lebenserscheinungen in ihrer ganze Tiefe zu erfassen. Ihre Veitanschauung hatte entschieden einen schöpferischen Zug. Oft war oder Gedanke bis in alle Einzelheiten selbständig durchdacht, analysiert md innerlich geprüft, und die Grundprinzipien waren das Resultat einer. [uali^oU^i inneren Arbeit. Ein zweiter interessanter Charakterzug der ussischen Sekten ist das Fehlen einer starren Ideologie. Daher ist es auch o schwer, ihre Lehren wissenschaftlich zu fixieren. .Jeder Systemati- ierungsversuch wäre eine Vergewaltigung; die Lehren der einzekien Sekten ind aus dem Leben hervorgegangen, sie befinden sich in einer permanenten ^wßgung und markieren die verschiedenen Momente einer dauernden Evolution. Daher finden sich auch oft einander widersprechende Behaup- ungen in der Spezialliteratur, die sich mit einzelnen Sekten befasst. Die ixierte Charakteristik der Sekten wird niemals genau der Wirklichkeit entsprechen. Die lebendige Existenz der Sekte hört sogar gewöhnlich auf, iobald sich ihre Lehre zu einem starren System konstituiert. Hat eine Sekte ihre abgeschlossene Dogmatik geschaffen, so Scheint sich ihr inneres Leben in der gegebenen Form zu versteinern. Die progressiven Elemente Tennen sich alsdann von der Muttergemeinde, sie gehen in ihrer Entwick- lung weiter und schaffen gewöhnlich neue Lehren. Man kann diesen Zer- »etzungsprozees in der Geschichte vieler grosser russischen Sekten verfolgen. Ein Beispiel hiefür bietet die Sekte der Molokaner. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts bildete diese rationalistische Sekte, deren Organisation eine skusgesprochen soziale Färbung besass, eine ideale Erscheinung auf dem ^uen Hintergrunde des Volkslebens. Heute sind die alten lebendigen Traditionen der Molokaner so gut wie gänzlich erloschen, durch neue starre Prinzipien ersetzt und die lebendige Entwicklung der Sekte hat aufgehört Wir wollen nun versuchen, für den nicht-russischen Leser jenä Grund- lagen aufzuzeigen, auf welchen der lebendige, veränderliche Organismus der russisshen Sekten emporgewachsen ist. In der Ideologie einer jeden rassischen Sekte lassen sich ganz allgemein zwei verschiedene Seiten kon- statieren: die rein-reUgiöse und die praktisch-soziale. Jede Sekte ist nicht nar eine Verbindung von Gläubigen zu bestimmten Kultuszwecken — sie ist zugleich auch eine Gemeinde, welche die Bedingungen ihrer praktischen Existenz schaffen muss. Es ist begreiflich, dass für denjenigen, der im Glauben an die göttliche Vorsehung aufgewachsen ist, die religiösen Inter- essen zunächst in den Vordergrund treten müssen : sie liegen dem Menschen am nächsten, er begreift sie am besten. Für die ungebildete Masse ist die Rdigion das einzige philosophische System, das eine Erklärung für die unbegreiflichen Erscheinungen der menschlichen Existenz gibt und auf 62 BüMland. solche IVagen antwortet, die auch die wenig kxdtivierten Menseben be- schäftigen, nnd manchen zum Nachdenken geneigten Geist unter ihnen zu einer gewaltigen, inneren Arbeit anregen. Der erwachende kiitiüache Sinn wendet sich zunächst besonders solchen Fragen zu. Somit betätigt sich die Kritik gerade auf dem Gebiete, wo früher nur Autorität herrschte* An zweiter Stelle steht in dieser Evolution die Kritik der bestehenden sozialen Verhältnisse. Durch ihre selbständige ' Stellungnahme in d^r Bdi- gion und im praktischen Leben haben sich die russischen Sektierer von jeher vor der grossen Masse ausgezeichnet. Sie bildeten stets die progres- sive denkende Oberschicht dieser Masse. Die religiösen Theorien der russischen Sektierer sind bunte, mannig- faltige und sich permanent verändernde Gebilde, die die schär&ten G^en- Sätze und alle Stufen vom extremen Bationalismus bis zum extremen Mystizismus in sich schliessen. In ihrer Entwicklimg durchschreiten die Sekten die verschiedensten religiösen Ansichten, sie verlassen die eine Lehre und wenden sich einer anderen zu, um bald darauf in ihrem Drange nach Wahrheit und Vollkommenheit wieder etwas ganz neues zu schaffen. Man kann sich kaum eine Idee vom überreichen inneren Leben dieser Volks- schichten bilden, solange man sie nicht persönlich kennt. Und dieses innere Leben der Sekten war schon bunt und inhaltsreich, als das übrige Volk noch im Schlafe lag und vom Orkan der Revolution noch nicht wach- gerufen war. Solange eine Sekte sich in ihrer höchsten Blüte befindet, bildet der Bationalismus in der B^el die Grundlage ihrer Ideologie. In der Geschichte jeder russischen Sekte lassen sich Spuren rationaüstiBchen Denkens aufweisen, mit denen sieh daim unvermeidlich Analyse und Kritik der bestehenden politisch-sozialen Ordnung verbindet. Jede Sekte hat ihre Sturm- und Drangperioden, während denen dogmatisch-religiöee Fragen in den Hintergrund treten und eine soziale Weltanschauung aus- gearbeitet wird . Die Frage der persönlichen Vervollkommnung auf Grand- lage der evangelischen Moralprinzipien wird in solchen Perioden auf den sozial-politischen Aufbau der Gesellscft übertragen. Der schöpferische Ge- danke wirkt nun auf einem ganz neuen Gebiet, und es werden neue Theorien des Staats- imd Gesellschaftslebens geschaffen. Wir sehen oft, wie sich einzelne Sekten- Gemeinden bemühen, ihre Ideen auch praktisch zu ver- wirklichen und ein neues Leben aufzubauen. Rationalistische Sekten sind über ganz Bussland verbreitet, wir finden sie im Norden, im Osten, in Zentralrussland, in Sibirien, in reichster Blute jedoch in Südrussland. Eine der rationalistischen Sekten, die Sekte der Duohoboren (d^ „ Geisteskämpfer") , ist in Westeuropa und Amerika wohl von allen russischoi Sekten am besten bekaimt. Die Duchoboren bUden eine sehr bedeutsame Erscheinung im Leben des russischen Volkes. Die Duchoborenbewegung BeligidBe Beweg^nngen auf roodBchem Boden. 65 wirkt direkt überraacheDd durch ihre Wucht und ihre beispiellose moralische Höhe. Die Geschichte der Duchoborensekte ist ein dauerndes Martyrium. Schon unter der Herrschaft Alezander I. (1801 — 1825) wurden die Ducho- boren in eine Art Exil im Tauriachen Oouvemement verbannt, wo ihnen ein bestinunter Ort für ihre Ansiedelungen gegeben wurde. Nikolaus I. erliess 1839 eincai Befehl, auf Grund dessen sie nach dem Kaukasus ver- bracht wurden. Hier wurden sie in ein rohes GebiragkUma, in die Umgebung feindseliger kaukasischer Völker gebracht. Bis in die achtziger Jahre des XIX. Jahrhunderts lebten die Duchoboren im E^ukasus und erwarben sich hier durch ihre Arbeitsamktit und Ehrlichkeit allgemeine Symp(ftthien. In relativ ruhigen Verhältnissen ging die innere Entwicklung der Sekte ihren Weg, bis es in den achtziger Jahren zu einer Spaltung kam. Ein Teil der Gemeinde, und zwar der weitaus grössere, stellte allgemeine ethisch- soziale Forderungen auf: man fand, dass die Duchoboren in praktischer Beziehung zu wenig konsequent ihre Theorien durchsetzten, mao erstrebte eine Nengestaltimg des Gremeindelebens. Die zarische Regierung trug das ihrige dazu bei, diese Spaltung zu vergrössem: 1887 wurden die Ducho- boren, die bis dahin militärfrei geblieben waren, zum Waffendienst ein- berufen. Die Mehrheit der Duchoboren beschloss, den Militärdienst zu verweigern, während die Minderheit zur Nachgiebigkeit neigte. Zugleich beschloss die Mehrheit eine soziale Reorganisierung der Gemeinde auf Grundlage einer allgemeinen Gleichheit, einer kommunistischen Vermögens- gemeinschaft und einer strengeren Lebensführung. Darauf begannen rich- tige Verfolgungen: man steckte militärdienstpflichtige Duchoboren in Gefängnisse und Disziplinarbataillone. Tausende von Männern, Frauen und Kindern wurden nach gröbsten Misshandlungen in ungesunde, sumpfige Gegenden des Kaukasus verbracht. Not und Krankheiten lichteten ihre Beihen. Endlich wurden die als Führer der Bewegung Verdächtigten nach Sibirien verschickt und nur nach langem Zögern auch ihren Familien die Erlaubnis erteilt, ihnen ins Exil zu folgen. Schwere Entbehrungen und eine erbärmliche Existenz im Polargebiet waren ihr Los. Die Leiden der Ducho- boren erweckten in den gebildeten Kreisen Busslands und auch im Auslande allgemeine Sympathien. Das Projekt, sie nach Kanada zu verbringen, unterstützte Leo Tolstoj mit Wort und Tat. Englische religiöse Gemeinden nahmen sich ihrer an. Nach langen Verhandlungen mit der russischen Begierung wurde die Em^ation zugelassen, die Duchoboren verliessen den stiefmütterlichen Boden Russlands, um sich jenseits des <%eans in Kanada eine neue Heimat zu gründen. Gerade im bedeutungsvollsten Augenblick der Entwicklung der Ducho- boren-Sekte sehen wir ausgesprochen soziale Gedankto in den Vordergrund treten. Die Sekte erlebte einen inneren Umschwung in jenem Moment, als sieh unter dem Drucke von aussen in ihrer Mitte zwei Strömungen ^4 Biusland. bildeten. Die Duchoboren gehen zur Lösung sozialer Probleme aber und finden diese Lösung in einer Neugestaltung der Gemeinde, deren Grund- lagen dem Kommunismus nahe verwandt sind; sie wollen ihre religiöE' ethischen Theorien auch im praktischen Leben verwirklicht sdben. Die religiöse Weltauffassung der Duchoboren lässt sich am besten in unmittelbarem Verkehr mit den Mitgliedern der Gemeinde kennen lem^. Die Leitgedanken finden wir jedoch auch in ihren Schriften. Ln Prinzip wird die Lehre der Duchoboren durch mündliche Überlieferung fortgepflanzt, immerhin existieren darüber auch Manuskripte und Briefe, welche in russischer Sprache zum Teil bereits veröffentlicht wurden. Hochinteressant sind die Briefe des geistigen Leiters der Mehrheitsgruppe, Peter Werigin. Aus der Brief Sammlung, die 1901 in England russisch veröffentlicht wurde, bringen wir den Brief Werigins an die junge Kaiserin Alexandra: „Gott unser Herr erhalte deine Seele in diesem Leben und im künftigen, Schwester Alexandra. Ich, der Sklave Jesu Christi, lebe durch die Botschaft und die Verkündigung seiner Wahrheit. Ich befinde mich seit 1886 in Verbannung, aus den transkaukasischen Duchoborengemeinden. Das Wort »Duchoboretz' ist so zu verstehen, dass wir im Geiste und in der Seele Grott bekennen (siehe im Evangelium die B^egnung Christi mit der Samariterin am Bronnen). Ich bitte dich flehentUch, Schwester in Christo dem Herrn, Alexandra, erbitte von deinem Gemahl Nikolaus, dass er die Christen im £iaukasus mit Verfolgungen verschone. Ich wende mich an dich, weil ich mir d^ike: dein Herz ist mehr Gott, unserm Hern, zugewandt. . . Unsere Schuld ist die, dass wir uns nach Möglichkeit bemühen, Christen zu werden. In einigen Handlungen b^ehen wir vielleicht auch Irrtümliches. Du kennst gewiss die Lehre der Vegetarier; wir sind Anhänger dieser humanen Ansichten; vor kurzem haben wir es aufgegeben, Heisch zu essen, Wein zu trinken, wie auch vieles andere, was zum unsittlichen Leben und zur Trübung der Klarheit der menschlichen Seele führt. Da wir auch dn Tier nicht töten, so halten wir es für durchaus unmöglich, einem Menschen das Leben zu nehmen. Wenn wir einen gemeinen Menschen, sei es auch einen Räuber, töten, so scheint es uns, dass wir Christus zu töten wagen, und siehe da, hierin li^t der Hauptgrund. Der Staat verlangt von unseren Brüdern, sie sollen lernen mit der Hinte umzugehen, um gut das Morden zu erlernen. Die Christen sind damit nicht einverstanden; man sperrt sie in Gefängnisse ein, man schlägt sie und richtet sie durch Hunger zugrunde. Schwestern und Mütter werden aber als Frauen grob misshandelt . . . Wir halten den Mensch^i für einen Tempel des lebendigen Grottes und können uns keineswegs auf sein Töten vorbereiten, wenn man uns deswegen auch mit dem Tode bedrohte ..." Eine noch genauere Formulierung der Duchoborenlehren gibt Werigin in Briefen, die er an seine Freunde und Nachfolger. richtete. „Die Haupt- 5. Die Arbeiterbewegung in fiussland (Kononow). 6. Die Kooperation (Kononow). 7. Die Staatsverfassung des altenRusslands und die Beichsduma (K. Ssiwkow). 8. Die Revolution vom Jahre 1917 (Fedorow). ^. Pädagogik und Schulwesen in Russland (N. Ru- mjanzew). 10. Die russische Frau (N. OettU-Kirpitschnikowa). 11. Die russische Gesellschaft (P. Stepanowa). Die Redaktion behält sich das Recht vor, Verändenmgen in der hier angegebenen Reihenfolge der Aufsätze zu treffen. Das Werk ist ein Buch i-ussisclier Autoren, das filr nichtrussische Leser verfasst wurde. Es sucht die Wege fiir ein Verstehen der Eigenschaften und Eigenarten von Volk zu Volk zu ebnen und geht dementsprechend nicht darauf aus, nur den gegenwärtigen Zustand Russlands zu schildem: es will vielmehr einen Einblick in die dem Fremden meist verborgenen Lebensprozesse des grossen Landes geben, wie sich diese in seinem Schaffen und seinen Schicksalen widerspiegeln. Weder die Herausgeber noch die einzelnen Autoren Hessen sich dabei von irgendeiner gemeinsamen sozialen oder poli- tischen Tendenz leiten: was sie leitete, war die Hoclischätzung der Eigenart der russischen Kultui* und der Wunsch, einzelne Seiten derselben möglichst objektiv und vorurteilsfrei dem Nichtrussen dar- zulegen. Das ganze Werk wird zehn Lieferungen zum Preise von je 3. /)0 umfassen, welche auch einzeln käuflich sind. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. <, V ' I i ■ i I Vorbemerkung- Das Sammelwerk „Rusfiland^ ist ein Resultat der gemeinsamen Arbeit einer Reihe russischer Schriftsteller. Die Herausgeber dei^ Werkes haben sich bemüht, in demselben Aufeätze zu vereinigen, die mit wissenschaftlicher Objektivität die verschiedenen Seiten de- geistigen Lebens und Schaffens des russischen Volkes, den politischen Bau, die sozialen Bewegungen und das gesellschaftliche Leben Rls^- lands in ein möglichst klares Licht rücken. Im ersten Teile des Werkes, der dem geistigen Leben Bass- ands gewidmet ist, sind folgende Aufsätze enthaltene 1. Die russische Kunst (V. Erismann). 2. Die russische Musik (I. Stefianow). ' 3. Die russische Philosophie (A. Lossew). 4. Die Ideologie der orthodox-russischen Religio^» (A. Lossew). 5. Alexander Puschkin itnd der Anfang der modenuMi russischen Literatur (V. Erismann). "6. Die Bedeutung der russischen Literatur ^J. Mattlüeu}. 7. Die Geschichte der russischen Literatur (I. Rosanow). 8. Die russische Volkspoesie. Das Märchen (J. Ssokolow). 9. Das Volksepos (B. Ssokolow). 10. Die moderne russische Literatur (I. Rosanow). 11. Das Theater in Russland (S. Glagol). Der zweite Teil des Buches behandelt den politischen Bau, die sozialen Bewegungen und das gesellschaftliche Leben Russland*" und umfasst folgende Aufsätze: 1. Die vier Perioden der russischen Geschichte (I. Stepanow). 2. Staat und Kirche in Russland und religiöse Be- wegungen auf russischem Boden (S. Melgunow). 3. Der russische Bauer (I. Bjelokonski). 4. Das Semstwo (I. Bjelokonski). ReligiSee Bewognngen aof mssitoiiem Boden. 65 gnmdlage der religiösen, so zu sagen der lebendigen Anschauungen unserer Gemeinde, sind folgende: «Gott unseren Herrn mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu lieben und seinen N&chsten wie sich selbst». Gott stellen wir uns aber so vor, dass er die Liebe ist, die aDes Exi- stierende erhält. Das Böse wirkt zerptörend, die Liebe erzeugt. In der Liebe zum Mitmenschen verwirklichen wir imsere Liebe zu Gott. Wir meinen, dass ein Mensch, der sich Liebe zu eigen macht, in seinem Herzen Gott erwirbt. Wir vermeiden, Leben zu zerstören, überall wo wir es vor- finden, und es ist überall vorhanden. Lisbesondere vermeiden wir, Menschen zu töten . . . Wir besitzen nichts Schriftliches, unsere ganze Weltanschau- ung wird mundlich überliefert. — Wenn sich von uns zwei, drei oder mehr versammeln, da ist auch die Kirche Christi . • . '' Der Glaube an das Göttliche im Menschen, die Anerkennung der ethischen Prinzipien des Evangeliums, die Verwerfung des Mordes, in welcher Form es auch sei (im Zusammenhang damit die ablehnende Stellungnahme zum Militärdienst), die Vereinfachung der äusseren Formen des Gottes- dienstes, ijnthaltsamkeit und strenge, sittliche Lebensführung, die An- erkennung der absoluten Gleichheit imd der kommunistischen Güterver- teilung innerhalb der Gemeinde, — das sind, kurz zusammengefasst, die Grundlagen der Weltanschauung der Duchoboren. Es ist interessant, die innere Verwandtschaft zu konstatieren, die zwischen ihren Ansichten und der Lehre von Tolstoj besteht. Tolstoj befand sieh im brieflichen Verkehr mit Werigin und äusserte stets grosses Interesse für die Lehre der Ducho- boren tmd für ihr Schicksal. Sie schenkten ihm dafür viel liebe, in ihrer eigenartigen Weise nannten sie ihn ihren „Grossvater''. Das Duchoborentum ist eine der typisch-rationalistischen Sekten Busslands, eine von jenen, in welchen das innere Leben frisch und stets schöpferisch sprudelt. Ein anderes Schicksal hatte die in Siidrusaland mächtig verbreitete ebenfalls rationalistische Sekte, die unter dem Namen des Stundismus oder des russischen Baptismus bekannt ist. Der Stun- dismus ist eine verhältnismässig junge Bew^ung. Spezialforscher verlegen seine Entstehungszeit in die sechziger Jahre des XIX. Jahrhunderts und setzen ihn in Zusammenhang mit dem Erwachen des Volksbewusstseins nach den Beformen, die in diese Jahre fielen ; die Bewegung umfasst ört- lich eine enorme Bodenfläche : die Gouvernements Gherson, Tauris, Jekate- nnoalaw, Poltau, Kiew und Charkow sind bedeutende Zentren dieser Sekte. In diesen Gegenden kamen russische Sektierer mit deutschen Kolonisten in Berührung, die fast ausnahmslos Baptisten waren oder dem Baptismus nahestanden. Von ihnen scheinen die Stundisten eine definitive Formu- lierung ihrer Lehre entlehnt zu haben. Li den neunziger Jahren erscheint der Stundismus mit einer fertigen religiösen Weltanschauung ; Einzelpunkte derselben sind genau fixiert. Ihre Dogmatik unterscheidet sich im grossen ErlimABo, Baasland IL 5 QQ RiUBlaiid. und ganzen nur wenig Ton den offiziellen Glaubensbekenntniasep. ver- schiedener Religionen. Sie anerkennen die Dreifaltigkeit, die ikbsünde. die ErlöBtmg durch das Opfer Christi und die göttiiche Prädestination. Sie haben eine Kirchengemeinde, eine Geistiichkeit und Sakramente. Mit der Fixierung dieser Dogmatik trat ein Stillstand im inneren Leben der Sekte ein: wir finden bei den russischen Baptisten kein Interesse für eomk Fragen, kein Streben nach einer Neugestaltung der Gemeinde. Der Buch- stabe hat bei ihnen den lebendigen Geist getötet, und jene Vertreter der Vblksmasse, wdche in der Religion lebendigere Elemente suchen, wandten sich vom Baptismus ab; sie bildeten neue Sekten, oder sie schlössen sich anderen progressiven Elementen des russischen Volkes an. Besonders stark äusserte sich diese Spaltung der Stundistischen Gemeinde, nachdem die Verfolgungen von Seiten der Regierung abgenommen hatten. (Trotz ihrer völligen sozial-politischen Indifferenz mussten auch die Stundisten vor Gericht erscheinen unter der Anschuldigung der Abtrünnigkeit von der herrschenden Kirche.^) Die Versammlungen der Sekte verloren bald jedes lebendige Interesse. Es wäre an dieser Stelle nicht möglich, alle rationalistischen Sekten, die sich auf dem Boden Busslands entwickelt haben, zu charakterisieren. Es sei hier nur bemerkt, dass dieselben sehr zahlreich sind und in des wichtigsten Grundlagen ihrer Lehren einander oft sehr nahe stehen. Zum Teil sind es sehr alte Gebilde, wie beispielsweise die grosse Sekte der Molo- kaner, aus deren Mitte bereits im Anfang des XIX. Jahrhunderts neben rationalistischen auch extrem mystische Sekten entstanden sind; zum Teil sind es Neuschöpfungeu, die sich erst in unserer Zeit auszugestalt^i beginnen. Das Bild des russischen Sektenwesens, das wir hier zu entwerfen ver- sucht haben, wäre unvollständig, wenn wir nicht auch die mj^tisch orien- tierten Sekten erwähnten. Zu den bekanntesten dieser Art gehören die sogenannten Chlysti und die Kastraten („Skopzen''). Die Sekte der Chlysti (der Geissler) hat eine lange Vorgeschichte. Wir haben in dieser Sekte ein interessantes Beispiel dafür, wie eine ur- sprünglich volkstümliche mystisch-religiöse Bewegung sich auf höh«:^^ Gesellschaftsklassen verbreiten kann. Anfang des XIX. Jahrhunderts ge> wann diese Sekte viele Anhänger am russischen Hofe. Zar Alexander I. zeigte grosses Interesse für die Lehre der Geissler. Ihre religiösen Übungen wurden damals Mode in den höheren Kreisen der Petersburger Gesellschaft. Diesen Übimgen liegt entschieden etwas Pathologisches zugrunde. In ihren Versammlungen drehen sich die Geissler, alle in weisse Ritualgewänder gekleidet, in einem wahnsinnigen Tanz und geisseln sich dabei selber und untereinander, von einer Art Ekstase erfasst. Sie halten diesen Zustand ^) 1804 wurde sogar ein Spezialgesetz über die Stundisten erlassen, in dem sie auch als politisch unzuverlässig charakterisiert wurden. Religiöfie Bewegungen auf russischem Boden. 67 u iir heilig : die Ekstase soll den Menschen dahin fähren, dass sich in ihm hristns selbst verkörpert. Daher auch die Benennung, die richtiger , Christen" lauten sollte, sich aber im Volksmunde zu Chlysten verändern musste („Chlyst'' ist russisch Peitsche). Die offizielle kirchhche Justiz schrieb der Sekte schwere Sünden zu: allerhand Verbrechen gegen die Sittlichk^t und selbst ritueUen Eindermord. Doch sind solche Geständ- Qisse von Angeklagten durch Folterqualen erzwungen^) und entbehren jeder vernünftigen B^ründung. Ähnliches wurde übrigens von jeher allen religiöeen SeU^en und Gemeinden zugeschrieben, deren Gottesdienst ge- heimnisvoll und dem Uneingeweihten unzugänglich war. Die Sekte ist gegenwärtig aueh im russischen Volke stark verbreitet, besonders im Süd- osten des europäischen Russlands. In den Zeiten der Leibeigenschaft ge- wann der ekstatische Charakter der Sekte in den unteren Schichten der Bevölkerung eine grosse Anhängerschaft. Das pathologische Elem^at, das bereits in der Sekte der Ghlysti stark ausgesprochen ist, tritt noch viel deutlicher bei den Kastraten, in der Sekte der „Skopzen'', an den Tag. Ihren düsteren Lehren li^gt der Wunsch nach dem Aufhören des menschUchen Geschlechtes zugrunde. Ekstase auf asketischer Grundlage führt sie soweit, dass sie sich sogar freiwillig körper* liehe Verletzimgen zufügen. Diese wenig erfreuhohen, krankhaften Verirrungen, die bei einigen der mystisch gefärbten Sekten zu konstatieren sind, lassen sich aus den ab- normen Verhältnissen erklären, in denen das russische Volk von jeher gelebt hat. Die sozialen, juristischen und ökonomischen Existenzbedingun- gen der Volksmassen schufen eine so trostlose Atmosphäre, dass das Streben der Wirklichkeit zu entfUehen, nur allzusehr begreiflich erscheint. Auch in neuerer Zeit bildeten sich ekstatische Sekten, wie zum Beispiel die Sekte der Malewanzer, die sich in den neunziger Jahren von den russischen Baptisten abtrennte und ausgesprochen ekstatische Züge trägt. In beiden Richtungen des russischen Sektierertums, dem Rationalismus und dem Mystizismus, konmit d€ksselbe G^efühl zum Ausdruck — die Unzufrieden- heit mit den Verhältnissen der realen Existenz. Dieses Grefühl treibt den einen zur Flucht aus der Wirklichkeit, den anderen zu Versuchen, diese Wirkhchkdt auf gesündere Grundlagen aufzubauen. In ganz anderen I^ormen wiederholt sich die gleiche Erscheinung innerhalb der gebildeten Klassen Russlands: auch hier sehen wir neben der starken Entwicklung sozialer Bestrebungen die Flucht ins Grenzenlose, ins Überirdische. Ihren Ausdruck findet die letztere Strömung in den Theorien der russischen Baligionsphilosophen und sogenannten „ Crottsucher'', besonders g^en Ende des XIX. Jahrhunderts. ^) Besonders grausam verfolgt und bestraft wurden die CSilysti im XYIEL Jahr- ^undsrt. 68 BoBiIand, Es ist heate sohwer vorauszusagen, was der kommende Tag dem russischen Volke bringen wird, ob Glück oder Unglück. Für seine gransam Verfolgten Kind^, die Anhänger des alten Glaubens und die Sektierer, ist schon das bis jetzt Geschehene eine Erlösung und Befreiung. Sie sind nun nicht mehr die Stiefkinder, sondern die in Leid und Ereude eb^- bürtigen Kinder der gemeinsamen grossen Mutter — Bussland. S. Hetgoiiow. Der russische Bauer. L Die politische Rolle des Bauernstandes. West-Europa hat keinerlei VorBtellmig von dem nuasischen Bauern, richtiger gesagt, es hat eine, die aber sowohl positiv als auch negativ voll- konunen falsch ist. Auf der positiven Seite wird der russische Bauer in den Himmel erhoben, werden viele seiner Eigenschaften, wie sein Altruis- mus, seine Anhänglichkeit an den Zaren, seine Demut, Uneigennützigkeit, Duldsamkeit, sein Idealismus, seine Beligioeit&t in hohem Masse über- trieben dargestellt, auf der negativen wird er im Gegenteil als grob, wild, unwissend, faul, dem Trünke ergeben, abergläubisch, zur Anarchie neigend geschildert. Diese Ansichten sind in ihrer Übertreibung weit von den Tatsachen entfernt. Der vorherrschende Durchschnittstypus des russischen Bauern ähnelt weder der positiven noch der negativen Vorstellung des Westeuropäers. Um eine nur halbwegs genaue Charakteristik desselben zu erhalten, ist es unumgänglich nötig, das Schicksal des russischen Landmannes zu kennen. Während in den verschiedenen europäischen Staaten, wie in der Schweiz und Norwegen, die Leibeigenschaft nie bestanden hatte, oder wie in England, Italien, Ibrankreich, seit dem Mittelalter aufgehoben worden war, wurde der russische Bauer erst im Jahre 1861, also erst vor Bechsundfünfzig Jahren, von derselben befreit. Diese Leibeigen- schaft hatte ungefähr siebenhundert Jahre gewährt, wenn man den Fron- dienst, der im 13. Jahrhundert aufkam, als deren Ausgangspunkt annimmt. Auch verschlechterte sich die Lage des russischen Bauern mit der Zeit immer mehr. Wenn in den ersten zwei, drei Jahrhunderten die Leibeigen- schaft noch keine völlige war, noch gewisse Grenzen hatte, so verwandelte sie sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts in vollkommene Sklaverei. Zu jener Zeit treten der Verkauf der Leibeigenen durch die Gutsheim, zwangs- weise Ehen nach Gutdünken der Gewalthaber, die Prügelstrafe, das Fesseln mit Eisenfesseln oder Holzkoppeln sowie manchmal die entsetzlichsten I^oltem, die des Feuers nicht aufgenommen, auf. Zwei Jahrhunderte eines solchen Lebens hätten wohl den russischen Banem aus einem Eben- bilde Gottes in ein blosses Stück Vieh verwandeln können. Welch un- geheuere Geisteskraft, welch innerer Halt gehörte dazu, aus derartiger Sklaverei als lebeiisfähiger, ja, als ein für ein volles und ganzes Leben taughoher Mensch hervorzugehen! 70 Buflsland. Dies ist um so erstaunlicher, als die Bauern, aus ihrem Dunkel, ihrer Unbildung heraustretend, von seiten der Regierung und der herrschenden Klassen keinerlei Entgegenkonmien, nirgends den Wunsch zur Aufklärung der Landbevölkerung, zu deren Gleichstellung mit den anderen Ständeit überhaupt zu deren endgültigen Befreiung fanden. Im Gregenteil. Acht- undzwanzig Jahre nach Aufhebung der Leibeigenschaft, 1889, wurde zu- gunsten der „Anhänger der Leibeigenschaft'' das Amt des Landhaupt- manns ins Leben gerufen, dessen Herrschaft die Dörfer untergeordnet wurden. Dies war ein teilweises Wiederaufleben der Leibeigensdiaft, da dem Landhauptmann, der sich „die dem Volke nahestehende Macht'' nannte, unbegrenzte administrative und juristische Rechte den Bauern gegenüber eingeräumt wurden. Und ein Jahr später — 1890 — wurde durch neue Bestinmiungen die Zahl der Semstwo- Abgeordneten aus dem Bauernstande auf ein Minimum reduziert, und dieselben wurden dadurch in eine völlig untergeordnete Lage gebracht. Aber ungeachtet ihrer schweren Stellung, der Unterdrückungen in der Zeit nach der Leibeigenschaft, be- wahrten sich die Bauern das Verlangen nach Licht und Wissen, eine hart- näckige Lebensfähigkeit, — sozusagen die höhere geistige Spannkraft, was sich besonders in der grossen Freiheitsbewegung, die 1904 — 06 in Bussland einsetzte, und in der ersten und zweiten Staatsduma zeigte. Es ist inter- essant, zu bemerken, dass sowohl der Zar als auch die russische B^erung imd die herrschenden Klassen vollkommen überzeugt waren, dass die Bauernschaft eine Schutzmauer des Status quo, eine Basis des Absdu- tismus sei, wie sich noch Zar Nikolaus der Erste geäussert haben soll: „Bussland ist auf dem Absolutismus, der Orthodoxie und der Volkstüm- lichkeit gegründet". Und siehe, 1906 brach die erste russische Revolution aus, und es bildete sich sofort der „Allrussische Bauernbund". Sein Entstehen verdankt er dem Glauben der obengenannten Bureaukratie an die imerschütterliche Zarentreue des russischen Bauern. Zu Beginn des Jahres 1905 versuchte der Gouverneur von Moskau, die Bauern auf den Gedanken zu bringen, patriotische Adressen an den Zaren zu richten, in denen der Wunsch nach Fortsetzung des äusserst unpopulären japanischen Krieges ausgedrückt werden sollte und deren Text selbstverständlich von den Behörden redigiert war. Aber selbst die Bauern des Moskauer Gouver- nements, auf die man alle Hoffnungen gesetzt hatte, wagten es, Beschlüsse zu fassen, welche denen der Behörden entgegengesetzt waren. Mehr noch, sie beriefen einen Kongress nach Moskau und bildeten einen Bauembund. Dies gab das Signal zur Gründung weiterer Verbände in den anderen Gouvernements. Bereits Ende Juli kam in Moskau der zweite Kongress zustande, zu dem Vertreter aus 22 Gouvernements erschienen. Diese Ver- fiammlung nannte sich die Erste Konstituierende Versammlung des Allrussischen Bauernbundes, und fasste den Beschluss» dass eine Der nuaiMhe Bauer. 71 konstitxiierende Versammlung mit allgemeinem, direktem, geheimem Stimm- recht, zu dem auch die Frauen berechtigt wären, einzuberufen sei. In dieser ersten begründenden Versammlung wurden folgende Forderungen auf- gestellt: 1. Obligatorischer, imentgelthcher Anfangsunterricht des Volkes in weltlichen Schulen; 2. der Behgionsunterricht in der Muttersprache als Dicht obligatorisches Fach; 3. Erweiterung der lokalen Selbstverwaltung, begründet auf dem allgemeinen Stimmrecht; 4. Abschaffung des persön- lichen Grundbesitzes; 5. die entschädigungslose Enteignung des klöster- lichen, kirchlichen, staatlichen Grundbesitzes, der Apanagen und der Besitzungen der Ejrone. Natürlich wären die Bauern allein unfähig gewesen, all diese Forde- rungen, die sich völlig dem Programm der Sozialisten-Revolutionäre näherten, ordnungsgemäss aufzustellen, letztere hatten zweifellos, wie auch sonst die Intellektuellen, einen grossen Einfluss auf die Bauern und die Beschlüsse des Kongresses; immerhin ist es wichtig, zu bemerken, dass die Bauern, wie im allgemeinen die Intelligenz, diesen Ansichten zuneigten und zu jener Zeit den Wünschen der Regierung ablehnend gegenüberstanden. Bloss drei Monate nach diesem geheimen, illegalen Kongress wurde im Monat November in Moskau der Erste öffentliche Konstituierende Kongress des Allrussischen Bauernbundes abgehalten, zu dem sich bereits 160 Delegierte einfanden. Diese Versammlung stellte öffent- lich folgendes Programm auf: 1. Die Beschlüsse der Dorf- und Orts- gemeinden sind dem Landhauptmann zur Bestätigung lücht zu unter- breiten; 2. man soU sich in keinerlei Angelegenheiten an den Landhaupt- mann wenden; 3. den Beamten und der Polizei sind keine Fahrgelegen- heiten »Wohnungen noch Reisegelder zu geben, es sind keine Zehentmänner und Bauemamtmänner auf das Verlangen der Regierung hin zu entsenden; 4. alle lokalen bäuerlichen Autoritäten (Gremeinde Vorsteher, Dorfschulze, Schreiber) sind ihres Amtes zu entheben und durch Neugewählte zu er- setzen. Die Wahlen haben nach dem allgemeinen, direkten, gleichen und geheimen Stimmrecht aller Ortsbewohner ohne Unterschied des Geschlech- tes, der Nationalität, der Konfession und des Standes zu erfolgen; 5. Steuern und Abgaben sind keine zu entrichten; 6. man hat sich der Zeugenaus- sagen bei Verhören zu enthalten; 7. nachdem die Gewalt an das Volk über- gegangen sein wird, müssen die Zinsen für alle Staatsanleihen, die bis zum 10. November 1906 gemacht waren, bezahlt werden. Diejenigen Anleihen aber, welche durch die Regierung vom 10. November bis zum Tage der ^nberufung der Konstituierenden Versammlung gemacht werden, sind als gesetzwidrig zu betrachten; auf diese soll keine Rückzahlung erfolgen. Diese sowie die bereits früher erwähnten Forderungen wurden unter ^m starken Einfluss der revolutionären Intelligenz aufgestellt, die in einer bedeutenden Anzahl an der Versammlung teilnahm. 72 Bnidand. Schon die Tatflaohe, dass die Versammlung freudig all diese Forde- rungen unterschrieb, bcTi^ist die Sohdaritftt derselben mit den der Re- gierung feindlich gesinnten Elementen. Die Regierung liess sich allerdings auch durch diese Vorfälle nicht ait- täuschen, sie beharrte in ihrem Glauben» dass die Bauern, wenn^eich sie in Worten sich den BeToIul ionären anschlössen, doch im Grunde genommen äusserst konservativ seien und nicht nur nicht gegen die Autokratie auf- treten, sondern dieselbe auch aus allen Kräften beschützen würden. Zar und Regierung sahen voll Hoffnung auf das Parlament, wo die Bauern die Möglichkeit haben würden, ihre Ansichten frei auszusprechen, cdme von den revolutionären Elementen beeinflusst zu werden, welch letztere sich in den Augen der Regierung ohnehin nur unter der „jeder festen Basis ermangelnden städtischen Intelligenz"' finden liessen. Aber diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Im ersten russischen Parlament befanden sich unter den 499 Volks- vertretern ungefähr 192 Bauern, d.h. etwa 39% der Gesamtzahl der Parlamentsmitglieder. Sie zerfielen in folgende acht Gruppen: Trudowiki (ihrem Programm nach den Sozial-Revo- lutionären am nächsten) 67 Mann 34,9 % Parteilose 60 „ 26,0% Konstitutionelle Demokraten 24 „ 12,5% Wüde 16 „ 8,3 % Autonomisten (Polen und Letten) 11 „ 5,7 ^b „ Gemässigte^' (konstitutionelle Monarchisten und reine Monarchisten) 10 „ 5,2, Sozialdemokraten B „ 4,1^'^ Partei der demokratischen Reform 6 „ 3,2 ^o 192 Mann 100 % Man ersieht hieraus, dass aus der ganzen Zahl der bäuerlichen Ab- geordneten im ersten russischen Parlament nur 5,2% imter der Flagge der „Gemässigten" marschierten, und auch unter ihnen befanden sich solche, die das Manifest vom 17. Oktober 1905 anerkannten, also Kon- stitutionalisten waren. Die Mehrheit der Bauern war entweder oppositionell oder geradezu revolutionär gesinnt. Zählt man sie zusammen, so erhält man von den Trudoviki, Konstitutionellen Demokraten, Sozialdemokraten, Ptotei der demokratischen Reform 54,8%, mit anderen Worten, die Mehrheit der bäuerlichen Abgeordneten beugte sich keineswegs der Losung des Absolu- tismus: „Autokratie, Orthodoxie, VblkBtämlichkeit'\ Ausserdem ist zu bemerken, dass jene bäuerlichen Abgeordneten, die als „Parteilose" und „Wilde'^ in die Duma eingezogen waren, dort zusammen mit den oppo- \ Der TOMiaclie Bauer. 73 siiioiiellen und revolution&ren Parteien stimmten, und die Regierung mufiste einsehen, dass dem Monarchismus mitten in der Bevölkerung eine geffihrliche Bresche gesohlagen worden war. Empört und eingeschüchtert durch £e Stimmung in der ersten „Duma des Volkszomes'' sowie durch deren Beschlüsse, fasste sich die Regierung ein Herz, dieselbe nur zwei Monate und elf Tage arbeiten zu lassen, während welcher Zeit das Parla- ment neununddreissig Mal zusammentrat. Am 8. JuU 1906 wurde die erste Duma aufgelöst und die Einberufung der zweiten für den 20. Februar 1907 festgesetzt. Zweifellos hatte die Regierung damals schon beschlossen, das „xmerschütterliche"^ Gesetz abzuändern, aber noch hatte die Erregung der öffentlichen Bewegung nicht nachgelassen, und man beschloss daher, mit neuen „Auslegungen"' des Gresetzes noch hintanzuhalten. Der Senat beugte sich nicht nur dieser Gesetzesverletzung, sondern war mit lakaien- hafter Unterwürfigkeit zu jeder Entstellung der Gesetze bereit. So wurde mm zum Beispiel unter anderem das „Gresetz'" für die Bauern- schaft so „ausgelegt"', dass die Ortschaften als ihre Bevollmächtigten bloss Hausbesitzer, die im Besitze eines Hofes waren, wählen konnten. Das ^ursprüngliche Gesetz weiss nichts davon, und so kam es, dass durch diese „Auslegung"' eine grosse Anzahl Bauern ihrer W&hlerrechte beraubt wurden, die zur Zeit der Einberufung der ersten Duma ni'cht nur Bevollmächtigte, sondern sogar Mitglieder des Parlamentes gewesen waren. Weiterhin wurde „erklärt", dass jene Bauern, die sich vermittels Unterstützung der Bauer- Agrar-Bank Ländereien erworben hatten, nur als Mitglieder der „bäuer- lichen Partei" w&hlen durften und keinesfalls das Wahlrecht als Hofbesitzer hätten. Dessenungeachtet wurde in die zweite Duma eine absolut noch etwas grössere Anzahl Bauern gewählt, als in die erste, nämlich 194, was im Verhältnis zur Gesamtzahl der Volksvertreter (605) 38,4% ergab. Diese bäuerUchen Abgeordneten verteilten sich in folgende Gruppen: Trudoviki und Bauembund 81 Mann 41,7 % Sozialdemokraten 21 „ 10,8% Konstitutionelle Demokraten 20 „ 10,4% Rechte 18 „ 9,4% Gemässigte 17 „ 8,7% Sozialisten- Revolutionäre 9 „ 4,7% Fortschrittliche 9 „ 4,7% Volks-Demokraten (Polen) 7 „ 3,6 % Parteilose 6 „ 3,0% Volkssozialisten 3 „ 1,6 % Wüde 3 „ .1,5% 194 Mann 100 % Das einzige Resultat der Gesetzes-„Au8legung'' des Senates war vielleicht das öffentliche Auftreten einer Gruppe, welche in der ersten 74 RuBBland« — -■■■---- Duma gefehlt hatte, der Gruppe der „reohtBstehenden ''Bauern, die ans 18 Mann bestand, also 9,4% ausmachte. Dafür sehen wir aber in der zweiten Duma Äusserst wenig „Parteilose'' und „Wilde", die Mehrzahl der Bauern hat sich wiederum den bestehenden ausgesprochen oppositioDdlen oder revolutionären Parteien angegliedert. Zählt man auf diese Art die den genannten Parteien ange^ed»teii Bauern (Trudoviki, Bauembund, Sozialdemokraten, konstitutionelle Demo- kraten, Sozialisten-Bevolution&re, Fortschrittliche, Volkssozialisten), sc ergeben sich 63, 8 % der monarchistisch-absolutistischen Regierung feind- lich Gesinnten. Die Beurteilung der Agrarfrage durch 99 Dumamitglieder berubte die Regierung besonders peinlich. Die zweite Duma bestand bloss 103 Tage und wurde bereits am 3. Juni aufgelöst; am gleichen Tage wurde wider jedes Becht und Gesetz, ohne Zustimmung der gesetzgebenden Kammern das Gesetz vom 3. Juni 1907 erlassen. Durch dieses Gesetz er- hielten die P^rlamentswahlen einen völlig anderen Charakter. Ihm zufdge durfte der Bauer bloss eine Stimme und diese nur für die Bauemkorie haben. Eine umfassende Veränderung zugunsten der Grundbesitzer wurde in den Gouvernements- Wahlversammlungen bewerkstelligt. Das Besult&t dieses Gesetzes war, dass in den 60 Gouvernements des Europaischen Busslands von der Gesamtzahl der 5116 Wähler der Gouv^nements- Versammlungen 51% auf die Grundbesitzer, also meist die Gutsbesitzer, 22% auf die Bauern fielen. Schliesslich verloren die bäuerlichen WäUer auch noch das Recht, in jedem Gouvernement ihren eigenen Vertreter io das Parlament zu wählen, es wurde nämlich vorgeschrieben, dass ein Mit- glied aus der Zahl der bäuerlichen Wähler und eines aus der der Grund- besitzer gewählt werden müsse, wobei diese Vertreter aber nicht durch die Wähler ihrer Kategorie, sondern durch die gesamte Gouvernements- Wahl- versammlung zu wählen waren. In die dem Gresetz des 3. Juni 1907 gemäss einberufene dritte Duma wurden bereits bloss 80 Bauern, im Verhältnis zur Gesamtzahl der Ab- geordneten (442) 18% gewählt, während in der ersten das Verhältnis 39%. in der zweiten 38,4% betrug, also um die Hälfte weniger als in der erst^en und zweiten Duma. Auch die Gruppierung der Parteien in der dritten Duma hatte fast nichts mehr mit der der beiden ersten gemein. Das Gesetz vom 3. Juni, die lakaienhaften „Auslegungen'" des Senates, die „Energie" der Administration hatten einen ganz eigenartigen, im Bauernstände nur ausnahmsweise vorkommenden Bauerntypus, herauszufischen gewnsst. Hier die Gruppen, denen sich die Bauern der dritten Duma angliederten: Nationalisten 18 Mann 22,5 ^o Oktobristen 11 „ 13,7^ Zu übertragen 29 Mann 36,2 % Der rnsBische Baaer« 75 11 , 13.7 % 9 , 11,2 % 9 , 11,2 % 9 , 11,2 % 6 , 7.5% s , 6,2 % 1 , M% 1 , 1,4 % Übertrag 29 Mann 36,2 % Fortschrittliche und „Friedliche Erneuerer'' . . Bechte Parteilose Trudoviki, Bauembund 9 Sozialdemokraten Konstitutionelle Demokraten Polen, Letten, Weissrußsen 1 Yolksdemokraten (Polen) "80 Mann 100 % Wie wir schon gesehen haben, befanden sich weder in der ersten noch ler zweiten Duma unter den Bauern Nationalisten, Bechte, noch reine )ktobristen. Zur Zeit der ersten Duma betrugen andererseits die oppo- itionell-revolutionären Elemente in der Bauernschaft 54,8%, ziu* Zeit ler zweiten sog^r 63,8%, während in der dritten diese Gruppen (Fort- ^hrittliohe, Trudoviki, Sozialdemokraten und konstitutionelle Demokraten) aur 38,6% der ganzen unbedeutenden Zahl der bäueriichen Abgeordneten n sich vereinigten. Aber die Regierung gab sich mit diesem „glänzenden"' Ergebnis ihrer „Arbeit'' noch nicht zufrieden. Zu der Überzeugung gekommen, dass die revolutionär-sozialistische Strömung in der Bauernschaft eine Folge des Oemeindegrundbesitzes sei, beschloss sie in der Person des Minister- präsident^en Stolypin, Gutsbesitzer aus dem Bauernstände zu schaffen und diesen das individuelle Grundbesitzungsrecht zu geben. Zu diesem Zweck wurde am 9. Januar 1906 ein Erlass herausgegeben; die nachgiebige dritte Duma nahm dann im Herbst 1909 den Gesetzesentwurf der Begierung über die Agrarordnung an, durch den die Aussonderung einzelner Grund- stücke und die Verteilung des Gremeindebesitzes reguliert wurde. Seinen Traditionen entgegen, beeilte sich der Beichsrat, diesen Erlass zu be- stätigen, und schon am 14. Juni 1910 wurde ein Gesetz erlassen, durch welches die Grundidee des Gemeindebesitzes erschüttert wurde. Durch dieses Gesetz wurde jedem Bauern ermöglicht, sich einen besonderen Teil des Gemeindegutes als Privateigentum zur immerwährenden Nutzniessung anzueignen. Damit sich die Bevölkerung einer derartigen Auflösung der Gemeinde nicht widersetze, wurden den sich Aussondernden allerlei Ver- günstigungen gewährt, wurde auch jegliche Nachsicht gegen sie geübt, gegen die Bauerngemeinden aber, die sich den Aussonderungen widersetzten, Wurden strenge Bepressalien vorgenommen; es wurde sog^r mit Waffen- gewalt vorgegangen. Aber auch diese Mittel verfehlten ihren Zweck! Sieben Jahre später folgten die Bauern rasch und freudig dem Buf der grossen russischen Februarrevolution 1917, und der wiedererstandene ^uernbund veröffentlichte sofort folgenden Aufruf: 76 Boflaland. „An die gesamte Bauernschaft. Bauern, Mitbürger I Der allrussisohe Bauembund forderte vom Zaren 1905 eine ierende Versammlung, aber die monarcbistisohe Regierung beantwortete diese Forderung der aufgeklärten Bauernschaft mit Bepressiv-Masflnalimeii: die einen wurden ins Gefängnis geworfen, die anderen ins ferne Sibiii^ verschickt. Der blutige Krieg . . . öffnete dem ganzen Volke die Augea darüber, dass die zaristische Regierung das Land unvermeidlich an den Rand des Verderbens bringt. Die Staatsduma, die aufständische Armee und das Volk haben das alte Willküriegime gestürzt. Die Staataduma hat anstatt des gestürzten zaristischen Regimes eine provisorische revo- lutionäre Regierung geschaffen, um später die Macht dem ganzen Ydks zu übergeben, um eine konstituierende Versammlung einzuberufen, mit allgemeinem, direktem, gleichem und geheimem Stimmrecht. Das Haupt- komitee des allrussischen Bauernbundes erlässt einen Aufruf an die Bauern- schaft, sie möge die neue Regierung, deren Kommissäre, sowie alle gesell- schaftlichen Organisationen, welche die gegenwärtige Regierung als ge- setzlich anerkennt, unterstützen, ohne dabei Selbstgerichte und Entäusse rung fremden Eigentumes zuzulassen. . . . Bürger-Bauern, liefert alle ver- einigt das Brot für den von der Regierung festgesetzten Preis. Der Früh- ling kommt, lasst kein Fleckchen Eurer Felder und Gärten unbebaut; arbeitet als ganze Gremeinden, Männer und Frauen, in gemeinsamer Arbeit vereint. Der einen Familie fehlt jetzt ein Pferd, der anderen fehlen Arbeits- hände, sogar weibliche Arbeitshände, daher ist es jetzt imumgängiUch nötig die Felder gemeinsam zu bearbeiten, wie dies in der Vorzeit, in Jahren der Not geschah. In liebe sollt Ihr Euch zusammenfinden imd über alles im gemeinsamen Rate entscheiden. Es könnte sich ereignen, dass za wemg Vieh und Brot zur Ernährung der Armee und der Arbeiter da wären, daher dürfen die einzelnen Wirtschaften nicht unterdrückt, nicht in ihrer Arbeit gehindert werden. Auch die Gutsbesitzer mögen zum Nutzen des Ijandes ihre Felder bebauen; besonders da, wo Maschinen und Arbeitsgeräte vor- handen sind. Auch die Gutsbesitzer sind selbstverständlich verpflichtet: das Brot für die Armee zu den von der neuen Regierung f estgeset ^ten I^teisen und Bedingungen zu liefern. Das landwirtschaftliche Leben darf in dieser Übergangsperiode durch nichts beeinträchtigt werden, weder bei den ein- zelnen Gutsbesitzern, den Kleinbauern und Bauern mit einem Hofe, noch bei klösterlichen und kirchlichen Gutsbetrieben . . . Es ist nötig, so rasch als möglich den freien Austausch herzusteOen Die zaristische Regierung hat ihn vernichtet und dadurch zum Teil auch die wirtschaftliche Krisis und den schlechten Kurs unseres Geldes herbei- geführt. Der TUBsisohe Baaer. 77 Die Bürger des mssiBchen Staates müssen aus allen Kräften daran arl)eiten, unsere erzeugende und verarbeitende Industrie auf die gleiche Höhe mit der Industrie Westeuropas zu bringen, damit wir auf dem inter- nationalen Markte der Landwirtschaft, des Handels und der Industrie stark und unabhängig werden« Um dies zu erreichen, braucht man aber ungeheure Kapitalien, die bei uns nicht zu finden sind und daher aus anderen Ländern herangezogen werden müssen. In Frankreich, Amerika und anderen republikanischen Staaten sind die landwirtschaftliche und die Fabrikindustrie frei von jeg* lieber Einmischung des Staates und haben imgeheuere Dimensionen an- genommen, sie sind dort die wichtigsten Zahler der progressiven Ein- kommenssteuer . . . Wir erklären hiermit, dass unsere Brüder- Genossen in den Fabriken und Werkstätten stets die Unterstützung des aUrussischen Bauernbundes zur Erlangung ihrer proletarischen Forderungen haben werden. Nach der Absetzung der alten Regierung k&nn der neue freie Staat nur unter den Bedingungen völliger persönlicher Wort- und Glaubensfreiheit sowie der Immunität der Wohnungen bestehen. Die Stadtbewohner, Arbeiter und alle Stände verlieren schon jetzt keinen Augenblick, die Wahlen für die konstituierende Versammlung und den besseren Aufbau ihres Lebens vorzubereiten. Dafür organisieren sie Parteien und Verbände. Und auch die Bauern müssen sich unverzüglich organisieren. Bauern, gründet „Bezirks-Komitees'' des aUrussischen Bauembundes, wählt Mit- glieder aus jedem Dorfe, wählt in der Gesamtheit der Gemeinden solche, oie Land besitzen und solche, die keines besitzen, Männer und Frauen, wählt so viele, wie es den Sitten und Gebräuchen des Dorfes entspricht und wie es die Notwendigkeit verlangt. Wählt allerorten einen „Bezirks-Bat'', in den aus jedem Dorfe minde- Btens ein Mann gewählt werden muss, und dessen Aufgabe es sei, auf dem Lande das neue, auf Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit gegründete Leben aufzubauen. Bürger-Bauern, besprecht die Grundbedingungen des freien Lebens, welche dann von der zukünftigen konstituierenden Versammlung durch Gesetze festgestellt werden sollen. Bürger-Bauern , beeUt Euch, Euch in Bezirken zu Verbänden zu orga- nisieren, denn die Zeit ist nah, da das Hauptkomitee einen allrussischen Kongresa des Bauernbundes einberufen wird, um das Programm der bänerUchen Deputierten, mit dem Eure Kandidaten bei den Wahlen für die konstituierende Versammlung auftreten müssen, einer Prüfung zu unterziehen. Die Agrarfrage kann in ihrem ganzen Umfang nur durch die konstitu- 78 Rnssland* ' ierende Versammlung gelöst werden, d. h. durch das »ganze Volk der ras- sischen Erde'. Die arbeitende Bauernschaft wird ohne Zweifel so viel Xand erhalten. dass ihre Arbeit am Boden des Landes der Volkswirtschaft den grösst- möglichen Reichtum der Produkte des Ackerbaues liefen wird. Dort, in der konstituierenden Versammlung, wird die Bauernschaft die jahr- hundertealte Ungerechtigkeit in der Verteilung des Landes beseitigen ond Mittel finden, um einem jeden, der Land zu bebauen verlangt, sdidi^ zo geben/* Nach all dem hier Gresagten können wir zur Schlussf olgprung kommen. dass ein starker, geistiger Halt die Seele des russischen Bauern durch viele Jahrhunderte der Leibeigenschaft hindurch vor innerer Versklavimg be- wahrt hat. Seine natürliche Begabung lässt sich aus den Volksliedern, ^n Märchen, Sprichwörtern und Redensarten erkennen, die noch aus der Zeit der Leibeigenschaft stammen, einer Zeit, von der man annehmen könnte, sie hätte seiner schöpferischen Fähigkeit am wenigsten Entwicklungsmög- lichkeiten gegeben. Die Begabung des russischen Bauern geht audi noch aus dem grossen Prozentsatz der Autodidakten und Erfinder, sowie aus seiner raschen Auffassung und der Leichtigkeit, mit der er die höchsten Bildungsstufen erreicht, wird ihm nur einmal Gelegenheit hiezu gegeben, hervor. Bei dieser natürlichen Begabung des russischen Bauern steht ausser Zweifel, dass, wenn die zaristische Regierung und die Anhänger der Leib- eigenschaft der Bildung und Entwicklung des Volkes nicht bewusster- massen Hindernisse in den Weg gelegt hätten, die russische Landbevölkt' rung sich heutzutage aus einem überaus aufgeklärten Menschenmaterlal zusammensetzen würde. Diese Hindernisse aber haben bewirkt, dass unter der Landbevölkerung Busslands bis jetzt noch nur ein geringer Prozent- satz lesen imd schreiben kann, und dass die Anzahl der wirklich Gebildeten eine nur ganz geringe ist. Und gerade dieser Umstand ist es, der, falls es nicht geUngen sollte, die Bauernschaft nach dem Programm des „Bauern- bundes'' zu organisieren, leicht eine Periode schwerer revolutionärer Exzesse heraufbeschwören könnte. Doch wird es bei einem freien Begime keiner langen Zeit bedürfen, damit sich der russische Bauer su einem Bürger eines freien Staates entwickle. Schon heute gilt der Zari^ mus in den Augen der Bauernschaft als gestürzte Grösse, und eine ent- schiedene Neigung zur republikanischen Begierungsform scheint sich innerhalb der Bauernschaft bemerkbar zu machen.^) ^) Dieses Kapitel ist krm nach der ICfirsrevolution 1917 geBcfarieben worden. (Bed) Der nddach« Baner. n. Die soziale Lebensart des mssiscben Bauern. Die Melirzahl der TOBsischen Bauern stand von jeher, steht aach noch jetzt in nächster Beziehong zur Erde. Und diese Beziehung, diese Ab- hängigkeit hat der Lebensart der Dorfbevölkerung ein besonderes Gepräge verliehen. Wir sehen dies am deutlichsten am Institut der Gnmdboden- gemeinde. des „Mir". Es existiert in Bussland eine umfangreiche Literatur über die Dorfgemeinde; jedoch ist es bis jetzt nicht gelungen, die Frage EU lösen, wie die russische Dorfgemeinde entstanden ist. Ein' zum Beispiel Professor Kaweliu — vermuten, daes ihre Wur ein tiefes Altertum hinaufreichen. Andere, wie Professor Tschi nehmen an, daes die Gemeinde von der Regierung geschaffen ward lieh von Kaiserin Katharina ü. Endlich sucht die dritte Theorie läge der Gemeinde im „Geiste des russischen Volkes". So beha fessor Beljajew folgendes: „Die Bedeutung der Gemeinde niemals auf das Finanzielle und Wirtschaftliche beschränkt; ihr kreis beschränkte sich nie auf die Verteilung freier Bodenstüoki neu angekommenen Bauern oder auf die Biepartition von Steuern diensten. Die Glemeinde verteidigte ihren Boden gegen En diu-cfa Private oder durch Amtsstellen, sie reichte dem Gericht Herrscher Bitten ein. Sie war die richtige B^tzerin der ihr zuk Grundstücke, nur besass sie, wie es scheint, das Becht nicht, spezielle Bewilligung zu verkaufen. Übermässige Steuern und ] trieben die Bauern an, sich von der Erde loszulösen und die EU verlassen, die Gemeinde zerfiel trotzdem nicht endgültig Grundlagen ihrer Existenz liegen im Volksgeiste selbst, in der '. heit des russischen Geistes, der ein Leben ausserhalb der Gem< versteht und nicht liebt, der sogar im Kreise seiner eigenen F Gemeinde, eine Genossenschaft sehen will." Diese Ansicht ist sc in Bnsslaud, obwohl sie kaum den Tatsachen entspricht: die G] gemeinde erstreckt sich nicht auf das ganze Bauerntum, ausser sich auch imter den Gcmeiudemitgliedem zahlreiche Anhänge vidualen Besitzes. Der Gemeindebesitz ist eine Art SozialiE Bodens, die, wie wir glauben, weniger durch den „Volbsgeist' das Selbsterbaltungsgefühl der wenig Boden Besitzenden, d Beichen kein Verständnis ihrer Nöte fanden, geschaffen wur hier zb berücksichligen, dass die Bauern bei der Befreiung voi eigenschaftsabhängigkeit im Jahre 1861 den Boden in Uber^nsti der Zahl männlicher ,,Bevi8ionsBeelen" erhielten, wie diese bei Volkszählung') vor Beseitigung der Leibeigenschaft aufgezeicl '] DieMlbe wurde ■vca^eaanimea im J»hM 18S7. (B»d.) 80 Rmalandi Jeder Hof, jede Familie erhielt soviele bestimmte Bodeneinheiten ab sie „Bevisionsseelen", d.h. bei der Volkszählung mitgerechneten Personen männlichen Geschlechtes hatten. Und nun ergab sich folgendes : Während der Landbesitz inmier der gleiche blieb, wuchs die Bevölkerung und ver- änderte sich in einzelnen Höfen quantitativ ganz beträchtlich. Verschiedene Ursachen brachten mit sich eine grössere Sterblichkeit in bestimmten Familien, oder die Geburtenzahl der MMchen war grösser als die d^ Knaben; in anderen Familien war die Geburtenzahl grösser als die Sterb- lichkeit. Damit entwickelte sich auf natürlichem Wege die Erscheinimg. dass verschiedene Bauemfamilien mit der 2Seit landarm oder landieich wurden. Eine Familie hatte zum Beispiel bei der Volkszählung zehn Männer gehabt, nach 26 Jahren war nur noch einer da. Eine andere hatte bei der Zählung im Gegenteil nur einen Mann gehabt, nach einem Vierteljahr- hundert waren ihrer bereits zehn. Es konnte sich von ungefähr das folgende Bild ergeben: Höfe oder Familien hatten: 1861 1886 Pro Hof: A. Durch die Zählung registrierte Seelen männ- lichen Gfeschlechts 10 1 Dessjatinen Boden, je 3 pro Kopf gerechnet ... 30 30 B. Durch die Zählung registrierte Seelen männlichen Ge- schlechts 2 12 Dessjatinen Boden, je 3 pro Kopf gerechnet .... 6 6 C. Durch die Zählung registrierte Seelen männlichen Ge- schlechts 5 15 Dessjatinen Boden, je 3 pro Kopf gerechnet ... 15 15 D. Durch die Zählimg registrierte Seelen männlichen Ge- schlechts 1 11 Dessjatinen Boden, je 3 pro Kopf gerechnet ... 3 3 Zusammen: Höfe oder Familien 4 4 Männer 18 39 Dessjatinen Boden 54 54 Der Hof A ist folglich 25 Jahre nach der Bauernbefreiung landreich geworden: verschiedene Ursachen hatten zur Folge gehabt, dass in diesem Hofe an Stelle der früheren zehn bloss eine Seele blieb, die nun 30 Dess- jatinen besass«^) Der Hof D. musste im Gegenteil verarmen: statt einer Seele zählte er jetzt elf bei den gleichen 3 Dessjatinen; mit anderen Worten hatte hier nach 25 Jahren jede Seele bloss 0,3 Dessjatinen. Auch der Hof C wurde landarm, denn hier fiel jeder Seele bloss eine Dessjatine zu. Der Hof A allein hatte keine Sorgen, die anderen wünschten naturgemäss, ihr ^) Die Dessjatine ist ein Stfiok Boden von 2400 QuadratCaden äs 109,25 Aren« (Ked) Der roasiMlBe Baaer. 81 Schicksal zu verbeafiem. Und gerade hier trat eine Veränderung ein, für welche Westeuropa keine Analogien aufweisen konnte: die Gemtinden beschlossen mit unterdrückender Stimmenmehrheit, „auszugleichen", das Land in Übereinstimmung mit der vorhandenen Zahl lebendiger Seelen, statt der Fiktion der „Bevisionsseelen'' der Volkszählung zu verteilen. Wie merkwürdig diese Tatsache auch erscheinen mag, die absolutistische Regierung des russischen Staates setzte bis ins 20. Jahrhundert diesem Kommunismus keine Hindemisse in den Weg, ja sie begünstigte ihn sogar, und die Gesetze regelten die Neuverteilungen des Bodens. Selbst die extrem-reaktionären Regierungen sahen es aus irgendwelchen Gründen als sicherstehend an, dass die Gemeinden eine starke Stütze der unbe- schränkten Monarchie seien. Unaufhörlich fanden Neuverteilung' n statt, die zum Teil allgemein, zum Teil partiell waren, bald qualitativen, bald quantitativen Charakter hatten. Da diese charakteristische Erscheinung des russischen Lebens in Westeuropa absolut unbekannt ist, so woUen wir hier die Art der Landverteilungen noch durch eine schematische Zeichnung illustrieren. (Seite 82.) Wir sehen, dass der gegebene Grundbesitz qualitativ verschieden ist. Er besteht aus zwei grossen Landstrichen Lehmboden und sandiger Erde einem kleinen Landstrich Schwarzerde, einer sumpfigen Wiese und einem Gebüsch. Bei t^iner Neuverteilung zerlegen die Bauern alle Teile in gleiche Partikeln, und jedes männliche Mitglied der Gemeinde erhält ein bestimmtes, für alle gleiches Quantum Lehmboden,^) sandiger Erde und Schwarzerde; was die Wiese anbetrifft, so wird hier das gemähte Heu geteilt, ebenso wie beim Wald oder Gebüsch — gefällte Sträucher oder Bäume. Durch Neu- verteilungen gleicht das Dorf den Grundbodenbesitz aus und setzt eine Gleichheit ... in Armut durch. Im allgemeinen rettet die Gemeinde ihre Angehörigen vor einer vollständigen Verarmung, sie hat aber kaum jemand reich gemacht. Damit sie auch diesen Zweck erreichen könnte, müsste ihr mehr Boden zur Verfügung stehen; es fehlt ausserdem noch etwas Wich- tigeres : — eine höhere Kultur. Wir sehen jetzt in den Tagen der Revolution das Leben der russischen Bauern fast unverändert so weitergehen, wie es be- reits vor hundert Jahren war. Die erst vor kurzem aufgehobene Sklaverei, die herrschende Unbildung, die Finsternis, das Analphabetentum, endlich der erst jetzt beseitigte politische Druck — alles das hielt den russischen Bauern an eine Lebensart gefesselt, die im Europäer Entsetzen hervorrufen würde. Selbst das Äussere der meisten Dörfer und Ansiedelungen der Ackerbauer von Zentralrussland muss im Kulturmenschen Schauer er- Tvecken. Schiefe, elende, strohbedeckte Hütten mit winzig kleinen Fenst^- ^) Da die Nummern 1 — ff kleinere Stücke Lehmboden erhalten mussten, iverden aie, ^ne angedeutet, durch Zusatz von Abschnitten, die den anderen genommen werden» ent- schädigt. Iritmsnii, BiiMlsnd IL Q 82 Ruflflland* A^ ttm^immtmmmi^mt bhen; sohmutzige Höfe, wo das abgemagerte, schmutzige Vieh im Mist versinkt; zerrissene, ebenfalls schmutzige Gewänder, welche Bauern und Bäuerinnen tragen — alles das macht einen ganz traurigen Eindrucks Und das Innere des Bauernhauses! Ein schmutziger Erdboden, eine elende Der nuriache Bauer. Ausstattmig mit dem einzigen Tisch nnd mit Bänken a Lampen, anf denen die Bauern echlafen, and der grosse O den halben Baum der WcJinatube einnimmt. Dieser Ofen der Wohnung: darin wird nicht bloss das Eseen Eubra^itet; auch die Bolle einer Badevorrichtong : die Mitglieder de klettern nackt hinein, am sich im Dampf za waschen. Auf • altere Leute und Kranke. Ist das Bauernhaus im Son als Wohnong für einen einJgermaBsen kultivierten Mensel Existenz darin im Herbst und Winter völlig unaosstehlid in dieser Zeit auch das junge Vieh in der Stube dea Ba Kälber, Perkel, Lämmer liegen auf dem stinkenden, fei Boden neben den schlafenden Menschen. Eines der sohlimmaten Übel des rassischen DorflebenB i Russland unter der Dorfbevölkerung stark verbreiteten A Hungersnot. Andauernde Dürre oder Regenwetter genüg vorzubringen.*) Man kann sich kaum den Umfang und c Formen denken, die der Hunger in Rusaland annimmt. AU Hellen Übel, an denen das russische Dorf leidet, erschei Hunger verhältnismässig gering. Zu solchen gehören vor liehe, verwüstende Brände. Es kommt nicht selten vor, d( Opfer des Feuers werden. Eine Peuersbrunst bei windig deutet jedesmal die Zerstörung mehrerer Bauernhöfe, Ni losigkeit für mehrere Familien. Die Verheenmgen, die d sind so gross, weU bis heute noch in russischen Dörfern die ubhoh ist. Dabei stehen die Bauernhäuser gewöhnlich A gedrängt, in zwei Beihen der Hauptstrasse des Dorfes ent] Verbreitet sich infolgedessen mit ungeheurer Geschwindi zu Haus. Am zahlreichsten sind Brände im Hochsommi Bamte Dorfbevölkerung mit Ausnahme der Kranken, Gn oaunterbrochen mit Feldarbeiten beschäftigt ist. Es gi! dem Lande keine befriedigende Feuerwehr. Bei den durchaus anhygienischen Verhältnissen, di Dorfe herrschen, wird dasselbe oft von epidemischen Kn gesucht. Und doch sieht trotz diesen elenden I^ebensl rnssisohe Bauer bei weitem nicht kränklich aus. Das 1& erklären, dass er sich meistens draussen aufhält nnd im 1 nur übernachtet. Und in Dörfern, die von unermesshch umgeben sind, ist die Luft rein und beilbringend. ') Der Ackerbau wird von den russisoben Bauern auf die priroitiTt haben keine Ahnung von der zweokraäBsigeti DOngung dee Bodens; daba Qod dai ItukdwirtBohaftliahe System berubt auf tiiiet afatveohselnden Am holungabedOrftigen" Bodetutreifen, die gans unbebaut bleiben. (Bed, g4 BnsBlaad. Dieses düstere Bild des Bauernlebens stimmt jedoch nm* für Mittel- rusfdand : im Norden, im Süden, in Sibirien finden wir neben günstigeren materiellen Verhältnissen auch eine reichere Volkskultur. So hat sich in Nordrussland, das vom Tatarenjcch und von der Leibeigenschaft ver- schont blieb, gerade im Bauernstande eine reiche Volkspoesie erhalten. Zwar Hessen sich auch in diesen Gegenden der Druck und die Willkür des zaristischen Regimes schwer fühlen. Die materielle und geistige Not und Bückständigkeit des russisdien Bauern waren eine ständige Ursache des Schmerzes für die besten Ver- treter der russischen Intelligenz. Zeige mir eine glückliche Gegend. — Diesen glücklichen Ort sah ich nie, — Wo dein Säer und treuer Beschützer, Wo der russische Bauer nicht stöhnt. Geh zur Wolga, wes Stöhnen ertönet An dem grossen, am russischen Strom ? Dieses Stöhnen, wir nennen es Singen: Die Burlaki, ^) sie ziehen ihr Seil. Wolga, Wolgal im Frühjahr bei Hochflut Überschwemmst du die Felder nicht so. Wie des Volkes uns&gliches Leiden Überflutet das russische Lcuul. So drückte der berühmte russische Dichter Nekrassow die Gefühle aus, die allen russischen Intellektuellen gemeinsam waren. l)ie russische Gesellschaft hatte stets eine Besserung der materiellen und geistigen Lage des Bauern erstrebt. Das zaristische Regime fand jedoch seine beste Stütze in der Unbildung der Massen und widersetzte sich mit allen Mitteln der aufklärenden Tätigkeit der Intelligenz und der Semstwos. So gelang es diesen auch nicht, das russische Volk aufzuklären: die Revolution fand es noch auf einer niedrigen Entwicklungsstufe. I. P. BJelokonski. ^) Burlakisind H&oner, welche Barken stromauf wärts ziehen. (Bed.) Das Semstwo. Eine kurze Geschichte der Semstwo-Institutionen. Als Bufisland durch den Gang seiner historischen Entwicklung ge- zwungen wurde, an die Verwirklichung des langjährigen Gedankens der Bauernbefreiung zu gehen, erhob sich auch die IVage nach der Einrichtung einer lokalen Selbstverwaltung. Mit dem Sturz der Leibeigenschaft trat das alte, unbeschränkt« Haupt der Volkswirtschaft — der adelige Gutsherr — von der Bühne der Öffentlichkeit zurück. Wer konnte aber an seine Stelle treten? Der Beamte? Schon der „östliche Krieg'' hatte deutlich die Untauglichkeit der bureaukratischen Verwaltung gezeigt. Somit blieb nur ein Ausweg übrig : die Bevölkerung selbst musste die Arena der öffent- lichen Tätigkeit betreten und zum Lenker ihres eigenen Schicksals werden. Der Grundstein des künftigen Semstwo wurde durch den Erlass des Zaren vom 26. März 1859 gelegt. Li diesem wurden folgende Anweisungen gegeben: „Bei der Einrichtung der lokalen exekutiven Gewalt und der Untersuchungsorgane sind die wirtschaftlichen Verwaltungsstellen zu untersuchen, wobei auch die eventuelle Notwendigkeit einer grösseren Vereinheitlichung der wirtschaftlichen Verwaltung in Gouvemements- kreisen zu erwägen ist; ebenso muss die Notwendigkeit einer grösseren Selbständigkeit und eines grösseren Vertrauens erwogen und das Mass der Teilnahme einzelner Stände an der wirtschaftlichen Verwaltung be- stinmit werden/' „Eine grössere Selbständigkeit" imd „ein grösseres Vertrauen" unterstreichen wir besonders, weil diese Worte nur auf dem Papier stehen blieben; in Wirklichkeit erhielt das Semstwo weder eine „Selbständigkeit" noch das versprochene „Vertrauen". Davon wird noch weiter die Bede sein. Sieben Monate nach der Verlautbarung des genannten Erlasses kam der Befehl, auf Grundlage des Erlasses ein Projekt der Bic- Organisation der Gouvemementsverwaltung auszuarbeiten. Am 15. März 1862 wurden im Ministerrat die „Grundzüge der Verordnung für Semstwo- Institutionen" dem Gutachten des &ren unterbreitet. Ln selben Jahre wurden die Grundlagen der Selbstverwaltungsreform von der oberen Staats- gewalt sanktioniert und veröffentlicht. Nach einem Jahre wurde der Gesetzesentwurf über Semstwo-L^stitutionen im Beichsrate beraten — unter Teilnahme der Adelsmarschälle und der Stadthäupter — imd am 1. Januar 1864 ward er Gesetz und wurde in 34 Grouvemements des euro- päischen Busslands eingeführt. In der Motivierung dieser Beform wird 86 Boesland gesagt, dass die Aufgabe des Semstwo in „der möglichst vollen und konse- quenten Entwicklung der Grundlagen der lokalen Selbstverwaltung' bestehe. Wie wir aus der folgenden Darstellung sehen werden, kam aucli diese Aufgabe nicht zur Ausführung, wie sich das früher zitierte „Vertrauen" zu der lokalen Selbstverwaltung und deren „Selbständigkeit'' nicht Ter- wirklicht hatten. Die Scmstwo-Beform des Jahres 1864 wurde unter An- wendung eines hohen Zensus durchgeführt. Der Landbesitzer musste je Bach dem Gouvernement 200 bis 800 Dessjatinen^) besitzen, die Vertreter der Handels- und Industrieklassen ein Vermögen im Werte von nicht weniger als 16,000 Bubel oder ein Vermögen, dessen Bruttoertrag nicht weniger als 600 Bubel ausmachte; auch die Städter mussten ein bestimmtes Vermögen aufweisen: in Ortschaften mit weniger als 2000 Einwohnern im Werte von 600 Bubel, und in Städten mit mehr als 10,000 Einwohnern 3000 Bubel. Die Dorfgemeinden, die den Boden als gemeinsames Eigentum oder in Einzelhöfen verteilt besassen, mussten ihre W&hler in Gemeinde- versammlungen wählen. Diese wählten dann aus ihrer Mitte (gemeinsam für den ganzen Kreis) in Kreiswahlversammlungen ihre Semstwoabge- ordneten. Die Abgeordnetenzahl variierte je nach dem Gouv^nements- kreis, deswegen war auch selbstverständlich die Gesamtzahl der Abge- ordneten in den verschiedenen Kreisversammlungen nicht gleich. Es gab Kreise, wo die Abgeordnetenzahl der Gutsbesitzer, der Bauern und der Städter 10 nicht überstieg; es gab aber auch andere, wo ihre Zaibl 96 er- reichte. Trotz dem hohen Zensus eröffnete das Semstwo unter den damals herrschenden Umständen der Bevölkerung ein weites Tätigkeitsfeld auf dem Gebiete der lokalen Selbstverwaltung, indem es die Ständeordnung durch die Einteilung der Wähler nach Art ihres Besitzes lahmlegte. Es bestanden keine Ständekurien, sondern Wahlversammlungen, und zwar: der einzelnen Landeigentümer, der städtischen Wähler und der von Ge- meindeversammlungen gewählten Vertreter. Die statistischen Daten geben uns folgendes Bild von der Zusammensetzung der Kreisabgeordneten in allen Gouvernements, wo das Semstwo laut dem zitierten Gesetz eingefübrt war: Adel und Beamte 42,4% Bauern 38,4% Übrige Stände ^ 16,9% GeistKchkeit / 2,3% Somit lag die Mehrheit in den Händen des Adels und der Bauern, niit einem Vorsprung zugunsten des ersteren. Man muss dabei aber auch den Umstand berücksichtigen, dass damals die junge Generation des Adels die ^) Die Deosjatine ist «n Stück Boden von 2400 Quadratfaden •■ 109,2ff Aren. (Bei) Enraa Oeediidite dar Saoutwo-IiutttatlonaL 87 russische IntelligenK bildete, die den fMtBohrittlicben Ideen der seohtäger Jahre g&nslicli sieben war, welche mit der grössten Beform — mit der Bauembefreinng begannen. Eben diese Kreise dee „büssenden Adels" wirkten bauptsächlich in den Semstwos. Biesen wichtigen Umstand wollen wir uns merken. Er wird onB behilflich sein bei der Erklärung vieler Er- scheinungen ans der Entwicklung der Semntwos im XIX. nrul m Anfunv des XX. Jahrhunderts. Wenn wir den DemokratiBmns der jungen Generatioi sechziger Jahre und sein „büssendeB" Verhalten dem VoU Betracht ziehen, so wird es uns nicht wundem, dasa das Bauerntum bestehende Semstwo vom ersten Schritt an ei liehen Weg einschlug und energisch an die Arbeit ging, a des Systems der Leibeigensohaft die neue Kultur aufzubao Der breit angdegte Anfang rief aber bei den Anh&n eigenschaft, die noch an eine Bückkehr ihrer Herrschaft | bei der Bnreaukratie, der es hauptsächlich um ihre selbstl Vorrechte bange war, Furcht hervOT. Und sofort fing at der lokalen Selbstverwaltung mit den Vertretern der alte Dieser Kampf entspann sidi zunächst wegen der Semst selbst, der ein äusserst störendes Prinzip zugrunde gelegt y Um den zu dieser Zeit verbreiteten ,, unerfüllbaren E freiheitlichen Bestrebungen verschiedener Stände" ein En wurden dem Semstwo vor allem nur wirtschaftliche Ange gewiesen; es wurde ihm ferner strengstens verboten, „sich in heiten einzumischen, die der Kompetenz der Begierungsgewi sehen und der öffentUchen Behörden und Institutionen ui drittens — was das Wichtigsie war — wurde die Tätigkeit de streng in die Grenzen des betreffenden Kreises und die Gouvemementssemstwo in die Grenzen des betreffenden ' gebaimt. Es ist überflüssig, darauf hinzuweisen, dass diese Ve Beschränkungen ganz abnorm waren. Angesichts der vieler wirtschaftlicher Interessen der Semstwos einerseits u: schiede und der Unmöglichkeit einer genauen Abgrenzung „ der BegierungB-, Stände- und Öffentlichen" Interessen i Semstwos andererseits, ergab sich eine undenkbare Verwir war die Administration aus I^iroht vor einer allgemeinen ^ ^mstwos eifrig bemüht, die Grenzen der Semstwokompe tiberwaohen. Sie legte beim kleinsten Überschreiten diese verziigliob ihr Veto ein. Bas Semstwo konnte jedoch unmög echreitung dies^ Grenzen vermeiden, es musste bei jeden Tätigkeit auf Bindemisse stossen, und emp&nd die co^nis ^t, den Bahmen der Selbstverwaltung zu erweitem. Ee 88 BosdancL ausserordentliche Reibung, die nichts Gutes für die Zukunft versprach. Eins von beiden musste weichen: entweder das Semstwo, dann wurde es sich KU einer kläglichen Existenz verurteilen, oder die Bureaukratie, die dann auf ihre Vorrechte verzichten müsste. Ehe wir nun zur Schilderung dieses Kampfes übergehen, wollen wir der Bedeutung des Semstwo im kulturellen Leben Busslands ein paar Worte widmen. Die Rolle des Semstwo im kulturellen Lieben Russlands. Die BoUe des Semstwo im kulturellen Leben Busslands wird nur demjenigen klar, der sich vorzusteUen vermag, was das Bussland der Leib- eigenschaft war und welches Erbe die Sklaverei dem Semstwo hinterliees. SteUen wir uns ein russisches Dorf vor, wie es vor einem halben Jahrhundert aussah. Damals waren die von der Sklaverei geschlagenen Wunden noch frisch. Das eingeschüchterte, unterdrückte Bauerntum lebte im tiefsten Dunkel. Es existierten auf dem Lande weder Schulen noch Krankenhäuser; es gab auch keine Landstrassen. Die Aufklärer des Dorfes waren Gaukler, seine Ärzte — Kurpfuscher und Zauberer. Dies war das Erbe, welches das Semstwo übemonmien hatte. Dies waren die Umstände, unter welchen es seine Tätigkeit beginnen musst«. „Womit anfangen?" — das war die Frage, die die ersten Funktionäre des Semstwo sich stellen mussten. Wo man hinblickte, nirgends war etwas Brauchbares zu sehen. Auf den Buinen der Leibeigenschaft wuchs nur Unkraut. Viel Standhaftigkeit, Vaterlandsliebe und besonders viel Glauben an die Lebensfähigkeit des Landes brauchte man, um angesichts dieser Widerlichkeiten und der Öde, die auf den weiten Flächen unseres Vater- landes herrschte, die Hände nicht sinken zu lassen. „Womit anfangen?"' Das Semstwo traf von Anfang an den richtigen Weg: es beschloss. die Aufklärung der Volksmassen seiner Tätigkeit zugrunde zu legen. Vor Einführung der Semstwos gab es in Bussland keine Volksschulen. Wie die vorhandenen Herde der Aufklärung in Bussland vor der Bauern* befreiung aussahen, darüber gibt die Charakteristik, die von einer offiziellen Persönlichkeit gegeben worden ist, einen Begriff: „Für Schulen — heisst es da unter anderem — haben augenscheinlich fast alle Verwaltungsstellen gesorgt, doch profitierten die Schulen gar nichts davon ., ." Als Inspektoren amteten Leute, die vom Unterrichtsweeen nichts verstanden und auch kein Interesse dafür hatten. Die „Kreisbeamten'* und verschiedene andere Beamten, in der Mehrzahl in den Buhestand ver- setzte Militfirpersonen sorgten vorzugsweise dafür, dass in den Schufen der Bolle dee 8«nutwo im knltnnlleu Leboi Rnadandi. g9 Geist der tTutertänigkeit ond Sabordlnation herrsche, daas das Schild der Schule, der Staats-Adler, die bestimmt vorgeschriebene Form beaitse und Frisch gestrichen aossehe. Die Schule wurde im Fall eines Besuches höherer Behörden weiss getüncht, die Bücher waren alle neu und nicht zerrissen, wenn anch die Blätter dabei unaufgeschnitten blieben usw. Nachdem der zufriedene Besncber ein paar Fragen an die Schüler gestellt tmd seine Be- friedigung über den „Wohlstand der Schule" ausgesi^-ochen hatte — endigte alles mit einem „standesgemSssen Emp&ng" der revidieieaden Person von selten der lokalen Behörden oder der """^"' '' " "' erklärt sich auch die Tatsache, dass, obwt^ viele Schulen verzeichnet, und als ,,gut eingei in Wirklichkeit nur „sehr wenige Schalen voi diese leer standen; viele waren nur auf dem I^pi rieht wurde in den Schulen in einer Weise er keinen Nutzen erblickte". Und nur das Semstwo, wir wiederholen es, hs geschaffen und die 34 Goavemements mit solo denen zuerst die Semstwo-Institutionen eingef Der beste Beweis der Bedeutung des Semst' Volkes sind seine Ausgaben für den Unterrii Semstwos waren: im Jahre 1869 haben die i 738,000 Bnbel oder 6,1% ihres Budgets für V 1871: 1,694,000 Rubel oder 7,7% ihres Budget: oder 14,3% ihres Buc^jets; 1890: 7,226,000 I 16,970,000 Bubel resp. 17,9%; endUch haben 1 66,473,000 Rubel oder 30% ihres Budgets für 1 Es w&re überflüssig, diese Zahlen zu konm der Ausgaben für den tJnterriobt fällt in die A War die Volksschule des unreformierten Ri bedeutend, so stand die Volksmedizin auf eine: Einführung der Semstwo-Organe waren auf de bäuser, noch Ärzte zu finden. „In der Mitte < eine mehr oder minder regelmässige medizinisc nur in Stfidten" — schreibt ein Arzt. „Die ü Dorfbevölkerung war dem Kurpf uschertum ansg« menschenfreundUcher Gutsbesitzerinnen, Geis eJnwohner, die sich ihre Kenntnisse aus versct ^üdiem oder aus zufällig von Ärzten gehörte) lo den meisten Kreisstädten war nur ein einzig neben seiner Tätigkeit als Arzt noch mit vieler bürdet war. Die Bauern sahen den Arzt nur bei bei Leichecsektionen, d. h. imter Umständen, 90 RoBsland. paniBche Furcht einflössten . . /\ ,,Unter solchen Umständen ward die Tätigkeit der Semstwos eröffnet. Weder in Bnssland noch in Westeuropa waren Beispiele der Organisation einer Dorfmedizin zu finden/' „Man musste etwas Eigenes schaffen/' Und das Semstwo hat „seine'' Medinin geschaffen, ebenso wie seine Volksschule. Es brachte das Krankenhans und den Arzt dem Volke näher. Schon 1883, d. h. nach 20 Jahren ihres Beetehem haben die Semstwos in 34 Gouvernements für die Medizin 8,000,00) Rubel verausgabt; 1890: 13,035,500 Rubel. Noch anschaulicher stellen sich vielleicht die Ausgaben für die Medizin dar, wenn wir sie pro Kopf berechnen. 1870 kamen auf den Kopf der Bevölkerung in den 34 Semstwo- Gouvernements 4 Kopeken; 1880: 12 Kopeken; 1890: 20 Kopeken: 1900: 38 Kopeken; 1904: 56 Kopeken. War vor der Einführung des Semstwo auf dem Lande kein Arzt zu finden, so zählte man schon nach sechsjähriger Tätigkeit der Semstwos im Jahre 1870 in den Semstwo- Gouvernements 598 Arzte, 1890: 1621, 1904: 2637. Die kulturelle Be- deutung des Semstwo umfasste nicht nur Schulen und Krankenhäuser. Es ist beispielsweise unmöglich, die vom Semstwo organisierte Statistik unbeachtet zu lassen. Das Semstwo veranlasste zwecks einer allseitigen Untersuchung der Lebensbedingungen des Volkes statistische Arbeiten, die in anderen Ländern ihresgleichen nicht kennen. Es wurden vom Semstwo aus Vertreter der russischen Litelligenz nach den Dörfern entsandt, diese sollten die Bevölkerung an Ort und Stelle massenweise ausfragen, um von ihr über die Lebensbedingungen des Bauerntums aus erster QueUe unmittel- bar unterrichtet zu werden. Wie intensiv diese Arbeit gefördert wurde und welch grosses Gebiet sie umfasste, erhellt aus der Tatsache, dass bis zum Jahre 1890 bereits 148 Kreise, 50,429 Dörfer, 3,309,020 Bauernhöfe, 19,693,191 Seelen beiderlei Geschlechts und 37,886,597 Dessjatinen des zugeteilten Bauernlandes statistisch untersucht waren. Das Ergebnis waren grosse statistische Werke und eine ganze Beihe vortrefflicher Ab- handlungen, die das Leben des Volkes allseitig beleuchteten und seine Bedürfnisse ermittelten. Man kann mit Sicherheit behaupten, dass nur das Semstwo die Möglichkeit geschaffen hatte, jenes ;,Volk'' kennen zu lernen, das man früher eine „Sphinx" nannte, und welches die einen vergötterten und die anderen verachteten. Das Semstwo hat durch die Statistik das Volk entdeckt. Der Baunmiangel erlaubt uns nicht, die anderen Gebiete der Semstwo- tätigkeit zu berühren. Es schuf die praktische Agronomie des Dorfes, die Veterinärmedizin, die vielen Arten der Versicherung, die eigentümliche Organisation zur Lebensmittelbeschaffung für das Volk usw. Man könnte die Frage auf werfen: waren es nicht äussere Umstände, die die Tätigkeit der Semstwos förderten? Vielleicht genossen diese eine Unterstützung von selten der Regierung? Ab&ndenmg der Yerordnimg und deir Beginn der Semstwo-Bewegnng. 91 Wie aus der vorausgegangenen Darstellung zu ersehen ist, können urir diese Fragen nur mit Nein beantworten. Hätten günstigere Umstände geherrscht, hätte das Semstwo seitens 1er Regierung Entgegenkommen gefunden, so hätte es auch viel mehr eisten können, als es in Wirklichkeit geleistet hat. Gerade das war ja das ÜT>el, dass die Bureaukratie während der ganzen Zeit nur damit beschäftigt n^ar, dem Semstwo Hindemisse in den Weg zu legen. Schon bei den ersten Schritten der Semstwos fingen die Bureaukratie [ind die Anhänger des Leibeigenschaftssystems die neue Institution zu (Terf olgen an, indem sie sich bestrebten, die Ausbreitung der lokalen Selbst- verwaltung einzuschränken: man könnte ganze Bände mit verschieden- 3krtigen geheimen und offenen Bundschreiben, Anfragen, Interpretationen (üllen, welche die Tätigkeit der Semstwos hemmten. Kehren wir nun zu den neunziger Jahren des XIX. Jahrhunderts zurück, zu jener Zeit, als die Verordnung für Semstwos im reaktionären Sinne abgeändert wurde und das Semstwo einen offenen Kampf mit der Regierung begann, um für Russland eine Verfassung zu erobern. Die Abänderung der Verordnung und der Beginn der Semstwo-Bewegung. 25 Jahre nach der Einführung der Semstwo-Institutionen beschloss die Regierung unter dem Einfluss der Partei der Anhänger des Leibeigen- schaftssystems, der lokalen Selbstverwaltung einen bureaukratisch-ständi- sehen Charakter zu verleihen. Zu diesem Zwecke wurde am 12. Juni 1890 die Semstwo- Verordnung erlassen; dadurch wurden die Semstwo-Insti- tutionen zu staatlichen Verwaltungsorganen gemacht, und das Semstwo wurde auf gerichtlichem Gebiete den gleichen Statuten unterworfen, die für bureaukratische Verwaltungsorgane galten; daneben verstärkte diese Verordnung die Kontrolle und erweiterte das Aufsichtsrecht des Gouver- neurs : dieser durfte von nun an nicht nifr die Gesetzmässigkeit, sondern auch die Zweckmässigkeit der Arbeit der Semstwo-Qrgane kontrollieren. Die Verordnung gab dem Gouverneur auch das Recht, die Tätigkeit des Verwaltungsausschusses und anderer exekutiven Organe des Semstwo, wie auch aller ihm unterstehenden Institutionen zu revidieren. Ausserdem schaffte die neue Semstwo- Verordnung sog. Gouvernements- Amtsstellen für Semstwo-Angelegenheiten, diese hatten die Gesetzmässigkeit und Zweckmässigkeit der Beschlüsse und der Erlasse der Semstwo-Institutionen KU kontrollieren. Der Semstwo-Bienst wurde als Staatsdienst anerkannt, und in Übereinstimmung damit eine Disziplinarverantwortlichkeit der 92 RoMlaad. Vorsitzenden und der Räte des Verwaltungaaiifischnases gegenüber der Administration eingeführt. Nicht nur der Minister des Innern, auch der Gouverneur bekam weite Vollmachten geg^iüber dem Semstwo; er konnte die Bestätigung der von der Semstwo-Versammlung gewählten Vorsiteeoden und Verwaltungsräte verweigern. Der Minister erhielt ausserdem das Becht. in gewissen Fällen diese Ämter mit nichtgewählten Personen zu besetzen Für den Adel wurden besondere Wahlversammlungen geschaffen. Da» adelige Element wurde in den Semstwo- Versammlimgen derart v^stärkt. dass die Zahl der Semstwo- Abgeordneten, die von den Wahlversammlung^t des Adels gewählt wurden, die Hälfte der Gesamtzahl der Semstwo-Abge ordneten des betreffenden Ej*eises übersteigen sollte. Dabei wurde die Gesamtzahl der Semstwo- Abgeordneten vermindert. Es ist aus dem Gesagten ersichtlich, dass die Veränderungen, welche durch die Verordnung vom 12. Juni 1890 geschaffen wurden, das Semstwo aus einem Organ aller Stände in eine bureaukratisch-adelige Ihstitiitioii verwandelten. Die nachfolgenden Angaben mögen zeigen, wie diese Befonn den Bestand der Abgeordneten veränderte: Von der ersten Wahlversammlung, d. h. vom erblichen Adel und dem Dienstadel wurden 67,1% aller Abgeordneten gewählt. Von der zweiten Wahlversammlung, d. h. aus den übrigen Ständen. ausser dem Bauerntum, kamen 13,3%. Und endlich, aus den Dorfversammlungen 29,6% der Abgeordneten. Wenn wir diesen Bestand der Semstwos mit derjenigen der Verordnung des Jahres 1864 vergleichen, so sehen wir, dass der Adel einen Zuwachs von 15% erhalten hatte, die Bauern dagegen eine Herabsetzung von 9% er- litten. In absoluten Zahlen ausgedrückt, haben die Bauern nach der Ver- ordnung des Jahres 1890 2190 Sitze verloren, oder 40% der ihnen zu- kommenden Zahl der Vertreter. Hier ereignete sich jedoch ein Wunder. Das „ Vertrauen'*, von dem der erste Befehl vom 26. März 1869 sprach, wie auch die „Selbständigkeit'' des Semstwo waren tatsächlich schon Ende der sechziger Jahre, als die Semstwo-Ihstitutiönen als politisch unzuver- lässig verdächtigt wurden, verlören gegangen. Die Verordnung des Jahres 1890 beseitigte dazu noch die Grundlagen der Verordnimg vom Jahre 1S64. Und trotzdem beobachten wir nicht nur kein Sinken der Semstwo-Tätig- keit, sondern sogar noch ein Steigen derselben. Der Adel, dem die Verordnung vom Jahre 1890 die Selbstverwaltang im Semstwo übergab, wollte nicht seine EJassenprivilegien ausnützen and betrat in Gegenteil den breiten Weg der kulturellen Arbeit zum Wohle der gesamten Bevölkerung. Wie ist das zu erklären? Unzweifelhaft durch die Tatsache, die wir schon oben angeführt hatten, und die wir nicht vergessen dürfen: die alten Arbeiter des Semstwo, die Hänner der sechziger Jahre^ Die im Dienste des Semsiwo stehende Intelligenz. 93 • erfüllten weiter ihre Mission „der Sühne'' dem Volke gegenüber und erzogen auch das heranwachsende Geschlecht in den gleichen Traditionen. Ausser- dem war im Laufe der verflossenen 25 Jahre ein neues Element, „das dritte Element'' aufgetaucht, die sog. Intelligenz, die teils aus dem Adel, teils aus Vertretern anderer Stände zusammengesetzt war. Diese war den Ideen des Fortschrittes ergeben, sie vertrat in den Semstwo- Angelegen- heiten die Forderung der Erweiterung der lokalen Selbstverwaltung bis zur Teilnahme der Bevölkerung an der Verwaltung des Staates. IKese Ansicht teilten auch viele Beamten des Semstwo und auf diesem Boden kam es zur Einigung zwischen den gewählten Elementen des Semstwo und dessen Beamtentum. Nun begann das Semstwo seine Arbeit auf zwei Fronten : es erweiterte seine kulturelle Arbeit und betrat zugleich den Weg der Politik. Ende des XIX. und Anfang des XX. Jahrhunderts entspann sich ein Kampf der lokalen Selbstverwaltung mit der Bureaukratie, der viel zäher war, als der frühere, wobei das Semstwo das Übergewicht gewann; die konstitutionellen Ideen hatten bereits in weiten Kreisen der Gesell- schaft Boden gewonnen, und die Gesellschaft trat jetzt auf der Seite des Semstwo auf. Eine grosse Bolle spielte — wie wir schon andeuteten — in der Semstwo- Bewegung die im Dienste des Semstwo stehende Intelligenz, die wir hier nicht unerwähnt lassen dürfen. im Dienste des Semstwo stehende Intelligenz oder das ,,dritte Element". Um die Bedeutung dieser im Dienste des Semstwo stehenden Intelligenz zu verstehen, muss man die Organisationen der Verwaltungsstellen des Semstwo kennen. Diese bestehen aus Versammlungen der Abgeordneten und den von ihnen gewählten Semstwo- Ausschüssen, die als Exekutivorgane der Versammlungen tätig sind. Es gibt ordentliche Semstwo- Versammlun- gen, die einmal jährlich einberufen werden, und ausserordentliche, die nach Massgabe ausserordentlicher Zustände tagen. Die Abgeordneten, die, nebenbei bemerkt, ihre Tätigkeit unentgeltlich ausüben, werden nach jeder Tagung entlassen. Die Ausführung der vom Semstwo gefassten Beschlüsse liegt dem Ausschuss ob. Der Vorsitzende und die 4 bis 6 Bäte des Aus- schusses sind jedoch nicht in der Lage, alle Verwaltungsangelegenheiten zu erledigen. Die Semstwo-Funktionäre haben nicht nur Staats- und Gouvernements- Steuern und Frondienste zu verteilen, sie besorgen auch alle wirtschaftlichen Angelegenheiten der Kreise und des Gouvernements: den Bau und die Unterhaltung von Schulen und Krankenhäusern, den Strassenbau, die Errichtung von Brücken und Dämmen, die Eröffnung 94 Biunlfliid. von regnläien Märkten und Jahrmärkten, die Verbessenmg der Landwirt- Bobaft, die Aufsicht über die Kommagazine, die Vertilgung schädlieber Tiere, die Feuer- und die Vieh-Versicherung. Dabei sind selbstverständlich Fachmänner nötig: Arzte, Veterinär- äraste, Ingenieure, Agronome, Statistiker, Lehrer usw. Diese Elemfiite bilden die Intelligenz der Semstwos. Sie erledigen denn auch die grosse Arbeit des Semstwo, vielfoch unter den schwierigsten Verhältnissen, wie m besonders am Anfang der Semstwo-Tätigkeit geherrscht hatten. Mac muss das dunkle, unaufgeklärte und arme Dorf dieser Zeit gesehen haben um die Selbstlosigkeit der Semstwo-Arzte, Lehrer und Lehrerinnen wür- digen zu können. Die Bedeutung der Semstwo-Intelligenz, die immer einen hohen Pro- zentsatz von Personen mit Hochschulbildung aufwies, wuchs je länger je mehr. Gegen Ende des XIX. Jahrhunderts wurde diese Intelligens zn einer solchen Macht, dass die Regierung sich über das weitere Schicksal der Semstwo-Ihstitutionen ernstlich beunruhigt fühlte. Diese Beunruhigung spricht dcnitlich aus den Worten eines Administrators, der bei d^ Eröff- nung einer Semst wo-Tagung im Jahre 1 899 u. a. sagte : „Schon von alters her nehmen an der lokalen wirtschaftlichen Ver- waltung sowohl die staatlichen Beamten als auch die Vertreter der Land- einwohner Anteil. Die höhere Aufsicht, die Beschlüsse und die Verantwort- lichkeit für den Erfolg sind der Administration auferlegt. In der Mehrzahl der Fälle liegt die Initiative und die Ausführung der Massnahmen in den Händen der Vertreter der lokalen Stände. Es scheint, als sollte diese zwiefache Zusammensetzung das notwendige Kontingent der Funktionäre der lokalen wirtschaftlichen Verwaltung auch erschöpfen. Und trotzdem — ich erlaube mir die Aufmerksamkeit der Semstwo- Versammlung daraTzf zu lenken — bemerkt man in der letzten Zeit im Semstwo die BeteiliguDg eines neuen, des dritten Elements. Ich will offen gestehen, ich muss darauf verachten, dieses Element zu nennen oder es nach den ihm zukom- menden Merkmalen genauer zu beschreiben; doch bin ich überzeugt, dass die Mehrzahl der Anwesenden die Richtigkeit meiner Worte bestätigen wird: die einen werden sie begrüssen, die anderen bedauern. Aber alle werden mit mir einverstanden sein, wenn ich sage, dass sich im Semstwo die Beteiligung eines neuen Faktors bemerkbar macht, der weder zur Administration, noch zu den Vertretern der lokalen Stände gehört. Man muss zugeben, dass dieser neue Faktor aus Personen besteht, die über grosse theoretische Kenntnisse verfügen, die ihnen Autorit&t verschaffen und sie in den Augen der lokalen Bevölkerung hoch stellen, was öfters zum Siege der abstrakten IVinzipien über Tatsachen des praktischen Lebens führt. Es kommt auch vor, dass die Vertreter der Stände ohne genügende kritieche Prüfung auf das Wort der Vertreter der Intelligenz horohen, Die Semstwo-Bewegimg Tom Jüafang des XX. JahrhunderiB. 95 wenn sie sieb auf die Wissenschaft und die Belehrung der Journalisten und der Publizisten berufen, seien sie selber auch bloss Angestellte des Semstwo- AusschuBses. Das Äussere dieses dritten Elements ist öfters anziehend, das Innere jedoch gefahrvoll . • « Nehmen wir an, dass eine Person, die den Unterricht des Volkes zu leiten hat, im Interesse ihrer Arbeit von der Er- richtung von Hochschulen träumt, dabei aber nicht erkennen will, dass die Erhaltung dieser Hochschulen eine Quelle stark in Anspruch nimmt, die schon ohnehin genügend erschöpft ist. Die Träume derjenigen Personen, die weder der Administration noch den Vertretern der Stände im Semstwo angehören, tragen zwar einen ganz phantastischen Charakter, jedoch ver- mögen diese Träume auch schädlich zu werden, wenn sie auf die Grund-* läge iK)litischer Tendenzen aufgebaut sind/' Von diesem Zeitpimkt an wurde die Semstwo-Intelligenz „das dritte Ele ment" genannt. Das „dritte Element" vereinigte sich mit dem zweiten Element, mit den gewählten Semstwo-Männem, und spielte demzufolge eine grosse Bolle in der Semstwo-Bewegung vom Anfang des XX» Jahr- hunderts. Die Semstwo-Bewegung vom Anfang des XX. Jahrhunderts. Der Kampf zwischen dem Semstwo und der Begierung hatte, wie wir gesehen haben, schon bei Errichtung des Semstwo begonnen. Dieser Kampf im Laufe des XIX. Jahrhunderts wurde bald mehr, bald weniger energisch geführt und nahm im XX. Jahrhundert einen besonders grossen Umfang an. Er schloss sich der gesamten Befreiungsbewegung an und wirkte mit bei der Niederwerfung des Absolutismus und der Errichtung einer konstitutionellen Verfassung auf den Trümmern des Absolutismus. Der Verfasser dieser Zeilen hat der Semstwo-Bewegung ein umfangreiches Werk gewidmet. Aus Baummangel ist es hier nur möglich, bei den bedeu- tendsten Episoden dieser Bewegung zu verweilen« Der Kampf begann in den Semstwo-Kongressen. Im Februar 1901 trat in Moskau ein Kongress der agronomischen Fürsorge für lokale Landwirtschaft zusammen. Man kann sagen, dass gerade dieser Kongress die Onmdlage für alle anderen schuf, die auf ihn folgten. Er war von gewählten Semstwo-Abgeordneten so gut wie vom „dritten Element'' sehr zahlreich besucht. Schon am Anfang seiner Tagung nahm er bereits eine ausgesprochen politische Färbung an. Die beunruhigten Gouverneure sandten, sich auf ein Zirkular des Ministers berufend, an die Semstwo- Ausschüsse folgendes Schreiben über die Vereinigung der Semstwos und die Kongresse : „Es ist in letzter Zeit bemerkt worden, dass in einigen Fällen die Verwaltungsstellen der Semstwos imd der Städte, beim Einreichen der 98 Boflsland. Gesuche betreffend Angelegenheiten, die sich nicht ausschlieadidi auf lokale Fragen beziehen, sondern allgemein staatlichen Charakter tragen, sich mit anderen gesellschaftlichen Stellen in Verbindung setzen, und zv^m tun sie dies nicht nur im eigenen Grouvem^ment, sondern manchmal auch in Verbindung mit den entsprechenden Stellen anderer GouvemementSr indem sie auch diese ersuchen, ihrerseits gleichzeitig ein gleichartiges Gesuch einzureichen. In Erwägung dessen, dass solche Handlungsweisen ausser- halb der Machtbefugnisse liegen, die den Verwaltungsstellen der Semstwos und der Städte zukommt, dass sie diese Stellen von der Arbeit zum Wohle der ortsansässigen Bevölkerung ablenken und auf Irrwege führten, sind die gesellschaftlichen und ständischen Versammlungen, und folglich auch ihre exekutiven Organe, nicht befugt, mit anderen Versammlungen in Be- ziehung zu treten, betreffs Angelegenheiten, die in die allgemeine staatliche Verwaltungssphäre fallen, es sei denn, dass der Gouverneur dazu sdne Erlaubnis erteile. Der Herr Minister des Innern hat mich ersucht, die Un- zulässigkeit der obgenannten Beziehungen zwischen den Semstwo- und ständischen Verwaltungen besonders zu beachten und die Warnung hinzu- zufügen, dass nötigenfalls eine solche Tätigkeit, die den ausgesprochenen Charakter der Machtüberschreitung trägt, für die Urheber die Verant- wortung vor dem Gesetze nach sich ziehen wird.'' Aber die Männer des Semstwo gaben der absolutistischen Be^erong kein Gehör mehr. Ein Kongress folgte dem andern. Im März 1902 ver- sammelte sich in Petersbiu*g bei Anlass der allrussischen Ausstellung für Bauemindustrie eine grosse Anzahl von Sem8two-Mitg^edern. In Privat- versammlungen, die ausserhalb Petersburgs abgehalten wurden, wurde der Plan betreffend Herausgabe eines Organs — „Oswoboschdenje'' („Die Befreiung'') im Auslande — beraten und ausgearbeitet. Die Vorlage wurde nachher nach Moskau gesandt, wo ihre endgültige Redaktion vorgenommen wurde. Darauf ward sie in der ersten Nummer des „Oswoboschdenje" ver- öffentlicht, die am 18. Juni 1902 erschien und „der grossen Sache des Kampfes für die allgemeine Befreiung unseres Vaterlandes vom poUtischen Joch, für die Freiheit der Persönlichkeit und der russischen Gesellschaft gewidmet war. Im August desselben Jahres begannen in Russland Beratungen über die Lage der landwirtschaftlichen Industrie, die für die Teilnehme mit Entfernung aus dem Amte und sogar mit Verbannung endeten wegen der dabei ausdrücklich ausgesprochenen Forderung der konstitutionellen Staatsverfassung. Doch hatten aie Bepressalien seitens der Regierung bereits keine Wirkung mehr. Die Woge der öffentlichen Bewegung und der Bewegung in den Semstwos stieg immer höher an. Die Semstwo-Bewegmig tob Äntang des XX. JaliriuindertB. 97 Der Beginn des Jahres 1004 ist duroh das organisierte Auftreten des zweiten und dritten Semstwo-Elementes beim Kongreas für technische Bil- iung und beim Kongress der Arzt^ gekennzeichnet. In der X. Sektion des ersten Kongresses wurden unter anderem Be- K^hlüsse angenommen, welche folgendes für notwendig erklärten: 1. die Beseitigung aller Einschränkungen, welche die Privatinitiative auf dem Gebiete des Volksunterrichtes hemmen; 2. den allgemeinen Unterricht; ^ die Freiheit des Wortes, des Druckes, der Versammlungen und Verbände; I. den achtstündigen Arbeitstag; 5. die Beseitigung aller religiösen und nationalen Einschränkungen usw. Es ist dabei zu bemerken, dass die an- ;ef ührten Resolutionen viel zahmer sind, als jene Beden und Diskussionen, üe ihnen vorangingen; in diesen wurde die bestehende Ordnung geradezu verworfen, und es wurde ganz offen auf die Notwendigkeit einer neuen, parlamentarischen Ordnung hingewiesen. In anderen Sektionen wurden ähnliche Resolutionen angenommen. So wurde beispielsweise in der I. Sektion (für höhere Bildung) die Auf- hebung der Ansiedlungsgrenzen für die Juden, wie auch aller reli^ösen and nationalen Einschränkungen verlangt. In der VII. (Facharbeiter- schulen) verlangte man die Einführung des Achtstundentags, das Recht der Organisation von Arbeiterverbänden usw. Der Kongress sollte am 6. Januar zu Ende gehen, wurde aber von der Regierung schon in der Nacht vom 5. geschlossen. Vom Arzte-Eongress, der sich nach dem Kongress für technische Bildxmg versammelte und dessen Mehrheit aus Semstwo-Arzten bestand, geben folgende Resolutionen ein Bild: 1. „Eine plan- und zweckmässige Bekämpfung des Alkoholismus, der für Russland ein soziales Übel von enormer Tragweite bildet, ist nur bei gesicherter Freiheit der Pergönlichkeit, des Wortes, des Druckes und der Versammlungen möglich; nur diese Bedingungen würden erlauben, in den Volksmassen Kenntnisse über den Schaden des Alkoholismus zu verbreiten.'' 2. „Eine planvolle und zweckmässige Bekämpfung der Kinder-Sterblich- keit, des Alkoholismus, der Tuberkulose, der Syphilis und anderer verbreiteter Krankheiten, die für Russland ein öffentliches Übel von enormer Tragweite bilden, ist nur unter Bedingungen möglich, welche eine weite Verbreitung der Kenntnisse über ihre Ursachen und die Mittel zu ihrer Bekämpfung sichern; unentbehrlich ist dabei eine vollständige Freiheit der Persönlichkeit, des Wortes, des Druckes und der Versammlungen.** In gleichem Sinne waren auch die übrigen Resolutionen verfasst. Daher ist es begreiflich, dass am technischen Kongress der Vor- sitzende einer Sektion sagen konnte: „Meine Herren, wir wissen die 08 Rnfifllaad. Wahrheit über den Kongrees, verschweigen sie aber, weiss Gott wamnL Es ist, wie ioh glaube, Zeit sie auszusprechen. Der Kongress hat ädi nämlich in der Periode eines steilen Anstieges der Temperatur des öffent- lichen Lebens versammelt. Wir wussten alle, dass überall in RossIaiKi die Unzufriedenheit mit der existierenden Ordnung beständig wächst, dass diese Unzufriedenheit in einer weitgreifenden öffentUchen Bewe- gung zum Ausdruck kommt. Es ist klar, dass der Kongress die ge- reizte Stimmung widerspiegeln muss, die sich in ganz Bussland spürbar macht . . . Ich schlage vor, in einem an den Minister gerichteten Memorandum darauf hinzuweisen, dass die Sitzung des Kongresses so be- wegt gewesen, dass die Gesamtatmosphäre des Kongresses so heiss waiy weil der Kongress den Zustand der Gemüter in Bussland wiedergegeben hat." Und am Ärzte-Kongress sagte einer der Arzte: ,J)^ ärztliche und d^r technische Kongress haben zum erstenmal in Russland in Anwesenheit vieler Mitglieder und Gaste offen und laut erklärt, dass man so nicht leben kann, dass Freiheiten und soziale Beformen notwendig sind." Inzwischen kam in Petrograd die konstituierende Versammlung des „Verbandes der Befreiung" zusammen, dessen Hauptzweck die politische Befreiung Busslands war. Im Juli 1004 ermordete ein Stud^oit der Moskauer Universität, Ssasonoff, das Haupt der reaktionären Partei, denMinista: des Innern, Plewe. An dessen Stelle trat Fürst Swjatopolk-Mirski. Es begann im russischen Staatsleben die Epoche des sogenannten „Frühlings^'. Der neue Minister war der Meinung, der Parlamentarismus passe für Bussland nicht; er hielt es aber für notwendig, die Freiheit und den Wirkungskreis der Semstwo- Versammlungen nach Möglichkeit zu erweitern. Damit Hessen sich nun aber die organisierten Semstwos nicht mehr zufrieden stellen. In den Sitzungen der Semstwo-Mitg^eder vom 6. — 9. November 1904 wurden folgende Besolutionen angenommen: 1. Die Abnormität des bei uns bestehenden Begierungssystems ist be- sonders seit Beginn der achtziger Jahre zum Vorschein gekommen; sie besteht in einer vollständigen Trennung von Begierung und Ge- sellschaft, im Fehlen des im Staatsleben unentbehrlichen gegenseitigen Vertrauens. 2. Den Beziehungen der Begienmg zur Gesellschaft liegt die Furcht vor einer Entfaltung des öffentlichen Lebens zugrunde, sowie das be- ständige Streben, die Gesellschaft von einer Anteilnahme an der inneren Verwaltung des Beiches fem zu halten. Die Begierung ist stets von diesen Grundlagen ausgegangen und hat sich bemüht, auf allen Gebieten der lokalen Verwaltung das Prinzip der administrativen Zentralisation durchzuführen Und das öffentliche Leben in allen seinen Äusserungen zu bevormunden. Ein Zusammenwirken mit der Gesell- Die SeniBiwo-Bewegiing Yom Anfang des XX. JahriiiinderiB. 99 Schaft wurde von der Begiernng stets nur im Sinne einer Anpassung öffentlicher Institutionen an die Pl&ne der Begierung aufgefasst. 3. Der Bureaukratismus trennt die höchste Gewalt von der Bevölkerung, er schafft einen Boden für die Entfaltung persönlicher Willkür. Diese Sachlage führt dahin, dass in der Gesellschaft die nötige Zuversicht in das Bestehen der Rechte des Einzelnen und der Gesamtheit ver- schwinden muss, dass daneben auch das Vertrauen zur Begierung beständig abnimmt. 4. Eine gleichmässige Entfaltung des Staatslebens ist nur dann möglich, wenn eine lebendige und innige Einigung der regierenden Gewalt mit dem Volke existiert. 5. Um die Möglichkeit der administrativen Willkür zu beseitigen, muss das Prinzip der Unantastbarkeit der Persönlichkeit und der Flrivat- wohnung festgesetzt und konsequent durchgeführt werden. 6. Damit sich die Kräfte des Volkes in vollem Umfang entfalten, damit die Bedürfnisse der Öffentlichkeit allseitig beleuchtet werden, und die öffentliche Meinung sich ungehindert aussprechen kann, muss die Freiheit des Gewissens und des Glaubensbekenntnisses, die Frei- heit des Wortes und der Schrift, ebenso die Freiheit der Versamm- lungen und Verbände gesichert werden. 7. Persönliche, bürgerliche und politische Rechte aller russischen Bürger müssen gleich sein. 8. Die Selbsttätigkeit der Gesellschaft ist eine Bauptbedingung der regelmässigen und erfolgreichen Entfaltung des politischen und ökonomischen Lebens des Landes. Da die überwiegende Mehrheit des russischen Volkes dem Bauernstande angehört, muss vor allem dieser in eine Lage gebracht werden, welche die Ent<ung seiner Selbsttätigkeit und Energie begünstigt, und dies ist nur auf dem Wege einer gründlichen Veränderung des gegenwärtigen Zustandes des erniedrigten, in seinen Rechten beschränkten Bauerntums zu erreichen. Zu diesem Zweck müssen 1. persönliche Rechte des Bauern denjenigen anderer Stände angeglichen, dann muss 2. die Dorfbevölkerung auf allen Gebieten des persönlichen und öffent- lichen Lebens von der Vormundschaft der Adnünistration befreit und endlich muss sie diu*ch ein regelrechtes Gericht beschützt werden. 9. ListitutionenderSemstwos und der Städte, in denen sich vorzugsweise das öffentliche Leben konzentriert, müssen unter Bedingungen gestellt werden, bei denen sie die Pflichten erfüllen können, die frei ent- falteten Organen der lokalen Selbstverwaltung zukommen. Folgendes ist dabei notwendig: a) Semst wo- Abgeordnete dürfen nicht nach Ständen gewählt wer- den; an der Semstwo- und der städtischen Selbstverwaltung 100 BuasUnd« sollen naoh Möglichkeit alle realen Kräfte der Beyölkemng be- teiligt sein; b) Semstwo-Institutionen sollen der Bevölkerung naher gestellt werden, auf dem Wege einer Schaffung kleinerer SemstvFo-Eiii- heiten, welche in ihrer Tätigkeit wirklich selbständig sind; 1 c) die Kompetenz der Semstwos und der städtischen InstitutioDezi \ soll das gesamte Gebiet des lokalen Lebens umfassen; d) die genannten Institutionen sollen die Beständigkeit und Selb- ständigkeit besitzen, die allein eine normale Entfaltung ihrer Tätigkeit, sowie das notwendige Zusammenwirken von Begienmg und Gesellschaft garantieren können. 10. (Wir führen in diesem Punkte die Meinung der Mehrheit der Versamm- lung an.) Damit sich eine lebendige und innige Wechselwirkung zwischen der Staatsgewalt und der Gesellschaft auf Grund der ge- nannten Prinzipien zum Zwecke einer regelmässigen Entfaltung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens bilden und erhalten könne, ist folgendes unbedingt notwendig: eine regelmässige Anteilnabme der Volksvertretung , an der Gesetzgebung, der Kontrolle staat- licher Einkünfte und Ausgaben und der gesetzlichen Kontrolle der Tätigkeit der Administration. 11. Die Versammlung drückt die Hoffnung aus, dass die oberste Ge^^Falt den Ernst und die Schwierigkeit der inneren und der äusseren Lage Russlands anerkennen und eine Einladung zur freien Wahl von Volks- vertretern erlassen werde. Deren Mitwirkung wird der B^erung helfen, unser Vaterland auf eine neue Bahn der Entwicklung zu lenken auf der Grundlage des Rechtes und der Zusammenarbeit von Re- gierung und Volk." Ausserdem wurden noch folgende praktische Beschlüsse angenommen: 1. Eine besondere Deputation Tf^ird die angenommenen Beschlüsse dem Minister des Lmeren überreichen mit der Bitte, dieselben seiner kaiserlichen Majestät vorzulegen. 2. Es ist erwünscht, dass die Teilnehmer der Versammlung die Be- schlüsse derselben in ihren Semstwos bekannt machen, und dass an den nächsten Versammlungen der Gouvernements- Semstwos bei Besprechung anderer Fragen auch die Frage nach den allgemeinen Bedingungen eines regelmässigen l^anges und einer normalen Eni- faltung unseres Staats- und Gesellschaftslebens in dem Umfange und den Grenzen behandelt werde, als es sich irgendmöglich er- weist. 3. Es ist erwünscht, dass die nächstfolgenden Versammlungen der Gouvernements-Semstwos Gesuche einreichen betreffs einer ]^- berufung gewählter Semstwo- Vertreter. Diese sollen die Verordnung Die Semstwo-Bewegnng Tom Anfkiig des XX. JahilianderiB. 101 betreffs Semstwo-Instatutionen prüfen und die allgemeinen Be- dingungen der Tätigkeit des Semstwo besprechen. 4. Zum Zweck der provisorischen Bearbeitung der Frage nach der Prüfung der Semstwo- Verordnung wird eine Kommission gebildet, die aus allen Blitgliedem des Qrganisationsbureaus und denjenigen Teilnehmern an der Beratung, welche sich dazu melden wollen, be- stehen soll. Endlich wurde in dieser historischen Beratung eine regelmfissige Ver- :retang der Semstwos begründet; es wurde der Beschluss g^fasst: die Semstwo-Organisation soll permanent bleiben, solange die genannten Ziele cdcht erreicht sind. Man kann sagen, dass sich damals das gesamte Semstwo-Russland erhob, um den Weg der Befreiung offen einzuschlagen. Die einzelnen Semstwo- Versammlungen verwirklichten der Reihe nach die Beschlüsse, welche die allgemeine Beratung als erwünscht angenommen hatte. Bevor wir zum folgenden Stadium der Entwicklung der Semstwo- Bewegung übergehen, müssen wir uns noch die Bedeutung des vierten Punktes der Beschlüsse der allgemeinen Beratung klar machen, indem es sich um die Prüfung der Semstwo- Verordnung handelt. Eb lag darin ein alter Wunsch der fortschrittlichen Mitglieder der Semst- wos, welcher weder durch die Verordnung vom Jahre 1864, noch viel weniger durch diejenige vom Jahre 1890 befriedigt wurde. Diese Mitglieder der Semstwos strebten die Demokratisierung des Semstwo an; unddaskonnte nur durch Zulassung weiterer Volksschichten zur Semstwo-Arbeit erreicht werden. Sie hielten auch die Schaffung kleinerer Semstwo-Einheiten für unentbehrlich. Bekanntlich gibt es in Bussland nur Gouvernements- und Kreis- Semstwos. Demzufolge haben die Semstwos keine eigenen Organe in einzelnen Dörfern; um ihre Arbeit zu vollziehen, müssen sie sich an die Agenten der Regierung wenden, an die Polizeibehörden oder den Landes- hauptmann; letzteres Amt wurde 1889 eingeführt. Der Landeshauptmann wurde zum richtigen Herrscher über das Bauerntum. Agenten, die dein Semstwo nicht untergeordnet waren, führten dessen Beschlüsse sehr mangelhaft aus. Dabei widersetzten sie sich auch dem Semstwo, was in Jahren schwerer Prüfungen bei Krieg oder Hungersnot besonders auf- fällig war. Um in solchen Nöten der Bevölkerung behilflich sein zu können, niuss man ihr Leben kennen und in der Lage sein, die Ausdehnung der Not rasch zu übersehen; das vermögen aber nur Leute aus der Bevölkerimg fielbst, die zu lokalen Semstwo-Institutionen zusammengeschlossen sind. Auch beeinträchtigte das Fehlen eines Selbstverwaltungsorgans beträchtlich den Kulturstand des Dorfes. Nun können wir uns der nächsten Phase der Entwicklung der Semstwo- Bewegung zuwenden. 102 lUualaiid. Am Vorabend der Konstitution« Am 26. JanuGU* 1904 braoh der russisch-japanische Krieg aus. Er war für Bussland sehr unglücklich und legte alle schwachen Seiten des Absolutismus bloss. Der Untergang der russischen Flotte bei Tsufifflina rief im ganzen Lande einen Sturm der Entrüstung hervor. Am 24. — 26. Mai 1905 versammelten sich zu Moskau MitgUeder von Semstwo- und Stfidte-Kongressen, auch viele andere Mitglieder der Semstwos und der Stadtverwaltungen, die damals zu Spezialsitzungen zusanunenkamen, um über Fragen des Staatsaufbaues zu beraten. Der Kongress beschloss eine besondere Deputation mit folgendem Sdireiben an den Kaiser zu entsenden : „Kaiserliche Majestät I Wir wenden uns an Sie im Moment der grössten Not des Volkes, im Moment der äussersten Gefahr für Bussland und selbst für Ihren Thron. Wir legen beiseite alle Zwistigkeiten und Unterschiede, die uns trennen und sind alle einzig von der glühenden Liebe zum Vater- lande geleitet. Herr I Die verbrecherische Fahrlässigkeit und die Missbräucbe Ihrer Batgeber haben Bussland in einen verhängnisvollen Krieg gestürzt, unsere Armee konnte den Feind nicht besiegen, unsere Flotte ist vernichtet^ und noch bedrohlicher als die äussere Gefahr lodern innere Zwistig- keiten auf. Mit Ihrem Volke vereint haben Sie alle Mängel des verhasst^n und verderblichen bureaukratischen Begimes eingesehen, Sie haben beschlossen^ es zu verändern, Sie haben eine Beihe Massregeln festgesetzt, die zu dessen Umwandlung führen sollen. Diese Massregeln wurden aber entstellt und auf keinem Gebiete richtig durchgeführt. Unterdrückungen der Per- sönlichkeit, der Gesellschaft, des Wortes, alle Arten von Willkür mehren sich und gedeihen. Statt der von Ihnen beschlossenen Beseitigung des verschärften Bewachungszustandes und der Willkür der Administration, wird die Polizeigewalt immer stärker und erhält unbeschränkte Vollmacht; Ihren Untertanen wird der Weg gesperrt, welchen Sie ihnen öffneten; die Stimme der Wahrheit darf nicht zu Ihnen gelangen. Sie hatten beschlossen, Volksvertreter einzuberufen, damit diese mit Ihnen gemeinsam am Wohl des Landes bauen; bis jetzt ist Ihr Wille unerfüllt geblieben, obwohl Ereignisse von schauriger Grösse stattgefunden haben; die Gesellschaft befindet sich in Angst und Aufregung w^^n Projekten, in denen die von Urnen versprochene Volksvertretung durdi einen nur beratenden Ständerat ersetzt wird. Herr I Erteilen Sie, solange es nicht zu spät ist, zur HersteUung der Ordnung und des inneren Friedens den Befehl, unverzüglich Volksvertreter Am Yorabend der KonstitatioiL t03 ^inzubemfen, die von allen Ihren Untertanen ohne Unterachied gewfihlt dnd. Diese sollen im Einverständnis mit Ihnen die Lebensfrage des Staates, die Frage des Krieges und Friedens entscheiden, sie sollen Friedens- bedingongen aufstellen oder den Frieden abweisen und diesen Krieg zu hinein Volkskrieg machen. Sie sollen aUen Völkern ein Russland zeigen, das nicht mehr zersplittert ist, nicht mehr in inneren E^ämpfen zugrunde geht, sondern in seiner Wiedergeburt geheilt und mächtig unter einem Volks- banner versammelt ist. Sie sollen im Einverständnis mit Ihnen ein ganz neues Staatsregime einführen. Herr ! In Ihren Händen liegen BussLands Ehre und Macht, sein innerer Friede, von dem auch der äussere abhängt. In Ihren Händen liegt Ihr Scepter, der Tron, den Sie von Ihren Ahnen geerbt haben. Herr ! Zögern Sie nicht I In der schweren Stunde der Volksprüfung ist Ihre Verantwortlichkeit vor Gott und Russland gross.'' Zwölf hervorragende Mitglieder der Semstwos wurden erwählt, um dieses Schreiben zu überreichen.. Diese Deputation, der sich noch drei Abgeordnete der Petersburger Stadtduma und ein Professor der Moskauer Universität anschlössen, wurde am 6. Juni 1905 emp&ngen. Einen Monat später &nd zu Moskau eine Beratung von Semstwos und Stadtverwaltungen statt. Es wurde folgende Resolution angenommen, die sich auf das durch die Regierung ausgearbeitete Projekt einer beratenden Versammlung von Volksvertretern bezog : „Die Verwirklichung dieses Pro- jektes wie diejenige jedes anderen, das auf gleicher Gnmdlage aufgebaut wäre, schafft keine Volksvertretung im wirklichen Sinne des Wortes und kann daher das Land nicht beruhigen, die Ge&hren, welche dasselbe be- drohen, nicht abwenden, sie kann das Land nicht aus dem gegenwärtigen Zustande der Anarchie auf die Bahn einer normalen und friedlichen Entwicklung führen, deren Grundlage eine feste Staatsordnung sein muss." Danach wurde ein ausführliches Projekt „des Gnmdgesetzes des russischen Kaiserreiches" vorgelegt und angenommen. Es war von den Bureaumitgliedem verfasst auf Grund der Prinzipien, welche bei den früheren Semstwo-Kongressen gebilligt worden waren. Gleichzeitig wurde ein Aufruf veröffentlicht mit einer ausführlichen Auseinandersetzung über die Ziele der Beratung. Wie zu erwarten war, erfolgte darauf seitens der Regierung eine ganze Reihe von Repressalien: geheime Zirkulare, Befehle, eine gerichtliche Untersuchung. Doch stieg die Woge der öffentlichen Bewegung immer höher und höher, und die Anstrengungen der Regierung konnten ihren Zweck nicht erreichen. Im September 1906 fand der letzte Kongress der Semstwos und Städte statt. An diesem wurde bereits das Programm der konstitutionell- 104 BoBskad. demokiatisohen Partei^) besprochen. Und einen Monat spftter, am 1 7. tober 1905, wurde das Manifest des Zaren veröffentlicht, mit welchem BoBsland das konstitutionelle Regime eingeführt wurde. Die Reaktion in den Semstwos. 1906 gelang es der Regierung, die Befreiungsbewegung zu unterdrüchen. Nun gelangte die Partei der Anhänger des Systems der Leibeigenachaf t wieder zur Gewalt ; sie hatte sich in Russländ immer noch erhalten dank der steten Unterstützung durch die Behörden. Der reaktionäre Teil des Adelstandes nützte die günstigen Verhältnisse aus und bemächtigte sich der Semstwos. Ein weiterer Umstand begünstigte dies. Am 8. Juli 1906 wurde das erste russische Parlament aufgelöst, nach- dem es zwei Monate und elf Tage existiert hatte. Abgeordnete der ersten Reichsduma, unter denen sich auch viele angesehene Mitg^ede^ der Semstwos befanden, versammelten sich in der Stadt Wiborg in Einnland und erliessen folgenden Aufruf, der nach dem Orte den Namen „Wiborger Aufruf" erhielt: „Bürger von ganz Russland I Durch den Erlass vom 8. Juli ist die Reichsduma aufgelöst worden. Als ihr ims zu eueren Vertretern wähltet, habt ihr uns den Auftrag gegeben, Boden und Freiheit für euch zu ge- ^nnen: In Erfüllung eures Auftrages haben wir Gesetze verfasst, die dem Volke die Freiheit garantieren sollten; vor allem aber waren wir daran, ein Gesetz zu erlassen, durch welches dem arbeitenden Bauernstand Boden gegeben werden sollte ; das sollte auf dem Wege der Verteilung der Bodenbesitzungen des Staates, des Hofes, der Klöster und Kirchen, ebenso wie der Apanagen und der zwangsweisen Enteignung der Privatbesitztümer geschehen. Die Regierung erklärte ein solches Gesetz für unzulässig. Als die Duma ihren Beschluss bezüglich der zwangsweisen Enteignung nochmals bestätigte, wurde die Auflösung der Volksvertreter verordnet. An Stelle der jetzigen Duma verspricht die Regierung im Laufe von sieben Monaten eine andere einzuberufen. Volle sieben Monate wird Russland ohne Volks- vertretung existieren müssen in einer Zeit, da das Volk sich am Rande des Elends befindet, da Handel und Industrie gebrochen sind, da das ganze Land in Gärung ist und da das Ministerium seine Unfähigkeit, den Be- dürfnissen des Volkes zu genügen, endgültig bewiesen hat. Volle sieben Monate wird die Regierung nach Willkür handeln, sie wird die Volks- bewegung bekämpfen, um eine Duma zu versammeln, welche gehorsam und unterwürfig sein soll; wird es aber der Regierung gelingen, die Volks- ^) Dar Kade(4»np«rtei. (Bed.) Die Beaktion in den SemitwM. 105 'beweguBg noehmals zu erdrücken, 00 wird sie gar keine Duma einberufen. Bürger! Verteictigt mit Festigkeit die zertretenen Rechte der Volksver- tretxmg, verteidigt die Beichfiduma. Keinen einzigen Tag darf Bussland ohne Volksvertretung bleiben. Die Mittel, dies zn erreichen, sind in euerer Hand : die Regierung hat kein Recht, ohne Ein^vHlligung der Volksvertretung Steuern beim Volke einzuziehen, noch das Volk zum Militärdienst einzu- berufen. Daher habt ihr das Recht, jetzt, da die Regierung die Reichsduma aufgelöst hat, ihr weder Soldaten, noch Geld zu geben. Wira die Regierung, um Geldmittel s^ finden, Anleihen machen, so sind solche Anleihen, die ohne Einwilligung der Volksvertretung gemacht wmrden, von nun an ungültig, das russische Volk wird sie niemals anerkennen und keine Rückzahlungen machen. Gebt also der Regierung keinen Kopeken, keinen Soldaten für die Armee, solange die Volksvertreter nicht einberufen sind. Seid fest im Verweigern, verteidigt alle, wie ein Mann, eure Rechte. Dem einheit- lichen unbeugsamen Willen des Volkes kann keine Gewalt trotzen. Bürger ! In diesem durch die Notwendigkeit aufgezwungenen Kampfe werden eure Vertreter mit euch sein." Diejenigen, welche diesen Aufruf unterschrieben hatten, wmnlen zu drei Monaten Gefängnis vennteilt und gingen des Rechtes, ins Parlament oder in die Semstwos gewählt zu werden, verlustig. Auf Aeee Weise ver- loren die Semstwos ihre besten Mitgliedei. Der reaktionäre Adelstand beeilte sich, sie auch aus seinem Kreise zu entfernen. Der grosse europäische Krieg und das Semstwo. Die Reaktion, welche in einzelnen Gouvernements stärker, in anderen schwächer war, dauerte bis 1914, bis zum Beginn des grossen europäischen Krieges. Sobald aber dieser entbrannt war, trat das Semstwo wieder auf die Bühne öffentlicher Tätigkeit. Die verschiedenen Semstwos vereinigten sich, schufen den allrussischen Semstwo- Verband imd begannen mit seltener Energie die Armee zu versorgen. Die Regierung erkannte zwar diesen Ver- band an und ersuchte ihn oft um seine Hilfe, jedoch misstraute sie ihm gleich- zeitig und legte seiner Tätigkeit bei jedem Schritt Hindemisse in den Weg. 1916 endlich wurde die Zusammenkunft der Delegierten von Gouvemements- Semstwos verboten. Diese war jedoch unentbehrlich zur Schaffung einer Bilfe für die Armee und das Land, \^elche durch die reaktionäre und feige Regierung in eine schwierige Lage gebracht worden waren. Nun ver- sammelten sich die Delegierten des Semstwo- Verbandes im Dezember 1916 im Geheimen imd nahmen folgende Resolution an: „Mit unerhörter Wucht hat Russland sein Urteil über diejenigen Menschen gesprochen, die die obere Gewalt wie mit einem festen Ring lOQ • BoBilsnd. umschlossen haben, die ein zehrendes Gift in die Tiefen des Volksgewissens hineinbrachten, die, unermüdlich in ihrer Arbeit, die Wurzeln unserer staat- lichen Besistenzfähigkeit und Kraft zerstören. Das ganze Volk hat das gesamte System der Verwaltung, die beim fortwährenden Wechsel der Per- sonen unveränderlich bleibt, definitiv verurteilt. Bei diesem System kann nur eine kraft- und talentlose Regierung existieren, die keine Einheit besitzt, die gänzUch den Sorgen um ihre eigene Selbsterhaltung ergeben und vom allgemeinen Misstrauen umgeben ist. Beichsduma, Beichsrat, Semstwos, Städte und Stände haben sich in grosser Angst um das Schickt Busslands, dessen historische Macht am Abgrunde steht, vereinigt. Unsere inneren Missstände wachsen jeden Tag, und mit jedem Tag wird es schwieriger, das Land im Einklang mit den hohen Forderungen, die der Krieg aufstellt, zu organisieren . . . Der Feind ist ermüdet, aber nicht gebrochen. Er bereitet neue Schläge gegen uns und unsere Ver- bündeten vor, und wir müssen ims auf diese vorbereiten, ohne einen Augen- blick zu verlieren. Alle müssen sich erinnern, dass der Weg zum Siege durch neue mächtige Anstrengungen führt, durch neue Prüfungen für unseren Patriotismus und unsere liebe zu Bussland. Gross und drohend ist die Gefahr. Die Schicksale Busslands werden auf Generationen hinaus ent- schieden, und wir dürfen uns der Verzagtheit nicht kleinmütig hingeben. Unsere Bettung liegt in einem wahren Patriotismus, im lebendigen Gefühl der Verantwortlichkeit vor dem Vaterlande. Wenn die Behörden zu einem Stein des Anstosses auf dem Wege zum Siege werden, daim muss das ganze Land, daim müssen vor allem seine gesetzlichen Vertreter die Verantwortung für die Schicksale des Vaterlandes auf sich nehmen. Die Begierung, die zum Werkzeuge in den Händen finsterer Gewalten geworden ist, führt Bussland dem Untergänge entgegen und erschüttert den Zarenthron. Es muss eine Begierung geschaffen werden, die des grossen Volkes in einem der grössten Momente seiner Geschichte würdig ist, die aus ihrer Verantwortlichkeit dem Volke und der Volksvertretung gegenüber ihre Kraft schöpft. Ist dies geschehen, so werden die grössten Schwierige keiten, vor denen Bussland steht, nicht mehr unüberwindUch sdn. Es werden von der Beichsduma in dem von ihr begonnenen entscheidenden Kampfe jene Hoffnungen erfüllt, mit denen sich das ganze Land an sie wendet, es lebe das ganze Land in dem einen Willen — Bussland zu retten. Die Zeit ist gekommen, alle Termine, die uns die Geschichte gab, sind abgelaufen/' Unmittelbar nach der Bevolution von 1917 erhielt das Semstwo eine ihm gebührende Bedeutung im Aufbau des Staates. Die provisorische Begierung wandte sich an das Semstwo; sie stellte die Vorst&nde der Semstwo- Verwaltungsausschüsse an die Spitze der Grouvememente. Ausser- dem erweiterten sich die Semstwo- Verwaltungen in den Gouvemementen Der grosse earop&ische Krieg und das Semstwo. X07 and Bezirken durch das Hinzutreten des demokratischen Elementes, welches den früher verlangten Zensus nicht besass. Auch die Semstwo- Versamm- lungen der Gouvememente und Bezirke wurden durch einen grossen Prozentsatz der früher durch den Zensus ausgeschlossenen Vertreter der Demokratie — namentlich durch Vertreter des Bauernstandes vergrössert. Diese Versammlungen erklärten sich für die Revolution und befassten sich mit der Besprechung jener Fragen, welche der Weltkrieg und die russische Revolution an die Tagesordnung gebracht hatten; sie gaben auch grosse Summen für die Kultur tätigkeit aus, hauptsächlich für Publi- kationen und Vorträge, um dem Volke im gedruckten und lebendigen Worte möglichst rasch die Ursachen und Folgen der Revolution zu erklaren und das Volk für die konstituierenden Versammlungen vorzubereiten. In nächster Zeit wird natürlich eine weitere Reform des Semstwo auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten imd geheimen Wahlrechtes not- wendig sein. Sicher werden dabei auch Frauen das Wahlrecht erhalten. Ausser den Gouvernements- und Bezirkssemstwos werden auch Gemeindesemstwos eingerichtet. Damit wird für Russland eine richtige demokratische Selbstverwaltung verwirklicht sein, die in engster Beziehimg zum republikanischen Parlamente stehen wird. Muss man noch hinzufügen, dass in dieser Gestalt das Semstwo eine sichere, unerschütterliche Grundlage des neuen Regimes bilden und zugleich die Trägerin einer hohen Kultur auf der Grundlage der Selbstbetätigung des Volkes sein wird?^) I* P. Beiokonski. ^) Dieser Artikel wurde kurz naoh der Bevolution 1917 verfaast. (Red.) Die russische Gesellschaft Die raBsisohe „Intelligenz^' ist „kein Stand, keine Zunft, keine Geweik- sohaf t, kein Zirkel ... sie ist auch keine Versammlung, sie ist die Vereici- gung jener lebendigen Kräfte, die das Volk aus sich schafft." So definieit der Slawophile I. Aksakow den Begriff der „Intelligenz", und von dieser Intelligenz wird in diesem Aufsatz die Bede sein. Will man die rossisclie Gesellschaft charakterisieren, so geschieht es am vollständigsten, wenn man jenen Teil der Gesellschaft ins Auge fasst, der stets als Lenker der Gedanken als Träger der Ideen, als geistiges Zentrum des ganzen Volkes aufgetreten ist. Als „Bewusstseinsorgan des sozialen Organismus" vereinigt die Intelli- genz alle Lebenskräfte des Volkes in sich. Daher braucht man den Aus- druck mit keiner bestinmiten Profession in Verbindung zu bringen. Schon beim flüchtigen Überblick über die russische Geschichte fällt uns eine ganze Anzahl „Intellektueller" auf, die sich von ihrer Umgebung scharf abheben. Zu diesen gehört beispielsweise Kurbski, ein Feldhen Iwans des Schrecklichen, der nach Litauen floh, um sich vor den Veifol- gungen des Zaren zu retten, und der mit dem Zaren dann eine hochinteres- sante Korrespondenz führte, worin er als Verteidiger des feudalen Stand- punktes auftrat im Gegensatz zum zaristischen Autokratismus. £in „Intellektueller" war auch der Höfling des Zaren Alexej Michailowitsdi. Artamon Matwejew, ein bewusster Vertreter der Idee der Notwendig- keit einer Annäherung Busslands an Westeuropa, ebenso der Geschichts- schreiber Kotoschichin, der im 17. Jahrhundert aus Russland nach Schwe- den entfloh und hier ein Werk über die Regierung des ersten Bomano\r, Michail, verfasste, eine scharfe Kritik des sozialen Lebens im Zarenreiche, — und der berühmte Dichter und Gelehrte Lomonossow, der bereits dem 18. Jahrhundert angehört. Doch treten solche „Intellektuelle'" bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts stets nur vereinzelt auf. Selbst Gestalten vne Iwan der Schreckliche oder Peter der Grosse bleiben einsam inmitten einer Gesellschaft, die sie nicht versteht und nicht verstehen kann. Als eine geschlossene Gruppe tritt die Intelligenz auf russischem Boden erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts auf. Mit der ' Be^emsg Katharinas IL beginnt ihr Wachstum, sie dehnt sich aus, zerfällt in Unter- gruppen und bleibt dabei doch immer ein einheitliches Ganzes. Das gemein- same Ziel aller russischen Intellektuellen, das sie seit ihren ersten Anfängen in den Tagen von Nowikow Badischtschew und Von Wiesin während 160 Jahren festgehalten haben, ist die Befreiung des russischen Volkes. Die nmiBdliA (^esellsohafL 109 ZunäohBt war es eine Gruppe von Adeligen, von Dworjanje, die bereits ira 18. Jahrhundert das Banner des Kampfes für die Freiheit des russischen Volkes aufrichtete und sich damit zum erstenmal von den Interessen der eigenen EJasse loslöste. Von diesem Momente an ist die Freiheit von Standes- und ELlasseninteressen einer der wichtigsten charakteristischen Züge der russischen Intelligenz. Die Intellektuellen stehen seither ausser- halb der Standesgegensätze und arbeiten jene Ideale und Normen aus, die zur geistigen und moralischen Entwicklung, zur Vervollkommnung und Selbstbefreiung der Persönlichkeit führen. — Für die intellektuelle Welt- anffassung ist der Mensch Selbstzweck. Im Gegensatz zum Kleinbürger- lichen, Engen, Flachen und Gemeinen kämpft die Intelligenz für die leben- dige Seele des Volkes, für sein soziales Selbstbewusstsein und für seine Menschenrechte. Die Literatur war das Wirkungsfeld, auf dem sich die russische Intelli- genz zunächst als Gegnerin der kleinbürgerlichen Mittelmässigkeit betätigte. Sie stellte sich hier in schärfsten Gregensatz zur unpersönlichen pseudo- klassischen Richtung. Das Denkmal ihres ersten Auftretens bildet eine Reihe satirischer Zeitschriften mit der berühmten, von Nowikow redigierten „Drohne" an der Spitze (1769), die nach zwei Jahren verboten wurde und bald darauf unter dem Namen „Maler" wieder erschien. Die Hauptaufgabe, die sich Nowikows Zeitschrift stellte, war die Bekämpfung der Leibeigen- schaft. Ein Mitarbeiter des „Malers" war Radisohtschew, der berühmte Autor der „Reise von Petersburg nach Moskau", eines Buches, das eine bittere Anklage gegen die Ungerechtigkeit der Leibeigenschaft und zugleich ein Aufruf zur Bauernbefreiung ist. Ein anderer Vertreter der russischen Intelligenz — der dramatische Dichter Von Wiesin — gibt in seinen Komödien „Der Brigadier" und „Der Minderjährige" ein drastisches Bild der Missbräuche, zu welchen die Leibeigenschaft führt. Bei allen diesen Schrif tstellem geht der soziale Kampf mit dem Kampf um die menschliche Persönlichkeit parallel. Die erste Grupjie der Intellektuellen begaim ihr Wirken mit dem Kampf für das Individuelle, für die Erweiterung und Ver- tiefung des menschlichen „Ich", bald jedoch arbeitete sie auch auf dem politischen und sozialen Gebiet. Sie wurde zur Führerin im Kampfe gegen die russische Regierung, dem Kampfe, der sich durch das ganze 19. Jahr- hundert hindurch zieht und erst im Jahre 1917 seinen Abschluss findet. Das obenerwähnte Werk Radischtschews, „Die Reise von Petersburg nach Moskau", ist der wahre Ausgangspunkt der Tätigkeit der russischen InteUigenz, und der Autor selber wurde ihr erster Märtyrer: er musste seine Kühnheit mit langjähriger Einkerkerung büssen. Radischtschews soziale und politische Ideen waren den weiteren Schich- ten der russischen Gesellschaft vom 18. imd vom Anfang des 19. Jahr- hunderts wenig verständlich ; die Ideale der Intelligenz fanden damals noch 110 RuBtland« keine groBse Verbreitung. Doch bildet sich bereits am Anfang des 19. Jahr- hunderts inmitten der Intelligenz eine Gruppe, deren Anhänger zu unmittel- baren Nachfolgern Badischtsohews werden und ein tiefes Interesse für soziale, ökonomische, politische und juristische Probleme bekunden. Der Kreis der sogenannten „Bekabristen" ist mit Badisohtschew innig ver- bunden und entwickelt die Ideen Badischtsohews weiter; es entsteht in seiner Mitte auch bereits eine wahre revolutionäre Stimmung. Die Dp- kabristen sind die ersten, die in Bussland offen für die Freiheit kämpfen. Der beste Teil der jungen Generation des russischen Adels, der sich von allen Standesidealen lossagte, schloss sich damals der Intelligenz an mit dem ausgesprochenen Zweck, politische und soziale Beformen durchzu- setzen. Die Feldzüge von 1813 und 1814 hatten für die Entwicklung dieser Jugend die grösste Bedeutung. „Ein ganzes Jahr Aufenthalt in Deutsch- land,'' schreibt I. D. Jakuschkin, einer der bedeutendsten Dekabristen, in seinen Memoiren, „und darauf mehrere Monate in Paris konnten nicht ohne Einfluss auf die Anschauungen der denkenden russischen Jugend bleiben. '^ Die jungen Leute kehrten heim von neuen Hoffnungen eifüUt und mit einem innigen Vertrauen zum Zaren Alexander I. Doch ;,der Befreier Europas'' sorgte in seiner Heimat nur für Vermehrung der Soldaten und verbrachte den grossten Teil seiner Zeit mit Truppenrevn^ und Manövern. Die Verwaltung des Beiches übeigab er seinem Liebling Araktschejew, einer unkultivierten Soldatenseele. Die progressiven Qffi- zierskreise, ^e anfangs an die konstitutionellen Bestrebungen Alexandeis geglaubt hatten, mussten unter diesen Umständen natürlich bald jede Hoffnung, durch ihn etwas zu erreichen, verlieren. Der eben genannte Jakuschkin erzählt, in Offizierskreisen habe sich sogar „eine Art Erbitter- nng gegen den regierenden Kaiser entwickelt". Man hatte sich auf die Versprechungen des Zaren verlassen, von ihm innere Beformen erwartet und „nur eine Abänderung der Uniformen im Staatsdienste erhalten", wie sich ein anderer Dekabrist — Kachowski — in einem Briefe, den er aus dem Gefängnis an Nikolaus I. richtete, ausdrückt. Alexander aber sudite seine Verachtung für die Bussen auch durchaus nicht zu verbergen und erweckte durch seine Ausgaben für Militärspielzeug, für fortwährende Paraden und Truppenrevuen allgemeine Entrüstung. Von seinen jüngeren Brüdern, Konstantin und Nikolaus, erwartete man nichts Besseres. Die allgemeine Lage war hoffnungslos: weder die Lokaladnünistration nocb das Gericht waren ihren Aufgaben gewachsen ; überall herrschte Bestediung; der Druck der Steuern wurde immer härter; die Leibeigenschaft, das Los des Soldaten, das noch besonders durch Einrichtung von lililitäransiede' lungen erschwert wurde — alles das rief in den besten Kreisen der russischen Jugend Empörung hervor. Die allgemeine Unzufriedenheit findet ihren Die russisohe GeBellfichaft. XI 1 stärksten Ausdruck in den Werken Puschkins, die aus dieser Zeit stammen, and in der Poesie des Dekabristen Bylejew, der im Namen der Freiheit des Vaterlandes zum Kampfe auf Leben und Tod aufruft. Von unerfüllt gebliebenen konstitutionellen Hoffnungen ging man skllxnählich zu revolutionären Plänen über. Das Studium der zeitgenössi- schen Verfassungen, der Einfluss geheimer politischer Verbände und revolutionärer Beilegungen in Westeuropa treibt die russische Jugend zur Gründung von verschiedenen politischen Vereinen. 1816 entstand auf rassischem Boden der erste geheime Verein, der „Bettungsbund'^ Den Anstoss dazu gab die Auflösung des Verbandes der Offiziere im Garde- regiment Semenow, die auf Wunsch des Zaren erfolgte. Offiziere dieses Kegimentes wurden die ersten Mitglieder des Bettungsbundes. Aber auch die gemeinen Soldaten waren durch die westeuropäischen Feldzüge stark beeinflusst worden; auch sie empfanden bei ihrer Bückkehr die Ab- normität der herrschenden Verhältnisse ; nur kam ihr Protest in der grossen Masse nicht zur Geltung, und selten gewann er greifbare Formen (1820 die Unruhen im Begiment Semenow, veranlasst durch die Grausamkeit des Hauptmanns Schwarz). Das Begiment Semenow wurde aufgelöst. In der Folge aber fanden die neuen Ideen die weiteste. Verbreitung, weil Offiziere und Soldaten des aufgelösten Begimentes in der ganzen Armee zerstreut waren und Propaganda dafür machten. Jedoch bewegten nicht ausschliesslich politische Interessen die russi- sche Jugend dieser Zeit. Die Bekanntschaft mit Westeuropa hatte in ihr ein starkes Streben nach Selbstbildung geweckt. Die jungen Leute hatten in Bussland sozusagen die Mittelschulbildung erworben und bei den europä- ischen Feldzügen die Hochschule besucht. Bei ihrer Heimkehr fanden sie für die Aufklärungsarbeit überall nur Schwierigkeiten und Verfolgungen durch die Zensur. Ihr Wunsch nach Selbstbildung musste darum die Gründung geheimer Verbände veranlassen. Viele von den Dekabristen waren im Ausland Freimaurer geworden, doch konnten die russischen Logen, die in politischer Hinsicht sehr konservativ waren, sie nicht be- friedigen, und sie verliessen sie bald. Trotzdem zeigen die Statuten des Rettungsbundes deutliche Spuren der Beeinflussung durch die Freimaurer und den deutschen Tugendbund. Der Zweck des Bettungsbundes war die Einführung der Volksvertretung in Bussland, seine Mitglieder waren An- hänger der konstitutionellen Monarchie. Im Jahre 1 81 8 wurde der Bettungs- band zum „Wohlfahrtsbund'', dessen Statuten den deutschen Tugendbund eigentlich zum Muster nahmen. Die Mitglieder des Wohlfahrtsbundes ver- fochten im praktischen Leben soziale Ideen, obwohl ihre Statuten davon nichts sagen: sie machten Propaganda für die Bauernbefreiung, bemühten sich, das Schicksal ihrer leibeigenen Bauern zu verbessern, arbeiteten auf dem Gebiete der Volksaufklärung, gründeten Schulen und erteilten ihren 112 Roflaland. Soldaten Unterricht. Der offizielle Zweck aller geheimen Verbände vi&r angeblich die Wohltätigkeit, faktiech ging ihre Arbeit jedoch vorzogsweide anf die Propaganda politischer und sozialer Reformen aus. Bei einer Ver- sammlung des Vorstandes des „Wohlfahrtsbundes" im Jahre 1S20 er- klärten sich alle Teilnehmer einstimmig für die republikamscfae Be- gier ungaform. Im Jahre 1821 nun vnurde der Wohlfahrt sbund bei einer Sitzung ^ Moskau für aufgelöst erklärt, um fremdartige Elemente zu entfemeo. Faktisch zerfiel der Bund nur in zwei Teile: in die „Südliche" und die „Nördliche Gesellschaft". Zentrum der Südlichen Gesellschaft war Tul- tscliino, ihr Leiter war Pestel, ihr Zweck — das Erreichen der republikani- schen Begierungsf(vm. Die Ideologie dieser Gesellschaft ist in der „Bü- schen Wahrheit" von Pestel dargestellt. Zentrum der Nördlichen Gesell- schaft war Petersburg; hier herrschten konstitutionell-monarchistische Ideen. Der bedeutendste Vertreter der Nördlichen Gesellschaft war Nikita Murawjew, Autor eines Projektes der konstitutionellen Monarchie, in den jedoch auch die Vorteile der Bepublik anerkannt wurden. 1825 starb Alezander I., und es wurde im Wohlfahrtsbund der Ent- schluss gefasst, in Petersburg einen Aufstand hervorzurufen. Die Mitglieder der Gesellschaft wollten mit Hilfe von Trupi)en, die den Eid der Treue an Nikolaus I. verweigerten,^) eine provisorische Regierung mit zwei Kämmen gründen. Wohl sahen sie die Möglichkeit eines Misserfolges voraus, ent- schlossen sich aber trotzdem, am 14. Dezember (daher die Benennung „Dekabristen'") — dem Tage der Eidesleistung — sich mit den Truppen unter Rufen „Es lebe die Konstitution!"' auf den Senatsplatz zu begeben. Gleichzeitig machte auch die Südliche Gesellschaft einen Aufstandsversach. Der Aufstand wurde sowohl im Norden, als im Süden grausam unterdrückt. Die Führer der Bewegung — Pestel, Murawjew-Apostol, Bestuschew- Bjumin aus der Südlichen Gesellschaft, Bylejew und Eachowski aus der Nördlichen — wurden gehängt, andere wurden zu Zwangsarbeiten in Sibirien verurteilt (unter diesen befanden sich Nikita Murawjew und Trubezkoj, der Hauptleiter des Aufstandes), wieder andere mosstw ins Exil gehen oder wurden zu gemeinen Soldaten degradiert. Die konstitu- tionalistische Bewegung war für längere Zeit unterdrückt. Es b^ann nun das fünfundzwanzig Jahre dauernde System des offiziellen „Volkstums'' (unter Nikolaus I.), richtiger gesagt: des offiziellen Kleinbürgergeistes. Die Wissenschaft, die Literatur, die ganze menschliche Existenz litt ^) Dar direkte Erbe und Thronfolger Alexanders war sein Bruder Konstantin. Dieser hatte aber» da er mit einer Untertetnin verheiratet war, die nach rnssisohen QeaOtmsD nicht Zarin werden konnte, auf sein Recht als Thronfolger verzichtet. Weder im gebildeten Pabli- kum noch in weiten Volksmassen war das aber bekannt, und so wurde beim lV>de Alezandeis vieUaoh der Eid an Konstantin abgelegt, was später zu llfisBverstftadniasen führte. Die rossisehe Gesellschaft 113 unter diesem Joch. Alle Lebenserscheinungen wurden in Uniformen ge- steckt. Doch beginnt bereits in den dreissiger Jahren eine neue Gärung, und es werden wieder — diesmal unter der Studentenschaft — politische Vereine gegründet. In der russischen Gesellschaft dieser Epoche macht sich zunächst ein Umschwung in der Richtung der Reaktion geltend und lässt sich auch in der Literatur beobachten. Der unerträgliche Druck des systematischen Terrors von oben musste jedoch endlich neue £räf te in der russischen Intelligenz wachrufen — Kräfte, die sie im Kampfe gegen das Kleinbih-gertum verwenden konnte. Puschkin imd Lermontow sind Ver- fechter des Prinzips des Individualismus, die ihr ganzes Leben lang das geistige Kleinbürgertum bekämpften. Auch Bjelinski, der bedeutendste russische literarkritiker, kämpfte in seinen Schriften gegen das unerträg- liche Regime dieser Zeit und stellte die menschliche Persönlichkeit über die Gesellschaft und die Menschheit. In den vierziger Jahren des 19. Jahr- hunderts lassen sich zwei geistige Strömungen der russischen Literatur konstatieren — das „Westeuropäertum" („Sapadnitschestwo") und das ,,Slawophilentum", die'beide mit einer scharfen Kritik des geistigen IQein- bürgertums auftreten; im Gegensatz zu den übrigen Klassen der russischen Gesellschaft verhält sich die Intelligenz dem offiziellen Kleinbürgertum gegenüber durchaus ablehnend. Sowohl die ,,Westler'' als die „Slawo- philen" verlangten die Schaffung einer Volksvertretung, nur entlehnten die ersteren ihre Jdeale Westeuropa, währenddem die letztern die Ein- berufung eines Semskij Ssobor befürworteten mit Beibehaltung einer autokratischen Zlarengewalt und Schaffung einer lokalen Selbstverwaltung. Das polizeilich-bureaukratische Regime verfolgte beide Richtungen und bestrafte jeden, der es wagte, aus dem gleichmässig grauen kleinbürgerlichen Hintergrunde hervorzutreten. Leute der dreissiger und vierziger Jahre — Westler und Slawophilen — begannen nun den entscheidenden Kampf gegen das geistige Kleinbürger- tum. In der Literatur dieser Zeit wird das nach Verdienst bewertet, besonders in den „Toten Seelen" von Gogol, dem genialen Gemälde der seelenbedrückenden Gemeinheit, Engherzigkeit und geistigen Klein- bürgerlichkeit. Auch in seinen übrigen Werken schafft Gogol eine Reihe Von Satiren, in denen er das Kleinbürgertum verspottet. Ebenso finden wir alle Bauptseiten des offiziellen Kleinbürgertums, welches 1866 das Land zur Katastrophe von Sewastopol führte, in den Werken von Kusma Prutkow^) lebendig verkörpert. Es gab unter den russischen Schriftstellem aber auch Verteidiger des geistigen Kleinbürgertums: So finden wir z. B. eine Apologie desselben in den Werken des bedeutenden Romanschrift- ^) y^usina Prutkow" ist ein erdichteter Name, unter dem drei junge Dichter aus dem Kreise der Slawophilen — Alexej Tolstoj und die Brüder Schemtschuschnikow — ihre un- gezwungen-humoristischen, gemeinsam verfaasten Werke erscheinen Hessen. Brltmami. Bassland IL 8 114 Rusflland. stellers Gontscharow; sein lieblingsheld — Stolz — (im „Oblomow") ist die wahre Verkörperung des kleinbürgerlichen Ideals. Die dreissiger Jahre waren für die russische Gesellschaft dne Zeit regen Vereinslebens. In vielen Zirkeln herrschte zu jener 2jeit eine besondere Begeisterung für die Ideen Schellings. Der Kreis von Bjelinski und Stanke- witsch betrieb bis 1836 einen waliren Kultus der ethischen und ästhetischen Anschauungen von Schelling, aber 1837 siegte die hegelianische Richtung über die romantische, und seither geben Bjelinski und Genossen eine Zeit- schrift „Moskauer Beobachter'^ heraus, deren Richtung rein hegelianisch ist. Die russische Intelligenz hatte in den zwanziger Jahren des 19. Jahr- hunderts auf einem noch unbebauten Acker gearbeitet, in den dreissig^ Jahren leitet sie die russische Gesellschaft auf den Boden des reinen philo- sophischen Denkens. Die darauf folgende Generation der vierziger Jahre verlässt die Tätigkeit in einzelnen Zirkeln und betritt das weite Feld des sozialen Kampfes. Bjelinski, der geistige Leiter der öffentlichen Meinung, erlebte eine tiefgehende innere Umwälzung: von nun an tritt die Hoch- schätzung der menschlichen Persönlichkeit ins Zentrum seines Denkens, und Bjelinskis philosophischer, soziologischer, ethischer und ästhetischer Individualismus charakterisiert die ganze Epoche. Für die russische GeseO- schaft bedeutet Bjelinskis Tätigkeit den Sieg der russischen Intelligeni über das ganze System des offiziellen Kleinbürgertums. Die Slawophilen waren wie die Westler von der Romantik ausgegangen. Währenddem aber bei den Westlern die romantischen Ideen immer mehr in den Hintergrund traten, gewannen sie bei den Slawophilen mit der Zeit ganz beträchtlich an Bedeutung. Die Grundlagen des Slawophilentums bilden das Problem des Christentums, die nationale Idee und die Idee der dominierenden Stellung der Gemeinde gegenüber dem einzelnen Individuum. Führer der Slawophilen waren K. Aksakow, I. Aksakow, Kirjeje^^-ski, Chomjakow und andere. An der Spitze der Westler standen der Kritiker Bjelinski, der Historiker Granowski und andere. Beide Strömungen hatten im offiziellen Kleinbürgertum den gemeinsamen Feind. Beide finden ihre Synthese bei Herzen, den man als den Begründer der Volkspartei („Narod- niki") in Russland betrachten kann. Herzen und sein Kreis standen dem Saint-Simonismus nahe, hassten das geistige Kleinbürgertum und schätzten die menschliche Persönlichkeit über alles, um sich dem Drucke des geistigen Kleinbürgertums zu entziehen, musste Herzen Ruseland verlassen (1847). Es war zur Zeit, wo die Regierung mit girausamen Verfolgungen gegen die russische Intelligenz einschritt und das Vereinswesen auszurotten suchte. In Kiew wurde ein Verein entdeckt, der den Namen der „Brüder- schaft von KyriU und Mefodij" trug. Sein Gründer war der bekannte Historiker Kostomarow, auch der grösste Dichter der Ukraina — Schew- tsohenko — nahm an dessen Tätigkeit regen Anteil. Man beschäftigte sich 115 da besonders nut Theorien des Föderalismus. Die Mitglieder des Vereins wurden ntm von der Begienmg schoniuigslos bestraft; Scfaewtechenko ging ins Exil. Seither kann man bei verschiedenen Vereinen eine wachsende Neigung zum Sozialismus beobachten. Schon Pesteis Theorien hatten einen sozia- listiBchen Zog, deutlicher tritt er im Kreise von Herzen hervor, Iftsst sich überiiaupt in der gesamten Literatur der vierziger Jahre konstatderen. Es bepnnt ein eifriges Studium der Werke von Pourier, L. Blanc, Cftbet, Proudhon; die junge Generation schwärmt davon, das Staa*"'"''t«m ilniwh ein System von Gemeinden nach Fonrier zu eraetoen. Ein solche Theorien studiert wurden, wurde 1849 entdeckt. I bekannten Frozess der „Petraschewzy", nach dem Begrüni — Butaschewitsoh-Petraschewski — benannt. Unter de be&nd sich auch der Bomanschriftsteller V. Dostojewski, etkl&rte die Mitglieder des Vereins, trotzdem sie das Gielni Veriiandlungen niemals abersohritten hatten, für die sohli Verbrecher. Sie wurden zum Tode verurteilt. Erst im i/b bereitung zur Hinrichtung, als alle Verurteilten bereits in gekleidet und drei von ihnen mit verbundenen Augen an Pf waren, um eiBohoroen zu werden, wurden sie begnadigt. ] denkt mit Schaudern dieser ,,zehn euteetzUcben, unsagba Uinuten der Erwartung des Totjes", die sie durchleben mue ausgestandenen Qual wurde das Urteil gemildert. Petrat zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt, Dostojewski s alle übrigen zu verschieden lai^r Strafzeit. Damals, als Menschen wegen einfacher Gespräche zi verurteilt wurden, als Bjelinski nur durch den Tod dem Gel als er sterbend seinen Blick hoffnungsvoll nach dem Westei dieser schweren Zeit verfasste Herzen sein berühmtes Werk Ufer", in dem er die Ansicht ausspricht, dass es für Busslani Weg der Entwicklung geben könne, als deijenige sei, auf europa wanderte. Das Werk Herzens ist ein Grundstein dt Volkspartei. Die späteren Theoretiker dieser Bichtnng - Michajlowski — bauten darauf weiter. Der eigentümliche ^ land na,ch Herzens Meinung in seiner Entwicklung einsch der Weg, der in der Richtung der biteressen des Volkes Nation führt. Dabei betont Herzen die dringende Notwen Reformen. Er hofft, Bussland könne auf diesem Wege die l Periode der westeuropäischen Entwicklung vermeiden. E niurzelte in der Überzeugung, dasa das Bauerntum keine K geoiaie und dass die Dorigemeinde die Grundlage des ruse baoes sei. Gegen Ende der sechziger Jahre musste Eteizen i 119 RoBsland. Turgenjew recht geben: ».Das Volk ist seinem Instinkte nach konservativ und . . . sein Ideal besteht im bourgeoisen Wohlstand' ^ Als 1856 Nikolaus I. starb, beweinten nur wenige seinen Tod. Dit besten Slawophilen erhofften vom neuen Kaiser, Alexander n., die Be- freiung der Bauern und die Einberufung der Semskij Ssobor. Herzen bat Alexander in einem Briefe dringend, die Pressfreiheit zu gew&hren, (L< Land an die Bauern zu verteilen und die Leibeigenschaft aufzuheben, hi gleichen Sinne arbeitete Herzen auch in seinen beiden Zeitschriften: dem „Polarstem" (1856) und der „Glocke" (1857). Er stellte ein ganz 1k stinuntes Progranmi sozialer Beformen auf: er verlangte die Baueni befreiung und die Abgabe des Landes an die Bauern, die Beseitigung oer Zensur, des geheimen Gerichtsverfahrens und der körperlichen Straft ., Polarstem" und „Glocke"" fanden trotz des Verbotes in Bussland weit^ Verbreitung. Selbst in den Kreisen der Regierung wurden Herzens Auf- sätze beachtet. Auseer dieber freien russischen Preese von jenseits der Grenze wurden von der russischen Gesellschaft während dieser Zeit auch zahlreiche handschriftliche Werke mit ungeheurem Interesse gelesen uDd weitelgegeben. Es entwickelte sich eine reiche Pamphletliteratur. Die Presse war in Bussland zwar unterdrückt, aber die öffentliche Meinung begann zu erwachen und konnte nicht mehr beruhigt werden. Als 1861 die Bauernbefreiung wirklich kam, befriedigte sie weder die radikalen, noch die liberalen Exeise Busslands. Die starke Gärung, dit damals die russische Gesellschaft erfasst hatte, fand ihren Ausdruck in ungeheuren Studentenunruhen zu Petersburg, Moskau, Kiew und Kasan. Innerhalb der Gesellschaft selbst trat eine Spaltung ein: der eine Teil blieb dem Elonstitutionalismus treu, der andere, dem hauptsächlich klassenlose Elemente angehörten, hatte kein Vertrauen zum Adel und neigte zu einer radikaleren Taktik. Vertreter dieser Bichtung hofften, im Volke eine Stütze zu finden. Die Intelligenz, die schon im 18. Jahrhundert das Banner dtr Bauernbefreiung erhoben hatte, sammelte sich in den sechziger Jahren um ein neues Banner, das Banner des Sozialismus. Der Sozialismus konnte nur daim zu einer Massenbewegung werden, als in enormen Mengen ,i^^ Klassenlose erschien", wie sich AGchajlowski ausdrückt. In jener Zeit ist auch das Wort „Intelligenz" zum erstenmal ausgesprochen worden. Die soziale Grundidee war die Idee Herzens: „das Bauerntum ist berufen, den modernen Staat durch eine Föderation von Gemeinden zu ersetzen". Unter den sogenannten ,, sechziger Jahren" versteht man in Bnssland die Zeitpenode zwischen 1856 und 1866 bis 1868. Sie lässt sich in zm Perioden einteilen: zuerst bis 1861 eine Zeit übertriebener Hoffnungen. Da glaubten alle und erwarteten eine mögliche Besserung der Lage. ,:Du hast gesiegt« Galiläerl" rief Herzen in seinem Briefe an Alexander H., nach- dem sich der Zar öffentlich für die Aufhebung der Leibeigenschaft ausge- Die roBsiBclie Gesellschaft. 117 sprochen hatte. Die Worte Herzens spiegeln die Hoffnungen de^ ganzen rassischen Gesellschaft wieder. Dann kam aUmahlich die Enttäuschung, man hörte auf, „den guten Absichten der Regierung, mit denen die Hölle ausgepflastert ist" (wie sich Tschemyschewski ausdrückt), Vertrauen zu schenken. 1861 kam die Bauernbefreiung, sie befriedigte niemand und trieb die russische Intelligenz auf die Bahn der Revolution. Nun beginnt die zweite Periode der sechziger Jahre: Die Reform von 1861 wurde unter starkem Einfluss der reaktionären Hofkreise und der Bureaukratie aus- gearbeitet; ihr reaktionärer Charakter kam besonders klar bei der Schaffung der Semstwos an den Tag. Der Beginn der zweiten Periode der „sechziger Jahre" wird durch den berühmten Aufruf von Michajlowski „An die junge Generation" markiert. Es folgte eine Reihe von Aufrufen zum Aufstand im Namen „des Bodens imd der Freiheit". 1863 erschien das Organ „Boden und Freiheit", das die Interessen des Volkes in den Vordergrund stellte. Äussere Umstände hemmten jedoch die Bewegung: 1863 — 64 wurde der polnische Aufstand blutig unterdrückt, und die Tätigkeit der Regierung änderte ihre Richtung. 1864 begann eine speziell gegen die Gesellschaft „Boden und Freiheit" gerichtete Verfolgung, die 1866 mit der Aufhebung derselben endete. In- zwischen kam auf der Basis einer liberalen Reform des Gerichtswesens eine Art Versöhnung zwischen Regieruiig und der liberalen Gesellschaft zustande, und der revolutionäre Teil der russischen Intelligenz blieb vollständig isoliert. Das Attentat des Studenten der Moskauer Universität, Earakosow, gegen' den Zaren Alexander II. (am 4. April 1866) war der letzte Versuch des aktiven Auftretens dieser revolutionären Gruppe. Auf das Attentat folgten Repressalien gegen die Gesellschaft und die Literatur. Karakosow wurde gehängt imd seine ,. Anhänger" — Mitglieder des Studentenzirkels, dem er angehört hatte — wurden schwer bestraft, obwohl sie in keiner Weise zum Attentat in Beziehung standen und auch keine aktive Tätigkeit be- trieben; für ihre Gedanken wurden sie gerichtet. Das Ende der sechziger Jahre ist die Epoche der Herrschaft des weissen Terrors. Die intellektuellen Kreise stehen während dieser Zeit unter dem starken Einfluss der Ideen von Herzen, Tschemyschewski, Dobroljubow und Pissarew. 1861 hat der Einfluss Herzens seinen Höhepunkt erreicht. Später ersetzt ihn Tschemy- gcbewski, der geistige Führer des russischen Sozialismus. Tschem3rschewski vertiefte die Ideologie der Volkspartei, indem er hauptsächlich den Unter- schied von Nation und Volk betonte — zweier Begriffe, die in den Theorien der Slawophilen oft verwechselt worden sind. Für Tschemyschewski ist der Wohlstand des Volkes ein wichtigerer Faktor als der Reichtum der Nation, und er sieht die Grundlage dieses Wohlstandes im Wohl der einzelnen Persönlichkeit. Es gibt für ihn nichts, was wertvoller wäre, als die menschliche Persönlichkeit. Die Gemeinde hält 118 Boflsland. er für dm einzig mögliohe Kristallisationszentrum des zukünftigen sozialen Staates. 1862 wurde Tschemysohewski verhaftet und musste iss Exil gehen. ^861 starb im. Alter von 24 Jahren ein anderer Ideologe der Volks- partei — Dobroljubow — ein heftiger Gegner des geistigen Kleinbürger- tums und in seinen Werken ein Verfechter der Rechte der menschlichen Persönlichkeit. Er betätigte sich als Publizist und schrieb Kritiken über verschiedene literarische Werke, wobei er stets das soziale Gebiet bdiandelte. Sein frühzeitiger Tod veriünderte ihn, seine Weltauffassung als geschlossene? Sjmtem zu formulieren. Dobroljubow ist der Vermittler zwischen den beiden Perioden der sechziger Jahre, zwischen Tschemjmchewski und Pii- sarew, dem geistigen Leiter der zweiten Hälfte der sechziger Jahie. Die Forderung einer allseitigen Entfaltung der menschlichen Peisön- lichkeit, die Tschemyschewski und Dobroljubow aufgestellt hatten, wird bei Pissarew zum Ultra-Individualismus. In seinem Streben nach der Eni- Wicklung des Subjektiven kennt Pissarew keine Grenzen. „Weg mit dem Ideal!" so lautet der Kampfruf der Ultra-Individualisten der sechziger Jahre. Die Nachfolger von Pissarew, die sogenannten „Nihilisten", gingen noch weiter und gerieten in eine Falle, aus der es keinen Ausgang gab. Pissarew selbst hatte noch zugegeben, dass die Persönlichkeit die Gesell- schaft nicht ausschliesst, dass beide einander gegenseitig unterstützen können. Nur durch Schaffung eines denkenden Proletariats kann nach seiner Meinung die soziale Frage gelöst werden. Ohne es selber zu merken, ist der extreme Individualist Pissarew in der Ästhetik zum Gegner des Individualismus geworden: „Weg mit der Ästhetik, weg mit aUen Seiten der Kultur, welche die Hauptfrage, wie man den Hungrigen satt macht. nicht beantworten," ruft er aus. Ein Teil der russischen Intelligenz liess sich durch Pissarews Ideen hinreissen, und die zweite Periode der sechziger Jahre beginnt mit dem Aufblühen seiner Theorien und dem Nihilismus. Der Nihilismus führt, wie bereits bemerkt die ganze Theorie ad absurdum: die Persönlichkeit wird ihm zu einem Fetisch, unter dem das eng-egoistische ,Jch" verstanden wird. Die Theorien von Pissarew und deren extreme Weiterentwicklung durch die Nihilisten musste imvermeidlich eine Reaktion hervorrufen. Mit einer solchen beginnen auch tatsächlich die siebziger Jahre. Der Übergang zu einer neuen Periode ist durch das Erscheinen der berühmten „Histori- schen Briefe" von Lawrow gekennzeichnet. Lawrow tritt mit der Predigt des Kampfes der kritisch denkenden Persönlichkeit für die Ideale der physischen, moralischen imd geistigen Ent^cklung des Menschen ein. Bi^ Interessen der Persönlichkeit müssen alles beherrschen, wenn sie auch mit den Interessen der Gesellschaft eng verknüpft sind. Die Theorien der Volks- I)artei in den siebziger Jahren zeigen eine Verbindung des höchsten Indivi- dualismus mit dem sozialen Bewussteein. Lawrow betont besonders die Die roBsiBche Gesellsohaft. * 419 gegenseitige Beeinflussung der Persönlichkeit und der Umgebung, in der die Persönlichkeit sich befindet. Andererseits merkt man in den Reihen der russischen Intelligenz der siebziger Jahre eine starke Neigung zum wissenschaftlichen Anarchismus. An der Spitze der russischen Anarchisten steht die mächtige Gestalt M. Bakunins. Bakunin vertrat die Idee der Notwendigkeit einer praktischen Umgestaltung der herrschenden Ordnung auf dem Wege eines mit Gewalt durchgeführten sozialen Umschwunges. Er verwarf die Diktatur des Prole- tariats, wollte sie sogar als Übergangsstadium nicht anerkennen. Sein Nachfolger Netschajew führte Bakunins Plan mit allen logischen Konse- quenzen weiter aus und kam zum Schluss, dass schonungslose Vernichtung alles Bestehenden notwendig sei. Der Prozess gegen Netschajew fällt in den Anfang der siebziger Jahre. Dieser Prozess machte grosses Aufsehen: Netschajew wurde des Mordes angeklagt, er sollte einen Studenten der volkswirtschaftlichen Akademie — Iwanow, — den er des Verrates ver- dächtigt hatte, ermordet haben. Es gelang Netschajew, ins Ausland zu entfliehen. (Die Tätigkeit Netschajews und die Ermordung Iwanows gaben Dostojewski den Stoff zu seinem Boman „Dämonen", in welchem er als Gegner der revolutionären Bewegung auftritt.) Mittlerweile bildeten sich innerhalb der russischen Intelligenz drei Strömimgen: ihr grösster Teil, vor allem die junge Generation, folgte den Theorien Bakunins, einen kleineren Teil bildeten die Anhänger von Lawro w, endlich entstand noch eine dritte Gruppe, der sich slawophil gesinnte Mit- glieder der Semstwos anschlössen. Sie waren Anhänger der Monarchie, verlangten aber eine lokale Selbstverwaltung: sie hatten unter dem zu- nehmenden Drucke der Reaktion bereits das Anormale in der Lage des Semstwo erkannt. Die Lawristen stellten soziale Fragen in den Vordergrund. Sie be- mühten sich, Arbeitervereine zu organisieren zum Zweck einer Zusammen- fassung aller Kräfte bei der Schaffung einer neuen sozialen Ordnung, die auf den Ruinen der alten errichtet werden sollte. Ihre Grundidee war die, dass die Umbildung der Gesellschaft nicht nur für das Volk, sondern auch durch das Volk geschehen müsse. Seit 1873 begann die mächtige Bewegung der Lawristen und Bakunisten ,.ins Volk''. Junge Leute aus intellektuellen Kreisen begaben sich im Laufe der Jahre 1873 — 75 massenhaft aufs Land, ins russische Dorf. Die Baku- nisten verfolgten dabei Agitationszwecke, die Lawristen lediglich Propa- gandazwecke. Sowohl die einen als die andern waren von einem reinen ideahstischen Enthusiasmus, ähnlich dem religiösen Enthusiasmus, ge- trieben und waren fest davon überzeugt, auf diesem Wege eine soziale Um- wälzung durchsetzen zu können, die nach ihrer Auffassung viel wichtiger als die politische Umwälzung war. Sie glaubten an die Möglichkeit diner 120 RoBBland. mächtigen revolutionären Armee, glaubten, durch Propaganda ihrer An- sichten alles erreichen zu können. Doch das russische Dorf \¥ar damals nicht reif genug, um ihre Theorien zu erfassen. Alle Bemühungen in dieser Rich- tung blieben vergeblich . Die jungen Leute mussten sch\irere Enttauschungt e erleben. Und überdies inszenierte die Regierung grausame VerfolgungEL gegen sie. Die Folge davon war die, dass Leute, die zur friedlichen Propa- ganda entschlossen gewesen waren, nunmehr auf die Stimme ihrer anders gesinnten Genossen horchten, den friedlichen Weg verliessen und sich zum aktiven terroristischen Kampf gegen die herrschende Ordnung und die einzelnen Machthaber bekehren liessen. Micha jlowski war einer der eistezL der die Zusammengehörigkeit des politischen und sozialen Kampfes an- erkannte. Die Kämpfenden gingen jetzt zu einer neuen Taktik über: hei Verhaftungen leisteten sie Widerstand und unternahmen Attentate gegtn die Vertreter der Regierung. Die Regierung ihrerseits stellte im lAufe eines Jahres 770 Personen vor Gericht; davon wurden 193 im bekannten „Prozess der 193'" verurteilt, während die Gesamtzahl der Angeklagten 3800 erreichte. Eine künstlerische Darstellung dieser Epoche finden wir in den Werken von Turgenjew. Li Basarow („Väter und Söhne") gibt Turgenjew den Typus eines Nihilisten, der vielleicht nicht ganz extrem, ja auch etwas idealifiert, aber doch naturgetreu und lebendig ist. In der „Neuen Generation" ver- suchte Turgenjew das Bild der Bewegung „ins Volk" zu geben. Wie lebendig sehen wir in diesem Werke die verschiedenen Vertreter der da- maligen Jugend vor unseren Augen auftauchenl Nur der ideale VertieUr der Richtimg — Ssolomin — ist dem Autor misslungen. Er ist steif und leblos. Dostojewskis Schilderung der Epoche in seinen „D&monen" ent- behrt der Objektivität: er zeigt nur die Schattenseiten der revolutionären Bewegung. Sein Held — Peter Wjerchowenski — der den Anarchisten Netschajew darstellen soll, ist beinahe karikiert. Mit 1878 beginnt die sogenannte zweite Hälfte der siebziger Jahre. Die Konzentrierung der Kräfte im politischen Kampfe bahnte sich an. Die Extremen der Volkspartei, die zum Verband „Semlja i Wolja" (Boden und Freiheit) gehörten, fühlten, dass sie sich die Möglichkeit der praktischen Durchführung ihrer Ideen sichern mussten. Sie hielten aber diese Sicherang nur auf dem Wege des politischen Kampfes für erreichbar. Eine andere Gruppe der Volkspartei blieb bei der Arbeit imter der Dorfbevölkerung. Endlich sonderte sich aus der Mitte der Volkspartei die Gruppe der Marxisten aus, die in den Kreisen des städtischen Proletariates zu arbdten begannen, und 1879 beim Kongress der Partei „Boden und Freiheit" fand eine end- gültige Spaltung zwischen den Terroristen und den Gegnern des Terrors statt: die Terroristen bildeten die Partei der Volksfreiheit („Naiodnaja Wolja"), die Antiterroristen die Partei des sogenannten ».Tsohemyj Pe- Die ruflsiBche GeseUschaft 121. redjer' (Sch'warze Neuverteilung d. h. Neuverteilung des Bodens an die Bauern). Der nicht offizielle Ideolog der Terroristen war Micha jlowski. Gleichzeitig organisierten sich auch radikale Elemente des Semstwo. Sie knüpften Beziehungen mit den extremistischen Parteien an und ver- suchten sie zum Verzicht auf den Terror zu bewegen. Der Versuch misslang. Nun beschränkten sie sich auf die Schaffung einer „Liga der oppositionellen Elemente" zum Zwecke der Agitation innerhalb der Semstwos und kämpften für die Wort- und Pressfreiheit, die Unantastbarkeit der Persönlichkeit und die Einberufung der konstituierenden Versammlung. Sie konnten jedoch nichts erreichen. Schon mit dem Jahre 1878 betraten die extremen Parteien den Weg des Terrors. Als einer der ersten wurde am 4. August 1878 der Chef der Gendarmerie, Mesenzew, der grosste Feind der Revolutionäre, von Stepnjak- Krawtschinski in einer Strasse von Petersburg ermordet (Ejra wtschinski entfloh ins Ausland). Die terroristische Bewegung gewann immer grösseren Umfang. Ein Attentat folgte auf das andere, und die erschreckte Regierung wandte sich an die Gesellschaft mit der Bitte, ihr im Kampfe beizustehen. Eine Reihe von Semstwos erklärte sich für bereit, dies zu tun, andere be- schlossen« den Zaren über die schwere Lage des Volkes aufzuklären und ihn um die Einberufung des Semski j Ssobor zu bitten. Um diesen Preis waren sie, die meistens wohlhabenden Erlassen angehörten, bereit, am Kampfe mit den extremen Parteien teilzunehmen. Am 5. Februar 1879 fand eine Explosion im Winterpalast statt, die durch die „Narodnaja Wolja" veranlasst war. Der Zar blieb nur durch Zufall unverletzt. Am 2. April des gleichen Jahres gab ein Mitglied der gleichen Partei — Ssolowjew — Revolverschüsse gegen Alexander II ab. Dieses Attentat rief nun eine ganze Reihe von Repressalien hervor, und eine grosse Erbitterung bemächtigte sich der Kämpfenden. Die Narodnaja Wolja widmete sich von da an einer ausschliesslich terroristischen Tätigkeit. Nur auf diesem Wege erhoffte sie die Verwirklichung ihrer Ideale zu er- reichen: die Einberufung einer vom ganzen Volke erwählten konstituieren- den Versammlung, welche allein imstande war, eine Staatsverfassung aus- zuarbeiten und die Übergabe des Bodens an das Volk, sowie die Verstaat- lichimg der Erwerbsmittel durchzuführen. Die Partei beschloss, die Gewalt an sich zu reissen und die Volksvertreter zusammenzurufen. Die Regierung verlor seit der Explosion im Winterpalast den festen Boden unter den Füssen; einerseits unterdrückte sie schonungslos die revolutionäre Be- wegung, suchte aber andererseits die Gesellschaft durch neue Reformen zu beruhigen. An die Spitze der Regierung wurde Loris-Melikow gestellt mit unumschränkten Vollmachten. Das war die sogenaimte „Herzensdiktatur". Die Gesellschaft begrüsste das Vorgehen der Regierung und löste sich noch mehr von den extremen Elementen. Verschiedene Projekte einer Konsti- 122 Rassland. tution entstanden. Die Slawophilen I. und K. Aksakow sprachen ach f lir die Monarchie mit Volksvertretung aus. Der Verband der Semstwos ver- fasste das Projekt einer Föderation mit zwei Kammern an der Spitze. Eint- weitere Gruppe von Semstwo-Mitgliedem spraoh sich für die konstitaiereade Versammlung aus. Loris-Melikow konnte sich nicht für die Konstitution entschliessen. war sich jedoch bewusst, dass das Verbleiben bei der Reaktion ein Insinn sei. Er wählte daher einen Mittelweg, den Weg der Repressalien gegen die Extremisten und einer g&wissen Nachgiebigkeit gegenüber der Gesellschaft. In seiner absolut unkonstitutionellen „Konstitution" beschränkte er sieh auf die Schaffung einer neuen bureaukratisohen Einrichtung, der soge- nannten „Allgemeinen Kommission", an der wiederum die gleichen Beamten und eine Anzahl gewälilter Vertreter der städtischen Dumen und der Semstwos vertreten waren. Diese zweideutige Politik nahm ein tragisches Ende: Alexander II. wurde am 1. März 1881 von einer Bombe totlich verwundet. Das Attentat wurde von einem Mitglied der Narodoaja Wolja, Ryssakow, ausgeführt und machte einen überwältigend starken Eindruck. Am 12. März richtete das Exekutivkomitee der Narodnaja Wolja an den jungen Zaren Alexander m. einen Brief, in welchem es die traurige Lage des Landes schilderte und die Ursachen aufzählte, die die Elntstehung der extremen Parteien bedingt und zur Katastrophe vom 1. März geführt hatten. Der einzig mögliche Ausweg aus den Schwierigkeiten sei die frei- willige Übertragung der Obergewalt an das Volk. Die ganze Kraft der Narodnaja Wolja war auf den Kampf gegen äussere Hemmungen konzen- triert. Der endgültige Ausgang des Kampfes mit der Regierung hing nach ihrem letzten Schlag nicht mehr von der Partei ab : die Entscheidung musste vom Volke und von der Gresellschaft kommen. Das Volk blieb jedoch bei seinem Schweigen. Die Gresellschaft gab auch keine Sympathiebezeugangen. Somit musste auch der Kampf gegen die Regierung mit einer definitiven Niederlage der Narodnaja Wolja enden. Die bedeutendsten Mitglieder der Partei wurden entweder hingerichtet (zu diesen gehörten Scheljabow, Perowskaja, Eabaltschitsch, Helfmann und Ryssakow) oder zu Zwangs- arbeiten verurteilt. Mit der Niederlage der revolutionären russischen Intelligenz schliessen die siebziger Jahre, die Zeit der höchsten Entfaltung des soziologischen und ethischen Individualismus. Der Hauptvertreter des Individualismus auf dem sozialen Gebiete war Micha jlowski, auf dem ethischen die beiden grossen russischen Schriftsteller L. Tolstoj und Dostojewski. In den Werken dieser Männer finden die siebziger Jahre eine gewaltige Verköiperang. Gegen Ende dieser Periode erreicht der ethische Individualismus gerade in Tolstoj und Dostojewski eine ungeahnte Wucht und Tiefe« Bei keinem Die rnsslBohe GteselLsohaft. }23 anderen Sobriftsteller besitzt dieses Problem eine solche Tiefe wie in den Werken von Dostojewski. Wir können seine Entwicklung verfolgen, wie sie von den „Memoiren aus dem Erdgeschoss'' über die „Schuld und Sühne" zum „Grossinquisitor'' (in den „Brüder Karamasow") verläuft, um hier die endgültige Fassung zu finden. Der Mensch wird hier als Zweck, nicht als Mittel aufgefasst, die menschliche Persönlichkeit besitzt ihren absoluten ethischen Wert. Dostojewski ist vom Slawophilentum «ausgegangen, er hat von diesem nicht bloss den ethischen Individualismus, sondern auch die Ideen des Anarchismus aufgenommen, dessen Vertreter er war, ohne sich dessen bewusst zu werden. Die mystisch-romantischen Grundlagen seiner Weltanffassung ermöglichten ihm die Verbindung des Anarchismus mit einer reaktionären Stellungnahme in politischen Fragen. Seit seiner Bück- kehr aus Sibirien empfand er eine unüberwindliche Abneigung gegen den Sozialtsmus, der für ihn der Unterdrückung der Persönlichkeit gleichkam. Neben Dostojewski hatte auch Tolstojs Lehre in dieser Zeit die grosste Bedeutung, insbesondere deren moralische und religiöse Grundlagen. Seit den fünfziger Jahren beginnt die innere Entwicklung Tolstojs und erreicht in den achtziger Jahren ihren Höhepunkt. Auch Tolstoj geht von der Be- kämpfung des geistigen Kleinbürgertums aus. Er beginnt mit der Verteidi- gung des Individualismus, weicht aber im Laufe seiner Tätigkeit mehrmals davon ab in der Richtung des Anti-Individualismus, der zum Beispiel in einem der Helden von „Anna Karenina'', in Lewin, zum Ausdruck kommt. Im Leben Tolstojs folgt wie in seiner Schriftstellertätigkeit ein Umschwung auf den anderen. Seine Theorien arbeitet er für sich allein aus, erst die Tolstojaner machten daraus ein Schema für die Allgemeinheit. Dank seinem ethischen Individualismus gewarm Tolstoj für die achtziger Jahre grosse Bedeutung. Er ging da mit Dostojewski Hand in Hand. Nur Tolstojs Theorie des Nichtwiderstehens dem Bösen wurde von Dostojewski aufs schärfste kritisiert. Auf die Periode der höchsten Entfaltung aller Seiten des Individualis- mus folgt eine Zeit des lichtlosen geistigen Kleinbürgertums. Nach der schrecklichen Niederlage der Narodnaja Wolja sucht die revolutionäre Intelligenz zum Teil auch auf neue Wege zu gelangen. Es ist die Ent- stehungszeit der sozialdemokratischen Bewegung auf russischem Boden. Im Jahre 1882 wird die revolutionäre Gruppe der „Schwarzen Neuvertei- Imig" zur rein maridstischen Gruppe der „Befreiung der Arbeit" mit Plechanow an der Spitze. Die Regierung betrat inzwischen den Weg der miverhohlenen Reaktion und verzichtete auf jede Spielerei mit dem libera- lismus. Die offiziellen Ideologen dieser Zeit sind der Oberprokuror des Synods — Pobjedonoszew — und der begabte Publizist Katkow, Redaktor des reaktionären Blattes „Moskowskija Wjedomosti". Ihnen schliesst sich als Vertreter der Exekutivgewalt der Minister Graf Dimitrij Tolstoj an. 124 Rnfisland. Die achtziger und der Beginn der neunziger Jahre sind für Bussland die 2«eit der schlimmsten Reaktion. Im Jahre 1894 wurde die Narodnaja Wol}ä endgültig unterdrückt. Die Tätigkeit der Semstwos wurde in jeder Be- ziehung gehemmt. Für die weiteren Kreise der russischen Gesellschaft sind die achtziger Jahre eine 2ieit der Vorherrschaft des geistigen Kleinbüi;^r tums. Die Regierung stösst jetzt nicht mehr auf einen Widerstand tod Seiten der Gresellschaft wie unter Nikolaus II. Die Intelligenz lost sid: allmählich auf und scheint nicht mehr imstande zu sein, die Gesellschaft aus dem Zustand der immer grösser werdenden Apathie zu rettea. Die Stimmen der wenigen, die noch den Kampf fortsetzen, klingen von den Seiten vereinzelter Zeitschriften wie Stimmen in der Wüste. Zu den be- deutendsten Schnftstellem dieser Richtung gehören Schelgunow, Sealtv- kow-Schtschedrin und Micha jlowski; ihre Werke leuchten wie seltene Feuerfunken in der Knstemis auf. Der „Mensch im Futteral" von Tsche- chow ist das Symbol der Intelligenz dieser Zeit. Die EJassenlosen, die während den sechziger Jahren in die russische Gesellschaft eindrangen und die Mehrzahl der Intellektuellen bildeten, kämpften in dieser Zeit gegen die Versuchungen der kleinbürgerlichen Ideologie, oft blieben sie im Kampfe Sieger, zuweilen jedoch unterlagen sie auch. Dieser innere Kampf ist in den Romanen von Pomjalowski „Das kleinbürgerliche Glück" und „Molo- tow" besonders schön geschildert. Pomjalowski wird in diesen Werken zum Satiriker wider Willen, der alle Schattenseiten des Kleinbüigertums entschleiert. In dieser Zeit verschwindet fast spurlos der „Geist des Pro- testes". „Lebendige ha Iten sich still in den Gräbern ; Tote sind eigenmächtig aus den Gräbern auferstanden und wandern knochenklappemd auf den Plätzen umher. Die Hexerei der Friedhöfe hat das lebendige reale Leben ersetzt" — so charakterisiert der Satiriker Ssaltykow (der unter dem Pseudonym „Schtschedrin" schrieb) diese Epoche. , Die geniale Satire Ssaltykows, der bereits unter Nikolaus 1. zu schreiben begann, umfasst die ganze russische Gesellschaft, das ganze russische Leben, lässt in demselben keinen Flecken „unbespuckt", wie Dostojewski, der Ssaltykow nicht liebte, sagt. Die Regierung, die auftauchenden Favoriten des Hofes, die Aristo- kratie, das Beamtentum von den obersten bis zu den untersten Stufen, der Kleinadel, die Geistlichkeit, der Kaufmannsstand, die nach der Bauern- befreiung auftauchende Gruppe der Wucherer aus den untersten Volks- schichten, die Liberalen, das verkrüppelte Semstwo, die Pfleger des Russen- tums — alles wurde mit ätzender Kritik angepackt, heruntergerissen und schonungslos gegeisselt. Viele Redewendungen des grossen Satirikeis sind in Russland sprichwörtlich geworden, die Namen seiner Helden, die Bei- namen, die er ihnen gab, wurden zu Gattungsnamen. Die strengste Zensur war gegenüber der unvergleichlichen künstlerischen Vollkommenheit seiner „Äsopischen Sprache" (wie er sie selber nannte) machtlos. Selbst wenn Die rossisohe GeseUschaft. 125 er gegen das Allerheiligste — die Autokratie — mit seinen vernichtenden Schlägen ausholte, war die Regierung zum Schweigen gezwungen, denn es wäre ein aUrussischer Skandal geworden, wenn sie durch irgendeine Äusse- rung bescheinigt hätte, dass sie die gegen sie gerichteten Satiren „erhalten habe''. Die durch den Despotismus gequälte Intelligenz schöpfte Atem beim Lesen der Werke Schtschedrins; ohne ihn wäre das Leben in dieser Epoche geistiger Finsternis unerträglich gewesen. Li den siebziger Jahren richtete Ssaltykow seine Satire hauptsächlich gegen den gemässigten, korrekten kleinbürgerlichen Liberalismus, wie auch gegen jede andere Äusserung des geistigen Kleinbürgertums. Er bekämpfte jenen flachen Liberalismus, dessen Devise lautete: „Man muss das ,Nötige'«tun — dies ist die ganze Aufgabe". Das war Katkows, des reaktionären Publizisten, Ideal, ein Ideal, welches von Micha jlowski folgendermassen geschjldert wird: „Eine trostlose, grenzenlose Wüste, ein allgemeines Schweigen, in welchem nur selten Kufe: Zu Hilfe! Halt! Hurrah! ertönen". Ssaltykow spricht sich zu diesem Ideal folgendermassen aus: „Das Denken ist nicht erlaubt! Ein guter Sohn seines Vaterlandes ist verpflichtet, die vorge- schriebenen körperlichen Übungen auszuführen, ausserdem sich zu sättigen, zu verdauen und auszusondern. Jedermann, der den Versuch macht, zu denken, wird zum Helfershelfer, zum Hehler und zum Mitschuldigen der bösen Absichten ..." „Werden wir denn tatsächlich bei diesen Schweine- staUidealen verbleiben?" fragt er sich an einer anderen Stelle. Und die Predigt der damaligen liberalen „Sahneabnehmer", die zur Versöhnung mit der Wirklichkeit ermahnten, konnte nicht richtiger definiert werden. Ssaltykow stellte die Liberalen seiner Zeit in dem boshaft scharfsinnigen Märchen ,,Der Liberale" nur zu richtig dar. Seiner politischen und sozialen Weltauffassung nach stand Ssaltykow unter dem Einfluss von Michajlowski. Beide Männer waren unermüdlich im Kampfe gegen das geistige Kleinbürgertum — es waren die letzten Männer der siebziger Jahre. In die Übergangszeit zwischen den siebziger und den achtziger Jahren fällt die literarische Tätigkeit Korolenkos, der sich durch seine besondere Liebe und durch grosses Verständnis für das russische Volk kennzeichnet. Charakteristisch für diesen Zug seiner überaus sympathischen Schrift- stellerindividuaUtät ist die reizende Erzählung „Die Sonnenfinsternis". Korolenko kennt das russische Volk so gut, dass er den Mann aus dem Volke geradezu zum Helden seiner epischen Erzählimg „Ohne Zunge" macht. Meistens ist der Schriftsteller aber selber der Hauptheld seiner Werke. Seine innere Entwicklung spiegelt sich in seinen Werken. Ihre ersten Etappen sind in der „Geschichte meines Zeitgenossen" gegeben, die das Bild seiner Jugendjahre gibt. Von dem später durchlebten Kampf der realistischen und der romantischen Weltauffassung erzählt er in der Novelle 1 26 Bonland. „Von zwei Seiten". Nach dieser inneren Krise tritt Korolenko geheilt und tatkräftig ins Leben ein. In seinen Werken finden wir sehwänneiucbe Romantik verbunden mit vollem Verständnis für die Schattenseiteii der realen Existenz. Korolenko gehört zu den seltenen russischen Schriftstellern, die audi das religiöse Leben des Volkes schildern, insbesondere auch das Sektieier- wesen. Er kennt sehr wohl die Grosse der Kluft, welche die russische Litelligenz vom russischen Volke trennt und ist hierin der richtige Yolks- schrif tsteller, der sein Volk versteht und bei den Gebildeten ein ähnliches Verständnis für das Volk entwickeln möchte, wie er selber es hat. !Nicht nur als Schriftsteller hat Korolenko gewirkt. Ein innerer Drang nach Gerechtigkeit zwang ihn oft zu rein publizistischem Auftreten. Mutig be- kämpfte er die Ungerechtigkeiten des russischen Alltagslebens und wurde dafür dann auch nach Sibirien verbannt, von wo er im Jahre 1885 zurück- kehren durfte. Seit seiner Bückkehr war er das verkörperte Gewissen der russischen Gesellschaft. In der trostlosen Finsternis der achtziger Jahre leuchtet als zv^eites Licht das erstaunliche Talent Tschechows. Tschechow war im Grunde genommen auch ein Satiriker seiner Zeit. Seine kleinen Novellen scMIdem vorzüglich alle Schattenseiten des geistigen Kleinbürgertums. Er geht aber noch weiter und behandelt die gesamte' menschliche Existenz als das „Drama des geistigen Kleinbürgertums". Auf dem Boden des Kleinbüiger- tums müssen jene Angst vor dem Leben und jene Freude am Sterben ent- stehen, die so deutlich aus den Schlussworten von Sonja im Drama „Onkel Wanja" sprechen. In seinem Pessimismus ist Tschechow ein Kind seiner Zeit. Doch ist seine Weltauffassung tief und umfassend : er glaubt an den Fortschritt, und dieser Glaube rettet ihn. Belege dafür sind die Worte seiner Helden (Aßtrow in „Onkel Wanja", Wersohinin imd Tusenbach in den „Drei Schwestern"), die von der Schönheit des Lebens in der Zukunft reden. Doch bleibt Tschechow Pessimist : seine Hoffnungen beziehen sich auf eine entfernte Zukunft. Da er aber die menschliche Peraönlichkeit ziemlich hoch einschätzte, konnten ihn solche Hoffnungen nicht befriedigen. Man findet a uch in den Werken aus dem letzten Dezennium seines Schaffens Spuren einer inneren Spaltung. Zuletzt kommt er zu dem abstrakten Schluss, das Leben muss schon jetzt schön sein. Sein Nachfolger Gorki versuchte diesem Schluss die lebendige Gestaltung zu geben. Der Anfang von Gorkis Tätigkeit fällt zwischen die achtziger und die neunziger Jahre. in die Zeit, als die Gesellschaft nach der Periode des geistigen Schlafet erwachte. Gorki brachte einen frischen Hauch des Glaubens ans Leben und an die menschliche Kraft mit sich. Sein Optimismus steht in direktem Gegensatz zum Pessimismus der vorherigen Epoche. Er tritt als erster mit einer scharfen Kritik der Litelligenz auf, idealisiert das Proletariat und Die rossiflohe GeseUsohaft. 127 verehrt die starken Menschen. In seinen ersten Novellen ist Gorki extremer Individualist, verändert jedoch bald seinen Standpunkt und beginnt auch Schattenseiten des Individualismus hervorzuheben. Sein „Bossjak ' (der Barfüssler, Vagabund) ist dieVerkörperung eines Lebensideals, das dem Kleinbürgertum entgegengesetzt ist und hat deshalb typische Bedeutung. Der Bossjak ist der Typus des Menschen, der ewig nach etwas strebt, nach etwas Besserem sucht und keine Ruhe kennt — ein üniversaltypus, der sich auf dem Hintergrunde des Kleinbürgertums in leuchtenden Farben abzeichnet. Wir treffen ihn in vielen Helden Gorkis verkörpert, insbe- sondere in seinem „Foma Gordjejew"'. Später beginnt Gorki auch die Schwachen zu verteidigen (Luka im „Nachtasyl'') und kommt schliesslich zur völligen Nivellierung der lebendigen Persönlichkeit im abstrakten „Menschen". Leider hat Gorki die anti-individualistische Bichtung noch immer nicht verlassen und berührt sich darin mit dem ihm so verhassten geistigen Kleinbürgertum. In der letzten Zeit hat er sich die Theorien des Marxismus angeeignet, die in der russischen Intelligenz stark verbreitet sind. Die Gruppe der Marxisten bildete sich während den neunziger Jahren. Es kam damals zu einer Spaltung des radikalen Flügels der russischen Intelligenz. Ein Teil blieb dem Volkstum treu, der andere ging zum Marxis- mus über. *Der Kampf zwischen beiden Richtungen lässt sich in der Lite- ratur verfolgen. Der Hauptstreitpunkt war die Frage, ob Russlands Ent- wicklung ihre eigenen Wege gehen müsse oder nicht. Die Theoretiker der Volkspartei mit ihrem bedeutendsten Vertreter — Michajlowski — ant- worten auf diese Frage mit Ja, die Antwort der Marxisten ist: Nqin. Die theoretischen Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern beider Jlich- tnngen weckten die russische Intelligenz, die in die Träume des geistigen Kleinbürgertums versunken war, und die Hungersnot, die im Jahre 1891 den grössten Teil Russlands heimsuchte, gab der Intelligenz den Anlass, sich wieder dem Volke zu nahem. Gleichzeitig war ein Erwachen innerhalb der Semstwos fühlbar. Bei der Thronbesteigung Nikolaus 11. baten die Semstwos um eine Konstitution. Der Zar beantwortete am 17. Januar 1895 die Bitten mit dem Verweis, man solle sich keinen „sinnlosen Schwärme- reien" hingeben, er selber werde die Autokratie zu beschützen wissen. Dieser berühmt gewordene Ausspruch wurde richtig verstanden, und die progressive Intelligenz wusste ihre Bedeutung nach Verdienst zu würdigen. Damit beginnt nun eine neue Epoche, jene Revolutionsepoche, die bis in unsere Tage hineinreicht. Die russische Revolution umfasst einen Zeitraum von mehr als zwölf Jahren (1905 bis 1918). Sie ist bis heute iioch nicht abgeschlossen. Vorbereitet wurde sie seit den ersten Tagen der Herrschaft Nikolaus 11. Ihre Darstellung gehört nicht mehr in diesen Aufsatz. 128 Bonland. ZoBammenfaseend können wir sagen, daes die Geschichte der niafflscheo Intelligenz im Laufe des XIX. Jahrhunderts die Geschichte eines Kampfe» für die Freiheit der Persönlichkeit und das Wohl des Volk^ ist — dnes E^ampfes, welcher mit ungeschwächter Energie geführt wurde und in welchem die besten ILräfte der russischen Intelligenz sich aufrieben. P. Stepano 5. Die Arbeiterbewegung in Russland (Kononow). 6. Die Kooperation (Kononow). 7^ Die Staatsverfassung des altenRusslands und die Reichsduma (K. Ssiwkow). 8. Die Revolution vom Jahre 1917 (FedorowJ. 9. Pädagogik und Schulwesen in Russland (N. Ru- mjanzew). 10. Die russische Frau (N. Oettli-Kirpitschnikowa). 11. Die russische Gesellschaft (P. Stepanowa). Die Redaktion behält sich das Recht vor, Veränderungen in der liei^ angegebenen Reihenfolge der Aufsätze zu treffen. Das Werk ist ein Buch russischer Autoren, das für nichtrussische Leser verfasst wurde. Es sucht die Wege für ein Verstehen der Eigenschaften und Eigenarten von Volk zu Volk zu ebnen und geht [lementsprechend nicht darauf aus, nur den gegenwärtigen Zustand Russlands zu schildern: es will vielmehr einen Einblick in die dem Fremden meist verborgenen Lebensprozesse dos grossen Landes geben, wie sich diese in seinem Schaffen und seinen Schicksalen widerspiegeln. Weder die Herausgeber noch die einzeln^M Autoren liessen sich dabei von irgendeiner gemeinsamen sozialen oder poli- tischen Tendenz leiten: was sie leitete, war die Hochschätzung der Eigenart der russischen Kultur und der Wunsch, einzelne Seiten derselben möglichst objektiv und vorurteilsfrei dem Nichtrussen dar- zulegen. Das ganze Werk wird zehn Lieferungen zum Preise von je 3. 50 umfassen, welche auch einzeln käuflich sind. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen, N • > ^v Die Pädagogik in Russland. Wenn man von Bussland redet, so hat man gewöhnlich an ihm viel zu tadeln, bringt seine Bückständigkeit auf dem Gebiete der Volksbildung zur Sprache und sagt verächtlich: „Ein barbarisches Land mit einer an£klphabeti sehen Bevölkerung, ohne Schule, ohne Aufklärung/' Auf be- sonders viel Geringschätzung trifft man seit Beginn des Krieges in der Literatur der Staaten, die Bussland bekämpfen. Da heisst es etwa: In Rusaland existieren fast keine Schulen, die Lehrer erhalten keine Vor- bildung, die Bevölkerung zählt bis zu 100% Analphabeten und dgl. mehr. Sogar der Wert der russischen Wissenschaft, Kunst und Literatur ist schon in Zweifel gezogen worden. Wir wollen absehen von einigermassen verständlichen Übertreibungen, die diktiert sind von der „guten Absicht", den Feind in möglichst schlechtem Lichte darzustellen und auf solche Weise bei der Bevölkerung eine besondere Abneigung gegen ihn zu wecken, aus der dann eine kriegerische Stimmung hervorgeht, müssen aber doch sagen, dass die Meinung über die ungeheure Bückständigkeit Busslands auf dem Gebiete der Volksaufklärung nur zum Teil richtig ist. Es steht uns nicht zu, die russische Wissenschaft zu verteidigen, da die Namen ihrer hervorragenden Vertreter auf allen Wissensgebieten europäischen Ruf haben und mit den Namen anderer Gelehrten in gleichem Bange stehen, wir verteidigen auch nicht die russische Literatur, die in ihren besten Bepräsentanten die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gelenkt hat, ebensowenig die russische Kunst, weder die reine Kunst, die überall in Europa Eingang gefunden und verdiente Bewunderung hervor- gerufen hat, noch das Kunstgewerbe, das in den Arbeiten einfacher Bauern durch Feinheit, Originalität und sorgfältige Ausführung in Erstaunen setzt. Dies alles wurde erreicht, obwohl die Bekanntschaft mit der russischen Literatur und Wissenschaft, und zum Teil auch mit der russischen Kunst für die übrigen Völker Europas dadurch bedeutend erschwert« wird, dass die Kenntnis der russischen Sprache sehr wenig verbreitet ist, bedeutend \iv'eniger als die der französischen, englischen, deutschen und sogar der italienischen imd spanischen Sprache. Um so schärfer müssen wir aber protestieren gegen den Vorwurf der „durchgehenden" Unbildung des rassischen Volkes, gegen die Meinung von dessen vollständigem Analpha- betentum, dem „ausserordentlich" niedrigen Niveau der russischen Schule und Volksbildung, In Wirklichkeit muss man sagen, dass die russische ErliBiann, Rusaland IL 9 130 Roflsland Schule, vollkommen objektiv und unparteiisch betrachtet, in vielen E Ziehungen ihren westeuropäischen Schwestern nicht nur nicht nactfvli sondern feie sogar übertrifft. Sie ist vor allem weit demokratischer orga- siert als diese : das russische Gymnasium erscheint tatsächlich sehr hau. als jene „Einheitsschule", nach der sich z, B. das deutsche Sdiul\rer sehnt, das in seinen Volks-, Bürger- und höheren Schulen die Scbäf!- der bevorrechteten Klassen sorgfältig von den Bocken der Plebejerkin«! scheidet. In den russischen Gynmasien dagegen, besonders in den Prov^: zialstädten, finden wir sehr oft, dass Töchter und Söhne höherer Beam*- und des besser gestellten Bürgerstandes mit Kindern von Köchinntr Lohnarbeitern, überhaupt der armen Bevölkerung zusammen unterrieb: werden. Den Armen \^ird, bei Vorhandensein eines gewissen Grades t Begabung, der Besuch der Schule auf Kosten der Stadtverwaltung, d Semstwo oder privater Stiftungen ermöglicht. Es gibt Gymnaßien. :: denen solche Kinder die Mehrheit bilden. Es ergibt sich daraus, dass d „Volk" im eigentlichen und weitesten Sinne des Wortes in Russland ein leichteren Zugang zu den Universitäten und technischen HochschiL^ gewinnt als anderswo, und wir sehen in der Tat, dass von den russiscl« Gelehrten, Literaten, Richtern, Beamten, gar nicht zu reden von d : Greistlichen, Ärzten usw., ein sehr grosser Prozentsatz tatsächlich aus d.i „Volke" hervorgegangen ist. Ferner steht die Bildung des weiblich Geschlechts in Russland keinesfalls tiefer, sondern allem Anschein il^' sogar höher als in den meisten übrigen Staaten: die grosse Anzahl höh :♦ Schulen für Mädchen, die zahlreichen Frauen mit Hochschulbildung h' überhaupt das geistige Niveau der russischen Frau, die ihren westeun ] '^ ischen Schwestern zuerst den Weg zur höheren Bildung gezeigt hat, bewc: ' dass die Frau durchaus befähigt ist, mit dem Alann Hand in Hand : gehen, sow'ohl auf dem Gebiet des Wissens, als auch in anderen Lch-^ Sphären, die über den Bereich der ,, Küche, Kleider, Kirche, Kinder'* ki ausgehen. Sogar die Organisation des „Lehrplans" in den russiscl • Gymnasien, Realschulen, Lehrerseminarien usw. kann ich, nachdem diese Einrichtungen in einigen westeuropäischen Schulen aus eig Anschauung kennen gelernt habe, offen gestanden, nicht schlechter fin als anderswo. Es ist allerdings wahr, dass in den russischen Schulen ki solche Gleichförmigkeit anzutreffen ist, vsiesiez. B. in Deutschland heiTj>cL wir finden deshalb auch in Russland nicht selten sehr schlechte Sohiii betriebe neben sehr guten. Im allgemeinen muss man jedoch sagen, ii- der Unterschied zwischen diesen beiden Schultypen in folgendem bestrlr dort herrscht Dressur, Einlernen, mechanisches Belehren durch gewiNS<' hafte Lehrer, die ihren Beruf oft handwerksmässig ausüben, hier — B- Wicklung, Bildung im erweiterten Sinne des Wortes, Erziehung duri Lehrer, die in methodischer Beziehung zwar weniger vorbereitet, dül^ 11 ' Die P&dagogik in BnsBland. \S1 aber mehr begeistert sind für den Beruf, in dem ihre ganze Seele aufgeht.^) Bei meinen mehrfachen Besuchen in einer höheren „Musterschule" für Mädchen im Auslande, die durch ihre Organisation allgemein bekannt ist dank ihres hochgebildeten und in der pädagogischen Literatur hoch- geschätzten und erfahrenen Direktors, erinnerte ich mich unwillkürlich unserer sogenannten „neuen" Beformschulen, mit denen ich aus persön- licher Erfahrung wohl vertraut bin, und der Vergleich fiel nicht zugunsten der „Musterschule" aus. Obgleich der Direktor dort beständig von Selb- ständigkeit als dem höchsten Prinicip des Unterrichts spricht, von Ent- wicklung der Persönlichkeit, der Individualität als dessen höchstem Ziel, so herrscht doch in unseren ,. neuen Schulen" in viel grösserem Masse- wirklich der Greist freier Forschung und das Interesse an der Sache. Die V Musterschule" unterscheidet sich im wesentlichen nur wenig von den anderen Schulen, die nach der Schablone arbeiten mit Lehrern, die zur Aufrechterhaltung der Disziplin im „Einverständnis mit dem Gesetz" sogar zur körperlichen Züchtigung ihre Zuflucht nehmen. In einer russi- schen Schule, und zwar nicht nur in den höheren und privilegierten, sondern auch in den Schulen der abgelegensten Dörfer, ist das ganz undenkbar. Trotzdem leidet hier die Disziplin in keiner Weise, obwohl nicht nur die körperliche Züchtigung, sondern überhaupt alle groben, erniedrigenden und unpädagogischen Strafen, wie z. B. die in Deutschland verbreiteten „Strafarbeiten", fehlen. Hiermit steht in Verbindung das verhältnismässig hohe Niveau der Entwicklung und allgemeinen Bildung bei den russischen Studenten, das gewöhnlich von den Professoren der westeuropäischen Universitäten, die mit unseren Studierenden in den Laboratorien zusammen- treffen, bereitwilligst zugestanden wird. Was nun das Gebiet der eigentlichen Volksbildung angeht, so steht hier Bussland allerdings bedeutend hinter den übrigen europäischen Staaten zurück infolge einer ganzen Reihe wirtschaftlicher und sozialer Ursachen, die ihren Entwicklungsgang lange Zeit aufgehalten haben. Diese Rückständigkeit kommt zum Ausdruck in dem Fehlen der allgemeinen Volksbildung und des Schulzwanges, so dass der Prozentsatz der Analpha- beten unter der Bevölkerung je nach Ortslage und anderen Bedingungen zwischen 2% und 50% schwankt. Ihren Grund hat diese ßückständigkeit in der ungenügenden Organisation des Schulwesens, besonders der so- genannten kirchlichen Schulen, in der nicht immer ausreichenden päda- gogischen Vorbildung der Lehrer, in dem Mangel einer wirklichen päda- gogischen Leitung der Schulen und dergl. mehr. Die Hauptursache liegt jedoch zweifellos in den sozialen Bedingungen des Volkslebens, namentlich ^) Dies gilt besonders von den Volkssohiillehrem, mit denen der Verfasser sehr genau bekannt ist infolge der von ihm an verschiedenen Orten Buaslands abgehaltenen Sommer* Itutse für Volkslehrer. 1^2 RnsBknd. bei der Begierung des alten Regimes, die, zum Glück, wahrscbeiiüich äui immer der Vergangenheit angehören wird, und ihrem beständigen Widtr- «tande gegen eine weitgehende Aufklärung der Volksmassen. In dieser Hinsicht konnte man immer eine sehr interessante und ausserordentüul lehrreiche Erscheinung beobachten: das Streben nach Bildung bei dt^i. Volksmassen, die die kaum eröffneten Schulen überfüllen und einen wahren Hunger nach dem Besuch derselben zeigen, so dass oft (besonders in den Städten) nicht genügend Platz für die Lernbegierigen vorhanden ist; die^> Streben kommt ferner zum Ausdruck in der materiellen TJnt-erstützung de: Schulen seitens der Bauernschaft, die die Schulen erhalten, und in deL fortwährend bei der Regierung eingehenden Gesuchen um Etröffnung neuer Schulen. Bei den Begierungsorganen finden wir indessen einen hartnäckiger, und eigensinnigen Widerstand gegen diese Bestrebungen, ganz besondeiv bei den Vertretern des Unterrichtsministeriums. Der Widerstand fand seine Ideologen in Männern, die, wie der berühmte ehemalige Oberproku rator des Heiligen Synods, Pobjedonoszeff, einen ungeheuren pditischeL Einfluss ausübten. Er ging von theoretischen Erwägungen, die das Stecken pferd aller reaktionär-despotischen Regierungen bilden, aus, nämlich: ,:dic Volksbildimg ist schädlich vom Standpunkte des staatlichen Gleich gewichtes; indem sie den geistigen Horizont des Volkes erweitert, diif kritische Denken entwickelt, das Selbständigkeits- und Persönlichkeii^ gefühl stärkt, erschüttert sie die altüberlieferten Grundlagen des russischen Staatswesens: die Orthodoxie, die Selbstherrschaft und das Volkstum Je weniger das Volk gebildet ist, um so zufriedener ist es mit seinem h:- «cheidenen Los, um so treuer ist es dem Zaren und der Kirche, um ^- weniger strebt es nach Beformen und Umwälzungen, die das StaatsschiL' aus dem ruhigen Hafen hinausführen und es in gefährlichen Strömungen scheitern lassen/' „Wenn das ganze Volk lesen imd schreiben lernte, sagte der Kultusminister Schischkof f , so würde das mehr Schaden als Nutzen bringen/' „Man muss mit allen Mitteln die Volksbildung bekämpfen", lesen wir bei Leontjeff, dem bekannten Mitarbeiter des reaktionäreE Ministers Graf Tolstoj (der nicht zu verwechseln ist mit dem berühmten Schriftsteller Graf L. N. Tolstoj). „Gibt es keine Mittel und Wege, nin den Baznotschinzen (d. h. den Leuten, die aus ihrem ursprün^chen Standi herausgetreten sind, englisch : Selfmademan) den Zugang zu den Gymnasien zu erschweren?" fragte der Kaiser Nikolaus I. Pobjedonoszeff aber schrieb ganz offen und ehrlich, dass „die Verbreitung der VolksbUdung unbedingt schädlich sei". Das Streben nach Bildung war jedoch im Volke 80 stark, dass der Kampf dagegen sogar solchen allmächtigen Personen, wie Nikolaus I., unmöglich war; nach und nach wurden Schulen eröffner und sie entwickelten sich weiter. Es war nichts dagegen zu machen, dem Staat blieb nichts weiter übrig, als die Schulen unter seine Vormundschaf: Die Pädagogik in Russland. I33 ZU nehmen, sie auf diese Weise unschädlich zu machen und ihren auf- klärenden Einfluss zu lähmen. Diese Aufgabe wurde nun von der Re- gierung speziell dem Ministerium der Volksaufklärung gestellt, welches in der Instruktion für das Unterricht skomitee aus dem Jahre 1818 sagt: ,,das Buch soll zu einem wahrhaft hohen Zwecke führen: zur Schaffung einer beständigen und heilsamen Übereinstimmung zwischen dem Glauben^ den Kenntnissen und der Obrigkeit innerhalb der Gesellschaft, oder zwischen christlicher Frömmigkeit, Verstandesaufklärung und den bürgerlichen Lebensbedingungen''. Nach Pobjedonoszeff soll die Schule kein Mittel sein zur Verbreitung realer Kenntnisse unter dem Volke. Ihre Aufgabe ist, Achtung vor der bestehenden Staatsordnung einzuflössen, sowie Er- gebenheit gegen die machthabenden Gre walten. Die Folgen hiervon waren: eine möglichst grosse Beschränkung der für die Volksbildung zu bewilligen- den Ej^edite; eine Bevorzugung der durch die Kirche organisierten Schulen» weil dieselben ihre Aufmerksamkeit weniger auf die Übermittlung von realen Kenntnissen richteten, als vielmehr auf eine Erziehung im Geiste der orthodoxen Kirche, auf Treue gegen Thron und Vaterland; ein Kampf gegen alle privaten Organisationen, die sich die Ausbreitung der Volks- bildung zum Ziel gesteckt hatten, besonders gegen die Semstwos; ein Kampf gegen alle ausserhalb der Schule erworbene Bildung, gegen die Volksuniversitäten, Lehrkurse und ähnliche Institutionen, diö, ungeachtet des heftigen Widerstandes, wie Pilze aus der Erde schössen; ferner die Unterwerfung der Schule unter die strengste Kontrolle seitens der Schul- inspektoren, die sich in der Hauptsache nicht von pädagogischen Grund- sätzen leiten Hessen, sondern ihre Hauptaufgabe in der Beaufsichtigung der politischen Zuverlässigkeit der Lehrer erblickten. Es versteht sich ^on selbst, dass unter so ungünstigen Bedingungen die Schule sich nicht i^egelrecht entwickeln noch zur Blüte gelangen konnte. Man sollte sich nicht darüber wundern, dass die Volksbildung in Bussland bloss ungenügend ist, sondern im Gegenteil darüber sollte man sich wundern, dass sie trotz aller Ungunst der Verhältnisse eine verhältnismässig grosse Ausbreitung erlangt hat. Ein ungeheures Verdienst kommt dabei den städtischen und besonders den Semst wo- Gesellschaften zu. Die Schulen waren immer die Lieblingskinder der Semstwos, und es ist ihnen gelungen, über ganz Russ- Jand ein gewaltiges Netz von unentgeltlichen Elementar- und mehr oder '«weniger gut organisierten anderen Schulen auszuspannen mit Zehntausenden '^on Schülern beiderlei Geschlechts und Tausenden von Lehrern, die häufig auch aus Semstwo-Lehrerseminarien hervorgegangen sind. Ausser den Volkselementarschulen haben die Semstwos auch höhere Elementarschulen gegründet, die als Übergangsstufe zu den Mittelschulen dienen; ferner haben sie auch ihre eigenen technischen, gewerblichen und landwirtschaft- lichen Schulen und sogar Dorfgymnasien, die sich beim Volke grosser Be- ^34 Bassland. liebtheit erfreuen. Ausserdem versehen die Semstwos die Bänder mit un- entgeltlichen Schulbüchern, organisieren in den Schulen eine Erühstücks- verteilung, errichten Säuglingskrippen, Kindergärten, Volksbibliotheken, praktische und allgemeinbildende Kurse, Volksuniversitäten, sie geben Bücher heraus, errichten Schulmuseen, veranstalten Kongresse für Volks- bildung, Fortbildungskurse für Lehrer im Winter und Sommer, richten Lehrmittellager ein, Ausstellungen für Volksbildung, stellen Statistiken über das Schulwesen zusammen usw. Diese weitgehende Organisations- tätigkeit der Semstwos auf dem Gebiete der Volksbildung verdient eine um so grössere Anerkennung, als die Semstwos nicht nur den passiven und aktiven Widerstand der Regierung zu überwinden haben, und den Widerstand ihrer zahlreichen Organe bis zu den kleinsten Dorfbeamten herab, die sich verpflichtet fühlen, für die „Staatsinteressen" auf ihrer Hut zu sein, sondern auch eine ganze Reihe örtlicher ungünstiger Verhält- nisse überwinden müssen, besonders den Mangel an Geldmitteln und in wenig bevölkerten Gegenden die grossen Entfernungen zwischen den ein- zelnen Orten. Überdies ist ja auch die Schule, obgleich das Lieblingskind der Semstwos, doch nicht die einzige Listitution, für die sie zu sorgen haben. Es kommen dazu noch Krankenhäuser, Verkehrswege jmd die entsprechende Verteilung ihrer verhältnismässig geringen Mittel. Das Volk aber, namentlich in kleinen Orten, deren Einwohnerschaft nach Zehnern und Hundertern zählt (und solcher Orte gibt es in Russland Zehn tausende), kann selbstverständlich den Semstwos nicht mit bedeutenden Mitteln zu Hilfe kommen. Auch darf nicht vergessen werden, dass Russland ein vor- wiegend ackerbautreibendes Land, ein Bauernstaat, ist, auf dessen unge- heurer Fläche sich der Getreidebau frei und ungehindert ausbreitet, wo die Bauern in kleinen, häufig nur aus zehn bis zwanzig Häusern bestehenden Dörfern leben, die, besonders im Norden, oft bis zu hundert Weist von einander entfernt liegen. Unter solchen Bedingungen wird natürlich die Organisation von Schulen ungemein erschwert. Das Semstwo muss ent- weder eine kleine Schule in einem Dorfe einrichten, in dem die Zahl der schulpflichtigen Kinder vielleicht nicht mehr als zehn bis zwanzig beträgt, oder eine Schule in irgendeinein zentral gelegenen Punkte zwischen mehre- ren Dörfern, die dann schon für die aus andern Dörfern stammenden Kinder mit einem Internat verbunden seinmüsste. Es ist klar, dass beides schwierig ist, da es einen gewaltigen Vorrat an Geldmitteln erfördert. Endlich er- scheint noch als ein nicht weniger wichtiges Hindernis die an vielen Orten bestehende Verschiedensprachigkeit einer gemischten Bevölkerung, bei der eine Vereinigung aller Kinder unter das gemeinsame Dach einer Schule völlig undenkbar ist. Ungeachtet aller dieser vielen ungünstigen Be- dingungen ist es dem Semstwo auf dem Gebiete der Volksbildung doch gelungen, ungeheuer viel zu erreichen. Li vielen Gouvernements finden Die Pädagogik in Russland. 135 wir gegenwärtig wirkliche Schulpaläste nach allen Regeln der Schul- hygiene eingerichtet, versehen mit den besten Lehrmitteln und ausserdem noch ausgestattet nicht nur mit Schulbädern, auf die westeuropäische Schulen stolz wären, sondern noch mit eigenen Lehrmittel-Kinemato- graphen und Schulbühnen. Ferner ist in den zentralen Gouvermenents, wo die Bevölkerung etwas reicher und dichter ist, tatsächlich schon die völlige Allgemeinheit der Volksbildung erreicht. Es besteht dort eine solche Anzahl von Schulen, dass alle Wissbegierigen die Möglichkeit haben, Schulbildung zu erhalten. Die Bauern machen davon in weit- gehendem Masse Gebrauch, obwohl ein Schulzwang nicht besteht. Überhaupt besteht in Bussland eine etwas andere Einschätzung der Schulpflicht als z. B. in Deutschland, wo man auf den „Schulzwang'' sehr stolz ist. Bei uns sprechen sich Literatur und alle Lebensverhältnisse, sogar auch die wissenschaftliche Pädagogik, sehr energisch gegen jedweden äusseren Zwang aus, selbst wenn es sich um die Schule handelt. Das Ideal der Erziehung ist die freie, sich selbst bestimmende Persönlichkeit. Wie wichtig nun auch für den Staat ein gewisses Durchschnittsniveau dcT Bildung seiner Bürger sein mag, so muss doch die Frage des Schul- besuches, die Auswahl des Schultypus usw. prinzipiell vollständig der Familie überlassen werden, die auch, wie zugestanden werden muss, nie- mals Missbrauch mit ihrem Rechte, die Kinder überhaupt nicht zur Schule zu schicken, getrieben hat. Sogar auf dem Dorfe schickt man die Kinder zur Schule, wenn sich irgendwie Gelegenheit zum Lernen bietet, d. h. wenn in der Schule genügend Platz vorhanden ist, und wenn der Bauer nicht so arm ist, dass er auf die Hilfe seiner Kinder in der Wirtschaft absolut nicht verzichten kann. Diesem Ideal der freien Selbstbestim- mung der Persönlichkeit als höchster Aufgabe der Erziehung be- gegnen wir nicht nur in der Literatur und im Leben, sondern auch in der wissenschaftlichen Pädagogik, die einen grossen Einfluss auf die Ent- wicklung des Schidwesens in Bussland ausgeübt hat. Es wird nun die Hauptaufgabe dieser kurzen Skizze sein, die wichtigsten Richtungen der i^eitgenössischen sdssenschaftlichen Pädagogik in den Persönlichkeiten ihrer hervorragendsten Vertreter zu charakterisieren. Wie die russische Wissenschaft im allgemeinen, so hat die russische v.issenschaft liehe Pädagogik im besonderen immer in sehr inniger Ver- bindung mit den westeuropäischen Wissenschaften gestanden, doch muss hierzu bemerkt werden, dass die westeuropäische Pädagogik die russische Verhältnismässig wenig beeinflusst hat, obwohl fast alle hervorragenden Werke der westeuropäischen Pädagogik in die russische Sprache übersetzt worden sind. Dies gilt besonders von der Pädagogik Her hart s, die, wahrscheinlich wegen ihres Schematismus und ihrer übertriebenen Syste- iQatisierung, fast keinen Wiederhall in Bussland gefunden hat. Einen 136 Riusiflnd. etwas grösseren Eiofluss übte auf die russische Pädagogik Fr ö bei aus, dessen Kindergarten in Russland sebr verbreitet sind. Noch mehr Erfolg hatten die Ideen Pestalozzis, Bousseaus, Lookes, Spencers, und in der neuesten Zeit St. Hall, A. Binet, J. Dewey, Montessori, Kerschensteiner und andere. Trotzdem aber hat sich die russischo Pädagogik im allgemeinen durchaus selbständig entwickelt und ist ihre eigenen Wege gegangen. Als ihre Begründer müssen Pirogoff (1810 — 1881) und Uschinski (1824 — 1870) angesehen werden, bei denen wir in klarer Formulierung jene Grundideen finden, die für die russische Erziehung charakteristisch sind und der russischen Schule als Wegweiser dienen, die vor aUem nach Entwicklung einer freien, sich selbst bestimmenden sittlichen Persönlich- keit der Schüler, einer starken Individualität strebt, nicht aber nach Mit- teilung einer möglichst grossen Menge rein mechanisch angeeigneter Kennt- nisse. Diese für die Richtung der russischen Erziehung charakteristischen Ideale wurden zum ersten Male, und zwar schon in sehr klarer Form, aus- gesprochen von Pirogoff, einem berühmten Arzt, Chirurgen und Pro- fessor. Während er als Arzt an dem unglücklichen Sebastopoler Kriege teilnahm, kam er zu der Überzeugung, dass das Hauptübel, unter dem Bussland zu leiden habe, in dem Mangel einer richtigen Organisation der Volksbildung bestehe. Dies bewog ihn, femig und energisch für die Not- wendigkeit einer Schulreform auf neuen Grundlagen einzutreten. Im Jahre 1856 erschien sein erster Artikel unter dem Titel: „Lebensfragen", in dem seine innersten Gedanken ausgesprochen sind. Er entwickelte dann diese Grundgedanken in einer Beihe anderer Artikel weiter, die schon in jener Zeit geschrieben wurden, als er zum Leiter eines Schulbezirkes erst nach Odessa, dann nach Kiew berufen worden war.^) Der Zweck der Schule besteht nach der Meinung Pirogoffs in der Vorbereitung der Schüler zum Lebenskampfe, zum Kampfe gegen die Unvollkommenheiten der sozialen Lebensbedingungen, sowie auch gegen die darin herrschenden rein praktischen Richtungen, zum Kampfe für die höheren Ideale des Menschen, der an etwas Grosses und Heiliges glaubt. Die Hauptaufgabe der Schule ist die Erziehung zu einem festen Willen, geleitet von vernünf- tigen Überzeugungen. Ohne Willen, sagt er, ist kein Kampf, ohne Kampf — Nichtigkeit und Tod. Unser Ziel ist die Heranbildung sittlicher Über- zeugungen, eines festen, unabhängigen Willens, folglich die Erziehung derjenigen bürgerlichen und menschlichen Tugenden, die den schönsten Schmuck der Persönlichkeit und der Gesellschaft bilden, die Überführung der guten Naturinstinkte in den bewussten Dienst der Ideale der Wahrheit ^) Pirogoff war Kreisschulvorßtand vom Jahre 1857 — 1861. VgLN. E. Kunjanzeff: N. J. Pirogoff. Seine Ansohauungen über die Natur des Kindes und die Aufgabe der Er siehung. Petersburg, 1910 (Russifich). Die Pädagogik in BnsslAad. 137 nnd des Guten. Dieses Ziel kann nur dann erreicht werden, wenn die Schnle mit den Naturkeimen des Eandes rechnet, mit seiner Individualität. Diese ist nach seiner Meinung das entscheidende Moment in der Erziehung. Schon in den ersten Äusserungen des Kindes soll der erfahrene Erzieher ein „Menetekel'' für sein künftiges Schicksal lesen. Nur eine solche Er- ziehung bietet die meisten Aussichten auf Erfolg, die es versteht, das Kind dem Leben anzupassen, es über seinen Lebensberuf aufzuklären. Darum ist es erforderlich, die natürlichen Eigenarten der Kinder sorgfältig zu studieren. „Sollen wir mjn", so fragt Pirogoff, „uns gleichgültig ver- halten gegenüber der geistigen Welt unserer Kinder und dieselbe nicht nach allen Richtungen hin studieren? Sagt mir, was kann lehrreicher sein, was höher^ heiliger als die geistige Annäherung an dieses grosse Wunder der kindlichen Welt? Oh, wenn doch die Eltern und Pädagogen von Beruf eintreten wollten in diesen geheimnisvoll heiligen Tempel der noch un- berührten Menschenseele! Wie viel Neues und Unergründetes würden sie noch erfahren, wie würden sie sich selbst in ihrer Seele erneuern und ver- jüngen! " Das Studium der Lidividualität ist nicht nur deshalb wichtig, veil es uns die Möglichkeit gibt, bis zu einem gewissen Grade hinter die Kulissen der kindlichen Seele zu schauen, sondern weil es uns auch an- leitet zu einem vorsichtigen Umgang mit der Persönlichkeit des Kindes, zur Hochachtung vor dem Kinde, vor dem Gefühl seiner persönlichen Würde. „Achtet", schreibt Pirogoff, „die Persönlichkeit, die ihre Rechte hat. Das Leben des Schülers ist ebenso selbständig, ebenso seinen Lebens- gesetzen unterworfen, wie das des erwachsenen Menschen, wie das des Lehrers. Wir haben kein Hecht, die bestimmten Gesetze der Banderwelt willkürlich zu verletzen. Die Persönlichkeit ist einzig und unantastbar, sowohl im Kinde als auch im Erwachsenen." Darum sind nicht nur uin- sittliche und die Seele erniedrigende körperliche Strafen zu verwerfen, bondem überhaupt jede zu strenge und harte Disziplin. Disziplin wird erhalten durch ein sanftes, wohlwollendes Verhalten gegen die Kinder, durch Vertrauen auf das Gesetzmässigkeitsgefühl der Schüler und auf ihre Achtung vor der Ordnung. Man darf ihnen das Leben und das Lernen sieht zur Last machen. ,,Die Jugend ist das gegenüber den Einflüssen der Zeit empfindlichste Barometer. Ein strenges Regime aber schädigt nur die junge Seele, ver- härtet die Sitten und verdirbt die Kinder." Es ist unbedingt erforderlich, den Kindern eine gewisse Freiheit zu lassen, um in ihnen Initiative und Unternehmungslust zu wecken. Pirogoff spricht sich auch für die „Selbst- verwaltung" in der Schule aus, verbunden mit Schulgerichten in den oberen Klassen der Gymnasien, die auch tatsächlich in den ihm unterstellten Sehulbezirken verwirklicht wurden, und zwar mit grossem Erfolg und viel früher als diese Idee den Amerikanern in den Sinn kam, von denen sie 138 KuBslaiid. die westeuropäische Pädagogik als eine neue Entdeckung entlehnte. Die Hauptaufgabe der Schule besteht nach Pirogoff in der Entwicklung der Fähigkeiten der Kinder. Die Lehrer müssen den Schülern Selbstvertrauen, Glauben an ihre Kxaft, an das Gute, an den Fortschritt einflössen, Über- zeugung von der Möglichkeit seiner Verwirklichung; sie müssen ihnen Ideale geben, die sie ^m Kampfe und zur völligen Hingabe begeistern, damit die Ideale mit ihrer Seele verwachsen, für diese wertvoller werden als zufällige Freuden und zuletzt ihr ganzes Leben durchdringen. Die Lehrer sollen nicht nur Lehrer, sondern auch Erzieher sein. Indem sie die bildende Kraft der Wissenschaft ausnützen, sollen sie einen gesunden Verstand und Wahrheitsliebe in ihren Schülern entwickeln und dadurch die Sittlichkeit künftiger Generationen schaffen. Hieraus wird klar, dass in der Schule nicht die Mannigfaltigkeit die Hauptrolle spielen darf, sondern die Vertiefung in das Studium eines kleinen Lehrpensums. Die Schule soll nicht dafür sorgen, dass die Köpfe der Schüler mit einem möglichst grossen Vorrat von Kenntnissen angefüllt werden, sondern dafür, dass die Fähigkeiten der Schüler entwickelt, dass die Schüler aufnahmefähig werden für die Wissenschaft, dass sie eine bewusste wissenschaftliche Richtung ein- schlagen und dass in ihnen Liebe zur selbständigen wissenschaftlichen Arbeit wachse. Für das zuverlässigste Mittel zur Entwicklung der Aufmerksam- keit hält Pirogoff einen frühzeitigen Anschauungsunterricht. Die Real- fächer entwickeln nach seiner Meinung nicht nur die Beobachtungsfähig- keit, sondern auch den Verstand. In der Schule jedoch kommt der wich- tigste Platz nicht den Realfächern zu, sondern jenen Fächern, die die Auf- merksamkeit des Menschen auf seine innere, geistige Welt richten, die ihn zur Selbsterkenntnis führen. Das sind die humanistischen Fächer. Das Studium dieser Wissenschaften bildet und entwickelt schon an und für sich den Geist des Menschen, bereitet ihn vor zur Aufnahme sittlicher und wissenschaftlicher Wahrheiten aller Art. Deshalb trägt nichts so sehr bei zur Entwicklung der wertvollsten Eigenschaften der menschlichen Natur wie der Humanismus. Er führt die Gedanken aus dem engen Kreise der Realität hinaus auf ein freies Feld, befreit sie von den Fesseln, die ihnen von der kurzsichtigen Wirklichkeit angelegt werden, und macht den Menschen bekannt mit dem besten Teil der Natur, mit dem inneren -Men- schen. Das Wichtigste in der Erziehung ist die Pflege der Aufmerksamkeit gegenüber den inneren psychischen Erlebnissen, wobei es unerlässlich ist, dass man das Individualisieren gründlich versteht. Es ist klar, dass dieser Zweck aber nicht durch äussere Mittel erreicht wird wie Examen und Zensuren. Und Pirogoff spricht sich auch wirklich sehr scharf gegen diese Einrichtungen aus, besonders gegen den schaustellerischen Examens- geist der Schule. Was endlich die äussere Organisation der Schule angeht, so soll sie nach Pirogof f s Meinung eine „einheitliche" und keine „Standes- Die Pädagogik in Bnssland. I39 sclmle'' sein. Alle Schulen müssen so eingerichtet sein, dass sie eine kon- tinuierliche Stufenleiter von unten nach oben darstellen, damit alle Schüler mit einer umfangreichen Universitätsbildung ausgerüstet ins Leben eintreten. Da die Hauptauf g?fcbe der Schule in der Entv^dcklung einer weitblickenden humanen Weltanschauung, in der Ausbildung fester, sittlicher Überzeugui^en besteht, so soll jedwede Berufsausbildung (die Ausbildung von Offizieren, Seeleuten, Geistlichen usw.) erst dann beginnen, wenn die Eander eine Mittelschule durchgemacht haben. Eine frühzeitige Spezialisierung schadet der geistigen Entwicklung. Erst beim Eintritt in die Hochschule wählt sich der Mensch denjenigen Beruf aus, zu dem er sich hingezogen fühlt. „Schon lange," sagt PirogSff, „ist die barbarische Sitte, die Töchter wider ihren WUlen zu verheiraten, aufgegeben worden, aber die oft widerwärtige und verfrühte Ehe der Söhne mit ihrem künftigen Berufe ist zulässig und privilegiert. Ein Spezialist, der keine vorherige allgemeine Bildung erhalten hat, ist entweder ein grober Empirist oder ein Charlatan." Der Grund, auf dem die Schule, nicht nur die Hochschule, sondern auch die Mittelschule, aufgebaut sein soll, ist die Autonomie. Sie soll in den Händen pädagogisch gut vorbereiteter Lehrer liegen, die von ihrem Berufe begeistert sind. Hierbei muss allen Gesellschaftsklassen das Recht einer weitgehenden Initiative hinsichtlich der Eröffnung von Privat - schulen und der Organisation ausserhalb der Schule gelegener Bildungs- gelegenheiten zugestanden werden. Es muss jedem, der den Wunsch hat, eine Schule zu errichten, gestattet sein, dies auszuführen. Ferner sind die Frauen zu allen Lehrfächern zuzulassen, weil die Frauen bei genügender pädagogischer Vorbildung die besten Erzieherinnen abgeben, ist es doch der natürliche Beruf der Frau, Erzieherin zu sein. Bei seiner Tätigkeit als Kreisschulinspektor gelangt Pirogoff zu der Überzeugung, dass imsere Schule vom Büreaukratismus zersetzt wird; er sieht darin eine unausbleibliche Folge der Zentralisation, und hält dafür, dass ZentraUsation bei dem Regierungsmonopol auf die Erziehung unver- meidlich ist. Wir haben uns absichtlich etwas länger bei den Erziehungsgedanken Pirogoffs aufgehalten, da dieselben ausserordentlich charakteristisch sind für den Geist der russischen Pädagogik, und obwohl sie den herrschen- den Tendenzen der von Regierungsbeamten geleiteten Schulen zuwider- liefen, so haben sie nichtsdestoweniger doch die Lehrer begeistert und die Meinungen derjenigen Kreise zum Ausdruck gebracht, deren Ideale den »einigen entsprachen. Ähnliche Gedankengänge finden wir auch bei K. D. Uschinski, der den Grund zu einer mehr systematischen Ausarbeitung der wissenschaft- lichen Pädagogik gelegt' und die Idee einer nationalen Erziehung mehr in den Vordergrund geschoben hat, ferner bei Baron Korff, dem ersten 140 Rasaland. Organisator der Semst wo- Schulen, bei Leo Tolßto j in etwas übertriebener Form, sogar auch bei dem Begründer der kirchlichen Gemeindeschulen, Ratschinski, ebenso wie bei einigen Pädagogen späterer Zeiten, wie Stojunin, Kaptereff, Ostrogorski und anderen. Uschi nski, Pädagog von Beruf, hat, nachdem er seine Professoren- laufbahn gegen die Tätigkeit eines praktischen und theoretischen Päda- gogen vertauscht hatte, einen gewaltigen Einfluss auf die Entwicklung der russischen pädagogischen Wissenschaft ausgeübt, indem er als erster den Versuch zu ihrer Systematisierung und psychologisch-anthropologischen Begründung machte. Seiner Ausbildung nach Jurist, unternahm er, nach- dem er praktischer Pädagog geworden, eine grosse Reise ins Ausland, besonders nach der Heimat Pestalozzis, um die neuen pädagogischen Richtungen zu studieren. Nach seiner Rückkehr widmete er sich voll und ganz der Ausarbeitung der theoretischen Pädagogik, indem er ein grosses, jetzt schon veraltetes, für jene Zeit aber sehr interessantes Werk schrieb: „Die pädagogische Anthropologie" (Der Mensch als Gegenstand der Erziehung. Erste Auflage erschien 1868 in zwei Bänden), sowie eine ganze Reihe pädagogischer Artikel (Gresammelte pädagogische Schriften, 1875, Petersburg). Er bewies hartnäckig, energisch und mit grosser Be- geisterung die Notwendigkeit der naturwissenschaftlichen Begründung der Pädagogik, besonders die Wichtigkeit einer gründlichen Kenntnis der kindlichen Natur und ihrer Entwicklungsgesetze für den Erzieher. ,,Ist etwa," schreibt er, „die Erziehungssache weniger wichtig als die Medizin? Hat nicht der Gegenstand der Erziehung, die menschliche Seele, ebenso seine Gesetze wie der Gegenstand der Medizin, der Körper? Man sagt, dass der Pädagog keine Zeit habe, sich mit Psychologie zu beschäftigen. Aber ist denn in der Tat nicht jeder Pädagog schon ohnedies ein Psycho- log? Er studiert ja seinen Zögling, seine Fähigkeiten, Neigungen, Vorzüge und Mängel, er beobachtet die Entwicklung seines Verstandes, leitet ihn, wiU ihm eine Wülensrichtung geben, übt seine Urteilskraft, seinen Ver- stand, kämpft gegen die Trägheit, die Hartnäckigkeit, rottet schlechte natürliche Neigungen aus, bildet den Geschmack, flösst Liebe zur Wahr- heit ein, kurz gesagt, er bewegt sich unausgesetzt im Gebiete psychologischer Erscheinungen; oder ist seine Aufgabe nur die, dass er eine Rubrik der- jenigen Schüler aufstellt, die ihre Aufgabe nicht gelernt, und die bestraft, die in der Klasse Lärm gemacht haben? Also eins von dreien: entweder ist die Psychologie eine so leichte Wissenschaft, dass jeder praktische Pädagog sie ohne besondere Vorbereitung kennt, oder der Pädagog ist eine Maschine zum Erteilen von Aufgaben, zum Abfragen derselben und zur Bestrafung derer, die ihm unter die Hände kommen (denn die blosse BestinmoLung der Vergehen fordert schon psychologische Kenntnis), oder endlich der Pädagog soll die Erscheinungen der Seele verstehen lernen Die Pädagogik in Rossland. 141 and viel nachdenken über den Zweck, die Mittel und den Gegenstand der Erziehungskonst, bevor er zum wirklichen Pädagogen wird." Uschinski selbst definiert die Aufgabe der Erziehung, wie schon aus seinem bereits angeführten Zitat ersichtlich, ähnlich wie Pirogoff , im Sinne einer Ent- wicklung der geistigen Fähigkeiten des Kindes, der Leitung seiner Ent- wicklung überhaupt, der Übung des Verstandes, der Bichtungsangabe für den Willen, „unsere Schulen," sagt er, „gleichen oft einem schlechten Fuhrmann, der nur darum sorgt, dass er eine möglichst grosse Ladung aufladen kann, der die Ladung aber nicht gut verpackt und sie deshalb unterwegs zum Teil verliert." In Wirklichkeit haben die Kenntnisse nur dann einen tatsächlichen Wert, wenn sie nicht nur auf rein äusserlichem, mechanischem Wege angeeignet werden, sondern organisch das ganze Wesen des Eandes durchdringen, gewissermassen in Fleisch und Blut seines Geistes übergehen und ihm dazu verhelfen, auf Grund eben dieser Kenntnisse sich eigene Anschauungen zu bilden und so den Grund zu einer Weltanschauung zu legen. In seinen Briefen aus der Schweiz schreibt er, dass man bei der Verteilung der Unterrichtsfächer in der Schule nicht die Wissenschaft in ihrer Sonderstellung im Auge haben soUe, sondern die Seele des Schülers in ihrer Gesamtheit, und ihre organische, stufenweise Entwicklung. Jede Klasse soll eine Weltanschauung haben, wie sie für ihre Altersstufe erreichbar ist. Im Mittelpunkt aber dieser sich in der kindlichen Seele abspiegelnden Welt soll, glänzend wie die Sonne, alles erwärmend und erleuchtend, die sittliche, christliche Idee stehen. Der sittliche Einfluss bildet ja die Hauptaufgabe der Erziehung und ist viel wichtiger als die Verstandesentwicklung im allgemeinen, die Anfüllung des Kopfes mit Kenntnissen, die Aufklärung jedes Schülers über seine persönlichen Interessen. Als eine andere Grundlage der Erziehung er- scheint die Freiheit. Sittlichkeit und Freiheit sind zwei Erscheinungen, die notwendigerweise einander bedingen und die ohne einander nicht be- stehen können. Deshalb soll der Lehrer seine Überzeugungen dem Schüler nicht aufzwingen, er würde sich sonst der grössten Vergewaltigung schuldig machen, die man sich denken kann. — Das allgemeine Erziehungsideal soll jedoch nach Uschinskis Meinung in jedem Lande verschiedene Gre- staltimgen annehmen, wie es ja auch in Wirklichkeit der Fall ist, indem es sich dem Charakter des Volkes und Lebens anpasst. Die Erziehung soll ihre Begeln den Eigentümlichkeiten des Volkes oder ihrer Zeitepoche entlehnen, d.h. sie soll national sein." Uschi nski hat jedoch die natio- nale Erziehung nicht in dem engen Sinne eines Kerschensteiner ver- standen, der sie mit der staatsbürgerlichen Erziehung identifiziert, son- dern im weiten Sinne Diesterwegs, der darunter eine Erziehung ver- steht, die sich zwecks Einwirkung auf den Schüler vorzugsweise jener Faktoren bedient, die einen grossen Einfluss auf die Entwicklung des 142 Rtkssland. betreffenden Volkes ausgeübt haben, besonders der heimatlichen Kunst, Literatur und der Religion. „Religion, Natur, Familie, Überlieferung, Poesie, Gesetze, Gewerbefleiss, Literatur, kurz alles, woraus sich das historische Leben eines Volkes zusammensetzt, bildet seine wirkliche Schule, vor welcher die Kraft der Lehranstalten, besonders solcher, die auf künstlicher Grundlage errichtet sind, vollkommen nichtig ist/* Darum soll sich die Schule diese Grundlagen der heimatlichen Kultur aneignen, sie soll national sein. Ihre Aufgabe besteht darin, in den EandemGewöh- nung und liebe zur Arbeit zu entwickeln und ihnen eine ernste Lebens- anschauung einzuflössen, verbunden mit dem Streben, hohen sittlichen Idealen zu dienen. Diese idealistische Stimmung ist charakteristisch für das russische Volk. „Da aber zwischen der Kenntnis des Guten und dessen Verwirklichung ein Abgrund liegt, der tiefer ist, als der sokratische Ver- stand und die höchste geistige Entwicklung voraussetzt, so ist vor allem die Entwicklung sittlicher Gewohnheiten, dieses moralischen Kapitals, von dessen Zinsen der Mensch sein ganzes Leben hindurch lebt, und tiefer religiöser Überzeugungen erforderlich." Fügt man hierzu noch die ener- gische Forderung Uschinskis, dass die Lehrer eine gediegene tJniversi- tätsbildung erhalten müssen (Gründung besonderer pädagogischer Fakul- täten), ferner die Betonung der ausserordentlichen Wichtigkeit des selb- ständigen Arbeitens der Schüler, die Bedeutung der ästhetischen Bildung, die Notwendigkeit eines näheren Verkehrs zwschen Schülern und Lehrern als Garantie für einen wirklich ernsten erzieherischen Einfluss, so erklärt sich die grosse Einwirkung, die er auf die Entwicklimg der russischen Pädagogik und Schule gewonnen hat. Uschinski verdanken wir ausserdem noch einige Lehrmittel und Schulbücher für den elementaren Leseunter- richt, die in Millionen von Exemplaren erschienen sind und noch heute an manchen Orten benutzt werden. Die Forderung einer nationalen Erziehung wurde nun einseitig betont und einigermassen übertrieben durch den Anreger und Begründer der kirchlichen Schulen, Prof. Ratschinski, der ebenfalls sein Universitäts- lehramt gegen die bescheidene Stelle eines Dorfschullehrers in dem Kirch- dorf Tatjewo, Gouvernement Smolensk, vertauschte (seit 1875. Haupt- werk: Die Dorfschule, Moskau, 1891). Nach seiner Meinung soll die rus- sische Schule nicht nur christlich, sondern vor allem kirchlich sein. Er begründet seine Forderung in folgender Weise: ,,Jene Höhe, jene Un- bedingtheit des sittlichen Ideals, die das russische Volk zu einem vor- zugsweise christlichen Volke macht, kommt bei ruhigen und starken Naturen in einer unbegrenzten Einfachheit und Bescheidenheit beim Vollbringen jeder den menschlichen Kräften erreichbaren Heldentat zum Ausdruck. Sie führt bei leidenschaftlichen und beschränkten Naturen aber zu einem unersättlichen Suchen, häufig zu ungeheuerlichen Ver- Die Pädagogik in Rnssland. 143 imiTigen. Bei schwachen Naturen zieht sie ein übertriebenes Bewusstsein ihrer Kxaftlosigkeit und in Verbindung damit ein Zurücktreten vor den am leichtesten erfüllbaren sittlichen Aufgaben nach sich, zuweilen auch unerklärliche schwere Fehlgriffe, die in jedem Bussen die Möglichkeit plötzlicher, siegreicher Bekehrungen vom Schmutz und Bösen zum Guten und zur Reinheit bedingen. Dieses ganze sittliche Wesen des russischen Menschen ist schon in die Seele des Kindes gelegt. Die Aufgabe der Schule ist in Anbetracht dieser mächtigen und gefährlichen Keime, dieser Kräfte und Schwachheiten, zu deren Stütze und Pührerin die Schule berufen ist, gross und furchtbar und entspricht nicht den Kräften der Schule, wenn sie sich von der Kirche loslöst. Nur in ihrer Eigenschaft als Organ dieser Kirche im weitesten Sinne des Wortes kann sie an die Lösung dieser Aufgabe herantreten. Sie muss vor den Kindern die Schätze der Kirche erschliessen und hauptsächlich deren erzieherische Einflüsse auf sie wirken lassen." Die Organisatoren und Ideologen eines sehr verbreiteten Typus der Volksschule, namentlich der „Semst wo "-Schulen, die hauptsächlich nach der Bauernbefreiung in der Reformepoche der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden, waren die Semstwo-Mitglieder Baron Korff und Leo Tolstoj, der berühmte Schriftsteller und Philosoph. Ersterer war mehr praktischer Schöpfer und Organisator, zum Teil auch Verfasser von Schulbüchern, der letztere Lehrer an der untersten Elementarschule in Jasnaja Poljana (wo er solange arbeitete, bis diese Schule von den Be- hörden geschlossen wurde) und pädagogischer Idealist, auch Herausgeber einer pädagogischen Zeitschrift : „Jasnaja Poljana". Nachdem sich Tolstoj entschlossen hatte, die Laufbahn eines Schriftstellers und Gutsbesitzers mit dem Beruf eines Dorfschullehrers zu vertauschen, studierte er die hervorragendsten Werke der pädagogischen Literatur der ganzen Welt, von denen besonders Bousseaus ,,Emir* einen starken Eindruck auf ihn machte. Dann bereiste er ganz Westem-opa, um sich praktisch über die Schulen und die Methoden der Bildung und Erziehung zu orientieren. Diese pädagogische Reise befriedigte ihn wenig. Li Westeuropa sind die Schulen seiner Meinung nach in den meisten Fällen „Kasernen, Erziehungs- fabriken, die die kindliche Seele vergewaltigen und das Leben der Kinder Verderben und verdrehen". Darum entschloss er sich, eine „Versuchs- Schule" zu gründen, in der es möglich wäre. Schritt für Schritt die Entwicklung der Kinder zu verfolgen und durch bildenden und erziehe- rischen Einfluss dahin zu wirken, dass der Boden vorbereitet werde für den Ausbau der Pädagogik auf neuen Grundlagen. Die heutige Schule wirkt nach Tolstojs Meinung verdummend auf die Kinder und verzerrt ihre geistigen Fähigkeiten, erzeugt Neigung zur Faulheit, verwischt das Wert- vollste am Menschen, seine Lidividualität und schafft einen besonderen 144 Rusaland. schulmässigen Geisteszustand, der in der Abstumpfung der Beobacbtiings- fähigkeit, der Anspannung des Gedächtnisses und der Aufmerksamkeit, der Mechanisierung aller geistigen Prozesse, in Vorherrschen der Furcht und in Entstehung von Heuchelei und Lügenhaftigkeit zum Ausdruck kommt. „Beobachtet das Eand,'' sagt er, „zu Hause, auf der Strasse, in der Schule. Dort ist es lebendig, wissbegierig, seine Lippen lächeln immer, seine Augen strahlen, es ninmit mit Freuden aus seiner Umgebung das auf, was zu seiner geistigen Nahrung erforderlich ist, klar und genau drückt es seine Gedanken in seiner eigenen Sprache aus; in der Schule dagegen zieht es sich zurück, ermüdet schnell, sein Geeicht nimmt den schläfrigen Ausdruck der Langweile und Furcht an, nur mit den Lippen wiederholt es die ihm fremden Worte in einer ihm fremden Sprache, seine Seele verschliesst sich in sich selbst wie die Schnecke in ihr Haus. Es ist klar, welcher von beiden Zuständen für die geistige Entwicklung vorteil- hafter sein muss. Dies alles kommt daher, dass die Schule nicht dafüi* eingerichtet ist, dass den Kindern das Lernen so bequem wie möglich gemacht wird, sondern dafür, dass die Lehrer sich das Unterrichten mög- lichst leicht machen können. Den Lehrern ist das Sprechen, die Bewegung, die Fröhlichkeit der Kinder unbequem, obwohl sie eigentlich die unerläss- Hchen Bedingungen des Unterrichts sind; darum sind in den Schulen wie in den Gefangenenanstalten Fragen, Gespräche und freie Bewegung ver- boten." Deshalb nun sollen die Schulen pädagogische Laboratorien werden, die eingerichtet sind zum Studium der Bedürfnisse und Eigentümlichkeiten des Kindesalters überhaupt, und der einzelnen Kinder im besonderen. Das höchste Prinzip und Kriterium der Pädagogik aber ist die Freiheit. „Das erzieherische Moment liegt, in der Unterweisung in den Wissen- schaften, in der Liebe des Lehrers zu seiner Wissenschaft, in der liebe- vollen Übermittlung derselben, in dem Verhältnis des Lehrers zu seinem Schüler. Die Liebe aber ist keine zufällige, sie kann nur unter der Be- dingung der Freiheit vorhanden sein." Besonders energisch protestiert Tolstoi gegen das Streben der Schulen, die Schüler mit den unendlichen Mannigfaltigkeiten ihrer Fähigkeiten in das Prokrustesbett einförmiger Lehrmethoden einzuzwängen, und gegen die strenge Disziplin, die die Freiheit und Selbständigkeit der geistigen Entwicklung unterdrücken. Der Schüler ist nicht für die Schule da, sondern die Schule für das Kind. Dar- um soll das Kind ihr Mittelpunkt, die. Schule soll pädozentrisch sein, — eine Forderung, die von Tolstoj bedeutend früher ausgesprochen wurde als von Stanley Hall; ebenso wurden eine ganze Reihe anderer päda- gogischer Gedanken, z. B. über das Arbeitsprinzip in der Erziehimg, die Forderung, mit den Kindern in ihrer eigenen Sprache zu reden^ die freien Aufsätze, als Ausgangspunkt für die Fähigkeit, die eigenen Gedanken schriftlich auszudrücken und dergl. mehr, die als Entdeckungen der moder- Die PSdagogik in RosBland. 145 nen Pädagogik gelten, Bchon von Tolstoj ausgesprochen und kritisch geprüft. Sie fanden auch einen lebhaften Widerhall in der russischen Elementarschule, die deswegen von ihren älteren europäischen Schwestern in vielen Beziehungen nichts zu lernen braucht. Als ausserordentlich be- geisterungsfähiger Mensch ist Tolstoj in einigen seiner Forderungen zu weit gegangen, wenn er z. B. rät, den Kindern selbst den Besuch der Elementarschule anheimzustellen, ihnen selbst die Wahl der Lehrgegen- stände zu überlassen und ähnliches. Solche radikalen Gedanken finden selbstverständlich keinen Eingang in die öffentlichen Schulen, bleiben aber dennoch nicht ohne Nachhall. Sie entwickeln sich weiter und werden sogar praktisch verwirklicht in den Kreisen seiner Anhänger, wie Gorbu- Qoff-Posadoff , Wenzel und anderen, die sich um die Herausgeber der Zeitschrift „Freie Erziehung'* gruppieren. .Die Anregungen, die der pädagogischen Wissenschaft durch die Ar- beiten Pirogoffs, Uschinskis, Ratschinskis und Tolstoj s gegeben wurden, sind nicht ohne Folgen geblieben. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, in die das Auftreten dieser Pädagogen fällt, ent- standen schnell neue pädagogische Journale, wurden pädagogische Gesell- schaften organisiert, Kongresse einberufen und Lehrerkurse für die Ent- wicklung der pädagogischen Wissenschaft eingerichtet. — Die Entwick- lung der pädagogischen Wissenschaft geht, wie überall, in zwei Richtungen. Einerseits wird sie von praktischen Lehrern betrieben, die sich hauptsäch- lich mit didaktisch-methodischen Fragen beschäftigen und sehr häufig nicht über die Systematisicrung ihrer persönlichen Erfahrungen hinaus- kommen. Anderseits beschäftigen sich mit ihr die Theoretiker, die rein psychologisch-pädagogiscbe und philosophische Probleme in den Vorder- grund stellen und sich bemühen, bessere Methoden zu deren Lösung zu finden. Über die erstgenannte Richtimg ist nicht viel zu sagen: sie wird hauptsächlich in Lehrerseminarien gepflegt und trägt besonders in der ersten Zeit einen äusserÜchen, lehrhaften Charakter. Ein bedeutend grösseres Interesse erweckt die theoretisch-wissenschaftliche Richtung der Pädagogik, die einen grossen Einfluss auf die Entwicklung des Schulwesens gewonnen hat. Diese Pädagogik nahm in Russland von Anfang an einen naturwissenschaftlichen, biologisch-psychologischen und experimentellen Charakter an, da sie sich aus der Tätigkeit von Ärzten, teils Hygienikern, teils Psychiatern und anderen herausbildete. An erster Stelle ist hier der bekannte Professor der Anatomie Lesgaft zu nennen, der versucht hat, die Erziehung biologisch zu begründen und der durch seine Vor- lesungen über die Pädagogik in den von ihm organisierten Kursen einen ungeheuren Einfluss auf seine zahlreichen Hörer ausgeübt hat, die dann seine Ideen über ganz Russland verbreitet haben. „Zweifellos," sagt Les- gaft, „ist die Hauptsache für die Schule, das Kind Selbstbeherrschung ErlioiAiin, BoMlMid U. jQ 146 BoBsland. und Selbstregiening zu lehren und zu seiner Gharakterentwicklung bei- zutragen." Die Hauptaufgabe der Erziehung besteht nach ihm darin« das Kind in Lebensbedingungen zu versetzen, unter denen es sich harmonisch und frei entwickeln kann, sowohl in physischer als auch in geistiger und moralischer Beziehung. Das Bestreben soll sich entwickeln, mit Hilfe einer gründlichen Pflege des abstrakten Denkens einem erworbenen Ideal zu dienen, da die moralische Vervollkonmmung sich in direkter Ab- hängigkeit vom geistigen Wachstum befindet. Das geistige Wachstum aber soll von innen herauskommen, Überzeugungen, Willen und Charakter bilden, dessen Hauptelemente sind: eine vernünftige, die Entwicklung der Sinnlichkeit hemmende Tätigkeit, ferner Mühe und Arbeit, die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf die empfangenen Eindrücke zu konzentrieren und durch geistige Arbeit die ihrer Aufnahme entgegenstehenden Hindernisse zu überwinden, und die Gewohnheit, sich beim Denken und Handeln von den aufgenommenen und vollständig verarbeiteten Prinzipien und Wahr- heiten leiten zu lassen. Darum sollen alle Massregeln und Strafen, - die zwangsweise auferlegt werden und nicht auf die Vernunft, sondern, auf die Sinnlichkeit wirken, unbedingt aus der normalen Erziehung ausgeschlossen sein. Die Verderbtheit des Kindes ist in den meisten Fällen ein Bresultat des Erziehungssystems, das wenig Aufmerksamkeit auf eine völlige Harmo- nie des Wortes mit der Tat, auf die Gewöhnung des Kindes an Wahrhaftig- keit und Aufrichtigkeit verwendet. In der erdrückenden Mehrheit der Fälle ist es nicht angeborene Stumpfheit, die das Kind einer traurigen Zukunft entgegenführt, sondern es sind pädagogische Fehler, die in seinem Charakter und in seinen Gewohnheiten die uAleugbaren Spuren moralischer Minderwertigkeit und geistiger Schwäche zurücklassen. Eine richtig durchgeführte Erziehung bat eine gewaltige Bedeutung, aber nur unter der Bedingung, dass das richtige Verständnis für die Natur des Kindes überhaupt und dessen Typen im einzelnen, sowie die Fähigkeit, sich dem Laufe der kindlichen Entwicklimg anzupassen, vorhanden ist. Lesgaf t nimmt im allgemeinen fünf Perioden der kindlichen Entwicklung an: 1. die chaotische Periode, in der sich das neugeborene Kind befindet; 2. die reflektorische, die bis zum Beginn des Sprechens andauert (ungefähr bis zum 2. Lebensjahre); 3. die nachahmend-reale bis zum Eintritt des Schul- alters; 4. die nachahmend-ideologisohe (bis zum 20. Jahre); 5. die kritisch- schöpferische (nach dem 20. Jahre). Der Sinn dieser Perioden wird aus ihren Benennungen klar. Wenn wir die Kinder in der Schule genau beobachten, so unterscheiden wir sechs verschiedene Typen, je nach ihrem Verhalten zur Wahrheit . Diese Typen bilden sich unter dem Einfluss der verschiedenen Bedingungen des häuslichen Lebens aus und werden von Lesgaf t mit folgenden Namen bezeichnet: 1. das heuchlerische Kind, 2. das ehrgeizige, 3. das gutmütige, 4. das zärtlich-verzogene, 5. das streng-verzogene und Die Pftdagogik in Riualand. 147 6. das deprimierte Kind. Es versteht sich von selbst, dass die Behandlung dieser Kinder dem Charakter ihrer geistigen Eigenschaften angepasst sein miiss. (Pädagogische Werke Lesgafts: Die Familienerziehung des Kindes und ihre Bedeutung. 1. Teil: Die Schultypen, 2. Teil: Die Grunderschei- nungen des Kindes. Petersburg, 1893. 3. Teil — Nachlasswerke — : Die Familienperiode der Erziehung. Petersburg, 1912.) Ausserdem hat Les- gaf t häufig Eragen der physischen Erziehung behandelt und ein besonderes gymnastisches System geschaffen, das eine ziemUch grosse Verbreitung gefunden hat. Sein Wesen besteht in einer harmonischen Entwicklung aller Körperteile mit Hilfe von Übungen, die dem anatomischen Bau des kindlichen Körpers angepasst sind und nicht durch mechanische Nach- ahmung des Beispiela des Lehrers ausgeführt werden, sondern vollkommen bewusst auf Gnmd von desßen Erklärungen. Lesgaft hat durch seine Werke einen wertvollen Beitrag zur Psychologie des Kindes geliefert und einen bedeutenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der wissenschaft- lichen Pädagogik ausgeübt, die zu einer immer bestimmteren Disziplin v^Tirde, indem sie sich auf eine systematische Beobachtung der Kinder und sogar auf Versuche an Schülern stützte. Zu gleicher Zeit entstand auch in Kussland eine eigentliche pädo- logische und experimentell - psychologische Richtimg in der Pädagogik, und zwar noch etwas früher als im westlichen Europa. So waren die ersten experimentellen Untersuchungen des Psychiaters Prof. Sikorski mit Hülfe der Diktatmethode schon im Jahre 1878 die ersten Vorboten der Arbeiten auf diesem Grebiet. Weitere Beiträge zu diesem Zweige der Kinderforschung, der die Grundlage der naturwissenschaftlichen Päda- gogik bildet, lieferten viele Ärzte und Hygieniker (Erismann, Gundo- bin, Ignatjeff, Teljatnik, Verenius, Starkoff und andere), sowie die Psychiater (Gribojedoff, Krogius, Schegloff, Kaschenko, Kowalewski, Bernstein, Bossolimo usw.), ferner Juristen, wie Drill und andere. Der erste Platz unter den Ärzten und Psychiatern kommt auf diesem Gebiete zweifellos Sikorski zu, der ausser seinen Untersuchungen über die Ermüdbarkeit der Schüler während der Klassenarbeit noch einige Arbeiten über Kinderpsychologie geschrieben hat, dessen umfang- reichstes: „Die Seele des Kindes" ist, eine auch im Auslande ziemlich bekafmte Schrift. In diesem Werke verfolgt Sikorski auf Grund eigener und fremder Beobachtungen die Entwicklungsgeschichte des Kindes iauptsäclüich in der ersten Kindheitsperiode, d.h. von der Geburt bis zum 7. Jahre. Gleichzeitig behält er beständig die praktische Anwendung der Ergebnisse der Psychologie des Kindesalters auf die Erziehungsfragen im Auge. Im Vorwort zu seinem Werke sagt er: „Noch bis vor kurzem wurde das psychische Leben der Kinder stillschweigend als genügend bekannt betrachtet und rief unter Pädagogen weder Zweifel noch Erage- 148 BuBsland. Stellung hervor. Aber dieser verhängnisvolle Irrtum, der so lange auf den Gedanken der Eltern und dem Schicksal der Kinder gelastet hat, ist jetzt endgültig erschüttert, und die Psychologie nimmt den ihr zukommenden Platz ein als Ausgangspunkt für das wissenschaftlich angestellte pädago- gische Experiment." Schon lange wurde auf die Notwendigkeit systematisch richtiger pädagogischer Verbuche an Kindern hingewiesen, ebenso wie auf das Erfordernis der Ausbildung erfahrener Experimentatoren. So hat z. B. Prof. Lange (Odessa) im Vorwort zu seiner Dissertation („Psychologische Forschungen"', 1893) energisch die Notwendigkeit nachgewiesen, dass an allen Universitäten Laboratorien für experimentelle Psychologie eingerichtet werden müssen, wegen ihrer ungeheuren Bedeutung für die Entwicklung der wissenschaftlichen Pädagogik.^) Dasselbe forderte auch Prof. To- karski in seinem Vorwort zur Übersetzung von Wundt: „Grundriss der Psychologie" im Jahre 1897. Er schreibt darin: „Wenn die Pädagogen, Juristen, Ärzte gründlich mit der Psychologie vertraut würden, so könnten sie vorzügliche Experimentatoren auf dem Gebiete des geistigen Lebens abgeben, da sie schon ohne dies durch ihren Beruf gezwungen sind, an anderen Wesen zu experimentieren, um das Seelenleben zu erforschen und auf dasselbe einzuwirken. Li einer besonders günstigen Lage für das psychologische Experiment befinden sich die Pädagogen, und es ist zweifel- los, dass der Erfolg ihrer eigentlichen Tätigkeit bedeutend grösser sein würde, wenn sie das geistige Leben ihrer Schüler und Zöglinge experimentell studierten. Auf diesem Wege würden sie den Grund und Boden, auf den sie die Saat ihrer Kenntnisse und Prinzipien ausstreuen, besser kennen lernen und könnten dann bewusstere und sicherer zum Ziele führende Massregeln ausarbeiten, um auf die Seele ihrer Zögjtinge einzuwirken. Mit der Zeit werden wir auch dahin gelangen." Diese Wünsche Langes, Tokarskis und anderer für die Ausarbeitung der Pädagogik mit Hilfe exakter natur- wissenschaftlicher Methoden auf dem Gebiete der experimentellen Unter- suchung des Seelenlebens der Kinder wurden bald verwirklicht, in der Hauptsache dank den Arbeiten Prof. A. P. Netschajeffs, der gegen- wärtig im Mittelpunkte der wissenschaftlich-pädagogischen Bewegung in Bussland steht und eine ganze Gruppe von Mitarbeitern und Helfern um sich gesammelt hat. Netschajeff, dessen experimentelle Untersuchun- gen, besonders über das Gedächtnis der Kinder im schulpflichtigen Alter, Verdientermassen weit herum bekannt geworden sind und seiner Zeit sogar eine starke Anregung zur Ausführung ähnlicher Versuche in Westeiffopa gegeben haben, trat zum ersten Male im Jahre 1901 auf mit seinem Werke : „Die moderne experimentelle Psychologie und ihre Anwendung auf Fragen ^ • *) Näheres über die Entwicklung der pädologischen Bewegung in Bussland. Vgl N. E, Rumjanzeff: Die Pädologie, ihre Entstehung, Entwicklung und Beziehung zur Pädagogik. Petersburg, 1910. Auch: Vorlesungen für pädagogische Pisychologie, L Teil, Moskau, 1913. Die PädagogOc in Basalaiid. 149 des Schuluntemohts" (jetzt schon in dritter Auflage in zwei grossen Bänden erschienen). In diesem Werke macht Netschajeff den Versuch, ver- schiedene pädagogische Fragen aufzuklären (z. B. das psychologische Studium des schulpflichtigen Alters, die Kunst, die licktionen auszulegen, die Psychologie und Pädagogik des Lernens, geistige Ermüdung, Schul- übungen usw.) auf Grim.d experimenteller Untersuchung der Schüler, ihres Gedächtnisses, ihrer Aufmerksamkeit, Arbeitsfähigkeit, Beeinflussungs- fähigkeit usw. Er stützt sich dabei hauptsächlich auf seine eigenen Beob- achtungen, die er an schulpflichtigen Kindern in verschiedenen Schul- gattungen vorgenommen hat. Das Buch hatte eine gewaltige Bedeutung für die Entwicklung der wissenschaftlichen Pädagogik in Bussland, da es nicht nur die Lehrer für neue Forschungsmethoden und Probleme inter- essierte, sondern auch auf die fruchtbringende Möglichkeit ihrer praktischen Lösung sowie auch auf deren tatsächliche Bedeutimg für die pädagogische Praxis hinwies. Netschajeff schreibt im Vorwort: „Wenn die Psycho- logie überhaupt für die Pädagogik eine gewaltige Bedeutung hat, so muss die experimentelle Psychologie eine noch grössere haben. Erstens stellt sie in Wirklichkeit ihrem Wesen nach keine besondere Wissenschaft dar im Vergleich mit der empirischen, sogenannten allgemeinen oder nicht experimentellen Psychologie, sondern nur deren folgerichtige Entwick- lung, wobei die von ihr angewandten Handgriffe und Forschimgsmethoden vor allem den Zweck haben, die Analyse derjenigen geistigen Erscheinungen zu erleichtem, in deren Geheimnisse einzudringen für jeden denkenden Pädagogen unerlässlich ist. Zweitens gibt die experimentelle Psychologie die Möglichkeit, Mittel zur exakteren Erforschung der individuellen Be- sonderheiten des Seelenlebens zu schaffen, und auf diese Weise kann sie dazu beitragen, dass moderne Methoden zur Bestimmung und Schätzung der Zöglinge ausgearbeitet werden. Drittens kann sie, indem sie ihre Be- hauptungen auf streng definierte Tatsachen aufbaut, als vorzügliche Schtde für ein kritisches Verhalten der modernen pädagogischen literatur gegenüber (die oft nur in Wortkram besteht) und '>ls solides Fundament für eine neue, praktisch begründete Pädagogik dienen." Dem Baue eines solchen Fundaments widmet Netschajeff mit grossem Erfolg alle seine Kräfte. Von ihm wurde im Jahre 1901 das erste Laboratorium für experi- mentelle pädagogische Psychologie in Bussland (nach dem in Brüssel das zweite in Europa) gegründet, das eine ganze Reihe wertvoller Arbeiten Veröffentlicht hat.^) Ferner hat Netschajeff mehrere Kongresse (bis jetzt fünf) für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik org^ni- ^) Besohreibung des Laboratoriums : K. E. Rumjanzaff : Laboratorimn f ür ezpsriinent. pädagog. Fisychologie zu Petersburg. S. Pet. 1906 und auch: Neuare Arbeiten auf dem Gebiete experimenteller Pädagogik in Rußland in Archiv für Pädagogik, I. Teil: Pädagog. Forsohung, herausgegeben von Dr. Brahn, Leipzig» 1914. 150 Buflsland. siert, die die allgemeine Aufmerksamkeit der Lehrer und auch die weiter Kreise der Eltern auf sich gelenkt haben. Im Jahre 1906 gründete er die Gesellschaft für experimentelle Pädagogik, die sich die allseitige Erfor- schung der psycho-physischen Natur der Kinder und die Bedingungen ihrer Entwicklung und Erziehung mit Hilfe exakter naturwissenschaft- licher Methoden, sowie die Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse über die Natur der Kinder und die psychologischen Grundlagen der Er- ziehung und des Unterrichts zum Ziel setzt. Diese Gesellschaft erscheint als Mittelpunkt der pädagogischen Bewegung. Sie besitzt ihre eigene S^tschrift: „Jahrbuch der experimentellen Pädagogik" und organisiert eine ganze Reihe wissenschaftlicher und hilfswissenschaftlicher Institutionen für die Ausarbeitung der experimentellen Pädagogik. Innerhalb derselben bestehen pädagogische Laboratorien, Vorbereitungskurse für Lehrer, eine Versuchsschule und eine pädagogische Akademie. Die Akademie stellt sich die Aufgabe der Verwirklichung der Ideale Uschinskis, eine päda- gogische Fakultät zu sein zur Erforschung des Menschen in seiner Eigen- schaft als Erziehungsobjekt und zur Vorbereitung pädologisch-vorgebildeter Arbeiter auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Pädagogik: In diese Akademie werden Personen beiderlei Geschlechts aufgenommen, die eine Hochschule absolviert haben und sich auf das Studium der Psychologie, der Pädagogik, der Schulhygiene, der Psychopathologie des Kindesalters und dergl. speziaUsieren wollen. Die „Versuchsschule" der Gesellschaft wurde im Jahre 1908 gegründet und verfolgt den Zweck der Verwirklichung der Idee Kants und Tolstojs über die Versuehsschulen. Ihr Ziel ist, mit Hilfe planmässiger Beobachtungen und psychologischer Untersuchun- gen Schritt für Schritt die Schulleistungen der Kinder zu verfolgen und richtige Wege für Erziehung und Unterricht ausfindig zu machen, sowie auch ein besseres Verständnis der individuellen Eigentümlichkeiten der Kinder herbeizuführen. Um die pädagogische Akademie gruppieren sich alle Arbeiter auf dem Gebiete der experimentellen und überhauift der wissenschaftlichen Pädagogik: Lasurski, Krogius, Gribojedoff, Orschanski, Kaptereff, Sohtschegloff, Konoroff, Popitsch, Ewergetoff, Bachmanoff, Bumjanzeff und andere. Ausserdem sind unter Netschajeffs Redaktion Übersetzungen der wichtigsten psycho- logisch-pädagogischen Werke erschienen: Wundt (Physiologische Psycho- logie, Völkerpsychologie), Groos, Compeyre, St. Hall und andere. Als anderes Arbeitszentrum der experimentellen Pädagogik in Petro- grad erscheint das von Prof. Bechtereff gegründete psyeho-neurologische Institut, in welchem ebenfalls ein Laboratorium für experimentelle Pädagogik existiert, dessen Leiter, Prof. Lasurski, ^) sich hauptsäch- ^) Im Jahre 1917 plötzlioh gestorben. Die Pftdagogik in Ruasland. 15I lieh mit Forschungen über die individuelle Psychologie beschäftigt. Sein Mitarbeiter ist Prof. Powarnin, der speziell Kinderpsychologie betreibt. In Moskau ist das Zentrum der pädagogischen Bewegung die Gesell- schaft für experimentelle Psychologie mit ihrem Leiter G. I. Bossolimo, dem Organisator eines Instituts für normale und pathologische Psycho- logie der Kindheit. jähnlich wie in Amerika, und zum Teil auch in Westeuropa, muss die neue naturwissenschaftUch-psychologisch-ezperimenteUe Richtung einen Kampf bestehen mit den konservativen Richtungen der Mitarbeiter des Prof. Tschelpanoff *) in Moskau. Diese werfen der Schule Netscha- Jeffs vor, dass sie unter den Lehrern durch Verwendung wenig vorbereiteter Mitarbeiter nicht genügend wissenschafthch begründete Angaben ver- breitet, und dass sie nicht genügend vollkommene Forschungsmethoden (Massenversuche) verwendet. Man muss sagen, dass diese Vorwürfe, ihrem Wesen nach beurteilt, wie immer in solchen Fällen, nur zum Teil gerecht- fertigt sind: niemand bestreitet die UnvoUkommenheit und den verhältnis- mä.ssigen Mangel an Ausarbeitung der Methodik psychologischer Unter- suchungen in der gegenwärtigen Zeit, auch anerkennen alle den Schaden voreihger pädagogischer Schlussfolgerungen und Verallgemeinerungen, sowie das Erfordernis einer solideren und allgemein psychologischen Vor- bereitung der Experimentatoren. Alles dies aber kann selbstverständlich erst mit der Zeit und nach und nach erreicht werden. Die Aufgabe des gegenwärtigen Moments besteht jedoch in der Hauptsache darin, weite Kreise von Lehrern für die neue Richtung in der Pädagogik zu interessieren, ihre Bedeutung und Wichtigkeit zu enthüllen, eine Bresche zu schlagen in die alten Methoden und Unterrichtsmassregeln und den Gedanken zu betonen, dass die Erziehung auf neuen Grundlagen aufgebaut werden, dass die Schule nämlich pädozentrisch sein muss. In dieser Hinsicht übt die moderne experimentelle Pädagogik zweifellos auf die Schule einen grossen und günstigen Einfluss aus, sie erhöht das Interesse für die Erziehungs- fragen und regt zu tieferem Nachdenken über dieselben an. Wir sehen in der Tat, dass in Russland auf dem Grebiete der praktischen Pädagogik eine starke Belebung eingetreten ist. Es werden beständig Kongresse einberufen über FamiHen-, Volks- und Kunsterziehung, über die Lehr- methoden einzelner Fächer, Kongresse, die eine gewaltige Zahl von Eltern und Lehrern heranziehen, die mit grosser Anteilnahme die alten Erziehungs- fragen revidieren und von neuen Standpunkten aus betrachten, um die Möglichkeiten ihrer Entscheidung von neuem in Erwägung zu ziehen. Neue Probleme werden zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gemacht. ^•..ub'nrai ') Tsohelpanoff, Dia Psychologie und die Schule. Moskau 1912. 152 Busaland. 60 z. B. ästhetische Erziehung, sexuelle Aufklärung, Koedukation ^) Arbeits- schule und ähnliches, das grosses Interesse erregt. In Verbindung hiermit steht die sich immer erhöhende Anteilnahme an der Idee einer Reform der Schule und der Erziehung überhaupt, hauptsächlich auf den Grund- ]agen, die einerseits den von den hervorragenden Pädagogen aufgestellten Idealen und anderseit s den Forderungen der modernen wissenschaftlichen Pädagogik entsprechen. Einen grossen Einfjiusa auf diese reformatorischen Bestrebungen übt die pädagogische Presse aus, die sich in letzter Zeit ganz bedeutend entwickelt hat, ferner die Mitarbeiter der Semstwos auf dem Gebiete der Volksbildung und die Lehrervereine. Die Schukeform galt schon unter dem alten Regime als voUstäJidig spruchreif, und eine besonders dazu anregende Wirkung ging von der Kom- mission für Volksbildung bei der Reichsduma aus; sie wird hoffentlich unter dem neuen Regime hochaktuell werden. Die Grundlagen und Aus- gangspunkte dazu sind im Lehen und in der Erziehungswissenschaft schon vollständig gegeben. Es sind: die allgemeine, für aUe gleiche, unentgelt- liche, und vielleicht auch unter dem Einflüsse von Westeuropa obligatorische Volksbildung, die Ausdehnung der Elementarschulkurse auf sieben oder sogar acht Jahre durch Hinzufügimg einer höheren Stufe der Volksschule, die ausgedehnte Entwicklung der Erziehung vor der Schulzeit (Seppen, Kinderbe wahranstalten, Eindergärten )> die Erziehung ausserhalb der Schule (Kinderklubs und Vereine, Ferienkolonien; Fortbildungsschulen, Volksbibliotheken, verschiedenartige Kurse, Volksuniversitäten und dergl.) in Verbindung mit der Fürsorge für verwahrloste und obdachlose Kinder, besonders für minderjährige Verbrecher in grossen Städten, die Vereinigung der Elementarschule mit den höheren Schulen in kontinuierlicher Steigerung, was den begabteren Kindern die Möglichkeit einer Fortsetzung ihrerBildung und einer materiellen Unterstützung im Verlaufe ihres Bildungsganges gibt. Ferner sind hier zu nennen: die grössere Mannigfaltigkeit in den Typen der höheren Schulen, die Gelegenheit gibt, sich den verschiedenen Begabungen der einzelnen Kinder anzupassen (humanistische, reale, künst- lerische, technische u. a. Schulen), der weitere Ausbau der technischen Schulen (Handels-, Landwirtschafts-, Gewerbeschulen), die errichtet sind auf einem breiten Fundament der Allgemeinbildung und der Anpassung an den Grad der geistigen Begabung (Hilfsschulen für Zurückgebliebene, Schwachbegabte, Mittelmässigbegabte und vieUeichl auch besondere Schulen für aussergewöhnlich Hochbegabte, weitgehende Organisation der gemeinsamen Erziehung der Geschlechter in den Mittelschulen, Ver- besserung des Schulwesens überhaupt im Sinne der Erlangung einer grösse- ^) „Von der Koedukation in Kussland", W. Rumjanzeff. Arohiv für P&dagogik. Herausg. von Brahn, Leipzig. I. Teil. 1914. Zur Frage der gemeinsamen Ersiebung in Russland. Die Pädagogik in RusBland. 153 Ten Selbständigkeit der Kinder und einer erhöhten Aktivität beim Lernen zum Zweck der Entwicklung ihrer schöpferischen Kräfte, der Initiative, der Unternehmungslust, des Willens und des Charakters (Arbeitsprinzip der Elrziehung, künstlerische Erziehung, Selbstverwaltung in der Schule usw.). Endlich wäre noch hinzuzufügen: die Verbesserung der äusseren Organisation der SchuJe, um neue Schultypen zu ermöglichen und neue Lehrmethoden auszuprobieren, sowie die Gewährung grösserer Freiheit für die Lehrer in der Durchführung neuer Lehrprogramme und der Auswahl der Lehrmethoden, die ihren Anlagen am meisten entsprechen. Dies alles setzt die Autonomie der pädagogischen Körperschaften voraus, die die Lehrer und Direktoren aus ihrer Älitte wählen, sowie überhaupt die voll- ständige Reorganisation der Schulverwaltung. Femer steht auf dem Programm : für die Absolventen der höheren Schulen verschiedener Typen, besonders für die Tüchtigsten von ihnen, eine Erleichterung des Zuganges zu den Universitäten und den technischen Hochschulen, eine Vermehrung der Anzahl beider Anstalten und eine gründliche Umbildung der Hoch- schulen auf Grund einer vollen Lehrfreiheit. Li Verbindung mit einer solchen Umbildung der Schulen überhaupt steht dann notwendig eine Re- form der Vorbildung der Lehrer: Verbessenmg der Lehrerseminare im Sinne einer Umformung derselben zu JJIittel- oder Hochschulen, Zulassung der VolksschuUehrer zur Universität, Eröffnung pädagogischer Akademien in grossem Umfange oder Errichtung pädagogischer Fakultäten an den Universitäten, Gründung von pädagogischen Lehrstühlen an den Hoch- schulen in Verbindung mit pädagogischen Übungsschulen und Labora- torien für experimentelle Pädagogik, Verbesserung der materiellen und rechtlichen Lage der Lehrer usw. AUe diese Reformen sind bereits so weit gediehen und werden mit solcher Ungeduld von der russischen Gresell- Bchaft erwartet, dass man auf deren baldige Verwirklichung unter dem neuen politischen Regime hoffen darf, für welches die Volksbildung nicht wie für das frühere ein Stiefkind, sondern eine Liebhngstochter sein wird. Leipzig, den 20. Mai 1917. N. Bomjanzeff. Die russische Frau. Die alten Volkslieder erzählen von der traurigen Lage der russischen Frau. Als noch einzelne slaviscbe Stämme miteinander in Fehde lebten, raubte man sich Ehefrauen. Später kaufte man sie den Verwandten ab, ohne nach ihrem Willen oder ihren Neigungen zu fragen. Sie fühlten sich einsam und fremd in der Familie des Mannes. Körperliche Züchtigung von seiner Seite, sohlechte Behandlung von Seiten der Schwiegermutter und Schwäger imd harte Arbeit machten sie früh alt und abgenützt. In einem Volkslied heisst es: Die Mutter gab mich in die Ehe, weit von der Heimat. Sie wollte mich oft besuchen kommen und wollte lange bei mir bleiben. Es verging ein Jahr, noch eins — die Mutter kam nicht. Erst im dritten kommt sie und erkennt mich nicht. „Was ist das für ein altes Weib?" fragt sie. „Ich bin kein altes Weib, ich bin dein Kind, Mütterchen, das du so lieb ge- habt." — „Wo ist denn dein weisser Leib, und wo sind deine roten Wangen ? " — „Mein weisser Leib ist an der seidenen Peitsche, und meine roten Wangen sind an der rechten Hand des Mannes." Was Wunder, dass vor und während der Hochzeit nicht nur die Braut, sondern auch deren Mutter herzzerreissend weinte. Wusste sie doch, was für ein trauriges Los ihr Kind in der Ehe erwartete. So wenig Ansehen genossen die Frauen im alten Bussland, dass für die Tötung einer Frau nur die Hälfte der Busse verlangt wurde, die für das Erschlagen eines Mannes bezahlt werden musste. Auch in wohlhabenden Kreisen war die Flau nicht höher geachtet; ihr Leben musste sie in engen Bäumen ein- gesperrt verbringen. Häusliche Arbeiten, Kindergebären imd -Aufziehen, das war ihre Tätigkeit. Selten wurde sie zur Freundin oder Beraterin des Mannes erhoben, gewöhnlich wurde von ihr völlige Unterwürfigkeit gefordert. Nur wenige Frauennamen treffen wir auf den ersten Seiten der russi- schen Greschichte. Im 10. Jahrhundert sehen wir die Fürstin Olga als Begentin für ihren minderjährigen Sohn. Sie nimmt grausame Bache für den Tod ihres Mannes, macht eine Beise nach Konstantinopel imd bekehrt sich zum christhchen Glauben. Aber sie war nicht die Frau eines Slaven, sondern eines Fürsten normannischer Abkunft. Die erste russische Fürstin, welche die dumpfe Atmosphäre der Frauen- gemächer verliess, war Sophie, die ältere Stiefschwester Peters des Grossen. Sie machte ihr Becht auf Leben und Tätigkeit geltend, für sich selbst und Die nuaiache Frau. I55 für ihre Schwestern. Ohne Schleier, mit offenem Gesicht erschien sie in den Sitzungen der damaligen Duima, sprach zum Volk und empfing die ausländischen Botschafter. Ihre Regentschaft dauerte sieben Jahre. Bann nahm Peter der Grosse die Macht in die eigene Hand und sperrte die ehr- geizige Schwester in ein Kloster. Er selbst machte einen gewaltsamen Schritt zu einer wenigstens äusserlichen Befreiung der russischen Frau: Grattinnen und Töchter der Edelleute wurden so gut wie gezwungen, in den gesellschaftlichen Versammlungen zu erscheinen, tanzen zu lernen und ihre Tracht mit dem „deutschen Kleid" zu vertauschen. Nach dem Tode Peters erscheint eine ganze Beihe Frauen auf dem russischen Thron. Während der zwanzigjährigen Regierung seiner Tochter Elisabeth machte die russische Gesellschaft sichtliche Fortschritte. Es erwachten in ihr geistige Bedürfnisse, die Vergnügungen änderten ihren Charakter. Grobe Maskeraden,^ Strassenprozessionen, Gelage mit grossen Alkoholmengen wurden seltener und machten stillen Versammlungen mit Tanzen, Deklamationen und Vorlesungen Platz. Es erwachte das gesell- schaftliche Leben mit tätiger Anteilnahme der Frau. Katharina ü., welche davon träumte, ein neues Geschlecht heran- zubilden, erkannte zuerst die Bolle der Frau in der Erziehung der Kinder. Um sie zu diesem Berufe fähiger zu machen, gründete sie das erste Mädchen- institut. Die Oberflächlichkeit, welche darin waltete, wurde zwar von manchen Zeitgenossen streng verurteilt; wichtig war aber, dass die Not- wendigkeit der Mädchenschule überhaupt anerkannt wurde. Die geistige Befreiung der Frau machte während der langjährigen Regierung Katha- rinas immer weitere Fortschritte. Ein Hemmschuh war allerdings die un- gesunde Einrichtung der Leibeigenschaft. Manche fortschrittlichen Frauen konnten grausam oder wenigstens recht blind in ihren Beziehungen zu den Leibeigenen sein. Die Idee, dass ein Teil der Menschheit den anderen besitzen dürfe, war so tief eingewurzelt, dass jede Konsequenz des Denkens hier endigte. Die grosse Masse der Bedienten, die Gewohnheit, auf Kosten der Arbeit anderer Menschen zu leben, wirkte oft demoralisierend auch auf die russische Frau. Zur Zeit der grossen Beformen Alexanders 11. (zu denen auch die Auf- hebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 gehört), als die Absonderimg der verschiedenen Gesellschaftsklassen von einander immer mehr verschwand, ging die führende Bolle in die Hände der sogenannten „Intelligenz", d. h. des gebildeten, denkenden Teiles der russischen Gesellschaft über. Zu dieser „Intelligenz ''gehören Menschen mit sehr verschiedenem Bildungsgang und -grad, aber allen gemein sind die starken geistigen Bedürfnisse und der Drang, soziale Hilfe zu leisten. Diese intelligenten Kräfte: Schriftsteller Professoren, Gelehrte, Studierende, VolkssohuUehrer, Mitglieder der Semstwos und der Stadtverwaltungen, haben die Beformen in weiten 156 Bussland. Kreisen durchgeführt. Sie haben geholfen, das Volk der Schule zuzu- führen und an ärztliche Hilfe zu gewöhnen; sie gründeten und verbreiteten Zeitschriften in der Provinz. Immer neue Mitglieder mussten geworben werden, und dieser Umstand half den russischen Frauen, ihr Bedürfnis nach Bildung und selbständiger Tätigkeit zu befriedigen. Die Unter- würfigkeit der Frau hing nur von dem Mangel an Kultur und von den herrschenden Sitten ab, vor dem Gesetz war sie dem Manne gleichwertiger als in Westeuropa, wo die Bechte der Frau gesetzlich festgelegt, dabei aber sehr eingeengt waren. Nur dort mussten die Frauen Kampf Organi- sationen gründen, um sich Biechte zu erobern und mit den Männern kon- kurrieren zu können. In Bussland dagegen rief die „Intelligenz" die Frauen von sich aus zur Arbeit, und auch der Weg zur Bildung wurde ihnen geebnet . Gegen Ende der fünfziger Jahre fingen manche sogar an, für die „Eman- zipierten", d. h. für die von allen Vorurteilen freien Frauen zu schwärmen. In den sechziger Jahren begann die Gründung der russischen Mädchen- gymnasien, und wenn auch deren Programm zuerst noch kein umfang- reiches war, so bedeuteten diese Schulen doch wieder einen wichtigen Schritt vorwärts: es waren keine Internate wie die Institute. Die Mädchen mussten nicht aus den FamiUen und aus dem Leben herausgerissen w^erden. — Das Bedürfnis nach Mittelschulbildung war so gross, dass eine ganze Beihe solcher Gymnasien auch in Provinzstädten gegründet wurde. Vielen von ihnen wurde als achte Klasse ein pädagogischer Kurs angegliedert. Nach Beendigung dieser Schulen bekamen die Mädchen das Lehrerinnen- diplom. Selbstverständlich gaben sich die Frauen damit nicht zufrieden: viele von ihnen sehnten sich nach dem Universitätsstudium. Im ersten Augenblick schien die Lösung der Frage sehr einfach: man musste ihnen ja nur die Türen der Universitäten öffnen. Das geschah auch im Jahre 1860, aber die Unruhen unter den Studierenden bewogen die Begierung, den Frauen die Erlaubnis zum Universitätsstudium wieder zu verweigern. Doch der Drang nach dem Studium war in vielen Frauen so gross, dass sie nun ausländische Universitäten bezogen. Die- jenigen, welche zu Hause blieben, ruhten nicht eher, als bis sie in den siebziger Jahren die Gründung mehrerer Frauenhochschulen, die den Namen ,, Kurse" trugen, erreicht hatten. Diese sind aber auch jetzt nicht zahlreich genug, und obgleich in der letzten Zeit die Frauen, allerdings mit manchen Einschränkungen, auch in den Universitäten zugelassen werden, entspricht die Gelegenheit zum Studieren nicht mehr den fort- während wachsenden Bedürfnissen, und noch immer strömen viele russische Frauen in die ausländischen Universitäten, in grosser 2Jahl auch in die schweizerischen. Das Geld spielt in der Frage, ob eine Frau studieren darf oder nicht, selten eine Bolle. Wenn die Energie vorhanden ist, so müssen sich auch die nötigen Mittel finden. Alle Erwerbsmöglichkeiten Die rossiBche Frao. 157 werden von der stndierenden Jugend ausgenützt, und ihre Genügsamkeit setzt die Westeuropäer, die mit ihnen in Berührung kommen, in Erstaunen. Den GroBsteil der studierenden Fraiien stellen die Medizinerinnen. Wenn das Studium trotz aller Schwierigkeiten und Entbehrungen zu Ende ge- führt ist, sehnen sie sich selten nach einer einträglichen Praxis. Die meisten begeben sich aufs Land, wo ihrer eine recht schwierige, aber nicht selten auch befriedigende Arbeit wartet. Die übergrossen Anstrengungen und die ungünstigen äusseren Verhältnisse untergraben oft früh ihre Gesund- heit. Viele aber erstarken in diesem Kampfe und entwickeln sich zu wert- vollen Helferinnen und Trägerinnen der Kultur. Das gleiche Los teilen a nch die Lehrerinnen, für die es noch immer genug Platz im umfangreichen Russland gibt, trotzdem die zahlreichen Mädchengymnasien und andere Lehranstalten jährlich Tausende von diplomierten Lehrerinnen in die Welt hinausschicken. Die meisten dieser Pionierinnen sind unverheiratet, aber auch manche Ehefrauen und Familienmütter können dem Drang nach Tätigkeit nicht widerstehen. Im besten Falle schliessen sie einen Kompromiss zwischen ihren mütterlichen Pflichten und ihrer sozialen Tätigkeit; im schlimmeren \värd die Familie geopfert. Die Haushaltung und die Kinder werden den Dienstboten und den manchmal minderwertigen Erzieherinnen übergeben. Zum Glück besteht aber in Busaland eine Einrichtung, die oft helfend in diese Verhältnisse eingreift : die Kinderfrau. Zur Zeit, da die Leibeigen- schaft noch bestand, wurden gewöhnlich ältere und zuverlässige Frauen zur Pflege der herrschaftlichen Kinder auserkoren, und oft übertrugen sie alle Liebe und ZärtKchkeit, derer ihr Herz fähig war, auf das fremde Kind. Ihr persönliches Leben erblasste; die Hingabe an den Pflegling bildete den ganzen Inhalt ihres Daseins. Sie blieben im Haus, auch wenn die Kinder herangewachsen waren, und umgaben sie auch dann noch mit Sorge und Zärtlichkeit, pflegten später oft auch deren Kinder. Auch nach der Abschaffung der Leibeigenschaft verschwanden diese Kinder- frauen nicht. Häufig sind es Frauen, deren persönliches Lebensglück scheiterte, die kein warmes Heim, aber ein liebevolles Herz besitzen. In seinem Buch „Lebensstufen" beschreibt Tolstoj die Kinderfrau clpr Mutter seines Helden. „Als Mama heiratete, rief sie Natalia Ssawischna — um sie auf irgendeine Weise für fünfundzwanzigjährige Dienste und Treue zu belohnen — zu sich und händigte ihr, nachdem sie ihr mit den schmeichel- haftesten Worten ihre herzlichste Dankbarkeit und liebe ausgedrückt hatte, einen Stempelbogen ein, der Natalia die Freiheit gab und sagte, sie würde, ob sie bei ihr weiter dienen wollte oder nicht, immer dreihundert Rubel jährliche Pension erhalten. Natalia Ssawischna hörte das alles schweigend an, nahm dann das Papier in die Hand, murmelte zornig etwas zwischen den Zähnen und rannte aus dem Zimmer, die Tür hinter sich 1 58 BuBsland. ins Schloss werfend. Mama, die den Gnind dieses sonderbaren Betragens nicht verstand, begab sich eine kleine Weile nachher in das Zimmer Natalia Ssawischnas. Diese sass mit verweinten Augen auf ihrem Koffer, ihr Schnupftuch zwischen den Fingern drehend, und bückte unverwandt auf die am Boden verstreuten Fetzen des zerrissenen Freischeins. „Was ist mit Ihnen, meine liebe, gute Natalia Ssawischna?'' fragte Mama, ihre Hand ergreifend. „Nichts, mein Herz," antwortete sie. „Ich bin Ihnen wohl zuwider,, dass Sie mich aus dem Hause jagen . . ., schön, ich gehe schon.'' Sie rang ihre Hand los und wollte, mit Mühe das Weinen verhaltend, aus dem Zimmer gehen. Mama hielt sie zurück, umarmte sie und beide brachen in Tränen aus." Der Freischein hatte keinen Wert für diese Frau, die ihr Alles in ihrem Pflegekind sah und sich, obwohl leibeigen, als MitgUed der Familie fühlte. Abgeklärt und im Treiben des Lebens ohne selbstsüchtige Leiden- schaften stehend, üben diese Kinderfrauen oft einen beruhigenden und segensreichen Einfluss auf das Kindergemüt aus. Aus ihrem Gedächtnis kramen sie einen Schatz von Märchen und Liedern heraus, mit welchen sie die kindliche Phantasie bereichem. Hoch schätzte auch der russische Dichter Puschkin seine alte Eanderfrau, die ihm manche schöne Sage über- mittelte und ihm später über die Bitterkeit der Verbannung hinweghalf. Aber dieser Drang, ihre Gefühle und Gredanken in die Tat umzusetzen, der manchmal so störend in das Familienglück eingreift, hilft der russischen Frau auch oft, dieses Glück trotz allen Schwierigkeiten zu erhalten. Ein bekanntes Beispiel dafür liefern die Frauen der sogenannten Dekabristen. Als im Dezember 1825 das Komplott einer geheimen politischen Gesell- schaft, zu der viele junge adelige Offiziere gehörten, misslang, wurden einige Mitglieder zum Tode und viele zur Verbannung nach Sibirien ver- ruiieilt. Manche Frauen, unter anderen die Fürstinnen Trubetzkaja und Wolkonskaja, entschlossen sich, den Verbannten zu folgen. Es war keine leichte Sache, die Erlaubnis dazu zu bekommen, und auch unterwegs hatten sie grosse Schwierigkeiten zu überwinden. Man liess sie folgende Bedingimgen unterschreiben : Die Frau, die dem Verbannten folgt, verliert ihren Bang; die Behörden werden sie vor den verbannten Verbrechern nicht schützen; Kinder, die in Sibirien zur Welt kommen, sind Bauern; die Frauen dürfen kein Greld und keine Kostbarkeiten mitnehmen; sie verlieren das Recht auf den Besitz der Leibeigenen. — Die bis dahin vom Leben verwöhnten Frauen lernten Kälte, Hunger und grobe Arbeit kennen. Sie besorgten die Wäsche und scheuerten die Böden. Jahrelang lebten sie in dunklen Wohnungen, Unterkünften ohne Fenster. AUes ertrugen sie mit Mut und vermochten dabei sogar lustig und glücklich zu sein. Die mssiBche Frau. 159 Neben dem Mann nahm die russische Erau Anteil an den politischen Organisationen imd erduldete neben ihm die meist grausamen Strafen:. Gefängnis, Einzelhaft und Verbannung. Oft klingt es wie ein Märchen, wenn man eine schlichte Erzählimg dessen hört, was sie ertrugen, und man wundert sich, die Betreffende nicht nur lebendig, sondern sogar lebensfähig und fröhlich zu sehen. Auch in Westeuropa sind solche Gestalten russischer Revolutio- närinnen, wie Sophia Perowskaja, bekannt, die 1881 als Mitglied der Partei der ,,Narodnaja Wolja" (Volksfreiheit) am Attentat auf Alexander IL teil- nahm und zum Tode durch den Strang verurt-eilt wurde. Das gleiche Schicksal erlitt auch ihre Parteigenossin Helfmann. Bekannt sind im Aus- lande auch die Namen von Vera Fiegner, von Breschko-Breschkowskaja, die nach langen Jahren des Gefängnisses und Exils ihre ganze Lebens- kraft behalten haben und noch 1917 als bejahrte Frauen regen Anteil am politischen Leben Busslands nahmen. Oft waren es zarte, junge Mädchen, beinahe Blinder, die sich neben den Männern auf den terro- ristischen Weg wagten. Noch viel grösser war die Anzahl derjenigen, die sich als Kulturträgerinnen und Propagandistinnen dem russischen Volke mit Leib und Seele opferten und neben den Männern die Gefängnisse des zaristischen Busslands füllten, mit ihnen ins Exil gingen und zu Zwangs- arbeiten verurteilt wurden. Dem Drang, Gedanken und Gefühlen nachzuleben, kommt oft eine weitere Eigenschaft der russischen Frau entgegen — eine grosse Anpas- sungsfähigkeit. Aber diese Anpassungsfähigkeit der inteUigenten Frauen ist nicht gleichbedeutend mit der Unterwürfigkeit der geistig noch nicht Gereiften. Vielen russischen Frauen ist heute die Möglichkeit gegeben, die Interessen des Mannes zu teilen und seine wahre Freundin und Be- raterin zu sein; ist' doch der Bildungsgrad der beiden oft fast derselbe, und lässt sich die russische Frau durch die Haushaltung und die Besorgung der kleinen Kinder nicht leicht völlig verbrauchen. Eine vollkommene Haus&au zu sein, ist nicht ihr Ehrgeiz; die Dienstboten sind verhältnis- mässig zahlreich und billig; sie kann mehr Erwerbsmöglichkeiten finden, die ihr das für die fremde Hilfe nötige Geld verschaffen. Dank diesen Umständen kann sie auch viel mehr für ihre heranwachsenden Kinder sein, z. B. deren Freunde einladen, mit ihnen lesen und diskutieren. Es kommt nicht selten vor, dass die Mütter ihren Kindern selbst den Anfangsunter- rciht erteilen und sie für die Aufnahmsprüfung in die Mittelschule vor- bereiten. Sie haben die Möglichkeit, Versammlungen, Sitzungen und Vorlesungen zu besuchen; die Geselligkeit wird mehr gepflegt als in West- europa. Es herrscht dabei weit weniger Formenzwang; bei äusseren Mängeln und Fehlern wird von keiner Seite viel Aufhebens gemacht. Die russische Frau fährt nicht aus der Haut, wenn für die zu erwartende Gesellschaft 160 Bussland. nicht alles aufs beste vorbereitet ist, eine misslungene Speise v^dirbt ihr die Laune nicht. Dafür erschrickt sie auch nicht, wenn unerwartet zum Tische Besuch kommt. Ehescheidungen sind oder vielmehr waren bis 1017 in Bussland mit grossen Widerwärtigkeiten verbunden. Wenn aber die Frau erkennt, dasB ihre Ehe ein Fehler ist, so überwindet sie auch diese Schwierigkeiten. Sie lässt sich nicht leicht durch äussere Vorteile verleiten, den entscheidenden Schritt nicht zu tun. Eine Ehe zu ertragen, wäre ihr Unterwürfigkeit und nicht Anpassungsfähigkeit. Auch der Grund, den man meistens gegen die Scheidung anführt: den Kindern die Familie und das Heim zu er- halten, gilt gewöhnlich nicht für sie. Die unwahre Atmosphäre scheint ihr den Eandem kein gesundes Heim bieten zu können; den offenen Bruch zielit sie auch für diese vor. Noch vor einigen Jahrzehnten bestand eine tiefe Kluft zwischen dem ungebildeten russischen Volke und den gebildeteren Schichten der Gesell- schaft. Man nahm den Unterschied zwischen den beiden Gruppen als etwas Selbstverständliches hin. Er schien durch äussere Umstände (z. B. durch die Leibeigenschaft), mit denen man sich einfach abzufinden hatte, bedingt zu sein. Nach und nach aber verschwanden auf dem Wege der politischen Reformen die historisch entstandenen Privilegien; es kam mehr Gleichheit vor dem Gesetz für beide Gruppen, und da zeigte sich, dass nun der Unter- schied, welcher die gemeinsame Arbeit erschwert-, zum einen Teil in den Menschen selbst steckte, - — die einen befanden sich noch auf einer Stufe der Entwicklung, die für die anderen schon lange überwunden war, — zum anderen Teil aber in der Sitte und der bestehen gebliebenen sozialen Schich- tung. Diesen Unterschied zu mildern und dem VoUc zu helfen, seine Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln, das ist die Aufgabe der neuen Zeit. Und ein grosser Teil dieser Aufgabe fällt der russischen Frau aus den Kreisen der „Intelligen/" zu. Es ist schön, dass sie Müsse hat, als Freundin ihres Mannes und ihrer Kinder aufzutreten und am sozialen Leben regen Anteil zu nehmen. Aber geschieht das nicht manchmal auf Kosten ihrer Mit- schwestern, die für geringen Lohn die niederen und schweren Dienste für sie verrichten? Die Sitte ist noch nicht verschwunden, dass die Frauen aus wohlhabenderen Klassen Ammen für ihre Kinder anstellen, weil sie selbst zu bequem sind, um ihre Kinder zu stillen. Das Kind der Amme darf schon zugrunde gehen oder ohne Mutterpflege sich nur kümmerlich ent- wickeln, — die Amme wird bezahlt dafür. Schöne Tracht schmeichelt ihrer Eitelkeit, es wird ihr gute Kost verabfolgt, sie \!vdrd von schwerer Arbeit ferngehalten, und beides geschiebt nicht einmal ihretwegen, sondern nur, damit ihr Pflegekind gut gedeihen kann. Die Dienstboten müssen sich oft mit recht unhygienischen Lebensbedingungen abfinden. Brauchen denn die „Leute", wie sie in Russland genannt werden, weniger gute Luft Die rassische Fmu 161 zum Schlafen, dass sie sich, selbst in „guten Häusern'', mit kleinen, oft fensterlosen Kämmerchen oder nur mit einer Küchenecke begnügen müssen? Oder brauchen sie weniger Zeit, um sich von ihrer Arbeit auszuruhen, dass sie lange vor der Frau aufstehen und oft nach Mitternacht, mit der Müdig- keit kämpfend, auf die Herrschaft warten müssen, die bei einem gesellschaft- lichen Anlass oder in der Sitzung weilt 1 Ob wohl manche fortschrittlichen russlBchen Frauen sich daran stossen, dass sie jeden Morgen ein Essen für die Herrschaft und ein anderes, viel weniger leckeres, für die „Leute" be- stellen? Dass sie alle Esswaren wie vor Dieben sorgfältig verschliessen und gerade durch dieses ihr eigenes Verhalten die Dienstboten zu Be- trügereien und Diebstahl verleiten? Werden die gegenwärtigen Ereignisse dazu führen, das Leben in Bussland in vielen Beziehungen einfacher und gerechter zu gestalten? Wird die russische Frau mit ihrer Gabe der Beweglichkeit reichere Lebensmög- lichkeiten für alle finden und sich mit der ganzen Hingabe und Energie an die Erreichung der neuen Ziele machen? Die Frauengestalten, denen wir in der russischen klassischen Literatur begegnen, weisen oft die gleichen Eigenschaften auf: den grossen Drang nach Tätigkeit und Entwicklung, die Lnpulsivität, mit der sie ihren Ge- fühlen nachgehen und ihre Überzeugung gleich in Tat umsetzen. Schon das Naturkind Tatjana im Boman „Eugen Onjegin'' von Pusch- kin, das eigentlich ohne Bildung und ohne jeden Umgang mit geistig regen Menschen aufgewachsen ist, zeigt, wenn auch noch undeutlich, diese Art. Die Losung aller Fragen, die Erfüllung aller ihrer Wünsche, die „Befreiung*' erhofft sie vom blasierten Helden Eugen Onjegin. Der innere Zwang, sich über diese Hoffnungen Klarheit zu verschaffen, ist so gross, dass das scheue Mädchen dem Helden eine Liebeserklärung schreibt und ohne Bedenken sich zum Stelldichein mit ihm einfindet. Dass kein Leichtsinn sie dazu verführte, beweist ihre letzte Unterredung mit Eugen, in der sie den ganzen Stolz und Ernst ihrer Seele zeigt. Tatjana ist eine Vorgängerin von Vera in dem Boman von Gont- scharoff : „Der Absturz"'. Auch Vera löst sich innerhch von der gutmütigen, aber schlummernden Umgebung los, strebt nach neuen Zielen, und, ohne Angst, ihrem Rufe zu schaden, knüpft sie Beziehungen mit einem „Nihi- üsten'' zweifelhafter Art an. Erst spät erkennt sie, dass er ihr keine neuen Wege zu zeigen vermag. Die andere Heldin Gontscharoffs, Olga (aus „Oblomoff"), sucht ihrem Tatendrang zu entsprechen, indem sie einen wertvollen, feinfühligen, aber Willensschwächen Menschen aus seiner Untätigkeit herausreissen will. Die Aufgabe erweist sich aber als zu schwer. Vererbung und Erziehung wirken mächtiger als Liebe zu einer Frau. Ln Auslande am besten bekannt sind die Frauengestalten von Tur- BrliinAnn,Biiattaiwl Q. ^^ \Q2 RiiBBland. genjeff . An ihnen läsBt sich die ganze Entwicklung der russischen Frau ver- folgen. Die ernste, echte Lisa (aus „Das adlige Nest") hat noch ein starkes religiöses Gefühl mit mystischer Färbung. Sie beugt sich vor dem Schick- sal mit der Überzeugung, dass sie für ihre und ihrer Eltern Sünden büssen müsse. Es liegt ihr fern, ihr Glück erkämpfen zu wollen; sie entsagt ihm und geht ins Kloster. So verwirklicht sie das alte Volksideal, das sie durch ihre Kinderfrau überliefert bekam. Ihr ähnlich im Ernst des Charakters ist Natascha in „Budin". Aber an Stelle des Fatalismus tritt einerseits das Nachdenken, und andererseits die Energie, mit der sie ihre Entschlüsse durchzuführen sucht. Ihre Liebe zu Budin und ihr Glauben an ihn lassen ihr jeden noch so schweren Schritt leicht und sogar notwendig erscheinen. Helena („Hakanyna") tut noch einen weiteren Schritt: sie will demManne, den sie liebt, auch in seinem Werk helfen. Es erwacht in ihr das Bedürfnis nach sozialer Tätigkeit, das noch stärker in Marianna („Die neue Gene- ration") zutage tritt, die ihr Leben dem Volksdienst widmen will, und zwar nach dem Bat von Ssolomin, den sie schliesslich heiratet, mit ganz eng umgrenztem Arbeitsfelde. Marianna ist eine Vorläuferin der eman- zipierten Frau des modernen Busslands, jener Frau, die neben den allge- meinen menschlichen Bechten auch ganz bewusst den Zweck der vöUigen Gleichberechtigung der Frau verfolgt. Auch der Frauenbewegung ist die russische Frau nicht fremd ge- blieben, nur hat diese Bewegung auf russischem Boden ganz besondere Formen angenommen. Mann und Frau der intellektuellen russischen Gesellschaft hatten den gleichen Erbfeind zu bekämpfen, dieser war das Anden B^me Busslands. Der gemeinsame Kampf machte alle Teile der intellektuellen Gesellschaft solidarisch. Es ist auch in hohem Masse charakteristisch, mit welcher Leichtigkeit nach der Bevolution vom März 1917 das aktive und passive Wahlrecht auch auf die russische Frau über- tragen wurde. Die Zukunft wird zeigen, ob damit auch eine endgültige Lösung der Frauenfrage für Bussland gegeben wurde. Jedenfalls müssen wir in Zusammenhang damit auch eine seltsame Institution erwähnen, die bereits im zaristischen Bussland seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts existiert hatte. Im „Mir",in der russischen Dorfgemeinde, bestand faktisch das Frauenstimmrecht. Kein Gesetzgeber hatte der russischen Bäuerin dieses Stimmrecht gegeben, in keinem Gesetz war dasselbe formuliert, aber die eigenartige innere Evolution der Dorfgemeinde brachte es dahin, dass an den Gemeindeversammlungen des Mir auch Frauen mitanwesend waren, dass sie neben ihren Männern stimmten. Das Stimmrecht der Frau in der Dorfgemeinde ist ein absolut selbständiges Produkt im Leben des russischen Dorfes. Offiziell ist es niemals anerkannt worden, auch blieb es (um dieser eigentümlichen Institution eine europäische Benennung zu geben) ausschliesslich passiv. Die rassiBclie Frau. Ig3 Durch diesen Usus war der russisehe Bauer in gewissem Sinn dar- auf vorbereitet, das Frauenstimmrecht auch im grossen anzuerkennen. Und es ist bemerkenswert, dass bei allen Unruhen, Aufständen und Parteikämpfen, die nach der Revolution in allen Teilen des grossen Landes ausbrachen, sich doch keine Proteste gegen das Frauenstimmrecht und die Gleichberechtigung der Frau vernehmen liessen, auch dort nicht, wo diese Unruhen unbeeinQusst von der Ideologie einzelner Parteien sich in der Mitte der Dorfbevölkerung entwickelten. TS. Oettli-Kirpitschnikowa* Die Reichsduma. Schon in den ersten Monaten des russisch- japanischen Ejrieges, der im Januar 1904 begonnen hatte, wurde es klar, dass Bussland nicht im- stande sein würde, Japan zu überwinden, obwohl Bussland sowohl der Zahl der Bevölkerung nach als auch nach seinen Bodenreichtümem Japan bei weitem überlegen war. Die ganze weitere Entwicklung des Krieges führte Bussland tatsächlich der Niederlage entgegen: Mukden, Laojang, Zsuasima sind die glänzendsten Etappen im siegreichen Vorrücken Japans. Die Niederlage Busslands hatte nicht wenige Ursachen, jedoch war es für die denkende russische Gesellschaft unzweifelhaft, dass sozusagen die Ursache aller UrscMshen in der damaligen politischen Verfassung Busslands zu suchen war. Die autokratische, polizeiUch-bureaukratische Verwaltungeform fesselte aUe lebendigen Kräfte des Landes und gab zugleich eine voll- ständige Freiheit für allerhand unoffizielle Einflüsse und Abenteuer. Die äussere und innere Politik des Landes wurde durch die sogenannten „un- verantwortlichen Sphären" geleitet, in denen allerhand „Seher'', „Heilige" usw. eine grosse Bolle spielten. Die Autokratie existierte in Bussland im Grunde genommen gar nicht, — es war die Herrschaft einer oligarchi- sehen Hofpartei, die sich auf den Adelsstand stützte und deren Beihen sich aus demselben fortwährend ergänzten. Durch diese Sachlage wurde im Lande die revolutionäre und die oppo- sitionelle Bewegung hervorgerufen und fortwährend genährt. Erstere kam im Terror zum Ausdruck, die zweite strebte die Organisation der Gresell- schaft auf konstitutioneller Grundlage an. Das Besultat der revolutio- nären Bewegung war eine ganze Beihe politischer Attentate, die im Jahre 1 904 stattfanden, und von denen die Ermordimg des allmächtigen Ministers des Innern in Petersburg am 1 9. Juli die grösste Bedeutimg hatte. Dieses Ereignis veranlasste die Begierung, in einigen Punkten nachzugeben: bei Gel^enheit der bald darauf erfolgten Geburt des Thronfolgers wurde eine partielle Amnestie erteilt, darauf wurde Fürst Swjatopolk Mirskij zum Minister des Innern ernannt; seinem Programm legte er „das Vertrauen zur Gesellschaft" zugrunde. Die oppositionelle Bewegung, an der haupt- sächlich die Intelligenz, die Vertreter der Semstwos und der städtischen Selbstverwaltung teilnahmen, fand besonders deutlichen Ausdruck bdm Kongress der Semstwos, der im November 1904 in Petersburg zusammen- trat. Dieser Kongress forderte offen die Einführung einer konstitutionellen Die Beichsdiuna. 165 Monarchie in Bussland. Die Sitzungen des Kongresses waren nicht off ent- lieh, es war der Tagespresse verboten, Berichte über seine Arbeit zu ver- öffentlichen, und trotzdem verbreiteten sich die Resolutionen dieses Kon- gresses in Tausenden von Exemplaren über ganz Bussland. Die Antwort der Begierung war der Erlass vom 12. Dezember 1904, in welchem eine Beihe Beformen im Gerichtswesen, in der lokalen Selbstverwaltung, in der Presse usw. versprochen wurden. Doch schwächte diese Nachgiebig- keit weder die revolutionäre noch die oppositionelle Bew^ung im Lande, sie rief zugleich in einflussreichen „Sphären" Unzufriedenheit hervor. Nach dem mit Absicht inszenierten Zwischenfall, bei dem auf die Peters- burger Arbeiter auf dem Platze des Winterpalastes am 9. Januar 1905 geschossen wurde, wurde Fürst Swjatopolk Mirskij durch Buligin, eine Kreatur des Moskauer Generalgouvemeurs, des Grossfürsten Sergej Alexandrowitsch, ersetzt. Derselbe Grossfürst, einer der einflussreichsten Inspiratoren der reaktionären PoUtik Nikolaus IT., setzte seinen zweiten Günstling Trepow, ins Amt des Petersburger Generalgouvemeurs ein ; das war ein unzweifelhaftes Zeichen der Erstarkung der Beaktion. Als Ant- wort darauf erfolgte die Ermordung des Grossfürsten Sergej Alexandro- witsch, am 4. Februar 1906, bei seiner Fahrt durch den Moskauer Kreml. Erst jetzt gab die Begierung in ernsteren Punkten nach, sie gab am 18. Fe- bruar bekannt, dass sie die Absicht habe, Volksvertreter zur Anteilnahme „€Mi den Vorarbeiten und der Besprechung der legislativen Projekte" einzuberufen. Zugleich erhielt die Bevölkerung das Becht, Petitionen einzureichen. Verschiedene soziale Organisationen machten von diesem Becht sehr weiten Gebrauch; im Zusammenhang damit machte auch die Propaganda konstitutioneller Ideen rasche Fortschritte. Nicht wenig trugen dazu bei auch die fortgesetzten Niederlagen der russischen Truppen, die nach wie vor zu Land und zu Wasser stattfanden und der Bevölkerung die Augen bezüglich des inneren Zerfalls des autokratischen Begimes öff- neten. Ganz besonders stark war der Eindruck, welchen der Untergang des russischen Geschwaders im Mai 1905 bei der Insel Zsussima auf die ganze Gesellschaft und das ganze Volk machte. Inzwischen gingen die Arbeiten der Begierungskommission unter dem Vorsitz des Ministers des Inneren, Buligin, die sich auf die Einberufung von Volksvertretern bezogen, sehr langsam vor sich. In Anbetracht dessen wurde bald nach der Niederlage von Zsussima zum Zaren Nikolaus II. eine Deputation von Mitgliedern der Semstwos und der städtischen Ver- waltungen entsandt; einer von ihren Mitgliedern, Professor Fürst S. N. Trubezkoj, hielt eine Bede, in welcher er die unumgängliche und dringliche Notwendigkeit der Einberufung von Volksvertretern zur Bettung Buss- lands aus der schwierigen Lage, in die es geraten war, hervorhob. Das Eintreffen dieser Deputation beeinflusste offenbar die Entwicklung der }g6 Bassland. Dinge; im Juli fand in Peterhof eine Reihe geheuuer Beratungen unter dem Vorsitz Nikolaus 11. selbst statt zur Besprechung des Projektes der Ein- berufung der Volksvertreter, welches die Koiomission von Buligin aus- gearbeitet hatte.^) Das Ergebnis dieser Beratungen war das Gesetz vom 6. August 1905, welches für Bussland eine beratende Versammlung der Volksvertreter unter dem Namen der Staatsduma ins Leben rief. Elinen Monat vorher war in der Moskauer Zeitung „Busskija Wjedomosti'', dem Organ der liberalen Opposition, das Projekt der Einberufung einer l^is- lativen Versammlung der Volksvertreter veröffentlicht worden, woraus man ersehen konnte, dass die Duma vom 6. August selbst die liberal- demokratische Opposition nicht mehr befriedigen konnte, geschweige denn die radikalen und revolutionären Gesellschaftskreise, die es für unmöglich hielten, sich mit dem Gesetz vom 6. August zufrieden zu geben. Die Stimmung der Gesellschaft fand ihren Ausdruck in neuen Petitionen und in Resolutionen neuer Kongresse. Im August 1905 wurde der russisch-japanische Kri^ beendet. Sein für Russland so trauriger Ausgang (der Verlust von Port Arthur und der Mandschurei, einer Hälfte der Insel Slichalin, die Auszahlung der Kontri- bution in Form einer grossen Summe für den Unterhalt der russischen Gefangenen in Japan) gab der Bewegung gegen die Regierung neue Kraft. Sie wuchs rasch an und führte Anfang Oktober 1905 zu einem allgemeinen politischen Streik. Die Regierung machte nun äusserste Zugeständnisse, Nikolaus II. gab Russland durch das Manifest vom 17. Oktober 1905 die konstitutionelle Verfassung. Es war eine sehr bescheidene Konstitution, und doch war es eine Konstitution! Die Bestrebungen, für die die besten Menschen Russlands während vieler Jahre kämpften und zugrunde gingen, hatten endlich Erfolg. Jedoch war der Oktober 1905 für die Geschichte der politischen Evolution Russlands auch noch in einer anderen Beziehung wichtig: um diese Zeit sind mehrere politische Parteien entstanden. Ein paar Tage vor dem Erscheinen des Manifestes bildete sich die konstitutionell-demokra- tische Partei (die sogenannte Kadetten-Partei, welche später den Namen der Partei der Volksfreiheit annahm); ihr sohloss sich vorwiegend die demokratische Intelligenz an, sie war reich an bedeutenden geistigen Kräften. Diese Partei machte sich die Einführung einer konstitutionellen parlamentarischen Monarchie in Russland und weitgreifende soziale Reformen zum Ziel. Bald nach Veröffentlichung des Manifestes vom 17. Oktober konstituierte sich die „Partei vom 17. Oktober" (die Okto- bristen), die dieses Manifest zu ihrer Grundlage machte, und deren Stütze ^) Die Protokolle dieser Beratungen waren im Auslände längst veröffentl'oht; nach der Februar-Revolution 1917 konnten sie auch in der Moskauer Zeit£chiift „Stimme der Vergangenheit*' veröffentlioht werden. Die Reichsduma. 167 die liberale Bourgeoisie war. Sie war gegen den Parlamentarismus und schränkte die Frage der sozialen Beformen ziemlich stark ein. Die Parteien der Kadetten und der Oktobristen spielten in der Folgezeit eine hervor- ragende Bolle. Von einer ganzen Reihe anderer Parteien, die gleichzeitig entstanden waren, der ,, Partei des Handels und der Industrie", der , »Partei der demokratischen Beformen" usw. kann man nicht das Gleiche be- haupten. Entweder führten diese eine ganz bedeutungslose Existenz oder sie verschwanden bald gänzlich. Das Erscheinen des Manifestes vom 17. Oktober machte dem Streit ein Ende, und die revolutionäre Bewegung verlor etwas an Intensität. Der Autor des Manifestes vom 17. Oktober, Graf S. J. Witte, wurde an die Spitze der Begierung gestellt und versuchte, seinem Kabinett liberale Vertreter der Gesellschaft anzugliedern, jedoch stellten diese ein be- stünmtes liberales Programm auf, so dass die Einigung nicht zustande kommen konnte, und Graf Witte begnügte sich mit der Zuziehung einer Keihe liberaler Beamten. Ausserdem aber wurde der bekannte Beaktionär, P. N. Dumowo, der vorher im Polizeidepartement gedient hatte, zum Minister des Innern ernannt. Diese Ernennung zeigte mit Bestimmtheit, welchen politischen Kurs das Kabinett Witte einzuhalten beabsichtigte. Eine Zeitlang schien sich die Begierung noch an das Manifest vom 1 7. Ok- tober zu halten: es wurde eine ziemlich weitgehende Amnestie erlassen, die Präventivzensur wurde beseitigt usw. Zugleich wurden jedoch durch das Polizeidepartement und die Gendarmen in ganz Bussland Pogrome organisiert, welche sich gegen die Intelligenz und die Juden richteten. In den untersten Schichten, namentlich der städtischen Bevölkerimg, fand diese Aktion Anklang, und die Woge der Pogrome ergoss sich über das ganze Land. Die extremen linken Parteien waren der Auffassung, dass die Bevo- lution noch nicht beendet sei und versuchten an verschiedenen Orten revolutionäre Erhebungen zu organisieren. Anfangs Dezember wurde der Versuch gemacht, einen zweiten allgemeinen politischen Streik zu organi- sieren; dieser Versuch fand jedoch bei den Massen keinen Anklang und missriet. Ebenso wenig Erfolg hatte auch der bewaffnete Aufstand in Moskau, welcher im Dezember 1906 stattfand. Die Begierung unter- drückte mit ausserordentlicher Grausamkeit sowohl den Moskauer Auf- stand als auch weitere Aufstände an anderen Orten. Dessenungeachtet erhess sie in Erfüllung der Versprechungen des Manifestes vom 17. Oktober am 11. Dezember ein neues Wahlgesetz, das ein fast allgemeines Wahlrecht bei den Wahlen zur Staatsduma Busslands einführte. Im Februar des folgenden Jahres 1 906 wurde eine neue Verordnung über die Staatsduma erlassen, die sie zu einer gesetzgebenden Institution, jedoch mit ein- geschränkten Bechten, machte. Gleichzeitig wurde das Gesetz über den 168 Itussland. Staatsrat verändert: dieser wurde zur zweiten gesetzgebenden Kammer ge- macht, und er erhielt gewählte Mitglieder (in einer Zahl, die derjenigen der von der Regierung ernannten gleichkam) — vom Adelsstand, von der Geistlichkeit, vom industriellen Stand, von den Semstwo- Versammlungen, von der Akademie der Wissenschaften und den Universitäten. Als Termin der Einberufung der Duma und des neugestalteten Staatsrates wurde der 27. April 1906 festgesetzt (der gleiche Tag, an dem 1789 die Etats g6neraux von Frankreich eröffnet wurden). Fast am Vorabend dieses Tages erliess die Regierung neue Grundgesetze, welche der Duma das Recht nahmen, die Grundlagen der Staatsverfassung Russlands zu besprechen, und ihr nur die alltägUche, gewöhnliche Gesetzgebung überliessen, und auch diese nur im engeren Rahmen der neuen Grundgesetze. Die Staatsduma verlor auf diese Weise die MögUchkeit, auf legalem Wege eine konstituierende Versammlimg zu werden. Auch die Zusammensetzung der Regierung wurde inzwischen verändert: Graf Witte trat zurück, seinen Platz nahm der greise Bureaukrat Goremykin ein; der Gouverneur von Ssaratow, P. A, Stolypin, der zukünftige Premierminister, wurde zum Minister des Inneren ernannt. Die Wahlen für die erste Duma fanden im März und April 1906 statt. Sie wurden mit grosser Begeisterung, fast ohne Einmischung der Bureau- kratie, durchgeführt. Während der Wahlen bildete die Agrarfrage den wichtigsten Streitpunkt im Parteikampf, was ganz begreiflich ist, wenn man beachtet, dass heutzutage die Bauern, welche vom Landbau leben, mehr als 80% der Gesamtbevölkerung Russlands bilden. Der grösste Teü der Wähler gehörte dem Bauernstände an, und die Bauern gaben ihre Stimmen nur denjenigen Parteien, die ihnen eine weitgreifende Agrar- reform versprachen. Am erbittertsten war der Kampf zwischen der Partei der Volksfreiheit (Kadetten) und den Parteien der Rechten, der Bourgeoisie und der Agrarier (einige Gruppen der Linken boykottierten die Wahlen ; sie waren der Meinung, dass es unter diesen Umständen nicht angezeigt sei, sich an der Duma zu beteiligen). Die Partei der Volksfreiheit errang den Sieg, es wurden 161 Kadetten in die Duma gewählt (die Gesamtzahl betrug 499), was fast einen Drittel der Gesamtzahl der Dumamitglieder ausmachte. Fast alle hervorragenden Mitgheder der Partei kamen in die Duma. An zweiter Stelle stand die „Arbeits- Gruppe", die 97 Vertreter aufwies; in dieser Gruppe waren vereinigt die Revolutionär- Sozialisten (den Hauptpunkt ihres Programms bildet die Soziahsierung des Bodens), die Mitglieder des Bauembundes, wilde SoziaUsten, Autonomisten (Vertreter der Grenzgebiete Ruselands) usw. Die Sozialdemokraten hatten in der ersten Duma bloss 17 Vertreter. Fügt man diesen Parteien die „Partei der demokratischen Reformen" (14 Mann) und der Progressisten (12 Mami) bei, so wird es klar, dass die weitüberwiegende Mehrheit der ersten Duma Die ReichBdnina. 169 zur Opposition gehörte. Ausserdem fanden sich in der , , Gruppe der Wilden", die ungefähr 100 Mann zählte, nicht wenige Vertreter, welche entweder den Kadetten oder der Arbeitsgruppe nahe standen. Es ist interessant, die Verteilung der Dumamitglieder ihrem sozialen und professionellen Stande nach zu betrachten. Die verhältnismässig grösste Gruppe gehörte dem Bauernstand an: 111 Majm; an zweiter Stelle standen die Grund- besitzer (die vorwiegend dem Adelsstand angehörten): 65 Mann; darauf folgte die Gruppe von Männern, die im öffentlichen städtischen und Semst- wo-Dienst standen: 61 Mann; femer kamen 25 Arbeiter, 14 Grei«(tliche, 26 Kaufleute und Industrielle. Von den Professionen war am stärksten die Advokatur vertreten: 38 Mann; Lehrer: 23; Professoren imd Privat- dozenten 14; Ärzte 19 usw. Es war augenscheinlich, dass das MiDisterium Goremykin mit einer solchen Duma nicht zv arbeiten vermochte, und diese Unmöglichkeit zeigte sich bereits in den ersten Tagen der Dumatätigkeit. Die Duma verlangte bereits in ihrer ersten Sitzung eine vollständige Amnestie^) und entwickelte in ihrer Beantwortung der Thronrede ein grosses Projekt der Grundreformen. Bei der Ausarbeitung dieses Projektes gehörte die wichtigste Rolle der Partei der Volksfreiheit, die auch sonst bei den Arbeiten der ersten Duma die leitende Stellung einnahm; aus Vertretern dieser Partei bestand vorzugsweise das Dumapräsidium, bei dessen Wahl grosse Einstimmigkeit herrschte: zum Vorsitzenden der Duma wurde der ehemalige Professor für Zivilrecht an der Moskauer Universität, S. A. Muromzew (mit 426 von 436 Stimmen) gewählt, zu Vizepräsidenten wurden gewählt: Fürst Dolgorukow (mit 382 gegen 47 Stimmen) und Pro- fessor N. A. Gredeskul (mit 372 gegen 56 Stimmen), zum Sekretär der durch sein Wirken im öffentlichen Leben bekannte Fürst D. 1. Schachowskoj (mit 380 gegen 36 Stimmen). Die Duma verlangte für immer die Beseitigung der Todesstrafe, die Beseitigung der Gesetze bezüglich des damals über ganz Bussland ein- geführten verschärften und ausserordentlichen Bewachungszustandes, welcher der Administration ausserordentliche Vollmachten gegenüber der Bevölkerung verlieh; ausserdem verlangte die Duma die Einführung eines parlamentarischen Mioisteriums, die Erlassung von Gesetzen bezüglich der Unantastbarkeit der Persönlichkeit und der Wohnung, der Freiheit des Wortes, der Schrift, der Verbände, der Versammlungen und der Streiks, einer völligen rechtlichen Gleichstellung aller Nationalitäten, die Bussland bewohnen, und die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes für die Wahlen zur Staatsduma. Endlich verlangte die Duma, dass das Land, welches dem Staate, den Apanagen, der Krone, den Klöstern und Kirchen gehörte, ^) Die sich in erster Linie natürlioh auf politiBohe Gefangene beziehen sollte (Bed.)* 170 Hussland. zur Befriedigung des Bedürfnisses des Bauernstandes nach Grund und Boden verwendet werden sollte; es sollten ebenso nach einer zwangsweisen Ent- eignung Privatgrundbesitzungen für den gleichen Zweck verwendet werden. Die Begierung beantwortete alle Forderungen mit einer schroffen und herausfordernden Abweisung und begcmn der Duma bedeutungslose Gesetzesentwürfe vorzulegen, — so z. B. den Gesetzesentwurf über die Errichtung von Waschanstalten an der Moskauer Universität. Zugleich hemmte die Begierung die gesetzgebende Arbeit der Duma durch ver- schiedene Hindernisse und Verzögerungen und durch willkürliche Deutung der Gesetze. Die Duma verlor viel Zeit mit rein organisierender Arbeit, — sie wfitr ja das erste russische Parlament! Nicht wenig Aufmerksamkeit schenkte sie verschiedenen Anfragen an die Minister bezüglich der gesetzwidrigen Handlungen der Administration, und trotzdem gelangte sie zur Besprechung einiger Gesetzesentwürfe, wählte entsprechende Kommissionen usw. Mit jedem Tag wandte sie der Agrarfrage mehr Aufmerksamkeit zu, und dies beunruhigte ganz besonders die Anhänger des alten Begimes. Die Beden der Dumaabgeordneten wurden im ganzen Lande bekannt und fanden grossen Beifall; in der Gesellschaft nahm die oppositionelle Stimmung immer zu. Da begannen Grerüchte über die herannahende Auflösung der Duma aufzutauchen. Jedoch machte die Begierung zu gleicher Zeit Ver- suche, Vertreter der Partei der Volksfreiheit ins Ministerium heranzu- ziehen. Da sie aber weder ihr Programm noch ihre Politik ändern woüte, so konnte eine Einigung selbstverständlich nicht erzielt werden. Im Juni fand in Bjelostock ein Judenpogrom statt; die Duma sandte nach Bjelostock eine parlamentarische Untersuchungskommission, was sie dem Buchstaben des Gesetzes nach im Grunde genommen nicht tun duirfte. Doch fand es die Begierung nicht für angebracht, bei diesem Anlass mit der Duma in Streit zu geraten; es schien ihr offenbar, dass dieser Fall ihr keine günstige Position in der öffentlichen Meinung schaffen würde. Die Begierung beschloss, mit der Duma auf dem Boden der Agrarfrage Ab- rechnung zu halten. In dieser Zeit wurden die Besprechungen über die Grundlinien des agrarischen Gesetzentwurfes in der allgemeinen Sitzung der Duma beendet, und die Ausarbeitung desselben wurde der Agrar- kommission übergeben. Nim erschien am 20. Juni im Begienmgsblatt eine Deklaration der Begierung bezüglich der Agrarfrage; darin kritisierte das Ministerium die Vorschläge der Duma zur Agrarfrage, dabei wurden die- selben entstellt, und es wurden ihnen die Vorschläge der Begierung gegen- übergestellt; in diesen wurde selbstverständlich die zwajigsweise Ent- eignung des Privatgrundbesitzes ausgeschaltet. Der Monarch wurde dabei der Volksvertretung gegenübergestellt, sein Wille und seine Sorgen wurden dem Willen und den Sorgen der Volksvertretung entgegengehalten. Die Reichsduma. 17 X Die Duma beschloss nun bei Anlass dieser Deklaration, eine Anfrage an den Vorsitzenden des Ministerrates zu richten und eine Glegendekla- ration an das Volk zu veröffentlichen. Sie hatte aber nicht Zeit den Text dieser Gegendeklaration auszuarbeiten: sie wurde aufgelöst. Die Begie- rung versammelte in Petersburg Truppen, und in der Nacht vom 8. zum 9. Juli 1906 wurde das Dekret über die Auflösung der ersten Duma unter- zeichnet. Somit hatte die erste Duma 72 Tage existiert. Gleichzeitig mit der Auflösung der Duma wurde Stolypin auf den Posten des Minister- präsidenten berufen. Die Regierung erklärte, dass die neue Duma sich am 20. Februar 1907 versammeln werde; das Wahlgesetz wurde jedoch nicht verändert. Die Auflösung der Duma machte im Lande grossen Eindruck, doch erhob sich das Volk nicht zur Verteidigung der Volksvertretimg. Für die Abgeordneten kam die Auflösung der Duma vollkommen unerwartet; viele von ihnen hatten sich nach der Samstags- Sitzung vom 8. Juli aufs Land begeben mit der Absicht, bis zur nächsten Sitzung, die für den 10. Juli bestimmt war und in der der Premierminister sprechen sollte, zurück zu sein. Obwohl man schon lange von der möglichen Auflösung der Duma gesprochen hatte, so waren doch die Abgeordneten darauf gar nicht vorbereitet. Als sie zur Tatsache geworden war, wusste zunächst keiner, was man beginnen sollte. Die Abgeordneten, die in Petersburg verblieben waren, konnten sich nur in Privatwohnimgen versammeln, da das Dumagebäude und der Klub der Kadettenp€U*tei, der sich in der Nähe befand, von Truppen und Polizei umzingelt waren. Die Wohnung eines der Führer dieser Partei, J. J. Petrunkjewitsch, wurde zum Versammlungs- ort der Abgeordneten. Hier entstand der Gedanke, einen Aufruf an die Bevölkerung mit dem Protest gegen die Auflösung der Duma und der Aufforderung zum passiven Widerstand zu veröffentlichen. Die Abgeord- neten waren der Ansicht, dass es unmöglich sei, den Text dieses Aufrufes in Petersburg auszuarbeiten, zu besprechen und anzunehmen, und sie beschlossen, sich nach Fionland in die Stadt Wiborg zu begeben. Am 9. Juli abends versammelten sich 180 Delegierte in Wiborg im Gasthaus Belvöddre. Später kamen noch über 20 Personen hinzu, so dass im ganzen über 200 Personen versammelt waren. Davon gehörten ca. 120 der Partei der Volksfreiheit an, die anderen waren Trudowiki und Sozialdemokraten. Nach langen und heissen Debatten wurde hier am 10. Juli der Text des Aufrufe^ an das Volk angenommen, worin das Volk aufgefordert wurde, keine Steuern zu zahlen und keine Rekruten zu stellen. Der Wiborger Aufruf wurde von 189 Vertretern imterzeichnet. Er hatte gar keinen Erfolg. Erstens griff um diese Zeit in der Gesellschaft bereits die Reaktion um sich. Zweitens forderte der Auf- ruf zu keinem aktiven Vorgehen auf. Wäre die Bevölkerung auch geneigt 172 Rassland. gewesen, dem Aufruf zu folgen, so hätte sie das nicht sofort tun können^ denn die Einberufung der Bekruten findet in Bussland im Oktober statt, und die wenigen direkten Steuern werden auch nicht im Juli, sondern in anderen Monaten bezahlt. Doch fanden einige Verweigerungen der Steuerzahlung und der Militärpflicht statt. Auf der anderen Seite wurde nach der Auf- lösung der Duma die revolutionäre Bewegung, die während ihres Bestehens schwächer geworden wax, wieder gestärkt. Unruhen in Sweaborg, Kron- stadt, Sewastopol bilden die bedeutendsten Momente dieser Bewegung. Das waren jedoch nur die letzten Zuckungen der Bevolution, welche die Begierung entschieden und schonungslos unterdrückte. Es wurden Kriegs- gerichte geschaffen, welche in kurzer Zeit viele Todesurteile fällten. Ausser den Militärrevolten machten der Begierung nicht wenig Sorge die sich wieder erneuernden terroristischen Akte und Fabrikarbeiterstreike, unter denen die Industrie, das Gewerbe und der Transport litten. Nach den Arbeiterstreiken kamen Agrarunruhen, die sich auf 29 Grouvememente verbreiteten. Es fanden zahlreiche gerichtliche Untersuchungen statt; noch öfter erledigte die Begierung die Angelegenheiten auf administrativem Wege. Im Herbst 1906 nahm die revolutionäre Bewegung ab. Es be- gannen Plünderungen und „Expropriationen", die sich hinter revolutionäre Losungen versteckten. Doch gewann die Beaktion mit jeder Woche an Boden. Die Grefängnisse waren wieder überfüllt, die Presse unterdrückt, das Becht der Versammlungen wurde aufgehoben. Jedoch sah Stolypin i ein, dass er mit Bepressivmitteln allein nicht weit komme. Er gab die Losung aus: zunächst Beruhigung, dann Beformen, — und unternahm keine Beformen. Stolypin verstand die enorme Bedeutung der Agrarfrage für Bussland und beschloss, auf dem Boden dieser Frage der Bevolution den entscheidenden Stoss zu versetzen. Zu diesem Zweck veröffentlichte er eine ganze Beihe provisorischer Dekrete. Nach dem einen erhielt die Bauernbank einige Besitzungen der Kjone, nach dem anderen einige Apa- nagen und durfte sie unter günstigen Bedingungen den Bauern verkaufen. Darauf erschien am 9. November 1906 ein Erlass, welcher die alte rus- sische Agrarorganisation, die Dorfgemeinde, zerstörte: jedes Mitglied der Dorfgemeinde erhielt das Becht, dieselbe zu verlassen und aus dem Ge- meindegut dasjenige Stück Boden, dessen Nutzniessung ihm von der Gre- meinde zukam, auszusondern. Die Begierung versprach für solche aus dem ' Gemeindegut ausgesonderte Besitzungen besondere Unterstützung. Stolypin wollte auf diese Weise die Anzahl der Privateigentümer in den Dörfern vermehren und dachte, durch seine Agrarreformen den Bauernstand für die B^erung zu gewinnen. Doch erwies sich seine Vermutung als verfehlt. Die Wahlen für die zweite Duma fanden unter verstärkt oppositioneller Stim- mung der Gesellschaft statt. Die Links-Parteien Hessen jetzt die Idee des Duma-Boykottes fallen, und somit wurde die Zusammensetzimg der zweiten Die Reichsduma. 173 Duma noch radikaler als diejenige der ersten. AUe Abgeordneten der ersten Duma, welche den Aufruf von Wiborg unterzeichnet hatten, wurden in- zwischen vor Glericht gezogen und vor der Anteilnahme an den Wahlen beseitigt. Die Partei der Volksfreiheit empfand dies besonders schmerzlich, da ihre bedeutendsten Mitglieder jetzt ihrer politischen Rechte beraubt wurden. Auch die Partei der Trudowiki musste darunter leiden, und doch war die Opposition in der zweiten Duma zahlreicher vertreten als in der ersten. Der Bestand der zweiten Duma war der folgende: am zahlreichsten war die Partei der Trudowiki vertreten: 102 Vertreter; der zweite Platz ge- horte der Partei der Volksfreiheit: 95 Vertreter; den dritten Platz nahmen die Sozialdemokraten ein: 66 Vertreter; die Sozialrevolutionäre hatten 37 Vertreter; die Volkssozialisten 16; zur Opposition konnten auch noch Ver- treter der Polen (60), der Muselmanen (30), der Kosaken (17), zum Teil auch der Wilden (50) gerechnet werden. Das Zentrum büdeten die Oktobristen (43), sie wurden immer mehr B^erungspartei; die Rechte war in der zweiten Duma durch bloss 12 Mann vertreten. Somit war die zweite Dtima radikaler als die erste. Zum Vorsitzenden wurde, wie bei der ersten Duma, ein Vertreter der Partei der Volksfreiheit, F. A. Qolowin, zum Sekretär auch ein Vertreter dieser Partei, M. W. Tschelnokow, der spätere Bürger- meister von Moskau, zu Vizepräsidenten ein Wilder und ein Trudowik ge- wählt. Bei den Wahlen des Präsidiums herrschte keine ausgeprägte Einig- keit; auch bei der Arbeit der zweiten Duma wurde eine solche nicht erreicht, die sie bildenden Parteien bekämpften nicht nur die B^erung, sondern auch einander. Die zweite Duma, die nach ihrem Bestand revolutionärer war als die erste, war in ihrer Tätigkeit trotzdem gemässigter. Die Wahlen fanden unter der Losung: die Duma muss geschont werden, statt. Und dieser Losung blieb man treu während der ganzen Zeit der Existenz der zweiten Duma. Es fehlte nämlich der Gesellschaft die Gewissheit, dass es die Regierung nicht wagen würde, die Duma nach Beheben wieder au&u- lösen, ja vielleicht die Volksvertretung auch gänzlich zu beseitigen: die Auflösung der Duma vom 8. Juli 1906 hatte einen anschauUchen Beweis dieser Möglichkeit geliefert. Wenn aber die Mehrheit der Gesellschaft und der Abgeordneten darin einig war, dass man „die Duma schonen sollte", so herrschte in der Frage, was die Duma zu tun hätte, grosse Meinungsverschiedenheit. Die Links- Parteien in der Duma und in der Gesellschaft hielten eine orgamsohe gesetz- gebende Arbeit der Dtima unter den gegebenen Verhältnissen für unmög- lich: neben der Duma stand ja der reaktionäre Staatsrat, der sowieso keinen Gesetzesentwurf d^ Duma durchlassen wiirde, wenn er nur einiger- massen demokratisch oder liberal gefärbt wäre; ausserdem besass die Begierung ein Veto-Becht, das sich auf alle Gesetzesentwürfe, die ange- nommen worden waren, erstreckte, und das Ministerium Stoljrpin, welches 1 74 Rassland. nicht nur die Existenz des Parlamentarismus, sondern selbst einer Konsti-' tution in Bussland negierte, würde ohne Zweifel von diesem Rechte Gre- brauch maehen. Endlich waren die gesetzgebenden Beohte der Duma so gering, dass schon dies eine organische gesetzgebende Arbeit in der Duma unmöglich machte. Daher war die Duma für die Links-Parteien haupt- 1 sächlich eine Plattform für die Agitation, von der aus man sich offen und frei an das ganze Land wenden konnte. Die anderen Parteien, in der Hauptsache die Partei der Volksfreiheit, vertraten einen anderen Standpunkt. Man muss, sagten sie, trotz aller Schwierigkeiten in der Duma doch eine gesetzgebende Arbeit verrichten; man muss zeigen, was die Duma für das Land tun will, und das Land| wird selber verstehen, warum die Duma das nicht tun kann, was das Volk ; braucht; nur in diesem Fall wird das Land auf Seiten der Duma stehen und ihr im Notfall eine Unterstützung angedeihen lassen. Die Rechts- parteien verbargen jetzt ihre Feindseligkeit gegenüber der Duma, als einem | die Autokratie beschränkenden Organ, nicht mehr. Sie bemühten sich, die Duma auf jede Weise zu diskreditieren und ihre Arbeit zu erschweren. Sie 1 begaben sich in die Duma mit der einzigen Absicht, sie in ihrem Schosse zu bekämpfen. Bald wurden in der Duma allerhand Zwischenfälle und Obstruktionen, welche die Abgeordneten der Rechten inszenierten, eine > ganz gewöhnliche Erscheinung. Das war ein Mittel, welches zur Auflösung der Duma führte. Trotz aller äusseren und inneren Widerstände machte ; sich die zweite Duma an die gesetzgebende Arbeit. Sie musste sowohl das Budget des Jahres 1907 als die Gresetze, welche nach der Auflösung der ersten Duma herausgegeben worden waren, prüfen und die Emährungsfrage i besprechen, die durch eine in vielen Gouvemementen ausgebrochene i Hungersnot brennend wurde. Hauptsachlich aber beschäftigte sich die | zweite Duma mit der Agrarfrage. Stolypins Agrargesetze, im Herbst 1906 veröffentlicht, erregten viel- 1 fach heftigen Zwist inmitten der Dorfbewohner. Viele Bauern wollten j aus der Dorfgemeinde ausgeschieden werden, um in den alleinigen Besitz \ ihrer Bodenstücke zu treten; Streit und Hader entstanden wegen der | Bodenstücke, die den Ausgeschiedenen angewiesen werden sollten, und | des Umfangs dieser Bodenstücke. Die ausgeschiedenen Bauern verkauften \ öfters ihre Bodenstücke an die reicheren Dorfbewohner, was letzteren eine überwiegende Bedeutung im Vergleich mit den ärmeren Dorf- bewohnern verlieh, die ihnen nunmehr unterworfen wurden. Stolypins Gresetze wurden von den demokratischen und liberalen Kreisen der russi- schen 'GreseUschaft aufs schärfste verurteilt; es wurde der Meinung Aus- druck gegeben, diese Gresetze verminderten bloss den Bodenbesitz der Bauern und veranlassten einen beträchtlichen Zuwachs des Proletariats in den Städten. Die konservativen Kreise und der Adel stimmten ihnen, im Die Keichsdoma. 175 Gr^enteil, bei. Diese verschiedenen Ansichten fanden in der Polemik der Duma-Parteien ihren Widerhall. Die Duma befasste sich aber nicht bloss .mit der Kritik der Gesetze Stolypins, sie arbeitete auch an den Grund- rissen einer eigenen Agrarpolitik. Doch wenn auch einerseits fast alle Parteien in ihren Ansichten über Stolypins Gesetze einig waren, so wurden andrerseits die eigentlichen Aufgaben und Absichten der Duma in der Agrarfrage von den Abgeordneten sehr verschieden aufgefasst: Die Sozi- alisation oder Nationalisation des Bodens, die Aufrechterhaltung des persön- lichen Eigentums auch nach der zwangsweisen Bodenenteignung des grossen Privatgrundbesitzee usw. Die Besprechung dieser Fragen nahm sehr viel Zeit in Anspruch, und schliesslich kam die Duma weder dazu, Stolypins Gesetze zu erörtern und zu verwerfen, noch den Grundriss einer ihrem Standpunkt entsprechenden Beform auszuarbeiten, — denn sie wurde aufgelöst. Die Begierung verhielt sich den oben angedeuteten Pro- jekten einer Agrarreform gegenüber gänzlich negativ und suchte einen Vor- wand, um die Duma aufzulösen. Die Links-Parteien stellten zudem die Forderung auf, weder das Budget für 1907 noch das Gesetz über die Rekruten zu bestätigen, und wiewohl die Duma diese beiden Anträge abwies, war die Begierung schon durch ihre blosse Aufstellung gereizt. Die ungesetzmässigen Handlungen der Begierung verursachten auch grosse Un- zufriedenheit und ihre Gesamtpolitik wurde einer sehr scharfen Kritik unter- zogen. Deswegen erfolgte auch die Auflösung der Duma, trotz der Be- mühungen der Mehrzahl der Abgeordneten, sie zu „schonen". Die Begierung klagte nun 55 Abgeordnete (die zur sozialdemokratischen Partei gehörten) an, sie hätten die Absicht gehegt, in der Armee einen Aufstand hervor- zurufen, und forderte ihre Auslieferung, — denn ein Mitglied der Duma zu verhaften, wenn diese nicht selbst darauf einging, war gesetzlich untersagt. Darauf fasste die Duma den Entschluss, die Anklage gegen die Sozial- demokraten eingehend zu prüfen, da sie Grund hatte anzunehmen, dass die Verschwörung durch die Polizei angezettelt worden war, und es wurde eine Kommission zur Irüfung der Anklage gewählt. Doch am 3. Juni 1907 wurde die zweite Duma aufgelöst, bevor die Kommission zu irgend einem Ergebnis gekommen war, und die Duma selbst wurde angeklagt, an der MiUtärversehwörung teilgenommen zu haben. Dass diese Auflösung längst schon beschlossen und vorbereitet worden war, ging aus der Tatsache her- vor, dass zu gleicher Zeit ein Erlass veröffentlicht wurde, der ein neues Wahlgesetz bekannt gab. Dieses Gesetz, dessen Inhalt von einer grossen Überlegung und sorgfältigen Arbeit zeugte, konnte natürlich nicht in ein paar Tagen entstanden sein; es zielte darauf hin, einen Teil der demo- kratisch gesinnten Bevölkerung von den Dumawahlen fem zu halten, der Bourgeoisie und den Gutsbesitzern aber ein überwiegendes Vorrecht bei den Wahlen zu verleihen. Die Wahlen der dritten und vierten Duma haben 176 Rassland. auch bewiesen, dass dieses Ziel durch das Gesetz des 3. Juni wirklich er- reicht worden ist. Die Veröffentlichung des Gresetzes vom 3. Juni 1907 ohne Beistimmung der Duma war ein offenkundiges Vorgehen gegen die Grundgesetze, ein eigentlicher Staatsstreich; doch fühlte sich die B^erung stark genug, ihn zu wagen; sie wurde in ihren Erwartungen nicht enttauscht, denn auch dieses Mal machte die Bevölkerung keinen Versuch, die Duma zu verteidigen, und A. Gutschkoff, der Führer der Oktobristenpartei, drückte direkt die Überzeugung aus, das Gesetz vom 3. Juni sei „eine traurige Notwendigkeit". Mit dem Ergebnis der Wahlen der dritten Duma konnte sich die B^erung vollständig zufrieden geben. Die Mehrzahl der Abgeordneten bestand aus Oktobristen und Nationalisten (eine eng-chauvinistische bürger- liche Partei, die in allen Fragen noch mehr rechts stand als die Oktobristen). Die Partei der Volksfreiheit war durch kaum 50 Abgeordnete vertreten, unter denen sich auch ihr Leiter, P. N. Miljukoff, befand; die Sozialdemo- kraten zählten 19 Abgeordnete, die Trudowikis 14; will man zur Opposition noch 25 Progressisten zählen, so bestand dieselbe nur aus etwas mehr als 100 Abgeordneten (die Gesamtzahl der Duma betrug aber, dem Erlass vom 3. Juni gemäss, 442 Abgeordnete). Diesem Parteibestand entsprechend gehörte auch das Präsidium den Oktobristen an. Es bekleideten dasselbe der Beihe nach: N. A. Ghomiakoff, A. J. Gutschkoff und M. W. Bodsianko. Die dritte Duma bestand alle fünf durch das Gesetz bestimmten Jahre lang (1907 — 1912). Die Lage der Opposition war sehr schwierig: ihren Ver- tretern wurde das Beden kaum gestattet. Die Begierung, durch die heftige, in der Gesellschaft waltende Beaktion unterstützt, zeigte eine immer kon- servativere Tendenz, und während der letzten Monate des Bestehens der Duma verloren selbst die Oktobristen ihre Stellung als Begierungspartei. Doch die reaktionäre Politik der Begierung verursachte in den verschie- densten Kreisen der Gesellschaft eine wachsende Unzufriedenheit und eine immer heftigere Opposition. Der Urheber dieser Politik, Stolypin, er- lebte das Ende der dritten Duma nicht mehr: er wurde im September 1911 in Kiew von einem bezahlten Agenten ermordet. An seine Stelle wurde der Finanzminister Graf V. N. Kokoretzoff berufen. Die dritte Duma befasste sich nach der in allen Parlame^nten üblichen Weise viel mit Gesetzgebung; jedes Jahr wurde das Budget geprüft und die Bekrutengesetze festgelegt; auch hunderte, grösstenteils unbedeutende, von der Begierung eingebrachte Gesetzesentwürfe wurden geprüft; doch die Mehrzahl der Abgeordneten folgte dabei gehorsam den Anweisungen der Begierung. Die Gesetzesentwürfe der Opposition blieben Jahre lang in den verschiedenen Kommissionen liegen, da die Mehrzahl der Abgeordneten Die Reichsduma. 177 sie nicht durchführen wollte. Die Gesetzesentwürfe der B^ierung dagegen wurden mit grosser Bereitwilligkeit und Eilfertigkeit durchgeführt. Biese Gefälligkeit der leitenden Duma-Parteien ermunterte die B^erung, mehr als einmal die Rechte der Duma entschieden und offenkundig zu schm&lem. Artikel 87 der russischen Grundgesetze gab der B^erung das Recht, im Notfalle auch während der Ferienzeit der Duma und des Beichsrates Gesetze zu veröffentlichen. Die B^erung machte einen weiten Gebrauch von diesem Bechte, und die Dumamehrheit liess sie gewähren, fast ohne Widerspruch zu erheben. Was hat denn die dritte Duma wirklich Positives geleistet? Mehrere Gresetze über Glaubens- und Gewissensfreiheit wurden von ihr angenommen^ sie blieben aber alle im Beichsrat stecken. Im Jahre 1910 genehmigte sie ein Gesetz über Friedensgerichte mit gewählten Bichtem, welches jedoch durch die Opposition des Beichsrates dermassen verstümmelt wurde, dass es der Bevölkerung das längst ersehnte Gericht nicht gab. Ein besseres Los erfuhren die Gesetzesentwürfe der Duma betretend die Einführung des Ge- sohworenengerichtes in einigen neuen Gouvemementen und Gebieten : sie wurden vom Beichsrat angenommen. Auch für die Volksbildung wurde von der dritten Duma manches getan: Dank ihren Bemühungen wurden die Kredite für die Volksbildung im Laufe von fünf Jahren mehr als verdop- pelt; ausserdem wurden Gesetzesentwürfe über den allgemeinen Unterricht and die Anfangsschulen, über die Eröffnung einer Universität in Saratow und eines landwirtschaftlichen Institutes in Voronesch durchgeführt. Aber trotz der fünQ ährigen Arbeit der dritten Duma blieben alle grundlegenden politischen, sozialen und ökonomischen Fragen des russischen Lebens un- gelöst. Natürlich wurde die dritte Duma von der Bevölkerung nicht unter- stützt, und als ihre Vollmachten 1912 zu Ende gingen, rief dies kein Bedauern hervor. Nichtsdestoweniger wurde die allgemeine reaktionäre Stimmung wäh- rend der Tätigkeit der dritten Duma um vieles schwächer, die oppositionelle Stimmung wuchs aber immer mehr. Bei den Wahlen in die vierte Duma erfuhr daher die Begierung teilweise eine Enttäuschung. Sie übte nämlich einen starken Druck aus, um diese Wahlen zu beeinflussen; der städtische und der ländliche Klerus wurden mobilisiert, die Begierungskandidaten fast offenkundig unterstützt; die Wahlen fanden an Wochentagen und in den für die Bevölkerung ungelegensten Ortschaiten statt; trotz alledem konnte die B^erung mit dem Ergebnis der Wahlen nicht zufrieden sein: die vierte Duma war im allgemeinen weit mehr nach links orientiert als die dritte. Die Partei des Zentrums, die Oktobristen, von der Begierung wäh- rend der Wahlto nicht unterstützt, hatte einen beträchtlichen Misserfolg, doch nicht zugunsten der Rechts-Parteien, sondern zum Vorteil der Oppo- sition. Vertreter der Partei der Volksfreiheit und der Progressistenfraktion Brifmann, Rauland IL ^^ 1 78 RossUmd. wurden in grösserer Zahl gewählt; auch eine kleine Anzahl von TrudoTiki, ait deren Spitze A. F. Kerensky stand, und Sozialdemokraten, mit M. J. Sko- beleff (der im Sommer 1917 zum Arbeitsminister der provisorischen Regie- rung ernannt wurde) als Führer, gelangten in die vierte Duma. Zu ihrem Vorsitzenden wurde M. W. Bodsianko erwählt. Keine Partei besass in der vierten Duma eine unbedingte Mehrheit, und es dauerte eine geraume Zeit, bis diese durch eine Koalition einiger Parteien hergestellt werden konnte. Einerseits wurde die Arbeit der vierten Duma dadurch gehemmt, was ihr wiederum die Unterstützung der Bevölkerung entzog, andererseits wurde gerade durch diese Hem- mung die R^erung daran gehindert, ihre reaktionäre Politik in der Duma durchzuführen. Als I. L. Goremykin den Posten des Premiers nach Chr. Kokoretzoff übernahm, suchte er jedoch der Duma diese Politik mit aller Macht aufzudrängen. Goremykin sammelte eine Anzahl reaktionär ge- sinnter höherer Beamter um sich, wie z. B. Maklakow, Schtschglowitow, Satler u. a. m. Dies führte dazu, dass auch die ersten Sessionen der vierten Duma fast gänzlich ergebnislos blieben. Im Juli 1914 entbrannte der Krieg, der eine vollständige Umwälzung der Politik veranlasste. Die Re- gierung fühlte sich unfähig, einen solchen Krieg allein zu führen; von der Gesellschaft und dem Volke nicht unterstützt, berief sie die Duma am 26. Juli zu einer ausserordentlichen Session ein. Die grosse Mehr- zahl der Abgeordneten nahm den Standpunkt ein, dass, wiewohl in der Regierung durchaus keine Wandlung zu verzeichnen sei» der ionere Kampf nunmehr aufgegeben werden müsse, um dem äusseren Feinde eine mächtige Abwehr zu bieten. Auch ein ansehnlicher TeU der Bevölkerung stimmte dieser Auffassung ber, und die Duma gewann abermals einen nicht un- bedeutenden Einfluss auf die öffentliche Mdnung im Lande. Die Regierung, begann aber, nachdem sie am 26. Juli ihre anscheinende Einigung mit den Volksvertretern kundgegeben hatte, den von der Duma verkündigten „Burgfrieden" sehr einseitig zu deuten: die Duma wurde sofort aufgelöst und der Kampf mit der Gesellschaft nahm seinen weiteren Verlauf. Die Bil- dung von allgemeinen Semstwo- und Städte- Verbänden zur Unterstützung der kranken und verwundeten Krieger wurde zwar gestattet, doch die Tätigkeit derselben vielfach erschwert und die Organisation von Verbänden an der Front gänzlich untersagt. Die Kriegszensur wurde zu politischen Zwecken verwendet. Die politischen Verurteilten erhielten gar keine, selbst keine teilweise Amnestie, und die russischen Emigranten konnten nicht in ihre Heimat zurückkehren, um das Vaterland zu verteidigen. Inzwischen musste aber die russische Armee, nach den Erfolgen der ersten Kriegsmonate, schwere Tage erleben. Ostpreusseü musste voll- ständig geräumt werden, und in Polen zogen wir xms fast hia nach War- sehau zurück. Es verlautete gerüchtweise, dass die Armee weder Gewehre Die Reiohsdnma. 179 noeh Geschosse in genügender Menge besitze und dass die Angriffe des Feindes oft ans Mangel an Geschossen mit Gewehrkolben abgewiesen werden müssten. Allgemdn wurde nun die Forderung laut, die Duma einzuberufen, am einen Ausweg aus dieser schweren Lage zu finden; doch diese Ein- berufung wurde von der Regierung immer wieder aufgeschoben. Statt dessen veranstaltete die Regierung im Januar 1915 eine Privatberatung der Minister mit Duma-Abgeordneten. Die Vertreter der R^erung schlugen während dieser Beratung einen äusserst hochmütigen und heraus- fordernden Ton an. Der Kri^^minister Suchomlinov beteuerte, der Zu- stand der Armee sei glänzend, und wenn auch ein gewisser Mangel an GSeschossen sich fühlbar mache, so würde alles bald wieder gut gemacht werden. Praktische, reale Ergebnisse wurden durch diese Beratung nicht erzielt. Man sah bald ein, dass Suchomlinow die Abgeordneten betrogen hatte: im April 1915 begaim der Rückzug der russischen Armee aus Westgalizien und der Karpathengegend und der Mangel an technischen Ausrüstungs- mittehi trat deutlich hervor. Die russische GeseUschaft wurde durch die Niederlagen der Armee schwer betroffen, doch ihr Mut versagte nicht; es entstand im G^enteil eine rege Tätigkeit in ihrer Mitte, an d^ auch die Duma-Abgeordneten sich eifrig beteiligten. Die Unzufriedenheit mit der Handlungsweise der Regierung war so gross und fand einen so un- zweideutigen Ausdruck, dass letztere nachgeben musste; im Sommer 1915 wurde die Duma einberufen, eine Anzahl besonders reaktionär ge- sinnter Mioister, u. a. Suchomlinow, wurden entlassen; den gesellschaft- lichen Organisationen wurde ein grösseres Wirkungsfeld eingeräimit; be- sondere Konferenzen wurden ins Leben gerufen, um die Landesverteidigung und -Verpflegung zu besprechen; in diesen Konferenzen spielten die Ab- geordneten eiue hervorragende RoUe. Doch sobald der Vormarsch des deutsch-österreichischen Heeres eingestellt wurde, versuchte die Regierung alles, worauf sie eingegangen war, zunichte zu machen; vor allem wurde die Duma am 3. September aufgelöst. Jetzt war aber die Stimmung der Gesellschaft wie auch der Duma sehr verändert; man sah ein, dass die Politik des „Burgfriedens" das Land an einen Abgrund bringen konnte; dass GoremykiQs Regierung nicht nur den Sieg über die Zentralmächte nicht erringen konnte, sondern dass man sogar die Hoffnung aufgeben musste, das Vaterland vor dem Eindringen des Feindes zu schützen. Darauf be- gann in der Duma (während ihrer Tagung vom 19. Juli bis zum 3. Sep- tember) die Bildung des progressiven Blocks, der von der Partei der Yolkafreiheit ins Leben gerufen wurde, und dessen Hauptziel darin be- stand, ein Ministerium „des allgemeinen Vertrauens" zu bilden. Mit grosser Mühe wurde eine Verständigung erzielt; der Block umfasste fast 180 RnBBlancL alle Parteien, ausser der &ussersten Linken und der äussersten Rechten. Später sohloss sich auch ungefähr die Hälfte des Beichsrates diesem pro- gressiven Dumablock an. Jetzt begann die Duma die Regierung ziemlich entschieden zu bekämpfen; letztere benützte jede Gelegenheit, ui^ ^^^ Sitzungen der Duma zu unterbrechen und möglichst abzukürzen. Doch wurde sie durch neue Misserfolge an der Front immer wieder veranlasst, die Duma einzuberufen. Zu Beginn des Jahres 1916 wurde Ooremykin als Premier diurch den alten Bureaukraten Stürmer ersetzt; natürlich wurden dadurch die Konflikte mit der Duma nicht beseitigt. Ministerwechsel waren überhaupt eine häufige Erscheinung, doch wurden dabei von der Regierung weder die Forderungen der Duma noch die Stimmung des Landes berücksichtigt. Im Gegenteil: wenn einer der Minister in der Duma eine Stütze suchte und ihr Vertrauen gewann, wurde er alsbald entlassen. So ging es dem Minister des Ackerbaues, Naumoff, dem einzigen Mitglied des Kabinetts, dem die Duma einmal ihr Vertrauen aussprach. Im Sommer 1916 wurde der Minister des Äusseren, Ssasanoff, der auch ein Überein- kommen mit der Duma befürwortete, entlassen und durch Stürmer er- setzt, der dabei auch das Portefeuille des Premiers erhielt. Inzwischen gingen schon bestimmte Gerüchte um, die Stürmer als einen unehrhchen Mann bezeichneten, der Russlands Interessen für Geld dem Feinde ver- raten könne. Die Befürchtungen, die B^erung werde mit Deutschland einen Separatfrieden abschliessen, nahmen zu, und die Duma begann, so- bald sie im Herbst 1916 zusammengetreten war, das Ministerium Stürmers entschieden zu bekämpfen. Diesen Kampf eröffnete P. N. Miljukoff, in- dem er am 1. November 1916 Stürmer in unzweideutiger Weise der Be- stechlichkeit anklagte. Eine Reihe anderer Beden entwickelte und ergänzte diese Anklagen. Weder Stürmer noch die anderen Mioister wagten es, sich von der Bednertribüne aus zu verteidigen; seit diesem Zwischenfall erschien Stürmer auch nicht mehr in der Duma. Gegen P. N. Miljukoff wurde eine gerichtliche Verfolgung angeregt, doch die Begierung selbst schien damit keine Eile zu haben; denn sie wusste wohl, dass dieser Prozess bei geschlossenen Türen nicht stattfinden könne und bei einem öffentlichen Vorgehen konnte sie es nicht wagen, Stürmer zu verteidigen. Die Beden des 1. bis 3. November machten sowohl in Bussland wie auch im Auslande einen so gewaltigen Eindruck, dass Stürmer seine Stellung als Minister des Auswärtigen wie auch als Premier aufgeben musste. Die Begierung wagte es nicht, die Duma gleich nach den Sitzungen des 1. bis 3. November aufzulösen; es verlautete, sie warte auf die Weihnachtsferien, um es zu tun und dann die Duma wahrscheinlich eine längere Zeit nicht wieder einzuberufen. Inzwischen machte sie den Versuch, Stürmer durch Trepoff zu ersetzen, um ohne wesentliche Änderungen zu einer gewissen Ver- ständigung mit der Duma zu kommen. Trepoff wurde in der Duma feind- Die Beichfldnma. 181 selig empfangen, und die Forderung eines „Ministeriums des allgemeinen Vertrauens" wurde aufgestellt. Diese Forderung rückte wieder die Auf- lösung der Duma in den Vordergrund. Basputins Ermorducg, am 16. Dezember, beschleunigte diese Auflösung. Die Regierung fürchtete sich vor den Reden darüber in der Duma; denn die eigentümliche Tätigkeit dieses „Staretz" und sein ständig wachsender |EinfIuss auf die inneren und äusseren Angelegenheiten des Reiches waren schon mehr als einmal in der Duma besprochen worden. Sogleich nach der Auflösung der Duma wurde ^Trepoff samt einigen anderen Ministem entlassen. Seine Stelle nahm Fürst Golitzin ein, ein Bureaukrat ohne Charakter und selbständige Gesinnung. Ihm war die traurige Rolle beschieden, das letzte Ministerium des Zaren Nikolaus IL zu leiten. Die Wiedereröffnung der Duma sollte Mitte Januar stattfinden; ein neuer Erlass schob sie aber bis zum 17. Februar auf. Während der zwei Monate, da die Tätigkeit der Duma unterbrochen war, unternahm die Re- gierung nichts, um dem progressiven Block entgegenzukommen und die Lage des Landes auch nur einigermassen zu ordnen. Ein ernstes und entr schiedenes Vorgehen zu diesem Zwecke wurde aber immer nötiger: die Ver^ proviantierung wurde mit jedem Tage schwerer, die Eisenbahnen drohten, gänzUch stiU zu stehen, die Teuerung nahm mit jedem] Monat zu usw. Des- wegen wurde auch in der Duma der Kampf mit der^R^erung von dem Tage ihrer Eröffnung an wieder aufgenommen. Es war nunmehr klar, dass, wenn die Duma auch jetzt die Büdung eines Ministeriums „des allgemeinen Vertrauens'" nicht erringen konnte, ein Zerfall im Innern des Reiches und schwere Niederlagen an der Front nicht zu vermeiden waren. Das Ministerium des Fürsten Grolitzin gab aber nicht einmal eine Antwort auf die Reden und Anklagen der Duma und stellte kein Programm seiner künftigen Tätigkeit auf. Unterdessen entwickelten sich die Ereignisse mit grosser Geschwindig- keit, und zwar ausserhalb der Duma. Schon eine Woche nach ihrer Wieder- eröffnimg begann inmitten des Petrograder Proletariats und der in der Hauptstadt stationierten Armeeteile eine starke revolutionäre Bewegung, und am 27. Februar entbrannte eüx offener Aufstand gegen die Regierung. Die grosse Mehrzahl der Duma schloss sich sofort der Bevölkerung an, wei- gerte sich, dem Erlass über ihre Auflösung Folge zu leisten, und wählte ein Komitee, das die Leitung der verschiedenen Ministerien übernahm. Das- selbe Komitee wählte, im Einverständnis mit dem eilig gebildeten Soldaten- und Arbeiterrat, aus seiner Mitte den grössten TeU der ersten Mitglieder der provisorischen R^ierung. Somit nahm die Duma insgesamt und auch in der Person ihrer verschiedenen Abgeordneten einen r^en Anteü an der Februarrevolution 1917. Sie hat diese Revolution nicht begonnen, doch hBit sie zu ihrem schnellen und fast imblutigen Verlauf mit. Sie zog die bedeutendsten und einflussreichsten Schichten der Gresellschaft heran, ohne 182 Bnssland. deren Teilnahine die mssiflche Revolution in einen langwierigen Aüfnüir lifttte ausarten können. Während ihres zwöU j&hzigen Bestehens hat es das Gros der Duma niemals versucht, eine Revolution gegen die R^enmg Nikolaus TL. hervorzurufen, doch hat sie durch eine ständige, grundst&diche Kritik der Handlungen des Zaren, durch das Entlarven einzehier Ageateü der Regierung durch die Ausarbeitung eigener Gesetzesentwürfe, die Buas- land zu einem konstitutionellen Staat umwandln sollten, die revolutionäre Oesionung der russischen Gesellschaft genährt und unterstützt, und dieser Gesinnung prinzipielle und organische Formen verliehen. In dieser Be- ziehung müssen ihr grosse Verdienste zugestanden werden. Sie war macht- los, die politische und ökonomische Verfassung Russlands auch nur teilw^se «u verbessern; sie half aber vielfach der Gesellschaft, die Grundrisse einer besseren Verfassung auszuarbeiten. Während ihres Bestehens entstanden und oiganisierten sich viele politische Parteien. Viele Gewohnheitai des parlamentarischen Lebens drangen ein für alle Mal in alle Schichten des Volks hinein, die Idee der Volksvertretung erstarkte dermassen, dass es auch den reaktionärsten Ministem nicht mehr einfallen konnte, die Duma ganz zu beseitigen. Russland trat endgültig in die Reihe der durch eine Volksvertretung regierten Staaten. Eine Rückkehr zur früheren Autokratie wurde unmöglich. E. Ssiwkow. Vorbemerkung. Das Sammelwerk „Busslaud" ist ein Resultat der gemaimamen Arbeit einer Keihe russischer Schriftsteller. Die Herausgeber des Werkes haben sich bemüht, in demselben Anfeatze zu Terelnigen^ die mit wisaenschafilicher Objektivität die verschiedenen Seiten des g:eistigen Lebens und Schaffens des russischen Volkes, den politischea Bau, die sozialen Bewegungen und das gesellschaftliche Leben Buss- lands in ein möglichst klares Licht rücken. Im ersten Teile des Werkes, der dem geistigen Leben Russ- lands gewidmet ist, sind folgende Aufsätze enthalten: ^. Die russische Kunst (V. Erismann); ^ 2. Die russische Musik (L Stepanow). L^. Die russische Philosophie (A. Lossew). oi- Die Ideologie der orthodox-russischen Religion (A. Lossew). i 5. Alexander Puschkin und der Anfang der modernen russischen Literatur (V. Erismann). i-G. Die Bedeutung der russischen Literatur (J. Matthien). 7. Die Geschichte der russischen Literatur (I. Rosanow). 8. Die russische Volkspoesie. Das Märchen (j. Ssokolow). t 9. Das Volksepos (B. Ssokolow). 10. Die moderne russische Literatur (I. Bosanow). 11. Das Theater in Russland (S. Glagol). Der zweite Teil des Buches behandelt den politischen Bau, die sozialen Bewegungen und das gesellschaftliche Leben Russlands und nmfesst folgende Aufeätze: ^1. Die vier Perioden der russischen G-eschichte (I. Stepanow). t2- Staat und Kirche in Russland und religiöse Be- wegungen auf russischem Boden (S. Melgunow). f 8. Der russische Bauer (I. Bjdokonski). »4. Das Semstwo (I. Bjelokonski). 5. Die Arbeiterbewegung in Russland (Kononow). 6. Die Kooperation (K(monow). ^. Die Staatsverfassung des altenRusslands und die Reicbsduma (E. Ssiwkow). 8. Die Revolution vom Jahre 1917 (Fedorow). ^9. Pädagogik und Schulwesen in Russland (N. Ru- mjanzew). \10. Die russische Frau (N. Oettli-Eirpitschnikowa). v4:i. Die russische Gesellschaft (P. Stepanowa). Die Redaktion behält sich das Recht vor, Veränderungen in der hier angegebenen Reihenfolge der Aufsätze zu treffen. Das Werk ist ein Buch russischer Autoren, das fär nichtrussische Leser verfasst wurde. Es sucht die Wege für ein Verstehen der Eigenschaften und Eigenarten von Volk zu Volk zu ebnen und geht dementsprechend nicht darauf aus, nur den gegenwärtigen Zustand Russlands zu schildern: es will vielmehr einen Einblick in die dem Fremden meist verborgenen Lebensprozesse des grossen Landes geben, wie sich diese in seinem Schaffen und seinen Schicksalen widerspiegeln. Weder die Herausgeber noch die einzelnen Autoren Hessen sich dabei voYi irgendeiner gemeinsamen sozialen oder poli- tischen Tendenz leiten: was sie leitete, war die Hochschätzung der Eigenart der russischen Kultur imd der Wunsch, einzelne Seiten derselben möglichst objektiv und vorurteilsfrei dem Nichtrussen dar- zulegen. Das ganze Werk wird zehn Lieferungen zum Preise von je 3. 50 umfassen, welche auch einzeln käuflich sind. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. V \ - Vj * l -4 1 N V», I i YC 71568 ivil575£0 THE UNIVERSrnr OF CALIFORNIA LIBRARY i ■^-T^— r— y— TW^